Odos Blondinenwitze

Odo Marquard lesen ist wie darauf zu warten, ob der lästige Pickel bald verschwindet: Es ist nicht angenehm, sich damit zu beschäftigen, es ist nicht angenehm, das Ding zu berühren, aber man kann es nicht lassen.
Das liegt aber nicht daran, dass Marquard so viele unangenehme Wahrheiten zu sagen hätte. Sondern eher daran, dass er in seiner Fomulierungskunst viele treffende Dinge sagt, die toll wären – wenn er sie nicht so meinen würde, wie er sie meint.

Warum beschäftigt mich das?
Ich bin der Faszination der vielen prallen Worte erlegen (“Zukunft brauch Herkunft”, “Inkompetenzkompensationskompetenz”, “Transzendentalbelletristik” uvm.) und habe gleich mal zwei Marquard-Reclam-Heftchen gelesen. Die Texte sind der Inbegriff des vereinnahmenden, herablassenden “Mir san mir und werden das auch bleiben” (nur eben auf Deutsch), die mit vielen lustigen ansprechenden Worten und postulierten Fakten den Leser in eine ungewollte ausweglose Umarmung zwingen. Aus der zu befreien eine sehr widerborstige Anstrengung erfordert. – Ein philosophischer Blondinenwitz sozusagen, charmant erzählt.
Natürlich ist es naiv, Neues um der Neuigkeit willen zu begrüßen. Skepsis dagegen ist natürlich cooler. Aber wer ist denn schon so naiv?
Natürlich ist nur renitente Kritik lästig und unfruchtbar. Aber muss man sich so blöd stellen?
Und natürlich hat es einen Grund und ist es unleugbar so, dass die Dinge so sind, wie sie sind. Das sagt allerdings nichts über ihren Wert aus, oder darüber, dass es auch für alle gut so ist, wie es ist…

Marquard lesen, ist wie mit einem gut vorbereiteten Politiker oder Industrieboss zu diskutieren: Er wird sich keinen Fehler erlauben, er wird wenig angreifbares sagen, und er wird aus Positionen argumentieren, die zu kritisieren einen Schritt zurück, zur Seite, anderswohin erfordert – was dann den Großteil des Publikums überfordert oder dazu beiträgt, den Kritisierenden dem Publikum zu entfremden – “wovon redet der?”
Gerade deshalb ist Marquards Wortakrobatik, bei der die Dynamik der Gedanken mit der der Worte nicht ganz mithalten kann, eine ausdrückliche Lektüreempfehlung für alle die in bewahrenden, vereinnahmenden, ignorierenden Umgebungen arbeiten. Es ist eine gute Schule, nicht verlockenden Worten und scheinbaren Natürlichkeit zu erliegen, sondern die Leere dahinter zu erkennen.
Allerdings muss man erst mal zu Wort kommen.

Michael Hafner

Michael Hafner

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