Geoffroy de Lagasnerie, Verurteilen

Nach seinen Überlegungen zur Möglichkeit der Revolte beschäftigt sich Geoffroy de Lagasnerie mit den Grundlagen des Rechtsstaates, aus denen die Möglichkeiten des Verurteilens und Bestrafens entstehen.
Zwei Grundideen ziehen sich durch das Buch: Die eine ist die Unterscheidung zwischen institutionalisierter und dadurch legalisierter Gewalt gegenüber jener Gewalt, die zu bestrafen ist. Die andere kommt immer wieder auf den Punkt der Unterscheidung zwischen struktureller und individualisierter Perspektive: Wo machen wir das Individuum verantwortlich, wo die Umstände, die Gesellschaft, das System.
Lagasnerie verbrachte einige Zeit als Zuseher bei Strafprozessen in französischen Gerichten und bezieht sich in seinen Überlegungen immer wieder auf den recht stereotypen Ablauf von Strafprozessen: Eine Handlung wird so genau beschrieben, wie sie in der Genauigkeit wohl nie stattgefunden hat – es braucht immer nachträgliche Interpretation für diese Präzision. Ankläger_innen erzählen biographische Details der Angeklagten, die deren Neigung zum Verbrechen erklären sollen. Verteidiger_innen erzählen Details, die sie von dieser Schuld entlasten sollen. Beides bleibt immer an der Oberfläche.
Daraus bezieht er Material für seine Argumente, dass der Rechtsstaat Individuen sehen wolle, wo noch gar keine Individuen sichtbar wären. Es ist nicht möglich, einen Menschen, seine Motive und die Folgen seiner Taten innerhalb des kurzen Zeitraums einer Gerichtsverhandlung individuell zu begreifen. Zudem sind die Angeklagten und Verurteilten soziologisch betrachtet eine eher homogene Gruppe; Herkunft, Bildungsgrad und sozialer Status sind hier meist die verbindendsten Elemente.

Der Rechtsstaat konstruiert Individuen, um sie bestrafen zu können …

Vor dem Hintergrund dieser Überlegungen möchte Lagasnerie darauf hinaus, strukturell Perspektiven auf Gewalt einander gegenüberzustellen: Der Staat hat das Gewaltmonopol, weil er es sich gegeben hat. Verbrechen ist nicht nur deshalb bestrafenswert, weil es etwas nicht Wünschenswertes tut, sondern weil es sich gegen die Ordnung und das Gewaltmonopol richtet. Zudem richten sich die Fragen von Schuld und Bestrafung auf das Individuum, weil sie sonst die herrschende Ordnung in Frage stellen müssten.
Lagasnerie führt hier auch die unterschiedlichen Ausrichtungen zwischen Rechtsstaat und Sozialstaat an. Der Sozialstaat betont das Kollektiv, den Zusammenhalt, gegenseitige Abhängigkeiten. Die individuelle Perspektive ist zwar auch hier möglich: Der Sozialstaat ermöglicht durch die Absicherung, die er bietet, Individualität und Entfaltung, aber es sind die Struktur, das Kollektiv, die das ermöglichen und die hier Mittel für diese Entfaltung zur Vefügung stellen und sie auch begründen.
Ganz anders beim Rechtsstaat: Der begründet eine abstrakte Ordnung, gegen die einzelne in eigener Verantwortung verstoßen. Ein (Kausal)Zusammenhang zwischen Rechtsstaat, Gewalt und Verbrechen erscheint vielen absurd. Die Analogie zum Sozialstaat ermöglicht es allerdings, eine andere Perspektive verstehen zu lernen.

… oder doch, um sie achten zu können?

So weit kann man problemlos mit. Probleme bekomme ich zumindest, wenn Lagasnerie seine Theorien auch in philosophiehistorische Zusammenhänge stellt. So unterstellt er beispielsweise, Jürgen Habermas und Hanna Arendt hätten unterstellt, dass Staaten grundsätzlich nicht gewalttätig sein können. Mir ist klar, worauf er sich bezieht; ich sehe diese Passagen aber eher als einen Versuch, Definitionen zu schaffen – nicht als Argument, den Staat von seiner Verantwortung im Umgang mit Gewalt zu befreien.
Hannah Arendt unterscheidet sehr deutlich zwischen Stärke, Macht und Gewalt und positioniert Gewalt als das einzig probate Mittel gegen Macht. Genau das sehe ich eben nicht als eine Positionierung von Macht als „gut“, die nur durch „böse“ Gewalt infragegestellt werden kann. Ich habe das im Gegenteil immer als eine der treffendsten Beschreibungen von Macht verstanden, die deutlich macht, im umfassend und weitreichend Macht ist, zumal wenn sie institutionell abgesichert ist (was sie ja auch von Stärke unterscheidet).
Ich finde auch, dass Arendt einen sehr guten Punkt darin hat, den Fokus des Justizsystems auf das Individuum gutzuheißen. Kollektive Verantwortung hat nämlich auch eine Schattenseite: Damit kommen nicht nur Erklärmechanismen ins Spiel, die Einzelne von ihrer Verantwortung befreien, es kommen auch Pauschalierungen ins Spiel, die Einzelne und deren Verantwortung gar nicht mehr sehen wollen. Arendt, die die Nazi-„Justiz“ genau beobachtet hat und sich auch im Rahmen des Eichmann-Prozesses mit dem Verhältnis von persönlicher und struktureller Verantwortung beschäftigt hat, hat hier eine deutlich andere Position als Lagasnerie.

Ohne Identität geht es nicht, und die ist individuell konkreter

Lagasneries Versuche, eine soziologische Perspektive in die Justiz zu bringen, lassen wie viele moderne linke Konzepte die Frage der Konsequenzen und Alternativen offen. Das ist vor allem deshalb schade, weil das Revoltenbuch vielversprechend konkret war. Dort untersuchte Lagasnerie auch Möglichkeiten, sich dem identifizierenden Zugriff zu entziehen, um politisch aktiv sein zu können, ohne sofort greifbar zu sein. Wirksam sind diese Entzugsstrategien allerdings nur dann, wenn neue Postionen beziehen und Identitäten geschaffen werden, die nicht einfach ignoriert und als bloß anonym abgetan werden können. Das zeigt Lagasnerie vor allem am Beispiel von Wikileaks oder Edward Snowden.
Das Recht verfolgt nun ähnliche Konstruktionsmechanismen – damit werden Individuen greifbar und strafbar, aber sie bekommen auch Autorität und Rechte. Ich bin sehr skeptisch gegenüber jeden Ideen, das ändern zu wollen. Ich verstehe Lagasneries Bedenken auch – aber den Ansatz aus dem Revoltenbuch (zusammengefasst und vereinfacht: anonyme Identitäten oder kollektivierte Individuen zu schaffen) war deutlich produktiver.

Markus Gabriel, Der Sinn des Denkens

Markus Gabriel redet schnell und zackig; „exakt!“ Ist offenbar eines seiner Lieblingsworte im Gespräch. Man merkt: Der Mann har eine Mission. Der Philosoph ist einer der jüngeren Universitätsprofessoren seines Fachs und liefert gekonnt markige Ansagen. Sein Thema ist der Neue Realismus, zu denen Verbreitung er eine populärphilosophisch angelegte Trilogie zur Wirklichkeit verfasst hat.
Der Sinn des Denkens ist der dritte und letzte Teil, der Denken als Sinn im Wortsinn – so wie Geruchssinn oder Tastsinn – etablieren will. Das ist Teil des Unterfangens, zu zeigen, dass Denken etwas wirkliches ist – so wirklich wie Berge, Autos oder Geldprobleme. Letztere haben ja auch kein eindeutiges physisch greifbares Erscheinungsbild.
Für Nichtphilosophen mag das verwunderlich sein. Was soll denn am Denken unwirklich sein? Die Philosophiegeschichte und die Erkenntnistheorie als philosophische Disziplin haben allerdings viel Energie darauf angewendet, zu erklären, wie wir erkennen, in welchem Verhältnis die Außenwelt zu unserem Innenleben steht, und wie das denn eigentlich zusammenpasst. Im Schnelldurchgang: Protagoras sah den Mensch als „Maß aller Dinge“, was auch bedeutete, dass (nur) das existiert, was wir wahrnehmen – auch wenn das noch so falsch und eingeschränkt sei Für Plato saßen Menschen in der Höhle und sahen nur Schattenspiele des Wesentlichen, die an ihre Höhlenwand projiziert wurden. Descartes ist heute noch beliebtes Orakel. Kant erfand ein Ding an sich, das sich ähnlich wie Platos Idee, unserer Wahrnehmung entzieht. Und auch hyperrationale Positivisten hatten noch ihre Probleme, Erkenntnis in Worte zu fassen: Rudolf Carnap und Jehoschua Bar-Hillel beschrieben das Paradoxon, dass wir eigentlich nichts neues erkennen können – entweder es ist neu und steht in keiner Beziehung zu Dagewesenem (dann können wir es nicht einordnen), oder es ist eine Facette dessen, was wir kennen (dann ist es nicht neu).
Es war also durchaus in gewisser Weise strittig, wie real Denken als Bindeglied zwischen innen und außen ist.
Weil das alleine aber och zu wenig sein könnte, um eine aktuelle Debatte anzuheizen, bezieht Gabriel auch Künstliche Intelligenz in seine Überlegungen zu Denken und Wirklichkeit ein. Sein Fazit: Künstliche Intelligenz ist nicht intelligent, weil sie nicht denkt. Deshalb müsse man sich nicht vor ihr fürchten.
Gabriel erklärt anhand vieler Beispiele, Gedankenexperimente und Begriffe von Denken, warum er bei dieser These bleibt. Dem ist wenig entgegenzusetzen. Allerdings teile ich die Schlussfolgerung, dass KI deshalb kein Problem sei, nicht. Ich glaube auch nicht, dass KI eines Tages selbstständig Pläne fassen, Entscheidungen treffen und die Menschheit vernichten möchte. Ich weiß allerdings, dass auch die simpelste KI, die heute schon als Massenware online verfügbar ist, ausreicht, um unliebsame Probleme zu bereiten. Ist euch denn noch nie Onlinewerbung, die glaubt, sich nach euren Surfgewohnheiten zu richten, auf die Nerven gegangen? Habt ihr noch nie Autocomplete verfügt? Und habt ihr euch noch nie gewundert, was Social Media Algorithmen über euch zu wissen glauben? Vielleicht sind es nicht die Künstlichen Intelligenzen selbst sie „Schlüsse ziehen“ oder „Handlungen ableiten“, was denkenden Individuen vorbehalten ist. Aber sie kombinieren und funktionieren einfach und haben damit Einfluss auf unser Leben. Auch viele Menschen als grundsätzlich denkende Individuen, nehmen oft ohne zu denken negativen Einfluss auf unser Leben. Insofern halte ich diese Fragestellung für etwas verfehlt und wenig relevant.

In einem zweiten aktuellen Bezugspunkt bezieht Gabrie eine etwas andere Position. Er beschäftigt sich auch mit Fake News und anderen digitalen Scheinwelten und kommt zu dem Schluss, dass Filterblasen und Echokammern Erfindungen seien um sich nicht der Wirklichkeit stellen zu müssen. Er sieht Diskurse über Echokammern und Filterblasen als Entfremdung von der Wirklichkeit, als Ausrede, sich nicht der Wirklichkeit zu stellen, dass die Öffentlichkeit einen vielschichtigen Strukturwandel durchlaufen hat. Das bleibt im Gegensatz zu Gabriels sonstigen Ausführungen ein wenig oberflächlich; ich denke auch, dass kaum jemand die Realität und Wirkkraft von Echokammern bestreitet – immerhin haben sie Trump ins Präsidentenamt gehievt (genauso wie Obama). Ihre Bewertung ist eher eine moralische Frage als eine erkenntnistheoretische. Markus Gabriel ist übrigens nicht nennenswert auf Social Media aktiv, was auch hilft, seine Meinung hier einzuschätzen.

Neben den digitalen Debatten, die in Der Sinn des Denkens neu sind, zieht sich die Kritik an jeglicher Form von Konstruktivismus als roter Faden durch Gabriels Überlegungen. Konstruktivismus, der jetzt nicht gerade auf vorsokratischem Niveau dahinspekuliert, ob man möglicherweise allen auf der Welt ist, ist allerdings oft nur eine Methode, in kontingenten Situationen Entscheidungen zu treffen. Es gibt keinen zwingenden, von sozialen Aspekten und anderen Konstrukten unabhängigen Grund, warum etwas so sein soll, wie es ist, oder warum man etwas bestimmtes tun und etwas anderes lassen muss, also muss man eben erklären, warum man der Meinung ist, dass etwas so ist oder dass man so handeln sollte. Und schon hat man etwas konstruiert. – Konstruktivismus ist nicht immer Realitätsfeindlich, sondern oft eine Krücke, mit der sich Realität greifbar machen lässt.

Diese Punkte beschreiben die Schwächen des Neuen Realismus ganz gut. Er bekämpft viele Phantomprobleme, die er es schaffen muss, um sie lösen zu können und dann eben recht zu haben. Noch deutlicher als in der Wirklichkeitstrilogie wird das in dem von Gabriel herausgegebenen Tagungsband „Neuer Realismus“, der sich auf philosophiewissenschaftlicher Ebene mit der Sache befasst.
Das ist beim Lesen manchmal ein wenig ärgerlich – so wie diese Schulterklopfer oder freundschaftlichen Ellbogenrempler, die im Smalltalk Zustimmung heischen wollen, bevor sie eigentlich noch etwas gesagt haben.
Das ist schade, denn die Auseinandersetzung mit der Wirklichkeit der Gedankenwelt als Gegenstück zum reinen Naturalismus, der nur anerkennen will, was greifbar und messbar ist, ist eine wichtige. Spiritualität und ähnliches ist natürlich kein Thema für Gabriel, und auch politische oder soziale Konsequenzen sind nicht sein Ding. In diesen Sphären wird der sonst wo wortreiche Philosoph etwas einsilbig. Dabei gäbe es sicher viele dankbare Abnehmer für leichtfassliche Philosophien zur Macht der Gedanken. Aber mal sehen, was als nächstes kommt.

Sin City München: Frank Schmolke, Nachts im Paradies

Ein großformatiger Ziegel mit geprägter und lackierter Schrift auf dem Cover, zielgruppenspezifische Pressearbeit, in der für jeden Geschmack eine Story dabei ist – da sieht man, dass es ein Verlag ernst meint mit einem Buch.
Die Edition Moderne setzt dieses Sommer auf Frank Schmolkes „Nachts i Paradies“. Und das völlig zu Recht: Es ist eine toll erzählte Story mit einigen packenden Bildern, erzählt etwas über München, über alternde Männer, über Taxifahrer, Unterwelt und das Oktoberfest.

Das macht Freude beim Lesen, die Story zieht den Leser direkt ins Buch, man frisst sich durch mehr als 300 Seiten – und dann ist es plötzlich vorbei.
Ich habe bei praktisch allen Graphic Novels das Gefühl, dass es gerade erst angefangen hat, sie hinterlassen einen unvollständigen Nachgeschmack als hätte man gerade nur an der Oberfläche gekratzt.
Manche sind schlecht erzählt, manche treten ein Thema breit, zu dem sie keinen Zugang finden, der mehr als fünf Seiten Story rechtfertigen würde, andere erzählen gar nichts, sondern verstecken sich hinter einem Thema oder einem Namen, das oder der sich gut verkaufen lässt, und manche sind eben wirklich toll erzählt und fühlen sich trotzdem an wie nur ein kurzes Streiflicht.

Bei Erzählern wie Frank Schmolke liegt das nicht an erzählerischen oder dramaturgischen Schwächen. Ich frage mich eher, ob das nicht eine Angelegenheit des Formats ist. Die erfolgreichsten Comics sind schließlich nicht von ungefähr Endlosserien, die Generationen begleiten. Comics erzählen nicht nur auf der Textebene eine Story, sie entwickeln Bilderwelten, oft auch noch eigene Universen mit eigenen mehr oder minder fantastischen Gesetzen – das braucht Zeit und Raum und ist Arbeit. „Nachts im Paradies“ hat über 300 Seiten, das zeichnet sich auch nicht in zwei Wochen (oder Monaten).

Wen die Story anspricht – unbedingt lesen, ist jeden Euro und jede Minute wert. Aber auch Sin City hatte dann nicht umsonst mehrere Teile …

Killerkasperl Dönmez

Efgani Dönmez ist Nationalratsabgeordneter, hat Ärger auf der Straße und zieht ein Messer. Ein paar Tage danach stellt sich heraus, dass er auch eine Pistole hatte und anscheinend öfter unterwegs bewaffnet unterwegs ist. Die Pistole wurde ihm in Urlaub geklaut – sie ist jetzt sicher in guten Händen bei einem anderen besorgten Bürger, der auch nur auf Recht und Ordnung achtet; vielen Dank für diesen Beitrag zu sehr Sicherheit in Europa.
Jetzt kann man natürlich mal die Nerven verlieren, gerade wenn man Kinder bedroht sieht. Es ist aber nicht besonders schlau, in deren Gegenwart eine bewaffnete Auseinandersetzung zu beginnen, vor allem, wenn man als erster eine Waffe zieht.
Ich weiß nicht, in welcher Welt Dönmez lebt. Das ist eher eine rhetorische Frage, die sich ein wenig auch auf seinen geistigen Zustand bezieht. Es ist eine Welt, in der es offenbar viele Bedrohungen gibt, eine Welt, in der erfolgreiche Frauen ihren Weg nach oben auf den Knien zurückgelegt haben, eine Welt, die ihm offensichtlich Angst macht.
Manchmal ist es verständlich, dass man sich nicht wohl fühlt, wenn die Umgebung ungewohnt ist. Manchen Menschen fehlen auch die Sensibilität und die Flexibilität, auf die Signale zu achten, die ihre Umgebung aussendet. Sie gehen nur von ihrem eigenen Bild aus. Das ist ein Zeichen von Unreife und ein persönliches Problem. Wenn solche Menschen zuviel Gehör bekommen, ist es auch ein soziales Problem.
Deshalb möchte ich dem Herrn Dönmez ein oder zwei Geschichten erzählen.

Mein Büro ist in Ottakring und ich habe gute Aussicht auf die Straße. Direkt vor meinen Fenstern gibt es ein paar Bäume und Bänke, dort sitzen oft Jugendliche und junge Männer, trinken manchmal was, glotzen im Sommer Frauen nach und reden oft zu laut.
In der Straßenbahnhaltestelle daneben saß vor einigen Tagen ein streitendes Pärchen. Ich habe sie nicht gesehen, nur gehört. Sie stritten ziemlich laut. Plötzlich wurde beide deutlich lauter, er dürfte auch ausgeholt und sie angegriffen haben. Die Jungs sind von ihrer Bank aufgesprungen und haben ein paar Schritte auf die beiden zu gemacht. Sie sind nicht weit gekommen, der Maurer von der Baustelle gegenüber war schneller. Er hatte passenderweise ein paar Minuten vorher das T-Shirt ausgezogen und ziemlich beeindruckende Schultern. Und er war auch bewaffnet nämlich mit einem Plastikkübel und einer kleinen Spachtel. Es war genug, dass er auf halbem Weg über die Straße kam.

Das streitende Pärchen trennte sich, die Frau konnte ihrer Wege gehen, er blieb zurück. Niemand musste ins Spital, nichts kam in die Zeitung.

Die zweite Geschichte hat mit meiner Frau zu tun. Die ist derzeit Bezirksrätin und (noch) keine Nationalratsabgeordnete, einen Kopf kleiner als ich und hat ungefähr 25 Kilo weniger. Auf dem Weg nach Hause hatte sie vor einigen Wochen auch Ärger: Vier Jungs habe einen auf dem Boden liegenden Junkie verprügelt. Sie hat ihnen freundlich erklärt, dass sie das nicht tun sollen, weil sie sonst die Polizei rufen muss. Nachdem die vier ihr gesagt haben, dass sie gerne auch verprügelt werden kann und weiter auf ihr Opfer eingedroschen haben, hat sie eben die Polizei gerufen.
Das bringt dann nur Auftritte bei der Polizei als Zeugin, nicht in Zeitungen. Killerkasperl Dönmez und sein Klappmesser hätten ja wahrscheinlich das Meidlinger Taschenfeitl-Massaker veranstaltet, um für Recht und Ordnung zu sorgen. Vielleicht hätten sie sich aber auch im nächsten Bunker versteckt, und von dort aus die Kavallerie angefordert – denn hey, es ist gefährlich da draußen.
Es ist vor allem dann gefährlich, wenn Menschen jegliche Sensibilität dafür abgeht, was eigentlich rund um die passiert, was das bedeutet und wie man darauf reagieren sollte.

Da fällt mir noch eine dritte Geschichte ein, die uns wieder zurück nach Ottakring führt. Dort war ich vor über 25 Jahren eine Zeit lang Kickboxen. Damals gab es noch nicht so viele Tschetschenen in Wien, also hat man sich vor den serbischen Kids gefürchtet. Wenn die im Training darüber debattiert haben, wie sie sich gegenüber anderen, die sie blöd anschauen, am besten Respekt verschaffen können, hatte der Trainer einen Tipp für sie. „Wenn du glaubst, dass du Ärger kriegst, dann machst du das ganz einfach so: Du stellst deine Sporttasche ab und steckst deinen Zahnschutz in den Mund. Dann wird sich das der andere gut überlegen …“
Natürlich steckt da auch ein bisschen zu viel Drohung drin. Aber es ist wesentlich smarter als Nationalratsabgeordnete, die mit Waffen durch die Gegend laufen, wo sie eigentlich eine Angsttherapie machen sollten. Was sie schon gar nicht tun sollten, ist anderen zu erzählen, wie schlecht und gefährlich diese Welt ist.

Rick Veitch, Can’t Get No

Can’t Get No ist einer der seltenen Glücksfälle von Erzählungen, die man nicht wirklich genau versteht, auch nicht verstehen kann und nicht verstehen möchte – sie ziehen einen als Leser trotzdem ganz unwiderstehlich in ihren Bann.
Worum geht es? Der Protagonist hat den wirklich permanenten Permanent-Marker erfunden, der in alle Ewigkeit hält und dem man nicht beikommen kann; er widersteht allen Entfernungsversuchen. Das macht den Stift bei Graffiti-Artists beliebt, bei der Stadt New York, in der die Story ihren Lauf nimmt, allerdings äußerst unbeliebt.
Das Unternehmen wird verklagt und steuert auf den Ruin zu. Der Protagonist geht erst mal einen trinken, lernt dabei zwei Frauen kennen, die, als er dann stockbetrunken auf ihrer Couch liegt, die Stifte entdecken, die er als anständiger Firmenchef eingesteckt hat.
Sie bemalen ihn am ganzen Körper wie einen tätowierten Südsee-Bewohner, auch im Gesicht.
Das ist natürlich den Versuchen, seine Firma zu retten, nicht förderlich. Und das führt zu einer rasanten Erzählung quer durch die USA, die noch dazu damit beginnt, dass gerade zwei Flugzeuge in die Türme des World Trade Center einschlagen.
Can’t Get No ist eine 9/11-Story, dann wieder doch nicht, eine Männer-auf-der -Suche-Story und ein surrealer Marsch durch amerikanische Geschichte, vor allem aber ein Buch, das man nicht aus der Hand legen möchte. Die Story ist zwar eine andere und auch ganz anders erzählt, aber beim Lesen erinnert Can’t Get No auch an Hector Oesterhelds Eternauta.
Dabei verzichtet Veitch eigentlich auf Text. Die Bilder werden zwar von einer Geschichte begleitet – es ist aber eher eine Art poetischer Fluss, der entlang der Zeichnungen läuft, manchmal dazu passt, manchmal weniger. Ich wollte das Buch in einem durchlesen und dann am liebsten gleich noch mal lesen, um auf die vielen anderen Ebenen zu achten, die mir beim ersten Mal entgangen sind.
Veitch veröffentlicht seine Comics im eigenen Sun Comics-Verlag; Can’t Get No wurde dann auch noch mal bei Vertigo Comics aufgelegt. In Österreich bekommt man Veitchs Bücher am besten bei Sebastian Broskwas Pictopia. Sebastian hat das Buch auch mir in die Hand gedrückt und wahrscheinlich werde ich jetzt noch viele weitere Veitch-Bücher kaufen müssen.

Literatur aus Afrika

Als ich begonnen habe, mich für die zeitgenössische Literatur Afrikas zu interessieren, hatte ich zuerst die Idee, Autorinnen und Autoren zu suchen, die in ihren Heimatländern leben. Ich wollte Bücher über den Alltag aus erster Hand lesen – nicht aus Erinnerungen oder Überlieferungen.
Nach einigen Reisen habe ich das etwas gelockert. Gar nicht so sehr, weil es so wenig Literatur gäbe, die diesem Kriterium entspräche, sondern weil die Bedingungen des Alltags in vielen Ländern Afrikas nicht wirklich schreibförderlich sind. Wenn du am Papier festklebst, gerade mal keinen Strom hast, um den Laptop zu laden, oder einfach mal nur möglichst gedankenlos in der Hitze ausharren willst, sind das nur ein paar von vielen Gründen, die nicht gerade Produktivität fördern.

Ich schreibe über die afrikanischen Autorinnen und Autoren, die ich lese. Nicht so sehr, um etwas über afrikanische Literatur zu erzählen, sondern um die Namen der SchriftstellerInnen im Gespräch zu halten. Manche sind bekannter, von vielen habe ich vorher noch nie gehört. Die Sammlung solle eine Quelle für alle werden, die auch mal am Anfang dieser Suche stehen.

Und zusätzlich möchte ich allen interessierten die jährlichen Sammelbände des Caine Prize oder die Veranstaltungen und Publikationen von Femrite ans Herz legen. Der Caine Prize ist ein jährlich stattfindender Literaturwettbewerb; Beiträge, die es auf die Shortlist schaffen, werden in eigenen Bänden veröffentlicht und sind auch recht leicht online zu bekommen.

Und die ständig wachsende Sammlung zu afrikanischer Gegenwartsliteratur gibt es hier.

Daneben wächst hier übrigens noch eine Sammlung afrikanischer Zeitungen.

Ich war der zweite Ewok von links

Manchmal steht man ratlos vor der Ankündigung, ist sich nicht sicher, ob man den Namen schon mal wo gehört hat, ob man ihn gehört haben sollte. Manchmal fragt man sich, ob das jetzt eine popkulturelle Bildungslücke ist oder erstes Anzeichen altersbedingter Vergesslichkeit.
Von vielen Stars, die auf Comic Cons unterschiedlicher Größenordnungen aufgeboten werden, haben auch Aficionados noch nie gehört. Ich habe in punkto Entertainment ziemlich viel verpasst und bin deshalb eher zurückhaltend, wenn ich jemanden nicht kenne. Seit ich Comics produziere, war ich auch als Verleger auf Cons, zu denen Chuck Norris, Carl Weathers (Apollo Crew) oder Robert Englund (zugegeben, musste ich schon googeln: Freddy Krueger) als Stargäste eingeladen waren. Die meisten Gäste waren aber Seriennebendarsteller, deren Charaktere vor kurzem gestorben waren und jetzt noch die Gelegenheit nutzen konnten, ihre Bekanntheit hochzuhalten. Für andere sind Con-Auftritte vielleicht der einzige Weg zur Berühmtheit (und auch der ist leider nicht nachhaltig). Ich habe mir seinen Namen nicht gemerkt, aber eine Zeitlang tingelte ein Nebendarsteller von “The Walking Dead“ durch die Cons. Seine Ansage: “Ich war 30 Zombies“ – 30 vielleicht zehnsekündige Auftritte, in denen seinem Alter Ego der Schädel gespalten, abgehackt oder von Werkzeug durchbohrt wurde, begründeten allerdings auch keine dauerhafte Karriere.

Bei kleineren Cons ist das Stargäste-Aufgebot manchmal regelrecht erstaunlich. Eine kleine Convention, die vergangenes Jahr zum ersten Mal stattfand, hatte gleich vier Stargäste aus Star Wars zu bieten. Pam Rose, Femi Taylor, Brian Wheeler und Alan Austen wirkten alle – in nun ja, kleineren Rollen – an dem großen Science Fiction Spektakel mit. Femi Taylor war eine Alien-Tänzerin, die von einem Monster gefressen wurde, Pam Rose war für einige Augenblicke als Alien in der Küche zu sehen. Alan Austen war einer der zahlreichen Stormtrooper und immerhin in einigen Szenen auch Körperdouble für Harrison Ford und der kleingewachsene Brian Wheeler verkörperte einen kleinwüchsigen Ewok im Ganzkörper-Plüschkostüm. Alle zusammen bringen es wohl auf eine Minute Leinwandzeit, von keinem war das Gesicht zu sehen. Auch danach war keinem eine größere Karriere beschieden.

Wer jetzt glaubt, dass hier ein hartnäckig historisch interessierter Fan Raritäten ausgegraben hat, der irrt. Alle vier werden, wie viele andere Kleindarsteller und Statisten großer Produktionen auch, von eigenen Agenturen vermarktet, die darauf spezialisiert sind, Stars verschiedener Preisklassen und Events verschiedener Größenklassen zu bringen.
Für die Stars ist das in der Regel ein Groschengeschäft, und manchmal braucht man wohl auch ein gesundes, gestärktes und geerdetes Selbstbewusstsein. An manchen Wochenenden bittet kein einziger Fan um ein Autogramm, während der andere, etwas teurere Stargast, von Fans und Groupies förmlich belagert wird.
Pam Rose und Alan Austen reden manchmal auch über ihr Stardasein – es klingt nach einer abwechslungsreichen Alternative zum ruhigen Großelterndasein, nach Freude an kostenlosen Reisen und nach durchaus immer noch ein wenig Lust, immer wieder mit neuen und jungen Menschen ins Gespräch zu kommen.

Auch Stars haben also ihre eigene Klassengesellschaft. Sind sie dann nur sinnloser Aufputz, der niemanden interessiert? Mitnichten. Auch die kleinen Nebendarsteller waren schließlich einige Zeit am Set – und sind so begehrte Gäste in Panels, Talks und für Interviews. Auch wenn sie nur am Rande dabei waren, sind sie doch Zeitzeugen, auch wenn sie nicht alle Geschichten selbst erlebt haben, haben sie sie doch aus zweiter Hand gehört – und außerdem sind sie ein günstiger Weg, große Brands und Namen mit dem eigenen Event verbinden zu können.
Stargäste, die keine Stars sind, sind eine schöne Illustration für die Suche nach dem Echten, nach dem authentischen Touch, nach der bewegenden Story, nach etwas, das Autorität und Ausstrahlung verleiht. Dabei, das ist ein kleiner Widerspruch, muss und will man dann allerdings gar nicht viel tiefer graben. Es muss nicht der große Name sein – es reicht eine Verbindung zum großen Namen. Es zählt die große Geste – was auch immer sie eigentlich sagen wollte. Und es ist geradezu eine eigene Kunstsparte, ein stargerechtes Leben als unbekannter Star zu führen. UntergrundkünstlerInnen, die Zeug machen, das niemand kennt, würde ja wirklich niemand sehen wollen. – Wobei manche genau deshalb auf Cons gehen, um genau diese Menschen zu suchen ….

 

Behaupten ist eine journalistische Kunstform

Es ist ja nicht so, dass sie keine Argumente hätten. Argumente sind billige Massenware, man findet sie überall, wenn man sie nicht findet, dann erfindet man sie eben. Erfundene Argumente sind auch nicht unbedingt gelogen – es kommt ja immer darauf an, wie man sie verwendet. Und perfiderweise kommt es auch drauf an, wie der andere sie verstehen möchte, worauf er sie anwendet.
Die Rede ist von Meinungsmaschinen und journalistischen KommentatorInnen, die in der mißlichen Lage sind, immer wieder flächenfüllende Zeilen absondern zu müssen, die ihrem Habitat entsprechen, sich auf ein aktuelles Thema hin verbiegen lassen, und nicht gleich auf den ersten Blick als ganz dumm entlarvt werden können.
Ihre Kunst ist die des Behauptens.

Unverkennbare Anzeichen dieses ständig wiederkehrenden Dramas in den Kommentarspalten ist einerseits die Verwendung sich anbiedernder Sprachmuster (etwa von Begriffen, die sich vermeintlich an Jugendkulturen wenden) oder das Bemühen großer weltumspannender Ideen oder wissenschaftlicher Lehren (auch und vor allem dann, wenn die zu diesem spezifischen Punkt genau gar nichts zu sagen haben).

Zwei Beispiele dazu:
Martina Salomon greift für den Kurier in die Tasten, um Sebastian Kurz von seiner Seligsprechung freizusprechen. Es sei, sinngemäß, ein revolutionärer Akt gefestigter Identität, Individualität und Authentizität, seinen Glauben zu zeigen. Gerade in Zeiten, in denen es „urcool“ sei, im Rahmen von Pride-Veranstaltungen gegen Diskriminierung aufzutreten, und „urpeinlich“, in die Nähe der Kirche zu kommen. (Anmerkung: Christian Kerns Pride-Auftritt, weil der bei Salomon angesprochen wird, fällt eher unter die Kategorie urpeinlich, aber lassen wir das.)
Greta Thurnberg dagegen sei sakrosankt und überhaupt gibt es viele Toleranzprobleme.
Geschenkt. Nur lenkt diese Schwurbelei vom eigentlichen Thema ab: Kurz wurde nicht für Nähe zur Kirche kritisiert. Auch nicht mal für die Inszenierung dieser Nähe. Die meiste Kritik betraf die zweifelhafte Geschäftstüchtigkeit der Sekte, vor deren Karren sich ein ehemaliger Spitzenpolitiker spannen ließ. Andere Stimmen kritisierten Kurz’ Neigung zu sektenhaften Inszenierungen. Und wieder andere erinnerten an notwendige Trennungslinien zwischen Kirche und Staat. Kritik an persönlicher Religiosität habe ich nirgends gesehen.
Aber das macht ja nichts – man kann ja irgendwas behaupten. Dann werden die eigenen Argumente auch griffiger – oder sie werden überhaupt erst zu Argumenten.

Das zweite Beispiel:
Die „Welt“ stellt als Zeitung Blattlinie offensichtlich auch über schnöde Fakten. Das zieht sich in Zwischentönen, Themenauswahl und vielen anderen Details durch, und das macht Zeitungen ja auch aus.
Manchmal lässt es einen ander auch ein wenig Kopfschütteln.
Ich war jetzt ein paar Tage in München und die „Welt“ war die einzige Zeitung beim Frühstücksbüffet. In den letzten Tagen mutierte so ausgerechnet Ulf Poschardt zum Migrationsexperten und kommentierte aktuelle Zahlen zu Migration und Verteilung von Flüchtlinge. Nach absoluten Zahlen die Deutschland schließlich an fünfter Stelle jener Länder, die weltweit die meisten Flüchtlinge beherbergen. Und Poschardt meinte tatsächlich, das seine eine tolle Leistungen deutschen Wirtschaft, die beweise, wie toll die deutsche Wirtschaft sei. Denn schließlich müsse erst verdient werden, damit etwas verteilt werden könne.
Klingt ja nicht unschlüssig. Wenn man allerdings weiterblätterte, war in der gleichen Zeitung noch eine nähere Analyse, die unter anderem die Zahl der aufgenommenen Flüchtlinge in Beziehung zur Wirtschaftsleistung der aufnehmenden Länder setze. Da rangiert Deutschland nicht mehr unter den Top Ten. An der Spitze sind Länder wie Sudan, Uganda, von deren Wirtschaftssystem man bislang gar nicht wusste, dass sie so großartig funktioniert (Details über eine sehr wichtigen Wirtschaftszweig Ugandas, die Motorradtaxis, liest man übrigens in „The Big Boda Boda Book“).

Aber hey, nichts für ungut.
Zeitungen funktionieren so. Und mir liegt es fern, einzelne ProtagonistInnen herauszugreifen. Ich analysieren Argumentationsmuster und bin auf der Suche nach neuen Erklärungen für sich verändernde Kommunikationsverläufe. Eines der wichtigsten Muster ist eben das bloße Behaupten – das hat daran arbeitet, sich den Rang einer eigenen Kulturtechnik von der Art des Feuermachens zu erlaufen.

PS: Martina Salomon erzählt in ihrem Kommentar etwas von satanistischen Kulten bei Metal-Konzerten. Nachdem ich auch das so nicht nachvollziehen konnte, zieren stattdessen die Covers der entzückenden Monster-Dämonen-Zombie-Comics „Doom Metal Kit“ diesen Beitrag. Die Comics gibt es hier.