Ich war der zweite Ewok von links

Manchmal steht man ratlos vor der Ankündigung, ist sich nicht sicher, ob man den Namen schon mal wo gehört hat, ob man ihn gehört haben sollte. Manchmal fragt man sich, ob das jetzt eine popkulturelle Bildungslücke ist oder erstes Anzeichen altersbedingter Vergesslichkeit.
Von vielen Stars, die auf Comic Cons unterschiedlicher Größenordnungen aufgeboten werden, haben auch Aficionados noch nie gehört. Ich habe in punkto Entertainment ziemlich viel verpasst und bin deshalb eher zurückhaltend, wenn ich jemanden nicht kenne. Seit ich Comics produziere, war ich auch als Verleger auf Cons, zu denen Chuck Norris, Carl Weathers (Apollo Crew) oder Robert Englund (zugegeben, musste ich schon googeln: Freddy Krueger) als Stargäste eingeladen waren. Die meisten Gäste waren aber Seriennebendarsteller, deren Charaktere vor kurzem gestorben waren und jetzt noch die Gelegenheit nutzen konnten, ihre Bekanntheit hochzuhalten. Für andere sind Con-Auftritte vielleicht der einzige Weg zur Berühmtheit (und auch der ist leider nicht nachhaltig). Ich habe mir seinen Namen nicht gemerkt, aber eine Zeitlang tingelte ein Nebendarsteller von “The Walking Dead“ durch die Cons. Seine Ansage: “Ich war 30 Zombies“ – 30 vielleicht zehnsekündige Auftritte, in denen seinem Alter Ego der Schädel gespalten, abgehackt oder von Werkzeug durchbohrt wurde, begründeten allerdings auch keine dauerhafte Karriere.

Bei kleineren Cons ist das Stargäste-Aufgebot manchmal regelrecht erstaunlich. Eine kleine Convention, die vergangenes Jahr zum ersten Mal stattfand, hatte gleich vier Stargäste aus Star Wars zu bieten. Pam Rose, Femi Taylor, Brian Wheeler und Alan Austen wirkten alle – in nun ja, kleineren Rollen – an dem großen Science Fiction Spektakel mit. Femi Taylor war eine Alien-Tänzerin, die von einem Monster gefressen wurde, Pam Rose war für einige Augenblicke als Alien in der Küche zu sehen. Alan Austen war einer der zahlreichen Stormtrooper und immerhin in einigen Szenen auch Körperdouble für Harrison Ford und der kleingewachsene Brian Wheeler verkörperte einen kleinwüchsigen Ewok im Ganzkörper-Plüschkostüm. Alle zusammen bringen es wohl auf eine Minute Leinwandzeit, von keinem war das Gesicht zu sehen. Auch danach war keinem eine größere Karriere beschieden.

Wer jetzt glaubt, dass hier ein hartnäckig historisch interessierter Fan Raritäten ausgegraben hat, der irrt. Alle vier werden, wie viele andere Kleindarsteller und Statisten großer Produktionen auch, von eigenen Agenturen vermarktet, die darauf spezialisiert sind, Stars verschiedener Preisklassen und Events verschiedener Größenklassen zu bringen.
Für die Stars ist das in der Regel ein Groschengeschäft, und manchmal braucht man wohl auch ein gesundes, gestärktes und geerdetes Selbstbewusstsein. An manchen Wochenenden bittet kein einziger Fan um ein Autogramm, während der andere, etwas teurere Stargast, von Fans und Groupies förmlich belagert wird.
Pam Rose und Alan Austen reden manchmal auch über ihr Stardasein – es klingt nach einer abwechslungsreichen Alternative zum ruhigen Großelterndasein, nach Freude an kostenlosen Reisen und nach durchaus immer noch ein wenig Lust, immer wieder mit neuen und jungen Menschen ins Gespräch zu kommen.

Auch Stars haben also ihre eigene Klassengesellschaft. Sind sie dann nur sinnloser Aufputz, der niemanden interessiert? Mitnichten. Auch die kleinen Nebendarsteller waren schließlich einige Zeit am Set – und sind so begehrte Gäste in Panels, Talks und für Interviews. Auch wenn sie nur am Rande dabei waren, sind sie doch Zeitzeugen, auch wenn sie nicht alle Geschichten selbst erlebt haben, haben sie sie doch aus zweiter Hand gehört – und außerdem sind sie ein günstiger Weg, große Brands und Namen mit dem eigenen Event verbinden zu können.
Stargäste, die keine Stars sind, sind eine schöne Illustration für die Suche nach dem Echten, nach dem authentischen Touch, nach der bewegenden Story, nach etwas, das Autorität und Ausstrahlung verleiht. Dabei, das ist ein kleiner Widerspruch, muss und will man dann allerdings gar nicht viel tiefer graben. Es muss nicht der große Name sein – es reicht eine Verbindung zum großen Namen. Es zählt die große Geste – was auch immer sie eigentlich sagen wollte. Und es ist geradezu eine eigene Kunstsparte, ein stargerechtes Leben als unbekannter Star zu führen. UntergrundkünstlerInnen, die Zeug machen, das niemand kennt, würde ja wirklich niemand sehen wollen. – Wobei manche genau deshalb auf Cons gehen, um genau diese Menschen zu suchen ….

 

Behaupten ist eine journalistische Kunstform

Es ist ja nicht so, dass sie keine Argumente hätten. Argumente sind billige Massenware, man findet sie überall, wenn man sie nicht findet, dann erfindet man sie eben. Erfundene Argumente sind auch nicht unbedingt gelogen – es kommt ja immer darauf an, wie man sie verwendet. Und perfiderweise kommt es auch drauf an, wie der andere sie verstehen möchte, worauf er sie anwendet.
Die Rede ist von Meinungsmaschinen und journalistischen KommentatorInnen, die in der mißlichen Lage sind, immer wieder flächenfüllende Zeilen absondern zu müssen, die ihrem Habitat entsprechen, sich auf ein aktuelles Thema hin verbiegen lassen, und nicht gleich auf den ersten Blick als ganz dumm entlarvt werden können.
Ihre Kunst ist die des Behauptens.

Unverkennbare Anzeichen dieses ständig wiederkehrenden Dramas in den Kommentarspalten ist einerseits die Verwendung sich anbiedernder Sprachmuster (etwa von Begriffen, die sich vermeintlich an Jugendkulturen wenden) oder das Bemühen großer weltumspannender Ideen oder wissenschaftlicher Lehren (auch und vor allem dann, wenn die zu diesem spezifischen Punkt genau gar nichts zu sagen haben).

Zwei Beispiele dazu:
Martina Salomon greift für den Kurier in die Tasten, um Sebastian Kurz von seiner Seligsprechung freizusprechen. Es sei, sinngemäß, ein revolutionärer Akt gefestigter Identität, Individualität und Authentizität, seinen Glauben zu zeigen. Gerade in Zeiten, in denen es „urcool“ sei, im Rahmen von Pride-Veranstaltungen gegen Diskriminierung aufzutreten, und „urpeinlich“, in die Nähe der Kirche zu kommen. (Anmerkung: Christian Kerns Pride-Auftritt, weil der bei Salomon angesprochen wird, fällt eher unter die Kategorie urpeinlich, aber lassen wir das.)
Greta Thurnberg dagegen sei sakrosankt und überhaupt gibt es viele Toleranzprobleme.
Geschenkt. Nur lenkt diese Schwurbelei vom eigentlichen Thema ab: Kurz wurde nicht für Nähe zur Kirche kritisiert. Auch nicht mal für die Inszenierung dieser Nähe. Die meiste Kritik betraf die zweifelhafte Geschäftstüchtigkeit der Sekte, vor deren Karren sich ein ehemaliger Spitzenpolitiker spannen ließ. Andere Stimmen kritisierten Kurz’ Neigung zu sektenhaften Inszenierungen. Und wieder andere erinnerten an notwendige Trennungslinien zwischen Kirche und Staat. Kritik an persönlicher Religiosität habe ich nirgends gesehen.
Aber das macht ja nichts – man kann ja irgendwas behaupten. Dann werden die eigenen Argumente auch griffiger – oder sie werden überhaupt erst zu Argumenten.

Das zweite Beispiel:
Die „Welt“ stellt als Zeitung Blattlinie offensichtlich auch über schnöde Fakten. Das zieht sich in Zwischentönen, Themenauswahl und vielen anderen Details durch, und das macht Zeitungen ja auch aus.
Manchmal lässt es einen ander auch ein wenig Kopfschütteln.
Ich war jetzt ein paar Tage in München und die „Welt“ war die einzige Zeitung beim Frühstücksbüffet. In den letzten Tagen mutierte so ausgerechnet Ulf Poschardt zum Migrationsexperten und kommentierte aktuelle Zahlen zu Migration und Verteilung von Flüchtlinge. Nach absoluten Zahlen die Deutschland schließlich an fünfter Stelle jener Länder, die weltweit die meisten Flüchtlinge beherbergen. Und Poschardt meinte tatsächlich, das seine eine tolle Leistungen deutschen Wirtschaft, die beweise, wie toll die deutsche Wirtschaft sei. Denn schließlich müsse erst verdient werden, damit etwas verteilt werden könne.
Klingt ja nicht unschlüssig. Wenn man allerdings weiterblätterte, war in der gleichen Zeitung noch eine nähere Analyse, die unter anderem die Zahl der aufgenommenen Flüchtlinge in Beziehung zur Wirtschaftsleistung der aufnehmenden Länder setze. Da rangiert Deutschland nicht mehr unter den Top Ten. An der Spitze sind Länder wie Sudan, Uganda, von deren Wirtschaftssystem man bislang gar nicht wusste, dass sie so großartig funktioniert (Details über eine sehr wichtigen Wirtschaftszweig Ugandas, die Motorradtaxis, liest man übrigens in „The Big Boda Boda Book“).

Aber hey, nichts für ungut.
Zeitungen funktionieren so. Und mir liegt es fern, einzelne ProtagonistInnen herauszugreifen. Ich analysieren Argumentationsmuster und bin auf der Suche nach neuen Erklärungen für sich verändernde Kommunikationsverläufe. Eines der wichtigsten Muster ist eben das bloße Behaupten – das hat daran arbeitet, sich den Rang einer eigenen Kulturtechnik von der Art des Feuermachens zu erlaufen.

PS: Martina Salomon erzählt in ihrem Kommentar etwas von satanistischen Kulten bei Metal-Konzerten. Nachdem ich auch das so nicht nachvollziehen konnte, zieren stattdessen die Covers der entzückenden Monster-Dämonen-Zombie-Comics „Doom Metal Kit“ diesen Beitrag. Die Comics gibt es hier.

Erfahrener Sektenführer

Wer Religion jedweder Art vor sich herträgt, war für mich politisch immer schon im Abseits, gerne auch im Jenseits. Dabei ist mir egal, ob es um Gekreuzigte, Hellseher oder Spaghettimonster geht.
Ich habe auch nichts gegen Religion. Ich akzeptiere nur keine religiösen Argumente als Grundlage für politische Entscheidungen, ich akzeptiere keine religiösen Vorschriften als Grundlage sozialen Zusammenlebens und ich akzeptiere auch keine Religion als Ersatz für Vernunft.

Man muss als Politiker_in sicherlich nicht zwingend Abstand zu jeder Erscheinungsform von Religion halten. Im Gegenteil: Wenn für jemanden Religion wichtig ist, dann soll er oder sie das durchaus sagen – damit andere wissen, woran sie sind. Und warum auch nicht Kirchen für politische Propaganda einplanen? Andere machen das ja auch mit Gewerkschaften, Bünden oder Kammern.

Wäre es nicht Sebastian Kurz, dann fände ich es aber bestürzend, wenn sich jemand, der Kanzler_in werden möchte, von einer dubiosen fundamentalistischen Organisation für deren Propaganda einspannen lässt. Bei Kurz bestürzt mich das nicht, weil er ja schon mehrfach bewiesen hat, dass er keine Ahnung für Soziales, Historisches oder Feinstoffliches hat.
Zum anderen wundert es mich nicht, weil wir diese Bilder aus der Stadthalle ja schon kennen. Es war 2017, Wahlkampfauftakt der türkisen Sekte, als schon einmal zehntausende verzückte Jünger dem Messiasdarsteller zujubelten. Nur waren damals Lichtssetzung und Inszenierung noch besser.

Was mich vielmehr wundert, ist warum irgendjemand, der sich in Österreich realpolitische Entwicklung erhofft, in Kurz auch nur den Funken einer Hoffnung sehen kann. Ich nehme diesen Auftritt als ein weiteres Zeichen dafür, dass wir es mit einem Menschen zu tun haben, der schlicht zu wenig von der Welt außerhalb seiner eigenen Vereinskreise gesehen hat, an dessen ihm oft so hartnäckig nachgesagtes sagenhaftes politisches Talent ich auch nicht mehr glauben kann – dafür hat er schon zu oft das Gegenteil gezeigt.

Vergesst die Sektenführer, wählt Politikerinnen

Egal, Wahlen stehen an und es gibt Alternativen. Und da muss man auch ein bisschen direkt sein: Henrike Brandstötter bewirbt sich um ein Nationalratsmandat auf der Liste der NEOS. Dazu braucht sie eure Unterstützung, und warum sie nicht nur in Sektenfragen die bessere Kandidatin für das Parlament ist, lest ihr hier.

Henrike Brandstoetter Neos Kandidatin Nationalrat

Disclaimer: Henrike Brandstötter ist meine Frau. Andere und wichtigere Gründe für diese Empfehlung lest ihr hier, hier und hier.

Hannah Arendt, Vita activa: Es geht um Freiheit

Hannah Arendt Vita activa

Wozu die Anstrengung, könnten nicht zuletzt postmodern geschulte Relativieren und Nivellieren meinen. Ist es nicht gleich, mit Menschen ihre Zeit verbringen, sind nicht unterschiedliche Tätigkeiten gleich viel wert und gleichermaßen Ausdruck von Menschlichkeit? Geht es um die Herausarbeitung eines idealisierenden Menschenbildes? Welches Problem soll damit gelöst werden?

Möglicherweise verstellt dieser Zugang schon den Blick auf das Wesentliche. Hanna Arendt holt in „Vita activa“ weit aus und analysiert Ideale und Leitmotive menschlichen Lebens seit der Antike. Der rote Faden, der sich dabei von der Antike bis in die Gegenwart (der 50er Jahre) zieht, sind langsame Verschiebungen in der Wahrnehmung des, was als die eigentlich menschliche Tätigkeit gesehen wird.
Das kann in Sinn von Idealen verstanden werden. Dann ist die Frage, welche Art der Tätigkeit die menschlichste ist. Es kann beschreibend verstanden werden. Dann richtet sich der Blick darauf, was Menschen eigentlich tun, wenn sie der Meinung sind, tätig zu sein. Und es kann um Notwendigkeiten und Imperative gehen. Was muss der Mensch machen, was ist notwendig (um sich selbst zu erhalten, beispielsweise, oder um andere wünschenswerte Ergebnisse zu erreichen.)

Handeln, Herstellen, Arbeiten

Die Entwicklung geht in Arendt Darstellung dabei vom öffentlichen Handeln über das Herstellen zum Arbeiten. Öffentliches Handeln war in der Antike das Modell von Politik – und es war Luxus, der jenen vorbehalten war, die nicht arbeiten mussten. Arbeit war nieder Tätigkeit (praktisch egal welcher Art), und sogar ein armes kontemplatives Leben war souveräner als eines, das auf Arbeit angewiesen war.
Das Teleskop als Instrument, um neue Welten zu erkennen, als Symbol für das Ende des geozentristischen Weltbildes, läutet für Arendt den Übergang von der durch Handeln dominierten Ära zu einer Zeit des Herstellens ein. Mit dem Aufkommen von Wissenschaft und Technik wurde das Beherrschen dieser Tätigkeitsformen die dominierende Weise menschlicher Existenz.
Arbeit dagegen war nie um ihrer Selbst willen relevant. Ökonomisch interessierte Philosophen wie Smith und Locke sahen in Arbeit die Quelle von Eigentum und Reichtum – das verhalf ihr zu einem gewissen Stellenwert. Marx entdeckte die Arbeitskraft als etwas, das jeder und jede aufbringen kann. Der Stellenwert von Arbeit orientiert sich also vorrangig an Tatsachen und Chancen: jeder kann arbeiten, es braucht kein Talent und keine Mittel dazu.

Herstellen unterscheidet sich in Arendts Sicht auch dadurch von Arbeit, dass das Hergestellte unabhängig vom Hersteller und vom Herstellen existieren kann: Es ist irgendwann fertig und von da an allein in der Welt unterwegs. Arbeit dagegen schafft nichts; das Ergebnis von Arbeit ist die Möglichkeit des Konsums. Wer gearbeitet hat, kann konsumieren, und nachdem laufend konsumiert wird, muss auch laufend gearbeitet werden.

Glückskalkül schlägt Nutzen, Konsum sticht Produktivität

Es ist durchaus wertend, wenn Arendt den Homo faber vom Animal laborans unterscheidet. Das ist es auch, wenn sie festhält, dass Arbeitskraft keine Naturkonstante sei und eben nur in der Arbeit existiere – weshalb die Befreiung der Menschen von Arbeit auch keine Befreiung der Produktivität mit sich bringen werde, „die überschüssige Zeit des Animal Laborans wird niemals für etwas anderes verbraucht als Konsumieren, und je mehr Zeit ihm gelassen wird, desto begehrlicher und bedrohlicher werden seine Wünsche und sein Appetit.“

Arendt hält den Homo Faber für gescheitert. Nützlichkeit, eines der Ideale des Homo faber, habe lange dominiert, jetzt sei aber ein Glückskalkül vorherrschend. Und dem entspricht die Einfachheit der Arbeit, zusammen mit dem Versprechen, möglicherweise Reichtum zu produzieren, viel besser und müheloser.

Hanna Arendt gibt in Vita activa keine Handlungsanweisungen; auch direkte Wertungen fehlen großteils. Es ist allerdings eine klare Präferenz für das Aktive zu erkennen. Entscheidungsspielräume, argumentierte, nachvollziehbare Entscheidungen, Handlungsmöglichkeiten – all das sind erstrebenswerte Alltagselemente. Tätig und menschlich wird es für Hannah Arendt offensichtlich auch dort, wo Kommunikation unverzichtbar ist. Arbeiten kann man auch allein, Handeln und Sprechen nicht. Es ist aber weniger der Wert des Sozialen, der den großen Unterschied macht, sondern die Möglichkeit der Verständigung. Durch diese schaffen wir Beziehungen, bewegen wir etwas, sind wir eigentlich menschlich.

Freiheit, Verständigung, Beziehungen und Klarheit

Man kann Hannah Arendt kulturkritisch lesen und eine Klage über den Verfall von Fertigkeiten lesen. Man kann sie politisch lesen (wobei mich die zumindest zuletzt tendenziell stark linke Rezeption recht verwundert; Arendt hat schließlich schon vor 50 Jahren den Übergang von einer Klassen- zu einer Massengesellschaft diagnostiziert).
Ich sehe die für heute am meisten weiterdenkenswerten Gedanken vor allem dort, wo Arendt über Verständigung, Macht, Entwicklung und Herrschaft schreibt. Dort lässt sich auf mehreren Ebenen erkennen, dass das Fehlen von Bewegungsfreiheit, von der Freiheit, in Dialog zu treten (sei es durch Zwang wegen des Drangs, ausschließlich eigene Agenden durchzusetzen), von Sinn (weil kein Wert mehr auf Verständigung gelegt wird) und von der Möglichkeit (und Fähigkeit), frei und jederzeit zwischen Privatheit und Öffentlichkeit unterscheiden zu können, die eigentlichen Trennlinien sind, entlang derer sich tätiges und untätiges Leben unterscheiden.
Ich denke, dass in dieser Frage in unserer Zeit der Analyse von Kommunikations- und Verständigungsformen dabei die höchste Bedeutung zukommt. Auch dabei, im Gespräch, in der öffentlichen Unterhaltung, bewegen wir uns nämlich vom Herstellenden, Sinn stiftenden, zum bloß Platz Besetzenden und Geräusche Machenden.
Das Behaupten ersetzt Dialog und Diskurs und stellt und unterstützt Herrschaftsansprüche, von denen man sich später schwer wieder befreien kann.
Das ist noch kein ganz runder Gedanke und einer, der sich weniger auf Hannah Arendt als auf ein zeitgemäßes Equivalent zur ihrer Arbeit ausrichtet. Aber ich komme darauf zurück.

Geoffroy de Lagasnerie, Die Kunst der Revolte

Wenn wir etwas kritisieren, bestätigen wir es. Wenn wir etwas bekämpfen, erkennen wir dessen Macht an. Wenn wir nach den Regeln spielen, dann können wir zwar gewinnen, aber wir können die Regeln nicht ändern. Also müssen wir uns, wenn wir dagegen sein wollen, eine neue Position suchen, von der aus wir handeln können. Das ist, im verkürzten Schnelldurchgang, der Gedankengang in Geoffrey de Lagasneries „Revolte“.

Revolutionen sind mit Anführern verknüpft mit Heldenfiguren, denen man Denkmäler setzen kann. Das macht es leichter, Geschichte zu erzählen. Das macht es aber auch schwieriger, eine gemeinsame Sache zu finden – überall spielen persönliche Interessen eine Rolle. Und es macht die Polizeiarbeit leichter: Der personifizierte, identifizierte Revolutionär ist leichte Beute.

Aufstehen, für etwas einstehen – das verändert den Rahmen nicht. Und es macht haftbar.

Der mündige Bürger oder die demokratische Citoyenne sind ebenfalls an konkrete Identitäten und damit verbundene Rechte geknüpft: Sie dürfen wählen, Volksbegehren starten, sich anderer demokratischer Institutionen bedienen, weil sie identifiziert sind, weil sie Staatsbürgerin und Staatsbürger sind. Das verschafft ihnen Rechte, aber nicht zuviele. Rechte zu haben, bedeutet zugleich, diesen gehorchen zu müssen – denn sonst sehen eben diese Rechte auch Konsequenzen vor.

Und selbst wer sich außerhalb dieses Rahmens stellen möchte, akzeptiert diesen damit. Ziviler Ungehorsam als Form der politischen Äußerung bezeichnet sich als Ungehorsam und anerkennt also, dass das, was er gerade tut nicht rechtens ist. Damit sind die Ungehorsamen auf die Duldung der Gehorsamen und jener, die Gehorsam verlangen, angewiesen. Denn das Recht, sich außerhalb des Rechts zu positionieren oder gar das Recht zu ändern, behält sich der Staat vor.

Politik, schreibt Lagasnerie, “ist Sache der Besetzung eines Medien- oder eines physischen Raumes. Dieses Einbringen des Selbst, des eigenen Namens, der eigenen Stimme, des eigenen Körpers, diese „Veröffentlichung“ seiner selbst als kämpfendes Subjekt fungiert als Definition der politischen Handlung. Der Figur des Staatsbürgers, der sich ausdrückt, der Forderungen stellt, der demonstriert, der sich schämt, wird so stillschweigend die Figur des Individuums entgegengesetzt, das flieht oder schweigt, das schweigend die Ordnung der Dinge akzeptiert, das heimlich das Gesetz übertritt.“
Dieses Grundprinzip von Politik macht Menschen haft- und angreifbar, und das ums-mehr, je weniger sie in der formellen Politik verankert sind. Und es schiebt andere Formen des Protests aus dem Bereich des Politischen, es grenzt sie aus und unterminiert so ihre Legitimität und Wirksamkeit.

Nachhaltige und aktive Anonymität als Revolutionspotenzial

Protest braucht also auch Mittel, andere Positionen einzunehmen, am Beispiel von Protest lässt sich zeigen, dass auch die Zugehörigkeiten zu Gemeinschaften in Frage gestellt werden muss. Allerdings nicht etwa, um einzelne ausschließen und ihnen dadurch Rechte absprechen zu können, sondern um dem, wogegen revoltiert wird, auf Augenhöhe entgegentreten zu können.
Lagasnerie zieht zur Illustration seiner Überlegungen Edward Snowden, Julian Assange und Chelsea Manning heran. Allen dreien wird Hochverrat vorgeworfen. Und alle drei haben ganz deutlich Machenschaften aufgezeigt, die nicht in Ordnung sind, die aber nach den Gesetzen des Staates, der sie begangen hat, nicht hätten enthüllt werden dürfen.
Alle drei haben ursprünglich Anonymität genutzt, um sich der Verfolgung zu entziehen, mussten dann aus unterschiedlichen Gründen in die Öffentlichkeit.
In diesen Formen des Protests sieht Lagasnerie neue Möglichkeiten der Revolte. Es sind Wege, die an Herrschaftsverhältnissen und Hürden vorbei Probleme thematisieren und Widerstand ausüben können. Anonymität, erklärt Lagasnerie, demokratisiert die Zugangsbedingungen zur Demokratie, und sie ist eine Technik zur Aufhebung von Unterwerfung.

Noch haben wir damit aber kein neues Konzept, dass Formen der Revolte effizient ersetzt. Anonymität ist oft unwirksam, weil der Kontext und die dadurch vermittelte Autorität fehlen. Anonymität muss Energie aufwenden um anonym zu bleiben und kann nicht alle Kommunikationsgelegenheiten nutzen. Netzwerke wie Wikileaks deuten erste neue Möglichkeiten an – aber sie sind noch kein reproduzierbares und unstrittiges Konzept.
Vielleicht ist auch Anonymität nicht der entscheidende Punkt. Lagasnerie führt auch Thoreau an, der nachdem er mit seiner Gesellschaft unzufrieden war, Wege suchte, einer Gemeinschaft, der er nicht ausdrücklich beigetreten war, wieder auszutreten. Da half es aber weder, sich loszusagen oder Steuern zu verweigern – Thoreau konnte ein paar Nächte im Gefängnis verbringen, aber er blieb ein Bürger seiner Welt …

Europa? Nein danke – Frantz Fanon, Die Verdammten dieser Erde

Heute wissen wir, dass auch die algerischen Bauern nicht revoltiert haben. Ebensowenig wie die europäischen Industriearbeiter, auf die Trotzki dreißig Jahre zuvor seine Hoffnungen gesetzt hatte, oder wie die russischen Bauern, die im Zwangskorsett des Stalinismus gelandet waren, bevor die meisten noch verstanden hatten, dass sie eigentlich Revolutionäre waren.
Zu etwa der gleichen Zeit, in der Frantz Fanon in Algerien noch das revolutionäre Subjekt suchte, verabschiedete sich Hannah Arendt in New York von der Arbeiterklasse und sah die Klassengesellschaft durch eine Massengesellschaft abgelöst.

Frantz Fanon kannte linke revolutionäre Ideen, wurde von Sartre geschätzt und suchte nach neuen Wegen für postkoloniale afrikanische Gesellschaften. „Wenn wir den Wind gesät haben, wird er der Sturm sein“ schrieb Sartre in seinem Vorwort zu „Die Verdammten dieser Erde“.
Fanon starb allerdings nur einen Monat nach der Veröffentlichung seines Buches im Alter von nur 36 Jahren an Leukämie.

„Die Verdammten dieser Erde“ ist ein von vielen dramatischen Ereignissen geprägter Text. Fanon hat Kolonialismus und Rassismus erlebt, einen Kolonialismus, der in Schwarzen noch immer sklavenähnlich Entrechtete sah, Menschen niederer Klassen, die Kolonialherren als Manövriermasse zur Verfügung stehen – ebenso wie die Rohstoffe der Kolonien.
Er hat den Niedergang des Kolonialismus erlebt; Ende der fünfziger Jahre waren bereits einige afrikanische Länder wieder unabhängig. Die Befreiung brachte vielerorts neue Abhängigkeitsformen hervor, anstelle der Freiheit für alle sicherte sich eine neue afrikanische Bourgeoisie Reichtum für wenige.
Was er nicht mehr erlebt hat, waren das Ende des Algerienkrieges und die Unabhängigkeit Algeriens – so weit war es erst 1962, ein Jahr nach seinem Tod.

Fanon schreibt voll revolutionären Elans, beschäftigt sich mit möglichen Entwicklungsstufen der Gesellschaft und stellt die Frage, ob die bourgeoise Phase denn wirklich notwendig sei. Neue Herrschende sind in Fanons Darstellung die direkten Nachfolger alter Unterdrücker; die gewonnene Freiheit ist für ihn nutzlos, zuerst sei es notwendig, dem „Volk und zunächst sich selbst die Dimension des Menschen wieder zu erschließen, man muss die Wege der Geschichte zurückgehen, der Geschichte des von den Menschen verdammten Menschen, und die Begegnung seines Volkes mit den anderen Menschen wieder möglich machen.“ – Kolonialismus hat Kolonialisierten die Selbstwahrnehmung als Menschen geraubt; sie sehen sich auch nach der Unabhängigkeit nicht als diejenigen, die Dinge selbst in die Hand nehmen können (eine kleine Minderheit ausgenommen), die selbst gestalten sollen.
Eines der Gegenmittel, auf die Fanon dazu setzt, ist Nationalismus. Dieser Nationalismus ist ein Gegenmittel gegen Kolonialismus, ein Weg, fremden Herrschaftsansprüchen souveräne Staaten entgegenzusetzen. Diese Konzept von Nationalismus hat nichts mit rassistisch motiviertem Nationalismus zu tun; ganz im Gegenteil, Fanon verwehrt sich ausdrücklich gegen ethnische Interpretationen von Nationalismus.
Trotz der Entschlossenheit findet Fanon keinen gangbaren Ausweg. Die Prognosen sind schlecht: „Das Volk versteht, dass Reichtum nicht die Frucht der Arbeit ist, sondern das Resultat eines organisierten und protegierten Diebstahls. Die Reichen hören auf, achtenswerte Männer zu sein, sie sind nur noch Raubtier, Schakale und Geier, die sich vom Blut des Volkes nähren.“

Europa? Nein danke.

Was Fanons Schrift zu einem tatsächlich radikalen Monument macht, ist weniger der revolutionäre Esprit. Lesens- und bedenkenswert ist heute noch vor allem die damals schon ganz klare Ablehnung Europas. Europäischer Geist, europäische Maßstäbe – das sind für Fanon keine Kriterien für den afrikanischen Kontinent. Darin steckt keine Rache, es sind nicht einmal Schmerzen oder leidvolle Erfahrungen, die diese Abkehr von Europa motivieren. Fanon hat, stellvertretend für viele Kolonialisierte, Europa kennengelernt, die Handlungen und Werte Europas gesehen und verstanden, vor allem jene Facetten gesehen, die Europa gerne vor sich selbst versteckt. Europa als Hort der Menschenrechte, Freiheit und Demokratie? Mancherorts sicher. Aber global betrachtet? „Genossen, haben wir nichts Besseres zu tun, als ein drittes Europa zu schaffen? Der Okzident hat ein Abenteuer des Geistes sein wollen, Im Namen des Geistes, des Europäischen Geistes, versteht sich, hat Europa seine Verbrechen gerechtfertigt und die Versklavung legitimiert, welcher es vier Fünftel der Menschheit unterworfen hatte.“

Europa und der europäische Geist haben sicherlich dazugelernt. Gedanken wie diese musste trotzdem zuerst Fanon entwickeln: „Vor kurzem hat der Nazismus ganz Europa in eine Kolonie verwandelt“ … Reparationszahlungen, Rückgabe von Raubgütern, Entschuldigungen und weltweite Anstrengungen, derartiges möglichst vermeiden zu können, waren die Folge. „Schwarze aber bleiben Animalisch.“

Der Therapeut der Mörder

Der erschreckendste Teil von Fanons Buch sind Passagen, in denen er nicht argumentiert, keine flammenden Reden hält, keine Missstände rund um Korruption und Machtmissbrauch analysiert. Der erschreckendste Teil sind seine Notizen zu Therapiegesprächen aus dem algerischen Unabhängigkeitskrieg. Fanon arbeitete als Psychiater in Algerien und behandelte Kriegsopfer, Folteropfer – und genauso Polizisten, Folterer und sogar deren Angehörige. Entführungen von Widerstandskämpfern, deren Angehörigen oder auch nur Verdächtigen waren an der Tagesordnung. Es war Aufgabe der Polizei, irgendeine Art von Information aus den Verhafteten rauszuprügeln oder sie mit Stromschlägen zu foltern. Manche Polizisten wurden diese Bilder nicht mehr los; Fanon berichtet auch von der Frau eines Polizeikommandanten, die wegen Schlafstörungen bei ihm in Behandlung war – es waren die Schreie von Gefangenen, die diese Frau beim Schlafen störten.
Das waren keine Einzelfälle, das waren keine selbstständigen Aktionen verwilderter Militärs oder Polizeieinheiten. Das war verordnete und kontrollierte Kriegsführung Frankreichs, einer Nation, die sich gerade zehn Jahre zuvor zu den Befreiern Europas hatte zählen lassen, die erlebt hatte, was Verfolgung und Folter bedeuten, und die offenbar keinen Grund sah, sich hier im eigenen Kriegsgebiet anders zu verhalten.

Diese Notizen sind der abseits aller historischen Interessen und politischen Meinungen immer noch wichtigste und eindringlichste Teil in Fanons Werk. Sie machen sprachlos. Und sie sind notwendig, um zu verstehen, wovon Fanon erzählt, vor welchem Hintergrund Kolonialismuskritik arbeitet. Und das auch heute noch.

Hannah Arendt, Die Freiheit, frei zu sein

HAnnah Arendt Freiheit

Revolution, keine Frage, klar doch.
Revolution ist der Popstar, der auf keiner Party fehlen darf. Stromlinienförmige Businessmenschen preisen Revolutionen an, perlenkettentragende Politjugend inszeniert Mitarbeit in der Partei als friedliche Revolution, nur Linke tun sich manchmal schwer mit der Revolution und dem revolutionären Subjekt, denn warum brennt noch nicht alles?
Revolution war ursprünglich die Bewegung der Himmelskörper. Seine politische Taufe erlebte der Begriff als Bezeichnung für die Restitution des englischen Königshauses nach Oliver Cromwell.

Mit diesen historischen Anmerkungen rückt Hannah Arendt in „Die Freiheit, frei zu sein“ das Revolutionspathos erst einmal zurecht. Revolutionen sind ein fragwürdiger Weg zu Veränderung. Das sagt eine Denkerin, die keineswegs bewahrend oder konsensorientiert war, die sich eher wenig Gedanken darüber machte, ob sie wo aneckte. Revolutionen sind ein schlechtes Mittel, Freiheit herzustellen, weil sie auf Gewalt beruhen. Gewalt ist, im Gegensatz zu Stärke (wie Arendt in „Vita Aktiva“ ausführt) ein probates Mittel gegen Macht. Gewalt ist aber Terror, und der „weiht Revolutionen dem Untergang oder deformiert sie so entscheidend, dass sie in Tyrannei und Despotismus abgleiten“. Die Macht zu übernehmen, ist nicht schwer. Eine alternative Ordnung aufzubauen, die Freiheit gewährleistet, dagegen sehr wohl.

Wie weit Revolutionen trotzdem gelingen, hängt unter anderem davon ab, wieviuel Freiheit auf dem Spiel steht und um welche Arten von Freiheit es geht. Arendt unterscheidet dabei die französische Revolution (die zu Terror führte) von der amerikanischen, die besser gelang. Die französischen Revolutionäre konnten dem König zwar den Kopf abschlagen, hatten danach aber noch immer nichts zu essen – oder einen Grundbesitzer, der sie strenger regierte, als es der König jemals gekonnt hätte.
Die politische Freiheit änderte nichts an der ökonomischen Unfreiheit.
Die amerikanische Revolution verlief im Gegensatz dazu geradezu erfolgreich – allerdings nicht etwa, weil die amerikanische Gesellschaft so viel freier und fairer gewesen wäre. Die ökonomisch Unfreien waren nur versteckter. Sie waren nicht Teil der Revolution. Es waren Sklaven.

Politische Freiheit, sogar vorher schon politisches Interesse brauchen wirtschaftliche Grundlagen. Wo Freiheit scheinbar leicht vonstatten geht, das ist zumindest der Gedanke, den ich aus diesem Vortrag mitnehme, müssen wir die Sklaven suchen, die Ausgeschlossenen. Das sind möglicherweise die, auf deren Kosten Freiheit geht, möglicherweise die, die Freiheit ermöglichen und immer die, um die es trotz allem in der Revolution gar nicht geht. Sie sind beispielsweise die Ordnung, die den Alltag am laufend hält, während irgendwelche Dynamiker fröhlich von Revolutionen phantasieren.

Moses Isegawa, Schlangengrube

Die ersten Jahre sind eine Idylle. Isegawa beschreibt das Uganda der frühen 70er Jahre, einer Zeit nach der Unabhängigkeit, nach ersten Umstürzen – die Zeit der ersten Herrschaftsjahre von Idi Amin.
Ein wenig dieser Idylle ist heute in Entebbe, der ehemaligen Hauptstadt Ugandas noch spürbar – in Entebbe ist der Flughafen Ugandas, der Äquator ist nicht weit weg, es gibt noch den ältesten Golfclub Ostafrikas und einige Strandbars am Viktoria-See, dessen Ufer den Blick auf eine endlose Weite preisgeben, die den Betrachter das Meer nicht vermissen lässt. Manche dieser Strandbars sind neben ärmlichen Fischerhäfen, in denen einst bunt bemalte Holzboote, die fast alle Spuren von Lack verloren haben, noch immer täglich auf den See fahren, manche gehören zu leidlich renovierten Hotels aus den sechziger Jahren, in denen die reicheren Ugander Wochenende verbringen, manche zu Luxusresorts, in denen Expats unter sich bleiben. Nichts ist so vergänglich wie Luxusarchitektur in den Tropen.

Die Idylle ist nicht das Thema von Isegawa. Sein Protagonist kehrt nach dem Studium in England nach Uganda zurück und möchte etwas aus sich machen. Bat Katanga bekommt einen Job in einem der unzähligen Ministerien in der Verwaltung Amins und steigt stetig nach oben. Sein schneller Aufstieg ist allerdings nicht zuletzt der Tatsache geschuldet, dass viele seiner Vorgänger bei Diktator in Ungnade fallen, zerstückelt werden, Krokodilen zum Fraß vorgeworfen werden oder in den berüchtigten Folterkammern beim alten Königspalast in Kampala landen, die man heute noch besichtigen kann.

Der Weg geht lange gut – bis Katanga eben selbst in der Schlangengrube verstrickt ist, erst als bestechlicher, korrumpierter Beamte, der sich tolle Autos und Geliebte leistet, dann als erpressbares Opfer, als jemand, der zu weit in die Näher des Diktators gekommen ist – und jetzt dessen Misstrauen und Angst spürt, die sich immer in gewaltigen Drohungen entladen.

Isegawa schafft es, Gewalt in knappen und fast wortkargen Szenen sehr eindrücklich wirken zu lassen. Er inszeniert keine Dramen, Schilder keine Gräueltaten – es geschieht ganz selbstverständlich. Und die Entwicklung ist ausweglos.
So ist Schlangengrube ein sehr bedrückendes Buch – aber eines, das die Geschichte Ugandas sehr gut erfahren lässt.

Idi Amins Terror – State of Blood

Wer mehr über die Diktatur Idi Amins von jenen wissen will, die direkt dabei waren, kann gleich noch Henry Kyembas “State of Blood“ lesen. Kyemba könnte eine Vorlage für die Charaktere Isegawa gewesen sein. Auch er war Beamter in der Verwaltung Amins, stieg ständig nach oben und musste schließlich unter Lebensgefahr den Fluchtweg nach England suchen. Kyemba beschreibt Amins Agieren in der Welt, das taten- und ahnungslose Zusehen der Weltgemeinschaft (im Buch ist auch ein Foto vom Shakehands zwischen Kurt Waldheim – damals UN-Generalsekretär – mit Amin) und das paranoide Regieren Amins.
Amin machte Stimmung mit zahlreichen Versprechungen – Krankenhäuser hier, Schulen dort – setzte dann seine Minister unter Druck, das entgegen aller Budgetpläne umzusetzen, und zog sie dann eiskalt zur Rechenschaft, wenn das Geld, das sie dafür abzogen, dann anderswo fehlte.
Bevor jemand Kritik äußern konnte, wurde er oder sie getötet; in den späteren Jahren seiner Diktatur wurde überhaupt jeder beseitigt, der potenziell Kritik üben konnte – das betraf Gebildete, Geschäftsleute, Intellektuelle und eben die eigenen Regierungsmitglieder.
Kyemba konnte sich 1978 absetzen und seine Familie nachholen, obwohl er auch auf diplomatischen Auslandsreisen stets vom Geheimdienst begleitet wurde. „State of Blood“ erschien 1979 als Amin noch an der Macht war – es ist also keine komplette historische Aufarbeitung, aber ein direkter Augenzeugenbericht.
Einer, der nicht vergessen werden sollte. Auch in Uganda kokettieren manche jungen Leute noch oder wieder mit Idi Amin, mit dem Bild eines starken Mannes, der tatkräftig durchgreift.