"Wir löschen unseren Erfolg" - na und?

Eigentlich habe ich nur Zeitung gelesen und Radio gehört. Und schon bin ich mitten drin in der Frage, ob gutes Leben jetzt mit kollektiven wirtschaftlich gesunden Generaltugenden zu tun hat, mit persönlichen Entscheidungen (wie persönlich können die sein?) oder doch bloß mit Schönheit.
73% der Österreicher glauben, dass Schönheit der wichtigste Erfolgsfaktor ist. Und in diesem Licht beklagt dann auch noch Niall Ferguson, Prediger des Niedergangs des Westens, die Deinstallation der wirtschaftspolitischen Killerapps, wie er sie nennt.
Tja, die Zeiten waren wohl schon mal einfacher… Ein kleines Plädoyer für die Verweigerung, gegen Fertigteilvisionen und dafür, sich einfach mal umzusehen.

phomek Medienbüro

Arbeitsethik ist ja nicht so meine Sache, nicht zuletzt, weil sie oft mit Unterwerfung verwechselt wird. Ethik an sich gänzlich von der Hand zu weisen, ist aber auch schlicht dumm – dazu ist der Begriff einfach zu weit gefasst. Von sozialen, religiösen, oder politisch-wirtschaftlichen Vorstellungen bis zu subjektiven Idealisierungen steckt alles drin. Ich halte es am ehesten mit Aristoteles (obwohl auch der schon eher ein Snob war, verglichen mit Diogenes) und seiner Tugendethik, die sich recht einfach zusammenfassen lässt mit: „Wenn du was machst, dann mach es ordentlich“ – wobei ordentlich hier schon wieder ein subjektiver Wert ist; jedem seine eigene Ordnung.
Deshalb habe ich ein Problem mit kollektiven Appellen wie Niall Fergusons „Wir löschen unseren Erfolg“, unlängst in der Zeit erschienen.
Ferguson beschäftigt sich mit der Frage, ob der Westen noch irgendeinen Vorsprung gegenüber dem Rest der Welt hat, oder ohnehin schon dabei ist, alles zu verspielen. Das wird noch hübsch in das Bild von Killerapps verpackt, die der Westen einmal hatte, anderswo großzügig verbreitete und jetzt gerade löscht. Die sechs sogenannten Killerapps: Wettbewerb, Wissenschaft, Rechtsstaatlichkeit, Medizin, Konsum und Arbeitsmoral.
So weit, so einleuchtend.
Gerade das Einleuchtende und Selbstverständliche halte ich aber für das größte Problem der konsumierenden Wissens- und Informationsgesellschaft, die wir heute haben.
Wir haben einen sehr freien Umgang mit diesen Eigenschaften entwickelt. Wissenschaft, Bildung, Neugier? – Ist was für langweilige Nerds, die keinen Spass haben können; Wir wissen genug, haben alles andere jederzeit greifbar, und die Mädchen kriegen sowieso immer die, die auf Kosten der Nerds reich geworden sind.
Die gleiche Entspanntheit, die auch dem Konsum gegenüber denkbar wäre – es ist alles da, wir müssen es nicht haben, und was wir noch haben können, macht auch keinen Unterschied mehr – ist weniger raumgreifend. Obwohl die Frage groß iim Raum steht, was wir eigentlich noch haben wollen, ist es keine Frage, dass wir es haben wollen.
Medizin? Ist Teil des Konsums. Schönheit steht im Vordergrund; Gesundheit ist allenfalls eine Folge davon. Die volkswirtschaftliche Bilanz von Junkfood nehmen wir wissend zur Kenntnis, die von Sportevents, egal ob Championsleague oder Surfweltcup, weniger: zwanzig Menschen rennen sich die Seele aus dem Leib, 20.000 saufen sich ins Koma.
Und Arbeitsethik unterliegt auch merkwürdigen Transformationen: Der Glatzenbekämpfer Moser veröffentlichte dieser Tage eine Studie, derzufolge 73 Prozent der Österreicher Schönheit für den wichtigsten Erfolgsfaktor halten. Soziale Kompetenzen benötigen ihrer eigenen Einschätzung nach nur 50% der Befragten für den Erfolg, Intelligenz gar nur 43%.
Fragt sich, welche Art Erfolg hier gemeint ist.
Schönheit bewirkt Gefälligkeit. Es geht also ums Mitmachen; darum, gut anzukommen. Stimmt nicht, sagt die geliftete Erfolgsfrau, die dem Autoverkäufer mit dem gebleichten Vorzeigegebiss verfällt. Stimmt nicht, sagt der Leser kritischer Zeitschriften jenseits des vermeintlichen Mainstreams – und fühlt sich wohl in der kollektiven Andersartigkeit.
Mitmachen ist auch eine dumme Pauschalunterstellung, die immer zu leicht zu entkräften ist. Nicht Mitmachen hat das gleiche Nerdproblem wie wissenschaftliche oder schlicht lebendige Neugier.

Alfred Goubran beschreibt in seiner Studie „Der gelernte Österreicher“ den Kampf um das Nicht-Mitmachen gekonnt zwischen den Zeilen. Raunzen, Lästern, Schimpfen als österreichische Kernkompetenzen, Identitätslosigkeit, die durch Klischees auf der einen Seite oder aufopfernde Weltoffenheit auf der anderen Seite kompensiert wird – die Gefahr ist groß, sich schnell durch ein selbstbewusstes „ich doch nicht“ abzugrenzen, und seinerseits über Raunzer und Lästerer zu lästern und zu raunzen.
Wo Egoismus ein Massenphänomen ist, das mit Selbstbewusstsein verwechselt wird, herrscht Distanzlosigkeit. Wir sind wir; jeder geht in seine Richtung und macht sein Ding – und doch machen alle weitgehend das gleiche. Meist, weil es zu anstrengend ist, sich darum zu kümmern, was die anderen eigentlich machen – und was man selbst machen möchte.
Distanz ist immer leichter als Nähe – sie funktioniert in alle Richtungen ähnlich. Sich auf etwas einzulassen, bedingt jedes Mal eine Spezialanfertigung.

Deshalb glaube ich auch nicht, dass sich die wirtschaftspolitischen Killerapps, die Ferguson beschreibt, wieder installieren lassen. Oder vielleicht ist es möglich – aber wozu? Mehr vom gleichen führt mit hoher Wahrscheinlichkeit zum gleichen Ergebnis, also dazu, dass sich Langeweile breit macht und wir wieder zusehen, was andere aus dem machen, das wir fälschlicherweise für unsere Stärken halten.
Das Feindbild, um das herum ich hier schreibe, ist Selbstverständlichkeit. Selbstverständlichkeit kommt aus Gewohnheit, und aus Reproduzierbarkeit. Es war immer (oder schon lange so) und es lässt sich gemütlich wiederholen. So funktionieren Unternehmen, so funktioniert Entertainment, und so funktionieren Beziehungen. „Das ist normal“, „Das dient einem Zweck“, „Das lasse ich mir nicht verbieten“ sind die Scheinargumente. Was davon übrig bleibt, ist im allgemeinen: „Das ist halt so.“
Als Beschreibung ist das auch durchaus ok, als Argument, Begründung oder Zielsetzung weniger.
Die akzeptabelste Bewertung dahinter ist: „Es ist ok für mich.“
Und hier schaut dann Aristoteles wieder um die Ecke. Es ist ok, wenn es dich zu dem macht, was du sein willst. Und trotzdem werden wir zwei Problemkinder dabei nicht los. Erstens: Aristoteles war nicht gerade ein Verfechter des Exzessiven, sondern vermutlich sehr pragmatisch veranlagt. Deshalb sieht er das Gute immer in einem Mittelweg, im Ausgleich zwischen zwei Extremen. Und woher nehmen wir jetzt bloß das Maß dafür? Zweitens: Wie bringen wir die anderen hier mit ins Spiel? Daran hat sich ein paar hundert Jahre später Kant die Zähne ausgebissen. Wenn Mut eine Tugend ist, dass ist der Verbrecher, der seine Strafe riskiert genau so tugendhaft, wie der heldenhaft rettende Feuerwehrmann, der sein Leben riskiert. Also stimmt hier irgendwas nicht. In irgendeiner Art und Weise haben „Das ist halt so“ oder „Das ist ok für mich“ also doch auch mit den anderen zu tun.
Oder, wie der „gelernte Österreicher“ sagt: Es ist halt alles relativ. Die soziale Relativitätstheorie ist ja auch eine urösterreichische Kompetenz, die sich vor allem darin äussert, dass der geübte Relativist überall mitmachen kann, ohne sich vereinnahmen zu lassen, überall schnuppern und sich Türen offen lassen kann, überall mit anstossen kann und dabei immer die augenzwinkernde Distanz hat, kompatibel ist und dennoch einen Schritt weiter weg. Dass er dabei nicht vor der Frage steht, wer oder was er jetzt eigentlich ist, wer den Ton angibt und wer nachläuft (Goubrans Beschreibungen heimischer Politiker auf dem internationalen Parkett kommen mir da ebenso in den Sinn wie die fleissig kopierende heimische Medienszene, eine sich mit Ibiza-Allegorien schmückende Clubszene, egal ob provinziell oder urban, oder schlicht die generell um sich greifenden Superinfluencer ohne Ahnung von nix), liegt daran, dass sich die Frage auch vorher nicht gestellt hat. Wir bleiben ganz einfach im „als ob“.
Und deshalb, das war jetzt aber wirklich die letzte Haarnadelkurve vor der Zielgeraden, helfen so tugendhafte Grundsätze wie die sechs Killerapps nichts. „Eh“, ist die Reaktion; „Und?“, ist die Konsequenz.
In einer unübersichtlichen Welt zählt es schon mal zu den größten Errungenschaften, für sich selbst zu wissen, was los ist. Das ist um einiges schwieriger, als zu wissen, wo es hingehen soll.
Und das erfordert Bescheidenheit und Ehrlichkeit – auf eine ziemlich unsexy Art und Weise.
Also vielleicht einfach mal hinsetzen und nachdenken.
Das kann unsexy Grübelei sein. Es kann aber auch in sich selbst ruhende Zufriedenheit sein – zufrieden damit, mit nichts zufrieden zu sein.
Und falls sich jetzt jemand fragt, wo das hinführen soll… – Du überspringst gerade den wichtigen Teil… 🙂

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