Don Tapscott ist nicht mehr mein Freund


WikinomicsIch habe jetzt „Wikinomics“ gelesen, um das Buch nicht nur als eines der „Ja, eh“-Schlagworte auf dem fernen Radar zu haben. Es steht nichts Unsinniges oder Falsches drin – aber die herauslesbaren Botschaften sind ziemlich kontraproduktiv – sogar gefaehrlich.

  • Aus Unternehmer- oder Managersicht gelesen ist Wikinomics das Manifest moderner Ausbeutung – Partizipation als Opium fuer die Peers: Lass sie mitreden, bis sie muede sind, nimm das Beste – und dann dreh den Hahn ab.
  • Wikinomics, in Tapscotts Beschreibung, ist ein Projekt mit allen Kriterien wie aus dem Projektmanagementlehrbuch: Komplex, verfolgt ein klares Ziel, und hat zeitliche und raeumliche Grenzen. Wenn das Geschaeft optimiert ist, das Wissen der Massen abgegrast ist, dann gehen wie wieder zur Tagesordnung über.

Oder doch nicht?
Ein Autor der sich so lang und so intensiv mit Online-Phaenomenen beschaeftigt wie Tapscott, sieht sicher ueber die Grenzen dieser Beschreibungen hinaus und bereitet mit den fehlenden Schlussfolgerungen bloss schon den naechsten Bestseller vor, um nocheinmal die effizienten, gewinnbringenden Mechanismen der traditionellen Publishingindustrie auszunutzen.

Die beiden Punkte, die mich besonders stören, sind einerseits die

  • Vermischung von Open Source und Free Software, andererseits
  • die fehlende Konsequenz bei der Darstellung von Mashups als Geschaeftsmodellen und Wikis als Arbeitsplatzmodellen.

Der Reihe nach: Open Source vs. Free Software ist nicht nur eine Frage der Begriffsdefinitionen, sondern der Reichweite und des Einflusses eines theoretischen Hintergrunds, der miteinbezogen wird. Open Source ist pragmatisch: Vier Augen sehen mehr als zwei, also lass uns gemeinsam arbeiten. Das aendert aber nichts an den Eigentumsverhaeltnissen des Folgeprodukts: Modifizierte Open Source-Software gehoert oft trotzdem noch dem urspruenglichen Eigentuemer und darf auch von den beteiligten Partnern nicht weitergegeben werden. Die Offenheit dient nur der Effizienz.

Free Software verfolgt ueber die qualitative Effizienz hinaus noch das Ziel, Produkte und die Ergebnisse von Weiterentwicklungsprozessen frei zu halten: Jeder darf, unter den Free Software-Bedingungen, alles weiterentwickeln und veraendert – unter der Bedingung, dass die Ergebnisse ebenfalls wieder als Free Software zur Verfuegung gestellt werden (wobei free nicht gratis bedeutet, sondern eben offen; ob und wieviel Geld fuer Software verlangt wird, ist kein Thema fuer Free Software).
Unter diesem Gesichtspunkt ist es etwas schmerzhaft, wenn Tapscott die vielen durch offene Collaboration erreichten Patente von IBM als Beispiel fuer den Erfolg von „Open Source oder Free Software Movement“ anfuehrt – aus Free Software Sicht sind nur Patente noch schlimmer als Copyrights: Sie schraenken nicht nur Veraenderung ein, sondern sind ueber Crosslizensierungsprogramme auch effiziente Erpressungsinstrumente: „Ich geb dir meins, dafuer musst du mir auch deins geben…“

Freie Zusammenarbeit, wie sie unter Free Software Bedingungen oder auch unter einer meiner Ansicht nach konsequenten Umsetzung des Wiki-Ethos passieren kann, hoert hier nicht auf: Fuer den Zulieferer (Mitarbeiter) ist es witzlos, Beitraege zu liefern, wenn diese nur 15 minutes of fame, eventuell einen Bonus und kurzfristig gestiegenes Selbstwertgefuehl bringen. Die Anerkennung diese Arbeitsprozesse muss sich auch so auswirken, dass die weitere Nutzung gemeinsamer Entwicklungen anderen Regeln folgt als bisher. Aus diesem Grund stuetzt sich das Free Software Movement auch massiv auf Juristen und die Formulierung eigener Copyleft-Lizensierungen.

Ohne die Bedingung der Weitergabe von Freiheit (wie sie durch Copyleft festgeschrieben ist) bringt Collaboration scheinbar einfach nur mehr vom gleichen, und das vielleicht sogar noch zu guenstigeren Preisen.

Und das ist meines Erachtens schlicht falsch, auch ganz sachlich betrachtet und ohne jeden ethischen oder politischen Kontext.

Das fuehrt zu meinem zweiten Punkt.

Der Einsatz von wikiaehnlichen Modellen der Zusammenarbeit in Unternehmen bedeutet, das Ordnung und Zusammenhänge „is created by demanding active involvement from users in ways of organizing and creating their own information architecture“ schreibt Tapscott. Diesen Prozess in Gang zu bringen, erfordert viel Ermutigung, Training und Unterstuetzung; wenn er aber einmal laeuft, ist er unumkehrbar. Die Verantwortung, selbst Zusammenhaenge herzustellen, Beziehungen sichtbar zu machen, so Ablauefe und Ansichten zu erzeugen, ist nicht jedermanns Sache. Die Zurverfuegungstellung von Mitteln macht nicht jeden zum Visionaer.

Das Reverse Engineering einmal auf diese Art etablierter Informationsarchitekturen, ist allerdings aus Effiziengruenden praktisch unmoeglich: Wer einmal losgelaufen ist, fuehrt die Bewegung an; und diesen Weg nachzuzeichnen, ist etwa genau so aufwändig wie der Versuch, einen neuen Weg zu finden.
Das gibt einen Hinweis auf eventuelle neue Macht für den Einzelnen durch die Nutzung von Collaboration- und freien Gestaltungsmöglichkeiten.

Fluidity, diese vom Philosophen definierte Eigenschaft digitaler Information, die schnelle Verbreitung, Veraenderung und Weiterverarbeitung ermoeglicht, ist das Schmiermittel in Informationsprozessen, die in immer neuen Kombinationen immer mehr Zusammenhaenge erzeugen und sichtbar machen (darauf komme ich immer wieder zu sprechen…).

Der oft zu kurz kommende zweite wichtige Punkt im Arbeiten mit Wikis ist, dass nicht nur die Verbesserung gegebener Inhalte möglich ist, sondern genauso die Herstellung von Zusammenhängen. Zusammenhänge sind nicht nur Abläufe von hier nach dort, sie sind auch die sinnstiftenden Hintergründe für neue Ideen oder fuer die Interpretation einzelner Schritte in diesen Abläufen.

Das ist Macht. Das erfordert Verantwortung. Und, aufgrund der zunehmenden Digitalisierung und Beschleunigung dieser Prozesse: Das erfordert Medienkompetenz als eine der wichtigen Eigenschaften, die in diesen Prozessen Orientierung ermoeglichen.

„The Internet doesn´t primp itself with the pretense that it’s words are guaranteed to be true“, schreibt Tapscott gegen Ende und bezieht sich damit auf das Spannungsfeld zwischen Pluralismus und Relativismus, Qualitätsanspruch und Authentizität. Wir arbeiten daran, ist dem entgegenzuhalten.

Die Mechanismen von Autorität, Authentizität, Vertrauenswürdigkeit, Qualität in Onlinemedien und digitaler Kommunikation zu untersuchen, halte ich für weit spannender, als Tips für die effiziente Nutzung potentieller Massenweisheit zu geben. Erfolgsstories gibt es hier immer erst im nachhinein. Denn auch die Nutzung und Aufbereitung dieser Massenweisheit steht zuerst ziemlich schnell vor der Frage: Wem glauben? Und warum?

You may also like

Leave a comment