Widerspruch ist zwecklos


Ich wurde vergangene Woche Zeuge der krassesten Fehleinschätzungen, seit ich vor etwa fünfunddreißig Jahren das erste Mal gezielt und bewusst den Mund aufgemacht habe.
Potentialeinschätzung, Entwicklungsvereinbarungen und ähnliches sind heisse Themen – umso mehr, wenn in einem 3 Tages-Marathon von 20 Minuten-Sessions abgehandelt. – Ein paar Überlegungen zu organisierter Schaumschlägerproduktion und Heissluftallergien im Enterprise 2.0-Kontext.

Letzten Endes gibt jedes System immer sich selbst recht. Und das zeigt, durch die Enterprise 2.0 Brille betrachtet, einmal mehr, woran große Unternehmen im Übergang zwischen Hierarchie und Innovation kranken: Der Manager als Experte ist ein Auslaufmodell. Niemand kann mit seinem Team mithalten und immer auf der Höhe bleiben. Das gilt in großen Organisationen um so mehr, auch wenn es dort vielleicht eher langsam zugeht.
Der Manager als Moderator und Dienstleister kann sich dort noch nicht etablieren, wo Hierarchien regieren: Wo der Mitarbeiter dem Bereichsleiter eines anderen Bereichs aus ungeschriebenen formalen Gründen nicht widersprechen kann, muss er seinen eigenen Bereichsleiter losschicken. Und das heisst: briefen, mit der Sache vertraut machen, mit Argumenten aufmunitionieren – mit einem Wort: Zeit verschwenden.

Dieses Management-Dilemma lässt sich an vielen ähnlichen Beispielen nachvollziehen. Was sind jetzt wirklich Zielsetzungen, Einstellungen oder Verhaltensweisen, die große Unternehmen weiterbringen?

  • Die Innovationen und die Lösungen: Innovationen, hat Scott Berkun wunderschön argumentiert , geschehen nicht plötzlich. Sie sind nicht auf eine peppige Idee oder eine packende Präsentation zurückzuführen. Sie geschehen schleichend. Es erfordert weniger Visionen, innovativ zu sein, sondern genaue Kenntnis der zu lösenden Probleme und der verwendeten Methoden und Prozesse. Wie wird gearbeitet, was steht im Weg – was hilft den handelnden Personen wirklich und dauerhaft? – Das sind Innovationen. Bunte Visionen sind Entertainment für Phantasielose. Innovationen – solcherart nüchtern betrachtet – werden oft mit Lösungen verwechselt. Lösungen haftet der Makel an, bloße Anworten zu sein. Das ist ein Irrtum: Lösungen beschleunigen – und schaffen Raum für weiteres. Ideen können nicht von ihrer Umsetzung getrennt werden – ohne die sind sie wertlos – auch und gerade, wenn sie daran scheitern.
  • Die Experten und die Organisatoren: Fachwissen schadet nicht. Gut, das hängt immer von der Tätigkeit ab. Reine Dienstleistungsroutine kann auch ohne Fachwissen gemanaged werden. Aber ist nicht reine Dienstleistungsroutine – egal wo – stets zu wenig? Wer der Position halber in Bereichen arbeitet, die er nicht versteht, kann noch immer ein brauchbarer Manager sein. Aber da gilt dann, was Seth Godin so gern über Manager (und MBAs) sagt. Beides sind oft Profile, die Sachkompetenz, Innovation und Lösungsorientierung ausschliessen, deren wichtigste Aufgabe es mitunter ist, so etwas gezielt zu verhindern, und die ganz sicher wenig qualifiziert dafür sind, Neues überhaupt zu erkennen. Quereinsteigen ist super, Berührungsängste sind mir fremd, aber Leidenschaft für die Sache überwiegt das alle Mal. Grenzen überschreiten? Die kleinen Grenzen, die sich zu spektakulären Mergers so verhalten wie Zeit-, Energie- und Laune-schonende Lösungen zu roadshowreifen Innovationen erfordern mehr Überwindung – und bringen mehr. Ich mache alles – Hauptsache Position und Kohle passen – halte ich nicht für die förderungswürdigste Einstellung. – Man merkt sie nämlich. So wie andere Spar- oder Verlegensheitsmassnahmen auch…
  • Die Schauspieler und die Sachlichkeit. In großen Runden, vollen Auditorien, wo Überzeugungsarbeit geleistet werden muss oder wo Leute aufgeweckt werden müssen – natürlich. Show muss sein, Ein paar Lacher, ein paar Sachen zum Nachdenken, bunte Bilder, Visualisierungen aller Art sind Selbstverständlichkeit. – Wer mir damit aber in der kleinen Runde kommt, in einer Umgebung, in der man sich kennt, einig ist, Details verhandeln möchte – den möchte ich gern mit dem Baseballschläger verfolgen. Meinetwegen mit dem, den Kasperl gegen das Krokodil einsetzt, damit auch hier der Entertainment-Aspekt erhalten bleibt. Wer statt Menschen kennenzulernen lieber eine Show geboten bekommen möchte, soll das buchen und bestellen. Ein Gespräch auf Augenhöhe muss showfrei funktionieren können. Wer ohne Show anderen Menschen nicht mehr gegenübertreten kann, sollte noch mal überdenken, was er hier und anderswo tut – und wohin genau das führen kann..
  • Die Offenheit und die Naivität. Was wollen Sie in fünf Jahren machen? – Da gibt es wohl nur zwei realistische Antworten: Erstens: Etwas, das ich aus meiner jetzigen Position und meiner aktuellen Arbeit ableiten kann. Zweitens: Die Tage in einer Hängematte am Strand verbringen. Realistisch? Ehrlich? Nüchtern? Oder engstirnig? Veränderungsresistent? Auf die Komfortzone bedacht? Ach Kinder…
  • Ziele und Horizonte. „Ein interessanter Job für mich ist…“ Gegenfrage des Kommittees: „Und wenn das nicht eintritt?“ Leute, Dinge geschehen nie so, wie man sie sich wünscht. Ihr wolltet einen Plan von mir hören, ihr habt einen bekommen. Zu wenig visionär? – Das führt uns ein paar Schritte zurück, zur Frage von Innovation und Lösungen oder von ausreichender oder zu geringer Sachkenntnis. Deshalb möchte ich ja diesen Job machen – weil ich besser darin bin als Du. Oder jeder andere. Das sind für mich Argumente.
  • Offenheit und Naivität. Erwartet man von einem Erwachsenen Menschen wirklich die Einstellung: Ich bin offen für alles? Durchaus – die drückt sich aber nicht durch solche Behauptungen aus, sondern durch Handlungen, durch gelieferte Leistungen, nicht bunte Träume von dem, was ich später einmal machen möchte.
  • Anzünden vs. Umsetzen. Bist Du eher ein Starter oder ein Erhalter? – Ich fühle mich definitiv beim Aufbauen wohler, es ist mir aber auch wichtig, Dinge umzusetzen. – Also brauchst Du angreifbare Ergebnisse? – Ja, deshalb arbeite ich auch nicht nur in einer Agentur. Aber für echte Routinetätigkeiten gibt es sicher bessere… – Mir kommt vor, Du hast keine Visionen, Du bist nicht wirklich bereit, Dich auf Neues einzulassen… – Häh?

Ich habe in diesen Zwanzig-Minuten-Sessions viel gelernt. – Vor allem eine radikale Bestätigung einiger Behauptungen, die ich schon vor längerer Zeit aufgestellt habe: „Ich verstehe Sie nicht, Sie verstehen mich nicht – Das ist die beste Voraussetzung für ein gutes Gespräch“. Nachzulesen im Agents Manual . Die Herausforderung dabei ist, selbst auch immer zu hinterfragen. Das Gemeine dabei: Je weniger man selbt sachlich durchsetzen muss, je eher man sich auf einer Lobbying-Ebene bewegt, desto leichter geht das. Desto weniger ist man allerdings auch auf diese Art der Verständigung angewiesen: Irgendjemand anderer wird’s schon machen. – Ahnungslose Manager sind Informationsdurchlaufposten, deren Aufgabe es ist, den für den Job passenden Leuten nicht im Weg zu stehen. Das ist eine durchaus angemessene und ehrenvolle Aufgabe, die sich noch einiges an Respekt verdienen kann. Und wenn sich diese Ansicht einmal durchgesetzt hat – schlag nach in diversen Enterprise 2.0-Ratgebern – werden Spezialistenkarrieren erst richtig spannend.
Eine zweite Behauptung: „Nur die Oberfläche zählt.“ Nachzulesen in „Wie die Tiere“. Warum? Wir arbeiten immer nur mit auf Indizien beruhenden Vermutungen. Die Indizien sind das, was wir selbst steuern und gestalten können. Unsere Macht hört aber direkt dort auf, wo der andere beginnt. Jeder sieht immer nur seine Welt, in der der andere eben eine Summe von Indizien ist. Das heisst einerseits: Wir haben recht viel Kontrolle darüber, wie wir wahrgenommen werden – wir legen es einfach auf den Tisch. Andererseits heisst es auch: Theaterdonner erhöhte die Chancen – wer dick aufträgt, ist dick da. Fraglich sind allerdings Dosierung und Respekt: Dick auftragen bedeutet, den anderen für blöd verkaufen. Ich liefere die Show, du hat möglichst wenig Anhaltspunkte. Und dabei zeigen viele Auftritte nur zu deutlich, dass sie sich eher an Präsentationslehrbüchern als am aktuellen Publikum orientieren: Ich liebe die vielen Berufsvortragenden, die alle immer am Abend vorher das eine einschneidende Erlebnis hatten, das sie jetzt brühwarm erzählen können, die alle voriges Jahr im Urlaub dem einen Beduinen begegnet sind, der ihnen diese eine Weisheit mitgegeben hat, oder die gerade von dem einen Kunden kommen, bei denen es ihnen wie Schuppen von den Augen gefallen ist. – Ich schlafe bei solchen Mätzchen augenblicklich ein, muss dringend aufs Klo oder telefonieren und streiche die Leute von meiner Liste ernstzunehmender Gesprächspartner.
Damit bleibt immer ein Restrisiko in der Kommunikation; Sinn und Bedeutung entstehen immer erst im nachhinein. Umso wichtiger ist es, die Klischees der anderen zu kennen: Woran glauben sie, in welchen Rahmen argumentieren sie, was gilt? – Es gelten immer nur Klischees; was diesen Klischees nicht entspricht, stimmt nicht. Das ist eines der Grundgesetze von Medien (egal in welcher Form) und auch ein – allerdings krankhaftes Symptom – organisationsinterner oder persönlicher Kommunikation. Es ist praktisch unmöglich, über Innovation und Kreativität zu reden, wenn kreativ mit Leuten verbunden wird, die bunte Brillen tragen, oder wenn Innovation mit Vision verwechselt wird – je irrealer und nutzloser, desto innovativer? – Praktisch unmöglich, darüber zu reden, aber immer noch gut möglich, zu handeln.

Zu guter Letzt: Genau deshalb, in diesem Spannungsfeld aus Klischees, fremden Vorstellungen, Vorurteilen, und fremden Welten, sind Social Media wichtig. Sie sind ein Mittel, Dinge anzusprechen, Eindrücke vorzubereiten, Material bei der Hand zu haben und Feedback abzutesten. Wieder mal leicht überspitzt: Ich wünsche mir mehr Stalker. Google- oder Facebookstalking ist eine konstruktive Kommunikationskultur; weit konstruktiver als das Kochen im Saft der eigenen Vorurteile. Aber das ist eine andere Geschichte, an der ich gerade arbeite.

War’s also ein Sch***tag? Mitnichten; ich habe das Wochenende lachend verbracht. Warum? Beim abendlichen Frustpräventionseisenbiegen im Fitnessstudio sind mir meine Freunde Dragan und Ümit entgegengekommen, die mich mit ihren 30 bis 40 Kilo mehr Lebendgewicht immer liebevoll als magersüchtiges Biafrakind verspotten und mich zum Essen nötigen. „Vorbildlich“, haben mir beide beim obligatorischen Vortrainings-Shakehands gesagt, „Vorbildlich“ – weil ich, in der einen Hand eine Banane, in der anderen einen Müsliriegel, eigentlich keine Hand zum Shaken frei hatte. So einfach gehts. Der eine erkennt nach zwei Jahren die Leistung nicht, sodass man sich direkt meischbergerisiert fühlt, der andere würdigt präzis die kleinen Schritte. Mag auch daran liegen, dass Dragan und Ümit in dem, was sie tun, Experten sind.
Und ausserdem hatte das Freitagsfrühstück seinen eigenen Lichtblick. Aber den teile ich nicht… 😉

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