Leben mit Wertenomaden


Wertenomaden „Ich bin ein Praktiker“, sagt die Dame neben mir, die seit zwanzig Minuten telefoniert, „Ich halte das nicht aus wenn sie nur theroretisch quargelt, da kommt sie mit Akupressur und Homoeopathie und Kritik am Schlankheitswahn – ich will mir das Gequargel nicht anhoeren, ich will wissen, was ich tun soll.“ Der aktive Mittelpunkt der Welt spult Tasks nach klaren Vorgaben ab; „Ich will“, „Ich bin“ – und weist gleichzeitig jede Notwendigkeit der Initiative weit von sich. – Das Beharren auf Rechten ist immer zugleich das Eingestehen von Schwaeche.

„I Hate Facebook“ – in der T-Shirtstrecke der aktuellen Ausgabe des Magazins The Gap praesentiert ein Nachwuchsdesigner ein T-Shirt mit diesem Spruch und erklaert: „Dieses T-Shirt habe ich entworfen, weil das Phänomen der Internet-Foren viele Menschen betrifft. Ob User oder Nicht-User, mit diesem Shirt können sich meist beide Gruppen identifizieren: Die einen, weil virtuelle Freunde und Aktivitäten für sie keinen Wert haben; die anderen, weil sie bald bemerken müssen, zu welchem fast schon süchtig machenden Zeitfresser Facebook innerhalb kürzester Zeit mutiert und das wirkliche Leben überwuchert.“ – Wo ist das richtige Leben? In Buechern, die seit Jahrhunderten Zeit und Leidenschaft fressen? Im Beruf, im Sport, auf der Party – wo wir versuchen, etwas zu werden, das wir nicht sind, wo wir bemueht sind, mehr zu scheinen, als wir sein werden? In der direkten persoenliche Interaktion, im vertrauten Umfeld, das uns zu keine Verstellung noetigt? Dort, wo wir einfach sagen, was uns gerade durch den Kopf geht, ohne Ruecksicht auf Wirkung, Verstaendlichkeit oder genauen Inhalt – also wie in Facebook? Nur – sind wir dort nicht auf Repraesentation, Selbstdarstellung, Aussenwirkung und unsere Autoritaet („das habe ich entworfen…“) bedacht – so wie im richtigen Leben?

„So kann ich nicht arbeiten“ , sagt der Html-Designer. „Ich brauche klare Vorgaben und fixe Designs, sonst muss ich am Ende jeden Handgriff drei Mal machen.“ – Irgendwer muss die Arbeit machen. Derjenige, der den kreativen Prozess gestartet hat und Ideen vorgibt, derjeinige, der den Ideen Form und Aussehen gibt, derjenige, der dafuer sorgt, dass sie funktionieren und fuer die Anwender verstaendlich sind? Das ist eine Frage des Selbstverstaendnisses und der alltaeglichen Faulheit, die so selbstverstaendliche und erstrebenswerte Zustaende wie Teamarbeit in weite Ferne rueckt und tatsaechlich zur Abschiebung von Arbeit und Aufgaben fuehrt. Wo es „Wir“ und „Die“ gibt, gibt es immer auch die Moeglichkeit, Positionen und Perspektiven zu wechseln und jeder Notwendigkeit, jeder Gueltigkeit auszuweichen.

Sturheit schafft Raum fuer Flexibilitaet

„Wir“ sind „uns“ sicher. Hinter dieser kollektivistisch anmutenden Behauptung liegt pure egozentrische Flexibilitaet: Aus dem Ich ein Wir zu machen, verbreitert die Basis der persoenlichen Anschauungen und Vorlieben, verlagert die Ursache ihrer Schwankungen und Wankelmuetigkeit nach aussen und versucht, aus der eigenen Schwaeche Kapital zu schlagen. Je mehr wir sind, desto leichter faellt es uns, Positionen zu wechseln, desto groesser ist der Spielraum, innerhalb dessen wir uns bewegen koennen, ohne uns erklaeren zu muessen.

Was wir als „Ich“ annehmen, und zu einem „Wir“ abstrahieren, was wir als Menge individueller Ideen, Entscheidungen, Einstellungen sehen, ist eine Kombination von uns unabhaengiger Wertesysteme. Unabhaengig bedeutet dabei nicht, dass diese Systeme ohne uns oder andere Traeger existieren koennen – nur sind es nicht unsere. „Jeder“ kennt sie, jeder benutzt sie – das „ich“ ist kein individuelles, sondern ein kollektives.
Und was heisst diese Auflistung abstrakter Komplikationen?

  • Wir stehen immer in Beziehung zu Wertesystemen, die unseren Aussagen und Handlungen Sinn geben.
  • Diese Systeme gehoeren nicht uns, sie beziehen sich nicht auf uns. Unsere Position in diesen Bezuegen wechselt.
  • Wir springen laufend.

Einer einzigen Person ist es moeglich, in einem Leben (die Aufzaehlung ist willkuerlich, aber real)

  • aktives Mitglied der evangelischen Kirche zu sein
  • hartnaeckig Karriereziele zu verfolgen
  • in Wirtschaftsnetzwerken ueber dringend notwendige sozialpolitische Massnahmen in Indien und der arabischen Welt zu diskutieren
  • islamische Kopftuecher abzulehnen und bei Bau von Moscheen in Westeuropa ein gewisses Unbehagen zu empfinden
  • leidenschaftlich ueber Nagellack, Schuhe und Ausverkauf zu diskutieren
  • Selbstbestimmung und Unabhaengigkeit als Werte hochzuhalten
  • sich eine klassisch-romantische Beziehung zu wuenschen
  • Wochenendtrips entlang von Touristenpfaden zur Erhaltung der geistigen Flexibilitaet und Erweiterung des Horizonts zu unternehmen

Als einfacheres Beispiel: Bewohner autofreier Siedlungen in der Stadt unternehmen am Wochenende mit dem gesharten Mietauto einen Ausflug in den Nationalpark. – Dort wo man kein Auto braucht, keines zu besitzen, ist keine Errungenschaft. Auf der anderen Seite ist es dem Nationalparkbewohner (egal ob pflanzlich, tierisch oder menschlich) egal, ob der Verkehr kommerziell motiviert ist oder ob es sich um ein oekologisch korrektes Leihfahrzeug handelt. Vom ideologischen Blickwinkel aus betrachtet mag der Unterschied groesser nicht sein koennen, vom momentanen Effekt her sind sie genau gleich.
Wir muessten ueber die ganze Geschichte bescheid wissen, um die Dinge so einschaetzen zu koennen, wie unser Gegenueber das gern moechte.

Blinde Flecken als Basis unserer Ueberzeugungen

Die Diversitaet ist dabei oft wenigen klar. Im Moment zaehlt eine Variante, eine bestimmte Perspektive. Wir vertreten sie, als gaebe es nichts anderes, oft ohne uns dessen bewusst zu sein. Die blinden Flecke dabei sind mobil: „Die Situation der Frauen in Indien ist schrecklich“, sagt A. als Zusammenfassung ihrer Vorbereitung einer Indienreise im Herbst. Sie wird dort unter anderem eine traditionelle indische Hochzeit besuchen; das Event wurde vom Veranstalter fuer die Reisegruppe eingeplant.
„Asiaten sind irgendwie duemmer als wir“, sagt B., die sich in einem internationalen Netzwerk um ihre Karriere kuemmert. „Aber irgendwie fleissiger. “ Sie „weiss“ das, weil sie sich im Netzwerk um die Koordination von Veranstaltungen zur Foerderung von Toleranz uind Offenheit bemueht.

Wir wechseln leicht Positionen und Einstellungen, sind mit uns dabei nachsichtig – und koennen das auch noch erklaeren. Alles ist eine Frage der Perspektive und des Wertehintergrunds, den wir fuer uns und unsere Umgebung voraussetzen. Dumm? Ignorant? Intolerant? – Wir doch nicht! Es muss moeglich sein, seine Meinung zu auessern, dann ist man immerhin wenigstens ehrlich. Eine Einstellung, die Berufskraftfahrer und Carsharer, unpolitische Sozialfreaks, dauerredende Mueslis und Neonazis, die „Meinungsfreiheit statt Redeverbot“ plakatieren, friedlich miteinander teilen koennen.
Alle reden vom gleichen, unter Verwendung der gleichen Worte.
Warum teilen sie dann nicht?

Sie besetzen aehnliche Werte temporaer und kommen dabei aus verschiedenen Richtungen. Niemand kann und will auf nur das festgenagelt werden. Jeder hat Vorbedingungen, Perspektiven, Abhaengigkeiten und eine Geschichte. Jeder ist in Bewegung.

Vorausgesetzt wie das Brett vorm Kopf

Nichts von dem, was wir sagen, kann ohne Voraussetzungen und Vorbedingungen verstanden werden, nichts ist so klar, wie wir es uns in dem Moment, in dem wir davon ueberzeugt sind, gern ausmalen. Dann prallen Werte aufeinander – mit donnernden Geraeuschen wie Bretter vor den Koepfen, die geraeuschvoll aufeinander schlagen.
Das Entsetzen ueber ploetzlich klaffende Wertedifferenzen ist umso groesser, je weniger Differenzen beachtet wurden, je mehr Gemeinsamkeit vorausgesetzt wurde.
Ein Beispiel: Die Wiener Gruenen luden im Vorwahlkampf 2009 zur Beteiligung ein, Mitbestimmung, Buergereinfluss, breite Beteiligung und Vernetzung waren die promoteten Maximen. Gruenwaehler, Onlinemedien und Unterstuetzer promoteten die Aufrufe und sagten ihre Beteiligung zu. Dann folgte die grosse Ueberraschung: Es gehe nicht um Beteiligung und crowdgesourcede Themensetzung, sondern um Bewerbung und Auswahl. Absagen an langjaehrige Unterstuetzer riefen Befremden und Enttaeuschung hervor, wie sie durch jahrelange Ignoranz nicht besser haetten erzeugt werden koennen.
Die Erwartungen muessen drastisch unterschiedlich gewesen sein – waehrend eine Seite Beteiligung, Offenheit und Transparenz als Wert hinter der Zusammenarbeit vermutete, ging es der anderen Seite offensichtlich schon um Zielorientierung, Geschlossenheit und straffe Organisation.
Ein anderes Beispiel: Ist es Marketing oder ist es Kommunikation? Die Vertrauensfrage in Onlinemedien fuehrt immer wieder zum gleichen Problem: Natuerlich findet in neuen Online-Medien offene Kommunikation, und natuerlich hat sie ein Ziel. Das muss nicht direkt und zwangslaeufig Umsatz sein, das kann auch Reputation, Reichweite oder schlicht Unterhaltung bedeuten. Der soziale Faktor dabei bedeutet Vernetzung – einerseits als Absicherung, vertrauensbildendes Umfeld, Verlaesslichkeit, andererseits als Multiplikator, Zielgruppenbeschaffer und Empfehlungsmechanismus. Dahinter steckt nicht zwangslaeufig ein Widerspruch – es sei denn, die Erwartungshaltung wird mit Werten verknuepft. Was soll in Online-Medien vermittelt werden, wie sollen Social Media genutzt werden? Wie sozial soll „social“ sein? Venkatesh Rao fasst die unterschiedlichen Erwartungen im Enterprise 2.0-Blog sehr lesenswert zusammen – umso lesenswerter uebrigens aufgrund der lustigen Konnotationen eines Amerikaners mit dem Wort “socialist”.

Nomaden sind scheinbar kontextlos

Es steht also nichts fuer sich; Sinn ergibt sich in Bezuegen und diese wechseln. Das erleichtert Kommunikation nicht gerade; was bedeutet dieser Hintergrund im Zusammenhang mit Online-Medien?
Wo wir praesent sind, koennen wir unsere Aussagen unseren Horizont mitgeben; wir haben immer wieder die Gelegenheit klarzumachen, was das sein sollte. Wir haben Mittel, unsere Aussagen zu unterstreichen – durch das Umfeld, die Wahl von Zeit und Ort, unsere Stimme, Kleidung. Wir koennen Adressaten und deren Reaktion direkt miteinbeziehen. Auch in der direkten Interaktion wissen wir nicht, von welcher Oase unser Gegenueber gerade kommt und wo er sich gerade befindet, wir koennen nicht voraussetzen, dass es zwischen unseren Werteuniversen gerade konkrete Beruehrungspunkte gibt.
Bei zeitlich und raeumlich distanzierten Kommunikationsformen kommen uns diese Moeglichkeiten noch weiter abhanden. Wir verlieren Kontext und Gestaltungsmoeglichkeiten, wir verlieren direkten Zusammenhang. Wir haben viele Moeglichkeiten, in schnelleren Zusammenhaengen und kuerzeren Intervallen genauer zu reagieren, aber wir haben keine Absicherung, wo wir Gemeinsamkeit voraussetzen koennen, um zu beginnen. Es bleibt eben nur, irgendwo anzufangen und sich weiterzutasten. Wir bringen weniger mit, aber wir koennen mehr bekommen.

Respekt fuer das andere ist eine Herausforderung. Um so mehr, wenn wir das andere in seiner Beweglichkeit, Vielfalt – und in uns selbst akzeptieren wollen. Je beweglicher wir sind, desto mehr muessten wir wissen, desto mehr Kontext muessen wir miteinbeziehen. Flexibilitaet macht hier weniger unabhaengig – sie belastet und bringt mehr Abhaengigkeiten mit, ueber die wir bescheid wissen muessten. Das ist Konjunktiv. Denn was zaehlt, ist immer nur die momentae Oberflaeche – wir wissen das, was wir hier uns heute sehen koennen.

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