„Was machen wir hier eigentlich?“ – Bruno Latours „Existenzweisen“

Philosophie in Tabellenform – Bruno Latour macht es seinen Lesern auf 700 Seiten nicht leicht.


Schon nach den ersten Zeilen war ich etwas abgelenkt. Bruno Latours großes Philosophieprojekt beginnt im gleichen Setting wie Walter Wippersbergs Mockumentary „Das Fest des Huhnes“.
In Wippersbergs Film macht sich ein Team afrikanischer Dokumentarfilmer und Forschungsreisender auf, um die unentdeckte Wildnis Oberösterreichs zu entdecken. Sie begegnen dabei Zeltfesten, Feuerwehrkommandanten, Maibaumritualen, Kirchen und Prozessionen. Alles aus einer streng neutralen, unvoreingenommenen Perspektive erzählt – so unvoreingenommen, wie eben Dokumentationen nun mal sind. Allein die drei Minuten ab hier könnte ich mir immer wieder tagelang ansehen.

Latours Gedankenexperimente

Bruno Latour versucht es nun mit einem ähnlichen Gedankenexperiment: Er schickt eine beobachtende Anthropologin auf die Reise, um die Regeln, Rituale und eben die Existenzweisen der Modernen zu erforschen. Die Modernen sind dabei eine Gesellschaft, ein Menschenschlag, der sich scheinbar weit von traditionellen Zwängen und Kulten entfernt hat, es sind Menschen, die in ihrer Eigenwahrnehmung rational und zweckorientiert handeln und dabei möglichst auch demokratische Zweckorientierung suchen.
Und nein, das Ergebnis ist keineswegs satirisch oder anderweitig leicht vorhersehbar; es geht nicht darum, Entfremdung aufzuzeigen oder aus einer vermeintlich naiven (und meist doch voreingenommenen) Perspektive Fehlentwicklungen zu entlarven. Latour meint es ziemlich ernst. Auf über 700 Seiten entwickelt sich in seinem Text ein komplexes Tabellensystem aus verschiedenen Existenzweisen, dominierenden Handlungsweisen und argumentativen Leitbildern, mit dem er vor allem die Vielschichtigkeit des Konstrukts illustriert, das man oft so gemeinhin und scheinbar einfach als „Moderne“ bezeichnet.
 
Das gerät manchmal ziemlich spekulativ, manchmal extrem abstrakt, schwer verständlich und sehr auslegungsbedürftig. Der Interpretations- und Diskussionspielraum ist dabei Teil des Plans: Gleichzeitig mit dem Buch wurde eine Onlineplattform veröffentlicht, auf der seither weitergeforscht wird. Der Buchveröffentlichung (Französisch 2012, Deutsch 2014) folgten einige Jahre intensiver Konferenzen; Notizen dazu und ausführlicherer Blogbeiträge vervollständigen seither die Tabelle. Seit 2016 ist es dort allerdings ziemlich still geworden.

Diverse Rationalitätsformen

Dem Buch gehen 25 Jahre Arbeit voraus; 1991 erschien Latours „Wir sind nie modern gewesen“; „Existenzweisen“ liefert gewissermaßen nachträglich einiges an Argumentation und Erklärung dazu, verpackt in fiktive Feldforschung und mathematisch-logische Modelle, die sich vor Schlussfolgerungen hüten.
Gegen Ende des Buchs bricht Latour dann allerdings mit seinem eigenen Modell. Er verlässt den Beobachtungsposten und bezieht Position.
In diesen letzten Kapiteln geht es um mathematische, rechnende Existenzweisen, um jene Argumentationskreise, in denen die stimmige Rechnung als Inbegriff von Rationalität gilt – und Rationalität als unbestrittene Königsdisziplin der Menschlichkeit. Latour verlässt seinen Beobachtungsposten, fällt seiner Anthropologin ins Wort und wird parteiisch. Rechnende Rationalität, so Latour schon vorher an mehreren Stellen seines Textes, ist der neue Fetisch jener, die sich gegen Fetische wenden. Berechenbarkeit und Präzision ersetzen Glaubensfragen, die Allwissenheitskonzepte voraussetzen, und sie gipfeln in zwei praktischen Anwendungen: Die eine ist Wissenschaft, die andere Wirtschaft. Mit der Beobachtung von Wissenschaftern beginnt Latour sein Buch, mit der der Wirtschaft schließt er es. Der Unterschied könnte größer nicht sein: Wissenschaft ist ein Rationalitätsmodell, das möglichst ohne Voraussetzungen und Schlussfolgerungen arbeitet. Es liefert Fakten und Zusammenhänge. Der Rest ist Interpretation. – Das ist schlecht für die Autorität dieses Modells: Fakten können für alles mögliche verwendet werden, und von Zusammenhängen zu Kausalketten (mit denen Ereignisse prognostiziert und gesteuert werden können) ist es ebenfalls ein weiter Schritt. Die Folge: Wissenschafter sind eher Randfiguren, die Information liefern, aber nicht in die Ereignisse eingreifen, die manchmal um ihre Meinung gefragt werden, deren Informationen aber nur unverbindliche Empfehlungen bleiben. – Das ist auch einer der Ausgangspunkte, von denen aus Latour das Rationalitätsselbstverständnis der Modernen zu zerlegen beginnt.
Ganz anders im Dunstkreis der Wirtschaft: Hier schafft Rationalität nicht nur die logischen Regeln, sondern auch die des Erfolgs. Diese Regeln schreiben diejenigen, die es können, stets im Rahmen der Rationalität, die hier ihre Beweglichkeit beweist: Es ist genauso vernünftig, auf den eigenen Nutzen zu achten, wie es vernünftig ist, auf dass Gemeinwohl zu achten. Beides lässt sich zum Prinzip erheben, beide Prinzipien können fast wortgleich und unter Berufung auf die gleichen Werte argumentiert werden.
Latour schließt daraus dann, dass es andere Orientierungsprinzipien braucht. Auch die Modernen ruhen nicht in sich, sie bewegen sich nicht in einem voraussetzungslosen Raum und können auch nicht alle notwendigen Voraussetzungen aus sich selbst oder aus der Rationalität schaffen.
Auf der Suche nach diesem Prinzip ist Latour dann ziemlich schnell: Götter kann es viele oder keinen geben; Religion ist daher kein verlässliches Prinzip. Erde dagegen gibt es nur eine. Latour zieht hier einen Gedanken von Sloterdijk heran – im übrigen mit einem der schönen und seltenen Begriffe, die es nicht einmal bei Google zu finden gibt (es gibt also auch keine näheren oder auf den ersten Blick überprüfbaren Verbindungen zu Sloterdijk). Diese Begriff ist „Monogäismus“. Es gibt nur eine Erde, Menschen brauchen die Erde – also sollte die Erde diejenige sein, die die Regeln festlegt und um die sich alles dreht.
Schließlich ist es auch die Erde, die zumindest dem ökonomisch orientierten Rationalitätsprinzip gerade Grenzen aufzeigt und ihm eine andere Richtung gibt: Zumindest die Idee mit dem Wachstum, das alles wieder gut macht, kann so wie bisher nicht mehr auf die Dauer funktionieren – irgendwann sind die Möglichkeiten der Erde ausgeschöpft.
Latour wird hier nicht wirklich konkreter. Der Gedanke bleibt eine Anregung, bringt aber doch eine moralische Dimension in die Diskussion, die bislang vermieden wurde.
 
Eingedenk diese Stil- und Argumentationslinienbruchs ist es vielleicht auch passend, dass das Argument mit nur einer Erde möglicherweise nicht mehr ganz so gesetzt ist wie vor wenigen Jahren. Raumfahrt zu Tourismuszwecken und der Mars rücken näher. Und dabei – noch einmal passender – sind eher wirtschaftliche als wissenschaftliche Akteure die treibenden Kräfte. Natürlich ist die Marskolonisierug nicht ohne Wissenschaft denkbar. Aber einmal mehr liefert sie hier die Grundlage – und es sind andere, zweckorientierte Formen von Rationalität, die diese Grundlagen in umsetzbare Maßnahmen übersetzen. Zumindest nach den heute vorherrschenden Regeln.
Und genau das ist das Themenfeld, in dem Latour zum Denken anregt.
 

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