Megaupload, Insidertrading und Copyrights: Information ist nicht frei

Information ist weder frei noch teilbar. Zumindest dann nicht, wenn wir so naive Konzepte wie Wahrheit hochhalten, messbare Erfolge beobachten wollen und ökonomischen Nutzen erzielen möchten. Information ist nur frei, solange jemand dafür bezahlt. Ist das ein Widerspruch? – Peanuts im Vergleich zu unserem sonst flexiblen Umgang mit Information, Bedeutung und Wahrheit. Beispiel? – Wofür sitzt Kim Schmitz eigentlich gerade ein? Ein kurzer Exkurs zum Wert von Information, Exklusivität, Wahrheit Copyright und Insidertrading.

(Pic: tudeluundtudela)

Vom Fass ist die Grübelecke von der-karl.net. Hier vermischen wir monatlich abstrakte Probleme mit konkreten Ereignissen. Vom Fass bezieht sich zwar auf etwas anderes, aber womit könnte man schöner beginnen, als mit einem Schwergewicht.

Du sollst die Wahrheit sagen. Und die Wahrheit soll auch wahr sein. – Das ist eine der naiven Anforderungen, auf denen Rechts-, Wirtschafts- und Sozialsysteme beruhen.
Falschaussagen und Betrug sind recht simple Folgefälle: Jemand ist davon überzeugt, dass jemand anderer eben nicht die Wahrheit gesagt hat, und kann jemand anderen, der darüber entscheiden soll, davon überzeugen.
Wahrheits- und informationstechnisch betrachtet gefällt mir der Vorwurf des Insiderhandels weit besser: Jemand hat einen Informationsvorsprung und wäre verpflichtet, den zu teilen, tut es aber nicht, sondern nutzt ihn nur zu seinem eigenen Vorteil. – Hat das auch mit Wahrheit zu tun?
Da steckt Musik drin:

  • Banken und Informationsdienste sind ernsthaft der Meinung, dass sie Information besitzen, bewerten, sie verteilen können und daraus auch noch ein Geschäft machen. – Ich war ehrlich überrascht, dass das auch heute noch in Banking-Lehrbüchern so gelehrt wird.
  • Dem Gesetz von Allmacht und Ohnmacht folgend wird dann dem in der einen Perspektive unfähigsten Investor, Businessowner oder Manager unterstellt, diese oder jene Entwicklung schon lange vorhergesehen zu haben.
  • Und schliesslich gehört eine gehörig vereinfachte Sicht auf Ursache und Wirkung dazu: Weil diese Information nicht verteilt wurde, kam es zu dieser Entwicklung, oder weil sie nicht stimmte, war ja klar, dass alles platzen musste.

Das bringt mich zu einem meiner fast schon nostalgisch rührenden Lieblingsfälle: Kim Schmitz sitzt wieder mal ein. Der schwergewichtige Unternehmer, der schon zu Zeiten, als wir armseligen Pseudopioniere noch stolz darauf waren, so fortschrittliche Tools wie Netscape 4 zu nutzen, seine ersten 200 Cybermillionen verdient haben wollte, wurde auf Grund von Copyrightproblemen mit seiner Storage- und Filesharing-Plattform Megaupload in Neuseeland festgenommen.
Jetzt ist es nicht nur bemerkenswert, dass man immer nur dann von Schmitz‘ Erfolgen hört, wenn sie an der Kriminalität streifen und so eben noch einmal gehörigen PR-Schub bekommen. Schmitz hatte selbst schon einmal Probleme mit Insidertradings. Seine 2001 groß angekündigte Rettungsaktion für das Onlineauktionshaus letsbuyit.com liess die Kurse in die Höhe schnellen und erfüllte so eigentlich ihren Zweck – fand dann aber nie statt. Der Kurs stürzte wieder ab, Schmitz, der zuvor noch in der Harald Schmid Show gefeiert wurde, tauchte ab, und wurde später in Thailand verhaftet. – Auch der Hang zu exotischen Kriminalschauplätzen ist beachtlich.

Die Grenze zu „normalem“ Trading ist dünn. Wenn eine Investitionszusage die Kurse steigen lässt, ohne dass es tatsächliche Investitionen braucht – ist dann nicht die Zusage allein das ausschlaggebende Moment? Wie unterscheidet sich dieser Sachverhalt von Garantien und Rettungsschirmen, wie sie Staaten derzeit aufbauen? Und warum ist Schmitz der Vorwurf zum Verhängnis geworden, genau das gleiche gemacht zu haben, wie alle anderen – nämlich zu versuchen, von künftig (kurzfristig) steigenden Kursen seines Investitionsobjekts zu profitieren?
Letztlich heisst das dann: Die unterstellte Absicht – Schmitz habe nie investieren wollen, sondern nur von den Gerüchten profitieren – wurde stärker bewertet als die realen Effekte (der Kurs stieg, Geld kam ins Unternehmen).
Rechts- und Wirtschaftssysteme sind voll von solchen Kopfständen.
Trading spielt immer mit Informationsdefiziten. Je scheinbar offener und freier Information ist, desto schwerer ist es solche Defizite festzustellen – es fehlt an Kontrast. Sie erfüllen ihren Zweck trotzdem: Sie können gehandelt werden.
Der Informationsphilosoph Luciano Floridi arbeitet daran, Information als neues zentrales Paradigma der Gegenwart zu etablieren. Drehten sich philosophische und religiöse Konzepte früher um Begriffe wie Götter, Erkenntnis oder Sprache, so ist jetzt Information das zentrale Thema.
Information ist spätestens auf den zweiten Blick aber nichts besonders Greifbares: „Logical deductions, which can be analysed in terms of tautological processes, also fail to provide any information“, ist eines der schönsten Paradoxa. dem wenig entgegenzusetzen ist. – Der arme Kim: Es wäre also gar keine Information gewesen, hätte er seinen Plan tatsächlich umgesetzt. Es war aber sehr wohl Information, dass der Letsbuyit-Kurs trotzdem – und das entgegen der Logik – stieg.
Oder doch nicht?

Information steht auch im Ruf einer weiteren Besonderheit: Es sei ein Wert, der durch teilen nicht weniger, sondern mehr werde. Auch darüber lachen die (Insider-)Trader.
Wieder mit Floridis Worten: „Information has three main properties: non-rivalrous, non-excludable, zero marginal cost“ – Und warum dann das ganze Theater? – Weil wir noch lange nicht so weit sind. Das sind, deshalb führt er ja so schon durch diese Diskussion, die Geschichte hinter Kim Schmitz‘ aktueller Verhaftung: Die Domain megaupload.com wird von so vielen hübschen Weisskopfseeadlern geziert, dass das ganze schon wieder nach Fake aussieht. – Wenn ich eine comedymässig übertriebene Version einer gerichtlich geschlossenen Seite designen müsste – es wäre genau das. Schmitz sitzt zur Zeit, weil seine offiziell dem Informationsaustausch und -storage gewidmete Seite für den freien Austausch unfreier Information genutzt wurde. Abgesehen von der Frage der Information auch ein interessanter Fall – meines Wissens einer der ersten Fälle in der Größenordnung – in dem der Diensteanbieter für die Art der Nutzung seines Dienstes verknackt werden soll….
Information eignet sich aber schliesslich auch deshalb als neuer Leitwert, weil an der Grenze dieses Begriffs unterschiedliche Welten besonders krass auseinanderlaufen.

  • Information ist einerseits so wichtig und wertvoll, ideell betrachtet, dass sie frei sein muss.
  • Andererseits kann ihr kommerzieller Nutzen so praktisch sein, dass sie nicht frei sein darf.
  • Und das wieder ist letzten Endes Garant dafür, dass Information relevant bleibt.

Ein Beispiel? Ratingagenturen sind heute in aller Munde. Sie sammeln, analysieren und bewerten Information – weit weg von den Schauplätzen und wichtigen Werten, kann man meinen. Aber umso effektiver: Zinsen und Markprognosen sind selffullfilling prophecies, die nichts als sich selbst brauchen, um sich zu entfalten. Insidertrading im grossen Stil, gewissermassen.

Information, lernen wir daraus, ist wichtig. Den einen macht sie reicht, den anderen bringt sie ins Gefängnis. Das kann im Lauf weniger Jahre auch ein und dieselbe Person sein. Information ist umso wertvoller, je andersartiger sie ist, damit ist sie, trotz der vermeintlich grenzenlosen Teilbarkeit, den gleichen Marktgesetzen unterworfen wie ein Apfel. – Und das hat dann noch nicht notwendigerweise mit Wahrheit zu tun.
Das ist kein Nachteil für Information, kann aber ein Problem für die werden, die auf Information angewiesen sind. Freie Information hat ein ähnliches Problem wie Free Software: Frei kann gratis heissen, muss es aber nicht.
Nicht zuletzt deshalb habe auch ich mich wieder entschlossen, wieder mehr für Information und Medien zu bezahlen. Bis jetzt habe ich geduldigerweise Kirchenbeitrag bezahlt – das werde ich ändern und das frei werdende Geld in Magazin-Abos stecken. Auch wenn die Information frei verfügbar ist – sie ist das nur, solange jemand dafür zahlt.
Das ist dann mal eine praktische realökonomische Konsequenz eines abstrakten Exkurses.
Und Kim Schmitz? – Das wird schon wieder, ich bin überzeugt. (Und danke für die Inspiration…)

You may also like

Leave a comment