Was wollt ihr von mir? Das unternehmerische Identitätsproblem

Der Klassenfeind feiert seine Wiedergeburt.
Ich habe ein Identitätsproblem. Ich erkenne mich schon noch im Spiegel, ich weiß meinen Namen und fühle mich heute früh auch noch als der, der gestern Abend eingeschlafen ist.
Aber wenn ich darüber nachdenke, was ich geschäftlich mache, bin ich verwirrt. Und das liegt nur zum Teil an systemimmanenter, also eigener, Planlosigkeit. Dieses Gefühl entsteht meistens dann, wenn ich zu verstehen suche, mit welchen Bildern im Kopf verschiedenste politische Farben versuchen, Unternehmer zu umgarnen.

Auf Entdeckerreise: Unbekannte Unternehmertypologien

  1. Da gibt es die, die Ein-Personen-Unternehmen super finden. In der Sicht der einen werden EPUs dabei zu armen ausgebeuteten Hascherln, verirrten Seelen, die – seien es jetzt Tagelöhner oder Ziegelarbeiter – staatliche Fürsorge brauchen. In der Sicht der anderen sind es heldenhafte SelbstausbeuterInnen, sie unter dem verhandelten Mindestlohn von 1500 € dahinvegetieren und auch gar nicht mehr möchten. Für wieder andere sind es Menschen, deren herausforderndstes Problem in der Entscheidung besteht, ob man heute mehr als eine Unterhose anziehen soll und ob man am Küchentisch, auf der Couch oder vielleicht doch mal im Kaffeehaus arbeitet.
    Verbreitungsgebiet: Grün, SPÖ
  2. Dann gibt es die (und die handelnden Personen sind dabei oft die gleichen wie jene in Punkt 1), die Unternehmer nur super finden, wenn sie Jobs schaffen. Produkt, Inhalt und Sinn sind ganz egal – der oder die UnternehmerIn zählt nur dann, wenn er oder sie klassische Jobs nach dem Angestelltengesetz schafft. Und sich dabei so viel Organisationskram aufhalst, dass jede genuin unternehmerische Tätigkeit garantiert unter die Räder kommt. Aber das macht nichts. Denn so wie der Lebensinhalt von Frauen darin besteht, Mutter zu sein, möchten auch Unternehmerinnen um jeden Preis von MitarbeiterInnen wegen der nächsten Gehaltserhöhung angeraunzt werden. Sonst sind wir’s nicht.
    Verbreitungsgebiet: SPÖ, Neos, ÖVP
  3. Dann gibt es die Freunde der Schattenboxer und Scheinhürdenkämpfer. Sie finden überall unglaubliche Herausforderungen, deren Existenz alleine denjenigen, der sich ihrer bewusst ist, zur Heldenfigur wachsen lassen. Da ist es noch gar nicht notwendig, sich diesen Herausforderungen zu stellen. Geschweige denn, sie zu bewältigen. Oder auch nur von ihnen betroffen sein. Da werden Einzelunternehmer oder Personengesellschaften in freien Gewerben zu siegreichen Finishern im Triathlon durch einen unüberwindbaren Bürokratiedschungel. Nicht selten dabei am meisten von jenen bewundert, die große Teile dieses Dschungels zu verantworten haben.
    Verbreitungsgebiet: ÖVP, Wirtschaftskammer, FPÖ
  4. Eine besonders kunstvolle Konstruktion ist das rechte Unternehmerbild. Unternehmer sind zugleich Teil der Ordentlichen und Anständigen, die dafür sorgen, dass in diesem Land etwas weitergeht, zugleich aber auch der Klassenfeind, der gerechten Mindestlöhnen für die Anständigen und Ordentlichen im Weg steht.
    Außerdem ist der oder die UnternehmerIn Teil einer Elite und eines Establishments, dem so ganz prinzipiell einmal eine Lektion erteilt werden muss.
    Verbreitungsgebiet: FPÖ
  5. Schließlich gibt es noch die Blumenwiesen-Unternehmer. Sie erzählen jedem von Ihrem Unternehmen (meist mit hübschem Foto, kurzer Headline und dem Hinweis „more to come“ oder „hier erfahren Sie in Kürze …“), finden nach jedem gemeinsamen Kaffee im Kaffeesud einen Hinweis mehr auf ihre großartige Zukunft („wegen genau solcher Projekte habe ich mich selbstständig gemacht“) und sind eine spezielle Untergattung jener Spezies, die „Wie werde ich mit dem Internet reich?“-Ratgeber veröffentlicht (statt „mit dem Internet“ kann man hier saisonal abwechselnd auch „mit besserem Verkauf“, „mit positiver Lebenseinstellung“, „mit Contentprodukten“ oder ähnliches einsetzen). Sie reden so viel über ihren Erfolg, dass ich mich frage, wann sie Zeit haben, erfolgreich zu sein.
    Verbreitungsgebiet: JunggründerInnen, „Start-Up“-Szene (Deppenanführungszeichen intended)

Vom Gründer-Hype zum Trauerspiel

Das sind nur ein paar Streiflichter.
Journalisten, die großteils den Eindruck erwecken, wirtschaftliche, finanzielle und steuerrechtliche Analphabeten zu sein, setzen mit einer akuten Welle an Mitleidsreportagen noch eine Krone (hübsch wie ein seit zwei Wochen im Regen stehender überquellender Aschenbecher) auf diesen welken Blumenstrauß. „Datum“ packt den dümmsten aller Titel („Selbst & Ständig“) aus und langweilt mit traurigen Geschichten, Brand eins schlägt in eine ähnliche Kerbe, und der Standard veröffentlicht eine „Reportage“ über verschuldete Unternehmer, die mehr Fragen offenlässt als sie stellt (Ist die Drittelmillion jetzt die 10%-Quote oder der gesamte Betrag? Warum sollte es nicht möglich sein, über Jahrzehnte eine Drittelmillion Schulden abzuzahlen?).

Identitaet2

Man macht sich also Gedanken darüber, was es heißt, UnternehmerIn zu sein – und erkennt anscheinend sehr wohl Anzeichen dafür, dass auch das UnternehmerInnen-Dasein, ganz so wie das Angestellten-Dasein, nicht mehr so ganz in geregelten Bahnen verläuft. So wie es nicht mehr direkt vom Vorstellungsgespräch geradeaus zu Dienstjubiläum und Frühpension geht, geht es heute auch nicht mehr ganz so geradlinig von der Gründung zur ersten Million (oder zum ersten Konkurs) – es gibt ein paar neue Nuancen und Abstufungen.

Liegt die Zukunft wirklich hinten?

Was macht man also als Unternehmer, den weder Selbstverwirklichung noch Größenwahn antreiben, der potenziellen MitarbeiterInnen gegenüber keine Muttergefühle entwickelt, der lieber Dinge macht als davon zu erzählen und der trotzdem der Meinung ist, dass es auch wirtschaftlich Sinn macht, weiterzumachen wie bisher?
Naja, man macht einfach. Und zahlt die Rechnungen seiner Partner, Lieferanten und Freelancer pünktlich. Und denkt sich manchmal, dass es trotzdem schöner wäre, wenn (vor allem auch öffentliche) Auftraggeber nicht so scharf darauf wären, Overheadkosten in Form von Organisations- und Personalkosten zu zahlen. Bankdirektoren und Industrie-CEOs, die sich eine Armada von Assistenzen für Diktate, Kontaktverwaltung und ähnliche anders bewältigbare Tasks halten, würde schließlich auch niemand für besonders innovativ und leistungsfähig halten.

Identitaet3

Mein generischer Kreativitäts-Crowdsourcing-Pitch

Kreativitätscontests made easy. Nachdem wir leider nicht überall mitmachen können, habe wir hier einen generischen Beitrag zur freien Entnahme erstellt. 
 
Partizipation ist cool. Mal darf man für die Wirtschaftskammer sein letztes Hemd ausziehen (was für eine Symbolkraft!), dann darf man unter dem Deckmantel der Innovation Ideen in die Senkgrube des Vergessens kippen und immer öfter wird man auch zu Kreativitätscontests eingeladen. Zuletzt machte das Volkstheater mit einem Illustrationswettbewerb Furore, jetzt lädt Saxoprint dazu ein, ein Match-Trikot für die österreichische Nationalmannschaft zu gestalten – für 2.000 € Preisgeld und eine Reise zum Match. Immerhin gibt es dabei sogar Abstandshonorare in Form von 25 €-Gutscheinen.
Wie verlockend. Leider fehlt mir die Zeit, überall dabei zu sein, Teilnahmebedingungen zu lesen und Ausschreibungsplattformregistrierungen auszufüllen. Deshalb habe ich keine Kosten und Mühen gescheut und die besten Designer, Texter und kreativen Köpfe versammelt, um eine generische Kreativitäts-Contest-Contribution zu erstellen. Das Ergebnis steht hier zum Download bereit (selbstverständlich auch in offenen Formaten) und ich bitte alle, die wieder eine besonders innovative Spielweise des Massenpitches erfunden haben, sich einfach hier zu bedienen.
Wie Sie uns vom Gewinn der Ausschreibung verständigen können, das erfahren Sie in unserem Impressum.
 
Kreativitaetscontest
 
 
Download: pdf psd

Ich mag ja Optimismus …

Breaking News: Das Finanzamt prophezeit Unternehmern ein Boom-Wachstum wie in den 50er-Jahren. Zumindest, wenn man die Einkommensteuervorauszahlungsbescheide beim Wort nimmt. Und – wie das Finanzamt – die Steuerreform ignoriert.
Ach Finanzamt, ich mag ja deinen Optimismus. Während andere sich bemühen, irgendeine Form von Feelgood- oder Aufschwungsstimmung zu erzeugen, sich in schlecht sitzenden T-Shirts an die Start Up-Szene anbiedern, von Risikofreudigkeit und Unternehmergeist reden, setzt du ganz einfach Maßstäbe und lässt mit deiner Zuversicht nicht den Funken von Zweifel aufkommen.
Jedes Jahr werden die Steuervorauszahlungen für Selbstständige erhöht, jedes Jahr stärkst du den Wirtschaftsstandort Österreich durch deine unerschütterliche Zuversicht: Es wird auch kommendes Jahr wieder besser werden. Ungeachtet aller Wachstumsprognosen und -statistiken gehst du ganz einfach davon aus, dass es Wachstum geben wird. Und das gleich in der Höhe von vier Prozent. Ein Wirtschaftswachstum in der Dimension hatten wie zuletzt 1990, davor 1975.
Fein. Das ist ein Ansporn. Deutlicher kann man nicht sagen: „Wir glauben an euch, liebe Unternehmer.“

Steuerreform 2015? – Erst 2017

Zuletzt allerdings gab es ja diese vielbejubelte Steuerreform, die uns allen mehr Geld in der Tasche lassen wird, die den Konsum ankurbeln wird und die der flauen Wirtschaft auf die Sprünge helfen wird. Dass Selbstständige diese Reform erst mit der Steuererklärung 2016 spüren werden, war klar.
Dass die Berechnung der Vorauszahlungen für 2016 allerdings die Steuerreform vollkommen ignorieren, daran verschlucke ich mich dann doch etwas vor Überraschung.
Die Vorauszahlungsbeträge werden einfach so wie sie sind mit vier Prozent erhöht, ungeachtet neuer Steuertarife. Für denjenigen, der das Geld erst mal verdienen muss, bedeutet das: 2016 sind nicht vier Prozent, sondern je nach Steuerklasse bis zu rund neun Prozent mehr Gewinn notwendig, um diese Vorauszahlungen ohne Verluste erfüllen zu können. Ein Wirtschaftswachtum in dem Ausmaß gab es zuletzt 1955. Anders gerechnet: Bei gleichbleibendem Gewinn ist die Einkommensteuervorauszahlung 2016 um zehn Prozent zu hoch angesetzt.
Und bis Selbstständige dann die Segnungen der Steuerreform 2015 spüren werden, wird es also Frühling 2017 sein – wenn die Steuererklärung 2016 erledigt ist, die Vorauszahlungen geleistet sind und der Steuerbescheid dann auch den dann schon seit zwei Jahren geltenden Regeln entspricht.

Zehn Prozent zu viel kassiert

Man könnte sich jetzt natürlich auch den Papierkrieg antun und um niedrigere Vorauszahlungen ansuchen, die Vor- und Nachteile (Zinsgewinn gegen Arbeitsaufwand) durchrechnen, oder rein aus Prinzip sagen „Ich zahl das nicht.“
Mir macht eigentlich etwas anderes Sorgen: Ich für meinen Teil habe nur ungern Geld in der Buchhaltung, von dem ich weiß, dass es nicht mir gehört. Ich dränge Partner und Lieferanten darauf, schnell Rechnungen zu stellen, bezahle sie möglichst schnell, hab meine Einnahmen-Ausgaben-Rechnung in Ordnung und mache sogar die Umsatzsteuervorauszahlungen möglichst schnell. Ist für mich einfach am saubersten so.
Deswegen finde ich es eben recht befremdlich, wenn das Finanzamt gerade in Zeiten, in denen Staatsschulden ein Problem sind, ganz gezielt mit neuen Schulden plant. – Fließen die Einkommensteuervorauszahlungen jetzt ernsthaft in ein Budget, werden verplant und ausgegeben? In dem Wissen, dass aller Voraussicht nach zehn Prozent davon wieder zurückgezahlt werden müssen? Oder ist die Hoffnung einfach die, dass die Betroffenen das Geld eh liegen lassen werden, weil sie froh sind, dann mal ein Jahr lang keine Nachzahlungen leisten zu müssen? Oder sind das Gedanken, die sich in der Finanzverwaltung ohnehin niemand macht?

Stiefkind Einkommensteuer

Es ist schon klar, dass die Einkommensteuer einen vergleichsweise kleinen Anteil an den Gesamtsteuereinnahmen ausmacht. 2013 waren es 3,1 Milliarden Euro (von 76,3 Milliarden Gesamtsteuereinnahmen). Die Lohnsteuer machte 2013 24,5 Milliarden aus. Da kann man schon Fehlkalkulationen in Kauf nehmen.
Das Wachstum der Einkommensteuer lag 2013 übrigens bei fast 20%, das der Lohnsteuer bei knapp über fünf Prozent. Vielleicht könnte es ja noch höher sein – wenn nicht dieses Vorauszahlungsspiel eines der schlagkräftigsten Argumente gegen das Unternehmerdasein wäre.

So läuft die Welt

Slavoj Žižek rettet Hegel, schaut Batman und schreibt sehr viel („Weniger als Nichts“, „Ärger im Paradies“, „Was ist ein Ereignis?“). Beim Lesen lernen wir: Die, die ihr Unbehagen mit der Welt nur diffus formulieren können, sind wahrscheinlich zur Zeit die präzisesten Analytiker dieser Gegenwart. 
Mit politischen Hegelexegeten ist es ähnlich wie mit diversen Flirtcoaches und ihren mehr oder weniger krassen Tipps. Zwei stehen einander gegenüber, einer davon hat etwas drittes als Ziel, das die zweite vielleicht nicht so sieht (er will sie ins Bett kriegen), und mehr oder weniger krude Methoden sollen den Weg dorthin ebnen (wie etwa: „Drück ihr Gesicht in deinen Schritt. Sie wird es lieben.“).
Es birgt also eine gewisse Gefahr, in einem 1500-Seiten-Wälzer, der sich irgendwie doch mit der politischen Situation des frühen 21. Jahrhunderts beschäftigt, große Teile Hegel zu widmen. Genau das tut Slavoj Žižek in „Weniger als nichts.“
Warum drängt sich dabei dann der Gedanke an die Flirtcoaches auf? Žižek kann wie immer nicht ohne Lacan, und wo Psychoanalyse ist, ist auch Sex.

IMG_1162

Alles könnte auch anders sein. So weit, so scheinbar banal.

Žižek holt weit aus, kombiniert Vorsokratiker, deutsche Idealisten, Akte X und seine liebsten Hitchcock-Filme in einem ziemlich anstrengenden Gedankenstrom, und nach etwa 500 Seiten dämmert es dem Leser: Es geht hier um die gedanklichen Instrumente, die wir uns zur Erfassung der Welt zurechtlegen. Und damit sind wir mitten in einer hochpolitischen Diskussion. Denn das Ziel, oder der Punkt, der nach diesem Buch zu verstehen wäre, ist: Nichts muss so sein, wie es ist. Das gilt auch für eine demokratische und kapitalistische Ordnung. Das bedeutet aber nicht, dass wir wissen müssten, wie es anders ist.
Nichts muss so sein – in der Philosophie nennt man das Kontingenz. Und diese Behauptung lässt sich auf unterschiedlichen Wegen argumentieren:
  • Wir können Kausalitäten in Frage stellen – war a wirklich der Grund für b und wenn schon – war a dann notwendig?
  • Wir können das Müssen in Frage stellen: Wenn Müssen auf Macht beruht, die jemand hat, oder auf Gewohnheiten und Traditionen – dann ist das noch immer weit entfernt von jeder vorgegebenen Ordnung.
  • Wir können auch schlicht sagen: Wir wissen eigentlich gar nicht, was gerade los ist. Wir können es nicht einteilen und beurteilen – und deshalb können wir auch keine vernünftigen Angaben zur Notwendigkeit machen. Wir können es mögen oder nicht – aber das ist gerade angesichts komplexer Zustände eher ein Gefühl oder eine Ideologie als eine begründbare Argumentation. Und allen, die jetzt mit vielen Gründen argumentieren möchten, sei gesagt: Auch dabei haben wir es dann schnell mit Werten und Ideologien zu tun …
So weit, so scheinbar banal.
Turbo

Was war, wissen wir erst, wenn es vorbei ist. Also eigentlich nie.

An diesem letzten Punkt setzt Žižeks lange Diskussion der Frage, was denn nun ein Ereignis sei, an
(der Text ist Teil von „Weniger als Nichts“ und phasenweise wortgleich als eigenes Buch („Was ist ein Ereignis?“) erschienen). Die Frage ist: Wann ist „wirklich etwas passiert“? Wann ist etwas geschehen, eine Veränderung eingetreten, ein anderer Zustand erreicht, etwas, das sich von einem Dauerzustand laufender Veränderung unterscheidet? Wann ist die eine Entwicklung zu einem Ende gekommen und wann hat die nächste begonnen?
Das, so die Konsequenz, wissen wir immer erst im nachhinein. Es ist der Job der Geschichtsschreibung, Entwicklungen Bedeutung zuzuschreiben und sie so zu Ereignissen zu machen. Das ist nicht mit Relevanz zu verwechseln. Es ist eher ein Vorgang der Abstraktion: Viele kleine Punkte werden zu einem Ereignis aggregiert.  – Demonstrationen und der Mauerfall waren das Ende des Kommunismus (was sagt eigentlich Nordkorea dazu?) und Österreich war ein Opfer Hitlers (Österreich sagt danke).
Nicht wissen zu können, was los ist, bedeutet dann auch, dass was wir zu wissen glauben ziemlich notwendigerweise falsch ist.
Hier setzen dann eben die gängigen Hegel-Gymnasiasteninterpretationen an. Dialektik heisst in dieser Vorstellung: Hier gibts die These, dort die Antithese und daraus entsteht in wundersamer Weise die Synthese. Dahinter oder über den Wolken lauert auf noch wundersamere Weise der Weltgeist, der magisch dafür sorgt, dass sich alles weiterentwickelt.
Wir können eine süßliche Entwicklungsromanze vermuten oder eine notwendige zerstörerische Kraft. Die „Kraft“ ist dann auch allerdings eher ein Produkt der Phantasie. Das sind die Momente, in denen Žižek neben Hegel Lacan braucht. Lacan macht Psychoanalyse und hat Freuds Repertoire weiterentwickelt. Neben dem Es gibt es bei ihn den Großen Anderen. In der klassisch sexfixierten Psychoanalyse könnte das der Vater ödipaler Kinder sein, bei Lacan ist es das Gespenst das jeder mit sich herumträgt – der Große Andere ist das Surrogat von Notwendigkeit. Er ist das, was wir nicht mehr hinterfragen, weil es für uns selbstverständlich ist, unser Handeln und unser Verständnis anleitet. Und das große Ding, das wir zugleich bekämpfen (wenn es ödipal wird) oder nicht wahrhaben wollen (wenn wir uns lieber als rationale selbstbestimmte Individuen sehen würden), das uns aber insgeheim immer klar macht, wo es lang geht. Und das meist für alle anderen deutlicher ist als für uns.
Top

Trieberfüllung: immer weiter machen, bloß nie ankommen.

Der Große Andere löst Unzufriedenheit aus. Einerseits stiftet er den Zusammenhang, vor dem das ständige „nicht ganz“ klar wird: Er ist immer eine Schritt woanders, nie ganz da und nie ganz greifbar. Er lässt immer verstehen, dass wir noch nicht da sind, dass sich etwas ändern muss. Auch das ist eine zerstörerische Kraft.
Andererseits ist der große Andere nah am Trieb. Lacans Triebkobzept behauptet, dass Triebe ihr Ziel nie erreichen möchten. Der Antrieb entsteht dadurch, dem Triebobjekt nachzujagen. Es zu erreichen, wäre eine Enttäuschung und keine Erfüllung. Befriedigung entsteht für Lacan in der Wiederholung des Scheiterns. Das gibt uns den Grund, immer das gleiche machen zu können, gibt Sicherheit und verleiht gleichzeitig den Anschein, etwas zu tun und aktiv zu sein. Dabei gibt es kein großes Ziel, außer dem, Passivität und einen unbewegten Dauerzustand zu vermeiden.
Aber zurück zu Politik und Dialektik. Worauf Žižek hinaus möchte: Entwicklung und Dialektik sind keine Dreierbewegung hin zu einem Ziel, sondern eine Zweierbewegung. Die Notwendigkeit der Zweierbewegung ergibt sich nicht nur aus der hin und wieder schlicht vorhandenen Notwendigkeit, dass sich etwas ändern muss. Sie ist schon (hier unterhalten sich wieder Hegel und Lacan) in der Beschreibung und Festsetzung eines Zustands enthalten. Die einfache Feststellung „Du bist John“, die auf den ersten Blick eindeutig und affirmativ klingt, wird aus dieser Perspektive zur Beschreibung einer großen Spaltung. „Du“ und „John“ sind unterschiedliche Einheiten, zwischen denen eine Beziehung hergestellt wird. Wenn sie eins wären, wozu dann eine Beziehung herstellen?
Ähnlich ist es bei der Entstehung von Bedeutung: Dingen wird ein Sinn zugeschrieben, ein gewisses Verständnis, sie werden in kausale Zusammenhänge gebracht. Daraus entsteht ein Ereignis, daraus entstehen – unter anderem – Rahmenbedingungen für politisches Handeln. Und weil die Behauptung schon die grundlegende Spaltung darstellt, öffnet sie zugleich auch den Raum für Veränderung – ebenso, wie sie ihn auch unterdrückt.
Entwicklung, „werden, was immer schon war“, notwendige Zerstörung und andere mythologisch anmutende Dialektizismen können so auf die naive Annahme einer festgesetzten Zukunft, einer Entwicklung zum Besseren hin verzichten. Bewegung entsteht allein dadurch, dass sie zu verhindern versucht wird; jeder Fixierung bedeutet zugleich: „Und es könnte auch ganz anders sein.“
Kommunismus

Klartext: Es geht um ein Kommunismus-Comeback

In „Weniger als Nichts“ bleibt Žižek abstrakt und auf wissenschaftliche Philosophie und Psychoanalyse (und seine persönlichen Spielarten) bezogen. In seinem etwa zur gleichen Zeit erschienenen Buch „Ärger im Paradies“ wird er konkreter. Hier geht es nicht um idealistische und psychoanalytische Funktionsweisen, hier wird ganz konkret die Frage gestellt: „Ist der Kapitalismus am Ende?“.
Das wirkt nur auf den ersten Blick überraschend.
Nicht nur, weil Žižek laut Eigendefinition überzeugter Kommunist ist. Die herrschende (politische) Erzählung ist die von Freiheit, Demokratie und freier Wirtschaft. In dieser Erzählung treten Widersprüche auf, dazu muss man sie gar nicht mit Marx lesen. Von der Freiheit profitieren nicht alle. Verteilungsmechanismen schaffen fragwürdige Ergebnisse (zu viel oder zu wenig, je nach Perspektive). Finanzmärkte schaffen zusätzliche Abstraktionsgrade, Probleme und obskure herrschende Klassen.
Dem kann man entgegensteuern, indem man sich auf einen realen Kapitalismus bezieht, der sich von Spekulanten, Managern und Korruption abgrenzt. Man kann auch soziale Verantwortung in den Vordergrund stellen, die soziale Seite von Adam Smith heraufbeschwören (wer im Eigeninteresse handelt, handelt auch im Interesse seiner Umgebung) und Nachhaltigkeit und Langfristigkeit in Unternehmensziele einbeziehen. Oder man kann Kleinunternehmertum als Rezept gegen die Ausbeutung von Arbeitern sehen .
Ändert sich dadurch grundsätzlich etwas? Verschieben sich Grundsätze der Welt, wenn ehemalige Venturekapitalisten, nachdem sie Partner abgezockt, Start Ups an Konzerne verkauft und dadurch die alte Ordnung einzementiert haben, Biomärkte eröffnen? In denen – preisbedingt – ohnehin nur die einkaufen können, die selbst das kapitalistische Spiel mitspielen. Ändert sich etwas, wenn der Kleinunternehmer, statt 40 Stunden die Woche „ausgebeutet“ zu werden, 60 Stunden die Woche in die eigene Tasche arbeitet?
Das sind keine radikalen Kurswechsel, das sind vereinzelte Zuspitzungen und persönliche Lösungen. Sie erscheinen vielleicht radikal oder zukunftsträchtig, weil die große Alternative noch nicht im Blick ist. Sie werden, auch wenn sie ein wenig an der bestehenden Ordnung kratzen, politisch gefördert und gern gesehen, weil es marginale Veränderungen sind, die neue Rahmenbedingungen weder brauchen noch schaffen.
Das kann gut sein. Das kann aber auch Erstarrung bedeuten, Zuspitzung des Problems, Verleugnung von Problemen, Ausblenden von Alternativen – oder ganz einfach: Es kann ein Fall von Betriebsblindheit sein. Politisch gesprochen würden jetzt Metaphern von „aufwachen“, „Augen öffnen“, „bevor es zu spät ist“ Raum greifen. Philosophisch betrachtet gehts eher um die Frage, wie falsch diese Einstellung ist, wie weit diese Einschränkung auf einige wenige Alternativen unsere Perspektive beschränkt und damit das Fundament der eigenen Argumentation schwächt. Also schlicht: Wie hoch ist die Wahrscheinlichkeit, dass wir uns irren, das nicht wissen, und deshalb gar nicht argumentieren können.
Batman

Batman darf kein Kommunist sein

In „Ärger im Paradies“ zieht Žižek ausnahmsweise nicht Hitchcock, sondern Batman heran, um das Problem zu erklären:
Joker in „The Dark Knight“ hat Chaos angerichtet, Menschen an den Rand ihrer Überzeugung gebracht, Helden an sich zweifeln lassen, und sogar den guten Bürgermeisterkandidaten Dent, der die Hoffnung auf den unkorrumpierbaren weißen Ritter in Gotham City verkörperte, zum Kippen gebracht. Das war ok, weil es letztlich nur um Liebe und persönliche Grausamkeiten ging.
Bane dagegen, der Schurke aus der Fortsetzung „The Dark Knight Rises“, spielt seine Bösartigkeit über die Finanzmärkte aus: Er greift Bruce Waynes/Batmans Vermögen an, lockt die Polizei in eine Falle und löst durch die Befreiung von Häftlingen anarchische Zustände aus. Während Joker eine zwiespältige Figur war, die auch in ihren Gegnern Zwiespalt auslöste, vereint Bane eine geschlossene Front gegen sich – weil seine Angriffe nicht innerhalb einer bestehenden Ordnung funktionieren, sondern das System selbst in Frage stellen. Das kann nicht sein, daher gibt es diesmal keine korrumpierten Helden, die Polizei steht geschlossen auf der Seite des Guten – und außerdem ist klar, wo Gut und Böse sind.
Was bedeutet das für die Frage nach der Auffassung von Geschichte und ihrer Zuspitzung nach dem Ende des Kapitalismus? Solange die Alternativen Joker sind (so wie venturekapitalgepowerte Nahversorgerbiomärkte), steht das System selbst nicht wirklich zur Debatte. Es gibt Variationen des Bestehenden, kleine Attacken und Reformideen, aber keine grundlegend neue Perspektive. Reale Gegenentwürfe müssen die Gestalt von Bane annehmen. In der Rolle des ganz anderen, des großen Gegensatzes zum Kapitalismus, werden sie dann in der Gestalt des Kommunismus greifbar.
Ende

Macht der Trieb noch Spass, wenn wir ihn verstehen?

In „Weniger als Nichts“ steht die Alternative des Kommunismus nicht so eindeutig im Vordergrund. Die Argumentation bleibt etwas abstrakter. Die Linie ist aber ähnlich: Veränderung entsteht hier nicht durch Beschleunigung oder das Verfolgen konkret definierter Ziele, nicht durch mehr vom Gleichen und noch genauere und noch erreichbarere Ziele. Veränderung entsteht durch Bremsen, durch Unerwartetes, durch das Stocken dessen, was wir als Fortschritt gewohnt sind. Politisch gesprochen also eigentlich durch das, was wir als konservativ bezeichnen. Diese Aufweichung ehemaliger politischer Fronten ist ja real durchaus zu beobachten.
Das Problem dabei: Es wäre natürlich viel zu einfach, einfach auf die Bremse zu steigen, auszusteigen. Oder noch schlimmer: Was passiert dann? Wieder aus psychoanalytischer Sicht: Dann wäre am Ende der furchtbare Zustand eingetreten, in dem das Triebziel erreicht ist – und was machen wir dann bloß ohne Trieb? Glücklich sein?
Aber vielleicht, und das ist die naiv-therapeutische Lesart, hilft ja das Wissen um den notwendigen Irrtum, um die Spaltung, die wir mit jeder Behauptung erzeugen, und um die Grundlagen des Triebs, trotzdem Gründe zum Handeln zu finden. Wer weiss, was er oder sie tut – das schliesst auch ein, dass es falsch sein könnte – tut sich leichter dabei, irgendetwas zu tun. Und auch dabei, in Kauf zu nehmen, dass sich im Lauf der Zeit einiges ändert.

An beiden Enden der Nahrungskette

  • Von der gängigen Ausschreibungspraxis profitieren Unternehmen, die ihr Geschäft mit Overhead machen. Auftraggeber und eigentliche Auftragnehmer – die Enden der Nahrungskette – zahlen drauf.

Ich habe mal wieder einen Blick in diverse öffentliche Ausschreibungsunterlagen geworfen. Schwerer Fehler. Dreissigseitige Formalkriterien, Strafregisterbescheinigungen, Sozialversicherungskontoauszüge und so weiter ok, aber was soll das eigentlich werden, wenn die ausschreibende Stelle der Agentur auch die Personalstruktur vorschreibt?
Im konkreten Fall geht es um ein Jahresbudget von 250.000 Euro, für das vier Personen Schlüsselpersonal gefordert werden, die natürlich während der Laufzeit nicht ohne Zustimmung des Auftraggebers ausgetauscht werden dürfen und deren Verfügbarkeit auch an Wochenende und Feiertagen gefordert wird. Funktionsüberschneidungen sind ausgeschlossen, nur der Geschäftsführer darf zusätzlich auch produktiv arbeiten. Die Funktionen sind allerdings alle auf administrativer Ebene, es braucht also zusätzlich noch Personal, um den Job auch zu erledigen.
Abgesehen vom Mengengerüst frage ich mich auch, mit welcher Expertise ein Auftraggeber die Personalstruktur des Auftragnehmers vorschreiben möchte – aber vor allem: Warum möchte ein Auftraggeber von einem Lieferanten mit zwangsverordnetem Overhead beglückt werden?

Wir predigen jetzt schon lang andere und agile Arbeits- und Organisationsformen, fordern günstige Produktionen und betreiben Expertenkulte. Was Kreativität betrifft, wird gern kopiert (und dann um Orginialität gestritten), man unterstellt lang langfristigen Partnern, sich abgenutzt zu haben, und fordert frische Ideen.

Und dann zementieren branchenfremde Anforderungen das business as usual auf scheinbar ewig ein. Das ist in seinen Auswirkungen noch krasser als Gewerbeordnungen und andere Formalbestimmungen. Und es ist ein Aspekt mehr, der es Unternehmern nicht wirklich möglich macht, selbstbestimmt und souverän statt prekär zu handeln.
Wer hier in solchen Fällen mitarbeiten will, ohne sich drei Overhead-Stufen einzuhandeln, muss sich dann also bei der dank ihres Overheads gewinnenden Agentur hinten anstellen.
Damit habe ich zwei Probleme:

  • Es bleibt verdammt viel Geld auf der Strecke liegen.
  • Es ist ein teuer bezahltes Stille-Post-System, das Missverständnisse fordert.
  • Es stützt das falsche System, indem es den Anschein erweckt, als wäre Overhead kreationsförderlich oder notwendig, um kreative Leistung zu kaufen.

Wer draufzahlt, sind dabei beide Enden der Nahrungskette: Der Auftraggeber und der eigentliche Auftragnehmer.

Böse Onkels im Klassenkampf

[su_dropcap]E[/su_dropcap]s wiederholt sich immer wieder: Die, die es damals nicht gemacht haben, erklären jenen, die es ihrer Meinung nach machen sollten, was sie machen sollen. – Es geht um Revolte, Aufstand, Protest, darum sich nichts mehr gefallen zu lassen. Übrig bleiben dann die dummen Kinder, die immer älter werden. Und eine Form von Rechthaberei, die vielleicht in die Jugendgruppe eines Pfarrhofs passt.
Der neueste Jugendgruppenleiter in dieser langen Tradition ist Manfred Klimek – und das in einem Ausmass, dass man ja glauben möchte, sein Facebook-Profil wäre Opfer eines komödiantischen Identitäts-Hijacks. Gesegnet mit den Insignien des zeitgenössischen Alterns (Weinfaible, Steuerschulden) erklärt er, wie Protest richtig funktioniert. Oder eigentlich: Was in Wien (im Vergleich zu Berlin) an Protestformen und Haltung fehlt.

Das hat irgendwo Methode. Mich erinnert das daran, als Josef Haslinger (es war irgendwann in den späten Neunzigern) Wiener Rappern vorwarf, in ihren Texten zu wenig systemkritisch zu sein. Oder daran, als die Spex bewundernd über Studentendemos in Wien schrieb (es war in den frühern Neunzigern) und diese für so viel lebendiger, politischer und subversiver hielt, als die deutschen Pendants (wer dabei war, wunderte sich). Oder auch an Wolfgang Schüssel und seine Prophezeiung von der Internetgeneration. Oder an die meinungsmutigen Chefredakteure und Herausgeber, die Leserchens dazu ermutigen, eine Meinung zu haben – aber bitte die richtige, nämlich die, die man in ihren Zeitungen liest, und dabei auch bitte immer schön höflich bleiben.
[su_pullquote align=“right“]Diskussionen werden so zum intellektuellen Wet-T-Shirt-Contest: Es geht nur noch darum, gut dazustehen und besser auszusehen als der andere.[/su_pullquote]In allen Fällen werden Formen anstelle von Positionen kritisiert. Politik- und Meinungsfragen werden zu Fragen des guten Geschmacks und des richtigen Benehmens. Das hat manchmal eben traditionell gestriegelt zu sein, manchmal angemessen rotzig und althergebracht aufmüpfig – damit die Seiten immer schön klar sind und jeder auch bei der reinen Reduktion auf die Form und beim Verzicht auf die Inhalte immer gut erkennen kann, was da gerade läuft. Diskussionen werden so zum intellektuellen Wet-T-Shirt-Contest: Es geht nur noch darum, gut dazustehen und besser auszusehen als der andere; unspannende Details können gerne vernachlässigt werden.

Ich halte gar nichts von einem Fatalismus, der alles für total komplex hält und den Spielraum des Einzelnen als eingeschränkt betrachtet. Auch das ist nur Selbstdisziplinierung. Aber ich halte auch nichts davon, Feindbilder auf das leicht Greifbare zu reduzieren, das uns auf der Strasse begegnet. Polizei und Justiz befolgen und exekutieren Gesetze – manchmal schlauer, manchmal weniger schlau. Beide Institutionen sind die falschen Adressaten, um das Ergebnis von Verfahren und Exekutivmassnahmen zu kritisieren.
Für deren Arbeit gibt es Regeln. Für die Institutionen, die die Rahmenbedingungen schaffen, auf die sich diese Regeln beziehen sollten, gibt es weit weniger Regeln.
[su_pullquote align=“right“]Das Recht bevorzugt immer den, der es sich leisten kann, die Rechtsprechung auszusitzen.[/su_pullquote]Dabei habe ich vor allem wirtschaftliche und die diesen zu Grunde liegenden finanzwirtschaftlichen Entwicklungen im Sinn. – Diese schaffen das Umfeld, auf das Politik reagieren zu müssen meint.
Wirtschaft heisst heute vor allem sparen. Das funktioniert lustigerweise auf allen Ebenen – sparen, um bessere Profite zu erzielen, um Jobs zu erhalten, um wachsen zu können. Die unternehmerische Sparsamkeit findet ihre Entsprechung in finanzpolitischen Instrumenten: Niedrigzinspolitik und Inflationsvermeidung sind Mittel, um den Status Quo zu erhalten – wer etwas hat, behält es, wer nichts hat, wird auch in absehbarer Zeit zu nichts kommen. So lange Geld teuer ist (also die Inflation niedrig), ist das gut für die, die es besitzen. Niedrige Zinsen wären zwar ein passendes Gegeninstrument, um Geld erschwinglich zu machen, und auch jenen entgegenzukommen, die Geld nur in negativer Form (also als Schulden) kennen, aber die Milchmädchenrechnung geht nicht auf: Niedrige Zinsen bedeuten, dass Schulden für Gläubiger kein gutes Geschäft mehr sind – umso kritischer sind sie natürlich bei der Vergabe neuer Finanzierungen. Vor allem, wenn das Geld, dank niedriger Inflation, ohnehin seinen Wert behält.
[su_pullquote align=“right“]“It’s hard to think of a reason for this other than class war.“[/su_pullquote]Auf der anderen Seite bedeuten niedrige Zinsen: Es wird immer wichtiger, mehr zu besitzen. Kleine Guthaben werden mit lächerlichen Prozentsätzen verzinst; größere Beträge können Konditionen verhandeln. Im Kombination mit langfristigen Bindungen bedeutet das: Wer mehr hat (und es nicht braucht), hat mehr davon und wächst schneller. Noch besser funktioniert das bei Renditen für andere Geschäfte, die nicht an traditionelle Bankprodukte gebunden sind. Thomas Piketty weist in seinem „Capital“ nach, dass das Kapitalwachstum langfristig und auch immer noch, trotz aller Krisenzeiten, bei 4-5 Prozent im europäischen Durchschnitt liegt. Angesichts aktueller Bankkonditionen ist damit klar: Es wächst anderswo schneller; vor allem dort, wo es noch höhere Einstiegshürden gibt – etwa in der Immobilienbranche.

Umgelegt auf das jüngste Polizei- und Proteststück in Wien, die Räumung der Pizzeria Anarchia, heisst das: Die Wertschöpfung diktiert die Möglichkeiten. Wir haben die perfekten Möglichkeiten für derartige Investitionen geschaffen. Die Renditechancen sind so hoch – und unvergleichlich höher als in anderen Feldern -, dass Eigentümer locker Wartezeiten, Leerstände und wahrscheinlich sogar Räumungskosten in Kauf nehmen können. So lange die Kapitalwachstumsraten deutlich über jenen des Wirtschaftswachstums liegen (auch das weist Piketty nach), bleibt das noch immer ein Geschäft. Und das Recht bevorzugt dabei noch immer den, der es sich leisten kann, die Rechtsprechung auszusitzen und währenddessen einfach mal was anderes macht.
Was bringen dann in diesem Zusammenhang das ironische Sich-Mokieren über ein paar hundert gelangweilte Polizisten oder der Aufruf, gefälligst im Widerstand etwas wilder zu sein? – Nicht falsch verstehen: Es ist wichtig, in solchen Fällen Beobachter vor Ort zu haben, über Hintergründe zu informieren und Verhältnismäßigkeiten in Frage zu stellen. Aber Polizei und Justiz schaffen ihre Rahmenbedingungen nicht selbst; fraglich ist, ob es überhaupt noch die Politik ist, die sie schafft.
In der Interviewserie „Power Systems – Conversations on Global Democratic Uprisings“ sagt Noam Chomsky über Sparpolitik, die ihre Grundlagen in der Zins- und Inflationspolitik der Europäischen Zentralpolitik findet: „It’s hard to think of a reason for this other than class war. The effect of the policies is to weaken the welfare-state measures and to reduce the power of labor. That’s class war. It’s fine for the banks, for financial institution, but terrible for the population.“
Deshalb ist die angemessenste Protestform vermutlich, nicht nur auf die Strasse zu gehen und Klischees zu erfüllen, sonder auch rechnen zu lernen und wirtschaftliche Zusammenhänge zu verstehen. Und klarzumachen, dass verstehen nicht immer einverstanden sein bedeutet.
Böse Onkels, die Protest und Subversion gern mit Körperflüssigkeiten verbinden, haben da vielleicht, wie wir alle, auch noch ein bisschen was zu lernen.

Generation F im Work-Life-Bullshit

Qual, sinnstiftend oder eh egal? – Drei aktuelle Texte beschäftigen sich mit Fragestellungen rund um Arbeit.

[dropcap type=“3″]M[/dropcap]iya Tokumitsu stellt im Jacobin Magazine unter dem Titel „In the Name of Love“ aktuelle Jobromantik an den Pranger: Das „Do what you love“-Mantra ist ihrer Argumentation nach eine günstige Strategie Arbeiterrechte pauschal unter den Teppich zu kehren – und zugleich eine Diskriminierung der Rest-Arbeiterklasse.
„Do what you love“ gibt vor, Arbeit zu veredeln und in sinnstiftende Höhen zu heben, nimmt ihr aber in Wahrheit den Arbeitscharakter und lässt all jene, die es sich nicht aussuchen können, dumm dastehen. Der Positivtitätsgedanke, dessen Spuren Tokumitsu von Konfuzius über Rabelais, Martina Navratilova und Oprah Winfrey bis zu Steve Jobs verfolgt, sei das Vergnügen einiger Privilegierter, die ihre erfolgreiche Freiheit auf dem Rücken anderer ausleben.
„Think of the great variety of work that allowed Jobs to spend even one day as CEO: his food harvested from fields, then transported across great distances. His company’s goods assembled, packaged, shipped. Apple advertisements scripted, cast, filmed. Lawsuits processed. Office wastebaskets emptied and ink cartridges filled. Job creation goes both ways. Yet with the vast majority of workers effectively invisible to elites busy in their lovable occupations, how can it be surprising that the heavy strains faced by today’s workers (abysmal wages, massive child care costs, et cetera) barely register as political issues even among the liberal faction of the ruling class?“

Generation F

Es ist weniger das moralische Problem, das zählt, sondern die – in den meisten Fällen wohl ganz unbeabsichtigte – Beihilfe dazu, reale Sachzwänge zu ignorieren. Hier taucht wieder die Frage nach Sinn und Zusammenhängen auf der anderen Seite auf – für wen muss es funktionieren, damit es wirklich funktioniert? Reicht hier wirklich die eigene Perspektive? Sollen sie doch Kuchen essen, wenn sie kein Brot haben, haben andere gesagt.
Natürlich sind sich der Elite-Absolvent und der hoffnungsfrohe Gründer auch ihrer Verantwortung bewusst, das hören wir oft genug. Was dann meistens folgt, sind Appelle an die Politik. Und dann? Dann gibt es umgekehrt Appelle an den Unternehmergeist und Ankündigungen, Gewerbeordnungen zu lockern oder neue Fördertöpfe zu füllen, um auch aus Langzeitarbeitslosen Unternehmer zu machen. Wer einfach nur arbeitet, bleibt auf der Strecke.

[dropcap type=“3″]A[/dropcap]nders argumentiert Thomas Vasek, Chefredakteur des Hohe Luft-Magazins. In seinem aktuellen Buch „Work-Life-Bullshit“ argumentiert er gegen eine Trennung von Arbeit und Freizeit, gegen die Ansicht, Arbeit sei Zwang und Freizeit biete Menschen die Gelegenheit, sich zu entfalten.
Dabei schlägt er allerdings nicht in die „Do what you love“-Kerbe, er führt vielmehr den sozialen Wert von Arbeit ins Treffen. Arbeit schafft soziale Beziehungen, sichert Leben ab und gibt Menschen Gelegenheit, in dem was sie tun auf produktive Art und Weise besser zu werden.
Die Trennung von Arbeit und Freizeit ist weniger auf Arbeit und ihren Charakter zurückzuführen, sondern auf zeitliche und räumliche Einschränkungen und damit verbundene Ordnungen. Arbeit kann dann zum Zwang werden, wenn sie nur in einem Korsett geschehen kann – was sich in vielen Branchen aber schon aus rein praktischen Gründen ergibt. Eine auf Teamarbeit angewiesene in Gleitzeit arbeitende Handwerkerpartie wäre wohl wenig produktiv – oder würde gewaltigen administrativen Overhead verursachen.
Arbeit ist aber nicht immer gleich: Manchmal versetzt uns der gleiche Job in einen angenehmen produktiven Flow, in dem wir sonst nichts mehr mitbekommen, manchmal ist er schlicht nervtötend und manchmal bietet er entspannende Leerläufe. Der Unterschied zwischen Arbeit und anderem ist der, das Arbeit gemacht werden muss – und zwar so dringend, dass jemand bereit ist, für ihre Erledigung zu zahlen. Was dann natürlich wieder die Frage aufwirft, was jemand, der sich darauf eingelassen hat, bezahlt zu werden, in seinem Job noch verlangen und erwarten kann. – Allerdings unterscheidet Vasek auch zwischen guter und schlechter Arbeit: Gute Arbeit ermöglicht bereichernde Erfahrungen, steht im Einklang mit den eigenen Werten, vermittelt Anerkennung über Geld hinaus, fördert soziale Verbindungen und gibt unserem Leben einen verlässlichen Rahmen. – Das kann für viele Arten von Jobs zutreffen.
Den Weg dorthin sieht Vasek in Anerkennung, Respekt, Wertschätzung und Flexibilität. Das sind Themen die auch aus ganz anderen Sichtweisen im Moment die Diskussion um Arbeit und ihren Sinn beherrschen. Open Business, Enterprise 2.0, neue Führungsmodelle – ist alles in der Pipeline; fraglich ist nur, welche Branchen oder Unternehmensgrößen dann wirklich etwas davon haben werden. Schliesslich kämpft auch die gesamte Enterprise 2.0-Industrie schon lange darum, ihre Visionen auf den Boden zu bringen – aber Vaseks Buch liefert Argumente dafür, warum dieser Weg ein sinnvoller ist. Arbeit ist nichts schlechtes, sie muss nur noch besser werden…

[dropcap type=“3″]O[/dropcap]b das gelingt, bezweifelt Umair Haque in seinem Blog. Die Generation F sei jetzt gefordert, schreibt er. Eine sinnleere, künstlich am Leben erhaltene Zombieconomy ist dem Growthism verfallen und trägt nichts dazu bei, Lebensstandards zu verbessern. Arbeitslosigkeit steigt, und selbst dort, wo Jobs noch zu haben sind, haben Produktivitäts- und Gehaltsentwicklung jeden Bezug zueinander verloren. Der vielbeschworene War for Talents – angeblich stehen Millennials, der Generation Y, oder wie man sie auch nennen möchte, alle Wege offen; sie können sich Jobs aussuchen und wollen nicht mal arbeiten – nutzt in erster Linie auch den Unternehmen: Dort, wo ein Mitarbeiter einen gewaltigen Produktivitätsunterschied machen kann, zahlt es sich schon aus, in diesen Krieg und dann auch ein wenig in Mitarbeiterbindung zu investieren. Zum Vergleich: In traditionellen Branchen liegt derjährliche Gewinn pro Mitarbeiter bei 24.000 Dollar, Google schöpft aus jedem Mitarbeiter 404.000 Dollar. Immerhin das 18fache – und beides sind Technologieunternehmen… (die Zahlen stammen aus Nicolas Clasens „Digital Tsunami“).
Haques drastische Worte: „Generation F is getting a deal so raw that no one but a politician or a serial killer could offer it with a straight face. So let’s call it what it is. Not just unfair—but unconscionable. The world’s so-called leaders have more or less abandoned this generation. Think that’s unkind—maybe even unfair? Then here’s a more generous take. The world’s leaders have coolly, calmly, rationally, senselessly decided that bankers, CEOs, lobbyists, billionaires, the astrologers formerly known as economists, corporate “people”, robots, and hedge funds are worth more to society than…the young.
The world’s leaders are letting the future crash and burn.
Wofür das F in Generation F steht, ob für F***ed oder Future, hängt davon ab, ob es gelingt, neue Kriterien für Fortschritt zu definieren, neue politische Institutionen, neue Herrschaftssysteme und neue Finanzsysteme zu schaffen. Jede Generation hat ihre Herausforderungen, schreibt Haque. Und es klingt so, als wären diese Herausforderungen schon durchaus mit jenen von Nachkriegsgenerationen vergleichbar – nur subtiler und gemeiner…