Liste Kurz: Ein hübscherer Faymann

Liste Kurz
Anscheinend gibts wirklich Menschen, die Sebastian Kurz für einen Erneuerer und seine Liste Kurz für ein demokratisch spannendes Ding halten. Das mag machtpolitisch ja auch so sein, aber ist das Talent zur Macht nicht etwas wenig für einen Bundeskanzler oder Spitzenkandidaten?
  • Kurz ist von klein auf in der Politik.
  • Er hat keine abgeschlossene Ausbildung (außer der zum Tennis-Übungsleiter) und keine Berufserfahrung außerhalb der Politik (Erfahrungslevel Praktikant).
  • Seine Auftritte in den letzten Tagen waren auch inhaltlich betrachtet wie Bewerbungsgespräche eines Praktikanten, der zwar genau weiß , wieviel er verdienen will, dem aber der Job völlig egal ist.
  • Seine Forderungsliste macht personelle Erneuerung in der ÖVP völlig unmöglich: Dadurch geschieht genau ein Erneuerungsschub für die Leute, die jetzt schon in den Startlöchern scharren, und das wars dann.
  • Ich wüsste nicht, was ich außer Jugend und Machtbewusstsein mit seiner Person und seiner Politik verbinden sollte. Beides ist kein Nachteil, in meiner Auffassung von Politik kommt das aber erst an dritter bis vierter Stelle relevanter Charakteristika.
Vieles von dem traf auch auf Werner Faymann zu, den gerade vor kurzem erst niemand mehr haben wollte.
Mich wundert nicht, dass er Erfolg hat. Mich wundert nur, dass offenbar auch Menschen, die ich für inhaltsgetrieben hätte, Hoffnungen in ihn setzen. Und ich bin gespannt auf die nächsten Kurz-Hofer-Wunderduette.

Owned Media & Content Marketing in der Politik: Das neue Match zwischen FPÖ und SPÖ

OwnedMedia+Politik
Der Wochenblick blattlt den Kanzler beim Pizzaliefern auf, Politiknews malt eine Kurz-Mateschitz-Griss-Partei an die Wand – statt Wahlkampf gibt es jetzt eben harte Bandagen in Politmedien. 
 
Der Trend zur eigenen Meinung, die man nicht nur haben, sondern auch möglichst ungefiltert in Owned Media verbreiten will, ist heute in der Politik gut verankert.
Fast alle Parteien setzen auf selbst aufbereitete Inhalte in unterschiedlicher Form und auf unterschiedlichen Kanälen, allen voran Rot und Blau.
Was bringt das eigentlich?
 

Owned Media der Parteien schlagen Parteiseiten um Längen

Ich habe die Webseiten der Parteien in Österreich und diverse redaktionelle Ableger in Hinblick auf ein paar einfache Kriterien durch einige Analysetools laufen lassen.
Auf der ersten Blick ist klar: Content zahlt sich aus, wenn man die Reichweite im Blick hat. Falsche oder halbtransparente Behauptungen über die eigenen Medien können aber auch nach hinten losgehen – es sei denn, das eigene Publikum ist schon so abgerichtet, dass es ohnehin schon überall Verschwörungstheorien wittert.
 

FPÖ: Reichweite mit der eigenen Wahrheit

Am verhaltensauffälligsten ist sicherlich die Kommunikation der FPÖ. Die FPÖ ist offenbar auch so eingenommen von ihrem eigenen Medienimperium, dass sie sich auf Facebook mittlerweile als Nachrichten-/Medienwebseite klassifiziert, nicht als Politische Partei. Die geteilten Links stammen auch fast ausschließlich von den nennen wir’s mal befreundeten Medien unzensuriert.at und wochenblick.at. Wurden früher noch Krone- und ähnliche Artikel verbreitet, so sind diese mittlerweile vollständig verschwunden. Stattdessen werden Unzensuriert und Wochenblick als eigenständige Medien behandelt, die keinerlei Naheverhältnis zur Partei hätten.
 
 
Die Satellitenmedien sind wohl auch dringend notwendig, um Reichweite zu erzeugen. Denn die FPÖ-Webseite selbst ist nicht sonderlich gut besucht.
Fpoe.at liegt österreichweit im Trafficrank auf Platz 9.812. User halten sich durchschnittlich eine Minute auf der Webseite auf. Die meisten Zugriffe erfolgen direkt (43%), etwa 30% finden über Suchmaschinen zu Seite, 12 % über Social Media.
Unzensiert.at dagegen liegt auf Platz 566. Zum Vergleich: derstandard.at liegt auf Platz 11, nachrichten.at auf Platz 139 und Billard.at auf Platz 339. User bleiben knapp zwei Minuten auf der Webseite, zu 40 % rufen sie die Seite direkt auf, je ein Viertel kommt über Suchmaschinen und Social Media.
User aus Österreich und Deutschland halten sich in etwa die Waage; zusätzlich gibt es noch die Domain unzensuriert.de.
Aufschlussreich sind auch die eingehenden und ausgehenden Links – hier bewegt sich unzensuriert ganz im Dunstkreis von Hartgeld.com, pi-news.net und dem Kopp-Verlag. Gut die Hälfte der ausgehenden Klicks führt zu YouTube und damit wohl (das ist allerdings nur eine Vermutung) zu FPÖ TV.
Der Wochenblick ist ebenfalls eine in FPÖ-Communities gern geteilte Quelle.
Die relativ neue Seite liegt im Trafficranking auf Platz 1.500. User kommen zu mehr als 50% über Facebook; über Suchmaschinen finden derzeit noch weniger als 10% zum Wochenblick. Bei der Verteilung über Facebook unterstützen FPÖ-Seiten ebenfalls kräftig.
 
 
Offiziell gibt es keinerlei finanzielle Verflechtungen zwischen Unzensuriert, Wochenblick und FPÖ.
Technisch betrachtet teilen sich unzensuriert.at und die Webseiten des ehemaligen 3. Nationalratspräsidenten Martin Graf und des aktiven Nationalratsabgeordneten Gerhard Deimek (beide FPÖ) eine IP-Adresse; beide Politiker-Seiten verlinken auch direkt auf Unzensuriert.
Ein Blick in das Firmenbuch zeigt ein recht weit verzweigtes Netz von Beteiligungen an Verlagen und Onlineplattformen, die letztlich in einer Beteiligung GmbH münden.
 
Beim Wochenblick, der auch auf Papier erscheint, schweigt man grundsätzlich zu Geldquellen. Geschäftsführer Norbert Geroldinger scheint im Firmenbuch noch als Geschäftsführer einer Werbeagentur und einer Künstlervermittlung, die früher ein Sexshop war, auf – wird aber wohl auch nicht reichen, um eine Wochenzeitung zu finanzieren.

SPÖ: Aufholjagd mit unterschiedlichem Geschick

Die SPÖ setzt ebenfalls verstärkt auf eigene Contents, mit wechselndem Geschick.
Die Webseite enthält vergleichsweise mehr Content als andere Parteiseiten und in Österreich auf Platz 2.357.
Fast 60% der Aufrufe kommen über Suchmaschinen – das spricht für gut gemachten Content. 20% rufen die Seite direkt auf, knapp 8% kommen über Social Media.
Unter der gleichen IP-Adresse ist auch noch die Domain laurarudas.at geparkt (die derzeit auf den Wikipedia-Eintrag weiterleitet).
An eigenen Onlinemagazinen wird derzeit nur kontrast-blog.at beworben.
Die Reichweite ist etwa die gleiche wie von spoe.at (3.378 in Österreich), zuletzt allerdings stark steigend. Über 60% der Zugriffe kommen über die Suche.
Kontrast-blog.at wird ausgewiesenermaßen von zehn SPÖ-MitarbeiterInnen und FunktionärInnen betrieben und auch gern innerhalb von SPÖ-Communitys geteilt.
 
 
politiknews.at ist seit kurzem online (Platz 12.142) ist und präsentiert sich als unabhängiges von einer Agentur betriebenes Medium. Dagegen spricht jetzt nicht nur, dass politiknews.at-Beiträge sehr SPÖ-lastig sind. Die Domain teilt sich überdies eine IP-Adresse mit zahlreichen weiteren SPÖ-Domains wie iamred.at, jusos.st, werner-faymann.at, jan-krainer.at oder spoe.wien.
 
politiknews-domains
 
Und Robert Neiger, Geschäftsführer der Chapter2 Medien GmbH, die politiknews.at produziert, dürfte in SPÖ-Kreisen kein ganz unbeschriebenes Blatt sein: am 14. März 2017 wurde Geigers Vorgängerfirma, die Magazinwerkstatt Medienproduktion GmbH mit der Chapter2 Medien GmbH verschmolzen. Die Magazinwerkstatt Medienproduktion GmBH produzierte unter anderem die Magazine „Unser Wien – Unsere Stadt“, die online (wienunserestadt.at) und mit Printausgaben für Leopoldstadt und Floridsdorf erschienen. Von 5. Juni 2013 bis 1. Dezember 2015 war Gerhard Kubik an der GmbH beteiligt. Gerhard Kubik war 1999 bis 2013 SPÖ Bezirksvorsteher in der Leopoldstadt  (seit 2013 ist er wieder SPÖ Gemeinderat, seit 2017 wieder SPÖ Bezirksvorsitzender in der Leopoldstadt). (Anmerkung: die „Der Zweite“-Ausgaben für die Leopoldstadt wurden offenbar erst 2016, also nach dem Ausscheiden Kubiks als Gesellschafter aus dem Verlag, produziert.)
 
 
Über die Herkunft der Zugriffe gibt es in den gängigen Analysetools noch keine aussagekräftigen Daten. In SPÖ-Communitys ist man anscheinend unschlüssig – spätestens seit die Hintergründe der Seite zur Debatte stehen, teilt man offenbar nicht mehr so gerne.
 
 
 

Und die anderen?

ÖVP

Die ÖVP ist in Hinblick auf ihr Medienuniversum offenbar unschlüssig. Zahlreiche kampagnenartige Seite verschwinden gleich wieder oder heben nie ab, ein Klub-TV des Parlamentsklubs auf YouTube ist in den letzten Wochen ebenfalls wieder verstummt, dafür gibt es auf Facebook jetzt den ÖVP Talk.
Das Domainarsenal auf der oevp.at IP-Adresse hat auch eher historischen Wert: Dort liegen z.B. noch alois-mock.at und andreaskhol.at.
Oevp.at erreicht im Alexa-Ranking Platz Platz 21.063 in Österreich, drei Viertel der Zugriffe kommen dabei über Suchmaschinen, unter 1% über Social Media.
 

Grüne

Gruene.at hat viel Content, auch wenn der auf den ersten Blick nicht gleich sichtbar ist.  In Suchmaschinen macht sich das bezahlt, 30% der Zugriffe kommen von Suchmaschinen. In Social Media sind grüne Inhalte nicht so populär: Nur 10% der Zugriffe kommen aus geteilten Links.
Im Trafficranking ergibt das Platz 3.180.
Die meisten unter der gleichen IP-Adresse angelegten Domains linken auf Inhalte von gruene.at oder Subdomains. Online tut sich wenig – dafür sind gerade in Wien die grünen Bezirksorganisationen mit Postwurfsendungen und Mini-Magazinen sehr aktiv.
 

NEOS

 Neos.eu ist ist die einzige Parteien-Domain, die eine IP-Adresse für sich allein hat. Zahlreiche weitere, offenbar für Kamagnenzwecke eingesetzten Domains, wurde von anderen Einheiten reserviert und haben kaum längerfristigen Content.
Im Ranking liegt neos.eu auf Platz 4.556.
Nur 16% der Zugriffe erfolgen über Suchmaschinen, nur 13% kommen aus Social Media. Auffällig ist: 10% der Zugriffe kommen aus Mailclients, also vermutlich über Klicks in Newslettern – das ist der einzig nennenswerte Wert; andere Parteien bewegen sich hier im 1%-Bereich.
 

Team Stronach

Team Strohdach haben wir nicht eigens analysiert. Der Vollständigkeit halber aber sei erwähnt: Die Parteizeitung „transparenz“ ist auch 2016 noch in vier Ausgaben erschienen, und die Team Stronach Akademie betreibt den Frank und Frei-Verlag, in dem Kaliber wie Andreas Unterberger, Martin Lichtmesz (Identitäre) oder Werner Reichel publizieren.

Die Fake News-Finder

FakeNewsFinder
Die Verbreitung von Fake News und Zusammenhänge zwischen Informationsnetzwerken lassen sich schön nachzeichnen. Die Recherche bleibt aber mühsame Handarbeit.
 
Facebook gibt seinen Usern jetzt – in einer ersten Phase in 14 Ländern – Tipps, woran Falschmeldungen zu erkennen sind. Etablierte Medienunternehmen und neue Medienprojekte beschäftigen sich mit der Frage, wie bei zunehmenden Datenmengen Informationen überprüft, zurückverfolgt und zugeordnet werden können. ForscherInnen erstellen Handbücher, die JournalistInnen das Prüfen und Visualisieren von Informationsquellen erleichtern sollen, um über deren Qualität entscheiden zu können.
Sind das sinnvolle Strategien gegen die Verbreitung von Fake News und Informationsmüll?
 
Die Visualisierungen im „Field Guide to Fake News“ (veröffentlicht im April 2017) sind klar: Falschinformationen verbreiten sich in ähnlichen Netzwerken, sie tauchen oft nach monatelangen Pausen wieder auf, und bekannte Fake News-Seiten benutzen sogar statistisch relevant oft andere Tracker (zur Sammlung von Userdaten und zur Auslieferung von Werbung) als echte News-Seiten.
All diese Informationen können mit großteils frei verfügbaren Tools abgefragt werden. Die Zusammenfassung in aussagekräftigen Berichten ist allerdings einiges an Arbeit und (noch) nicht wirklich endusergerecht.
 

Fake News-Tools

Trotzdem eine kleine Übersicht über ein paar Tools, die von jedermann verwendet werden können. Im Wesentlichen sind es Tools, die sonst auch zur Erfolgskontrolle im Onlinemarketing verwendet werden. Bei der Auseinandersetzung it Fakenews oder fragwürdigen Quellen helfen sie, ein Gefühl dafür zu bekommen, in welcher Blase man sich gerade bewegt.

Crowd Tangle

Crowd Tangle analysiert die Verbreitung einzelner Urls in sozialen Netzwerken. Im Gegensatz zu reinen Zähltools wie sharedcount.com liefert Crowd Tangle nicht nur die Interaktionszahlen, das Tool misst auch, in welchen größeren Facebook-Gruppen und Twitter-Accounts ein Link wann verbreitet wurde. Damit bekommt man erste Hinweise darauf, welche Netzwerke welche Informationen unterstützen, wann sie etwas aufgreifen, und – über die zeitliche Reihenfolge – wer von wem Informationen übernimmt. Zur Visualisierung der Daten (sind als csv downloadbar) wird Raw Graphs empfohlen.
Die Vollversion von Crowd Tangle (mittlerweile auch von Facebook übernommen) ist leider nicht frei zugänglich und soll in erster Linie Publishern vorbehalten werden. Wie das ausgelegt wird, bleibt abzuwarten. Für jedermann offen ist aber die Crowd Tangle Chrome Extension, mit der zumindest einzelne Seiten direkt aus dem Browser überprüft werden können.
 
Fake News CrowdTangle
 

Tool Tracker

Erste Hinweise zu kommerziellen Interessen und Zusammenhängen zwischen fragwürdigen Newsseiten bietet der DMI-Tooltracker. Diese Abfrage liefert Informationen darüber, welche Tracker zur Datensammlung oder zur Auslieferung von Werbung oder weiterführendem Content in der jeweiligen Seite zur Anwendung kommen. Diese wesentlichen Tracker sind zwar überall ähnlich; einige Tracker, so die Autoren des Field Guide, sind aber klare Hinweise für eigene fragwürdige Contentnetzwerke.
Für die tagesaktuelle Recherche ist das wohl weniger praktisch, spannend ist aber die Langzeitanalyse, die zeigt, wie schnell die Zahl solcher Tracker wächst.
Wer Seiten nicht systematisch analysieren will, aber trotzdem einen schnellen Überblick will, bekommt die gleichen Informationen mit dem Ghostery-Browserplugin.

Spyonweb

Spyonweb ist eine Abfrage, mit der sich Zusammenhänge zwischen Webseiten herausfinden lassen. Die Abfrage kann mit Domains, IP-Adressen oder auch mit Tracker-IDs (z.B. einer Google Analytics ID) gestartet werden. Das Ergebnis sind dann die jeweils fehlenden Daten – und die Analyse, welche Seiten zusammenhängen: Wo wird die gleiche Google Analytics ID verwendet, welche Domains verwenden sie gleiche IP-Adresse.
Ab Beispiel der abgefragten fpoe.at erkennt man beispielsweise: Die Seite und diverse Sprache-Seiten werden gemeinsam gezählt, und auf der gleichen IP-Adresse laufen 30 weitere Domains, von denen manche (z.B. mieterschutz.at) nicht eindeutig als FPÖ-Seiten ausgewiesen sind.
Fake News spyonweb
 
Die angeblich unabhängige Domain politiknews.at teilt sich eine IP-Adresse mit 84 weiteren SPÖ-Domains.
 
Fake News spyonweb2
 

Facebook Fake News-Tipps

Der Haken dabei: Die Hinweise zur Identifikation von Fake News sind um einiges länger als die Artikel, die üblicherweise gelesen werden. Aber immerhin sind sie in Listenform geschrieben.
Mit den Tipps geht auch eine Funktion einher, mit der einzelne als Fake empfundene Berichte gekennzeichnet werden können.
 
Das – in Verbindung mit der manchmal ungeschickten Sperrpolitik von Facebook bei gemeldeten Personen oder Postings – zeigt, wie sehr der Stellenwert von Netzwerken wie Facebook zunehmen wird.
 
Das gilt auch für die Fake News-Recherche-Tipps im Field Guide: Alle Recherchen nehmen ihren Ausgang bei Google. Google-Ergebnisse sind die erste Autorität wenn es um Datierung und Zuordnung von Inhalten geht und damit um das Nachzeichnen von Abhängigkeiten.
Was Google in dieser Welt nicht kennt, falsch indiziert oder datiert, existiert nicht – und kann auch nicht entlarvt werden.
 
Die schlechte Seite dabei ist: Der Ursprung von Information ist selten online. Dieser letzte Schritt kann auch mit den bisherigen Mitteln nicht nachvollzogen werden*.
Die gute Seite: Es werden nicht alle Social Media- und Google-User zu Faktenprüfern werden oder die Tools beherrschen lernen. Aber vielleicht gelingt es ja, einen Eindruck von Aufwand hinter der Faktenprüfung und der Bildung von Zusammenhängen zu vermitteln. Und das wären ja wieder Argumente, mit denen man für Journalismus Geld verlangen kann …
 
 
***
 
PS: Falls sich jemand fragt, warum sich hier so viele FPÖ-Beispiele in den Abfragen finden – die Facebook-Seite der FPÖ bezeichnet sich jetzt als Nachrichten-/Medienwebseite, nicht mehr als politische Partei. Dort werden auch praktisch nur noch eigene Publikationen geteilt, die vor wenigen Monaten noch vorhandenen Restbestände an Krone.at-Links scheinen zu verschwinden.
 
Medienwebseite
 
 
 
* PPS: Hinweis in eigener Sache: Ich habe einmal eine etwas nerdige Geschichte geschrieben, in der es um genau solche Informationstracker geht. Damals (2009) war das noch eine (wenn auch nicht ganz aus der Luft gegriffene) Vision. Und der letzte Schritt (der in der Geschichte schon umgesetzt ist), das Anzapfen von Information in Mails, Messengern und Unternehmensnetzwerken, ist noch nicht gemacht. Aber warten wirs mal ab.

Was wollt ihr von mir? Das unternehmerische Identitätsproblem

Der Klassenfeind feiert seine Wiedergeburt.
Ich habe ein Identitätsproblem. Ich erkenne mich schon noch im Spiegel, ich weiß meinen Namen und fühle mich heute früh auch noch als der, der gestern Abend eingeschlafen ist.
Aber wenn ich darüber nachdenke, was ich geschäftlich mache, bin ich verwirrt. Und das liegt nur zum Teil an systemimmanenter, also eigener, Planlosigkeit. Dieses Gefühl entsteht meistens dann, wenn ich zu verstehen suche, mit welchen Bildern im Kopf verschiedenste politische Farben versuchen, Unternehmer zu umgarnen.

Auf Entdeckerreise: Unbekannte Unternehmertypologien

  1. Da gibt es die, die Ein-Personen-Unternehmen super finden. In der Sicht der einen werden EPUs dabei zu armen ausgebeuteten Hascherln, verirrten Seelen, die – seien es jetzt Tagelöhner oder Ziegelarbeiter – staatliche Fürsorge brauchen. In der Sicht der anderen sind es heldenhafte SelbstausbeuterInnen, sie unter dem verhandelten Mindestlohn von 1500 € dahinvegetieren und auch gar nicht mehr möchten. Für wieder andere sind es Menschen, deren herausforderndstes Problem in der Entscheidung besteht, ob man heute mehr als eine Unterhose anziehen soll und ob man am Küchentisch, auf der Couch oder vielleicht doch mal im Kaffeehaus arbeitet.
    Verbreitungsgebiet: Grün, SPÖ
  2. Dann gibt es die (und die handelnden Personen sind dabei oft die gleichen wie jene in Punkt 1), die Unternehmer nur super finden, wenn sie Jobs schaffen. Produkt, Inhalt und Sinn sind ganz egal – der oder die UnternehmerIn zählt nur dann, wenn er oder sie klassische Jobs nach dem Angestelltengesetz schafft. Und sich dabei so viel Organisationskram aufhalst, dass jede genuin unternehmerische Tätigkeit garantiert unter die Räder kommt. Aber das macht nichts. Denn so wie der Lebensinhalt von Frauen darin besteht, Mutter zu sein, möchten auch Unternehmerinnen um jeden Preis von MitarbeiterInnen wegen der nächsten Gehaltserhöhung angeraunzt werden. Sonst sind wir’s nicht.
    Verbreitungsgebiet: SPÖ, Neos, ÖVP
  3. Dann gibt es die Freunde der Schattenboxer und Scheinhürdenkämpfer. Sie finden überall unglaubliche Herausforderungen, deren Existenz alleine denjenigen, der sich ihrer bewusst ist, zur Heldenfigur wachsen lassen. Da ist es noch gar nicht notwendig, sich diesen Herausforderungen zu stellen. Geschweige denn, sie zu bewältigen. Oder auch nur von ihnen betroffen sein. Da werden Einzelunternehmer oder Personengesellschaften in freien Gewerben zu siegreichen Finishern im Triathlon durch einen unüberwindbaren Bürokratiedschungel. Nicht selten dabei am meisten von jenen bewundert, die große Teile dieses Dschungels zu verantworten haben.
    Verbreitungsgebiet: ÖVP, Wirtschaftskammer, FPÖ
  4. Eine besonders kunstvolle Konstruktion ist das rechte Unternehmerbild. Unternehmer sind zugleich Teil der Ordentlichen und Anständigen, die dafür sorgen, dass in diesem Land etwas weitergeht, zugleich aber auch der Klassenfeind, der gerechten Mindestlöhnen für die Anständigen und Ordentlichen im Weg steht.
    Außerdem ist der oder die UnternehmerIn Teil einer Elite und eines Establishments, dem so ganz prinzipiell einmal eine Lektion erteilt werden muss.
    Verbreitungsgebiet: FPÖ
  5. Schließlich gibt es noch die Blumenwiesen-Unternehmer. Sie erzählen jedem von Ihrem Unternehmen (meist mit hübschem Foto, kurzer Headline und dem Hinweis „more to come“ oder „hier erfahren Sie in Kürze …“), finden nach jedem gemeinsamen Kaffee im Kaffeesud einen Hinweis mehr auf ihre großartige Zukunft („wegen genau solcher Projekte habe ich mich selbstständig gemacht“) und sind eine spezielle Untergattung jener Spezies, die „Wie werde ich mit dem Internet reich?“-Ratgeber veröffentlicht (statt „mit dem Internet“ kann man hier saisonal abwechselnd auch „mit besserem Verkauf“, „mit positiver Lebenseinstellung“, „mit Contentprodukten“ oder ähnliches einsetzen). Sie reden so viel über ihren Erfolg, dass ich mich frage, wann sie Zeit haben, erfolgreich zu sein.
    Verbreitungsgebiet: JunggründerInnen, „Start-Up“-Szene (Deppenanführungszeichen intended)

Vom Gründer-Hype zum Trauerspiel

Das sind nur ein paar Streiflichter.
Journalisten, die großteils den Eindruck erwecken, wirtschaftliche, finanzielle und steuerrechtliche Analphabeten zu sein, setzen mit einer akuten Welle an Mitleidsreportagen noch eine Krone (hübsch wie ein seit zwei Wochen im Regen stehender überquellender Aschenbecher) auf diesen welken Blumenstrauß. „Datum“ packt den dümmsten aller Titel („Selbst & Ständig“) aus und langweilt mit traurigen Geschichten, Brand eins schlägt in eine ähnliche Kerbe, und der Standard veröffentlicht eine „Reportage“ über verschuldete Unternehmer, die mehr Fragen offenlässt als sie stellt (Ist die Drittelmillion jetzt die 10%-Quote oder der gesamte Betrag? Warum sollte es nicht möglich sein, über Jahrzehnte eine Drittelmillion Schulden abzuzahlen?).

Identitaet2

Man macht sich also Gedanken darüber, was es heißt, UnternehmerIn zu sein – und erkennt anscheinend sehr wohl Anzeichen dafür, dass auch das UnternehmerInnen-Dasein, ganz so wie das Angestellten-Dasein, nicht mehr so ganz in geregelten Bahnen verläuft. So wie es nicht mehr direkt vom Vorstellungsgespräch geradeaus zu Dienstjubiläum und Frühpension geht, geht es heute auch nicht mehr ganz so geradlinig von der Gründung zur ersten Million (oder zum ersten Konkurs) – es gibt ein paar neue Nuancen und Abstufungen.

Liegt die Zukunft wirklich hinten?

Was macht man also als Unternehmer, den weder Selbstverwirklichung noch Größenwahn antreiben, der potenziellen MitarbeiterInnen gegenüber keine Muttergefühle entwickelt, der lieber Dinge macht als davon zu erzählen und der trotzdem der Meinung ist, dass es auch wirtschaftlich Sinn macht, weiterzumachen wie bisher?
Naja, man macht einfach. Und zahlt die Rechnungen seiner Partner, Lieferanten und Freelancer pünktlich. Und denkt sich manchmal, dass es trotzdem schöner wäre, wenn (vor allem auch öffentliche) Auftraggeber nicht so scharf darauf wären, Overheadkosten in Form von Organisations- und Personalkosten zu zahlen. Bankdirektoren und Industrie-CEOs, die sich eine Armada von Assistenzen für Diktate, Kontaktverwaltung und ähnliche anders bewältigbare Tasks halten, würde schließlich auch niemand für besonders innovativ und leistungsfähig halten.

Identitaet3

Du bist nicht awesome. Aber das macht nichts.

Irgendwo glaube ich ja schon noch, dass man mit 16 oder 17 Sozialist oder Anarchist gewesen sein muss – sonst ist man kein guter Mensch. Mit dem Sozialismus tue ich mir immer schwerer. Für eine gute Show sind schlicht die Feindbilder abhanden gekommen. In unseren Breitengraden gibt es kaum noch wirtschaftlich Unterdrückte und Ausgebeutete. Man kann wirtschaftliche Unterdrückung jetzt natürlich sehr breit fassen, ich bin dafür zu haben. Die Form der wirtschaftlichen Unterdrückung, die allerdings die meisten Menschen betrifft, ist die ganz und gar unkapitalistische Zinsflaute. Und was Ausbeutung betrifft: Die ebenfalls größte und flachendeckendste Form der Ausbeutung ist heute der private Konsum – sich selbst und den MitarbeiterInnen der Produzenten gegenüber. Und der ist zwar flächendeckend, aber freiweillig.
Also fehlen dem Sozialismus sowohl die Feinde als auch die Opfer. Dann machen wir eben unsere Feinde zu Opfern, muss sich die SPÖ gedacht haben und ließ ihren Kanzler verlauten: „Die Einpersonenunternehmen sind die neuen Ziegelarbeiter.“
Äh?
Ziegelarbeiter waren die ausgebeuteten Lohnsklaven Wiens, die unter ziemlich miserablen Bedingungen schufteten, bis sich die spätere Sozialdemokraten-Ikone Viktor Adler ihrer annahm und Bewusstsein für bessere Bedingungen schaffte. Eine Sternstunde der Sozialdemokratie, die sich um Arme und Schwache kümmert.
Selbstständige haben auch einen Haufen um die Ohren, als Einpersonenunternehmen müssen sie sich allein darum kümmern. Aber sind sie in einer Situation, in der sie einen sozialen Messias brauchen, weil sie sich selbst hier sonst nicht herausmanövrieren können?

Unternehmer wie Waisenkinder

Eigentlich hätte ich persönlich ja gute Voraussetzungen dafür. Ich war anfangs selbstständig, später lange angestellt und nach einem schiefgegangenen Jobwechsel plötzlich zum falschen Zeitpunkt arbeitslos und pleite.
Die Optionen waren: Sechs Monate Kündigungsfrist absitzen, währenddessen nichts tun können und dann darauf hoffen, dass sich wieder etwas finden wird, oder die Zeit zu verkürzen und gleich etwas Neues anfangen. Ich habe mich für den zweiten Weg entschieden, viel Glück gehabt, viel gearbeitet und bin noch immer für meine Begriffe weit davon entfernt, eine solide Basis zu haben, auf der das Geschäft wie von selbst läuft.
Aber ich bin auch nicht das letzte Glied der Nahrungskette: Ich zahle weit mehr als die Hälfte meines Umsatzes als Honorare für Partner und Dienstleister. Ich mache keine Gratis-Präsentationen und ich entscheide über den Preis. Ich warte auch nicht zitternd auf Sozialversicherungsvorschreibungen, sondern ich rechne aus, was zu zahlen ist und zahle das. Natürlich gibt es auch bürokratische Hürden, vor allem wenn das Geschäft etwas komplexer (zum Beispiel grenzüberschreitend) wird – das abwickeln zu können sehe ich als Teil eines unternehmerischen Angebots.
Und ich bin vieles, aber ganz sicher auch nicht awesome oder was man sonst sein muss, und auf einer schon ziemlich debilen Start Up-Welle mitschwimmen zu können. Im Gegenteil, ich bekomme allergische Ausschläge aller Arten, wenn ich egal wo auf der Welt die gleichförmige Awesomeness-, Peace-, Keep Calm- oder sonstwas Kacke sehe oder höre.
Aber bin ich deshalb – und weil ich wahrscheinlich nicht in die Tech-Start Up-Förder-Phantasien der Regierung passe, ein abhängiger Arbeiter, der sich nicht selbst helfen kann? Und warum ist eine Regierung so glücklich darüber, vermeintlich neue abhängige Opfer entdeckt zu haben, um die man sich ähnlich sorgen kann wie um rumänische Waisenkinder?

Verarbeiterung

Wenn Einpersonenunternehmen etwas Neues sind, dann sind sie eher:
  • Der Ersatz des lebenslänglichen Jobs: du kannst pleite gehen, wirtschaftlichen Mist bauen, Kunden verärgern, die verrechnen, Ärger mit Steuer und Sozialversicherung haben – so wie jedes Unternehmen jeder beliebigen Größe. Aber du kannst sich nicht selbst rauswerfen.
  • Die fairsten Arbeitgeber: Selbstausbeutungsgeschichten erzählt man oft und gerne. Angestellte im mittleren Management mit 100.000 €-Gehältern tun das aber genauso oft und gerne – im Gegensatz dazu können wir aber Bezahlung und Wertschätzung mit uns selbst verhandeln. Das hat natürlich Vor- und Nachteile.
  • Leistungsfähige Netzwerke: Wer allein arbeitet, muss vieles können – und auch wissen, was er oder sie nicht kann und wo man die fehlende Leistung herbekommt. Daher sind auch Kooperationsskills überlebenswichtig (das ist etwas anderes als so gern verlangte Teamfähigkeit …)
  • Vielseitig: Wer mittelgroße Projekte abwickelt, muss von vielen Dingen etwas verstehen.
Genau in diesen Punkten ist die politische Bereitschaft, brauchbare Rahmenbedingungen zu schaffen, aber äußerst dünn:
  • Vielseitigkeit soll sich bitte schön innerhalb des Rahmens der Gewerbeordnung bewegen. Und wer mehrere Gewerberberechtigungen braucht, kann sie sich ohnehin leicht organisieren – und doppelt zahlen.
  • Der bürokratischen Overhead sparende Netzwerkgedanke wird gerade bei öffentlichen Ausschreibungen am allerwenigsten verstanden. Wenn bei eher simplen Projekten nicht nur Mindestens-Jahresumsätze und Mindestens-Mitarbeiterzahlen, sondern auch Stundensätze von Assistenzen verlangt werden, ist das fast schon liebenswert anachronistisch. Ich weiß nicht, welchen Umsatz Smartphone und Internet verrechnen – und ich sollte das wahrscheinlich auch nicht zu laut sagen. Sonst wird daraus wieder ein Argument für die Maschinensteuer (Exkurs: Ich bin sowieso der Meinung, dass Hauptschulabsolventen, die dank brauchbarer Technologie jetzt auch Jobs ausfüllen können, für die sie sonst nie qualifiziert wären, den Löwenanteil einer allfälligen Maschinensteuer tragen sollten.)
  • Und was die Fairness betrifft, da sitzt der mittelgroße Einzelunternehmer ja immer in der selbstgestrickten Falle: Was will ich verdienen – und wieviel Steuern will ich zahlen? Klar kann man mit allerhand Ausgaben den Gewinn nach unten optimieren – das Geld ist trotzdem weg. Und der Versuch endlich in den Gewinnbereich zu kommen, in dem sich Geld wirklich auszahlen würde, wird gleich von mehreren Seiten torpediert: Die Grenzbeträge der Steuertarife bleiben gleich (den hässlichen Begriff der Kalten Progression kennt jeder). Die Grenzbeträge für die Sozialversicherung dagegen steigen jedes Jahr; die Ziellinie für den Wettlauf mit der Höchstbeitragsgrundlage wird jedes Jahr ein kräftiges Stück weiter in die Ferne gerückt. Nachdem aber die Steuertarife gleich bleiben, wird damit in Wahrheit jeder mehr verdiente Euro doppelt belastet: entweder ist er sozialversicherungs- und steuerpflichtig, oder er ist zwar nicht mehr sozialversicherungspflichtig, wird dafür aber unverhältnismäßig besteuert.
  • Und was für Einzelunternehmer (und andere Formen der Personenunternehmen) gänzlich fehlt, ist eine Möglichkeit, sinnvoll zu investieren oder Rücklagen zu bilden: Investitionsfreibeträge müssen in Wohnbauanleihen gesteckt werden – dort ist das Geld zehn Jahre lang gebunden. Nach vier Jahren kann es – bei Verzicht auf die Renditeerwartungen – vorzeitig abgezogen werden; für Investitionen steht es trotzdem nicht zur Verfügung. Realinvestitionen sind auf Neuanschaffungen beschränkt (vor allem bei Immobilien, vor allem in Wien sinnlos) und orientieren sich an einer Welt, in der Werkzeuge und große Büros wichtig waren. Immaterielle Investitionen, Forschung und Entwicklung oder Zeit für Kreativität (die man sich zum Beispiel mit einem Übermaß an Arbeit erkaufen kann) sind in diesen Modellen nicht vorgesehen.
Aus diesen Gründen habe ich mit dem (neuen?) sozialdemokratischen Wirtschaftsverständnis zwei oder drei Probleme:
Kleine Unternehmen werden als Arbeiter behandelt, nicht als an Selbstständigkeit, Gewinn und sicherem Wachstum orientierte Organisationen. Das ist ein von der Politik geschaffenes Problem.
Die Mär vom ausgebeuteten arbeiterähnlichen Kleinunternehmer lässt vergessen, dass auch der Kleinunternehmer wirtschaftliches und finanzielles Know How braucht. Und das führt dann eben wieder dazu, dass viele Kleinunternehmer – mangels dieses Know Hows – traurige Existenzen nach dem Geschmack der Sozialdemokratie werden.
Wenn das dann dazu führt, dass die Abschaffung von Selbstbehalten bei Arzt als wirtschafts- und sozialpolitische Visionen verkauft werden, dann ist das sehr traurig. (Exkurs: Die Selbstbehalte für Selbstständige sind unfair, nicht nachvollziehbar und absurd. Sie sind aber – im Vergleich zu in Steuer- und Organisationsfragen fehlendem Spielraum – nicht wirklich ein Anlass für schlaflose Nächte.)

Wer braucht einen Markt, wenn er einen Kanzler hat?

Neben dem uncool gar nicht postfaktischen sachlichen Kleinkram ist mein eigentliches Problem aber: Die Verarbeiterung der Kleinunternehmer zieht die falschen Leute an. Man muss kein extrem wachstumsorientierter Businesstyp sein, um Unternehmer zu sein, man kann gute Geschäfte machen, ohne sich „Gründer“ auf die Stirn tätowieren zu lassen oder tägliche eine halbe Stunde vor dem Spiegel zu üben, wie man „Start Up“ am coolsten ausspricht. Man sollte aber ein wenig Ahnung davon haben, wie man mit Geld umgeht, sich mit Steuer- und Rechtsangelegenheiten befassen und sich vor allem darüber im Klaren sein, dass nur Leistung verrechenbar ist. Noch genauer: Nur die Leistung, die auch jemand haben möchte.
Alles andere ist vielleicht Kunst (ist auch Leistung, aber keine, die per se bestellt wurde), ein schöner Sinn für Gerechtigkeit (wir wollen schließlich alle etwas davon haben) oder Politik: Politiker, nicht zuletzt Erwin-LaHauPö-hab-ihn-selig-Pröll, betonen ja oft und gern, dass die bei ihrem Einsatz in der Privatwirtschaft (ein ziemlich verräterisches Wort) ein Vielfaches verdienen würden. Dem liegt genau der verkaufstaktische Irrtum zugrunde, der aus Unternehmern Ziegelarbeiter machen: Socialisen, egal ob auf Feuerwehrfesten, Frühschoppen oder Netzwerkveranstaltungen ist genauso wenig verrechenbare Leistung wie Lernen, (die eigene) Buchhaltung oder die laufende Erweiterung des Horizonts. Es sind notwendige, aber nicht hinreichende Bedingungen um im Geschäft bleiben zu können. Bezahlt machen sie sich aber nur dann, wenn sie sich auf ein verkaufsbares Produkt auswirken.
Ich habe lange mit dem Gedanken gespielt, einen Unternehmer-Ratgeber genau darüber zu schreiben, Arbeitstitel: „Du bist nicht awesome. Aber das macht nichts.“ Und dann habe ich die Notizen dazu immer wieder in die Schublade gepackt. Weil mir genau die Zielgruppe für so einen Ratgeber so auf die Nerven gehen würde, dass ich hier nichts einigermaßen Erträgliches zu Papier bringen könnte. Aber vielleicht überdenke ich das ja noch mal …

Was denken Sie eigentlich? – Teil 2: Vom Werte- zum Rechterelativismus

Es ist ja durchaus schön, wenn sich Menschen von komplexen Gedankengängen angezogen fühlen. Philosophie ist etwas Kompliziertes, wirklich verstehen tut das eh keiner, aber mit ein bisschen Komplexitätsdistinktionsgehabe kann man sich Respekt verschaffen. – Zumindest oder vor allem dann, wenn man es eigentlich nicht notwendig hat und nicht darauf angewiesen ist, dass die Argumentation auch tatsächlich schlüssig ist. Würden nämlich so manche Spaß- und Hobbyphilosophen nach dem Schlüssigkeitsgrad ihrer Argumente bezahlt, dann hätte Diogenes in seiner Tonne ein krass luxuriöses High-Life mit mindestens Start-Up-adäquatem Glamour, kurz vor dem erfolgreichen Exit, versteht sich.
Marcus Franz war und ist mit wechselnden politischen Identitäten Nationalratsabgeordneter, hat einen Brotberuf als Arzt und wäre – das ist meine Vermutung – so gern ein intellektueller Provokateur. – Ich zumindest bin leider nicht so weit gekommen, mich mit seinen eigentlichen Aussagen in seinem neuesten Beitrag im Zentralorgan der Krypto-Kommentatoren und Ex-Chefredakteurs-Obskuranten zu beschäftigen, weil ich schon daran gescheitert bin, die ersten sieben Zeilen als auch nur irgendwie zulässige Prämisse zu akzeptieren. 2000 Jahre Geistesgeschichte und knappe 230 Jahre Menschenrechte werden hier schnell mal verschwurbelt und in Anschlag auf ein beliebiges politisches Thema gebracht. Solche Moves gibt es sonst nur im Wrestling.
Schwurbel
Aber der Reihe nach:
1) Kann man so sagen, aber damit steht man halt allein da. Die Transzendental- und Erkenntnisphilosophen von der Renaissance über den Idealismus bis zur Existenzphilosophie des 20. Jahrhunderts sind halt eher davon ausgegangen, dass Bewußtsein durch Reflexion entsteht. Einer davon hat das auch ganz plump auf den Punkt gebracht: „Ich denke, also bin ich“, falls das jemandem etwas sagt.
Muss man nicht wissen; für die folgende Argumentation ist dieser Einstieg auch sowieso irrelevant.
2) Das Argument als Wrestling-Move: „weithin akzeptiert“ zeichnet den Mainstream der Lemminge an die Wand, demgegenüber ein heroischer Autor vorerst großzügig unentschlossen bleibt. Er bezieht selbst keine Position, lässt eine anonyme Masse Position beziehen und schafft sich so Spielraum, um argumentieren zu können. Und er deutet schon an: Er stellt sich ja nicht gegen diese Position – er weiß nur etwas, etwas ganz Besonderes, Wichtiges, das dem gebannten Publikum in Kürze die Augen öffnen wird. Falls es nicht gerade damit beschäftigt ist, sich den Sand aus den Augen zu reiben, den solche Pseudo-Positionierungen dort hineinstreuen.
Beim Wrestling wäre das eben irgendeine Variante des Backbreakers, bei dem halt der Gegner fleißig mithelfen muss.
3) Ups. In der Perspektive des Autors haben Menschen also keine Rechte, sie „sollten“ welche haben. Klingt nach einer Kleinigkeit, ist es aber nicht. Denn solche Verschiebungen vom Sein zum Sollen eröffnen den Platz für viele Grausigkeiten:
für den situationselastischen Umgang mit Menschenrechten in z.B. China oder Russland („die sind das ja nicht gewohnt“)
für den missionarischen Einsatz, der edel die genehmen Rechte zu den Wilden exportiert
für den aristokratischen Zugang, der dem Gesindel Rechte gewährt („solange sie sich benehmen“)
4 + 5) Hier kommt der Finishing Move, um beim Wrestling zu bleiben. Erst wird einem vermeintlichen Mainstream (das sagen diese Krypto-Kommentatoren so gerne) etwas unterstellt. Dann wird auf Basis dieser Unterstellung ein Konstrukt geschaffen, das nicht einmal auf dieser Unterstellung, sonder auf der unausgesprochenen (und falschen) Prämisse dieser Unterstellung beruht. Und dann wird aus diesem Konstrukt eine beliebige Konsequenz hervorgezaubert und, weil wir gerade so philosophisch unterwegs sind, mit Voodoo-Zauber angereichert („Existenzbedingung“).
Aber der Reihe nach: Wenn wir sagen, dass Menschen Rechte „haben sollten“, dann bedeutet das, dass sie sie nicht haben. Es braucht also etwas oder jemanden, der sie ihnen gibt. Und damit sind Rechte schon an Pflichten gebunden: Denn der gerade frisch Berechtete soll sich eben gefälligst verpflichten, demjenigen, der ihm die Rechte eingeräumt hab, zu dienen. Oder ihm zumindest bitte nicht den Schädel einzuschlagen.
Während man das Nicht-den-Schädel-Einschlagen durchaus vertreten kann (allerdings nicht als Tauschgeschäft gegen Menschenrechte, sondern eher als Hinweis auf von einem solchen Tauschgeschäft unabhängige Menschenrechte), ist die Dienstbarkeitsoption dagegen ist schon entlarvender.
Wer meint, dass es Grundrechte nur mit Pflichten gibt, hat sich noch immer nicht von einer Herr-Knecht-Gesellschaft verabschiedet. Die Grundrechte der anderen sollten als Grenze ausreichen.
6) It’s magic. Und plötzlich taucht ein Flüchtling auf. Und die passive Formulierung („wird (…) oft gerne ausgeblendet“) setzt wieder dort an, wo Punkt 2 aufgehört hat.

Fazit

Kann sein, dass es etwas umständlich ist, einen Text so zu lesen. Aber es macht eben einen Unterschied, ob man argumentieren möchte, oder nur Geräusche machen und Pavian-Imponiergehabe nachstellen möchte.

Was denken Sie eigentlich? – Teil 1: Neandertaler, Logik und Zeitreisende

Wir arbeiten an Prototypen einer neuen Serie: Was sagen manche Menschen eigentlich, wenn sie reden? Heute legt, logisch analysiert, Robert Lugars jüngste Rede nahe, dass manche Parlamentarier geheime Informationen von Zeitreisenden empfangen. 

„Was denken Sie eigentlich?“ wird gemeinhin mit einem eher vorwurfsvollen Unterton gefragt. Umgangssprachlich ist auch „Was glauben Sie eigentlich?“ geläufiger. Ich bleibe trotzdem beim Denken, weil ich damit an Lesarten von Texten anknüpfen möchte, die versuchen, einen Schlüssel zum Weltbild des Schreibenden oder Sprechenden zu finden. Das kann ein Weltbild sein, das der Sprechende beschreiben möchte, eines, das durch seine Aussagen konkreter wird, oder eines, in dem seine Aussagen besondere Wirkung entfalten. 
Ich hatte bis jetzt ein paar Notizen zu dieser Idee. Die Notizen drohten, wie so vieles, mitsamt der Idee auf einer langen Bank in weite Ferne zu verschwinden, aber dann kam diese Rede von Team Stronach-Klubobmann Robert Lugar. An der kann man einfach nicht vorbeigehen und muss sie zumindest in Ansätzen zu verstehen versuchen.

Lugar (TS): „Weltbild wie die Neandertaler“„Jetzt holen sie genau solche Neandertaler herein, die wir bei uns Gott sei Dank ausgerottet haben, die die Frauenrechte mit Füßen treten.“ – Robert Lugar vom Team Stronach sorgt bei der heutigen Nationalratsdebatte zur Flüchtlingspolitik für Aufregung.

Posted by Zeit im Bild on Wednesday, March 16, 2016

Wenden wir einfach mal ein paar Grundregeln der Argumentation und der Logik an. Logik hat nämlich ihre Tücken: Wenn man unterstellt, dass sich Argumente im Grundrahmen der Logik bewegen, dann schließen sie nämlich auch einiges mit ein.
Das Gute vorweg: Man könnte Lugars Argumentation als genialen Schachzug sehen, um eventuelle Rassismus-Vorwürfe ins Leere laufen zu lassen. Rassen gibt es innerhalb eine Spezies; nachdem Lugar aber (manchen) Flüchtlingen nicht den Status der Spezies Mensch zuerkennt, sondern sie zu den Neandertalern zählt, kann er also kein Rassist sein. Oder?
Die Grundlage, auf der er diese Unterscheidung einführt, erschließt sich allerdings nicht ganz so leicht. Wie er am Tag danach selber sagte, weiß er ja gar nicht, wie das Weltbild von Neandertalern ausgesehen hat. Das wäre wahrscheinlich auch insofern schwierig, als man sich bis heute nicht sicher ist, ob Neandertaler Sprache hatten.

„Neandertaler (…), die wir Gott sei Dank ausgerottet haben“

Wird auch schwierig, das festzustellen, denn wie Robert Lugar richtig vermuten lässt: Neandertaler leben nicht mehr. Der gängigen Lehre zufolge sind sie ausgestorben, Lugar formuliert es etwas anders: „Wir haben sie Gott sei Dank ausgerottet.“*
Da stecken zwei Implikationen drin:
Erstens: Wer sich bei seinem Gott bedankt, findet das, wofür er sich bedankt, in der Regel gut. „Jemanden ausrotten“ ist eine aktiv besetzte Wendung; sie bedeutet nicht unbedingt, jemanden mit eigenen Händen zu erwürgen. Im weitesten Sinn kann ausrotten auch das Vernichten der Lebensgrundlagen der ausgerotteten Art bedeuten. Jedenfalls sind Tod und Töten notwendige Voraussetzungen des Ausrottens.
Logisch aufgegliedert bedeutet „Gott sei Dank haben wir x ausgerottet“ also:
1) Ich finde es gut, dass wir x ausgerottet haben.
2) eingeschlossene Prämisse: Ausrotten bedeutet Töten.
3) Konsequenz: Ich finde Töten gut.
Ob und unter welchen Umständen man das Töten befürworten darf oder sollte, ist eine häufige Fragestellung moralphilosophischer Dilemmata. Meist werden dabei aber vergleichbar schwerwiegende Konsequenzen einander gegenübergestellt: Darf man den dicken Mann von der Brücke werfen, um den Zug zu stoppen, der fünf Menschen zu überrollen droht? Oder darf man die Weiche umstellen , sodass auf dem anderen Gleis nur ein Mensch (statt fünf auf dem anderen Gleis) überrollt würde?
Diese Konsequenz fehlt mir in dem Neandertaler-Ausrottungs-Dilemma. Welche schwerwiegende Folge wäre gegenüber der Entscheidung, die Neandertaler auszurotten, so viel gravierender? Ist es nur das gesunkene subjektive Sicherheitsgefühl?
Zweitens: Die zweite Implikation des Ausrottungssagers macht verständlich, warum diese letzte Frage so schwer zu beantworten ist. „Wir haben ausgerottet“ ist wie bereits festgestellt eine aktive Formulierung. Sie setzt den Sprechenden in Bezug zur Handlung. Das Aussterben der Neandertaler liegt nun allerdings bereits rund 40.000 Jahre zurück. Wie kann jemand, der gestern noch am Rednerpult des Parlaments stand, ein Ereignis von vor 40.000 Jahren auf sich verbuchen?
Hierfür gibt es zwei Möglichkeiten:
1) Lugar fasst das „wir“ in seiner Formulierung sehr weit und schließt dabei sich, seine WählerInnen, seine NichtwählerInnen und die gesamte Menschheit der letzten 40.000 bis 45.000 Jahre ein. Schließlich haben Menschen und Neandertaler eine Zeit lang den Planeten gemeinsam bewohnt. Damit gäbe es ein globales und die Jahrtausende überdauerndes  „Wir“, das das Subjekt in dieser Aussage spielen kann. Damit wäre diese Aussage logisch möglich, sie wäre allerdings höchstwahrscheinlich immer noch historisch falsch. Das Aussterben der Neandertaler wird je nach Theorie auf Umwelteinflüsse, zu kleine Gehirne, mangelnde Sozialkompetenz oder darauf, dass sie vielleicht keinen Spaß an Sex hatten, zurückgeführt.
2) Die zweite Möglichkeit: Wer der Meinung ist, die Neandertaler ausgerottet zu haben, glaubt auch an Zeitreisen. Eine andere mögliche Voraussetzung, um die Aussage „Wir haben die Neandertaler ausgerottet“ richtig sein zu lassen, wäre die Annahme, dass sich ein geheimes Kommando 40.000 Jahre weit in die Vergangenheit beamen ließ, dort den Neandertalern den Garaus machte, und dann vermutlich wieder zurückkehrte, um Grenzzäune aufzuziehen. Wobei der letzte Teil der Geschichte nur Spekulation ist – vielleicht sind sie ja auch bei den Neandertalern geblieben und damit beschäftigt, ihre Spuren zu verwischen, weshalb es Forschern auch so schwer fällt, Details über das Ende der Neandertaler festzustellen. Oder sie sind seither in einer vernichtenden Raum-Zeit-Spirale gefangen, aus der sie nur alle paar Jahre rechtzeitig vor Ostern mit ausgewählten Parlamentariern kommunizieren können. Wir sollten hier nichts voreilig ausschließen
Man könnte jetzt sagen: Passt gut zu einer Zeit, in der Bundespräsidentschaftskandidaten aus einer Republik einen Gottesstaat machen möchten oder Lokalpolitiker auf die voodoo-ähnlich beschwörende Magie von Werteformeln oder deutscher Poesie setzen.
Oder man könnte sich die Frage stellen, was es bedeutet, Menschen die Menschlichkeit abzuerkennen.
Das ist dann aber keine reine Logikfrage mehr. Historiker oder Kolonialismusforscher („Wir sind alle Neger“) wissen darüber mehr und Konkreteres.
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* wörtlich heisst es: „Jetzt holen Sie genau solche Neandertaler herein, die wir bei uns Gott sei Dank ausgerottet haben.“

Wir alle sind Neger

Ein paar hundert Jahre nach der Aufklärung: Staatsmacht hat, wer töten kann. Lernen wir auch gerade jetzt wieder im Umgang mit Sozial-, Arbeits- und Migrationspolitik. 
Die „Kritik der schwarzen Vernunft“ ist nicht das, was der Titel vielleicht erwarten lässt. Achille Mbembe, Politikwissenschaftler und Kolonialismusforscher überspringt die Frage, was schwarze Vernunft ist und wendet sich gleich ihrem Bild in der weißen Diskussion zu. „Kritik der schwarzen Vernunft“ ist eine Aufarbeitung der Diskurs- und Erkenntnisverweigerung gegenüber Afrika und zieht sich von den frühen Kolonialisten bis heute. Afrika ist dabei nur ein Platzhalter für das Fremde und das, was ihm zugeschrieben wird. Das wird später noch wichtig.

Fabulieren statt Verstehen

Afrika, so Mbembe, ist grundsätzlich ein Konstrukt der Phantasie der frühen Kolonialisten. So wie Naturforscher (vermeintlich) neue Tierarten beschrieben und klassifiziert haben, haben Reisende Afrika beschrieben – und sich dabei auf ihr eigenes Urteil und ihren nicht zu kleinen Anteil an Phantasie gestützt. Fabulieren und Klassifizieren sind die vorrangigen Diskursstrategien gegenüber Afrika; Verstehen spielt dabei nur eine untergeordnete Rolle.
Dazu braucht es noch gar keine Sklavenhändler-Einstellung. Auch der vermeintlich offene Forscher kommt über das Fabulieren selten hinaus.
Mbembe konzentriert sich weniger auf die Analyse der Rechtfertigungen (oder vielmehr des Selbstverständnisses) der Sklaverei als auf die Suche nach einer Position zu schwarzen Identitäten nach dem Ende der Sklavenhaltung. Denn auch die Zeit danach blieb vor allem von Ratlosigkeit beherrscht: Was machen wir mit den Fremden, die wir nicht (persönlich) gerufen haben, die wir nicht mehr ganz nach Belieben töten und unterdrücken können, die wir aber auch nicht ganz so einfach pauschal aussiedeln können?

Macht hat, wer über Leben entscheidet

Mbembes Fragestellungen kreisen rund um seine Theorie, dass die Grundlage von Macht und Souveränität nach wie vor in der Fähigkeit, über Leben und Tod zu entscheiden, begründet ist (frei online nachzulesen auch in seinem Essay „Necropolitics“).
Die Bilder von Sklaven oder „Afrika“ sind dabei nur eine besonders plakative Projektionsfläche. Mbembe schreibt in seiner Argumentation kompromisslos von „Negern“ (ohne Anführungszeichen). Neger sind fremd, sie sind Kapital, sie verschaffen den mit Sklavenhändlern kooperierenden Regionen Wettbewerbs- und Standortvorteile und sie sind Ware.
Später blieben sie in erster Linie fremd und anders; manchmal etwas zurückgeblieben und nicht ganz zurechnungsfähig, manchmal hilfs- und schutzbedürftiges Objekt fürsorglicher Bemühungen, manchmal etwas Bedrohliches und Wildes. Auf jeden Fall aber: anders.
Während das Betonen der Andersartigkeit des Negers (ja, mich reißt es auch jedes Mal beim Schreiben) Rassismus ist, funktioniert der Konstruktionsplan dieser Andersartigkeit auch ohne Rasse – oder: Rassismus in Form biopolitischer Machtausübung ist nicht kleinlich. Ein anderer muss nicht schwarz sein, um anders als „wir“ zu sein und damit ausgegrenzt werden zu können. Der Neger war nur die erste Erscheinungsform, an der dieses Prinzip ausprobiert werden konnte.
Neger, schreibt Mbembe, verweist „nicht mehr nur auf die Lage, in die man die Menschen afrikanischer Herkunft in der Epoche des Frühkapitalismus brachte (Eineignungen unterschiedlicher Art, Beraubung jeglicher Möglichkeit der Selbstbestimmung und vor allem der Zukunft und der Zeit, dieser beiden Matrizen des Möglichen).“ Neger ist, wer vom anderen dazu gemacht werden kann, und wer sogar auf dem Weg zur scheinbaren Selbstbestimmung einem Sklavenpfad folgen muss. Historisch gesehen waren das ehemalige Kolonien, die sich ihre beschränkte Freiheit durch Zivilisationsbekenntnisse oder Reparationsleistungen zurückkaufen mussten, heute sind es Aussortierte, Überflüssige und Verschuldete, Mittelschichten, die sich mit Reichen solidarisieren, um sich der vermeintlichen Hoffnung auf eigenen Reichtum zu unterwerfen. Der Konsument, der Sozialhilfeempfänger, der freudige Venturekapitalnehmer – das sind die Neger des 21. Jahrhunderts.
Die Behauptung der Differenz (damit kommen wir an den Anfang zurück, zu der Frage Sicht des Negers als Platzhalter für Andersartigkeit), die sich in der Erfindung des Negers zum ersten Mal bewährt hat, ist ein gängiges Mittel, um Ausgrenzung und Abgrenzung produzieren, Abhängigkeiten zu erzeugen und Machtverhältnisse zu begründen. „Ihr wisst das halt nicht – aber wir sagen euch, wo es langgeht“, ist die zusammengefasste Position, mit der Eliten Negern aller Art begegnen können. Dabei können sich Eliten auf Traditionen, Kulturen und Fortschritt berufen – und auf eine verlockende Perpektive der Teilhabe, die sie Negern bieten können. Der Neger erfüllt dabei in etwas die Rolle einer neu angeschafften Maschine: Diese soll funktionieren und Produktivität steigern, sich aber nicht in geschäftliche oder strategische Angelegenheiten im Unternehmen einmischen. Der Neger soll wollen (besser werden wollen, wie die Weißen werden wollen, sich entwickeln wollen) und konsumieren (Waren, Lebenstile oder Lerninhalte). Produktive Aspekte des Negerdaseins sind dabei nicht vorgesehen.

Einwanderer als neue Platzhalter des Andersartigen

Diese Argumentation mag so weit nachvollziehbar sein; die Produktion von Überflüssigen, die bestenfalls durch ihren Konsum ein Produktionsfaktor sind, aber nicht weiter individuell beachtet werden müssen, wird auch von anderen Autoren beschrieben. Aber welcher Staat, welche Elite tötet heute noch ihre Überflüssigen? – Schließlich geht Mbembe ja von der Macht als Macht über Leben und Tod aus.
Hier kommt wieder der Rassismus ins Spiel. Kaum ein Staat, kaum eine Elite tötet seine eigenen Überflüssigen.  Er erfasst sie, kategorisiert sie, legt sie mit erweiterten Überwachungsmaßnahmen immer enger auf einzelne Merkmale fest, identifiziert sie mit biometrischen Verfahren, hält sie dadurch verfügbar – und grenzt sie von anderen Überflüssigen ab. Jeder Staat hat seine Neger, um die er sich kümmern muss, die Neger der anderen sind davon nicht eingeschlossen.
Identifikation und Kategorisierung dienen der „Schaffung einer neuartigen Population von Menschen, die potenziell zu entfernen und zu inhaftieren sind. So werden im Rahmen der neuen Einwanderungsfeindlichkeit in Europa ganze Bevölkerungsgruppen stigmatisiert und diversen rassischen Zuschreibungen unterworfen. Sie machen den Einwanderer zur Figur eines wesenhaften Unterschieds.“
Aus dieser Perspektive wird klar, wie weit die Herrschaftsformen, die Mbembe beschreibt, auch heute noch angewendet werden.
Die Probleme dahinter können auf unterschiedlichen Ebenen betrachtet werden:
Die willkürliche Grenzziehung anhand von Geburtsorten, Dokumenten und geografischer Lebensgeschichte ist eine Ebene.
Die andere Ebene ist die Verdinglichung des Menschen. Diese Ebene zieht schon lange eine historische Spur durch die Geistesgeschichte (Entfremdung, Warencharakter oder Überflüssige sind beispielhafte Schlagworte, die sich im Lauf der Zeit entwickelt haben). Der Mensch als willige Manövriermasse wird heute allerdings weniger ausgebeutet als er sich selbst ausbeutet (nein, nicht durch Unternehmertum und den landläufigen Begriff von Selbstausbeutung), sondern durch Konsum und Hoffnung. Politik sorgt für den Menschen und bringt ihn damit in eine Abhängigkeit, deren schlimmste Bedrohung Wachstum ist. Wachstum, das herausfordern könnte (erhöhte Produktivität, mehr Möglichkeiten) ist selten geworden, davor braucht sich niemand mehr zu fürchten. Wachstum in Form von Zuwanderung ist stattdessen zur schlimmsten Bedrohung geworden. Die Neger, die sich nicht selbst zu helfen wissen, zweifeln zu Recht an ihrem Herrn, der kein Interesse daran hat, sich für sie ins Zeug zu legen, und sich stattdessen mit ihnen gemeinsam gegen mögliche Bedrohungen wehrt.
Es braucht keine Phantasie, um darin ein etwas überdeutliches, aber nicht weniger aussagekräftiges Bild aktueller Migrations-, Sozial- und Arbeitspolitik zu sehen.