Prosfygika – We have some glimpse of hope

Hausbesetzen in Athen

Ich mag das ja, wenn es um extrem randlastige Themen geht, wenn die Aufmachung gezielt ranzig ist – und wenn die blattmacherische Qualität trotzdem passt. Johannes Fiola nennt sein Heft über die HausbesetzerInnen im Prosfygika-BLock in Athen „A Social Experiment“. Es sind großteils umkommentierte Interviews mit den BewohnerInnen, semidokumentarische Fotos und ein paar begleitende Texte über die Situation in Prosfygika und in Athen.

Fiola verbrachte 2015 einige Wochen mit den HausbesetzerInnen, gerade zum Höhepunkt der Flüchtlingswelle, als auch die BesetzerInnen trotz der an sich schon schwierigen Lage zwischen drohenden Räumungen und fragiler sozialer Ordnung zahlreiche Flüchtlinge bei sich aufnahmen.

Prosfygika an sich ist ein soziales Experiment – eine HausbesetzerInnen-Community, in der grundsätzlich jede und jeder kommen und gehen kann, wo aber auch kleine Geldbeiträge erwartet werden, sofern es sich jemand leisten kann. Damit wurde Prosfygika zum Sammelbecken für gestrandete Engländer, die einst auf der Suche nach sonnigeren Zeiten waren, sich aber kein anderes Leben mehr leisten können. Für PensionistInnen, deren radikal zusammengekürzte Pension ihnen kein anderes Leben mehr erlaubt. Für Neuankömmlinge, die eben erst versuchen, in Athen Fuß zu fassen. Und für Idealisten, die in der Hausbesetzer-Community Modelle und Vorboten einer neuen, besseren Form des Zusammenlebens sehen.

Die Gruppe steht in recht frei interpretierter anarchistischer Tradition; Kriminalität und Drogen werden allerdings nicht toleriert; sich immer wieder ansiedelnde Dealer müssen die Blocks verlassen.

Die Wohnblocks wurden nach dem ersten Weltkrieg als Erstunterkünfte für türkische Flüchtlinge errichtet, waren einer der Hauptschauplätze des griechischen Bürgerkriegs der 40er Jahre und sind seither ziemlich desolat. Während der Olympischen Winterspiele 2014 wurde das Areal abgeriegelt und mit Planen verhängt, um es vor den Besuchern abzuschirmen.

Fiolas Buch ist eine schöne Dokumentation mit wunderbaren Fotos. Ein paar Übersetzung- und Lektoratsfehler verleiden einem leicht das Lesen – aber das passt auch wieder zur Aufmachung. Unkommentierte Interviews sind manchmal nicht ganz leicht verdaulich und ihnen fehlen Kontext und Bezugsrahmen. Aber das lässt sich ja alles nachlesen …

We have some glimpse of hope

  • 92 Seiten, 17×24 cm
  • 10 €
  • Fadengeheftet, Softcover
  • im Shop z.B. bei Slanted

Pizza für alle – Pizzeria Anarchia wird geräumt

[su_dropcap]E[/su_dropcap]igentum ist ja immer ein Problem. Vor allem, wenn man das, was man besitzt, so wenig braucht, dass man es dauerhaft anderen überlässt, die dann dafür bezahlen sollen. – Oder auch nicht bezahlen, wie es ursprünglich in der Geschichte der Pizzeria Anarchia der Fall war: Hausbesitzer quartieren Punks, Anarchisten, oder wie man es auch nennen möchte, in einem teilweise leerstehenden Haus ein – in der Hoffnung, so meint man, diese würden im Lauf der Zeit die verbliebenen regulären Mieter aus dem Haus ekeln.

Das Gegenteil war der Fall – man vertrug sich gut, hatte wenig Ärger mit der Umgebung, und dachte dann nicht mehr daran, das Haus aufzugeben.
Das schon lange erlassene Räumungsurteil wurde heute durchgesetzt. Über die Zahl der eingesetzten Polizisten wussten offenbar diese selbst nicht so genau bescheid – von bis zu 1700 war die Rede, es waren jedenfalls viele. Und es wurden immer mehr.
Im Lauf des Vormittags haben sich dann auch viele Schaulustige und Anrainer versammelt. Was auffällt: Die meisten schüttelten den Kopf. Kaum einer zeigte sich erleichtert, dass jetzt endlich Ordnung einkehrt; manchen war anscheinend noch gar nicht aufgefallen, dass sie bis jetzt in der Nachbarschaft eines besetzten Hauses gewohnt hatten. Vereinzelte „Der Hitler hätt a Bombn reingeworfen und a Ruh is“-Sager, kamen nicht von Harald Vilimsky. Und ältere Damen zeigten sich eher um die Hausbesetzer als die Hausbesitzer besorgt.

Schön, wenn sich das Kapitalwachstum so viel leichter sichern lässt, als das Wirtschaftswachstum. Und selten hat man so schön gesehen, um welchen Preis…
Und die Sache mit dem Eigentum? Darauf komme ich später noch mal zurück.