Das Boda Boda-Buch: Motorradtaxis in Uganda

Wir machen dann im übrigen ernst: Mit Ende des Jahres werden wir das Boda Boda-Fotobuch fertigstellen. Boda Bodas sind Motorradtaxis in Ostafrika, die vor allem in Uganda üblich sind.
Ursprünglich waren es Fahrräder, die das Niemandsland zwischen den Grenzen überbrückt haben – heute sind die Motorradtaxis eine der wichtigsten Lebensadern im Nahverkehr ostafrikanischer Städte. Und sie bieten eine Zukunftsperspektive für junge Menschen, die mit ihren Fahrten nicht schlecht verdienen.

Trotzdem ist die Zukunft der Fahrer ungewiss: Einige Stadtbehörden überlegen gerade, die Motorräder aus den Stadtzentren zu verbannen – um moderner zu werden und um die natürlich mit der hohen Motorraddichte verbundenen Unfallrisiken zu senken.

Eine Verbannung der Motorräder wäre schade – nicht nur, weil sie in Millionenstädten die Kampala das effizienteste Fortbewegungsmittel sind, weil sie Jobs und Unabhängigkeit schaffen, sondern auch, weil damit ein wunderschönes buntes Stück abenteuerlicher Lebendigkeit verloren gehen würde.

Mehr Bilder und den Plan zum Buch gibt es auf bodaboda.org. Und um das Buch fertigzustellen, brauchen wir euch …

 

 

Wir alle sind Neger

Ein paar hundert Jahre nach der Aufklärung: Staatsmacht hat, wer töten kann. Lernen wir auch gerade jetzt wieder im Umgang mit Sozial-, Arbeits- und Migrationspolitik. 
Die „Kritik der schwarzen Vernunft“ ist nicht das, was der Titel vielleicht erwarten lässt. Achille Mbembe, Politikwissenschaftler und Kolonialismusforscher überspringt die Frage, was schwarze Vernunft ist und wendet sich gleich ihrem Bild in der weißen Diskussion zu. „Kritik der schwarzen Vernunft“ ist eine Aufarbeitung der Diskurs- und Erkenntnisverweigerung gegenüber Afrika und zieht sich von den frühen Kolonialisten bis heute. Afrika ist dabei nur ein Platzhalter für das Fremde und das, was ihm zugeschrieben wird. Das wird später noch wichtig.

Fabulieren statt Verstehen

Afrika, so Mbembe, ist grundsätzlich ein Konstrukt der Phantasie der frühen Kolonialisten. So wie Naturforscher (vermeintlich) neue Tierarten beschrieben und klassifiziert haben, haben Reisende Afrika beschrieben – und sich dabei auf ihr eigenes Urteil und ihren nicht zu kleinen Anteil an Phantasie gestützt. Fabulieren und Klassifizieren sind die vorrangigen Diskursstrategien gegenüber Afrika; Verstehen spielt dabei nur eine untergeordnete Rolle.
Dazu braucht es noch gar keine Sklavenhändler-Einstellung. Auch der vermeintlich offene Forscher kommt über das Fabulieren selten hinaus.
Mbembe konzentriert sich weniger auf die Analyse der Rechtfertigungen (oder vielmehr des Selbstverständnisses) der Sklaverei als auf die Suche nach einer Position zu schwarzen Identitäten nach dem Ende der Sklavenhaltung. Denn auch die Zeit danach blieb vor allem von Ratlosigkeit beherrscht: Was machen wir mit den Fremden, die wir nicht (persönlich) gerufen haben, die wir nicht mehr ganz nach Belieben töten und unterdrücken können, die wir aber auch nicht ganz so einfach pauschal aussiedeln können?

Macht hat, wer über Leben entscheidet

Mbembes Fragestellungen kreisen rund um seine Theorie, dass die Grundlage von Macht und Souveränität nach wie vor in der Fähigkeit, über Leben und Tod zu entscheiden, begründet ist (frei online nachzulesen auch in seinem Essay „Necropolitics“).
Die Bilder von Sklaven oder „Afrika“ sind dabei nur eine besonders plakative Projektionsfläche. Mbembe schreibt in seiner Argumentation kompromisslos von „Negern“ (ohne Anführungszeichen). Neger sind fremd, sie sind Kapital, sie verschaffen den mit Sklavenhändlern kooperierenden Regionen Wettbewerbs- und Standortvorteile und sie sind Ware.
Später blieben sie in erster Linie fremd und anders; manchmal etwas zurückgeblieben und nicht ganz zurechnungsfähig, manchmal hilfs- und schutzbedürftiges Objekt fürsorglicher Bemühungen, manchmal etwas Bedrohliches und Wildes. Auf jeden Fall aber: anders.
Während das Betonen der Andersartigkeit des Negers (ja, mich reißt es auch jedes Mal beim Schreiben) Rassismus ist, funktioniert der Konstruktionsplan dieser Andersartigkeit auch ohne Rasse – oder: Rassismus in Form biopolitischer Machtausübung ist nicht kleinlich. Ein anderer muss nicht schwarz sein, um anders als „wir“ zu sein und damit ausgegrenzt werden zu können. Der Neger war nur die erste Erscheinungsform, an der dieses Prinzip ausprobiert werden konnte.
Neger, schreibt Mbembe, verweist „nicht mehr nur auf die Lage, in die man die Menschen afrikanischer Herkunft in der Epoche des Frühkapitalismus brachte (Eineignungen unterschiedlicher Art, Beraubung jeglicher Möglichkeit der Selbstbestimmung und vor allem der Zukunft und der Zeit, dieser beiden Matrizen des Möglichen).“ Neger ist, wer vom anderen dazu gemacht werden kann, und wer sogar auf dem Weg zur scheinbaren Selbstbestimmung einem Sklavenpfad folgen muss. Historisch gesehen waren das ehemalige Kolonien, die sich ihre beschränkte Freiheit durch Zivilisationsbekenntnisse oder Reparationsleistungen zurückkaufen mussten, heute sind es Aussortierte, Überflüssige und Verschuldete, Mittelschichten, die sich mit Reichen solidarisieren, um sich der vermeintlichen Hoffnung auf eigenen Reichtum zu unterwerfen. Der Konsument, der Sozialhilfeempfänger, der freudige Venturekapitalnehmer – das sind die Neger des 21. Jahrhunderts.
Die Behauptung der Differenz (damit kommen wir an den Anfang zurück, zu der Frage Sicht des Negers als Platzhalter für Andersartigkeit), die sich in der Erfindung des Negers zum ersten Mal bewährt hat, ist ein gängiges Mittel, um Ausgrenzung und Abgrenzung produzieren, Abhängigkeiten zu erzeugen und Machtverhältnisse zu begründen. „Ihr wisst das halt nicht – aber wir sagen euch, wo es langgeht“, ist die zusammengefasste Position, mit der Eliten Negern aller Art begegnen können. Dabei können sich Eliten auf Traditionen, Kulturen und Fortschritt berufen – und auf eine verlockende Perpektive der Teilhabe, die sie Negern bieten können. Der Neger erfüllt dabei in etwas die Rolle einer neu angeschafften Maschine: Diese soll funktionieren und Produktivität steigern, sich aber nicht in geschäftliche oder strategische Angelegenheiten im Unternehmen einmischen. Der Neger soll wollen (besser werden wollen, wie die Weißen werden wollen, sich entwickeln wollen) und konsumieren (Waren, Lebenstile oder Lerninhalte). Produktive Aspekte des Negerdaseins sind dabei nicht vorgesehen.

Einwanderer als neue Platzhalter des Andersartigen

Diese Argumentation mag so weit nachvollziehbar sein; die Produktion von Überflüssigen, die bestenfalls durch ihren Konsum ein Produktionsfaktor sind, aber nicht weiter individuell beachtet werden müssen, wird auch von anderen Autoren beschrieben. Aber welcher Staat, welche Elite tötet heute noch ihre Überflüssigen? – Schließlich geht Mbembe ja von der Macht als Macht über Leben und Tod aus.
Hier kommt wieder der Rassismus ins Spiel. Kaum ein Staat, kaum eine Elite tötet seine eigenen Überflüssigen.  Er erfasst sie, kategorisiert sie, legt sie mit erweiterten Überwachungsmaßnahmen immer enger auf einzelne Merkmale fest, identifiziert sie mit biometrischen Verfahren, hält sie dadurch verfügbar – und grenzt sie von anderen Überflüssigen ab. Jeder Staat hat seine Neger, um die er sich kümmern muss, die Neger der anderen sind davon nicht eingeschlossen.
Identifikation und Kategorisierung dienen der „Schaffung einer neuartigen Population von Menschen, die potenziell zu entfernen und zu inhaftieren sind. So werden im Rahmen der neuen Einwanderungsfeindlichkeit in Europa ganze Bevölkerungsgruppen stigmatisiert und diversen rassischen Zuschreibungen unterworfen. Sie machen den Einwanderer zur Figur eines wesenhaften Unterschieds.“
Aus dieser Perspektive wird klar, wie weit die Herrschaftsformen, die Mbembe beschreibt, auch heute noch angewendet werden.
Die Probleme dahinter können auf unterschiedlichen Ebenen betrachtet werden:
Die willkürliche Grenzziehung anhand von Geburtsorten, Dokumenten und geografischer Lebensgeschichte ist eine Ebene.
Die andere Ebene ist die Verdinglichung des Menschen. Diese Ebene zieht schon lange eine historische Spur durch die Geistesgeschichte (Entfremdung, Warencharakter oder Überflüssige sind beispielhafte Schlagworte, die sich im Lauf der Zeit entwickelt haben). Der Mensch als willige Manövriermasse wird heute allerdings weniger ausgebeutet als er sich selbst ausbeutet (nein, nicht durch Unternehmertum und den landläufigen Begriff von Selbstausbeutung), sondern durch Konsum und Hoffnung. Politik sorgt für den Menschen und bringt ihn damit in eine Abhängigkeit, deren schlimmste Bedrohung Wachstum ist. Wachstum, das herausfordern könnte (erhöhte Produktivität, mehr Möglichkeiten) ist selten geworden, davor braucht sich niemand mehr zu fürchten. Wachstum in Form von Zuwanderung ist stattdessen zur schlimmsten Bedrohung geworden. Die Neger, die sich nicht selbst zu helfen wissen, zweifeln zu Recht an ihrem Herrn, der kein Interesse daran hat, sich für sie ins Zeug zu legen, und sich stattdessen mit ihnen gemeinsam gegen mögliche Bedrohungen wehrt.
Es braucht keine Phantasie, um darin ein etwas überdeutliches, aber nicht weniger aussagekräftiges Bild aktueller Migrations-, Sozial- und Arbeitspolitik zu sehen.