Auf dem Weg zur Superkooperation


Nach einigen Campus-Fuehrungen und Eroeffnungsevents startete das Institute for Science and Technology Austria (IST) mit der ersten oeffentlichen Lecture vergangene Woche auch mit wissenschaftlichen Events fuer die Oeffentlichkeit.
Der in Harvard lehrende mathematische Biologie Martin Nowak referierte ueber die Entwicklung von Kooperation im Zusammenhang von Evolutionstheorie und natuerlicher Selektion.
Seine Grundthese: Natuerliche Selektion alleine beguenstigt Kooperation nicht. Im Gegenteil: Evolution alleine beguenstig Verweigerung; isoliert betrachtet setzt sich derjenige durch, der allein durchkommt. Nicht zu kooperieren birgt in praktisch allen Spieltheorien das geringere Risiko – dieses Verhalten nutzt vielleicht manche Chancen nicht, fuehrt in Summe betrachtet in einer rationalen Welt aber immer zum sichereren Ergebnis.
Nur funktioniert die Praxis nicht immer ohne Kooperation. Wahrend Arbeitsteilung vielleicht nicht zwingend notwendig ist, zeigen Herausforderungen die der Klimawandel, dass aktuelle Probleme nicht ohne Kooperation bewaeltigt werden koennen. Dabei muss man sich nichgt nur auf ein gemeinsames Vorgehen einigen, sondern auch die Beduerfnisse des anderen beachten.
Warum funktioniert das, wenn diese Verhalten grundsaetzlich nicht natuerlich ist?
Nowak zaehlt fuenf Faktoren auf, die Evolution dabei unterstuetzen, Kooperation zuzulassen:

  • Naehe sorgt dafuer, dass wir unsere Isolations- oder Verweigerungshaltung eingreifen und doch kooperieren. Das funktioniert nur in eingeschraenktem Rahmen.
  • Direkte Gegenseitigkeit – wie du mir, so ich dir – fuehrt ebenfalls zu kooperativem Verhalten: Die Verinbarung oder Erwartung, einander zu helfen, setzt rationales Verhalten und entweder Ehrlichkeit oder klare Machtverhaeltnisse voraus. Und – das ist die Schwaeche – sie toleriert keine Fehler sondern erhebt sie im Gegenteil zum Status Quo. Eine (selbst irrtuemliche) Verweigerungsreaktion wird mit Verweigerung beantwortet, diese natuerlich ebenfalls – Kooperation ist damit gelaufen. Ausserdem: Einer muss anfangen und mit einer guten Tat in Vorlage treten…
  • Indirekt gegenseitige Kooperation ist eine der komplexesten Interaktionsformen. „Ich helfe dir, dammit mir jemand anderer hilft“, bezieht Reputation, soziales Verhalten, Sprache und schliesslich Tratsch als Kriterien mit ein. Wir helfen, um gut dazustehen; wer gut dasteht, dem wird eher geholfen. Und schliesslich ist in dieser Konstellation der Helfende auch auf unbeteiligte Dritte angewiesen – darauf, dass die guten Taten weitererzaehlt werden. Zusammengefasst: „For direct reciprocity, you need a face. For indirect reciprocity, you need a name.“
  • Die letzte Strategie ist die Gruppenselektion. Gruppen sind nur als kooperative erfolgreich (im Gegensatz zu Individuen) und foerden dadurch auch kooperative Individuen. – Das ist allerdings nur bis zu einer gewissen Gruppengroesse relevant.

Diese Modelle sind mathematisch begruendet und bei praktisch allen Lebensformen feststellbar – mit einer Ausnahme: Indirekte Reziprozitaet ist ein Spezifikum des Menschen. Andersrum formuliert: Reputation – und damit Eitelkeit – traegt nicht nur zur Bildung von Kooperationsbereitschaft bei, sondern vor allem auch zur Entstehung der Grundlagen menschlichen sozialen Verhaltens: Damit Eitelkeit und die so gegruendete Form der Zusammenarbeit funktionieren, braucht es soziale Intelligenz; damit es wichtig sein kann, was andere ueber mich sagen, braucht es zuerst einmal Sprache.
Waehrend vier der fuenf Strategien, der Einseitigkeit natuerlicher Selektion entgegenzuwirken, bei praktisch allen Lebensformen vorzufinden sind, ist das Vertrauen auf indirekte Gegenseitigkeit ein Merkmal nur weniger Lebensformen. Nachweisen laesst es sich, aufgrund der Tatsache, dass dieses Verhalten auf Sprache angewiesen ist, (vorerst) nur beim Menschen.

Die Vielfalt der moeglichen Beziehungen (direkt, indirekt, ueber verschiedene Kanaele vermittelt) und ihr Zusammemnhang zu kooperativem Verhalten wirft auch zwei Fragen auf, die Nowak nur am Rande streift:

  • Welchen Stellenwert haben Menge und Intensitaet oder Qualitaet dieser Beziehungen?
  • Wie werden sich Kooperationsverhalten und -moeglichkeiten durch Supernetzwerke und erweiterte Beziehungsformen – sprich Online Medien – veraendern?

Nowak hat (noch) keine Antworten; die Fragestellung zeigt den Stellenwert, den Online Medien als digital und entfernt vermittelte Beziehungen heute einnehmen – sie lassen sich in einem Satz mit den grundlegenden Evolutions- und Selektionsmechanismen nennen.
Bevor Antworten gegeben werden koennen, muessen wahrscheinlich einige andere Fragen gestellt werden. Technikfolgen, Auswirkungen von Medien werden oft politisch oder ethisch behandelt. Wie sollen/wollen wir mit Medien umgehen, welche Ansprueche haben wir an die kommerziellen und kulturellen Leistungen?
Nocheinmal davor steht die Frage nach Moeglichkeiten und Grundlagen, die neue Online Medien bedingen: Was ersetzt oder ergaenzt die Sinne in digitaler Interaktion? Woraus beziehen wir Sicherheit? Wie bilden wir unser Entscheidungs- und Beurteilungskriterien? Welchen Stellenwert hat unser digitales Urteil gegenueber unseren realen Urteilen (dort wo wir eine Situation, einen Menschen aus beiden Perspektiven betrachten koennen)? Und schliesslich: Worauf gruendet Vertrauen in digitalen Interaktionen; welche Arten von Vertrauen ist hier noetig?

  • Eine Rolle spielt Technik als Erweiterung oder Ersatz fuer Sinne: Was ist real und nachvollziehbar zustandegekommen?
  • Ein anderer Punkt sind Inhalte: Verstehen wir sie; brauchen wir mehr oder weniger Kontext, um sie einordnen zu koennen?
  • Hinter den Inhalten stehen User: Brauchen wir die (s. die Frage nach mehr oder weniger Kontext)? Welchen positiven oder negativen Einfluss koennen welche Eigenschaften des Users/Autors haben, und wie erkennen und beurteilen wir diese Eigenschaften – angesichts der Tatsache, dass wir einander nur selten, ueber ein Medium und in digitalen Bruchstuecken begegnen?
  • Brauchen wir, um die Frage nach Vertrauen und Kooperation beantworten zu koennen, eine digitale Erkenntnistheorie? Und warum gehen wir davon aus, dass in dieser grundsaetzlich nuechternen Thematik Eitelkeit eine grosse Rolle spielt?

Das Trust Exchange Forschungsprogramm kristallisiert sich immer klarer heraus…

Ausgewaehlte Publikationen von Martin Nowak gibt es ueber meinen delicious-Account.

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