Tokio – Stadt ohne Mistkübel

Tokio – Stadt ohne Mistkübel

Mein Bild von Tokio stammte ja ehrlich gesagt eher aus Filmen wie Tetsuo oder Ichi the Killer. Nach einer Woche etwas über eine Stadt zu sagen, ist genauso anmaßend. Tu ich auch nicht. Ich erzähl nur von ein paar Dingen, die mit auf 120 Kilometern zu Fuß kreuz und quer durch die Straßen Tokios aufgefallen sind (und mit der U-Bahn sind sicher noch fünf Mal so viele Kilometer dazugekommen).

Müll

„Please take your garbage home with you“, heißt es auf Schildern in vielen Parks. Anfangs habe ich das für eine nicht ganz gelungene Übersetzung der Aufforderung, Müll in Mistkübel zu werfen, gehalten. Es dürfte aber wörtlich gemeint sein – denn Mistkübel gibt es in Tokio praktisch nicht. Manche Seven Elevens oder Family Marts machen da mit kleinen Mistkübelbatterien (getrennt nach Plastik, Metall, Papier und Rest) eine Ausnahme, aber sonst ist weit und breit nichts in Sicht. Auch die Idee mit U-Bahn-Klos musste ich wieder aufgeben: U-Bahn-Klos gibt es zwar fast überall, aber immer ohne Papierhandtücher (nur mit Warmluftgebläsen), und damit auch ohne Mistkübel.
Sauber ist die Stadt trotzdem. Und in den Ausgehvierteln stehen manchmal kleine Müllsacksammlungen verschämt am Straßenrand vor den Lokalen, verschwinden aber schnell wieder.

Stadt der Helme und Laserschwerter

Japanische Bauarbeiter tragen Helme. Immer, überall und ausnahmslos. Auch wenn sie im Freien Farbe von der Wand kratzen (dabei fällt nichts Schweres hinunter) oder im Freien auf dem Boden arbeiten (wenn gar nichts über ihnen ist).
Und vor jeder Baustelle, die einen Gehsteig berührt, auch wenn sie gar nicht im Weg ist, steht ein Aufseher mit weißen Handschuhen und rotem Laserschwert, der Passanten den Weg an der Baustelle vorbei weist. Und auch trägt Helm. Auch nach Feierabend, wenn die Baustelle gar nicht mehr in Betrieb ist.

Stadt der Verbote

Manchmal sind es freundliche Bitten („Please don’t rush“ auf den U-Bahn-Gleisen), sachdienliche Hinweise („The doors will close soon after the music stops“ in der U-Bahn), manchmal strikte Ansagen. Vor allem in Parks und an öffentlichen Plätzen sind die Verbotslisten oft lang – allerdings sind es dann gar nicht so dramatische Verbote. Man schätzt offenbar Klarheit. So sind etwa Hunde-Kackverbote oft dreifach ausgeführt: Kein großes Geschäft (gar nicht), kein kleines Geschäft (in Wiesen und Blumenbeeten) und wenn’s passiert, dann wegräumen.
Rauchverbote sind ein eigenes Kapitel.
Shinjuku2

Öffentlicher Raum

Anders als es viele Klischees vermitteln, gibt es erstaunlich viel Platz und Grün. Parks sind öffentlich, die vielen Verbotsschilder regeln klar, wo und in welchen man auf die Wiese darf und was man dort tun und lassen kann. Die Ufer der vielen Flüsse und Kanäle, die die Stadt durchziehen, sind großteils ausgebaut und grün.
Und Tokio ist eine Stadt für Fußgänger – wo eine Straße ist, kann man auch gehen (anders als in vielen amerikanischen Städten). Praktisch alle Brücken haben eigene Geh- und Radwege, und auch entlang sechsspuriger dreistöckiger Straßen, über die noch zwei Bahntrassen führen, gibt es Gehwege und Fußgängerampeln.

Rush Hour – Stadt ohne Staus?

Dicht gedrängte Straßen und überfüllte U-Bahnen sind großteils Legende. Die U6 kann, was das Gedränge betrifft, durchaus mithalten, und die Shibuya-Kreuzung, die als berühmteste Diagonal-Kreuzung der Welt pro Ampelphase von angeblich bis zu 15.000 Menschen überquert wird, wirkt auch kaum voller als die Mariahilferstraße am Samstag nachmittag.
Was noch auffällt: Das Tempo ist erstaunlich langsam – sowohl in der U-Bahn als auch auf den Straßen. Wenn man es eilig hat, steht einem immer irgendwer im Weg …
Und Stau habe ich in einer ganzen Woche zu keiner Tages- oder Nachtzeit gesehen, keinen einzigen.

Stadt ohne Gastgärten

Outdoor ist nicht. Auch in den belebtesten Ausgehvierteln hat vielleicht jedes zehnte Lokal ein oder zwei Barhocker vor der Tür stehen, noch einmal jedes zehnte hat zumindest die Tür offen. Der Rest findet klimatisiert hinter verschlossenen automatischen Türen statt.
Die häufigsten Ausnahmen, die ein paar Tische draußen stehen oder Balkone haben, sind Starbucks und Mc Donald’s.
In Parks oder an den Flussufern gibt es praktisch gar keine Lokale.

Rauchen

Angeblich herrscht in Tokio sehr strenges Rauchverbot an öffentlichen Plätzen. Das ist, wie eben so vieles, sehr vielschichtig geregelt:
Da gibt es die absoluten Rauchverbotsszonen; Rauchverbote sind da auch als Markierung auf dem Gehsteig eingezeichnet. Dafür gibt es in diesen Bereichen eigene Rauch-Zonen, meist vor Zigarettenläden, die große öffentliche Aschenbecher haben. Genaue Abgrenzungen oder weitere Bodenmarkierungen gibt es nicht.
Dann gibt es die Zonen, in denen Rauchen im Gehen verboten ist. Auch das ist mit eigenen Gehsteigmarkierungen gekennzeichnet (dürfte aber die allgemeine Regelung für die ganze Stadt sein). Man darf hier zwar überall rauchen – aber eben nur im Stehen. Japanische Raucher haben für solche Fälle transportable Aschenbecher dabei, Reisende vergrößern dann eben die Müllsammlung, die sie ohnehin mit sich tragen.
In Parks gilt meistens Rauchverbot, dafür gibt es wieder eigene Raucherzonen (mit Kennzeichnung und Aschenbechern).
Am Flughafen gibt es das meines Wissens einzige Outdoor-Raucheraquarium: Im Flughafen ist Rauchen verboten, außerhalb auch; im Freien steht aber eine von diesen verglasten Raucherboxen mit Schiebetür und Luftabzug …
Dafür wird in Lokalen getschickt, was das Zeug hält. Ich habe gefühlte drei Prozent Lokale mit getrennten Raucher- und Nichtraucherbereichen gesehen (vielleicht die Hälfte davon mit baulicher Trennung); das einzige Nichtraucher-Lokal war ein Starbucks.
Rauchverbot

Drogen

Keine Dealer, keine Junkies – Drogen sind im öffentlichen Stadtbild von Tokio nicht vorhanden.

Electric City

Hier schlagen Japan-Klischees einmal voll zu. Noch mehr – Electric City übertrifft alles, was man sich vorstellen kann. Hier fühlt man sich als Europäer wie ein Native aus einer der abgelegesten Gegenden der Welt ( so abgelegen, dass mir gar keine einfällt), der noch nie elektrisches Licht oder Menschen in Kleidung gesehen hat und zum ersten Mal auf der 5th Avenue steht. Also völlig ratlos. Der Grund ist nicht der überbordende Elektronikschrott, sondern die hohe Dichte an Maid-Cafés. Mädchen in einem Outfit zwischen Schuluniform, Dienstmädchenkleidung und Stripclub-Outfit stehen in Dutzenden an jeder Straßenecke, verteilen Flyer und lassen sich bewundern. In den Cafés gibt es dann Karaoke, Rollenspiele (Herr und Dienerin) oder Handmassagen – alles völlig sexfrei. Die Maids sind fallweise selbst Stars, Stars aus der Maid-Szene nachempfunden, oder Stars, die der Maid-Szene nachempfunden sind, nachempfunden.
Dazu kommen dann noch die zwei Sega-Gebäude mit Spielewahnsinn, Fanshops (für Maids, Mangas oder eben Sega-Spiele) und Riesen-Screens (fallweise drei pro Häuserfront) die den neuesten Maid-Pop oder wieder Spiele ankündigen.

MaidCafe

Mangas

Noch so ein Japan-Klischee, dass sich wiederfinden lässt. In der U-Bahn spielt man entweder (am Smartphone), schläft oder liest Mangas (reden und telefonieren sind – siehe oben unter Verbote – nicht gern gesehen; regelmässige Durchsagen mahnen sogar dazu, Handys lautlos zu stellen). Jeder Seven Eleven oder Family Mart hat neben den Zeitschriften noch ein eigenes Manga-Regal (oder drei), vor dem auch zu jeder Tageszeit drei Menschen (erwachsene Männer im Bürooutfit) stehen und blättern.

Spielhallen

Wenn die automatischen Schiebetüren aufgehen, entlassen sie ihre Gäste mit einem bösartigen Zischen: In den allgegenwärtigen Spielhallen herrscht ein Höllenlärm, wenn Menschen ab dem frühen Nachmittag dicht gedrängt Automaten bearbeiten. Beinahe so häufig wie Seven Elevens, meist sind im Erdgeschoß Pachinkos (eine Art Flipper), im Obergeschoß (oder Hinterzimmer) Slot-Machines. Das Publikum ist bunt gemischt, aber eher älter (Mitte 30+).
Spielhalle

Toiletten

Das traditionelle Klo ist ein Loch im Boden. Das ist mir allerdings nur vereinzelt in manchen U-Bahn-Stationen begegnet. In Lokalen und Hotels setzt man auf Hi-Tech-Geräte mit Sitzheizung, Vorspülung, Dusch-Programmen (getrennt zwischen Mann und Frau anwählbar) und automatischen Zwischenspülungen. Manche haben zusätzlich einen mechanischen Spülhebel. Ausschliesslich auf japanisch beschriftete Technikwunderwerke ohne diesen Notfallsknopf lassen einen dagegen ganz schön ratlos zurück …
Klo

Clubs, Ausgehen

Verbote sind der erste Vorbote. Nicht essen, nicht im gehen rauchen, keine Fotos, keine Teenies, keine Tätowierungen (ich hatte eine Jacke an und konnte also nicht herausfinden, wie ernst gemeint das ist) – jeder Club-Eingang wird ebenfalls von locker zwanzig Verbotsschildern geziert.
Die größeren Clubs sind in Shibuya (die geschleckteren in Roppongi), drin geht es dann relativ entspannt zu – schnelle und günstige Drinks in Plastikbechern und sagen wir mal eigenwillige Musikmixes: Die Kombination von Bon Jovi, Daft Punk und Alexandra Stan (alles mit Karaoke-Texten hinterlegt) hätte mich wohl einen Schneidezahn gekostet, wenn es nicht ein Plastikbecher gewesen wäre, den mir der Rempler einer spätestens bei Alexandra Stan restlos begeisterten Mädelsgruppe gegen die Zähne gerammt hat.

Koi1

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