Lieber doch Kommunismus?

Lieber doch Kommunismus?

Slavoj Zizek beschäftigt sich mit Protest, Kapitalismus, Batman und der Notwendigkeit des Kommunismus.

Immer wenn man glaubt, bei Zizek einen klaren leicht verständlichen Gedanken entdeckt zu haben, zerfällt er auf den nächsten Zeilen zu Staub. Oder verwandelt sich in einen Vampir, der als Fledermaus aus dem Fenster fliegt und dann, wenn man gerade nicht hinsieht, zu einem Drachen mutiert. – Schließlich argumentiert Zizek auch gern mit Filmplots.
In einem seiner aktuellen Bücher setzt er sich mit der Frage nach dem Ende des Kapitalismus auseinander. Dabei beginnt er erstaunlich traditionell: Eine kapitalistische Wirtschaftsordnung schafft Widersprüche (Marx), liefert sich an die Finanzmärkte aus (Finanzkrise) und bräuchte, um in der notwendigen Freiheit blühen zu können, Einschränkungen und Regeln, die sich mit genau dieser Freiheit nicht vertragen (Piketty).

Entwicklung schafft Ärger

Zizeks Argumentationsketten sind jetzt nie so praktisch, dass sich daraus konkrete Handlungsempfehlungen ableiten ließen; sie bewegen sich meist vor einem psychoanalytischen Horizont und entfalten ihre stärkste Wirkung dort, wo sie Unvereinbarkeiten berühren oder Hinweise liefern, wie wir unseren gewohnten Blick um 180 Grad drehen können.
Umso spannender, wenn sich ein Denker wie Zizek mit einem scheinbar so profanen Thema wie der Kapitalismuskritik befasst. Der Titel „Ärger im Paradies“ spielt auf die Beobachtung an, dass die jüngsten großen Protestwellen gerade dort stattgefunden haben, wo sich die Dinge gerade zum Besseren gewendet haben: Türkei, Brasilien, Ägypten – das waren nicht die Armenhäuser der Welt, sondern Länder, die sich im wirtschaftlichen Aufschwung befunden haben und historisch betrachtet auch ein relativ großes Maß an Freiheit boten. Die Protestierenden waren auch nicht traditionell Benachteiligte, sondern Menschen, die mehr wollten. Entwicklung, lässt sich vereinfacht zusammenfassen, fördert revolutionäres Potenzial.

Kapital ist inkonsequent

Die andere Beobachtung: Kapitalismus als System ist inkonsequent. Trotz Freihandelszonen gibt es Landwirtschaftsförderungen (auch in den USA), trotz grober Meinungssverschiedenheit bei Menschenrechten pflegen die Länder der EU wirtschaftliche Beziehungen mit Saudi-Arabien. Diese pragmatischen Inkonsequenzen sind das Ergebnis von Politik; der Konsequenz fordert, fordert damit ebenfalls große politische Veränderungen.
Dass die Veränderung – jetzt stark verkürzt – dann ausgerechnet auf das Wiederaufleben des Kommunismus hinauslaufen kann (Zizek formuliert hier sehr vorsichtig), ist auf den ersten Blick merkwürdig. Vielleicht aber auch nur praktisch-historisch bedingt. Schließlich war die kommunistische Ordnung in einzige in jüngster Zeit konkret umgesetzte Alternative zur kapitalistischen Ordnung. Und sie ist der radikale Gegensatz, der sich eben aufdrängt, wenn wir das ganz andere suchen.
Zizek ist durchaus der Meinung, dass wir etwas radikal anderes brauchen – und uns damit schwertun, es zuzulassen. Vor allem, wenn es die Grundzüge der gewohnten (kapitalistischen) Ordnung bedroht.

Batman muss her

Das illustriert er anhand einer abschliessenden Analyse der letzten Batman-Filme. Auch hier stark verkürzt: Joker in „The Dark Knight“ hat Chaos angerichtet, Menschen an den Rand ihrer Überzeugung gebracht, Helden an sich zweifeln lassen, und sogar den guten Bürgermeisterkandidaten Dent, der die Hoffnung auf den unkorrumpierbaren weißen Ritter in Gotham City verkörperte, zum Kippen gebracht. Das war ok, weil es letztlich nur um Liebe und persönliche Grausamkeiten ging.
Bane dagegen, der Schurke aus der Fortsetzung „The Dark Knight Rises“, spielt seine Bösartigkeit über die Finanzmärkte aus: Er greift Bruce Waynes/Batmans Vermögen an, lockt die Polizei in eine Falle und löst durch die Befreiung von Häftlingen anarchische Zustände aus. Während Joker eine zwiespältige Figur war, die auch in ihren Gegnern Zwiespalt auslöste, vereint Bane eine geschlossene Front gegen sich – weil seine Angriffe nicht innerhalb einer bestehenden Ordnung funktionieren, sondern das System selbst in Frage stellen. Das kann nicht sein, daher gibt es diesmal keine korrumpierten Helden, die Polizei steht geschlossen auf der Seite des Guten – und außerdem ist klar, wo Gut und Böse sind.
Und was bedeutet das für die Frage nach dem Ende des Kapitalismus? Solange die Alternativen Joker sind, steht das System selbst nicht wirklich zur Debatte. Es gibt Variationen des Bestehenden, kleine Attacken und Reformideen, aber keine grundlegend neue Perspektive. Reale Gegenentwürfe müssen die Gestalt von Bane annehmen. In der Rolle des ganz anderen, des großen Gegensatzes zum Kapitalismus, werden sie dann in der Gestalt des Kommunismus greifbar…
In Interviews bezeichnet sich Zizek selbst als überzeugten Kommunisten. Für weniger Überzeugte können seine Überlegungen ein Denkanstoss sein, was ein Mehr an Regulierung mit sich bringt …

 

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