Ich bin eh kompostierbar…


Seit ich im aktuellen Biorama zum Schwerpunkt nachhaltige Hochzeit von Tischdekoration aus Klopapierrollen und alten Strumpfhosen gelesen habe, bin ich nachdenklich.
Die Kausalität zwischen Klopapier und Tisch habe ich bis dato immer umgekehrt gesehen; ich war im Gegenteil davon überzeugt, dass hier eine tatsächlich argumentierbare Kausalität vorliegt und nicht nur eine wiederholt beobachtbare zeitliche Abfolge. Und Strumpfhosen mögen ihre Qualität haben, in Kombination mit „alt“ und „Tischdeko“ wird aber doch eher augenfällig, dass die Dinger auch eine Art Missing Link zwischen Unterhosen und Socken sind…


Ist das nachhaltig?
Klopapierrollen habe ich bis jetzt eher als Hundespielzeug zweitverwertet. Kostengünstig, konsumneutral und überaus environmental – schliesslich erleichtert das gründliche Schreddern, dem sich die meisten Hunde sehr gewissenhaft widmen, das Recycling ungemein.
Aber Hunde an sich sind ja auch nicht nachhaltig. Und da beginnt meines Erachtens das Problem: Leben kann nicht mit Nachhaltigkeitskriterien gemessen werden. Am Leben stirbt man nun mal – nicht zuletzt wegen diese Unausweichlichkeit hat für mich jedes Lebewesen sein Recht auf seinen CO-2-Fussabdruck.
Die Unterscheidung in gutes und schlechtes Leben gefällt mir vor allem dort nicht, wo verordnete Einschränkungen mit dem Begriff „smart“ kombiniert werden. Über 50% der Weltbevölkerung leben in Städten – davon ein Drittel im Slums. Praktisch, denn sie verbrauchen keine Landressourcen mehr, die jetzt als städtisches Hinterland effizient in Tourismusgebiete, Industriezonen und maschinelle Landwirtschaftsgebiete aufgeteilt werden können. Der Mensch ist dabei das Federvieh im staatlich geregelten Zuchtprogramm. Und macht dabei fatalerweise noch selbst mit.

Auch im aktuellen Datum wird die Landflucht in Österreich diskutiert. Aus der Stadt zurückgekehrte Landleute haben den Anschluss an die Gemeinschaft verloren, heisst es dabei, und sie haben es dann umso schwerer, eine Existenz auf dem Land aufzubauen. – Abgesehen von Arbeitsplatz- und Verkehrsproblemen und Unterhaltungs- und Kulturbrache. Solange der Gemeinschaftsterror reproduziert wird, wird das so bleiben. Wie wärs damit, dem herrschenden gemeindebasiertenb Lokalfaschismus entgegenzutreten, anstatt ihn als schlicht gegeben zu akzeptieren? Blöderweise sind Zusammenrottungen anscheinend ein Bedürfnis, mit dem sich auch jene im Weg stehen, die eigentlich etwas anderes wollen: Ich bin immer wieder fasziniert von den Cliquen Gleichgesinnter, die ausgezogen sind, um die große Welt (der Stadt) zu erkunden, immer wieder ihresgleichen suchen und finden – und wie der Hund mit der verstopften Nase überall nur das gleiche finden und beklagen, was für ein Dorf die Welt (Stadt) nicht sei.

Und jetzt? Nachhaltigkeit ist wichtig, Flexibilität ist wichtig, Offenheit ist wichtig. Verordnungen sollten sich weniger an Individuen richten als an Institutionen und Behörden selbst – die ja schliesslich weit mehr Profit aus der Verschwendung ziehen als der Einzelne (auch wenn dahinter dann letztlich in der Regel wieder ein Einzelner steckt). Statt Menschen in Slums zu schicken oder Pendler mit Parkgebühren und Mobilitätskosten zu bestrafen, wäre es etwa eine Option, Umwidmungen von Grünland in Bauland in ländlichen Gebieten an Verkehrskonzepte zu binden: X neue Wohnungen können erst gebaut werden, wenn auch X Menschen X Arbeitsplätze mit öffentlichen Verkehrsmitteln erreichen können. Aber solche Diskussionen hatten wir schon mal. Ich glaube, dass sie unwichtige Grenzen aufstellen. Stadt, Land, Ökologie – schliesslich geht’s um ein lebenswertes Leben. Das wichtigste dabei ist, dass es noch Entscheidungsmöglichkeiten gibt.
Und die Klopapierrolle wandert trotzdem ins Altpapier. Schliesslich ist auch der Hund schon zu alt, um sich für jeden Unsinn zu begeistern… Und es bleibt das Bewusstsein: Wir sind trotz allem alle kompostierbar.

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