Klassenkampf!!!

Fluchtbewegungen werden bei Žižek zur Beatmungsmaschinerie für linke Revolutionsvisionen. Das ist auch ein wenig zynisch.

Fluchtbewegungen werden bei Žižek zur Beatmungsmaschinerie für linke Revolutionsvisionen. Das ist auch ein wenig zynisch.

Slavoij Žižek hat ein neues Buch geschrieben, ein kurzes, in dem er einige der Textpassagen, die ihn in „Vom Ereignis“ ,“Weniger als Nichts“ oder „Ärger im Paradies“ immer wieder wiederholt beschäftigt haben, hinter sich lässt. Er beginnt etwas neues, er widmet sich dem Klassenkampf.
Žižek Buch ist eines von mehreren, die auch als Symptom eines Wendepunkts in linkem Denken gelten können. Linke politische Theorie ist traditionell von Visionen getrieben, man schaut nach vorne, beschwört eine bessere Zukunft, ist gerne utopisch und muss sich auch gar nicht mit den Niederungen der Realpolitik aufhalten. Vorsichtigen Kritikern galt das auch immer als eine der Schwächen linker politischer Theorie: Theorie und Vision auf der einen Seite, Praxis und Handeln auf der anderen Seite blieben immer feinsäuberlich voneinander getrennt. Der Theorie fehlt so die Relevanz, der Praxis fehlen Vision und Begeisterungskraft.
Jetzt scheint der Zug abgefahren: Rechte Populisten sind am Ruder, linke Politik, die einfach überrollt worden ist, sieht ein, dass man hätte handeln müssen; dass Handlungen eine Vision gebraucht hätten, um in großem Stil zu funktionieren und um in der Bevölkerung Zustimmung finden zu können.
Denn das große Kraftereignis linker Politik, die Revolution in der alle Hoffnung kulminiert, ist immer noch ausgeblieben.

Like politische Theorie, die heute relevant bleiben möchte, geht daher mitunter seltsame Wege. In „Klassenkampf“ geht Žižek ganz vorn auf diesen Wegen. Ein paar Gedanken aus dem Buch:
Es ist ok, auf westliche Werte zu beharren und sich einen gewissen Eurozentrismus zu leisten – sowohl gegenüber Einwanderern als auch in wirtschaftlichem Handeln. Denn traditionelle westliche Werte haben nicht nur aus kultureller und an Menschenrechten orientierter Perspektive einen gewissen Reiz – sind sind, dort wo sie geschützt und bewahrt werden sollen, auch ein wirksames Mittel gegen globalen Kapitalismus. Denn wer westliche Werte bewahren will, der liefert sich nicht dem chinesischen Turbokapitalismus aus. – Das ist geradezu ein Aufruf an Linke, auch mal wertkonservativ zu sein.
Ein zweiter Punkt ist die Richtungslosigkeit des Klassenkampfs: Plünderungen in London in den frühen Jahren der Finanzkrise hatten keinen erkennbaren Hintergrund. Sie begannen in zeitlicher und räumlicher Nähe zu politischen Kundgebungen, ließen sich aber nicht zuordnen, sie enthüllten keine politische oder klassenkämpferische Botschaft. Žižek interpretiert die Riots als ein Beispiel von Walter Benjamins „göttlicher Gewalt“, die keinen Sinn und kein Ziel hat, sondern nur Zerstörung bedeutet.
Diese offensichtliche Richtungslosigkeit verstärkt die Bedrohung, die andere empfinden und führt zu neuen und seltsamen Allianzen. Rechtspopulismus ist ein willkommener Verbündeter des Kapitals, meint Žižek, weil seine Versprechungen helfen, das Proletariat ruhighalten. Versprechungen, starke Männer, Feindbilder lenken den Unmut der unteren Klassen in kontrollierbare Bahnen; die herrschende Klasse toleriert, so Žižek, den moralischen Krieg der Populisten als ein Mittel, die unteren Klassen in Schach zu halten.
Das ist ein sensibles Gleichgewicht, das nicht zuletzt auch durch Zuwanderung bedroht wird. Denn Zuwanderer werden von populistischen Verheißungen nicht eingelullt, sie werden ausgeschlossen. Der in Zuwanderer projizierte Kulturkampf ist so in Žižek Sichtweise verschobener Klassenkampf.

In dieser Zuschreiben stecken zwei Bedeutungen: Die Ablehnung von Zuwanderern öffnet eine Kluft, die Raum für Klassenkampf schafft. Und anderswo wird der Klassenkampf offen ausgetragen – allerdings ebenfalls mit verschobenen Fronten. Žižek interpretiert den Kongo-Krieg und die folgende Dauerkrise im Kongo als Konflikt, in dem es vorrangig um kapitalistische Interessen geht, die nur notdürftig in lokalen Konflikten getarnt sind.
Zuwanderer hätten demnach das Potenzial, die eigentlich revolutionären Kräfte zu sein. Der westeuropäische Arbeiter ist zu sehr gesättigt und zu sehr am Gängelband patriotischer Populisten, um noch revolutionär zurechnungsfähig zu sein, revolutionäre Refugees wären da viel eher eine Kraft, mit der man rechnen muss. Insofern sind die auch doppelt bedrohlich: Sie gefährden die wohlige Ruhe des Kapitals und des Patriarchats gleichermaßen; sie machen umso deutlicher, dass niemand diese Revolution will – mit Ausnahme von ein paar politischen Theoretikern.
Zwei Anmerkungen dazu: Der Gedanke ist nicht neu. In den 70er Jahren nannte man das die Schmarotzerstaaten-Theorie und beschrieb damit die Enttäuschung, dass die Arbeiterschaft in den westlichen Industriestaaten nicht neue zur Revolution zu gebrauchen schien. Auch damals schon setze man einerseits Hoffnung auf in den Westen strömende „Gastarbeiter“, andererseits gab man sich sehnsüchtigen Phantasien über die noblen wilden Linke Lateinamerikas hin. Beides endete unglamourös unrevolutionär.

Diese Wendung offenbart die entsetzliche Ratlosigkeit linker Theorie. Damit meine ich nicht nur ihren Mangel an Originalität, es ist vor allem die nun schon über hundert Jahre nicht an Glanz gewinnende Revolutionsverliebtheit, die schockiert.

Es gibt kein revolutionäres Subjekt mehr (gab es auch zu Zeiten der Oktoberrevolution nicht, fragt Trotzki, der daran verzweifelte, mit russischen Bauern anstelle von europäischen Industriearbeitern Revolution spielen zu müssen); Revolutionsgeschwafel ist auch heute nicht freundlicher als zur Zeit der französischen Revolution.
Man muss keinem konsumkranken Proletariat kämpferischen Esprit einhauchen, man muss ebendiesem aber auch nicht tröstend Mut zusprechen oder ihm zuhören und seine Sorgen ernst nehmen, wenn es um den eigenen Wohlstand fürchtet. Das nämlich, so versteigt sich auch Žižek, sieht Žižek als eine der hoffnungsreichste Qualitäten von Bernie Sanders. Man müsse ihnen aber, damit rettet sich Žižek wieder vor der vollkommenen Plattitüde, auch klarmachen, dass in erster Linie sie selbst Verantwortung für die Zerstörung ihrer Lebensweise tragen: Sie konsumieren, geizen, fordern und faulenzen, sie bewundern Rücksichtslosigkeit und belohnen Gewalt, die sich durchsetzt, und sie lassen sich Angst einjagen, die lähmt und sich in der Lähmung multipliziert.

So wird das nichts mit dem Klassenkampf.

Wo Žižek allerdings wieder zielführendere Perspektiven auf den Plan bringt, ist die Verschiebung von Klasse zu Kultur als dominierende Trennlinie der Gegenwart. Kultur, definiert Žižek, ist der Name für all die Dinge, die wir praktizieren, ohne wirklich an sie zu glauben, ohne sie ernstzunehmen. Ein Kulturkampf ist für Žižek kein Kampf zwischen Kulturen, sondern die Frage, wie wir damit klarkommen und umgehen, dass verschiedene Kulturen nebeneinander existieren und damit doch die Frage nach einer Leitkultur.
Als solche empfiehlt sich durchaus eine westlich orientierte, eine, die es sich unter anderem ja auch zum Ziel setzt, globale Fluchtursachen zu beseitigen. Damit kommt Žižek dann allerdings wieder auf eines seiner Lieblingsthemen. Die Beseitigung von Fluchtursachen geht in seiner Sichtweise mit einer Beseitigung von Ungleichheit und der Eindämmung kapitalistischer Umtriebe einher. „In meiner Jugend nannte man solch einen organisierten Versuch, das Gemeingut zu regulieren, Kommunismus. Vielleicht sollten wir ihn neu erfinden.“
Damit bekommt der Klassenkampf – einmal mehr in der Ferne, so wie früher in Lateinamerika oder in der Karibik – doch noch einmal seine Berechtigung …

Michael Hafner

Michael Hafner

Zufallsempfehlungen

Wir alle sind Neger

Ein paar hundert Jahre nach der Aufklärung: Staatsmacht hat, wer töten kann. Lernen wir auch gerade jetzt wieder im Umgang mit Sozial-, Arbeits- und Migrationspolitik.

Sonst noch neu

Glamour

„Wenn ich eure Hefte sehe, dann gehts mir besser.“

Ethik für die Gottlosen

Ethikunterricht und das Ethik für alle-Volksbegehren waren mir ein wenig egal, bis ich diesen Kommentar dagegen gelesen habe.

Das dämliche Kind bringt auch nichts

Der Philosoph Alfred Pfabigan nimmt das Märchen von des Kaisers neuen Kleidern auseinander – vor allem die naive Vorstellung von dem hellsichtigen Kind, das entgegen aller Wunschvorstellungen ganz sicher keine Einsicht bewirkt.

Lisz Hirn, Geht’s noch!

Wenn man Frauen auch als potenzielle Mütter sieht, wird Ungleichheit viel sichtbarer, sagt Lisz Hirn. Mit „Geht’s noch!“ ist eigentlich alles gesagt, das Buch sollte man trotzdem lesen.