Jean Ziegler: Subversive Integration als Pausenprogramm

Jean Ziegler war bei den Wiener Vorlesungen zu Gast. Müsste ich einen Agent Provocateur entwickeln, der letzte revolutionäre Funken einlullen soll – leider wäre es Jean Ziegler.

Jean Ziegler war im Wiener Rathaus zu Gast, um bei den Wiener Vorlesungen zu sprechen, und Kulturstadträtin Veronica Kaup-Hasler packte gleich mal Sozialdarwinismus, Raubtierkapitalismus und Neoliberalismus in ihre Begrüßungsansprache – ohne erkennen zu lassen, ob es sich dabei, zum Zitate, Anspielungen oder Überzeugung handelte.

Und Ziegler selbst?

Es ist toll, wenn ältere erfahrene Menschen mit Leidenschaft sprechen, Auseinandersetzungen nicht scheuen und große Bögen spannen können. Die Feindbilder waren schnell an die Wand gezeichnet: Konzerne haben mehr Macht als Regierungen, trotz aller Produktivitätssteigerungen, die reichen sollten, um die Welt zu versorgen, haben wir eine kannibalische Weltordnung, in der der Gewinn der einen zu Laste der anderen geht, und spätestens mit der Klimaerwärmung wird klar, dass eben der Raubtierkapitalismus die Welt zerstört.
Ziegler sieht auch die Fridays for Future-Demonstranten als Nachwuchs-Kapitalismuskritiker, die sich gegen einen zerstörerische Raubtierkapitalismus wenden.

Das wirft einige Fragen auf.

Ich lasse beiseite, dass nicht alle Unzufriedenen, Engagierten oder um die Umwelt Besorgten vereinnahmt werden möchten. Ich lasse auch beiseite, dass die Gegenüberstellung der Macht von Regierungen und Konzernen einige Lücken offenlässt, gerade was deren Vergleichbarkeit betrifft. Beide Seiten sind mächtig. Gerade das von Ziegler angeführte Beispiel des wieder aufgehobenen Verbots von Kinderarbeit im Coltan-Abbau illustriert das.
Ich lasse auch beiseite, dass es keine Zielvorstellungen gibt, keine gangbaren Alternativen, wohin Welt und Wirtschaftsordnung gehen könnten. Niemand hat ein komplett neues Bild. Und diejenigen, die es haben, entwerfen gewalttätige Zwangsszenarien mit Enteignungen, Kollektivierungen und vielfältigen kulturellen und persönlichen Einschränkungen.

„Und hier geschieht ein Wunder“

Der Punkt, der mir zur Gänze fehlt und auf den ich nicht verzichten kann, ist der ganz simple nächste Schritt. Eine Antwort auf die Frage „Und jetzt?“ bleibt aus. Dabei können wir sie heute geben, wir haben zahlreiche Entscheidungsmöglichkeiten, mit denen wir klarmachen können, was für uns geht und was nicht geht.
Ziegler beschreibt seine Taktik als „subversive Integration“. Dem kann ich viel abgewinnen. Aber Subversion als gestalterische Kraft muss über Zitate, Anekdoten, Suggestionen hinausgehen. Da sind schon alltägliche Konsum- und Jobentscheidungen relevanter für die Gestaltung unserer Umwelt.

Worauf Ziegler wartet, das ist die sogenannte Inkarnation – der Moment, in dem eine Idee zur sozialen Kraft wird. Der Sturm auf die Bastille im Rahmen der Französischen Revolution war ein solcher Inkarnationsmoment und man kann Ziegler sicher recht geben, dass auch die Revolutionäre in diesem Moment noch keinen klare Plan hatten, wie die neue Ordnung aussehen sollte.
Die Inkarnation sieht Ziegler allerdings bei den anderen: Intellektuelle können Bewusstsein schaffen und Ideen verbreiten, aber der Sturm muss von anderswo kommen. Ziegler zitiert dabei Sartre, der über Frantz Fanon gesagt haben soll: „Wir säen den Wind. Aber er ist der Sturm.“ (Tragische Anmerkung dabei: Fanon hat recht klar gesehen, dass weder von europäischen Intellektuellen noch von europäischen ArbeiterInnen revolutionärer Elan zu erwarten wäre; er setzte seine Hoffnungen auf afrikanische Bauern – auch das blieb unerfüllt.)

Die anderen sollen revoltieren – dieses Bäumchen-wechsle-dich-Spiel läuft nun schon hundert Jahre. Lenin und Stalin nahmen mit russischen Bauern als Ersatzleute für revolutionäre Arbeiter vorlieb, Trotzki hätte lieber echte Industriearbeiter aus dem industrialisierten Europa eingesetzt und überlebte diese Idee nicht. In den siebziger Jahren setzte man große Hoffnungen auf die Dritte Welt, nachdem die industrialisierte Welt als „Schmarotzerstaaten“ eine schmarotzende Arbeiterklasse hervorgebracht hatte, die sich mit dem Kapitalismus arrangiert hatte. Und heute fährt man nicht nur zahlenmäßig ein Minderheitenprogramm, wenn man „ArbeiterInnen“ bedienen will, das Konstrukt des Arbeiters oder der Arbeiterin ist auch inhaltlich kaum noch greifbar – wie ein Blick auf die irrlichterndere Sozialdemokratie zeigt.

Zitate sind keine Lösung

Ziegler schildert drastische Probleme und Missverhältnisse; den Schilderungen wohnt auch eine gewisse Suggestivkraft inne. Es braucht allerdings gar nicht die Frage nach Alternativen, es reicht die Frage nach dem nächsten Schritt, nach persönlichen Handlungsmöglichkeiten – und die Strahlkraft lässt stark nach. Ich würde mir wünschen, dass jemand, der die Aufmerksamkeit, Eloquenz und Hartnäckigkeit von Jean Ziegler hat, auch weitere Schritte zeigen kann, aber Jean Jaurès zu zitieren („Der Weg ist gesäumt von Leichen, aber er führt zur Gerechtigkeit“), Gedichte von Antonio Machado vorzulesen („Der Weg entsteht beim Gehen“) und andere Sinnsprüche parat zu haben, das ist nicht nur zu wenig, es ist auch eine Kulturtechnik, die bald nicht mehr breitenwirksam funktionieren wird. Wer kennt schon noch Jaurès und Machado? Kurzer Exkurs dazu : Machado beschreibt in diesem Gedicht neue Hoffnung nach der Niederlage der Linken im Spanischen Bürgerkrieg; genau dieses Motto wird in nur leicht abgewandelter Form sehr gerne von diversen Konzernen zur Mitarbeiterkommunikation in Veränderungsprozessen verwendet. Das revolutionäre Bewusstsein ist also nicht in der Arbeiterklasse gelandet, sondern in Marketingabteilungen gestrandet.

Von dort wird es auch Ziegler nicht befreien.

Im Gegenteil: Müsste ich einen Agent Provocateur entwickeln, der letzte revolutionäre Funken einlullen soll – leider wäre es Jean Ziegler. Das ist schade, weil er auch viele wichtige und unangenehme Tatsachen anspricht.
Man sollte ihm zuhören, man sollte auch seine Interviews und Texte lesen. Aber man sollte sich darüber klar sein, das Lösungen – auch für die Probleme, die Ziegler beschreibt, von anderswo kommen müssen.

Michael Hafner

Michael Hafner

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