Informationsmanagement? Ist nicht auch Alphabetisierung Zeitverschwendung?



Informationsmanagement? Bedrohliche Metaphern schlagen um sich. Überforderung, Allmachtsphantasien, und dazu die große Ratlosigkeit: Was machen wir bloss mit all dieser Information? Mein Problem und mein Vorteil zugleich angesichts von Flut-, Sturm- und anderen teilchenreichen Metaphern zur Information: Ich interessiere mich immer für die ausgefransten Dinge, bewege mich an den Rändern und sehe auch in den großen massentauglichen Themen oft etwas ganz anderes als das, was sie massentauglich macht. Mit anderen Worten: Ich bin immer noch auf der Suche nach Information. Manchmal habe ich das Gefühl, dass mich das zu einer recht einsamen Spezies macht.

Mit der Flut ist es, scheint mir, ein bisschen wie mit dem Dorf: Wer sich beklagt, dass die Welt ein Dorf ist, sollte vielleicht entweder mal raus aus seinem Dorf – oder sich mal genauer in seinem Dorf umsehen und entdecken, was bisher noch nicht entdeckt wurde. Umgelegt auf die Informationsflut: Warum konzentrierst du dich nicht auf Nützliches? Gemeint ist: für dich selbst Nützliches. – Zuviel, das Gefühl der Überforderung und vor allem das Gefühl der Nutzlosigkeit des Gebotenen, entsteht meiner Erfahrung nach vor allem durch die Planlosigkeit: Was suche ich überhaupt, was erwarte ich mir, und was möchte ich mit den gefundenen oder angebotenen Informationen überhaupt machen?
Gemeinerweise verstärkt aber die Planlosigkeit in diesem Fall auch das Gefühl der Einfachheit: Wenn wir nichts bestimmtes erreichen wollen, fällt es uns leicht, irgendetwas zu machen.
Je konkreter dagegen das Ziel ist, desto schwerer und unfreundlicher zu benutzen erscheinen uns die Tools, desto besser müssen wir sie im Griff haben, um sie produktiv nutzen zu können.

Einfach mal was googlen – kein Problem. Eine valide Antwort auf eine konkrete Frage finden? Großes Problem. Einfach schnell was bei Facebook posten? Kinderspiel. Eine sozial und ökonomisch funktionierende Community aufbauen? – Ist auch für die, die es schon mal geschafft haben, eine Herausforderung.
Ähnlich verhält es sich mit Informationsflut oder Informationsverwaltung. Ich habe sicher einige Jahre damit verbracht, die Informationswelt inhaltlich und funktional für mich zurecht zu rücken. Das bedarf auch noch laufender Anpassung. Aber es stresst mich nicht im geringsten, vor einem Stapel ungelesener Magazine und Bücher zu stehen, einige hundert ungelesene Elemente im Feedreader zu haben und die Zahl ungelesener Emails nicht unter 500 reduzieren zu können. Was Emails betrifft, bin ich tatsächlich der Meinung, dass mich die wichtigen DInge schon finden werden, und den Rest dieser Fülle betrachte ich als Luxus. – Ich suche ja in Medien meist nichts bestimmtes – und dann ist es ein unschuldiges Vergnügen, das eine oder andere zu lesen.
Anders verhält es sich, wenn ich auf der Suche nach konkreter Information bin – vor allem nach solcher, die es nicht in Lexika geschafft hat und in dieser Ausprägung auch kaum in Magazinen oder sogar nicht mal auf Webseiten beantwortet wird. Was ist die stabilste Befestigung für Dachsparren, wenn die Konstruktion auch noch von unten gut aussehen soll? Ist ein großvolumiges Standup-Board jetzt leichter gegen die Strömung zu fahren als ein kleinvolumiges oder nicht? Gibt es etymologische Untersuchungen dazu, dass die Voodoo-Loas in den ehemaligen französischen Kolonien mit den gleichen Lauten bezeichnet werden wie im Französischen die Gesetze (lois)? Das sind die Momente, in denen auch Google ratlos wird und mit der lästigen „Meinten Sie…“-Dummheit kommt. – Und, weil im Zusammenhang mit Informationsmanagement unvermeidlich: Das ist der Moment, der auch die Überschätzung von semantischen Technologien deutlich macht. Semantik ist etwas für Archivare, Bibliothekare und Tasklistenschreiber, semantische Technologien produzieren keine neue Information und kein neues Wissen. Schon Information und Wissen im Zusammenhang mit semantischen Technologien zu nennen, ist eine Anmaßung.
Aber natürlich haben Kategorien, Schlagworte, Taxonomien, Ontologien und der weitere semantische Kram unschlagbare Qualitäten, wenn es darum geht, Vergangenes wiederzufinden.
Der Unterschied zwischen Finden und Wiederfinden von Information bei der Diskussion von Informationsmanagement ist nicht unwesentlich. Ich habe den Verdacht, dass bei der Diskussion von Informationsflut und Informationsmanagement hier gern etwas übersehen wird. Kann ich zuviel von dem finden, was ich suche? Oder ist das dann nicht bloß das falsche? Das ist allerdings bei der Suche nach Neuem, bisher noch nicht Beantworteten, schwer zu beurteilen. Auf der Suche nach Neuem gibt es nichts Falsches – nur eben nicht das Passende. – Genau das ist eben der Moment, in dem auch Google zu einer schwer zu bedienenden Applikation wird.

Ordnen ist eine rückwärtsgerichtete Tätigkeit. Soziales dagegen geht auch nach vorn. – Antworten auf meine Fragen finde ich meistens dann, wenn ich jemanden kennenlerne, dem ich sie stellen kann.
Sozial, real, digital, zu viel, zu wenig, genau richtig? Diese Abgrenzungen halte ich für irrelevant.
Hat man sich eigentlich jemals die Frage gestellt, ob nicht die Alphabetisierung auch zu einer großen Zeitverschwendung führt? Einer meiner wenigen Favorites auf Twitter stammt von Fabian Topfstedt und sagt: „Manchmal wäre ich gern Analphabet. Das muss ein unglaublich produktives Leben sein.“ ….

Comments 2

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  1. Danke.
    Wobei ich manchmal das Gefühl habe, dass die Prediger der Planlosigkeit genau die dann auch jenen unterstellen, die gerade dagegen arbeiten wollen – das ist dann so ähnlich wie wenn der Nachhilfeschüler dem Nachhilfelehrer erklärt, dass Mathematik voll unlogisch ist. Fatal, aber mittlerweile anscheinend irgendwie unvermeidlich…

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