Ich bin ein Strassenköter


Ich habe keinen Stammbaum, gehöre keiner besonders gut abgegrenzten Rasse an, bin weder geografisch noch ethnisch gut lokalisierbar, lebe von dem, was ich mir erarbeite und kann auf keine Besitztümer zurückgreifen.
Gefährliche Zeiten. Warum das Hundeschlachten in der Ukraine auch mehr als die gewöhnliche Aufregung wert sein kann und warum ich für die Einrichtung eines Strassenkötermuseums bin.


Abgesehen von ein paar adeligen Inzucht-Opfern und den Ex-Partnern von Roman Abramowitsch, Donald Trump oder Madonna gilt diese Situation für fast jeden Menschen.
Warum gelten freilebende Tiere dann eigentlich als Bedrohung für die Zivilisation; wie kommt man auf die Idee, sie beseitigen zu müssen? - Das wirft natürlich sofort die Gegenfrage auf: Warum setzen sich manche für Hunde ein, aber weniger für Ratten, Würmer oder Flöhe? Ratten werden auch in unserer Zivilisation per Verordnung verfolgt; Gemeinden können jederzeit deren Ausrottung anordnen und tun das auch regelmässig. Natürlich muss man jetzt sagen, dass die Mensch-Ratten-Partnerschaft seit jeher keine besonders rosige war und dass es (abgesehen vielleicht von einigen Delikatess-Produktionen) keine nennenswerten Domestizierungsversuche gab. Die Ratte jst kein Produkt des Menschen.
Und Würmer und Flöhe? Nicht alle Tiere sind (vermutlich) mit den gleichen Fähigkeiten, zum empfinden, ausgestattet - meinten zumindest unter anderem auch so sensible Figuren wie Kurt Cobain. Und die moralische Verantwortung gegenüber Flöhen durfte ich schon öfters mit Animal Rights-Philosoph Mark Rowlands diskutieren.
Aber wir müssen gar nicht auf dieser Ebene diskutieren, und wir brauchen schon gar keine Mensch-Tier-Vergleiche anstellen.
Mich bedrückt da etwas anderes:
Strassenköter sind über Jahrzehnte gewachsene Vielfalt, inzest- und inzuchtfrei. Sie zu tausenden auszurotten bedeutet den leichtfertigen Verzicht auf eine Menge unwiederbringliches Leben. Damit gehen wieder ein Stück Freiheit und ein Stück Wildheit verloren - übrig bleiben die vom Menschen in Bahnen gelenkten Spielzeuge.
Natur soll dort bleiben, wo sie hingehört? - Strassen, vorzugsweise mit Mistkübeln ausgestattet, sind nun einmal der natürliche Lebensraum des Strassenköters.


Auf Reisen durch europäische Städte ist es mir während der letzten Jahre erst unbewusst aufgefallen, dann habe ich gezielt danach Ausschau gehalten: Hunde (und Strassenhunde) sind (sofern da nicht religiöse Zwangsvorstellungen mit im Spiel sein) ein verlässlicher Gradmesser für die Beweglichkeit und Offenheit einer Stadt. Während drei Tagen auf den Strassen von London begegnet man vielleicht einem Spaniel, der gerade auf dem Heimweg vom Friseurtermin ist, in Belgrad laufen Familienhunde noch selbstverständlich in Parkanlagen, in Bukarest oder Kiew sind (oder waren?) Begegnungen mit freilegenden Hunden auch in den Innenstädten an der Tagesordnung - wobei in keine Form auffällig: Sie waren einfach da und teilen Lebensraum. Und nein, ich meine nicht dieses Form der Offenheit und Beweglichkeit einer Gesellschaft, die den inhaltlich korrekten Vorstellungen entspricht (natürlich ist es nicht diese Offenheit, wenn Schwulenparaden in Belgrad zum Spiessrutenlauf werden). Ich meine die Fähigkeit, sich noch irgendwohin entwickeln zu können und sich nicht nur mit der eigenen Übersättigung und Hypervernetzung zu beschäftigen.
Die Erforschung von Zusammenhängen zwischen (freien) Hundeleben und etwa dem Bürokratisierungsgrad der Gastronomie oder auch ganz platt den Wachstumsprognosen fände ich durchaus einen Versuch wert.


Was ich sagen möchte: Eine Stadt ohne Straßenhunde ist keine saubere Stadt, sondern ein Lebensraum, in dem es bestimmte Lebensformen nicht mehr gibt. Manche können sich das vielleicht nicht mehr vorstellen: Es gab auch mal freilebende Pferde, Wildschweine ausserhalb des Linzer Tiergartens und es gibt noch immer, auch wenn man sie vielleicht kaum noch sieht, Rehe oder Füchse in Städten.
Ausrottung ist nie ein wirklich guter Gedanke und funktioniert auch selten. Und eigentlich wollte ich die Einrichtung eines Hundemuseums vorschlagen, bevor der Hund zur bedrohten Art wird. Aber das gibt es schon. Bleibt noch die Einrichtung eines Strassenkötermuseums. Und wer noch Zweifel daran hat, dass die Stadt der natürliche Lebensraum des Strassenhunds ist: Sie haben beim Rolltreppenfahren in der U-Bahn die gleichen Schwierigkeiten wie die meisten anderen Rushhour-Gäse…


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