Haben die Zombies eh einvernehmlichen Sex?

Haben die Zombies eh einvernehmlichen Sex?

Wir haben ein Horror-Zombie-Comic gemacht (es ist natürlich ein komplexe vielschichtige Story über Freundschaft in widrigen Zeiten, aber sonst kann man das mit der Zombie-Story auch mal so stehen lassen). Gegen Ende hat einer der Protagonisten, nachdem er merkwürdiges Zeug geraucht hat, Sex mit einer Zombie-Frau. Nachdem sie – Zombie halt – in der Anbahnung etwas passiv ist, lag mir die Szene ehrlich gesagt im Magen: Wie lässt sie sich so gestalten, dass auch der letzte Depp versteht, dass das einvernehmlicher Sex ist? (Apropos Depp: Wer sich hier aufgrund des Titels Rats über Political Correctness oder ähnlichen selbstgefälligen Unfug erwartet hat, sollte spätestens jetzt feststellen, hier falsch zu sein.)
Wir haben die Szene auch ein paar Mal überarbeitet, um hier keine falschen Fantasien zu befeuern oder Idioten Vorlagen zu liefern. Warum? – Es ist doch nur ein Comic und sie ist nur ein Zombie …
 
Mir ist es wichtig, hier klar zu sein: Man kann (sexuelle) Gewalt thematisieren, man kann sie künstlerisch inszenieren, aber man kann sie nicht im Vorbeigehen akzeptieren.
Das ist im echten Leben wichtig, das ist in der Comicwelt wichtig und das ist aus erzählerischen Gründen wichtig. Bin ich deswegen jetzt auch ein Kunstspießer, der Aktbilder von 16jährigen in den Keller räumen lassen würde?
 
Die Comicwelt ist großteils in Europa eine Szene harmloser Nerds, die nichtsdestotrotz im Vorbeigehen jeden Anstrich von Diversity mit Elefantenfüßen platt macht. So bunt die Comicszene ist, so sehr ist sie immer noch eine Domäne alternder Besserwisser, die sagen wollen, wo es lang geht. Die Diskussion um die Zusammensetzung der jüngsten Icom-Jury (Independent Comics-Auszeichnung), zeigt, wie verständnislos viele alternde Comic-Platzhirschen jedem Anzeichen einer Regung neuer Zeiten gegenüberstehen. Glücklicherweise kann das den meisten, die davon betroffen sind, rein kommerziell oder erfolgstechnisch betrachtet, egal sein; ärgerlich ist es trotzdem.
Der eigentlich entscheidende Punkt aber war ja ein erzählerischer: Eine noch nicht eingeführte Figur, von der wir noch nicht viel wissen, kann in einem Universum, das wir noch nicht kennen (welche Funktion haben Zombies hier?), nicht mit zwielichtigen Handlungen alleingelassen werden. Schon gar nicht, wenn es noch mehrere Monate bis zu Heft #2 dauert.
Das ist eine Schwäche, die sich in vielen Publikationen findet und von Autoren gern als „Characterbuilding“ getarnt wird. Ich hab jetzt sehr viel Sinn fürs Drastische und Dramatische, aber nicht für schlechtes Erzählen, das den Holzhammer auspackt und desensibilisiert, statt charakterliche Details zu vermitteln. Und manche Themen eignen sich dafür noch weniger als andere
 
Aber jetzt bin ich zufrieden; die Szene ist geradezu liebevoll (sofern das im Umgang mit Zombie möglich ist) und das Heft ist großartig. Also geht los und kauft es (gibt es auch im guten Buchhandel in Österreich und Deutschland).
Und kommt am nächsten Mittwoch, 27.6., zur Releaseparty ins Ganz Wien.
 

Doom Metal Kit #1

Text und Pencils: Michael Liberatore
Inks: Andi Paar
Colors: Hannes Kiengraber
Variant Covers: Michael Hacker, Peter Kramar