Kulturindustrie fuer alle?



Natuerlich haben die Giganten des Mainstream schon lang die neuen Marktplaetze besetzt. Nischen, die in Angrenzung vom Massenmarkt entstehen, koennen ohne diesen nicht existieren und werden bald von diesem verschluckt. Georg Seesslen warnt im neuen "Freitag" vor grossen Erwartungen der alternativen Kulturindustrie an das Longtail-Konzept von Chris Anderson.
Die nutzbaren Nischen werden immer rarer, weil die grossen sich auch in diese Bereiche vorwagen: die gleichen Wege, die es den Kleinen leicht machen sind eben auch Moeglichkeiten fuer die Grossen.
So weit so klar - Versandhandel zaehlte immer schon zu den Vorreitern des ECommerce, die Pornoindustrie zu den Pinonieren der Multimedia-Gestaltung. Einfach nur veroeffentlichen reicht nicht.
Dann setzt Seesslen fort: Es seien nicht nur die realen oekonomischen Chancen gering, die Grundprinzipien der digitalen Verbreitung seien ueberdies ein Angriff auf die substantiellen Lebensadern des Kulturschaffenden: Verbreitung, Reproduktion, Neuauflagen, die frueher ein Zusatzeinkommen ohne Arbeit bedeuteten, zerstoeren jetzt im Gegenteil oft den Wert des Kulturguts - denn es werde meist nicht dafuer bezahlt.
Diese Argumentation ist gefaehrlich: Wenn (kulturelle) Inhalte etwas kosten sollen, sollen dann nicht auch die Verbreitungsmedien etwas kosten, also sollten die Netz-Carrier reale Kosten ohne Regulierung verrechnen? Sollen Beraterhaeuser wieder Unsummen fuer die Verbreitung von Gemeinplaetzen kassieren? Und wo sollen diese Preise bestimmt werden?
Seesslens Argumentation scheint ein anders formulierter Ruf nach mehr Subvention zu sein, ein Missverstaendnis, das die Nutzung neuer Medien mit Innovation verwechselt.
Die pessimistische Konsequenz: "Der Autor hat schliesslich kein Recht mehr auf Leben von seiner Arbeit, aber auch kein Recht auf seine Arbeit selbst. Er ist offensichtlich Avantgarde auch im Projekt der Selbstaufhebung."

Harter Stoff. Aber:

  • Niemand kann auf Bezahlung fuer seine Ideen beharren, wenn niemand diese haben moechte.
  • Warum soll online/alternativ zu veroeffentlichen, wenn es aus dem Grund geschieht, dass niemand anderer das Material haben wollte, kommerziell attraktiv sein?
  • Der Mehrwert neuer Medien findet nicht online statt: Online zu veroeffentlich bedeutet nicht darauf zu hoffen, eines Tages im Internet Geld zu verdienen. Es ist eine von mehreren Kanaelen, der genutzt werden kann, um Aufmerksamkeit zu erreichen, die auf anderen Wegen (oder vielleicht auch online) kommerzialisiert werden kann.
  • "Recht" auf Bezahlung gibt es nur fuer produktive Arbeit, das ist Arbeit, die einem Auftraggeber direkt etwas nutzt. Da gehoert Kultur nun oft nicht dazu. Gerade Veroeffentlichungen sind aber ein sehr gut geeignetes Mitel, um den Wert der eigenen Arbeit herauszustreichen. Und oft sind Texte auch eine hilfreiche Uebung um das eigene Wissen und die eigene Argumentation zu schaerfen, sodass sie dann auch praktisch, im hochkonzentrierten und temporeichen Stress von Entscheidungssituationen, funktionieren, klar angebracht werden koennen.

Das sind die neuen und anderen Geschaeftsmodelle, von denen wir mit Micropublishing reden. Autoren wie Ibrahim Evsan, Brad Warner oder Marc Lesser praktizieren das in unterschiedlichen Groessenordnungen.
Und gerade lese ich noch, dass beleidigte Zeitungsherausgeber es fuer lustig halten, die Zustellung von Honorarnoten fuer das Abbilden eingescannter Zeitungsseiten anzudrohen. - Uebertroffen wird das nur noch von FAZ-Herausgeber Frank Schirrmacher, der in einem Interview auf die Frage nach der Zukunft der FAZ in zehn Jahren nur stammelte: "Also da..., dazu fehlt mir jetzt die Phantasie."

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