Gibts den Digital Divide wirklich noch?

Digitale Skills sind keine Frage des Alters, sonder eine Frage des Zugangs zur Welt. Zumindest dann, wenn sie etwas bringen sollen...


[dropcap type="3"]E[/dropcap]uropa soll digitaler werden. Die digitale Agenda der EU läuft zwar fast unter Ausschluss der Öffentlichkeit, Aufrufe und Förderangebote sind so verklausuliert präsentiert, dass sie selbst den neugierigsten Leser ratlos zurücklassen, aber immerhin findet sich das Thema der digitalen Kompetenzen in irgendeinem Programm wieder.
Und damit kehrt ein alter Bekannter zurück: Die Geschichte von der digitalen Kluft zwischen Älteren und Jüngeren feiert ihre Auferstehung. Die einen seien in der digitalen Welt problem- und vorbehaltlos zu Hause und können sie zu ihrem Vorteil nutzen, die anderen haben Probleme und verlieren langsam aber sicher den Anschluss.

Digital Divide

Kein Zweifel: digitale Kompetenzen sind ein sehr wichtiger Skill und sie sind unterschiedlich verteilt - das war auch einer der Ausgangspunkte für diesen Blog. Ich glaube allerdings nicht an Generationenunterschiede als grundlegenden Auslöser dieser Kluft. Wie schnell, gut und effektiv sich jemand in neuen Kulturtechniken zurechtfindet, ist eine Frage anderer Eigenschaften, etwa der Bereitschaft, sich auf Neues einzulassen, dort Sinn zu suchen und Wege, neue Möglichkeiten produktiv zu nutzen. Das war immer schon so und ist wohl weniger in Alter und Persönlichkeit begründet, als in grundlegenden Erfahrungen mit Lernen und Arbeit - manche Menschen haben eben einen produktiveren Zugang zur Welt als andere.
[pull_quote_right]Ihren wichtigsten Effekt haben digitale Arbeitsmittel und Kommunikationstools allerdings in ihrer Auswirkung auf den Stellenwert von Kontakten. Kontakte verlieren langsam ihre Bedeutung als traditionelles soziales Differenzierungsmerkmal.[/pull_quote_right]Digitale Kulturtechniken haben allerdings eine Eigenschaft, die durch diese verschiedenen Zugänge entstehenden Unterschiede noch deutlicher zu Tage treten lassen: Sie existieren in einer Vielzahl von Ausprägungen, sie überholen sich schnell - und sie bringen immer wieder auch viele wenig brauchbare Lösungen mit sich. Lesen lernen musste man nur einmal im Leben; digital kommunizieren lernt man allerdings jetzt alle paar Jahre neu. Und seit digitaler Kulturtechniken auch sozial sind, haben sie weitreichendere Auswirkungen als traditionelle Techniken.

  • Digitale Medien ermöglichen es, Wissen und Ideen zu erhalten, ohne einen großen Filter- und Publikationsprozess dazwischenzuschalten. Ideen sind schnell aufgeschrieben, in durchsuchbarer Form archiviert, vielleicht auch noch in einem Blog veröffentlicht und durch zusätzliche Inputs rundgeschliffen - sie sind jedenfalls nicht in einem Zettelkasten, dessen Systematik sich der Ersteller selbst nicht lange merkt und der sowieso beim nächsten Umzug verloren geht.
  • Andere Formen der Zusammenarbeit werden möglich. Lokale Anwesenheit ist nicht mehr so wichtig, Arbeiten von unterwegs aus ist ebenso möglich wie Arbeiten ohne Büro. Unternehmen können aus Hirn, Laptop und Handy bestehen.
  • Schnelleres und öffentlichkeitswirksameres Arbeiten wird möglich. Copy & Paste, Arbeiten rund um die Uhr (ohne in einsamen Büros zu sitzen) und die laufende beiläufige Kommunikation über Arbeit (natürlich: „Was machst du gerade?“) im kleineren oder größeren Kreis verändern. Mit welchem Effekt - das wird hier nicht beurteilt.
  • Ihren wichtigsten Effekt haben digitale Arbeitsmittel und Kommunikationstools allerdings in ihrer Auswirkung auf den Stellenwert von Kontakten. Kontakte verlieren langsam ihre Bedeutung als traditionelles soziales Differenzierungsmerkmal. Nicht etwa, weil sie weniger wichtig wären, ganz im Gegenteil. Aber heute kann jeder daran arbeiten, geschäftlich und sozial relevante Netzwerke aufzubauen - ohne in die entsprechenden Seilschaften hineingeboren worden zu sein. Digitale Statussymbole schaffen Chancen und gelten als Background, der vielleicht noch nicht ganz mit dem Besuch einer Nobelschule mithalten kann. Aber die Möglichkeit, sich selbst sichtbar zu machen, mit anderen Kontakte zu knüpfen und auch sonst schon lang vergessene oder ausser Reichweite geratene Kontakte am Leben zu erhalten, schafft Spielräume, die in dieser Form neu sind.

All diese Beispiele sind sehr zielorientiert. Sie setzen Kulturtechniken in Verbindung mit wünschenswerten Zuständen und machen es damit möglich, bestimmte Strategien abzuleiten, wie diverse Kulturtechniken genutzt werden sollten. Das hat nichts mit jugendlicher Begeisterung für Technik und auch nichts mit den digitalen Delirium Älterer, die sich für Apple, Google und Co begeistern, zu tun. Die Fähigkeit, vorhandene Möglichkeiten zielorientiert einzusetzen, hängt vor allem von er Klarheit über die eigenen Ziele ab, von der Bereitschaft, Dinge in die Hand zu nehmen, um diese zu erreichen.
Die flüssigsten digitalen Skills der jüngsten Digital Natives werden nichts nutzen, wenn sie nicht auf einen konkreten Zweck ausgerichtet werden können. Und dazu habe ich noch eine Hypothese, die ebenfalls dazu beiträgt, mich vermuten zu lassen, dass diese Unterschied ganz bestimmt nicht vorrangig eine Altersfrage ist: Die gleiche Diskrepanz können wir bei Unternehmen beobachten. Toolbeherrschung allein macht keinen Unterschied. Sinnvolle Effekte des Einsatzes sozialer digitaler Tools können sich erst dann einstellen, wenn Ausrichtung und Strategie klar sind.

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