St. Pölten, Säcke, Social Intranets und die nächsten Vortragstermine


Heute war ich in der Fachhochschule St. Pölten zu Gast, um über Social Media in der internen Kommunikation zu reden.
Abgesehen von einer Zugfahrt bei geschätzten 57 Grad im Abteil (und das bei angeblich funktionierende Klimaanlage) war es ein auch für mich spannender Nachmittag in der Lehrveranstaltung von Corinna Haas.

Was mich mittlerweile nicht mehr überrascht, aber trotzdem noch schockiert, ist die Passivität der Studenten. Vorträge an Unis fange ich immer mit den gleichen drei oder vier Fragen an. In diesem Fall:

  • Wer interessiert sich ernsthaft für interne Kommunikation? – Das waren immerhin um die zehn Prozent des Publikums.
  • Wer ist aktiv an einem Blog beteiligt? – In diesem Fall: 0. In Worten: Null.
  • Wer nutzt Wikis? – Unter Null gehts leider nicht mehr.
  • Wer nutzt Facebook? – Das waren dann doch so um die neunzig Prozent.

Ok, diese faden Oldschool-Tools, könnte man meinen. Ich war aber auch an diesem Nachmittag der einzige an der Fachhochschule eingecheckte Foursquare- und Gowalla-User; auch insgesamt war bis dato nur 8 User 23 Mal in Gowalla an der Fachhochschule eingecheckt. – Unsere digitale Zukunft?
Das ist unfair; als Student war ich auch ein eher passiver Sack. Und jetzt tut’s mir um jedes halbe Jahr leid, in dem ich Ideen nicht weiterverfolgt habe, auf etwas gewartet habe, oder doch lieber nur gelesen habe. Zum Glück habe ich mich dann aber doch aufraffen können, und das eine oder andere Projekt umgesetzt – das ist ein billiger, leicht zu erarbeitender Vorsprung, den einem keiner mehr wegnehmen kann. Noch ist es ja nicht zu spät…
Was hat man davon?
Einerseits Glaubwürdigkeit. Es ist heute so leicht etwas zu machen, irgendetwas umzusetzen. Irgendetwas – schlag nach bei Seth Godins Tips für arbeitslose Medienmenschen. Schaff dir einen Track Record, beschäftige dich mit den Mühen des Alltags und denke an das erste Grundgesetz der User Experience für Online Medien (ist in der Präsentation drin). Viele Kleinigkeiten, die du ohne diese Erfahrung noch nie gelöst hast, sind dir ohne diese Erfahrung noch nichteinmal begegnet.
Andererseits Erfahrung: Ich habs schon im jüngsten Blogparaden-Post gesagt: Trockentraining bringt nichts, Case Studies lesen kann jeder. Leute die United Airlines, Starbucks, Old Spice oder die Silverline Society auch nur erwähnen (ohne etwas dazu zu sagen zu haben), qualifizieren sich selbst als nachplappernde Dampfplauderer.
Und schliesslich: Jobs. Was soll ich mit einem 25jährigen Medienmenschen, der ausser einer Ausbildung nichts vorzuweisen hat? Wenn ohne Stress, 40-Stunden-Woche, Meetings, Ärger, Frust, Termine, Budgetzwängen und anderen Freuden des Arbeitsalltags schon keine Aktivität feststellbar war – was soll mich dann glauben machen, dass sich daran etwas ändert? Und die Medien-Management-Jobs bekommen, zumindest in Österreich und spätestens nach der Startup-Phase, noch immer die Controller.

So lange ich’s mir leisten kann, bleibe ich so kritisch. Einerseits deshalb, weil ich selbst einige Zeit nicht anders war. Vor allem aber, weil ich nach wie vor der Meinung bin, dass Medien etwas Produktives sind und sein sollen, nicht nur etwas Reproduzierendes. Und das erfordert nicht nur Ideen und Weitblick (die ohnehin oft überschätzt werden), sondern handwerkliche Qualität, Tempo, und die Fähigkeit, sich seiner Mittel so sicher zu sein, dass ich mich echt auf die Inhalte konzentrieren kann.

Also hoch den Hintern und macht was!

Zu meiner eigenen Präsentation (der erste Teil ist ein Schnellschuss von Sonntagnachmittag und hat noch ein paar Schwächen – der Dokumentation halber sei er trotzdem hier gepostet. )
Meine Kernthesen:

  • Trockentraining nutzt nichts – nur Ausprobieren macht Sinn.
  • Definitionen sind müßig – konkrete, angemessene Lösungen richten sich nicht nach Lehrbuchmeinungen; Definitionsversuche werden immer von Beispielen überholt.
  • Es braucht Zeit und Experimentierbereitschaft bei der Suche nach dem passenden Mix.
  • Social Media geben ein vielschichtiges Versprechen rund um Kommunikation. Um das einfordern zu können, muss auch der Begriff „Kommunikation“ in „Interne Kommunikation“ vielschichtig gesehen werden.
  • Interne Kommunikation bewegt sich von der aufgebohrten Hauspost zum relevanten Geschäftsprozess.
  • Interne Medien sind keine Kanäle, die Information transportieren, sondern Lösungen, die Kommunikation gestalten. Das kann nur dann gut funktionieren, wenn die Bedürfnisse bekannt sind – die genaue Analyse der Geschäftsprozesse ist der erste Schritt im Mediendesign.
  • Einfachheit ist unser Feind. Neue Onlinemedien haben den Ruf, einfach zu sein. Das liegt aber oft weniger an den Tools, sondern an den Zwecken für die sie eingesetzt werden. Irgendetwas zu sagen, funktioniert unabhängig vom konkreten Mittel immer relativ einfach. Etwas durchzusetzen, zu erreichen, darzustellen, verständlich zu machen, einen Prozess zu erfüllen – das hängt nie allein vom konkreten Medium ab und ist ein komplexes Thema für sich.
  • Sätze die mit „Apple…“ beginnen oder mit „Es soll so einfach sein wie Google…“ können beim Intranetmanager allergische Reaktionen hervorrufen. – Wieviele Flops hat Apple mit welchem Aufwand produziert? Schon mal wirklich Google verwendet – nicht nur um irgendetwas zu suchen, sondern um konkrete Ergebnisse zu erzielen, Kampagnen einzurichten oder mit den APIs zu arbeiten? Warten Sie auch noch immer auf die für innerhalb von zwei Wochen versprochene Google Places Bestätigung?
  • Nutzen und Möglichkeiten hängen also immer von den konkreten Anforderungen und den gewählten Lösungen ab. Trotzdem gibt es ein paar vorsichtig verallgemeinerbare Effekte:
  • Social Media intensivieren die interne Kommunikation. Nicht nur, weil Mitarbeiter zurückreden können, sondern auch, weil das Unternehmen darauf reagiert, und relativ schnell lernt, das direkte Feedback, z.B. aus Kommentaren, in der Planung der eigenen Kommunikation zu berücksichtigen.
  • Social Media haben das Zeug, die Qualität der Kommunikation zu verbessern. Nachfragen sind direkter möglich, durch die Transparenz der vermehrten Kommunikation steigt auch die Chance, jene Mitarbeiter mit mehr Information zu erreichen, die sich gar keine Fragen gestellt hätten. – Ganz im Gegensatz zu Frage- und Antwort-Spielen über Email, die alle anderen immer ausschliessen.
  • Social Media stellen Beziehungen her und machen sie sichtbar. Diese Beziehungen können mit relativ einfachen Mitteln Organisations-, Länder und Unternehmensgrenzen überschreiten. Für sich genommen sind sie meist flüchtig; einzelne Kontakte haben keinen großen Impact. In Summe aber ändert jede neue Beziehung das Bild.

Die nächsten Vortragstermine
20.6., Wien, Digital Media Day des Verbandes der Österreichischen Zeitungen: „Funktioniert Micropayment?“ im Pecha Kucha-Style – wird mal eine Herausforderung.
21.6., Wien: Ich werden bei der European CMS Experts Group zu Gast sein…

You may also like

One comment

  • Michael Hafner 7. Juni 2011   Reply →

    Gerade habe ich noch im aktuellen Gap folgende Zeilen von Garmz-Gründer Andreas Klinger gelesen: „Die Kunst am Unternehmertum ist aus meiner heutigen Sicht (…): Den Arsch hochkriegen, in Bewegung kommen und den eigenen Weg stets objektiv hinterfragen.“
    http://www.thegap.at/magazin/ausgaben/ (Mai Ausgabe, S. 60)

Leave a comment