Facebook ist ein Werkzeug der Reaktion…


Über Entropie habe ich schon öfter geredet. Informationstheoretiker verstehen darunter in erster Linie einen ausgleichenden Effekt: Information im Umlauf sorgt dafür, dass Wissensstände und Levels ausgeglichen werden. Medien haben dabei in etwa die Funktion eines offenen Fensters: Wenns draussen kalt ist, nützt die Heizung auch nichts mehr – die Temperatur gleicht sich an.
Ich verwende Entropie auch noch in einem anderen Zusammenhang: Alles drängt zum Einen, es geht immer nur ums gleiche – und immer mehr Leute reden immer öfter vom gleichen.
Je mehr Gespräche (gleichzeitig) stattfinden, je schneller sich Information verbreitet, desto besser stehen die Chancen für diese Entwicklung. Neben technischen Faktoren wie semantischen Anwendungen oder Social Software gibt es noch einen weiteren entscheidenden Faktor: Unsere Faulheit, unsere Mir-san-Mir-Tendenz – und unsere politische Einstellung.

Auf solche Mechanismen führe ich es auch zurück, das oft scheinbar paradoxerweise konservative Parteien innovative Medien flüssiger nutzen als Linke, denen das gefühlterweise näher stehen sollte. Anfälle völliger geistiger Umnachtung wie der legendäre Superpraktikant oder dieses wirklich schwachsinnige Geilheits-Gefasel sind auf den ersten Blick Ausnahmen, dienen letztlich aber doch auch eher dem, der sich eigentlich damit lächerlich macht: Wer glaubt ,sich im Rahmen anerkannter, traditioneller und damit richtiger Werte zu bewegen, kann sich leicht distanzieren und auf das vermeintlich gemeinsame zurückziehen.
Zu erkennen, dass das vermeintlich Gemeinsame gemeine Vereinnahmung ist, erfordert schon etwas mehr Anstrengung.
Die Behauptung ist: In Onlinemedien haben wir demokratischen, ausgleichenden Charakter vermutet. Zumindest Social Networks aber haben eindeutig rückwärts gerichteten, bewahrenden und bestätigenden Charakter – sie sind Werkzeuge der Reaktion.
Was posten grüne oder SPÖ-nahe Aktivisten, Agenturen oder Funktionäre? Sie haben Inhalte, oft eigene Blogs, eigens produzierte Videos, die erst das Thema, über das sie eigentlich reden wollen, abstecken müssen und auch entsprechend wenig erfolgreich sind. Und auf der anderen Seite? Ein bisschen witzeln, ein bisschen stänkern, ein bisschen Kontext weglassen (oder durch das Abendland ersetzen) – auch das sind Inhalte, sogar solche, die für ein weit breiteres Publikum die Gelegenheit bieten, sich zu beteiligen.
Gibts ein Patentrezept? Der Essayist Chuck Klostermann stellt in einem seiner Texte sehr schön dar, dass es die niederträchtigste und dümmste Form des Kritizismus ist, auf der offensichtlichen Dummheit des offensichtlich Dummen herumzureiten und lang und mehr oder weniger wortgewaltig auszuführen, wie dumm das nicht ist. – Das wendet sich nun wieder an alle Seiten.

Wir reden eben lieber mit einem Gegenüber, von dem wir zu wissen glauben, was es meint. Das fällt leichter, wenn wir bewahren statt verändern wollen, wenn wir uns auf einen vergangenen und nicht einen künftigen Konsens berufen. In beiden Fällen bedeutet das, den anderen zu ignorieren. Der Schönheitsfehler für den, der etwas erreichen will: Auf diese Art geschieht nichts. – Das stört den einen, und dem anderen ist es nur recht…

Ist damit ein Grund geliefert, sich aus Social Networks zu verabschieden? Nein – Nichtstun als Problem wird auch durch Nichtstun nicht behoben. (Privacy und Sicherheit sind im übrigen auch kein Argument: Denn um in der Politik zu bleiben – wer schützt mich vor auf offener Strasse eingefangenen böswilligen Infektionen? Von den FPÖ-Plakaten rede ich gar nicht mehr aber „Unser Kurs in der Bildung: der Deutschkurs“ ist eine Beleidigung eines jeden Menschen, der lesen kann. Und eine Armutszeugnis für Partei, Agentur und Menschen, die sich mit so einem Spruch abbilden lassen.)

Fazit 1: Massenwerkzeuge die Minderheiten helfen sollten, dienen vor allem der Mehrheit und der Selbstbestätigung. Wir kochen jetzt öfter im eigenen Saft.

Fazit 2: Allein kann man nichts rechtfertigen, sagen die Epistemologen, gerechtfertigtes Empfinden braucht den Sanktus einer Community. Stimmt. Auch Hetzen funktioniert nur vor einem als gemeinsam angenommenen Hintergrund.

Fazit 3: Vilem Flusser hat wieder mal recht.

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