Ethik für die Gottlosen

Ethikunterricht und das Ethik für alle-Volksbegehren waren mir ein wenig egal, bis ich diesen Kommentar dagegen gelesen habe.

In der Presse ist ein seltsamer Kommentar zum Ethik für alle-Volksbegehren erschienen. Hans Winkler, ehemaliger Redaktionsleiter des Wien-Büros der Kleinen Zeitung und ehemaliger Generalsekretär der Katholischen Aktion der Diözese Gurk-Klagenfurt hat keine Freude mit dem Volksbegehren.
Ich habe echte Verständnisschwierigkeiten mit diesem Text, wenn der Autor behauptet, dass eine Glaubenshaltung größere Verbindlichkeit habe als das Ergebnis einer rationalen Analyse.
Das mag nun sogar praktisch so sein – was ein mächtiger Kirchenboss sagt, hat in der Praxis nach wie vor direktere Auswirkungen als die Einschätzungen auch der prominentesten Philosophen. Das liegt heute aber eher daran, dass die katholische Kirche über Jahrhunderte hinweg die erfolgreichste Lobbyorganisation und das stärkste Netzwerk war. Es ist auch ein zugegebenermaßen bewundernswertes Beispiel für exzellente Machttaktik, wie die Argumente der Kirche über die Zeit des Aberglaubens hinaus gerettet werden konnten, weil sie schon stark mit Machtfragen verbunden waren.
Aber trotzdem liegt diesem Kommentar eine Verwechslung von Sein und Sollen zugrunde – dass Religionen in gewissen Kreisen noch immer eine Vormachtstellung haben, ist kein Beweis dafür, dass sie diese auch haben sollten.
Natürlich ist Religion Kultur und als solche Teil von Bildung. Aber man stelle sich diesen Sprung vom Sein zum Sollen mal in anderen kulturellen Sparten vor: „Wir haben hier ein System, das unseren Geschmack trifft und unseren Interessen dient – also muss alles so bleiben/ist alles andere kulturlos/wollen wir alles andere nicht.“ Es schadet nicht, Religionen zu kennen. Vom historischen Wert ist es allerdings ein sehr großer Sprung zur Verbindlichkeit.

Ebenso fragwürdig ist Winklers Einschätzung, der Religionsunterricht könne nicht so schlecht sein, weil schließlich viele konfessionslose Kinder freiwillig daran teilnehmen. Der Wunsch nach Ethikunterricht sagt erstens noch nichts über die vermutete Qualität eines Religionsunterrichts aus. Und zweitens wurde – zu meiner Schulzeit – von den Konfessionslosen erwartet, in dieser für sie freien Stunde Wurstsemmeln zu holen oder ähnliche Dienste zu verrichten. Dabei mussten sie noch jedes Mal mit dem Schulwart darum streiten, ob sie auch tatsächlich die Schule verlassen durften – kein Wunder, dass man dann lieber in der Klasse sitzenblieb.

Das Volk soll nichts wollen …

Aber all das ist beliebiger Kleinkram, über den man lang mit ausgefeilten Argumenten diskutieren kann. Tatsächlich erschreckend ist, wenn der Autor schreibt: „Die Unterschrift wäre vergebliche Liebesmüh, denn bekanntlich ist die Entscheidung schon anders gefallen.“
So kann man das natürlich auch sehen. Die Regierung hat entschieden – in meinem Sinn – also ist das richtig und alles andere ohnehin vergeblich, Gottseidank (oh, da steckt auch wieder Religion drin, mein Gott!). Was braucht das Volk auch aufmucken, wenn sie Regierung schon im Sinne Gottes entschieden hat – das ist ja schließlich auch das Erfolgsrezept, auf dem die Machtstellung der Kirche beruht.

Zugleich ist das auch – um doch noch mal zum Inhaltlichen zurückzukehren – ein schönes Beispiel für die unterschiedliche Argumentationsqualität unterschiedlicher ethischer Konzepte.
Man kann natürlich der Meinung sein: „Es ist so, weil ich es sage, und das muss als Fundament ausreichen.“ Das ist die religiöse Variante, hinter der noch steckt, dass, wer so argumentiert, auch noch meint, zu wissen, was „gut“ ist (steht alles in der Bibel), vielleicht auch „die Wahrheit“ kennt und andere dort hinführen möchte.
Man kann aber auch lernen, im Dialog zu argumentieren, gemeinsam Begriffe, Voraussetzungen und Ziele abzuklären und sich um verständigungsorientierte Kommunikation bemühen. Nein, das wird nicht in jeder Unterhaltung auf der Straße funktionieren. Das ist auch kein Aufruf dazu, Haltungen und Handlungen, die man nicht gutheißen kann, Verständnis entgegenzubringen.
Aber in einer gemütlich schriftlich geführten Diskussion ohne Stress und Hektik könnte man dieses Mindestmaß an Redlichkeit schon erwarten. – Vielleicht brauchen manche ja noch Ethikunterricht, um das zu verstehen.

Einige der erhellendsten Moralanalysen liest man bei Kropotkin und Bakunin. Letzterer meinte im übrigen: „Wann immer ein Führer von Gott spricht (…), seid sicher, dass er gleich dazu ansetzt, einmal mehr seine Volksherde zu scheren.“
Wie schön, wenn sich Staat und Kirche einig sind.

Und ich habe eben das Ethik für alle-Volksbegehren unterzeichnet.

Michael Hafner

Michael Hafner

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