„Too many grown-ups out there, and I’m not one of them…“


Corporate Philosophy ist immer so ein Ding… – Manche Leute schaffen es aber, die Sache auf den Punkt zu bringen. Einer davon ist Roger Steare, der mit wenigen Fragen, kleinen Diskussionanregungen und very british Hemden (zu sehen auch auf seinem Youtube-Channel) sein Publikum sehr schnell und nachhaltig mit den richtigen Fragen konfrontiert.

  • Kennen wir den Zweck unseres Handelns?
  • Kennen wir die Gründe, die uns und unsere Umgebung bewegen?
  • Wollen wir wirklich so weiter machen?

Steare untermauert seine Thesen und Forderungen (er ist kein rein analytisch-deskriptiver Philosoph) mit Ergebnissen aus psychometrischen Tests: Wie veraendern sich ethische Werte im Alter? Wie mit Hierarchie-Levels in Organisationen? Wo lassen sich geschlechterspezifische Tendenzen erkennen? Unter der Trademark „ethicability“ publiziert Steare vorhersehbare Resultat (Frauen sind ethischer als Männer), aber auch Ergebnisse, die ich so noch nirgendwo anders gesehen habe.
Besonders interessant sind die massgeblichen ethischen Werte in unterschiedlichen Managementlevels: Gehorsam als ethischer Wert sind erwartungsgemäss, im Verlauf einer Karriere sinken aber auch alle anderen ethischen Werte – um beim letzten Schritt vom Senior Manager zum Geschäftsführer oder Vorstandmitglied teilweise wieder sprunghaft anzusteigen: Vor allem die vernunftgetriebene Ethik, aber auch an Fürsorglichkeit orientierte Ethiken sind in Vorstandsetagen deutlich stärker vertreten, als in anderen Managementebenen.
Vernunftethik bleibt über Managementlevels relativ konstant, Fürsorglichkeit aber steigt am deutlichsten ab und dann wieder am sprunghaftesten an. Das lässt natürlich viele Deutungsmöglichkeiten zu:

  • Vernunft ist immer gut und muss überall und auf allen Ebenen akzeptiert werden.
  • Vernunftgetriebene Entscheidungen haben mit Verantwortung zu tunm ,aber auch mit Einsamkeit: Wenn die eigene Leidenschaft nicht mehr zählt, bleibt nur noch die Vernunft.
  • Fürsorge ist eine wichtige Zutat zu guter Führung.
  • Fürsorge ist ein Luxus, der nur in der obersten Etage leistbar ist – wer seine Schäfchen noch nicht im Trockenen hat, muss erst an sich selbst denken
  • Und schliesslich: sollen wird das normativ verstehen (So musst Du Dich entwickeln, wenn Du CEO werden möchtest) oder deskriptiv – als Momentaufnahme eines ändernswerten Zustands?

Steare fordert klar dazu auf, den Status Quo nicht als wünschenswertes Ziel zu sehen – aber auch nicht als Spielplatz für Kritik und Vorwürfe: Jed Organisation hat das Management das sie verdient, jede Gesellschaft die Banken, die sie verdient, jeder AUtofahrerclub die Ölpest, die die Gier seiner Mitglieder mitverursacht hat.
Vielleicht ist der eigene Handlungspielraum nicht immer klar und deutlich sichtbar, die Konsequenzen des eigenen Handelns aber sind in der Regel unbestreitbar. – Das ist nicht zuletzt ein sehr schönes Dilemma, das auch in der Diskussion um Für und Wider von Social Media immer wieder als Grundmotiv auftaucht: Werden wir noch verantwortungsloser und oberflächlicher, weil wir kaum je direkte Konsequenzen unserer Handlungen erleben? Oder lernen wir gerade so Verantwortung, weil potentiell alles mit allem vernetzt ist, und wir ZUsammenhänge berücksichtigen müssen, die wir uns nie hätten träumen lassen? (Mehr dazu bei Charles Ess und immer wieder auch hier an Ort und Stelle)

Handlung und Konsequenzen sind gerade in der Philosophie, wo die Gefahr von Worthülsen besonders gross ist, umso wichtiger. Steares plakatives Probe aufs Exempel: „Der beste Ethik-Code den ich jemals gelesen habe, war der von Enron…“.

Ein anderes schönes Beispiel für Zusammenhänge und Konsequenzen und Zusammenhänge stammt aus den psychometrischen Tests zu geschlechterspezifischen ethischen Werten: In weiblichen Mustern steht Liebe an oberster Stelle, in männlich ausgerichteten Ethiken sind Weisheit und Selbstkontrolle undter den Spitzenreitern. Klingt verkorkst und hölzern? „Vergessen Sie nicht“, sagt Steare dazu, „Selbstkontrolle ist das wirksamste Gegenmittel gegen Gier…“. Dem sich dann meist mehr oder weniger dezent anbahnenden Ansturm de Entrüstung begegnet Steare mit einer schlichten AUfzählung: „Schuhe. Handtaschen. ‚Ich würde mir das nicht gefallen lassen‘. – Sickert es?“

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