Enterprise 2.0: Das Tool heilt alle Wunden?


Angryteddy Daniel Friesenecker unterhält sich im Podcast mit Anne Breitner über Social Media im Unternehmen. Wenn ich mit meinen Ohren zuhöre, habe ich wenig Einwände. Wenn ich aber mit den Ohren eines skeptischen CEO oder CIO zuhöre, dann höre ich eine Unterhaltung über Tools großer Hersteller, ich sehe, dass die großen Erfolgsgeschichten bisher ausbleiben, und ich stelle für mich fest: „Das funktioniert offenbar nicht.“ Thema erledigt.

Enterprise 2.0 - Tools und Gespenster...

Erledigt? Die Diskussion von Tools und Möglichkeiten ist fast immer ein Eigentor. – Alles ist möglich, es ist nur eine Frage des Aufwands, und vor allem der Zielsetzung. Vom Faustkeil als erstem Tool lässt sich eine ebenso gerade Linie zur Kanalisation als Segen der Zivilisation wie zu Highschoolmassakern ziehen, je nachdem, ob der Werkzeug- oder der Waffencharakter im Vordergrund steht. Und daneben gibt es noch die grosse Menge jener, die trotz Jahrzehnten mit Selfman und Home Improvement noch nie ein Werkzeug in der Hand hatten.
Ähnlich ist es mit Kommunikationswerkzeugen. Sie sind vielfältig einsetzbar – und können auf genauso vielfältige Art und Weise ignoriert werden. Beteiligung und Aktivität entstehen nicht durch das Vorhandensein von Tools, sondern durch ein Thema, das es wert ist, dafür aktiv zu werden. Natürlich gibt es Tools und Prozesse, die das erleichtern. Aber so wie den im Podcast angesprochenen Friedhof der Dokumente, die schon im Moment des Speicherns auf einem einsamen Laufwerk ihr Verfallsdatum erreicht haben, und dort friedlich dem Vergessen anheimfallen, gibt es in Unternehmensnetzwerken den ebenso unheimlichen Friedhof der Statusmeldungen. – Eine Kollegin erzählte mir vom Launch eines rundum sehr wohlwollend aufgenommenen Enterprise Social Network („Wir haben ein neues Tool!“), das sieht dann mit einem Post auf ihrer Pinwand eröffnete: „Wer das liest – bitte melden. Ich lade dich auf einen Kaffee ein!“ Die Einladung steht noch heute, einen Monat nach dem Launch.
Und Kollegen aus einer anderen Ecke blickten vier Wochen nach dem Launch ihres Netzwerks auf stolze 2000 Postings zurück – die sich auf knapp 300 Gruppen verteilten. Damit ist es auch in jeder Gruppe einsam wie auf dem Friedhof.
Tools, die Möglichkeiten bieten, schaffen eben noch keine Gelegenheiten. Möglichkeiten sind Theorie, Gelegenheiten haben mit Zielen und praktischen Lösungen zu tun: Mitarbeitern die Möglichkeit zu geben, alles mögliche zu tun, interessiert sie in der Regel herzlich wenig. Ihnen die Gelegenheit zu geben, ein Problem zu lösen oder ihre Arbeit schneller und besser zu erledigen, ist da vergleichsweise schon weit attraktiver.
Für die Einführung von Social Tools im Unternehmen heisst das:

  • Sie brauchen ein Beispiel, einen Musterfall. Was machen wir damit, welches Problem lösen wir? Auch Champions und Botschafter finden sich nicht von allein.
  • Selbstverwaltete, von Mitarbeitern getriebene Netzwerke funktionieren am besten dann, wenn sie Alternativen zu bestehenden Arbeitsprozessen sind: Wir machen das gleich, nur anders.
  • Vom Unternehmen getriebene Netzwerke oder social Kampagnen, die Mitarbeiter aktivieren und zur Beteiligung einladen wollen, funktionieren am besten dann, wenn sie Fragen stellen, die sich diese auch stellen. Die Frage „Worum geht es wirklich?“, wird sehr ungern gestellt. Schliesslich beschäftigt sie sich nicht mit Zielen und Strategien, die das Unternehmen gern in den Vordergrund stellt, sondern mit persönlichen Motiven. Letztlich ist das eben eine Frage der Damaturgie – Strategien sind wie Handungen im Film: Wir verstehen sie nur dann, wenn wir sie irgendwo persönlich nachvollziehen können (was nicht heissen muss, dass wir es selbst genau so machen würden).

Glücksfälle, die dem entgegen anscheinend wie von sebst laufen, erfüllen diese Voraussetzungen wie von selbst. Michael Heiss hat auf enterprise2punkt0.at einige Posts zu Siemens Technoweb und den Folgeprojekten veröffentlicht. Die Idee, ein Netzwerk für schnelle Fragen und Antworten unter Technikern rund um die Welt, liegt scheinbar auf der Hand, muss aber auch erst einmal zum Unternehmen passen – und zum täglichen Job der Mitarbeiter. In der konkreten Planung wurde auch entsprechend viel Aufwand in die mit Anwendern definierten Usecases gesteckt.

Für den Praktiker heisst das: Gerade große Hersteller und deren umfassende Tools bieten Generallösungen für Fälle, die es eigentlich nicht gibt. Das heisst nicht, dass die Tools schlecht sind, aber sie bieten generische Möglichkeiten, die erst einmal in Gelegenheiten für das konkrete Unternehmen verwandelt werden müssen. Das ist inhaltliche Kommunikationsarbeit. Deshalb bekommen ich mittlerweile schon ein bisschen Bauchweh, wenn sich so etwas wie technische Standards für Social Media in der Kommunikation abzeichnen. Und deshalb zeichnen sich auch leichte allergische Reaktionen ab, wenn ein Kunde fragt „Was ist denn möglich?“ „Alles, nona. Aber was willst du denn? Und vor allem: Was davon willst du wirklich?“, sind die einzig passenden Gegenfragen.

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