„Economy first, culture will follow.“ Wirklich?

Nach dem com.sult Vienna Congress: Why Facebook kills Silicon Valley und wie wir möglichst schnell aus der Wirtschaftskrise kommen, um sie möglichst bald zu wiederholen.


Nach dem com.sult Vienna Congress: Why Facebook kills Silicon Valley und wie wir möglichst schnell aus der Wirtschaftskrise kommen, um sie möglichst bald zu wiederholen. 

[dropcap type=“3″]D[/dropcap]iese Woche ging im Wiener Haus der Industrie der com.sult Vienna Congress über die Bühne. Größen aus Forschung, Industrie und Politik diskutierten Wege, aus Europa wieder eine innovative Kraft auf der Welt zu machen.
Gleich vorweg: Trotz des staatstragenden Rahmens, der erst mal skeptisch macht, war es ein durchaus interessanter Tag. Überschattet nur von den zweifelhaften Aussagen eines alternden ÖVP-Politikers, der sich seit Jahren Europa auf die Fahnen schreibt, im Geist der Donaumonarchie missioniert – und hier dem albanischen Wirtschaftsminister in einer Diskussion auf der Bühne ausrichtete, es sei doch kein Problem, wenn Albanien keinen EU-Kandidatenstatus erhielte, schliesslich seien die Albaner doch ohnehin schon alle da. Immerhin provozierte das ein paar Zwischenrufe aus dem Publikum. – Ok, die lautesten waren von mir…

Vienna Congress

[dropcap type=“3″]A[/dropcap]bgesehen von solchen Sprüchen konzentrierten sich die Referenten eher auf Fragen der Innovation und Entwicklung: Ist Innovation in Europa möglich, was braucht es, um den alten Kontinent wiederzubeleben, und was sind eigentlich europäische Stärken? Die vorherrschenden Begriffe dabei waren Ambition und Competitiveness – in Europa zähle Wettbewerb zu wenig und Ambition sei kein positiv besetzter Wert. Was großteils uneingeschränkten Zuspruch fand, lässt mich trotzdem noch einmal nachfragen: Was bedeutet diese zwei Begriffe eigentlich?

  • Ambition, generell auf Englisch gebraucht, steht für große Pläne, für die Idee, mehr zu erreichen. Auf Deutsch übersetzt, wird schnell Ehrgeiz daraus – und das ist ziemlich nah an Geiz und Gier. Damit verschwindet der weltoffene Aspekt und die Bedeutung lässt sich auf ein sinnbefreites „mehr“ (egal wovon) reduzieren.
  • Competition steht auch auf Englisch für Wettbewerb. In einem produktiven Wettbewerb geht es allerdings weniger um Gewinnen und Verlieren, sondern darum, besser zu werden. Sobald der Wettbewerb einen Gegner braucht, schränkt er sich selbst ein; Ziel kann es nicht sein, besser zu sein als der andere, dessen Marktanteile zu schlucken und so bald wie möglich monopolisierende Tendenzen zu starten; das Ziel von Wettbewerb ist es eher, schlicht besser zu sein: Bessere Ideen, bessere Lösungen zu entwickeln, den Unternehmensgegenstand zu verbessern.

Das ist aber auch in bewunderten Innovationszentren nicht der Fall: „Facebook kills Silicon Valley“, erklärte etwa Marcus Weldon, Präsident der Innovationsschmiede Bell Labs. Sein Argument: In der Vor-Facebook-Ära war es für erfolgreiche Unternehmer noch vollkommen ok, zehn Jahre vom Startup zum Milliardär zu brauchen. Facebook habe diese Latte auf ein Jahr heruntergeschraubt. Die Businesspläne vieler Innovationen werden also nicht mehr als rentabel empfunden. Und die Innovationskraft von Facebook findet nur auf der eher flüchtigen Software- und Beziehungsebene statt: Es entstehen keine neuen Produkte, nichts Angreifbares. Eventuell auf Facebook zurückzuführende soziale oder Einstellungs-Änderungen können auch gut ohne dieses eine, vielleicht ursächliche, aber nicht notwendige Produkt weiterleben.
Neue Wachstumsfaktoren in der digitalen Wirtschaft – und anderem beschrieben in Arthurs Gesetz von den steigenden Grenzerträgen – verstärken Tendenzen zu flüchtigen, nicht angreifbaren Produkten, und zur Monopolbildung: Was online gut funktioniert, kann einfach immer weiter gemacht werden. Im Gegensatz zur realen Wirtschaft, in der zu große Organisationen zu hohe Kosten produzieren, lassen sich digitale Produkte leichter skalieren: Google hat kein Problem damit, mehr Adwords zu verkaufen. Und selbst wenn einmal die Anzeigenfläche ausgebucht wäre (also jede Suchabfrage verkauft, jeder Adsense-Platz genutzt), dann hätte noch immer nicht Google das Problem, sondern zuerst die Kunden, die ihre Gebote für die knapp werdenden Flächen erhöhen müssten.

Bell Labs Innovation

[pull_quote_right]Europa: Zu wenig Investitionsbereitschaft, zu wenig (oder nicht geförderte) Talente, zu wenig Unterstützung und generell zu wenig Unternehmergeist?[/pull_quote_right]Weldons Begriff von Innovation ist denn auch deutlich umfassender. Es geht nicht nur um Neuigkeit und Erfolg, sondern vor allem auch um Umsetzung: „Innovation = Invention + Completion“. Damit beides auch in sinnvollem Rahmen passiert, sind „Challenge“ und „Competition“ wichtige Voraussetzungen: Die Erfindung muss ein Problem lösen, und die Umsetzung muss sich im Wettbewerb mit ihrer realen Umgebung bewähren. Hartnäckigkeit auf der einen Seite, Unterstützer auf der anderen Seite, sowie Zugang zu Kapital, Talenten und eben die ominöse Ambition sind weitere Zutaten, die den Innovationsmix gelingen lassen. In praktisch all diesen Bereichen schneidet Europa in Weldons Einschätzung schlecht ab: Zu wenig Investitionsbereitschaft, zu wenig (oder nicht geförderte) Talente, zu wenig Unterstützung und generell zu wenig Unternehmergeist. Das äussere sich auch darin, dass die einzig angemessenen Reaktionen auf Innovation – nämlich sowohl Toleranz Fehlern gegenüber als auch die Anerkennung bei Erfolg – in Europa nicht üblich seien.
Weldon verwendet Ambition ausdrücklich in Sinn von auf Größeres aus sein, die Welt verändern wollen. Hier steckt eine wertende, auf Sinn bezogene Komponente im Begriff.
Das ist insofern wichtig, weil viele der anderen Referenten Innovation sehr schnell auf ökonomische und technische Bereiche beziehen. Philipp Blond, Autor von „Red Tory“ und Berater von David Cameron: „Economy first, culture will follow“. Und Nobelpreisträger Dan Shechtman, der nach seiner Karriere als Chemiker jetzt in Israel Startup-Fernsehen für Kinder macht: „Wenn ich über Innovation rede, dann meine ich selbstverständlich Technik. Dort liegt das Geschäft.“
[dropcap type=“3″]D[/dropcap]aran ist nichts auszusetzen. Bloß keine Kulturförderprogamme stattdessen. Was mir allerdings abgeht, ist die qualitative, sinnstiftende Dimension in dieser Argumentation. Wozu machen wir das? Und wollen wir wirklich jede Art von Innovation, vorausgesetzt, sie macht ihren Erfinder reich und schafft ein paar zusätzliche Arbeitsplätze?
Ich bin mir ziemlich sicher, dass Diskussionen in ähnlichen Kreisen in Präkrisen-Zeiten sehr ähnlich verlaufen sind: „Wie kriegen wir mehr?“, ist die vorherrschende Fragestellung. Ich traue jedem – fast jedem -, der an diesem Tag auf dem Podium war, zu, den Unterschied zwischen mehr um des mehr willen und sinnvollem mehr zu kennen, aber die, die dann inspiriert von dannen gehen und sich denken „Wir müssen ja wirklich etwas machen. Ehrgeiziger werden, Ellbogen ausfahren“; kennen ihn vielleicht nicht so weit.
Und das heisst aus meiner Sicht, etwas verkürzt vielleicht: Die innovativsten und erfolgreichsten Köpfe beschäftigen sich damit, wie wir möglichst schnell aus der Krise kommen, damit wir weitermachen wie vorher – um möglichst bald wieder in der gleichen Krise zu stecken. 
Es sind ein paar notorisch wiederkehrende Punkte, die mich immer wieder daran denken lassen.

  • Soziale Sicherheit ist schlecht für den Unternehmergeist, ist eines der Mantras. Wer sich nicht aus der Hängematte bequemen muss, wird auch nicht innovativ. Wer umgekehrt, aus Sorge, sonst gar nichts zu haben, seinen zeitfressenden Macjob nicht aufgeben kann, allerdings auch nicht. – Und in beiden Fällen gibt es genug Beispiele, die jeweils auch das Gegenteil beweisen – solche Fragen sind hinfällig.
  • Zu wenig Wettbewerb und Diversity sind schlecht für Innovation, ist ein anderes Mantra. Manchmal, so mein Verdacht, gilt das aber nur, weil die Auseinandersetzung mit einem Gegner lustiger und leichter ist, als die mit sich selbst. Denn wenn die ersten Schritte gemacht sind und es einen Verlierer gibt, dann findet auch der Sieger Diversity nicht mehr lustig: Unterschiedliche Sprachen, Gesetzeslagen, kulturelle Vorstellungen in einem Europa – das ist doch wirklich lästig. Könnten wir nicht bitte einen einheitlichen Markt daraus machen?
  • Und Regulierungen als innovationsfeindliche Umgebung zu sehen, ist schliesslich ein Mantra, bei dem Nobelpreisträger, Millionenmanager und Politiker dann plötzlich trägen Stammtischbanden sehr ähnlich werden. Man würde ja gerne, aber bei den Hürden, den Aufwänden… – Unternehmer sind dazu da, Probleme zu lösen, oder? Und nachher dreht sich das Bild dann ähnlich wie beim Diversity-Argument: Nachher brauchen wir Copyrights, Patente und Unterlassungsverfügungen, und halten erst mal still, wenn „Schutzabkommen“ wie ACTA oder TTIP diskutiert werden.

[dropcap type=“3″]M[/dropcap]ehr vom Gleichen ist selten eine gute Lösung, es sei denn, man ist in einer Position, in der Arthurs Gesetz zu wirken beginnt.
[pull_quote_right]Gefälschte Statistiken sind wir gewohnt. Gefälschte Argumentationen zu entlarven ist noch kein so standardisierter Sport. Aber einer, dessen Etablierung zu promoten, sich noch lohnen könnte.[/pull_quote_right]Ich habe rein gar nichts gegen Wachstum. Was mir allerdings fehlt, ist eine Wirtschafts-, Politik- oder eben auch Kultur-Kultur, in der Sinn eine Rolle spielen darf, ohne esoterisch und transzendent sein zu müssen. Wozu machst du, was du machst, und bist du dir der Folgen bewusst – nicht nur für dich, sondern auch für andere?
Das ist noch nicht einmal eine moralische Frage – es ist eine Angelegenheit von gedanklicher Flexibilität und der Fähigkeit, Perspektiven zu wechseln. Das sind grundlegende philosophische Kompetenzen, die, jetzt lehnt sich der studierte Beinahe-Fass-Bewohner weit aus dem Fenster, nicht jeder hat.
Es ist nicht sofort eine Moralkeule, andere Perspektiven einzufordern, sondern eine Form erweiterter kaufmännischer Sorgfalt, hier andere Sichten und Auswirkungen einzubeziehen. Die Entscheidung mag dann moralisch motiviert sein (oder auch unmoralisch) – aber diese Frage taucht erst später auf. 
Gefälschte Statistiken sind wir gewohnt. Gefälschte Argumentationen zu entlarven ist noch kein so standardisierter Sport. Aber einer, dessen Etablierung zu promoten, sich noch lohnen könnte. 

Und während einiger langweiliger Panels an diesem Tag habe ich noch begonnen, das Manifest des Akzelerationismus zu lesen. Die Idee dahinter: Machen wir einfach weiter mit der Beschleunigung, bis das Ding in die Luft fliegt. Führen wir die Zerstörung und den Zwang, neue Wege zu gehen, durch Übersteigerung und Beschleunigung des Bestehenden herbei, treiben wir mehr vom Gleichen auf die Spitze, um dann unter anderen Vorzeichen weitermachen zu können. Gilt vor allem für den Kapitalismus.
Aber darauf komme ich noch mal zurück.

Comments 2

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

„Economy first, culture will follow.“ Wirklich?

log in

reset password

Back to
log in