Trojanische Maeuse beim Enterprise 2.0 Forum


„Viele Social Media-Berater sind noch sehr gruen hinter den Ohren“, formulierte Joachim Niemeier treffend seinen Einstieg in die Moderation des Enterprise 2.0 Forum vergangene Woche. Als einer der schon trocken hinter den Ohren ist, eroeffnete Euan Semple das Event mit seiner Keynote „How to manage the Enterprise 2.0 (R)evolution“.
Die Grundzuege seiner Praesentation: Falsche Erwartungen an etwas Neues, Grosses, deutlich Anderes erzeugen ein verzerrtes Bild von Enterprise 2.0-Methoden – und damit einen falschen Erfolgsdruck. Enterprise 2.0 „is about globally distibuted, near instant, person to person conversations“, es ist kein technisches Thema, sondern ein organisations- und kommunikationsgetriebenes. Ein wesentlicher Erfolgshebel liegt darin, die Einsicht zuzulassen, dass „hanging around and chatting is a way of getting things done.“
Dementsprechend ist es auch wenig empfehlenswert, mit einem grossen Anspruch zu starten. Semple empfiehlt „trojanische Maeuse“: Es muss nicht gleich ein ganzes trojanisches Pferd sein, auch kleinere Massnahmen verfehlen auf die Dauer nicht ihre Wirkung.
Erfolgsfaktoren oder kritische Punkte sind fuer Semple:

  • Sense of Ownership: User muessen sich mit Tools und Inhalten wohl fuehlen, sie muessen sie bedienen koennen und das auch duerfen. Daher muss es bis zu einem gewissen Grad auch den Usern ueberlassen werden, wofuer was verwendet wird.
  • Management und Kontrolle: Kontrollverlust ist eines der beliebten Gegenargumente. Dem ist entgegenzuhalten, dass 2.0 Kommunikationstools nicht nur Inhalte und Beziehungen herstellen, sondern auch sichtbar machen. Damit tritt vieles an die Oberflaeche, was vorher nicht erfassbar wird – damit wird vieles erst managebar.
  • Das Unbehagen mit dem Wort „social“ in Social Media: Social scheint im Widerspruch zu Business zu stehen. Teilen, Tratschen und Kuemmern – soziales Verhalten – scheint im Widerspruch zu effiziengetriebenem Wirtschaften zu stehen. Soziales Verhalten ist einer der wichtigen Treiber fuer Vertrauen. Vertrauen ist nicht nur ein entscheidender Verkaufsvorteil, sonder auch eine wichtige Voraussetzung fuer funktionierende Organisationen. Beides sind durchaus effizienzfoerdernde Punkte…

Wie sieht dies Umsetzung dieser Punkte in der Praxis aus? Der Rest des E2.0 Forums war Case-Studies gewidmet. Dabei wurde deutlich, dass das Konzept der trojanischen Maeuse durchaus unterschiedlich umgesetzt wird. Einige Referenten stellten punktuelle Loesungen vor, andere umfassende Konzepte mit kleinen Veraenderungen fuer die Beteiligten. Jamil Ouaj, Vice President Global Communications der Deutsche Bank, gab einen Ueberblick ueber die beeindruckende Vielfalt von in der DB eingesetzten Tools: Wiki, Blogs, Social Bookmarking, Social Networking, Microblogs existieren nebeneinander und neben dem Intranet. Jeder kann alles nutzen, die Tools sind allerdings nicht (auch nicht an der Oberflaeche) mit dem Intranet integriert, werden nicht von einer gemeinsamen Suche indiziert und werden mit sehr unterschiedlicher Intensitaet genutzt. Die Einfuehrung bisher hat sich eher bottom up entwickelt und war sehr guenstig. Fuer den naechsten Schritt – Integration und Professionalisierung, ortet Ouaj sehr wohl Budget- und Management-Entscheidungsbedarf.
Andere Casestudies stellten ebenfalls Wikis als Parallelwelt zum „offiziellen“ Intranet vor. Miriam Schittkowski (HAVI Logistics) nutzt ein Wiki als Verteilungs- und Orientierungsknoten vor den anderen Intranetinhalten; User legen sich hier die Zugaenge zu Inhalten neu und ergaenzen sie, wenn notwendig.
Susanne Moerl, Siemens, stellte den Prototypen eines internen Social Networks vor. Dessen Grundfunktionen wurden im Rahmen von Usecaseworkshops mit potentiellen Nutzern erarbeitet. Die dringendsten Kommunikationsprobleme wurden erhoben und Loesungsmoeglichkeiten dafuer geschaffen. Die wichtigsten Themen dabei: Urgent Requests (die Moeglichkeit, ein unloesbares Problem mit hoher Prioritaet in einer grossen Expertencommunity platzieren zu koennen) und Trendmonitoring (einen Ueberblick brekommen, mit welchen Themen und Problemen sich andere gerade beschaeftigen). Das Ergebnis ist eine Mischung aus Newsgroup und Social Network als Nebenfront zum Intranet, die gerade intern von einigen tausend Mitarbeitern aus technischen Bereichen getestet wird.

Auf der anderen Seite stehen integrierte Ansaetze, die den Usern auf den ersten Blick nicht ganz soviel emerging Freiheiten lassen. Rainer Warmdt stellte den Prototypen von lightweb, dem neuen Intranet vom Zumtobel, vor. Der Ansatz: Viele User haben Redaktionsrechte und veroeffentlichen ihre Inhalte fuer ihre eigene Benutzergruppe. Content fuer alle wird von einem Redaktionsteam produziert, zusaetzlich gibt es einen Bereich, in dem auch User mit eingeschraenkten Rechten Content fuer alle publizieren koennen. Leser entscheiden selbst, welche Inhaltsbereiche sie auf ihrer Startseite haben moechten und aus welchen Themenkreisen sie Nachrichten sehen moechten. Das laesst dem lesenden User viel Freiheit (haengt ihm aber auch Verantwortung um); Redakteure haben – innerhalb ihrer Moeglichkeiten – alle Rechte. Allerdings haben Redakteure auf Grund der zahlreichen Personalisierungsmoeglichkeiten fuer User keine Gelegenheit, genau ueber die potentiellen Leser ihrer Nachrichten bescheid zu wissen.
Die Zumtobel-Loesung basiert auf Confluence und ist insofern auch vom Wiki-Gedanken mitgetragen. Die aktuelle Confluence-Version scheint allerdings weit ueber ein Wiki hinauszugehen und eher ein CMS mit fein einstellbaren Berechtigungen zu sein.
Das geht schliesslich auch in die Richtung von meinem eigenen Ansatz: Alle User starten fuer alle Funktionen im gleichen Portal und sehen dort abhaengig von ihren Berechtigungen unterschiedliche Inhalte – wobei Inhalte hier auch Applikationen wie spezifische Wikis oder Blogs umfasst. Der Vorteil: Fuer den User stellt sich nie die Frage „Wohin gehe ich heute?“ – er wird von einer integrierten Oberflaeche weitergefuehrt. Eine gemeinsame Suche und eine gemeinsame Benutzerverwaltung machen die Orientierung fuer alle User leicht, und aus Betriebs- und Entwicklungsseite ist eine gemeinsame Applikation leichter zu handeln. Der Vollstaendigkeit halber: Diese Loesung ist auf Basis des Gentics Enterprise Portal. fuer derzeit 55.000 User umgesetzt.
umgesetzt. Die Schattenseite: Den Schwerpunkt zum Start auf Integration zu legen bedeutet, einige Einbussen bei der Funktionalitaet in Kauf zu nehmen. Manche Experten-User enttaeuscht das vielleicht; ich hoffe darauf, dass sich dieses Manko durch fluessigere (weil in einer Applikation) und vor allem besser auf Userwuensche abgestimmte (weil durch erste Erfolge und vor allem Misserfolge praezisierte) Anforderungen wettmachen laesst.

Ueber alle Teilnehmer hinweg war ein wichtiges Fazit des Enterprise 2.0-Forum, dass – im Gegensatz noch zum vorigen Jahr – alle Teilnehmer eine konkrete Vorstellung von E 2.0 hatten, viele schon die einen oder anderen Schritte gesetzt hatten und das Partizipation und verteilte Redaktion praktisch zum Intranet-Mainstream gehoeren.
Ueber die verschiedenen Casestudies hinweg sind einige wesentliche wiederkehrende Diskussionspunkte festzumachen:

  • Integration oder nicht: Manche Ansaetze stellen Integration in den Vordergrung, andere Unabhaengigkeit. Unabhaengigkeit entspricht eher der redakteursorientierten Sichtweise: Viele Moeglichkeit, viele Experimente, aber keine durchgaengige Benutzerverwaltung, keine uebergreifende Suche, keine besonders leichte Integration in das „klassische“ Intranet. Integration verzichtet auf Funktion und strebt fliessende Benutzbarkeit im Kontext der bestehenden Medien an. Beide Ansaetze koennen mit kleinen Mitteln gut starten, beide brauchen aber etwas mehr Funding, um komplette Applikationen hinstellen zu koennen. Waehrend die Integrativen meist bei den Features nachlegen muessen, stehen den als Inseln begonnenen Applikationen Themen wie Single Sign On und Suchintegration bevor. Eine Seite allein liefert nicht die Mittel fuer die wirkungsvolle Nutzung in relevanten Geschaeftsprozessen.
  • Braucht E 2.0 eine Strategie? – Dieser Punkt ist grundsaetzlich aehnlich wie der erste, geht allerdings ueber den sachlichen Bereich hinaus. Meines Erachtends ist eine umfassene Strategie notwendig, um die zu erwartenden vielen Fragen ueber den konkreten Sinn und Nutzen der einzelnen Anwendungen beantworten zu koennen. In E 2.0 -Diskussionen mit weniger erfahrenen Usern darf es keine Unsicherheiten geben – auch wenn offener, unsicherer Ausgang zu den wesentlichen Merkmalen von 2.0-Experimenten gehoert, muss das klar praesentiert werdenm koennen. Der Verweis auf Erfolgsstories anderer reicht meiner Erfahrung nach noch nicht aus.
  • Als letztes Beispiel: 2.0-Feeling oder nicht? Einige Intranet Manager versuchen, ihre Wikis moeglichst wie Wikipedkia aussehen zu lassen, fuer interne Blogs WordPress Skins zu recyclen und den Usern so deutlich zu vermitteln, dass es sich hier um innovative 2.0-Themen handelt und dass andere Regeln gelten. Ich bin davon nicht ueberzeugt. Fuer mich sind die effizientesten Innovationen die, die man gar nicht bemerkt. Wenn Tasks ploetzlich einfacher erledigt werden koennen oder wenn Beziehungen moeglich sind, die vorher nie Thema waren, dann kann ich davon ausgehen, dass die Loesung sinnvoll ist. Wenn sie nur eine interessante Innovation darstellt – dann ist sie nicht weit davon entfernt, Zeitverschwendung zu sein…

Diese Punkte sind jedenfalls noch offen; trotz der steigenden Verbreitung sind Enterprise 2.0 Ansaetze noch nicht standardisiert. – Was aber auch damit zu tun haben kann, dass bei dieser Auflage des Enterprise 2.0 Forums wohltuend wenig Sharepoint-User vertreten waren…

You may also like

Leave a comment