flickr/Joy Ito

Doctorows Crashkurs in Kapitalmarktlogik

Ich habe gerade Cory Doctorows „For the Win“ gelesen und kann das Buch nur wärmstens empfehlen. Doctorow zeichnet nicht nur beeindruckende Bilder aus Indien, Kalifornien und China, seine Geschichte eines Arbeitskampfs in der Game-Industrie ist auch eine der eindringlichsten und verständlichsten Beschreibungen der Probleme und Risiken des Kapitalmarkt-Wahnsinns.

(pic: Joy Ito)

Doctorows Geschichte von für Geld spielenden Gamern, die ihre erspielten Levels und Assets über große Organisationen an reiche Einsteiger-Gamer weiterverkaufen, beruht auf wahren Entwicklungen: Im Frühjahr 2011 wurden erste Berichte bestätigt, denen zufolge Insassen chinesischer Gefängnisse neben ihrer offiziellen Gefängnistätigkeit nachts noch Games-Zwangsarbeit verrichten mussten: Sie erspielten in World of Wordcraft Assets, die dann von organisierten Gefängniswärtern weiterverkauft wurden.
Doctorow verpackt diese Ereignisse in die Geschichte jugendlicher Gamer, die unter ähnlichen Ausbeutungsszenarien leiden, sich organisieren, und schliesslich die Game-Konzerne mit ihren eigenen Trading-, Hedging- und Securitisation-Waffen zum Einlenken zwingen. – Das ist ein spannender Roman, und zugleich ein anschaulicher Crashkurs zur irren Kapitalmarktlogik. Unbedingt lesenswert.

Bei der Gelegenheit kann ich gleich eine zweite Empfehlung in Sachen Finanzmarkt-Knowhow nachlegen: Viktor Pelewins „Empire V“ ist ein Vampirroman, dessen Vampirprotagonisten sich allerdings nicht mehr mit so lächerlichen Dingen wie Blutsaugen abgeben. Sie haben es geschafft, die menschliche Existenz (schliesslich sind Menschen die Züchtung von Vampiren) in das Finanzaggregat M5 zu destillieren, an dem sie sich jetzt berauschen – und um das sie Machtkämpfe führen und Intrigen spinnen.

Pelewins Beschreibung dieser Entwicklung ist ebenfalls finanztechnisch und volkswirtschaftlich lehrreicher als drei durchschnittliche Banking-Lehrbücher…

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