Das mit der Oeffentlichkeit

Der Medienwissenschaftler Stefan Muenker hat mit „Emergenz digitaler Oeffentlichkeiten. Die Sozialen Medien im Web 2.0“ ein deutschsprachiges und zumindest im Ableger eines grossen Verlags verlegtes Web 2.0-Buch geschrieben.

Fuer den Grossteil seiner Thesen gilt, zumindest aus der Perspektive des erfahreneren Anwenders: Eh. So unreguliert die Onlinewelt auch ist, so weit setzt sich doch in den Grundlagen ein gewisser Konsens durch, zumindest was die soziale und politische Dimension von Onlinemedien betrifft.
Die Saeulenheiligen, die den Verfall politischer, sozialer und kommunikativer Werte beklagen, koennen mit ihren eigenen Waffen geschlagen werden. Ob Schirrmacher (dessen „Payback“ erst nach Muenkers Buch erschien) oder Habermas – den Pessimisten der Massenmedien kann entgegengehalten werden, dass Onlinemedien gar keine Medien sind, und schon gar keine Massenmedien. Sie sind Werkzeuge, und es sind nicht diese Werkzeuge (allein) die vorgeben, wie sie benutzt werden: „Die vernetzte public sphere ist noch aus Werkzeugen gemacht, sondern aus sozialen Praktiken, welche durch diese Werkzeuge ermoeglicht wurden“, zitiert Muenker der New Yorker Soziologen Yochai Benkler.
Trotzdem macht die Technik hier natuerlich Vorgaben: „Medien gehen ihrer Verwendung voraus (weil es sie eben schon geben muss, bevor ich sie verwenden kann) – und sie definieren fuer diese Verwendung gleich auch noch die Grenzen: Ohne Medien kann man nicht tun, was Medien einem erst ermoeglichen; zugleich kann man mit Medien nichts machen, was ihre technischen Moeglichkeiten nicht erlauben. Medien sind transzendentale Bedingungen fuer all das, was wir dank ihrer Existenz machen – anders gesagt: Medien sind ein unhintergehbares (technisch materielles) Apriori all der Aktionen, die wir mit und ihn ihnen durchfuehren, ebenso wie all der Erlebnisse, die wir dank ihrer erfahren“, schreibt Muenker. Es sind also Grenzen gesetzt, aber es gibt natuerlich keinen Mechanismus, der uns auch zwangslaeufig an die bringt. Wie wir unsere Moeglichkeiten nutzen, bleibt uns ueberlassen.
Das bringt Muenker auch zu dem Schluss: Web 2.0 kommt „einer demokratischen Kommunikationskultur (…) naeher als alles, was wir bislang erlebt haben“.
Jetzt ist zwar auch demokratische Kommunikationskultur nur ein Raum von Moeglichkeiten (alles kann nichts muss – mit diesem Motto werben ja auch gern Swingerlclubs), aber die weiteren Voraussetzungen, aus denen Muenker seinen Schluss ableitet, verwischen mit einige Grenzen doch zu sehr. „Die sozialen Medien des digitalen Netzes sind immersiv (…): Sie sind als Nutzer Teil des Webs, wenn Sie sich seiner sozialen Medien bedienen“, beschreibt Muenker als einen Unterschied zwischen Onlinemedien und etwa Fernsehen. Nun ist aber auch das Fernsehpublikum eine wichtige Groesse im Mediengeschaeft: Es wird in Tausenden oder gar Millionen verkauft; Reichweite ist ein wichtiger Bestandteil des Programms. Der Zuschauer ist vielleicht keine aktive Groesse, die inhaltlich spuerbar ist, aber er ist nichtdestotrotz Teil des Systems – ohne ihn kann es nicht funktionieren.
Online geraten Nutzer auch mehr und mehr in diese Rolle: Klar kann jeder aktiv sein- aber wer tut das schon, und wer hat was davon?
Der passive Nutzer wird auch immer mehr zur wichtigen Groesse in jedem Business Case; 90 bis 99 Prozent aller User gelten ohnehin als Fuellmaterial, das nur benoetigt wird, um das eine Prozent aktiver und kommerziell relevanter User auf eine respektable Groesse aufzublasen.
Bestandteil zu sein kann also in beiden Faellen sehr wohl auch passiv funktionieren.
Schliesslich fuehrt Muenker noch Derridas Konzept einer Logik der gegenseitigen Supplementaritaet ins Treffen, um ein Verhaeltnis von Internet und Gesellschaft zu beschreiben: „Wie die Gesellschaft auf jeden Impuls des Internet mit neuen Regulierungen antworten wird, reagiert das Netz auf Integrationsversuche der Gesellschaft mit neuen Formen subversiver Unterwanderung.“ Dem ersten Teil kann ich voll zustimmen, mit dem zweiten Teil dagegen fange ich gar nichts an: Warum sollte das so sein? Und vollzieht sich nicht gerade die genau ?
Als Wunsch kann ich das akzeptieren, als Beschreibung fehlen mir dafuer die angreifbaren Beispiele. Ich haette eher den Verdacht, dass die Medialitaet, die ja immer Vorstellungen, Klischees und Projektionsflaechen braucht, genau die subversive Absetzung unmoeglich macht. – Aber vielleicht habe ich zuletzt auch nur zuviel Hakim Bey gelesen (was ich aber auf jeden Fall weitermachen werde…)

PS: Grosser Verlag hin oder her – das Cover gibts anscheinend immer nur in miserabler Qualitaet online…

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