Deklaration, Deklamation, Geschwätz – wie wichtig ist das Soziale in „social“?


Deklarationen sind das wichtigste Bindeglied der sozialen Welt, sagt unter anderem John Searle in seinem schon erwähnten aktuellen Buch „Making the Social World“. Deklarationen sind Aussagen, die dadurch, dass sie getroffen werden, einen bestimmten Zustand herstellen. Etwas gilt, weil es gesagt wird, oder der Akt, etwas festzustellen, stellt einen bestimmten Zustand her. Beispiele? Verurteilungen, Eheschließungen, Wahlen. Diese Eigenschaft macht Sprache zum wichtigsten Bindeglied der sozialen Welt. Das Wort „sozial“ ist jetzt sehr in Mode. – Gilt diese Feststellung auch für „sozial“ wie in „Social Media“?


Es geht um Deklaration, nicht Deklamation. Wobei die Grenzen in Social Media fliessend sind – ohnehin alles Gerede? Oder jeder sein eigener Herausgeber – und damit im Besitz der Wahrheit?
Deklarationen wie Searle sie meint brauchen Institutionen. Sie funktionieren, weil auf breiter Basis anerkannt ist, dass sie funktionieren.
Institutionen sind dort am effektivsten, wo es den stärksten Konsens gibt. Das ist jetzt nicht unbedingt das Markenzeichen unserer Zeit.
Erhöht die Vielzahl an Meinungen dann auch die Zahl der gültigen Deklarationen? – Jeder behauptet, was er will?
Genau das gilt manchen ja als Schwachstelle des Internet schlechthin: zu wenig Kontrolle, zu viel Anonymität, zu wenig Qualität. – Wobei Qualität auch wieder eine Frage der Institutionen ist: Gut ist, was als gut (sinnvoll, nützlich, schön etc.) anerkannt ist. Das ist ein schönes argumentatives perpetuum mobile.
Was haben Social Networks damit zu tun? – Hier schafft jeder User seine eigenen Institutionen. Deren Relevanz, Reichweite und Sinnhaftigkeit kann ruhig dahingestellt bleiben, aber Tatsache ist: Grundsätzlich reden alle gleich laut. Jeder kann behaupten – deklarieren -, und wer ignoriert wird, dem wird nicht widersprochen, wem widersprochen wird, der wird Ernst genommen. Was für eine schöne Welt.

Der übliche Schönheitsfehler entsteht mit der Macht: Wer den anderen reden lässt, akzeptiert. Akzeptieren kann aber vieles bedeuten, die Bandbreite reicht von lebendiger Zustimmung bis zu Wurschtigkeit. Auch innerhalb der Wurschtigkeit sind Differenzierungen nötig: Wurscht weil’s mich nicht betrifft oder wurscht, weil ich eh nichts machen kann? Das ist jetzt eindeutig eine Frage der Macht – und damit der Institutionen.
Das deutet auch auf die Schattenseite der neuen Freiheit und universalen Deklarationsfähigkeit hin: Der Ruf nach Freiheit ist ein Armutszeugnis. Seine Freiheit betont man dann, wenn man wie Braveheart den Leberhaken des Henkers in seinen Eingeweiden hat und noch mal kurz röchelt – weil das die einzige Freiheit ist, die übrig bleibt. Ähnlich sieht es mit Vertrauen – einem in der Social Media Diskussion fast schon altmodischen Wert aus: Vertrauen braucht, wer auf andere angewiesen ist. Andere könnten ja einfach handeln. „Das ist eine Vertrauenskrise“, sagen Märkte und Börsen zur drohenden Rezession, und meinen damit, dass man ihnen weiter Geld geben soll.

Ändert sich an diesen Machtverhältnissen und Behauptungsmöglichkeiten durch universell verfügbare Medien wie Social Networks etwas?

Ändert sich daran durch universell verfügbare Medien etwas?
Das ist eine recht therapeutische Frage. Antworten sind nur dann sinnvoll, wenn Zielsetzung und Kontext der Frage geklärt sind. – Das ist zugleich auch die größte Änderung: Kontext rückt in den Mittelpunkt und kann selbst zur Institution werden. Das ist das Prinzip von (digitalen) sozialen Bewegungen.
Wir haben durchaus, in Grenzen, die Möglichkeit, Welten zu schaffen.
Nur entscheiden wir über deren Bedeutung nicht immer selbst…

Zu wissen was los ist, schadet jedenfalls nie. Deshalb veranstalten wir hier auch unseren redaktionellen Zirkus mit den Grundgesetzen der Onlinemedien. Kündigt sich hier das dritte an: Weil ich es sage?

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