30 Jahre Postmoderne? – Lyotard revisited 1/3


30 Jahre Postmoderne„Der Konsens ist ein veralteter und suspekter Wert geworden, nicht aber die Gerechtigkeit. Man muss zu einer Idee und einer Praxis der Gerechtigkeit gelangen, die nicht an jene des Konsens gebunden ist.” – „Das postmoderne Wissen“ von Jean-Francois Lyotard erschien 1979 zum ersten Mal in Buchform.
Lyotard spielt in dem skizzenhaften Text nicht nur mit dem damals schon aus der Architektur bekannten Begriff der Postmoderne, er fuehrt die „informatisierte Gesellschaft“ als weiteren Begriff ein und stellt vor allem die Fragen nach den Bedingungen von Information und Wissen neu: Wie kann es sein, dass in einer vielfaeltigen, zersplitterten Realitaet Allgemeingueltigkeit angestrebt wird, welche Voraussetzungen sind erfuellt, dass tatsaechlich und immer wieder Meinungen, Behauptungen und Einstellungen als wahr, nicht zu hinterfragen und fundamental gelten – wie es taeglich immer wieder der Fall ist?

Vom Beweis zur Rechtfertigung


Die Wirkkraefte dahinter, fuehrt Lyotard aus, sind Legitimationsdiskurse. Es sind keine Beweisketten, keine besonderen, ueberlegenen Arten von Vernunft, kein Erkenntnisvorsprung, keine semantischen oder linguistischen Qualitaeten, die ein besonderes Naheverhaeltnis zwischen Bezeichnendem und Bezeichnetem herstellen – es ist ein ganzes Werk von Zusammenhaengen und Abhaengigkeiten, die alle erfuellt sein muessen und die alle anerkannt sein muessen, damit eine auf diesen beruhende Aussage oder Behauptung als wahr erkannt werden kann.

Die bekraeftigende Legitimation adelt Meinungen mit dem Kriterium der Relevanz: Wer darf etwas sagen, wer hat die Macht, seine Meinung aus anerkannten Zusammenhaengen herzuleiten? Dabei spielen unterschiedliche Dimensionen tragende Rollen: Einerseits ist das Kriterium der Verteilung massgeblich – Wer wird dafuer bezahlt, Wissen herzustellen, Behauptungen zu legitimieren, fuer die Einhaltung von Werten zu sorgen? Auf der anderen Seite steht das Vertrauen: Wem hoeren wir trotzdem zu, wem folgen wir, egal wer er ist – sei es in Form einer Bewegung oder via Twitter?

In diesem Bereich haben neue Online Medien die gewichtigste Verschiebung mit sich gebracht: Gefolgschaft, Vertrauen, Offenheit sind keine an charismatische oder spirituelle Qualitaeten gebundenen Effekte mehr – sie stehen einer groesseren Zahl an Sendern offen und sind mehr auf Inhalte ausgerichtet als auf Kontexterscheinungen. Blog, Twitteraccount oder Facebook-Status schaffen fuer alle die gleiche Startposition; die Idee eines charismatischen Blogs waere neu – und stuende zugleich auch im Verdacht, ueberteuerter sinnleerer Designerkram zu sein.

Information: Von der Auszeichnung durch Knappheit zur Auszeichnung durch Vielfalt

Die Vervielfachung potentieller wichtiger Sender ist ein kulturelles Phaenomen; die endlose und alle Anforderungen uebertreffende allgegenwaertige Verfuegbarkeit unterschiedlichster und detaillierter Informationen wirkt sich auch in realen Businessmodellen aus. Der Verkauf von Information ist heute fragwuerdiger denn je; wer aus seiner Produktion ein Geheimnis macht, kann dieses wahrscheinlich auch gern fuer sich behalten (Absolutes High-Ticket-Business, in dem Diskretion ueber Millionen entscheidet, weil es ingesamt um Milliarden geht, wird hier immer wieder ausgenommen sein).
Autoritaet, Glaubwuerdigkeit, die Entscheidung, hier und nicht dort zu kaufen, beruhen immer weniger auf der schlichten Verfuegbarkeit von Produkten und Informationen – es gibt alles immer und ueberall -, wichtigere Kriterien sind vielmehr Qualitaet, Vertrauen und positive Praesenz: Potentieller Lieferant ist, wer alles ueber sich preisgibt, Informationen veroeffentlicht, in laufenden fachlichen Auseinandersetzungen praesent ist und glaubhaft darstellen kann, dass seine Produkte und Leistungen auf konkrete Anforderungen him umgesetzt werden koennen. – Schliesslich geht es fast nie mehr um Kaufentscheidungen, sondern immer um Dienstleistungen und Massanfertigungen. Verkauft wird dabei nicht Knowhow (dessen Vorliegen ist Voraussetzung fuer das Zustandekommen einer positiven Entscheidung) sondern Umsetzungsqualitaet und -genauigkeit. „Wir sind die Besten“ ist dabei eher eine abschreckende als eine werbliche Botschaft; attraktiv sind Kooperation, Integration und Adaptierung.
Businessmodelle aendern sich langsam; die Grundzuege bleiben noch lange die gleichen. Vertrauensvolle, kundenorientierte Umsetzung kann der am deutlichsten versprechen, der die meisten Verkaeufer im Feld hat (auch wenn diese nichts mit der Umsetzung zu tun haben), Praesenz, der Anschein fachlicher Themenfuehrerschaft lassen sich auch ueber Werbung und Sponsoring erkaufen.
Oder, wie Lyotard es ausdrueckt: Diese Verschiebung „verhindert nicht, dass in den Geldstroemen die einen dazu dienen, zu entscheiden, wogegen die anderen nur gut sind zum Bezahlen.“

Regeln als Machtinstrument

Zeit also fuer eine radikalere Neuorientierung.
Beim Versuch, Innovationen zu beschreiben oder vorzustellen, werden wir immer wieder von aehnlichen Effekten eingeholt – seien es Einwaende von Zweiflern oder vorsichtiger Skeptizismus von Unterstuetzern: Was ist daran jetzt neu, was ist anders? Ist das nicht immer schon so? Ist dieser kleine neue Aspekt wirklich so wichtig, dass Abweichungen von dem bestehenden schon so lange funktionierenden Schema gerechtfertigt werden koennen?
Dieses Problem ist nicht eines der konkreten Innovation, es liegt in der Art und Weise, wie wir argumentieren und beschreiben, begruendet. Der Versuch, etwas zu beschreiben, bedeutet immer, Neues auf Bekanntes zu reduzieren. Egal wieviel wir reden – innerhalb der akzeptierten Grenzen koennen wir nur beschreiben, was wir kennen. Womit soll der Unterschied erfasst werden?
Hier setzt Lyotard an.
Legitimation als Bekraeftigung und Rechtfertigung einer Position setzt die Einhaltung von Regeln voraus. Diese koennen sozial, juristisch, politisch motiviert sein; wir haben einen gewissen Spielraum (auch innerhalb einer Gesellschaft) welches Set an Regeln wir befolgen moechten. Hinter diesen konstruierten, verabschiedeten und oft mit Sanktionen belegten Regeln liegt noch ein weiteres Set an Regeln: Die Erstellung, Beschreibung und Einhaltung von Regeln ist nur dann moeglich, wenn zuerst auch Sprachregeln eingehalten werden. Was beschreiben wir, wie verstehen wir, wie erzeugen wir Zusammenhaenge? Wann beschreiben wir, wann schreiben wir etwas vor, wann fordern wir auf, wann verlangen wir, fragen wir usw.? Was bewirken die unterschiedlichen Sprachspiele dabei in dem was sie bezeichnen, beschreiben oder eben bewirken wollen?
Lyotard: „Eine wissenschaftliche Aussage ist dann und nur dann ein Wissen, wenn sie sich selbst in einen universellen Prozess der Hervorbringung einordnet. … Diese Voraussetzung ist dem universellen Sprachspiel sogar unentbehrlich. Wuerde sie nicht gemacht, waere die Sprache der Legitimierung selbst nicht legitim, und sie waere mit der Wissenschaft in die Sinnlosigkeit eingetaucht, zumindest, wenn man dem Idealismus Glauben schenkt.“ Vereinfacht: Wer sich nicht an die Regeln haelt, laeuft Gefahr, sinnloses Gebrabbel zu produzieren. Die Schattenseite dabei ist, dass die Regeln von denjenigen diktiert werden, die oft nicht das dringendste Interesse an deren Aenderungen haben – und dass die Regeln so konstruiert sind, dass ihre Aenderung sie nicht in Frage stellt, sondern ein neues Feld eroeffnet: Wenn es nicht Wissenschaft ist, wird es Esoterik, wenn es nicht Philosophie ist, ist es Spekulation oder Religion.

Sprechen ist Kaempfen

Was nuetzen also alle neuen Medien, erweiterten Sprachmoeglichkeiten, verbesserten Reichweiten, wenn sie nicht am Kern der Macht kratzen koennen?
„Sprechen ist Kaempfen“, schreibt Lyotard an anderer Stelle. Das gilt nicht nur fuer Rede- und Pressefreiheit, sondern auch fuer sublimere Formen der Selbstbehauptung und Identitaetsgestaltung. Indem wir reden, schaffen wir; indem wir behaupten und erzaehlen, schaffen wir Realitaet. Diese ist nicht bloss virtuell (wenn wir unsere Facebook-, MySpace- oder Second Life-Profile als Avatare betrachten), sondern „wirklich“ „real“ (was eine sehr lustige Konstruktion ist): Indem wir behaupten (und unsere kurzen Meldungen oder geposteten Fotos koennen wir kontrollieren; wenn wir das nicht koennen – um so realer), schaffen wir Bilder, die andere von uns haben. Diese Bilder praegen wieder den sei es digitalen, sei es analogen Umgang. Diese Gleichzeitigkeit von totaler Kontrolle (wir bestimmen, was wir sagen und preisgeben) und absoluter Wehrlosigkeit (wir haben keinen Einfluss darauf, wie andere diese Information wahrnehmen und verarbeiten) macht deutlich, dass die performative Freiheit wiederum eine neue Auspraegung von Machtspielen ist: Die klassischen Beispiele fuer performative Sprechakte (etwas eroeffnen, jemanden verurteilen/freisprechen usw.) sind eng an Rollen, Regeln und Zusammenhaenge gebunden. – Eine Verschiebung hat sich in all dieser strengen Regulierung aber ganz unauffaellig ergeben: Nicht Wahrheit steht im Vordergrund, sondern Effizienz.

Wer hat die Macht, Regeln zu definieren?

Wer kann, kann die Regeln brechen. Das ist eine Variation des Grundsatzes, dass derjenige recht hat, der am lautesten spricht, die aber dennoch um einiges weiter geht.
Kommunikation, Medien sind ein Bereich, in dem Verschiebungen moeglich sind und allein ueber die Menge eine neue Dimension von Macht erreicht werden kann.
Wieviele Menschen wissen das, wieviele hoeren auf diesen Kanal, wieviele glauben daran – Unterdrueckung und Verbreitung von Information sind wichtige Steuerungsmechanismen; vor allem die Verbreitungsoption steht heute allen zur Verfuegung.
Lyotard stellte noch die Frage, ob Regierungen in der Lage sein werden, Informationen und die Kanaele grosser Konzerne zu kontrollieren und vor allem die Zugaenge zu steuern. Gemeint waren damit Telekommunikations- und Satellitennetzwerke. – In der Zwischenzeit haben schon lange Konzerne die Macht uebernommen (EU Kommissionen aus dem Medien- und Kommunikationsbereich nimmt nur der interessierte User wahr – und allenfalls als Hintergrundgeraeusch) und sie sind sogar schon dabei, sie wieder zu verlieren: Jeder einzelne hat potentiell die gleiche Reichweite und gerade fuer grosse Konzerne stellt es ein ernsthaftes Problem dar, zu erfahren, zu beobachten und zu beurteilen, was ueber sie vor allem in Online-Medien geredet wird. – Social Media illustrieren, wie hier im kleinen eine Umkehr der Machtverhaeltnisse stattfindet.

Postmoderne revisited in drei Teilen

30 Jahre Postmoderne? – Lyotard revisited 1/3
30 Jahre Postmoderne? – Lyotard revisited 2/3 – Performatives Sprechen: Ich sage das, also ist es so
30 Jahre Postmoderne? – Lyotard revisited 3/3 – Dissens als Leitbild von Leben, Kommunikation, Medien

Reading Zen Wrapped in Karma Dipped in Chocolate

I finally managed to start reading Brad Warners „Zen wrapped in Karma dipped in Chocolate“. Brad Warner’s first two books are among my alltime favorites. Well, I put the classics aside a little for this ranking, but somehow, they don’t really attract me so much at the moment.
Why?
Brad Warners interpretation of Soto Zen teaches simplicity, self confidence, relaxation, scepticism, accuracy, responsibility, honesty, courtesy and much more at the same time.
To summarise in short (at least, that’s my interpretation): There is not more then you have now, are now; there never will be more. Deal with it.

This applies to yourself, to your plans, to others – there are no mysterious changes or developments, there are no superheroes, masters or authorities. It can be disillusioning or empowering. It can flatter you or insult you. Again: Deal with it.

I’m working on it, also on the practise part. Currently, my dog is far better in doing zazen (just sitting) than I am…

Kevin Kellys new old book

Kevin Kelly is republishing New Rules for the New Economy – Radical Strategies for a Connected World as a blog to celebrate the tenth anniversary of the book-publication.

Reading it in 1999 was fun – there were many strategic books around, dealing with business, content, businesses. Most of them were already old when you had time to read them. And the message they delivered to beginners, scepticists or your bosses at that time was – if they liked it or not -: This internet-insanity will be over soon; it’s not going to work and it’s not worth bothering about it.

In 2000 I left the printmedia-publishing house I worked for then and joined the online business. My first job was doing contentmanagement for a big portal targeting german speaking europe (as a first step; multiple languages were von the roadmap) with every kind of content you can imagine, a big shopping mall and a big community in chats and discussion boards. That strategy survived three months…

We built the portal anyway and learned a lot about new rules, new economy and radical strategies…