Shitstorm, est. 1877

Auch nicht schlecht: Die Meinungswut der Medienmachtmenschen kannte schon früh wenig Grenzen. Als bekannt wurde, dass Telefongespräche abhörbar sind, verstieg sich George Jones, damals Herausgeber der „New York Times“, 1877 zu einem blutrünstigen Leitartikel, der in folgender Passage gipfelte: „Eine Erfindung, deren Konsequenz die absolute Stille ist, kann gar nicht genug verdammt werden. Und während Gewalt immer abgelehnt werden sollte – sogar Gewalt zur Selbstverteidigung -, so besteht doch wenig Zweifel daran, dass der Tod der Erfinder und Hersteller des Telefons das notwendige Vertrauen wiederherstellen würde, das aus Sicht der Finanziers essentiell für eine lebendige Wirtschaft ist.“ – Fundstück aus „The European“

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Digitales Storytelling – Warum ich Comics lese

Storytelling ist ein Modewort. Punkt. Eine Strategie, Inhalten ein bisschen Relevanz zu verleihen, die Verpackung aufzupolieren.
Wer den Bonus, der in diesem Begriff mitschwingt, wirklich für sich beanspruchen will, der muss schon den ganzen Weg gehen. Storytelling ist nicht schummelnde Kosmetik, die aus fadem Alltag mit selektiven Facebook-Posts glamouröses Highlife macht, und auch nicht zögerliches Aufrunden von Fakten mit ein bisschen Making Of. Nein, iPhone-Selfie-Videos im Corporate Blog sind auch kein Glanzbeispiel von Storytelling.

Storytelling Comics

Die schönsten Stories wachsen dort, wo es keine Grenzen gibt. Deshalb funktioniert Film noch immer – ein Medium bedient alle Sinne, um eine Welt zu schaffen, auf die wir uns einlassen können. Comics haben weniger Mittel zur Verfügung, um diese Welt zu schaffen – um so größeren Respekt habe ich vor Comicproduzenten und den Welten und Stories, die sie aufs Papier bringen.
Die Ausgangslage ist ein leeres Blatt – es gibt keine Kulissen, Szenerien und Landschaften, auf die Film setzen kann. Und das Ergebnis sind noch nie dagewesene Perspektiven, Erzählformen, die in anderen Genres nicht funktionieren würden, Universen, die viele Angebote für die Phantasie machen, aber ihr nichts vorschreiben, und nicht zuletzt eben Stories.
Comicautoren können Geschichten weder beschreiben noch erzählen – sie müssen sie machen. Die Story muss direkt auf dem Blatt stattfinden, es gibt keine langen Textpassagen, keine  Musik, keine Specialeffects – nur ein Bild nach dem anderen und ein paar Wortfetzen in Sprechblasen dazu.
Und trotzdem hat es das Genre geschafft, zu einer breiten Entertainmentindustrie zu werden – auch wenn natürlich die Löwenumsätze nicht gerade mit den Glanzstücken gemacht werden, und auch wenn die Industrie im Vergleich zu den großen Konkurrenten Musik und Film nicht einmal ein Mauerblümchen ist.
Wer die Nase rümpft und hier Bildgeschichten für Analphabeten sieht, kann statt Comic auch gern den kulturell staatstragenderen Begriff Graphic Novel verwenden. Und Graphic Novels wie die journalismuskritischen Kriegsdokumentationen von Joe Sacco lesen: Sacco verknüpft minutiöse historische Dokumentationen und Recherchen vor Ort in sich über mehrere hundert Seiten erstreckende Comicbücher, die unterschiedliche Erzählformen ausloten, die gleiche Geschichte aus mehreren Perspektiven darstellen und statt mit zwangsläufig wertenden Textanalysen mit simplen Schwarzweisszeichnungen das Drama seiner Geschichten ausdrücken.
Mir ist in meinem Respekt vor Comicautoren aber keineswegs die historisch-politische Dimension (Achtung, kultureller Anspruch!) wichtig; meine Begeisterung für ihre Erzählkunst gilt genauso Scott Snyder (Batman) oder Dan Slott und Stan Lee (Spiderman).
Stan Lees „How to write comics“ ist eine großartige Storytelling-Anleitung, die weit über Comics als Anwendungsfall hinausgeht.

Ich sehe erfolgreiche Comics als Musterbeispiele für gelungenes Storytelling:

  • Es gibt begrenzte Möglichkeiten, die virtuos genutzt werden müssen.
  • Es gibt Regeln (Text, Sprache, zwei Dimensionen), innerhalb derer sich die Erzähltechniken bewegen müssen (natürlich nicht ohne sie zu biegen oder neu zu erfinden).
  • Comics sind Stories, die es auf den ersten zwei oder drei Seiten schaffen müssen, ein Universum zu entwerfen, das den Rahmen für die Geschichte bietet: Wer ist der Held? Welche Welten treffen aufeinander? Welches Problem kommt auf uns zu?
  • Comicprotagonisten müssen als Marken funktionieren – sie haben begrenzten Spielraum, sich zu erklären, aber ihre Motivation und ihre Ziele müssen klar sein, ihre Gegner und Widerstände ebenso.
  • Und Comics sind auf den Leser angewiesen – seine Phantasie muss mitspielen. Und damit das funktioniert, muss der Autor der Phantasie des Lesers gegenüber fair sein.

Stan Lees Drei-Akt-Struktur für packende Comic-Dramaturgie sehe ich dann auch als grundlegendes Muster  für Storytelling-Projekte.

  • Schritt eins: Starker Auftritt. Es gibt wenig Zeit, Interesse zu wecken und einen guten Eindruck zu machen.
  • Schritt zwei: Warum ist diese Story spannend, was kann ich hier erwarten? So wie im Comic auf den ersten Seiten klar werden muss, dass diese Geschichte nicht so ohne weiteres gut ausgehen wird, weil hier Welten aufeinanderprallen, unterschiedliche Interessen aufeinander treffen und verborgene Motive herrschen, muss auch dem User klar werden: Hier gibt es mehr. Hier gibt es Inhalte, mit denen ich mich auseinandersetzen kann, hier kommt noch etwas nach, und vor allem – hier geht es um etwas, das mich wirklich interessiert. Das kann an der Sache selbst, oder an ihrer Aufbereitung liegen. Und hier ist auch der Punkt, an dem sich diese Vorgangsweise von üblichen Content- und Story-Maximen unterscheidet, die alles unter die Prämisse der Einfachheit stellen. Einfachheit, der Verzicht auf Komplexität sind oft der sicherste Weg, langweilig zu werden. Ob der Zuschauer im Kino einschläft ist grundsätzlich egal, sobald er sein Ticket bezahlt hat – das Ziel von Unternehmensmedien ist aber nicht deren Konsum, das Ziel liegt einige Schritte weiter; der User soll nachher etwas wissen, tun oder gar kaufen.
  • Schritt drei: Showdown. Seien wir realistisch: Selbst wenn Interesse geweckt wurde, wird es nicht ewig weiterlaufen. Die Geschichte muss in einem Showdown zu Ende gebracht werden, der keine Fragen offen lässt – ausser denen, die für eine eventuelle Fortsetzung benötigt werden. Jede Kampagne kommt einmal zu  einem Ende; der Unterschied in der Vorgangsweise ist: In diesem Ansatz ist der Showdown Teil der Geschichte und hat damit auch Einfluss darauf, wie die Geschichte selbst verläuft.

So weit die Theorie. Beispiele gibts in unseren Cases.

Superior Storytelling

Nichtlineare Medien haben ja oft die Tendenz, uns zu überfordern. Dazu brauchts gar keine multimedial-interaktiven neuen Räume, es reichen schon simple Techniken wie Überlagerungen oder Rückblenden, um erst oft mal ein technisches Problem zu vermuten: Warum hören wir den Menschen in diesem Film nicht mehr reden? Achso, weil der andere abgelenkt ist und nicht mehr hinhört.

Fallen gibt es viele…
Um so schöner finde ich dieses Beispiel aus der ersten Ausgabe von Superior Spiderman: Ich muss dazu vorausschicken, dass die Geschichte etwas kompliziert ist. Peter Parker ist schon noch Spiderman, aber nicht mehr wirklich (eben Superior Spiderman) und er ist vor allem nicht mehr Peter Parker – was dazu führt, dass er bösartiger, unberechenbarer, und vor allem wieder scharf auf Mary Jane ist. (Ein bewundernswerter Plot-Twist, der Autor Dan Slott prompt Morddrohungen einbrachte.)
In dieser Szene sitzt Peter mit MJ beim Dinner und ist offensichtlich abgelenkt. Ich muss gestehen – nachdem ich die Ausgabe digital gelesen habe, habe ich hinter den Überlagerungen erst interaktive Effekte, oder vielleicht einen Fehler in der App vermutet.. 😉 – dabei ist es nur ein wirklich schönes Beispiel für simpelste Techniken mir grossem Erzähleffekt…

superior

Interview: Stefan Kaltenbrunner – „In Österreich ist man ja schnell der Weltmeister…“

Datum-Chefredakteur Stefan Kaltenbrunner über seine Liebe zum Reportagejournalismus, drei Jahre als Datum-Chef, die Chancen von Paid Content, die Bedeutung digitaler Line Extensions, seinen Hang zum Tourette-Twittern und seine Sicht auf die Zukunft des Journalismus: „Um gute Geschichten machen zu können, wird man immer noch rausgehen müssen und mit den Leuten reden.“


der-karl.com: Du bist seit drei Jahren hier der Chef, hast vorher für die Medien im News-Verlag geschrieben – wie fühlt sich dein Job im Unterschied an, was ist an der Arbeit bei Datum anders als bei News oder E-Media?

Stefan Kaltenbrunner: Das kann ich gar nicht sagen. Das ist nicht vergleichbar, das sind journalistisch andere Welten. Aber ich hatte immer die Möglichkeit auch für andere Medien Geschichten zu machen, deshalb war das dann keine Überraschung.

der-karl.com: Was macht Datum aus, warum hast du einen gut bezahlten Job aufgegeben, um noch mal bei einem ganz kleinen Magazin anzufangen? Und warum sollen Leser Datum kaufen?

Stefan Kaltenbrunner: Wir halten das journalistische Handwerk hoch. Wir machen Geschichten zum Lesen, und als Reportagemagazin sind wir nach wie vor in Österreich einzigartig. Das ist, was ich immer machen wollte. In unsere Texte wird viel Aufwand investiert: Wir haben einen exzellenten Textchef, gute Lektoren, und wir nehmen uns Zeit für Autoren. Eine Reportage geht bei uns durch mehrere Instanzen, bis sie als fertig gilt. Mir ist diese Qualität im Handwerk wichtig, und den Lesern garantiert das gute Geschichten aus neuen Blickwinkeln. Niemand hat heute zu wenig Information, es ist immer eine Frage der Selektion. Qualität ist unsere Nische, die immer funktionieren wird. Wobei wir nicht nur auf schöne Worte setzen, sondern in erster Linie auf journalistische Sorgfalt: Unsere Autoren müssen zum Beispiel ausführliche Rechercheprotokolle mitliefern. Das ist für deutsche Journalisten selbstverständlich, viele Redakteure hier hören das dann von uns zum ersten Mal. Wir lassen natürlich auch alle Interviews autorisieren.
Auf den ersten Blick ist das natürlich mehr Arbeit für Redakteure, aber man gewöhnt sich dran – und schätzt das dann auch als gutes Mittel zur Selbstkontrolle, das letztlich beim Erzählen mehr Sicherheit vermittelt.

„Wir müssen auch nach acht Jahren noch jeden Monat ums Leiberl laufen.“

 

der-karl.com: Als vor zwei Jahren mein Datum-Abo ausgelaufen ist, habe ich einen Brief in deinem Namen bekommen. Der war sehr demütig und bescheiden formuliert. Tenor: Wir wissen, dass wir noch viel verbessern müssen, aber wir möchten trotzdem noch ein Abo verkaufen. Das unterscheidet sich doch sehr vom Auftreten anderer Magazine und Herausgeber. Warum, und wie siehst du das heute?

Stefan Kaltenbrunner: Wir wissen einfach, wo wir stehen. Wir brauchen jeden unsere Leser. Das Heft gibt es jetzt sei acht Jahren und obwohl wir relativ gut dastehen, müssen wir immer noch jeden Monat ums Leiberl laufen. Das Heft wird nach wie vor privat finanziert, das ist mitunter nicht einfach. Wir haben mittlerweile zwei fixe Redakteure und eine Menge freier Mitarbeiter, die alle bezahlt werden müssen. Wir haben keinen großen Verlag im Hintergrund der das finanziert. Große Klappe ist also nicht drin. In dem Sinn: Ja, so ein Brief ist anders. Aber ich bin dafür, die Wahrheit auszusprechen.

der-karl.com: Wie entwickelt sich das Produkt jetzt, wo siehst du die Stärken?

Stefan Kaltenbrunner: Wir drucken aktuell 10.000 Stück, wir haben 2.500 zahlende Abonnenten und unsere iPad-Ausgabe wird 8 bis 10.000 Mal downgeloadet. Wir haben jetzt täglich aktuellen Content online und kommen damit auf 60- bis 70.000 Unique Clients im Monat.Das ist eine kleine, aber solide Basis, die mir zeigt, dass wir unsere Nische gut ausfüllen. Gut recherchierte und gut geschriebene Geschichten – das ist ein Manko in Österreich. Deshalb werden wir den Grundcharakter unseres Hefts nicht ändern.
Obwohl wir bei der bescheidenen Größe natürlich darauf angewiesen sind, viele Chancen zu nutzen. Dass wir unsere iPad-App selbst entwickeln und daraus über unsere Tochterfirma auch Dienstleistungen für andere Medienunternehmen anbieten können – wie News oder Profil – hilft zum Beispiel sehr. Neben der Qualität ist unsere Stärke sicher auch, dass wir Themen setzen. Aktualität ist für uns kein Kriterium, dafür sind unsere Produktionszeiträume zu lang. Wir suchen Themen mit gesellschaftlicher, politischer Relevanz, zu denen wir dann die besten Geschichten machen. Das gelingt uns, wenn ich mir die Zitierungen in letzter Zeit anschaue, ganz ordentlich.

der-karl.com: Manchmal hat man den Eindruck, Datum wäre das einzige österreichischen Medium, dessen Autoren international ausgezeichnet werden. Warum ist das so, und woher bekommst du Autoren-Nachschub?

Stefan Kaltenbrunner: Andere bekommen auch Preise, wir sind da nicht allein. Viele Redakteure kommen über Praktika zu uns, wir arbeiten dann mit ihnen. Manchmal haben sie schon geschrieben, oft kommen sie auch von FHs, Unis oder anderen Journalismuskursen. An den FHs gibt es sicher auch gute Leute, aber das echte Lernen fängt dann in der Redaktion an.

Qualitätsjournalismus: „In Österreich ist man schnell der Weltmeister. International betrachtet relativiert sich das aber sehr schnell..“

 

Ich war selber auch einmal in einem Journalismuskurs, aber nach einem halben Tag wollte ich eigentlich mein Geld zurück. Das war ein Lehrgang an der Donauuni in Krems mit Peter Lingens, und ich habe einfach nicht verstanden, worum es dabei gehen soll. Für mich war das halt nichts… Aber ich will niemanden davon abhalten, ich bin mir sicher, dass es auch gute Klassen gibt.
Ein guter Datum-Redakteur hat vor allem ein Gespür für Geschichten. Wir brauchen Leute, denen es leicht fällt, zu erkennen, dass gute Geschichten auf der Straße liegen, die ein Thema mit Konsequenz und Ehrgeiz recherchieren können. Und sie müssen auch selbstbewusst genug sein, um damit umgehen zu können, dass eine Geschichte drei oder vier Mal zurückgewiesen wird, bis sie ins Heft kommt. Wir bringen viele Geschichten auch nicht, wenn sie nicht unseren Standards entsprechen oder wenn das Thema dann doch nicht genug hergibt. – Wer damit umgehen kann, ist jederzeit bei uns willkommen.
Ich empfehle den Leuten auch immer, über den Tellerrand zu schauen. Raus aus Österreich, internationale Magazine lesen – das ist wichtig, um die eigene Qualität einschätzen zu können. In Österreich ist man schnell mit ein paar guten Geschichten Weltmeister. Wenn man sich dann aber das Niveau etwa der Einreichungen beim Axel Springer Preis, den einer unserer Autoren im vergangenen Jahr gewonnen ha7, anschaut, relativiert sich das sehr schnell.

der-karl.com: Was ist eigentlich dein Job im Verlag und bei der Heftproduktion?

Stefan Kaltenbrunner: Ich bin der Frühstücksdirektor… Leider komme ich selbst nur noch wenig zum Schreiben, ich konzipiere die aktuellen Ausgaben, redigiere die Texte, vertrete das Heft und den Verlag nach außen, kümmere mich um Details in der Produktion. Der Job ist ehrlich gesagt intensiver als ich gedacht hatte. Ich habe das Heft ja nicht geplant übernommen, und wollte ursprünglich nur zwei, drei Produktion machen. Aber jetzt bin ich noch immer hier, und habe nicht vor, das zu ändern. Ab und zu kommen Angebote rein, aber dabei war noch nichts, das mich wirklich interessiert hätte.

der-karl.com: Wie ist euer Verhältnis zu Anzeigenkunden und wie stark spürst du Druck aus Werbung und Politik?

Stefan Kaltenbrunner: Anzeigenkunden lieben uns! Aber sie buchen wenig… Bei unserer Größe ist Verkaufen natürlich schwer. Agenturen, die es gewohnt sind, nach Tausender-Kontaktpreisen zu buchen, fragen uns bei unseren Preisen, ob wir blöd sind. Aber wir haben eben nicht nur ein gutes Heft, sondern eine gute Zielgruppe, die sonst schwer zu erreichen ist. Es gibt kaum einen Entscheidungsträger, der Datum nicht liest.Verkaufen ist zwar bei uns nicht leicht, aber mit zunehmender Heftpräsenz geht das doch immer besser. Da helfen natürlich Geschichten, die dann anderswo intensiv zitiert werden, oder auch zusätzliche Kanäle wie die iPad-Ausgabe, die für mehr Kontakt mit dem Heft und unseren Themen sorgen.
Druck aus der Politik spüren wir sehr stark und sehr schnell. Das kommt gleichmäßig aus allen Richtungen, je nachdem, an welchen Geschichten wir gerade dran sind. Ich weiß von direkten Interventionen aus der Politik bei Unternehmen, die bei uns inserieren wollten.

„Politische Interventionen spüren wir sehr schnell und direkt.“

 

So etwas trifft natürlich kleine Verlage wie uns viel schneller und härter. Bei den großen Verlagen verhindern oft langfristige Verträge ein schnelles Aussteigen, außerdem überlegen sich die Inserenten dann noch mal, ob sie nicht doch die Zielgruppe noch brauchen, und selbst wenn dann einmal wirklich ein paar Inserate gestrichen werden – dann merkt es der Verlag erst mal gar nicht wirklich.
Man muss sich auch bewusst sein, dass Konsequenzen aus den Inseratenaffären und den neuen Regelungen für politische Inserate erst einmal uns kleine Verlage treffen. Ich bin natürlich für Offenheit, Transparenz und strenge Richtlinien, aber das bedeutet eben oft, das zuerst bei uns gespart wird.
Das ist aber noch gar nichts im Vergleich zur Presseförderung. Wir bekommen gar nichts, keine Presse- oder Publizistikförderung, es gibt keine Grundlage, die auf uns anwendbar wäre. Wenn dagegen Magazine, die noch nie etwas für Journalistennachwuchs getan haben, Ausbildungsförderungen bekommen, finde ich das wirklich fragwürdig, und dass große Verlage Vertriebsförderungen bekommen, halte ich wirklich für skandalös. Und worum man sich in der Politik bei Wettbewerb, Chancengleichheit und Förderungen jetzt genau Sorgen macht, verstehe ich auch nicht. Nicht ganz klar ist auch, dass man lieber ein Twitter- und Facebook-Verbot für den ORF diskutiert, anstatt sich für die Medienvielfalt in Österreich einzusetzen. Und dazu gehören eben auch kleinere und unabhängige Magazine.

der-karl.com: Wie wichtig sind für Kleine weitere Produkte und Kanäle neben dem eigentlichen Heft?

Stefan Kaltenbrunner: Die Webseite war in der Geschichte des Verlags immer schon wichtig und ist jetzt gut etabliert. Wir veröffentlichen aktuellen Content und nach und nach immer auch alle Inhalte der Printausgabe, manchmal noch mit zusätzlichen Interviews oder Fotos, die im gedruckten Heft keinen Platz gefunden haben.Zusätzlich haben wir unsere Blogger, die Inhalte liefern, die es nicht überall anders auch gibt, sei es über das Leben in Kiewoder über Bier – der Bier-Blog geht übrigens erstaunlich gut. Blogger haben bei ihren Themen mehr Freiheit, unterliegen bei der Qualität der Inhalte aber den gleichen Prozessen wie Autoren für die Print-Ausgabe.
Ganz wichtig ist natürlich das iPad. Die iPad-Ausgabe ist eines unserer wichtigsten Marketinginstrumente. Hier werden wir auch noch einige Neuerungen bringen. Als Vorboten gibt es zum Beispiel schon eine Auswahl der besten Motor-Stories aus acht Jahren Datum. Andere digitale Line Extensions werden folgen. Wir arbeiten auch bereits an Kindle-Ausgaben mit den besten Reportagen oder den besten Fotos – und da wird es sicher nichts gratis geben.

Medientrends? „Rausgehen und mit Leuten reden, das kann noch lange durch nichts ersetzt werden“

 

der-karl.com: Die iPad-Ausgabe ist gratis, alle Heftinhalte sind online wenn auch zeitverzögert, aber doch gratis abrufbar – hältst du Paid Content nicht für möglich?

Stefan Kaltenbrunner: Content muss Geld kosten. Ich glaube auch, dass die Zahlungsbereitschaft der Leser da ist – es muss nur irgendwer damit anfangen – und keiner will der erste sein.
Wir wollten unsere iPad-App mit Anfang der Jahres kostenpflichtig machen, haben dann aber doch noch einen Sponsor gefunden, der das ganze Jahr finanziert hat. Natürlich haben wir überlegt, beide Einnahmequellen zu nutzen – aber das zeigt auch ganz gut das Problem von Paid Content: Sobald wir Geld verlangen, wird die Zahl der User dramatisch sinken, das ist klar. Und wenn wir statt 10.000 nur noch 1.000 Downloads im Monat haben, ist das auch für Anzeigenkunden wieder uninteressant. Da tun sich große Verlage wieder einmal leichter: Wenn die Userzahl von 100.000 auf die Hälfte einbricht, ist das immer noch eine verkaufbare Größe.Trotzdem wird da wahrscheinlich nicht einer vorpreschen, im Idealfall sollte das organisiert passieren. Wenn alle wichtigen Herausgeber beschließen, jetzt Geld zu verlangen, dann gibt es keine Alternative mehr. Aber das ist natürlich Utopie.
Persönlich zahle ich für sehr vieles, ich lade auch keine Filme oder Musik illegal herunter – ich will das nicht und das ist mir zu aufwändig. Convenience ist ein sehr starkes Verkaufsargument, daran müssen wir uns orientieren.

der-karl.com: Wie wichtig sind für ein Magazin Social Media und andere digitale Trends?

Stefan Kaltenbrunner: Wir nützen Facebook, Twitter und andere Netzwerke, aber der Nutzen ist schwer messbar. Sicher ist das auch ein wichtiger Promotion-Channel, aber für den Dialog mit den Lesern sind bei uns offenbar noch immer Mail und Leserbrief wichtiger.Persönlich bin ich eher ein Tourette-Twitterer und mache mich schnell unbeliebt – andere haben da mehr Talent.Was mich am meisten davon abhält, Medien wie Facebook als Kanal für unsere Inhalte zu nutzen, ist die Frage der Abhängigkeit: Wem gehört das Medium dann, wie schnell müssen wir auf Änderungen des Plattformbetreibers reagieren? Wir beobachten das und spielen ein bisschen mit, genauso wie beim Datenjournalismus. Auch das ist ein spannendes Thema, das sich noch entwickeln kann, wobei ich gerade was Reportagen als unser Herzstück betrifft, überzeugt bin: Um gute Geschichten zu machen muss man einfach rausgehen, etwas erleben, und mit Leuten reden. Das kann noch lange durch nichts ersetzt werden.

Kurt Kuch im Interview: „Warum ist es dir nicht einfach wurscht?“

Kurt Kuch, stellvertretender Chefredakteur von „News“, Chefreporter und Ressortleiter der Innenpolitik spricht im Interview mit der-karl.com über ein Leben als Aufdecker zwischen politischem Druck, Medienberatern, gezielten Fehlinformationen, seinen Spass am Spürsinn, die Nostalgie burgenländischer Discos und die Angst des Enthüllungsjournalisten vor dem Leger.

 


der-karl.com: Du bist seit 16 Jahren Journalist, seit Oktober Chefreporter und stellvertretender Chefredakteur bei News und aktuell der Aufdecker der Nation. – Warum ist Dir nicht einfach wurscht, was ein Grasser, Gorbach, Hochegger, Mödlhammer, und wie sie heissen, machen?

Kurt Kuch: Ich habe einfach noch immer einen Heidenspass an meiner Arbeit. Es macht mir Freude, den Dingen nachzuspüren – und es melden sich ja immer wieder Freiwillige, die wie von selbst aufzeigen und die besten Geschichten liefern. Manche betteln direkt darum, all ihre Fehler und fragwürdigen Handlungen im Magazin zu lesen – vor allem wenn sie versuchen, eine Ebene höher zu intervenieren, oder wenn sie versuchen, unterzutauchen und nicht zurückrufen. Mir fällt da eine Geschichte aus dem Hochegger-Zusammenhang ein: Ich habe in den Akten entdeckt, dass ein ehemaliger Telekom-Manager insgesamt 500.000 € für Diverses an Hochegger gezahlt hat, während umgekehrt ausgerechnet die Frau dieses Managers mit 21.000 € auf der Liste der von Hochegger bezahlten Leute stand. Ich wollte eigentlich nur wissen, was die Leistung der Dame war. Der Betroffene hat genau den Fehler gemacht, in der Chefredaktion anzurufen – und dann gibt’s natürlich Kleinholz, obwohl er dort eh auf Granit gebissen hat. Er hat mich nicht zurückgerufen – daraufhin habe ich alle Mitarbeiter der Pressestelle seines aktuellen Arbeitnehmers angerufen, jedem, der gefragt hat, worum es denn geht, bereitwillig erklärt, dass ich etwas über ihn im Strafakt der Telekom-Affäre gelesen habe und auch seine Assistentin ausführlich informiert. Wenn jemand ein so schlechtes Gewissen hat, dass er selbst in solchen Situationen noch untertauchen will, dann macht es mir schon richtig Freude, alles ans Licht zu bringen.

„Wenn jemand eine Etage höher zu intervenieren versucht- dann gibt’s natürlich so richtig Kleinholz.“

 

Noch schöner ist es natürlich, wenn Geschichten im großen Stil aufgehen. Gestern zum Beispiel (18.1., Anm.) war ich schon um 6 Uhr auf und um 8 im Büro, weil ich es nicht mehr erwarten habe können, die Vorab-Aussendungen zu Telekom und Co zu machen.
Ich habe auf Facebook schon mal vorangekündigt, dass etwas passieren wird, ein bisschen getwittert – und dann wars endlich so weit. Um 11.30 waren die Aussendungen draussen („Telekom sponserte Grassers Roadshow“, „Rote und schwarze Politiker auf Hochegger-Payroll“, „960.000 Telekom Euro für BZÖ-Wahlkampf 2006“) – und es ist wirklich gleich rundgegangen. Dinge anzuzünden, und mich dann mal für eine Stunde zurückzulehnen und zuzusehen, wie alles explodiert, wie Anwälte, Fernsehstationen und andere Medien anrufen, das genieße ich schon sehr.
Dazu kommt noch, dass wir ja in Österreich bei Enthüllungen an akuter Themenverfehlung leiden: Der Großteil der Diskussion dreht sich nie um die Frage „Was ist genau passiert und welche Konsequenzen muss es jetzt geben?“, sondern vor allem um die Frage „Wie konnte das bloß an die Öffentlichkeit kommen?“ – Allein deshalb werde ich sicher nicht müde.

der-karl.com: Spaß ist ein Argument. Aber der Großteil der handelnden Personen sind noch da, Konsequenzen sind rar. Hast du das Gefühl, dass deine Arbeit etwas bringt?

Kurt Kuch: Auf jeden Fall. Ich richte mich ja nicht gegen einzelne Personen, sondern gegen Probleme in unseren politischen und sozialen Systemen.
Da gibt es durchaus Erfolgsstories. Ich bin ja auch innerhalb der Redaktion praktisch ausgelacht worden, weil ich mich so lange für die erweiterten Prüfkompetenzen des Rechnungshofs bei Gemeinden eingesetzt habe. Das klingt uncool, ist aber neben dem Bankgeheimnis und den EU-Direktförderungen für Bauern eines der größten Mysterien der Gegenwart. Früher durfte der Rechnungshof nur Gemeinden mit mehr als 20.000 Einwohnern prüfen – der überwiegende Teil der österreichischen Gemeinden liegt aber unter dieser Grenze.

„Jeden Mittwoch ein paar Dinge anzünden und mich dann zurücklehnen und den Explosionen rundherum zusehen – das macht mir schon Freude… „

 

Und allein an der Heftigkeit der Reaktionen war leicht zu erkennen, dass das ein großes Thema ist: Der Präsident des Gemeindeverbands hat persönliche Briefe an alle Betroffenen Bürgermeister geschrieben und sie aufgefordert, jede Form der Zusammenarbeit mit unserem Verlag einzustellen. – Das war natürlich wieder eine freiwillige Meldung, die mich erst richtig munter macht.
Fazit: Die Änderung ist gekommen, jetzt kann weit mehr geprüft werden. Ich denke schon, dass es sich auszahlt, hartnäckig bei der Sache zu bleiben.

der-karl.com: Gibt es etwas, das dich davon abhalten kann, eine Geschichte zu bringen?

Kurt Kuch: Ich sag immer: Natürlich bin ich korrumpierbar – mit einer besseren Geschichte. Wobei ich auch dabei heute sehr vorsichtig sein muss. Jeder Promi, der in Schwierigkeiten gerät, leistet sich einen Medienberater. Und dessen Job ist es, bessere Geschichten zu bringen, damit wir von seinem Klienten abgelenkt werden. Das muss dann umso genauer geprüft werden.
Manche versuchen natürlich auch, mir ein schlechtes Gewissen zu machen und erzählen mir etwa, dass ihre Kinder jetzt in der Schule auf Grund meiner Geschichten Schwierigkeiten haben. Ich bin mir durchaus der Tatsache bewusst, dass ich mit „News“ eine große Bühne habe und dementsprechend verantwortungsvoll sein muss, aber letztlich denke ich mir dann immer: Wir sind alle erwachsen. Und wer jetzt nicht möchte, dass etwas an die Öffentlichkeit kommt, hätte es lieber gar nicht tun sollen.

der-karl.com: Du hast Medienberater angesprochen. Wie sieht es aktuell mit politischer Einflussnahme und politischem Druck auf dich aus?

Kurt Kuch: Medienberater sind die neuen Lobbyisten. Oft sind das ja auch die gleichen Leute, die unter einem anderen Titel jetzt praktisch den gleichen Job machen. Die können keinen Druck auf mich ausüben, aber sie machen mir natürlich das Leben schwer, indem sie gezielt gefärbte Information streuen. Ich habe dann umso mehr Arbeit, um wieder nach möglichst objektivierbarer Information zu suchen
Das bringt dann wieder Akten in den Vordergrund. Mein Büro sieht aus wie ein gesprengter Altpapiercontainer; ich versuche, jede Geschichte möglichst gut mit behördlichen Ermittlungsakten zu unterlegen. Wobei ich da eher steinzeitlich arbeite: Ich scanne die Akten als durchsuchbare PDF-Dateien und recherchiere dann über die Volltextsuche. Die Kollegen vom „Stern“ haben mir einmal ihre digitalen Recherche- und Dokumentationsarchive präsentiert – da frisst Dich der Neid, aber das ist für uns in Österreich unleistbar.

„Ich habe mit „News“ eine große Bühne, aber ich weiss, dass ich auch nur Mittel zum Zweck bin. Das kann jederzeit vorbei sein.“

 

Direkten Druck spüre ich jedenfalls nicht, und ich habe auch nicht das Gefühl, Feinde zu haben. Der einzige, der mich einmal direkt und unter der Gürtellinie in den Foren von ORF und derstandard.at attackiert hat, war dann ausgerechnet einer der Bürgermeister aus einem Nachbarort in meiner Heimat…

der-karl.com: Und wie siehts mit Einfluss durch Werbung aus und was hältst du von der Affäre um politische Inserate?

Kurt Kuch: Ich kann dir ganz ehrlich sagen: Ich kenne unsere Anzeigenverkäufer nichteinmal. Ich sehe die einmal im Jahr bei der Weihnachtsfeier, und da reden wir sicher nicht über Inserate, und sonst habe ich keine Ahnung, was da läuft. Es ist auch nie irgendwer an mich herangetreten, und nachdem ich gar nicht weiss, wer was wo inseriert, kann ich darauf auch überhaupt nicht reagieren.
Wenn du politisch motivierte Inseratenvergabe durch staatsnahe Betriebe ansprichst: Davon bekomme ich genauso wenig mit. Viel spannender finde ich in dem Zusammenhang von Politik- und Parteienwerbung die Frage: Wer zahlt das eigentlich? Wenn Politiker Unternehmen in ihrem Einflussbereich beauftragen, ist das ja geradezu transparent, verglichen mit Kosten in Millionenhöhe für Präsidentschaftswahlkämpfe, bei denen niemand weiss, wo das Geld eigentlich herkommt.

der-karl.com: Also würdest du sagen, dass du frei und ohne jeden Druck arbeiten kannst?

Kurt Kuch: Es sind sicher nicht die offensichtlichen Machtverhältnisse, die mir Probleme machen. Meine große Angst bei jeder neuen Geschichte ist aber, reingelegt zu werden. Ich habe das schon einmal erlebt, und das hat mich fast den Job gekostet. Das war die Geschichte mit der angeblichen illegalen Pflegerin von Wolfgang Schüssel. – Ein gezielter Leger von einem Autor und Journalisten. Der hat mich angerufen und die Geschichte vorgeschlagen, alles hat sehr gut geklungen. Nur hat er dann beim Termin gleich einen Vertrag aus der Tasche gezogen, in dem eine Reihe von Absurditäten festgehalten war. Gleich der erste Punkt war eine Honorarzahlung von 2000 € für die falsche Pflegerin. Das habe ich sofort gestrichen. Er hat uns die Geschichte dann doch gegeben, blöderweise haben wir sie veröffentlicht – und es war für beide Seiten ein Fiasko. Ich bin mit der falschen Gesichte dagestanden, er hätte beweisen wollen, dass wir bei „News“ unrecherchierten Scheckbuchjournalismus machen. Diese Tage waren echt die Hölle. Er ist dann noch dazu unauffindbar und ich habe ihn tagelang gesucht – da war ich echt knapp davor, alles hinzuschmeissen.
Das einzig Positive war dann noch, dass wenigstens klar rausgekommen ist, dass wir nicht bezahlt haben und auch nie für Geschichten bezahlen. Das ist – für alle, die noch immer Zweifel haben – nicht nur eine ethische Frage, sondern auch ganz schlicht eine wirtschaftliche: Ein verkauftes Heft hat einen Deckungsbeitrag von ein paar Cent. Wenn wir für eine einzelne Geschichte ein paar tausend Euro ausgeben müssten – das kriegen wir nie wieder rein…

der-karl.com: Glaubst du an die Funktion von Medien als vierte Macht in der Gesellschaft?

Kurt Kuch: Wir können einiges bewegen und auch etwas erreichen. Das steht fest. Aber genauso muss man sagen: Wir haben unseren schlechten Ruf nicht zu Unrecht. Ich unterstelle niemandem, vorsätzlich korrupt zu sein, aber ich wundere mich oft, wie Kollegen das für sich handhaben, wenn sie für Moderationen oder andere Tätigkeiten überproportional bezahlt werden. Das ist an sich nichts Schlechtes, aber was ist, wenn der Auftraggeber ein Hochegger ist, und wenn der oder einer seiner Kunden in Schwierigkeiten geraten? Zieht der Journalist dann noch voll durch? Oder hat er sich selbst zahnlos gemacht?

„Geld? Du kannst drei mal am Tag essen gehen und du kannst dich einmal am Tag ansaufen – mehr geht auch mit allem Geld der Welt nicht. „

 

Ich vermeide so etwas. Ich habe an meinem eigentlich Job mehr Spass, ich werde gut bezahlt, und ich denke mir immer: Was sollst du mit dem Geld? Du kannst drei Mal täglich essen gehen, Du kannst dich einmal täglich ansaufen – mehr geht auch mit allem Geld der Welt nicht…
Ich muss aber auch sagen, dass ich hier eine Umbruchphase sehe. Es gibt mittlerweile bei vielen Medien Journalisten, die ihre Funktion als Aufdecker sehr ernst nehmen und ihren Job sehr gut machen. Das erzeugt einen Wettbewerb, der gut fürs Geschäft ist und Leben in die Branche bringt.

der-karl.com: Welche Rolle spielen Onlinemedien und Social Media in diesem Wettbewerb für dich?

Kurt Kuch: Social Networks sind für mich sehr wichtig. Ich nutze Twitter, Facebook und Google+ um Vorausmeldungen zu platzieren und zu promoten. Und ich bekomme direkte Rückmeldungen, auf welche Themen die Leute anspringen. Allein seit gestern (18.1., Anm.) habe ich zum Beispiel 150 neue Follower auf Twitter. Auf Facebook spiele ich auch mit ganz selektiven Einblicken in mein Privatleben. Alle Netzwerke zusammen bringen mir nocheinmal mehr Aufmerksamkeit, was umso wichtiger ist, weil die User immer kritischer werden und mehr Fragen stellen, und auch im Magazin mehr und bessere Antworten haben wollen. Aber natürlich ist mir auch klar, dass es hier weniger um meine Person geht, sondern um meine Rolle als Journalist bei einem großen Medium. Das macht mich interessant und öffnet mir viele Türen, aber letztlich bin auch ich nur Mittel zum Zweck, und das kann jederzeit vorbei sein.

der-karl.com: Wo siehst du generell die Schwerpunkte von Onlinemedien und wie zufrieden bist du mit euren eigenen Portalen?

Kurt Kuch: Onlinemedien sind dort am stärksten, wo sie dem User individuellen Nutzen vermitteln. Gut recherchierte Tabellen und Listen waren in „News“ immer schon sehr wichtig – und das ist großartiger Content für digitale Medien, damit bekommen wir regelrechte Clicklawinen. Ich kenne noch kein Patentrezept für Onlinemedien, aber der persönliche Nutzen für User ist etwas ganz wichtiges. Das kann zusätzliche Information sein, das können aber auch technische Basics wir Filter- oder Suchfunktionen bei großen Contentmengen sein.
Wir haben in jedem Ressort im Magazin eigene Online-Beauftragte, die immer darauf achten, dass auch wir Printjournalisten dieses Mehr an Inhalt liefern, das online verarbeitet werden kann. Wobei die Onlineredaktion natürlich selbständig arbeitet und genug Profi-Journalisten für eigene Inhalte hat. Ich erlebe immer wieder, dass Onlineredaktionen noch immer wenig ernst genommen werden – das ist unangebracht und eher ein Zeichen dafür, dass diejenigen, die so etwas glauben, wenig Ahnung vom Journalismus heute haben.

der-karl.com: Was bedeutet für dich eigentlich Qualität im Journalismus, wie wichtig ist dir das Schreiben?

Kurt Kuch: Ich bin Aufdeckungsjournalist bei „News“ und nicht Feuilletonist bei der „Zeit“. Qualitätsmesser sind für mich vor allem messbare Erfolge: Wie viele Vorausmeldungen kann ich für meine Geschichten machen, wie oft werden die übernommen, wie schnell verbreiten sie sich auch in anderen Medien?

„Auf Enthüllungen reagieren wir in Österreich mit geleber Themenverfehlung. Gefragt wird nicht: „Was sind die Konsequenzen?“ sondern: „Wie konnte das bloß an die Öffentlichkeit kommen?“…“

 

Auf der anderen Seite ist Verständlichkeit sehr wichtig. Sachverhalte wie zum Beispiel die Eigenmittelfeindlichkeit von kreditfinanzierten Aktien zu erklären – ein beliebtes Spiel in der Hypo Alpe Adria – ist schon eine Herausforderung. Umso mehr natürlich, wenn der Text auch noch rechtlich einwandfrei und klagssicher sein muss. Ich schreibe sehr schnell: Für eine fünf- oder siebenseitige Aufmachergeschichte brauche ich selten mehr als zwei Stunden. Viel mehr Zeit geht dann für zusätzliche Informationselemente drauf – hier ein kurzer Interview-Kasten, dort eine kurze Chronik. Zur Qualität gehört es auch, die Perspektive des Lesers nicht aus den Augen zu verlieren: Ich kann nicht erwarten, dass heute noch jemand weiss, was Grassers KMU-Roadshow im Jahr 2002 war.

der-karl.com: Hast du Pläne für die Zukunft oder für ein Leben „danach“?

Kurt Kuch: Nein. Ich könnte auf die dunkle Seite der Macht wechseln und Medienberater werden, aber das interessiert mich eigentlich nicht. Vielleicht kommen weitere Bücher – wobei ich da noch eine etwas familienfreundlichere Schreibstrategie entwickeln muss. Ich wollte mir für „Land der Diebe“ vier Monate Zeit nehmen, habe dreieinhalb Monate lang praktisch nichts gemacht und dann zwei Wochen Urlaub genommen. In diesen vierzehn Tagen habe ich zehn Tage lang wieder nur sehr wenig gemacht, und dann fast das ganze Buch in vier Tagen nonstop durchgeschrieben. Ich glaube, das geht noch besser…
Ansonsten habe ich zuviel Spass in meinem Job, und wenn ich Abwechslung brauche: Ich habe mit Ewald Tatar die Marke „Kama-Party“ aus einer Konkursmasse gekauft – das bezieht sich auf „Kamakura“, das war in meiner Jugend die mit Abstand beste, eigentlich einzige Disco zwischen Wien und Graz, und Ewald veranstaltet gelegentlich Kama-Events (nächster Event: 23.2. im Wiener U4) – Aber auch das soll nicht in Arbeit ausarten.
Ich bin seit sechzehn Jahren bei „News“, das war mein erster Job – und ich habe hier noch viel vor.

Auf der Suche nach dem Nespresso der Medienzukunft


Ich habe vom Digital Media Day vor allem eins mitgenommen: Es kristallisiert sich tatsächlich ein gewisser Trend zu konvergenten Meinungen heraus. Das ist sehr vorsichtig formuliert und mag auch immer noch an meinem generell integrativen Approach liegen, aber in meinen Augen hatten die meisten Referenten, mich eingeschlossen, eine recht konkrete Vorstellung hinter ihren auf diverse Schwerpunkte ausgerichteten Ausführungen:
Diese Vorstellung handelt von Systemen, Universen, Sümpfen – wie auch immer man das nennen möchte. Heisst: Spass und Sex alleine reichen im Medienbusiness auch nicht mehr, Exklusivität, Aktualität, alles, was ein einzelkämpferischer Verlag – sei er auch noch so groß – gegen den Rest der Welt bieten kann, ist Schnee von gestern und kein Diversifizierungsmerkmal mehr. Es ist schon gar nicht etwas, wofür bezahlt werden wird.
Die erfolgreichen Businessmodelle der Gegenwart sind nicht nur Apple, sondern auch Nespresso. Beide werben mit schönen Maschinen – und einem sehr vereinnahmenden Sumpf. Warum kaufen wir praktisch portionierten Verpackungsmüll rund um ein paar überteuerte Gramm Kaffee? Weil wir die Garantie haben, dass das System mit deppensicherem Input zu kontrolliert konstanten Ergebnissen – gutem Kaffee – führt.
Einschliessen alleine reicht nicht, das Universum (System, Sumpf) muss dem User helfen, ein Problem zu lösen oder einen Task zu erfüllen. Vervollständigen statt Ausschliessen ist die Devise. Für die vielschichtige Darstellung dieser Zusammenhänge bin ich noch immer ein Fan von Umair Haque.
Apple und Nespresso kontrollieren die Userexperience; wer mitmachen will, hat wenig Auswahl. Dennoch – oder gerade deswegen – fliesst Geld. Die Ergebnisse sind klar, der Nutzen ist klar, der Bedarf wurde geschaffen.
Das Pendant dazu gibt es im Medienbusiness noch kaum. Nur solcherart nachvollziehbarer Nutzen, zumindest habe ich das so mitgenommen, wird aber User dazu bewegen, Medien überhaupt einmal zu verwenden, und dann vielleicht auch noch dafür zu bezahlen.
Nutzen, und das ist im Mediengeschäft vielleicht neu, hat nicht nur mit Inhalten zu tun. Nutzen hat auch eine funktionale Komponente. Was kann ich mit den Informationen, mit den Inhalten machen?
Tablets gelten als große Hoffnung – eventuell, weil sie noch derart stark mit Klischees behaftet sind, dass allein die Nutzung eines Tablets schon als Nutzen erscheint: Nachrichten anytime on demand online lesen? Ist ein alter Hut. Mobil über leistungsstarke Laptops kommunizieren und konsumieren? Was man dafür alles schleppen muss. Aber mit leichtgewichtigen Tablets ausgerüstet in bequemer Couchposition Inhalte lesen, Videos ansehen und Mails verschicken? Nüchtern betrachtet nutzlos, aber sexy.
Das reicht noch nicht ganz, um die gewinnbringende Medienzukunft zu sichern, aber – erstes Geld fliesst. Oft zur Überraschung der kostenpflichtige Apps anbietenden Verlage selbst. Teilweise, scheint mir, greifen dabei dann auch immer wieder Verkaufs-Argumente, die schon bei der ersten Generation von Onlinemedien Mitte der Neunziger gezogen haben: Wir vermeiden Papier und Abfall (vor allem bei kurzlebigen Produkten), wir können auch im Ausland heimische Medien lesen, …
Und vielleicht führt dieses Sich-Einlassen auf komplexere Technologien in der Verbindung mit konkreten Lebenssituationen und Ansprüchen dazu, neue Medien und deren Businessmodelle in genau diesem Spannungsfeld zu suchen: Wie schaffen sie konkret verwertbaren Nutzen, der sich meinem Leben anpasst, flüssige und sinnvolle Technologien einsetzt, und – ja, das auch noch – nützliche und interessante Inhalte liefert.
Zumindest würde ich in dieser Richtung suchen.

Noch eins ist mir aufgefallen, einerseits beim DMD, andererseits beim gedanklichen Aufräumen danach: Jedes Land hat die Medien, die es verdient. Alter Hut. Wir haben die Medien, für die wir bezahlen, hat unlängst auch Seth Godin geschrieben. In Österreich kehrt Oberbasher Staberl aus der Pension zurück.
Dazu kommen auch die Blogger, die wir verdienen. Berühmt sind grenzcharmante Raunzer, aus dem Vollen schöpfen die, die mit Verve andere attackieren und hinlänglich bekannte Schwächen zelebrieren. Die real konstruktiven Visionäre der nahen Zukunft nehmen sich dagegen aus wie stotternde Schulkinder, wenn man sich nicht die Mühe macht, ihren Gedanken zu folgen.
Ist so. Ist nicht unbedingt gut so. Aber wir sind ja im Showgeschäft.

10 Jahre „Faces“. Naja…


10 Jahre Faces – das Innovativste an diesem Magazin bleibt die große Typo.
Faces, das Schweizer Lifestylemagazin, feiert gerade mit einer goldenen Jubiläumsausgabe sein 10jähriges Bestehen. Eine recht traurige Illustration der Fadesse, Vorhersehbarkeit und Belanglosigkeit des aktuellen Journalismus.
Ich sage das echt ungerne und wäre viel lieber mal wieder begeistert. Aber ernsthaft: Was wollt ihr damit?

  • Ein recyceltes Geplänkel mit Kim Kardashian – sogar ohne eigene Fotos? Und irgendwer soll euch glauben, dass das euer Interview ist, das viel lesenswerter ist als alle anderen?
  • An den Haaren herbeigezogene Top Ten-Listen von Nobodies und Altvorderen, die nur eines offenbaren: Ihr konntet euch keine guten Leute leisten und konntet den anderen auch nicht genug Anreize (Finance or Fame) bieten, noch ein zweites Mal über das nachzudenken, was sie schnell auf ihren iPhones oder Servietten gekritzelt haben? (note to self: sind iPhones die literarischen/journalistischen Servietten und Bierdeckel der Gegenwart?)
  • Zum Abwinken wiederholte Shortcut-Wüsten mit Produkttipps? Aber warum denn?
  • Über Modestrecken rede ich nicht; das ist nicht mein Business… 😉
  • Ein Jubiläums-Editorial, das kreative Gründungsnächte in Marrakesch heraufbeschwört, aber eher offenbart, dass Faces das einsame Produkt zweier Chefredakteure ist, die sich selbst ein Magazin schenken wollten? Gut, das trifft auf fast jedes Magazin zu, aber ihr wollt doch glaubwürdig Glamour verkaufen…

Ich gratulieren von Herzen zum 10jährigen Bestehen; das muss man erst einmal schaffen. Faces sieht gut aus, greift sich angenehm an, lässt fallwesie respektable Attitude anklingen – aber ehrlich gesagt wundert es mich, das ausgerechnet dieses Produkt überlebt hat.
Manchmal kann man eben im Kleinen mehr bewegen und mehr erhalten. Wobei im Kleinen mehrdeutig ausgelegt werden kann.
Ich wünsche euch noch 10 Jahre und nochmal und nochmal – solang es euch zumindest Spass macht.

Delayed Gratification Magazine – mehr Enttäuschung als Belohnung


Es klang vielversprechend: Slow Journalism als Bewegung jenseits der Mainstream-Nachrichten, Delayed Gratification als vierteljährlich erscheinendes Magazin, das man sich gern auch ins Bücherregal stellen würde – so die Ankündigung.
„Slow Journalism measures news in months not minutes, returning to stories after the dust has settled. The Slow Journalism Company offers an antidote to throwaway media and makes a virtue of being the last to breaking news. Its publications are beautiful, collectible and designed to be treasured.“, versprachen die Herausgeber.
Dazu noch ein Cover von Shepard Fairey, auch sonst ansprechendes Design – insgesamt Grund genug, die erste Ausgabe zu bestellen (Dank Micropayment mit Paypal klein Problem mehr, mit 14,50 Pfund zwar teuer, aber hoffentlich ein gutes Werk am Journalismus).

Wer sich aber, wie ich gut und gründlich gemachte Stories, tiefschürfende Interviews und neue Blickwinkel auf die Welt erwartet hat, ist ziemlich enttäuscht. Delayed steht hier wirklich für hinten nach; das Magazin ist eine Nachlese zu Ereignissen der letzten drei Monate ohne die Themen mit einem Mehrwert zu versehen, der sie auch im nachhinein noch lesenswert machen würde.
Es gibt durchaus ein paar spannende Fragestellungen (Was gibt es im Jemen ausser Terrorismus? Wird Qatar der nächste Fussballweltmeister?), die in ihrer Umsetzung aber vollkommen verschenkt sind.

Schade um den gut gemachten Launch-Hype, aber so werden mich nichteinmal limitierte signierte Kunstdrucke des Covers zu einem Abo bewegen.

Lesenswerter fand ich das Swindle Magazine, eine von Shepard Fairey selbst herausgegebene Publikation, die ähnliche Ansprüche stellte – und mit Reportagen, Interviews und Fotos weitaus besser erfüllte. Leider wurede das Heft 2009 nach immerhin fünf Jahren eingestellt; Backissues können auf der Webseite noch bestellt werden und werden auch prompt verschickt; mittlerweile gibt es alle Inhalte auch online.