JWD – Das Jugendmagazin für die nicht mehr jungen

Und jetzt habe ich tatsächlich eine Ausgabe von „JWD – Joko Winterscheidts Druckerzeugnis“ gelesen. Ich weiß, dass das ein Fernsehmoderator ist, er ist hübsch und trägt gute Brillen; ich habe meines Wissens noch nie eine seiner Sendungen gesehen.
Ich wollte wissen, wie man es angeht, wenn man heutzutage ein klassisch kommerzielles Magazin auf den Markt bringen will; Zielgruppe vermutlich Männer, nicht mehr ganz jung, aber doch noch mit Sinn für Abenteuer und Spaß.
JWD erscheint bei der Stern Medien GmbH; die große Nummer in der Redaktion ist David Baum, den die eben nicht mehr ganz Jungen in Wien wohl noch als „City“-Redakteur kennen.
Optisch ist JWD ganz retro-trendy: Klassische Groteskschriften (wohl die Berthold Akzidenz, die ja deutschen Typographen lange als die einzig wahre Schrift galt) und zum Drüberstreuen und für den Magazinlook ein bisschen Tiempos oder Henriette als Titelschrift. Es herrschen Flächen statt Kästen oder Blöcken, und helle Bilder, die direkt von Instagram kommen könnten.
Inhaltlich ist da ein bisschen Abenteuer, das halt recht beliebig bleibt:
  • Irgendein Journalist macht irgendeinen Haitauchkurs vor Südafrika.
  • Irgendein Journalist redet mit irgendeinem Alien-Lauscher.
  • Irgendein Journalist besucht irgendein Bundeswehr-Camp im Irak.
  • Irgendeine Journalistin fährt nach New Orleans zur Wrestlemania und war dabei ungefähr so nah am Geschehen wir Abermillionen Fernsehzuschauer.
  • Eine Journalistin geht Spargelstechen – aber nicht irgendwo undercover, sondern bei einem gesitteten Mindestlohnbezahler.
  • Hubertus von Hohenlohe fotografiert Ferdinand Habsburg, der Autorennfahrer werden möchte, aber halt nicht allzuviel zu erzählen hat.
  • Reiner Riedler hat am GTI Treffen fotografiert, was wirklich gut ist, und Lust auf mehr macht (die Fotos sind Teil einer Serie über moderne Volksfeste, also eigentlich Events).
  • Ein Journalist begleitet eine unbekannte Band, die sich zu allerhand Festivals auf der ganzen Welt einladen lässt, diesmal nach Ostafrika. Wäre nett, wenn die Story nicht so übertrieben „Abenteuer! Abenteuer! Krass! Mega!“ schreien würde.
Obwohl relativ viel Geld in das Magazin gebuttert wird (es sei denn, das sind nach Angebot und Nachfrage zusammengeklaubte Selbstausbeuter-Geschichten), gehen die Storys nicht immer auf. Aber jetzt war man halt schon dort, also muss man sie auch machen.  Sprache ist ja geduldig und verträgt immer noch ein paar Superlative und sogar Blüten wie diese hier über den Alien-Lauscher: „Er folgt in seiner Argumentation strikt den Regeln der Logik. Spekulieren gehört nicht zu seinem Beruf.“ – Ok, irgendwas muss man ja schreiben und Zeilen füllen, auch wenn man nichts zu sagen hat.
Fazit: Ich finds nett. Gut, dass man Magazine macht, Fernsehonkels als Marketingzugpferde einspannt und einfach mal probiert. Abonnieren werde ich es nicht. Aber ich wünsche viel Vergnügen.

Haben die Zombies eh einvernehmlichen Sex?

Wir haben ein Horror-Zombie-Comic gemacht (es ist natürlich ein komplexe vielschichtige Story über Freundschaft in widrigen Zeiten, aber sonst kann man das mit der Zombie-Story auch mal so stehen lassen). Gegen Ende hat einer der Protagonisten, nachdem er merkwürdiges Zeug geraucht hat, Sex mit einer Zombie-Frau. Nachdem sie – Zombie halt – in der Anbahnung etwas passiv ist, lag mir die Szene ehrlich gesagt im Magen: Wie lässt sie sich so gestalten, dass auch der letzte Depp versteht, dass das einvernehmlicher Sex ist? (Apropos Depp: Wer sich hier aufgrund des Titels Rats über Political Correctness oder ähnlichen selbstgefälligen Unfug erwartet hat, sollte spätestens jetzt feststellen, hier falsch zu sein.)
Wir haben die Szene auch ein paar Mal überarbeitet, um hier keine falschen Fantasien zu befeuern oder Idioten Vorlagen zu liefern. Warum? – Es ist doch nur ein Comic und sie ist nur ein Zombie …
 
Mir ist es wichtig, hier klar zu sein: Man kann (sexuelle) Gewalt thematisieren, man kann sie künstlerisch inszenieren, aber man kann sie nicht im Vorbeigehen akzeptieren.
Das ist im echten Leben wichtig, das ist in der Comicwelt wichtig und das ist aus erzählerischen Gründen wichtig. Bin ich deswegen jetzt auch ein Kunstspießer, der Aktbilder von 16jährigen in den Keller räumen lassen würde?
 
Die Comicwelt ist großteils in Europa eine Szene harmloser Nerds, die nichtsdestotrotz im Vorbeigehen jeden Anstrich von Diversity mit Elefantenfüßen platt macht. So bunt die Comicszene ist, so sehr ist sie immer noch eine Domäne alternder Besserwisser, die sagen wollen, wo es lang geht. Die Diskussion um die Zusammensetzung der jüngsten Icom-Jury (Independent Comics-Auszeichnung), zeigt, wie verständnislos viele alternde Comic-Platzhirschen jedem Anzeichen einer Regung neuer Zeiten gegenüberstehen. Glücklicherweise kann das den meisten, die davon betroffen sind, rein kommerziell oder erfolgstechnisch betrachtet, egal sein; ärgerlich ist es trotzdem.
Der eigentlich entscheidende Punkt aber war ja ein erzählerischer: Eine noch nicht eingeführte Figur, von der wir noch nicht viel wissen, kann in einem Universum, das wir noch nicht kennen (welche Funktion haben Zombies hier?), nicht mit zwielichtigen Handlungen alleingelassen werden. Schon gar nicht, wenn es noch mehrere Monate bis zu Heft #2 dauert.
Das ist eine Schwäche, die sich in vielen Publikationen findet und von Autoren gern als „Characterbuilding“ getarnt wird. Ich hab jetzt sehr viel Sinn fürs Drastische und Dramatische, aber nicht für schlechtes Erzählen, das den Holzhammer auspackt und desensibilisiert, statt charakterliche Details zu vermitteln. Und manche Themen eignen sich dafür noch weniger als andere
 
Aber jetzt bin ich zufrieden; die Szene ist geradezu liebevoll (sofern das im Umgang mit Zombie möglich ist) und das Heft ist großartig. Also geht los und kauft es (gibt es auch im guten Buchhandel in Österreich und Deutschland).
Und kommt am nächsten Mittwoch, 27.6., zur Releaseparty ins Ganz Wien.
 

Doom Metal Kit #1

Text und Pencils: Michael Liberatore
Inks: Andi Paar
Colors: Hannes Kiengraber
Variant Covers: Michael Hacker, Peter Kramar
 

Prosfygika – We have some glimpse of hope

Hausbesetzen in Athen

Ich mag das ja, wenn es um extrem randlastige Themen geht, wenn die Aufmachung gezielt ranzig ist – und wenn die blattmacherische Qualität trotzdem passt. Johannes Fiola nennt sein Heft über die HausbesetzerInnen im Prosfygika-BLock in Athen „A Social Experiment“. Es sind großteils umkommentierte Interviews mit den BewohnerInnen, semidokumentarische Fotos und ein paar begleitende Texte über die Situation in Prosfygika und in Athen.

Fiola verbrachte 2015 einige Wochen mit den HausbesetzerInnen, gerade zum Höhepunkt der Flüchtlingswelle, als auch die BesetzerInnen trotz der an sich schon schwierigen Lage zwischen drohenden Räumungen und fragiler sozialer Ordnung zahlreiche Flüchtlinge bei sich aufnahmen.

Prosfygika an sich ist ein soziales Experiment – eine HausbesetzerInnen-Community, in der grundsätzlich jede und jeder kommen und gehen kann, wo aber auch kleine Geldbeiträge erwartet werden, sofern es sich jemand leisten kann. Damit wurde Prosfygika zum Sammelbecken für gestrandete Engländer, die einst auf der Suche nach sonnigeren Zeiten waren, sich aber kein anderes Leben mehr leisten können. Für PensionistInnen, deren radikal zusammengekürzte Pension ihnen kein anderes Leben mehr erlaubt. Für Neuankömmlinge, die eben erst versuchen, in Athen Fuß zu fassen. Und für Idealisten, die in der Hausbesetzer-Community Modelle und Vorboten einer neuen, besseren Form des Zusammenlebens sehen.

Die Gruppe steht in recht frei interpretierter anarchistischer Tradition; Kriminalität und Drogen werden allerdings nicht toleriert; sich immer wieder ansiedelnde Dealer müssen die Blocks verlassen.

Die Wohnblocks wurden nach dem ersten Weltkrieg als Erstunterkünfte für türkische Flüchtlinge errichtet, waren einer der Hauptschauplätze des griechischen Bürgerkriegs der 40er Jahre und sind seither ziemlich desolat. Während der Olympischen Winterspiele 2014 wurde das Areal abgeriegelt und mit Planen verhängt, um es vor den Besuchern abzuschirmen.

Fiolas Buch ist eine schöne Dokumentation mit wunderbaren Fotos. Ein paar Übersetzung- und Lektoratsfehler verleiden einem leicht das Lesen – aber das passt auch wieder zur Aufmachung. Unkommentierte Interviews sind manchmal nicht ganz leicht verdaulich und ihnen fehlen Kontext und Bezugsrahmen. Aber das lässt sich ja alles nachlesen …

We have some glimpse of hope

  • 92 Seiten, 17×24 cm
  • 10 €
  • Fadengeheftet, Softcover
  • im Shop z.B. bei Slanted

Migrant Journal

MigrantJournal-Cover

Das Magazin als wissenschaftliche Aufsatzsammlung

Eigentlich ist es eher eine schön gestaltete Sammlung von wissenschaftlichen Arbeiten als ein Magazin, in der aktuellen Ausgabe #2 trägt Silber als auch in Bildern versteckte Schmuckfarbe nicht unbedingt zur Lesbarkeit und Verständlichkeit bei und die Typographie wirft auf den ersten Blick eher Fragen auf, anstatt unterstützend in den Hintergrund zu treten.

All das ist Teil eines Gesamtkunstwerks: „Die Schriftart haben wir eigenes für Migrant Journal entwickelt – sie macht Lücken und Brüche, die es zwischen einzelnen Buchstaben immer gibt, besonders deutlich. Das passt zu unserem Überthema der Migration, bei dem es auch immer um Lücken und Brüche geht“, sagt Isabel Seifert, die Migrant Journal als Art Directorin und Mitherausgebern gestaltet.

Migrant Journal ist auf sechs Ausgaben konzipiert; die Finanzierung stammt aus eine Kickstarter-Kampagne, die immerhin über 200 Unterstützer versammelte; einen großen Anschub gab es dann noch mal durch Stack Magazines, die Migrant Journal im Juni 2017 zu ihrem Magazin des Monats erklärten und so die Auflage von 600 auf über 5.000 Stück steigerten.

 

In der Migrant Journal-Redaktion gibt es keine gelernten (oder erfahrenen) JournalistInnen. Das Team setzt sich aus Wissenschafterinnen zusammen, deren Anliegen weniger die Produktion eines aktuellen, aufregenden (oder was sich immer klassische Qualitätskriterien für Magazine sein mögen) Hefts ist; Ausgangspunkt war vielmehr die Suche nach adäquaten Darstellungsformen für ein derart komplexes Thema wie Migration.

Dementsprechend anders sind auch die redaktionellen Arbeitsabläufe: Hier plant nicht die Redaktion; jeder Ausgabe geht ein offener Call voraus. AutorInnen, ForscherInnen, FotografInnen oder DesignerInnen werden eingeladen, sich mit einem für die Ausgabe konkretisierten Aspekt des Themenkomplexes Migration zu beschäftigen.

Die bisher erschienen Ausgaben sind „Across Country“ und „Wired Capital“, am 9. November erscheint „Flowing Grounds“. Der aktuelle Call für die vierte Ausgabe dreht sich rund um „Darkness and Migration“.

 

Zu lesen ist die Serie eher wie eine Sammlung von Fachmagazinen die sich eben nicht nur mit einem Thema, sondern in einer Querschnitt-Ansicht mit Migration und dem jeweiligen Schwerpunkt beschäftigen. Dank der großen Bandbreite an Themen wird das ganze mit der Menge verdaulicher: Einzelne Artikel sind oft sehr spezifisch und enthalten mehr, detailliertere und punktuellere Information, als man eigentlich haben wollte, in Summe entsteht dann daraus ein (nicht weniger detailliertes) facettenreiches Bild des Themas. – Man hat das Gefühl, man hat etwas gelernt.

Migrant Journal

  • 144 Seiten, fadengeheftet, Softcover mit Klappen
  • 24,5 x 18,3 cm
  • 20 €
  • migrantjournal.com

 

MigrantJournal-Cover

 

Kosovo 2.0

Ein Magazin für die Stimme aus dem Inneren eines unbekannten Landes.

Die zehnteilige Magazinserie Kosovo 2.0 stellt das kleine und jüngste Land Europas (das noch immer nicht von allen anerkannt ist) in den Mittelpunkt. In der Welt verstreute KosovarInnen sollen eine Quelle aus erster Hand haben, die sich mit dem Kosovo auch jenseits von Themen wie völkerrechtlicher Anerkennung, Kriegserinnerungen  beschäftigt – und die wirklich aus dem Inneren kommt, sagt Herausgeberin Besa Luci.

Ein Land, das kaum wahrgenommen wird, dessen etablierte Medien man nicht kennt, dessen Kultur man kaum kennt schafft sich eine eigene Stimme – und noch dazu eine, die kräftig in der Welt wahrgenommen wird. Kosovo 2.0 hat mit seinen zehn großformatigen Heften mit je rund 150 Seiten schon einiges an Gewicht, zusätzlich erzielt  die Onlineplattform auf drei Sprachen (Englisch, Serbisch, Albanisch) dank über 30.000 Freunden auf Facebook einiges an Reichweite.

Die Onlineplattform wird bestehen bleiben. Denn die Magazinserie ist mit der „90s“ Ausgabe zu einem Ende gekommen.

Die Neunziger waren zugleich Untergang und Geburtsstunde des Kosovo. 1992, nach den ersten Jugoslawienkriegen, war der Kosovo Teil des neu geordneten Jugoslawien, 2003, nach dem Ende der folgenden Kriegswirren, Teil der Republik Serbien. Dazwischen lag der vorerst ergebnislose Kosovokrieg von 1999, der nicht in der seit den frühen 90ern erstrebten Autonomie geendet hatte. Erst 2008 rief Kosovo die Unabhängigkeit aus, die erst von 111 der 193 UN-Mitgliedsstaaten anerkannt ist.

Die Neunziger waren eine Zeit der eiskalten Segregation im Kosovo: Gegenseitige Anschuldigungen, erfundene Übergriffe von Albanern auf die serbische Minderheit, Ressentiments aus den Kriegszeiten hatten zu apartheidsähnlichen Zuständen geführt. Unter anderem waren 20.000 LehrerInnen aufs Abstellgleis gestellt, 400.000 SchülerInnen die Weiterbildung an öffentlichen Schulen verboten worden.

Die Kosovo 2.0 90s-Ausgabe geht dieser Zeit aus der Perspektive junger JournalistInnen und WissenschafterInnen, für die dieses Jahrzehnt großteils schon Ewigkeiten her ist.

Es sind aber nicht nur historische Abrisse und Nacherzählungen ohnehin schon oft dokumentierter Ereignisse, die das Magazin einzigartig machen. Zwischendurch finden sich Fotostrecken aus dem Kosovo, die albanische Geschichte ins Bild rücken, wie man sie im Rest Europas noch nicht gesehen hat – etwa die auf eine Initiative von sieben StudentInnen zurückgehenden Massenversöhnungen tausender Kosovaren, mit denen weitreichende Blutrache-Fehden begraben wurden.

Als Buch wäre die Zusammenstellung der Inhalte kritisch, für ein laufendes Periodikum müsste viel von der Konzentration auf Schwerpunkte zugunsten von Aktualitätsbezügen aufgegeben werden. Insofern ist die abgeschlossene und klar konzipierte Magazinserie das ideale Format.

Finanziert wurde die Publikation mit Hilfe der schwedischen Menschenrechtsorganisation Civil Rights Defenders und des National Endowment for Democracy.

 

Die Print-Geschichte ist zu Ende. Ein fixes Team von zwölf Mitarbeiterinnen führt die Onlineplattform weiter und baut die Plattform auch zu einer Institution für Journalismus-Ausbildung aus. „K2.0 is reshaping Kosovo’s media landscape, while enabling our audiences to think beyond the news and search outside the box“, sagt Beta Luci.

 

Kosovo 2.0

 

The Outpost

The-Outpost-Cover
Das Magazin über Möglichkeiten

Nach fünf Jahren gönnt sich The Outpost gerade eine Pause. Die unlängst erschienene Ausgabe 07 ist die vorläufig letzte. „Es ist Zeit zu überdenken, was wir machen und wie wir es machen“, sagt Herausgeber Ibrahim Nehme.

The Outpost erscheint in Beirut und ist laut Selbstbeschreibung „a magazine of possibilities for the Arab World.“ Jedes Heft hat bisher die gleichen drei Fragen gestellt: „What’s happening?“, „What’s not happening?“ Und „What could happen?“ Das schafft viel Freiraum für facettenreiche Storys, die sich immer um einen Themenschwerpunkt drehen, und doch unterschiedlichste Zugänge bringen können.

Publiziert wird auf Englisch, fallweise werden einzelne Strecken in arabischer Sprache noch einmal beigelegt.

Abgesehen von der Aufteilung in die immer gleichen drei Fragen erfindet sich The Outpost für jede Ausgabe neu. Die aktuelle Ausgabe – „Possibilities of Finding Home“ – ist zugleich auch ein Sticker-Sammelalbum: Das Magazin enthält keine Fotos, sondern nur leere Rahmen als Platzhalter. Dafür liegt ein Bogen mit Stickern bei. Die einzelnen Sticker sind weder beschriftet noch nummeriert – es liegt an den LeserInnen, herauszufinden, welches Bild zu welcher Story passen könnte. Eindeutig ist das keineswegs.

Die Geschichten selbst erzählen von Heimatbegriffen, Formen, sich zuhause zu fühlen, und natürlich auch von Flucht. Aus europäischer Sicht schwingt dabei auch noch der Reiz des Fremden mit; einzelne Schicksale brauchen keine besondere Entwicklung, eine exotische Note schwingt immer mit. Und lenkt dann oft auch unvermittelt die Sicht auf Aspekte, die für EuropäerInnen kaum nachvollziehbar sind – etwa wenn ein syrischer Flüchtling in Europa mit einem Palästinenser, der zuletzt in Syrien gelebt hat und ebenfalls geflohen ist, über Heimat spricht.

Die meisten Storys in der „Home“-Ausgabe sind aufgezeichnete Gespräche, einige sind klassische Interviews, dazu ein paar Essays und eher poetische Texte.

Im Editorial gibt Herausgeber Ibrahim Nehme dem Heimat-Thema eine in Zeiten von Flucht und Migration auch noch einmal überraschende Wendung: Heimat ist seiner Ansicht nach erst in dritter oder vierter Linie eine kulturelle oder geografische Angelegenheit – in erster Linie ist es eine Frage des Selbstverständnisses und der eigenen Identität: Zuhause ist man, wenn man weiß, wer man ist und das auch sein kann.

 

Was nach der Publikationspause passieren wird, ist spannend: The Outpost ist seit jeher ein unkonventionelles Magazin, dessen Andersartigkeit aber nie auf Kosten von Professionalität oder Souveränität ging. Insofern hat Nehme durchaus neue Maßstäbe im Indiepublishing gesetzt und konsequent eine Linie verfolgt, die sich wenig an bestehendem orientiert hat, aber doch klar und sofort verständlich war.

Zur Finanzierung gab es auch Partnerschaften; die aktuelle Ausgabe etwa entstand mit Hilfe der Amsterdamer Prinz Claus Stiftung für Kultur und Entwicklung.

Nehme selbst war eine Zeit lang gefragter Vortragender auf diversen Medienevents, ist mittlerweile aber recht still. Ich bin jedenfalls neugierig auf die nächsten Sachen.

 

The Outpost

The-Outpost-Cover

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Weapons of Reason

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Waffen bringen ja oft das Problem mit sich, in den falschen Händen zu liegen. Das Schicksal der Weapons of Reason dürfte ein ähnliches sein. Allerdings ist in diesem Fall nicht das Problem, was jene, die im Besitz dieser Waffen sind, damit anrichten, sondern was jenen, die sie nicht haben, entgeht.

Das Magazin, produziert von der Londoner Kreativagentur Hüman after all, möchte Verstehen lehren. „This is a magazine to turn knowledge into action“. „You’ll find suggestions on how you can learn more and take action. What  will you do?“ – Das ist ein recht erzieherischer Ansatz, den Weapons of Reason in langen grundlagenorientieren Storys unterstreicht.

Themen in der Power-Ausgabe sind Macht und Territorien, Kunden, Daten und Märkte, Großbritannien, China oder Syrien und ihre Rolle in der Welt oder auch Populismus und soziale oder nationale Spaltungstendenzen.

Jede Story holt weit aus und versucht, ein Thema von den Grundlagen weg zu klären. Aktualität ist dabei vernachlässigbar, wichtiger sind klare, gut durchziehbare Argumentationslinien.

Ein wenig zahlt Weapons of Reason dabei auch auf Fakten-Journalismus ein – redaktionelle Arbeit orientiert sich nicht an den letzten Aussagen, Gerüchten oder Vermutungen, sondern geht eher Vorgeschichte auf den Grund und sammelt historische Tatsachen. Wertfrei ist das freilich nur, wenn man die Werte der Autoren teilt.

Das bunte Layout setzt viele Grafiken und Illustrationen ein und vermittelt auf den ersten Blick den Eindruck, es würde sich um einfache, leicht verständliche Storys handeln, vielleicht auch noch einfach lesbar. Das ist nur bedingt so. Und wirft insgesamt auch die Frage auf, an wen sich Weapons of Reasons wirklich richtet: Wer bereit ist, sich mit den Inhalten und Grafiken auseinanderzusetzen, kennt großteils auch die Vorgeschichte dazu oder weiß, woher er oder sie sich diese holen kann.  – das ist das übliche Dilemma des erklärenden politischen Journalismus.

Weapons of Reason ist als Serie angelegt. Vier Hefte sind bereits erschienen, vier weitere stehen noch auf dem Plan. Themen bisher waren Ageing, Megacities, und die Arktis. Zu den nächsten Themen hält sich Weapons of Reason noch bedeckt.

 

Online gibt es einige Storys auf Medium in unterschiedlichen Publikationen nachzulesen. Ob Medium jetzt wirklich eine gute Wahl für zusammenhängende Publikationen ist, das ist allerdings eine andere Geschichte …

 

Weapons of Reason

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Anxy Magazine

Ein Magazin über „die Welten in Inneren“

Anxy liegt erst unschuldig pink auf dem Tisch und wirkt wie das Lifestyle-Magazin für weibliche Zielgruppen von nebenan. Ein paar Stacheln auf dem Cover stören nicht weiter. Anxy widmet sich „inneren Zuständen“ – und damit sind ausdrücklich nicht immer Happiness, Gelassenheit und innere Ruhe gemeint.

Anxy thematisiert Ängste, psychische Zustände, die gemeinhin als „Störungen“ bezeichnet werden und Gefühle, die nicht immer angenehm sind. Für die erste Ausgabe wird deshalb nicht gespart: Das erste Thema ist Zorn. 

Anxy wurde über Kickstarter finanziert; die Crowdfunding-Kampagne brachte stolze 50.000 Dollar von noch stolzeren mehr als 800 UnterstützerInnen ein. Eine entsprechend große Vision hat Gründerin Indhira Rojas auch vor Augen: „Anxy soll eines Tages in allen TherapeutInnenpraxen aufliegen. Wir möchten Menschen die Hemmung davor nehmen, über Sorgen und Ängste zu reden. Unser Magazin redet darüber – das soll es anderen auch leichter machen.“

 

Zorn bietet jetzt eine breite Palette an Geschichten. Und nicht jede davon ist eine Leidensgeschichte. Kindheitstraumen, die die Betroffenen zornig machen, und chronisch Zornige spielen in Anxy ebenso eine Rolle wie Call Center Agents, die täglich mehrere Stunden lang dem Zorn unzufriedener Kunden ausgesetzt sind.

Noch breiter aufgefasst ist Ärger in Fotostorys, die teils ebenfalls sehr persönlich sind, teils sich auch mit Ärger etwa als Grundstimmung beschäftigen – etwa in Gefängnissen, oder, am Beispiel der Türkei: „What happens when your country is full of people who are angry with each other?“

Die erste Anxy-Ausgabe ist mal eine breit angelegte Sammlung verschiedener Zugänge und Facetten zu einem Thema; Strukturen oder Heftformen für die Zukunft lassen sich noch nicht erkennen. Eine Ausgabe #2 ist auch noch nicht konkret. Grundsätzlich sollen es zwei Hefte im Jahr werden – für heuer wird das schon ein wenig knapp.

Was Anxy jedenfalls nicht ist: Ein Lebenshilfe- oder Ratgeber-Magazin. Indira Rojas: „We aren’t telling you how to ‚fix‘ yourself. We are any. Aren’t you?“

Blattmacherisch und optisch ist Anxy auf allen Ebenen sehr klassisch. Neuartigkeit liegt im Zugang zum Thema selbst. Ob das trägt, lässt sich noch nicht sagen.

Anxy

 

 

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