Don Tapscott ist nicht mehr mein Freund


WikinomicsIch habe jetzt „Wikinomics“ gelesen, um das Buch nicht nur als eines der „Ja, eh“-Schlagworte auf dem fernen Radar zu haben. Es steht nichts Unsinniges oder Falsches drin – aber die herauslesbaren Botschaften sind ziemlich kontraproduktiv – sogar gefaehrlich.

  • Aus Unternehmer- oder Managersicht gelesen ist Wikinomics das Manifest moderner Ausbeutung – Partizipation als Opium fuer die Peers: Lass sie mitreden, bis sie muede sind, nimm das Beste – und dann dreh den Hahn ab.
  • Wikinomics, in Tapscotts Beschreibung, ist ein Projekt mit allen Kriterien wie aus dem Projektmanagementlehrbuch: Komplex, verfolgt ein klares Ziel, und hat zeitliche und raeumliche Grenzen. Wenn das Geschaeft optimiert ist, das Wissen der Massen abgegrast ist, dann gehen wie wieder zur Tagesordnung über.

Oder doch nicht?
Ein Autor der sich so lang und so intensiv mit Online-Phaenomenen beschaeftigt wie Tapscott, sieht sicher ueber die Grenzen dieser Beschreibungen hinaus und bereitet mit den fehlenden Schlussfolgerungen bloss schon den naechsten Bestseller vor, um nocheinmal die effizienten, gewinnbringenden Mechanismen der traditionellen Publishingindustrie auszunutzen.

Die beiden Punkte, die mich besonders stören, sind einerseits die

  • Vermischung von Open Source und Free Software, andererseits
  • die fehlende Konsequenz bei der Darstellung von Mashups als Geschaeftsmodellen und Wikis als Arbeitsplatzmodellen.

Der Reihe nach: Open Source vs. Free Software ist nicht nur eine Frage der Begriffsdefinitionen, sondern der Reichweite und des Einflusses eines theoretischen Hintergrunds, der miteinbezogen wird. Open Source ist pragmatisch: Vier Augen sehen mehr als zwei, also lass uns gemeinsam arbeiten. Das aendert aber nichts an den Eigentumsverhaeltnissen des Folgeprodukts: Modifizierte Open Source-Software gehoert oft trotzdem noch dem urspruenglichen Eigentuemer und darf auch von den beteiligten Partnern nicht weitergegeben werden. Die Offenheit dient nur der Effizienz.

Free Software verfolgt ueber die qualitative Effizienz hinaus noch das Ziel, Produkte und die Ergebnisse von Weiterentwicklungsprozessen frei zu halten: Jeder darf, unter den Free Software-Bedingungen, alles weiterentwickeln und veraendert – unter der Bedingung, dass die Ergebnisse ebenfalls wieder als Free Software zur Verfuegung gestellt werden (wobei free nicht gratis bedeutet, sondern eben offen; ob und wieviel Geld fuer Software verlangt wird, ist kein Thema fuer Free Software).
Unter diesem Gesichtspunkt ist es etwas schmerzhaft, wenn Tapscott die vielen durch offene Collaboration erreichten Patente von IBM als Beispiel fuer den Erfolg von „Open Source oder Free Software Movement“ anfuehrt – aus Free Software Sicht sind nur Patente noch schlimmer als Copyrights: Sie schraenken nicht nur Veraenderung ein, sondern sind ueber Crosslizensierungsprogramme auch effiziente Erpressungsinstrumente: „Ich geb dir meins, dafuer musst du mir auch deins geben…“

Freie Zusammenarbeit, wie sie unter Free Software Bedingungen oder auch unter einer meiner Ansicht nach konsequenten Umsetzung des Wiki-Ethos passieren kann, hoert hier nicht auf: Fuer den Zulieferer (Mitarbeiter) ist es witzlos, Beitraege zu liefern, wenn diese nur 15 minutes of fame, eventuell einen Bonus und kurzfristig gestiegenes Selbstwertgefuehl bringen. Die Anerkennung diese Arbeitsprozesse muss sich auch so auswirken, dass die weitere Nutzung gemeinsamer Entwicklungen anderen Regeln folgt als bisher. Aus diesem Grund stuetzt sich das Free Software Movement auch massiv auf Juristen und die Formulierung eigener Copyleft-Lizensierungen.

Ohne die Bedingung der Weitergabe von Freiheit (wie sie durch Copyleft festgeschrieben ist) bringt Collaboration scheinbar einfach nur mehr vom gleichen, und das vielleicht sogar noch zu guenstigeren Preisen.

Und das ist meines Erachtens schlicht falsch, auch ganz sachlich betrachtet und ohne jeden ethischen oder politischen Kontext.

Das fuehrt zu meinem zweiten Punkt.

Der Einsatz von wikiaehnlichen Modellen der Zusammenarbeit in Unternehmen bedeutet, das Ordnung und Zusammenhänge „is created by demanding active involvement from users in ways of organizing and creating their own information architecture“ schreibt Tapscott. Diesen Prozess in Gang zu bringen, erfordert viel Ermutigung, Training und Unterstuetzung; wenn er aber einmal laeuft, ist er unumkehrbar. Die Verantwortung, selbst Zusammenhaenge herzustellen, Beziehungen sichtbar zu machen, so Ablauefe und Ansichten zu erzeugen, ist nicht jedermanns Sache. Die Zurverfuegungstellung von Mitteln macht nicht jeden zum Visionaer.

Das Reverse Engineering einmal auf diese Art etablierter Informationsarchitekturen, ist allerdings aus Effiziengruenden praktisch unmoeglich: Wer einmal losgelaufen ist, fuehrt die Bewegung an; und diesen Weg nachzuzeichnen, ist etwa genau so aufwändig wie der Versuch, einen neuen Weg zu finden.
Das gibt einen Hinweis auf eventuelle neue Macht für den Einzelnen durch die Nutzung von Collaboration- und freien Gestaltungsmöglichkeiten.

Fluidity, diese vom Philosophen definierte Eigenschaft digitaler Information, die schnelle Verbreitung, Veraenderung und Weiterverarbeitung ermoeglicht, ist das Schmiermittel in Informationsprozessen, die in immer neuen Kombinationen immer mehr Zusammenhaenge erzeugen und sichtbar machen (darauf komme ich immer wieder zu sprechen…).

Der oft zu kurz kommende zweite wichtige Punkt im Arbeiten mit Wikis ist, dass nicht nur die Verbesserung gegebener Inhalte möglich ist, sondern genauso die Herstellung von Zusammenhängen. Zusammenhänge sind nicht nur Abläufe von hier nach dort, sie sind auch die sinnstiftenden Hintergründe für neue Ideen oder fuer die Interpretation einzelner Schritte in diesen Abläufen.

Das ist Macht. Das erfordert Verantwortung. Und, aufgrund der zunehmenden Digitalisierung und Beschleunigung dieser Prozesse: Das erfordert Medienkompetenz als eine der wichtigen Eigenschaften, die in diesen Prozessen Orientierung ermoeglichen.

„The Internet doesn´t primp itself with the pretense that it’s words are guaranteed to be true“, schreibt Tapscott gegen Ende und bezieht sich damit auf das Spannungsfeld zwischen Pluralismus und Relativismus, Qualitätsanspruch und Authentizität. Wir arbeiten daran, ist dem entgegenzuhalten.

Die Mechanismen von Autorität, Authentizität, Vertrauenswürdigkeit, Qualität in Onlinemedien und digitaler Kommunikation zu untersuchen, halte ich für weit spannender, als Tips für die effiziente Nutzung potentieller Massenweisheit zu geben. Erfolgsstories gibt es hier immer erst im nachhinein. Denn auch die Nutzung und Aufbereitung dieser Massenweisheit steht zuerst ziemlich schnell vor der Frage: Wem glauben? Und warum?

The Digital Media Ethics Textbook


Charles Ess‘ „Digital Media Ethics“ is unique and amazing in several ways:

  • It’s a genuinely philosophical book investigating ethical traditions in the light of potential new challenges brought up by digital media
  • It’s areal textbook with exercises, practical questions and homework
  • It does not use theoretical dilemmas to illustrate philosophical questions, but the Facebook- or Gmail-Terms and Conditions
  • It finally (for me) clarifies, where the term ubuntu comes from…

Ess investigates potential new ethical challenges that arise in the context of digital media. This does not mean it’s about copyright only.
A major question is wether digital(online) media empower (free speech) or enslave people (spread structures from western civilization all over the world), whether online communication makes us less sensitive and responsible (because it’s only disembodied words) or more powerful and thus requires more responsibility (because our communication has much more reach and impact).
These questions can not be asked nor answered per se – they always depend from the ethical or even more basic metaphysical frameworks we presuppose. This is where online media prove that they really need to be treated in a different way then classical media or other forms of human relationships: They are not only a means of distribution or documentation with new features and possibilities, they also offer – through their genuine features – much more and different contents than any other type of media. We know much more (content) and in the same time much less (context), we can compare opinions and change perspectives – but we have to be very careful with that.
We seemingly know a lot, but only on the surface. On the ther hand: We never know more than just the surface – the rest is our imagination. Knowing and respecting this is one of the most important ethical guidelines that derive from the inspection of digital media – and that can not only be illustrated, but also trained through the used of digital online media.

This is an aspect we also cover in our upcoming book „Wie die Tiere“ (currently available in German only and out in December): What are the borders of meaning and communication, and why do we understand each other anyhow?

The Philosopher, the Wolf, the Dog and the Fleas


BreninMark Rowlands has come of age. His hair is dyed, he is not a lonesome writer anymore but a reknown professor of philosophy at the University of Miami, a husband and a father. And instead of a wolf, a Schaeferhund-dog is now his companion on his daily jogging trips.
The wolf made Mark Rowlands famous. „The Philosopher and the Wolf“ oscillates between macho-myths of a man and his beast and academic philosophy, an autobiography and an analysis of ethics, communication and the meaning of life, an instructional textbook and a pet story more touching than Lassie, Flipper and Black Beauty.

„The Philosopher and the Wolf“ describes eleven years Rowlands spent as a philosophy teacher and writer in Alabama, Ireland and France, always accompanid by a wolf he bought in his early twenties. During all these years, men (and women) appear only as marginal characters in Rowlands life, no matter if he’s having years of party in Alabama, a hermit’s life in Ireland or a merry bachelor’s life in southern France.
The solitary way of living, the intense examination of the world, view and values of animals directs Rowlands to ask fundamental questions on what is important, what is good and bad, what is happiness, and finally: What does death mean for men and for animals?

The book is more than just a pet story – although that might be hard to get for readers who never even had a hamster. The death of pets is a strong experience n0ot only because we probably liked them, but because it signifies the end of quite long period in our life that we overlook from end to end. We have been there before our oets, and we are still here, while a whole life has passed. The death of a dog reminds us very clearly that now 10, 12 or fifteen years have definitely passed, are gone, will never come back again, that we will have to change some habits and probably think of something new.
Thoughts on the meaning of death for men and wolves (or dogs) cumuluate in the last chapter of the book, „The Religion of the Wolf“. Men fear death, they Rowlands, because they think about the future. That’s the problem with dying: It’s not that we loose what we are or have, the problem is that death makes us loos our future.
Wolves (or dogs or other animals) don’t care about past or future – they are just know They know neither hope nor fear, they just care about what’s going on right now – which after all, is a very decent way to handle things…

„The Philosopher and the Wolf“ is a very beautiful book combining a nice story with practically explained philosophical topics. The public reception was somehow different: Journalists liked it, the book sold great – but the reviews mostly focused on the macho-aspect of living a merry bachelor’s life with a wolf – or on the unpleasant part of having to sort out fights with other dogs, dealing with the lust for destruction of young wolves (dogs) and having to take care of a sick and dying wolf (dog).
That’s not the story – we should know this if we ever had a hamster….
The view and insight Rowlands describes, is an extended, enhanced view that acknowledges the presence and specific intelligence of other beasts than men.
This is a perspective we are not used to; in our daily world, the idea that the rest of the world – environment, animals, nature – are not there for us, at our disposal, but that it is with us – or actually the other way: We are allowed to be with them.

I bet it’s not pure chance that Rowlands is not only the guy with the big dogs, but also one of the most prominent philosophers in the field of animal rights – and a representative of the philosophy of the external mind. Wikipedia says he is „one of the architects of a view known variously as the extended mind, vehicle externalism, locational externalism, active externalism, architecturalism and environmentalism.“
„The idea, very roughly, is that at least some mental processes extend into the subject’s environment in that they are composed, partly (and, on most versions, contingently), of manipulative, exploitative, and transformative operations performed by that subject on suitable environmental structures“, explains Rowlands. „I think I’m also known for holding a rather strange view of the nature of consciousness.“

Interview

 

Michael Hafner talked to Mark Rowlands about morality, mortality, loneliness as a merry bachelor’s life and the questions wether fleas have feelings. and other moral obligations towards animals

themashazine: After reading „The Philosopher and the Wolf“ I head tears in my eyes and started to louse my dog, because I just wanted to do her something good. – Actually, I thought I would not like the book after I read some (mainly german) reviews that gave me the impression of you as someone exploiting something quite ordinary (living with an animal) as something special and exciting (the big, strong, mean, stinking, aggressive and then even ill animal). – How did you like the reception of your book?

Mark Rowlands: I’m not familiar with the German reviews, as I don’t speak German. I suppose I am aware of most of the English language reviews (my publishers send them to me), and, of course, I’m delighted – since the vast majority of them have been very positive. I try – I really try – not to take any notice of reviews: but it’s much easier to do that when they are so nice!

themashazine:what can people who never lived with an animal take from your book?

Mark Rowlands: The book is an extended examination of what it means to be human. In particular, I examine three features that are thought to separate us from other creatures: intelligence, morality, and our understanding of our own mortality. So, the book would be, I hope, of interest to anyone who has thought about this issue – whether or not they live with animals.

We are more intelligent than other animals (at least in the way we measure this). But this comes from our simian forebears travelling a path that wolves and other social creatures did not. Our intelligence is grounded in more primitive abilities to manipulate and deceive our peers. The result was an arms race, where abilities to resist manipulation and deception just about kept their noses in front of manipulation and deception. The intelligence we have today is a result of this race: manipulation and deception are core components of human intelligence.

This theme was reiterated in my discussion of morality. We are also distinguished from other creatures, so we think, by our moral sense. We understand right and wrong: they do not. I examined the extent to which power and deception lie at the core of our sense of right and wrong. So, for example, take a social contract model. The basic idea is: you scratch my back, and I’ll scratch yours. Or, at the very least, you refrain from sticking a knife in my back, and I’ll similarly refrain. You accept certain limitations on your freedom if others will accept the same limitations. Morality emerges from these sorts of primitive (and hypothetical) agreements (or contracts). However, as many have pointed out, it makes sense to contract only with people who are capable of helping you or hurting you. Therefore, if this is the basis of morality, those who can do neither fall outside the scope of morality. That is: we have no moral obligations to the powerless. Power is deeply embedded in the way we think about morality.

The same is true, I argued, of deception. In the contract, image is everything. It doesn’t really matter whether you are helping someone else, as long as they think you are. If you can deceive, you garner all the benefits of the contract whilst accruing none of the costs. The contract, by its nature, rewards deception. So, while the contract is supposed to be about morality, if you dig a little deeper, you find power and deception.

Our sense of our mortality is perhaps the most decisive difference between us and other creatures. I think other creatures understand death only in part. They cannot understand the ‘and that’s all she wrote’ aspect of death. That the one who dies will return nevermore. Because we can realize this, in a way that no other creature truly can, we have a choice to make – one so fundamental that it effectively defines the kind of life we are going to live. We can tell ourselves stories to the effect that death is not really the end. The basis of the stories is hope; hope that becomes the primary virtue of some religions and re-baptized faith. Hope, I said, is the used car salesman of human existence: so friendly, so plausible, but you can’t rely on him.

Why did I say this? Hope takes away something from us – it takes away the possibility of our lives possessing a certain kind of value. There are certain moments, I argued, when we are at our best; and it is here that the real value of life is to be found. This value is not to be found in goals toward which we strive, our ambitions, achieved or not. Our lives resist judicial summary. Rather it is to be found at certain moments, scattered around our lives. This talk of moments confused a lot of people, and led them to the conclusion that I was saying we should live in the moment. In fact, I said the opposite: living in the moment is not the life characteristic of a human – and there is no point trying to be what we are not. So, let’s replace the word ‘moments’ with ‘times’. There are certain times in our lives when we are at our best. This is when we understand the game is up. These are the times when hope has deserted us, and we have nothing left but our defiance and our scorn. In the end it is this defiance that gives our lives value: it is only our defiance that redeems us.

themashazine: What do you tell people who say they feel the same you felt about Brenin (the Wolf) about their Chihuahua?

Mark Rowlands: Good question. I attach no direct significance at all to the fact that Brenin was a wolf (or maybe wolf-dog mix). For the purposes of the book, it really did not matter. Could someone feel the same about their Chihuahua? Yes, they certainly could.

themashazine: You describe yourself as a misanthrope – what made you change your mind? did you change your mind or did you find a way to live with it? has something changed since your obvious misanthrope-times?

Mark Rowlands: Looking back, I tend to think that I just wanted a break from human beings for a while. Does that make me a misanthrope? Maybe it does.

themashazine: Your life in Ireland and France does not sound uninteresting for a man; one could get used to it as a merry bachelor´s life – but who did clean your house and do your laundry at that time?

Mark Rowlands: I cleaned my house and did my laundry. The laundry was fine, but the house was rarely clean – although, in my defense, I did have three large, and often muddy, canines sharing a small cottage.

themashazine: I like your arguments about morality and the attitude towards the weak. But are not also intentionality and the perceived distribution of power important issues? Are my horses – who are way stronger than me – mean when they step on my toes? Are they immoral when they risk my health by jumping around and hustling me, when they are scared of green Martians they see in the trees?

Mark Rowlands: Do your horses often see green Martians? If so, what sort of grass is growing in their field?

More generally, animals are not moral agents in this sense: they cannot be morally censured for what they do. They have no choice in the matter, and they cannot subject their actions to critical scrutiny and moral evaluation. That is: they cannot ask themselves questions like: is what I am doing the morally right thing to do in these circumstances?
So, animals are what is known as moral patients as opposed to moral agents. This means, very roughly, that they have rights but not responsibilities. The same, of course, is true of many humans – young children being an obvious example.

Some people claim – usually because they haven’t thought about what they are saying – that you cannot have rights without responsibilities. If they really mean this, then they are committed to denying that young children, and certain other categories of humans, have rights – not an option I would endorse.

themashazine: I guess that my dog is happiest, when she is eating, sleeping in the sun or fighting (which I can’t let her do, because she is too talented and efficient). She can enjoy that until she does something else, I can enjoy – whatever I enjoy – only inbetween (before I have to leave, after I come home from work, because I can take a few minutes now, because we have not sat together or been for a walk or a while now),
Is that part of the difference between wolves and apes you described? And did you find a way to deal with it – or could you just diagnose the difference?

Mark Rowlands: I think it’s true that one of the reasons we humans are such a dissatisfied species is because we are so spread out in time that we find it very difficult to enjoy the moment. As I said: Living in the moment is not the life characteristic of a human – and there is no point trying to be what we are not.

themashazine: Finally, to get back to the fleas: I’m killing them intentionally and they are way smaller and weaker than my dog or me. – Are we immoral?

Mark Rowlands: Two responses:

First, you have a duty of care to your dog that you don’t have to her fleas. You took on that duty when you brought her into your life.

Second, fleas are, as far as know, non-sentient. We might be wrong about this, but given everything we know about the neural basis of consciousness, it’s a pretty good bet. Therefore, a good case can be made for thinking that fleas fall outside the scope of morality. We have no moral obligations to fleas.




Explorative Communication

Communication is not always about agreeing. It’s not even always about understanding.
So what else do we do, besides creating noise?
Sometimes communication is about exploring: We have to use words, thoughts, to materialize ideas, to bring them into existence. But we don’t want to convince anybody, we don’t even want to explain that to someone, sometimes we don’t even want someone to listen.
We are just talking/thinking, because this is a way of creating.

Sounds stranger then I thought. I think I’ll have to get back on this.

30 Jahre Postmoderne? – Lyotard revisited 3/3 – Dissens als Leitbild von Leben, Kommunikation, Medien


DissensBeliebigkeit, Flexibilitaet sind Sichtweisen von Vielfalt. Vielfalt in der Kommunikation bedeutet, unterschiedliche Sichtweisen zu vertreten, diese mit unterschiedlichen Mitteln und Argumentarien zu erklaeren. Auch ohne zentral anerkannte Instanzen, ohne maechtige Kirchen, ohne attraktive Politiker, mit Universitaeten, die ihre Leistungsbilanz gegenueber jener von Kindergaerten rechtfertigen muessen, sind wir weiter von Chaos, Anarchie oder moralischem Verfall entfernt denn je.
Was haelt angesichts so vieler unterschiedlicher Positionen zusammen? Die Hypothese ist, es ist eben die Vielfalt, die Zurschaustellung von Diversitaet, Buntheit, sich selbst behauptender (und nicht von etwas angrenzender) Andersartigkeit, die den Zusammenhalt ermoeglicht.
Die Infragestellung gewohnter Zusammenhaenge und Begruendungen, die Zerlegung oft unhinterfragter Legitimationen dienen dazu, die reale Vielfalt aus einer neuen Perspektive betrachten zu koennen:Wir haben es nicht nur mit Variationen desselben zu tun, nicht mit Abweichungen von einem Standard – es gibt real die Moeglichkeit, anders zu sein, von Grund auf anders zu argumentieren, Dinge anders zu betrachten und zu beurteilen, und anders zu handeln – ohne das „anders“ als anders zu betrachten. Die Norm ist eine Erzaehlung unter vielen. Ihre Positionierung, egal ob ueber Ignoranz („Wir sind doch alle so“) oder Toleranz („Gut moeglich, dass du das anders siehst, aber…“) ist Anmassung, die alle anderen dazu zwingen soll, sich mit ihr auseinanderzusetzen.
Dennoch basiert in unserer aktuellen Gesellschaft viel auf diesem Prinzip: Es geht immer um Mehrheitsfaehigkeit, Konsens, um den Durchschnitt.

Konsensorientierung unter Terrorverdacht

Konsens bedeutet immer auch einen kleinen Gewaltakt. Einer muss nachgeben, es kann nicht immer um rationale Ueberzeugung gehen (in allen Konsequenzen vom Verstehen ueber das Akzeptieren bis zum Handeln ist das nahezu ausgeschlossen); in einer Zweierbeziehung bleibt einer, in einer offenen Gesellschaft bleibt sogar die Mehrheit auf der Strecke. Die Mitte ist dort, wo erst einmal keiner ist. Auf dem Weg dorthin musste ein Grossteil etwas nachgeben – manche mehr, andere weniger.
Dabei geht es nicht um reale, koerperliche Gewalt, nichteinmal um Unterdrueckung oder Meinungsfreiheit.
Es geht um den argumentativen, diskursiven Aufwand, der demjenigen zugemutet wird, der eine andere Position beschreiben, ausformulieren, vielleicht auch nur beziehen moechte. Durch das Konsensprinzip, die Annahme einer verbindenden Norm oder die Reduktion von Innovation, Devianzen auf das, was mit bestehenden, bekannten Mitteln erfasst, beschrieben werden kann, wird das Bestehende zementiert.
Konsens dient der Erhaltung des Status Quo, die Schritte zu seiner Erhaltung sind Ablenkung und Beschaeftigung, die weit mehr Freiraum nehmen, als sie zu geben vorgeben. Einmal mehr in Lyotards Worten: „Andererseits scheint auch der Konsens als Gueltigkeitskriterium ungenuegend. … Er gilt … nur als Mittel fuer das wahrhafte Ziel, welches das System legitimiert, die Macht.“

Moral tarnt sich als Zweckmaessigkeit

Konsens ist kein Legitimationskriterium fuer Wahrheit, er wird nicht auf beschreibende Aussagen angewandt, sondern auf vorschreibende. Die Frage ist nicht, ob wir alle der Meinung sind, dass das so ist, sondern ob das so sein soll. Konsens ist in moralischen Zusammenhaengen relevant – und strahlt von dieser Position aus in Politik, Wirtschaft und andere soziale Systeme.
Die attraktive Seite des Konsens liegt in seiner nivellierenden, alle miteinbeziehenden, ausgleichenden Form. Konsens scheint nah bei Gerechtigkeit zu liegen. Praktisch repraesentiert Konsens Gerechtigkeit meist etwa so weit, wie lauwarmer Kaffee eine Symbiose von heissem Espresso und Eiskaffee repraesentiert: Am Ende ist niemand gluecklich.

Ein Abruecken von Konsensorientierung muss nicht Egoismus oder Isolation bedeuten. Zur Diskussion stehen die moeglichen und relevanten Ziele von Kommunikation. Wird Konsens als Ziel vorausgesetzt, stellt das bereits Ansprueche an den Verlauif von Kommunikation; es schliesst Positionen aus, zwingt zu Relativierungen und bringt immer eine manipulative Komponente mit ein. Mindestens einer will den anderen immer wohin bringen; meist verfolgen beide bestimmte Absichten.
Einen Schritt weiter betrachtet, bedeutet Konsens als Ziel von Kommunikation auch, dass Kommunikation nicht ihr Selbstzweck ist oder explorativen Charakter hat. Konsens ist mit Handlungen verbunden; die Priorisierung von Konsens laesst darauf schliessen, dass nach Kommunikation auch etwas bestimmtes passieren soll – der Konsens (dessen Gegenstand, konkrete Auspraegung) soll befolgt werden. Diese Voraussetzung schliesst konsequenterweise eine weitere Voraussetzung mit ein: Es herrschen anerkannte Werte, die fuer alle akzeptierbar sind, und die bereits vor Beginn der konkreten Kommunikation vorgeben, in welchen Bahnen sich Konsens bewegen kann.

Konsens unterbindet Kommunikation

Konsens als Kommunikationskriterium macht in diesem Sinn Kommunikation ueberfluessig.
Der Zwang zuzustimmen und die Notwendigkeit, anderes verstummen zu lassen, lassen Lyotard gar von Terror sprechen: Terror sei nicht notwendigerweise blutige Gewalt, aber alles was darauf abziele, etwas durchzusetzen und anderes zu beenden, verstummen zu lassen, auszuloeschen – was im Fall von Kommunikation sehr schnell passieren kann. Und Terror habe, ebenso wie die Konsensorientierung, immer ein Bild von Gerechtigkeit im Hintergrund.
„Der Konsens ist ein veralteter und suspekter Wert geworden, nicht aber die Gerechtigkeit. Man muss zu einer Idee und einer Praxis der Gerechtigkeit gelangen, die nicht an jene des Konsens gebunden ist. Das Erkennen der Heteromorphie der Sprachspiele ist ein erster Schritt in diese Richtung. Es impliziert offenkundig den Verzicht auf den Terror, der ihre Isomorphie annimmt und zu realisieren trachtet. Der zweite ist das Prinzip, dass, wenn es Konsens ueber die Regeln gibt, die jedes Spiel und die darin gemachten Spielzuege definieren, so muss dieser Konsens lokal sein, das heisst von den gegenwaertigen Mitspielern erreicht und Gegenstand eventueller Ausloesung. Man orientiert sich also an Vielfalten endlicher Metaargumentationen, wir wollen sagen: Argumentationen, die Metapraesktiptionen zum Gegenstand haben und raum-zeitlich begrenzt sind.“
Alles, was wir sagen, gilt (nur) hier und jetzt; wir haben den Moment im Ueberblick und sehen, was offen daliegt. An den sichtbaren Oberflaechen sind wir sicher, alles darueber hinaus (oder darunter) ist Spekulation. Spekulation an sich ist nicht das Problem – das entsteht erst dann, wenn versucht wird, eine Spekulation ueber die andere als Norm zu erheben.

Medien als Manifestation des Dissens, Dissens als Modell unserer Werte

„Heteromorphie der Sprachspiele“ ist ein recht abstrakter philosophischer Begriff. Medienvielfalt, Medienkonzentration sind politische und oekonomische Begriffe, die aehnliches vermuten lassen, aber nicht glelichzeitig qualitative Aenderungen bedeuten muessen. Medien nicht als Produkte sondern als omnipraesente Werkzeuge, die in all ihrer Redundanz, fragwuerdigen Qualitaet und Trial&Error-Mentalitaet endloses Rauschen, Gespraeche oder andere Geraeuscharten erzeugen, sind ein Sinnbild von Heteromorphie und Polyphonie.
Sie mit normativen Qualitaetsargumenten regulieren zu wollen, Profijournalismus dem Buergerjournalismus gegenueber stellen zu wollen, ist Ausdruck von Terror. Sie als Repraesentanten freier Meinung, als originale urpruengliche Kommunikation, ueber den regulierten oeffentlichen Diskurs stellen zu wollen, ebenso.
Dissens als nicht entschiedener und konkreter Widerspruch, sondern als ueber den Gegensatz hinausgehende Vielfalt, als Summe von Abweichungen ohne Mitte, von der man abweichen koennte, ist ein angemessenes Leitbild zur Beschreibung aktueller Moralvorstellungen und Wertesituationen. – Aus welcher Position laesst sich so etwas feststellen? Wie laesst sich Dissens als Situation beschreiben?

  • Ganz koennen wir die gewohnte Position, die regelnd und vorschreibend argumentiert, nicht verlassen. Wir brauchen Werte, wir erzeugen sie, indem wir argumentieren. „Gute“ Kommunikation thematisiert diese normative Dimension, setzt Grenzen und Bezuege, macht klar, wer warum worueber spricht. Diese Regeln koennen von einem PR-Berater oder von einem Beziehungstherapeuten gleichermassen stammen.
  • Manchmal verlaesst sie auch die Zielorientierung, es geht nicht nur darum, Ergebnisse, Ueberzeugung zu erreichen, sondern einfach einmal darum, einen Gedanken, eine Perspektive durchzudenken, auszuformulieren. Eventuelle Ergebnisse, Konsequenzen gibt es vielleicht spaeter.
  • Dissens als Leitbild bedeutet, in der Auseinandersetzung eigene Werte und Annahmen zu hinterfragen, sie nicht die Position des Gegenueber unhinterfragt ueberlagern zu lassen. Das ist in der Behauptung eigener Argumente wichtig, wichtiger aber oft im Versuch, Argumente des anderen zu verstehen: Er muss nicht aus meiner Perspektive argumentieren; ich sollte wissen, was er jetzt gerade sagt, in welchen Zusammenhang er das stellt, welche Werte er hier miteinbezieht – ohne dabei zu viel Spekulation zu veranstalten. Verlaesslich moeglich ist nur der erste Punkt…
  • Das erfordert eine Fuelle an Kommunikation – als direkte Realtime-Auseinandersetzung, als Ausformulierung von Standpunkten, als Ideensammlung, als Argumentarium. Nicht alles davon muss den gleichen Zweck erfuellen – im Gegenteil: Abgesehen von der (zielorientierten) Realtime-Kommunikation erfuellt das meiste wohl gar keinen Zweck. Oder, aus einer anderen Perspektive betrachtet: Mehr als einen Zweck; die Beschraenkung durch enge Vorgaben entfaellt zugunsten von Offenheit.

30 Jahre Dissens und Infragestellung

Vielleicht war es nicht die Idee einer unendlich polyphonen und im buchstaeblichen Sinn privatisierten Medienlandschaft, die Lyotard vor dreissig Jahren im Sinn hatte. Vielleicht war es ein klaren Regeln folgender akademischer Diskurs, der rein analytische Ziele verfolgte: Moeglichkeiten aufzeigen, aber nichts entscheiden. Vielleicht auch die insgeheime Aufforderung, neue Regeln zu entwickeln, die diesen Anforderungen gerecht werden, die ihre Grundlagen instrumentalisieren koennen und Loesungsansaetze entwickeln, wie wir auch trotzdem Ziele erreichen.

Die Situation, vor die uns neue Online-Medien stellen, ist eine Mischung aus diesen Punkten. Wir haben nichts zu entscheiden,wir werden nicht gefragt – einerseits. Andererseits fragt sich die ganze Welt, was wir in dieser Situation, mit diesen Medien machen sollen, wie wir sie fuer PR-, Marketing- oder Bildungszwecke nutzen koennen. Und die Antwort ist oft: Einfach tun, einfach ausprobieren. Allein das macht Konsens unmoeglich…

Die Faehigkeit, mit Dissens umzugehen, ist etwas, das wir trainieren muessen. Positionen wahrnehmen, analysieren, respektieren, ohne jedesmal Partei zu ergreifen, ist ein grundsaetzlich gesicherter Weg, Respekt zu erlernen, respektvollen Umgang mit ungewohnten Positionen zu ueben. Sich an den Gedanken von Dissens als tolerierbarem Zustand zu gewoehnen bedeutet – oder trainiert – darueberhinaus auch die Faehigkeit, unterschiedliche Positionen ueberhaupt wahrzunehmen.
Der Umgang mit Social Media unterstuetzt uns dabei. Wir lernen mit einer Fuelle von Information umzugehen, sie in ihren Zusammenhaengen und Abhaengigkeiten einzuschaetzen, professionelle, kommerzielle und marketingorientierte Kommunikation von verstaendigungsorientierter und diese von explorativer Kommunikation zu unterscheiden. Wir gehen damit um, dass wir keine besonderen Autoritaeten haben, dass Medien, Themen, Meinungen in Hinblick auf potentielle Reichweite, Einfluss, Qualitaet und Originalitaet gleichberechtigt nebeneinander stehen.
Der Umgang mit Social Media unterstuetzt diese Wahrnehmung und trainiert diese Faehigkeit.
Social Media, neue Online-Medien erzeugen darueberhinaus natuerlich auch Dissens. Das ist eine ihrer mittlerweile unhinterfragten Hauptaufgaben. Ob das ein unerwuenschter Stoereffekt ist oder der angemessene Weg, mit aktuellen Gegebenheiten umzugehen, ein Weg zur Repraesentation und Diskussion der Wirklichkeit, ist in Beziehung zu Sprachspielen, Legitimationsdiskursen und schliesslich auch moralischen Einstellungen zu sehen.
Akzeptieren wir die Modelle, die Diversitaet darstellen, oder wuenschen wir uns jene, die Normen positionieren und durchsetzen, zurureck?
Auch diese Frage wird bald nur noch unter historischen Bedingungen, als Gedankenspiel gestellt werden koennen. Das ist die dritte Wirkungsweise von neuen Online-Medien in Hinblick auf Dissens: Sie unterstuetzen und erzeugen Dissens, sie trainieren unsere Faehigkeiten im Umgang mit Dissens, und sie setzen das begrifflich-abstrakte Konzept von Dissens in Realitaet um. Sie erzeugen und veraendern Realitaet, sie bieten angreifbare Manifestationen eines philosophischen Konzepts. Im doppelten Sinn: Als Produkt von Vielfalt einerseits, als Beispiel fuer die Macht des Sprechens, die reale Produktivitaet von Kommunikation andererseits.

Eine Theorie der Social Media als zeitgenoessische Kommunikationstheorie, die ueber die Frage des pragmatischen Marketingeinsatzes hinausgeht, muss die Bedingungen und Moeglichkeiten von Verstaendigung einer diversifizierten Welt mit vielfaeltigen Werten thematisieren. Lyotards in der Mediendiskussion kaum noch praesente Ansaetze, die Welle an folgenden Post-ismen (Postexistentialismus, Poststrukturalismus, Dekonstruktion,…), die fortschreitende Laehmung durch die Entfernung urspreungliche verbindender, Diskussionen als selbstverstaendlich beendender Normen und Wertvorstellungen, stehen der Tatsache gegenueber, dass trotz allem immer noch irgendetwas funktioniert, trotz allem taeglich Verstaendigung und Ueberzeugung stattfinden.
Das kann bedeuten, das die Theorie des Dissens und der nicht selbstverstaendlichen, selbst immer auch erklaerungsbeduerftigen Legitimierungen nicht stimmt.
Es kann auch als Hinweis gesehen werden, dass Dissens eine produktive Kraft ist: Wir muessen erst feststellen, dass wir einander nicht verstehen, bevor wir darueber reden koennen, ob wir einander verstehen wollen. Der erste Punkt ist dabei die ausdruecklichere Bezeugung von Respekt und Aufrichtigkeit.

Postmoderne revisited in drei Teilen

30 Jahre Postmoderne? – Lyotard revisited 1/3
30 Jahre Postmoderne? – Lyotard revisited 2/3 – Performatives Sprechen: Ich sage das, also ist es so
30 Jahre Postmoderne? – Lyotard revisited 3/3 – Dissens als Leitbild von Leben, Kommunikation, Medien

30 Jahre Postmoderne? – Lyotard revisited 2/3 – Performatives Sprechen: Ich sage das, also ist es so


PerformativitaetWoher kommt die legimitierende Kraft des blossen Sprechens; welche Regeln muessen erfuellt sein, damit Abweichungen, Veraenderungen akzeptierbar und realistisch sind? Geht es gar ohne Regeln?
Um Sprechen in einer nicht den aktuellen Regeln unterworfenen Urform zu beobachten, widmeten sich Lyotards strukturalistische Ahnen (Levi-Strauss, Mauss,…) den narrativen, nicht-diskursiven, nicht-wissenschaftlichen oralen Kommunikationstraditionen indigener Voelker.
Die Erzaehlweisen brasilianischer Ureinwohner oder der beobachteten Suedsee-Voelker galten als Beispiele anderer, nicht unseren Grundsaetzen unterworfener Legitimationen. Daneben hatten Erzaehlungen – als einzige Form der Ueberlieferung – einen anderen Stellenwert, als wir ihn jetzt mit diesem Wort verbinden. Erzaehlungen unterhielten nicht, sie waren auch nicht nur die Ueberlieferung von Information – Erzaehlungen waren Mittel zur Autorisierung. Wem erzaehlt wurde, der hatte Wissen und damit Macht. Er war in der Lage, selbst etwas zu erzaehlen und das Wissen, wenn er wollte, weiterzugeben. Durch die Erzaehlung wurde er vom Narrataer (ein Kunstwort, das denjenigen bezeichnet, dem etwas erzaehlt wird) selbst zum Narrator. Der Gegenstand selbst spielt dabei weniger eine Rolle; wichtiger ist, wer wem etwas erzaehlt oder etwas verschwiegen hat. Wer darf teilhaben, wer muss draussen bleiben. Sprache bildet Netzwerke; etwas zu erfahren und dadurch einem bestimmten Personenkreis anzugehoeren, kann Leben veraendern. – Wer ist wessen Freund, wessen Posts werden kommentiert, wer wird ignoriert?
Erinnern wir uns: Urspruenglich beschrieb dieser Absatz nicht Facebook…

Social Media als Analogien zu oralen Traditionen

Die ungezwungene Kommunikation, das Entstehen von Macht und Potential allein durch Kommunikation, die Verschiebung sozialer Grenzen durch jedem moegliches performatives Sprechen gehoeren zu den wesentlichen Grundzuegen neuer Online-Medien. Weitere Gemeinsamkeit: Form, in diesem Fall nicht als Frage von Stil oder Formeln, sondern in Form von Tempo, Reichweite, Linkpopularitaet, ueberwiegt den Inhalt.
„Unter den Bedingungen einer Initiation in einer vollkommen festgelegten Form und in einer von den ihr auferlegten lexikalischen und syntaktischen Unregelmaessigkeiten verdunkelnden Sprache ueberliefert, werden sie in endlosen Sprechgesaengen vorgetragen“, schreibt Lyotard ueber die Erzaehlungen einer der beobachteten brasilianischen Communities. Fuer Einsteiger mag das auch wie eine auf den ersten Blick brauchbare Beschreibung von Twitter wirken – der Fluss an Meldungen ist endlos, dank der Verkuerzung selten syntaktisch korrekt, aber in klare aeussere Formvorgaben gepresst.

Effektivitaet und Allgegenwart machen gleichermassen wichtig

Medial unbeeinflusste Urformen von Kommunikation und hypermedial unterstuetzte, von Zitaten getragene und von konkreten Personen und Bezuegen losgeloeste Kommunikation treffen einander in einigen Punkten wieder. Der groesste Unterschied – die potentielle Reichweite – sorgt zugleich fuer die groessten Gemeinsamkeiten: Die Reichweite verleiht Kommunikation das Potential, Versprechen zu erfuellen. War es urspruenglich die Exklusivitaet, die an Rollen gebundene Stellung des Sprechers, die Situation der Kommunikation an sich, die den initiierenden, performativen Charakter bedingte, so sind es jetzt Allgegenwart und Reichweite: Jeder sieht es (vielleicht), jeder kann daraus machen, was er moechte – weil fast jeder alles kann, wird umso bedeutender, welche der vielen verfuegbaren Moeglichkeiten tatsaechlich gewaehlt wird, welche Beziehung ausgebaut wird, welche ignoriert wird.

Diese Verschiebung von momentaner Kommunikation ueber delegierte, in Prozesse, Regeln und Hierarchien verlagerte Kommunikation (zurueck) zu direkter, jedem Chancen einraeumender Kommunikation, die allen den gleichen Zugang zu Werkzeugen, nicht aber zu Inhalten bietet (hier sind wir von Angleichung und Chancengleichheit weit entfernt), ist eine ziemlich salopp ueber Jahrtausende dahingeworfene Analogie.
Darin, in genau dieser scheinbaren Unueberbrueckbarkeit, liegt ihr Reiz.
„Wie es letztlich eine Kultur, die der narrativen Form den Vorrang einraeumt, nicht noetig hat, sich ihrer Vergangenheit zu erinnern, so bedarf sie auch ohne Zweifel keiner besonderen Prozeduren, ihre Erzaehlungen zu autorisieren„, heisst es in Lyotards Text weiter ueber historische orale Formen der Kommunikation. Es gilt, weil es so ist, weil ich es gesagt habe – weil ich meine Ansicht vertreten kann und moechte. Das bedeutet demokratische Rechte ebenso wie die potentielle Vernachlaessigung inhaltlicher Qualitaet.

Wir machen eben immer mehr, reden schneller und verbreiten uns weiter.
Erfolg und Qualitaet haengen weniger von gewohnten Kriterien wie Richtigkeit oder Originalitaet ab, es gelten andere Kriterien, die teilweise schon systemimmanent sind – so ausgewachsen ist unsere neue Medienlandschaft schon…

Entwicklung von machtorientierten Qualitaetskriterien

Die Feststellung, dass wir uns weniger um unsere Vergangenheit und um das Zustandekommen oder die Begruendung unserer Aussagen kuemmern (sondern eher um deren Verbreitung) trifft auf Social Media insbesondere zu. Respekt und Autoritaet sind oft eine Frage der Reichweite, Relevanz wird ebenfalls an erfolgsorientierten Massstaeben gemessen (wie oft wird zitiert oder verlinkt – welchen Rang hat der Absender in Google, Technorati oder Alexa), wieviele Freunde, Follower hat ein Absender (Facebook, Twitter, Google Reader – wer hat noch nicht die Zahl seiner Abonnenten mit denen seiner Mitbewerber verglichen), oder, um die Perspektive zu wechseln: Autoritaet kann auch eine Frage der Bedrohlichkeit sein: Wieviele User lesen diesen Blogger, muss ich (als Unternehmen) den Absender in meinen PR-Beobachtungskreis aufnehmen? Diese Frage ist unabhaengig von der Qualitaet der Inhalte zu sehen; sie wird allein anhand der Reichweite und des potentiellen Einflusses entschieden.

Die Legitimation hat sich verschoben. Gueltigkeit leiten wir nicht von innen ab, Relevanz ist keine Frage der Qualitaet, es gilt etwas anderes. Ist das ein anderes Spiel, oder ist es nur das alte Spiel, in dem neue Spielzuege ausprobiert werden?
Paradigmenwechsel, echte Verschiebungen brauchen ein neues Spiel; sie koennen sich nicht mit neuen Spielzuegen zufrieden geben. 2.0, Social Media, Mitmach-Web – das sind Umschreibungen fuer Aenderungen, die etwas Grosses bezeichnen sollen. Was genau? Was in der Beschreibung von Blogs, Kommentaren, Wikis, Ratings unterscheidet sich wirklich von dem, was Brecht anlaesslich der Verbreitung des Radios schrieb? Wo ist wirklich der grosse Unterschied verglichen mit dem Absenden eines Leserbriefs?

Macht fuer alle und neue Legitimationsdiskurse

Je groesser die verwendeten Worte und die damit geweckten Erwartungen sind, desto mehr Widerspruch oder Skeptizismus weckt das. Im Bereich der Medientheorie bleibt das theoretisch, ein paralleler Diskurs, der nicht unbedingt stoert. In der praktischen Anwendung koennen schon kleine Zwischenfragen grosse Konzepte zum Kippen bringen: Wer Enterprise 2.0 einfuehren moechte (oder, bescheidener formuliert, dieser Vision verfolgt), tut gut daran, das Wort nicht in den Mund zu nehmen. Die grosse Abstraktion, die Wissenschaftler reich und beruehmt macht, ist in der bescheidenen Praxis der grosse Stolperstein. Die Einfuehrung von Kommentarfunktionen, Bewertungen, vielleicht sogar Blogs und Wikis in der Unternehmenskommunikation argumentiert sich weit besser anhand praktischer Beispiele, auch wenn das oft zu klein wirkt; bescheidene Bezeichnungen sind allemal besser als grosse Erwartungen. Enterprise 2.0, das neue Spiel, muss das sein, was unten rauskommt, nicht das, was am Anfang steht.
Das neue Spiel darf nicht das Verkaufsargument sein – es ist das beilaeufig herbeigefuehrte Ergebnis. Ansonsten verlaeuft die Diskussion nicht entlang der Inhalte, sondern entlang der Prinzipien.
Das gilt nicht nur fuer neue Medien; damit zurueck zu Lyotard: „… Die Erbringung der Beweise … ist im Prinzip ein Teil der Argumentation, dazu bestimmt, eine neue Aussage annehmbar zu machen, wie die Zeugenschaft oder das Beweisstueck im Fall der gerichtlichen Rhetorik. Sie wirft aber ein besonderes Problem auf: Durch sie wird der Referent (die „Realitaet“) in der Auseinandersetzung zwischen den Wissenschaftlern aufgerufen und vorgeladen.“ – Es bleibt uns nicht erspart, das Spiel selbst zu argumentieren. wir duerfen es aber nicht um seiner selbst willen tun, die Argumentation muss sich anhand realer Inhalte,beobachtbarer Effekte ergeben. Ist diese Trennung moeglich?
Die angesprochene Trennung ist zugleich eine Verschmelzung. Im Bereich der Medien, der Kommunikation kann die Trennung von Gegenstand, Diskurs und Metadiskurs immer nur theoretisch sein – wenn eben der Diskurs der Gegenstand ist. Fuer die Kriterien der Wahrheit und Richtigkeit bedeutet das die Verpflichtung, neue Quellen der Legitimation zu suchen. Nicht die wissenschaftliche Konsistenz und Herleitbarkeit stehen im Vordergrund, sondern die Brauchbarkeit. Die Frage ist nicht, wie sich das Projekt mit der kanonischen Literatur, den Lehrplaenen, den Unternehmensgrundsaetzen und der Branchentradition vertraegt, sondern schlicht, ob es etwas bringt. Funktioniert es, ist es brauchbar, zeichnen sich positive Effekte ab?

Primat der Effizienz

Die Herleitung dieser Effekte aus Ursachen (gehen sie wirklich auf die vermuteten Massnahmen zurueck?) eroeffnen Felder fuer spannende und kritische Paralleldiskurse; im Vordergrund steht aber ganz klar ein neuer Herrscher ueber richtig und falsch, gut und boese oder – pragmatischer formuliert – angemessen und unangemessen: Es ist die Effizienz.
Effizienz ergibt sich insbesondere dort, wo Handlung und Wirkung in moeglichst engem Zusammenhang stehen, am besten direkt aufeinander folgen, durcheinander bedingt sind. Dort, wo Dinge passieren, weil sie gesagt werden, wo die Behauptung der Handlung geichkommt. Das ist der Aspekt der Performativitaet.
Lyotard: „Aber es it wahr, dass die Performativitaet, indem sie die Faehigkeit der Beweisbringung ausweitet, diejenige ausweitet, recht zu haben: Das massiv in das wissenschaftliche Wissen eingefuehrte technische Kriterium bleibt nicht ohne Einfluss auf das Kriterium der Wahrheit.“ – Wir beweisen unsere Behauptungen, indem wir sie gleich umsetzen, Trial & Error als Mittel der Beweisfuehrung ist in ausgepraegtem Masse von der Hartnaeckigkeit der Trials abhaengig; die Menge jener, die unsere Behauptungen unterstuetzen (oder mit uns ausprobieren) traegt ebenfalls in grossem Stil dazu bei, ihre Chance auf Umsetzung und Wahrheit zu erhoehen.

Permanente Behauptungen in Social Media als Motor der Performativitaet

Und was ist besser geeignet, diese Aspekte von Performativitaet zu unterstuetzen, als allgegenwaertige Onlinemedien, Social Media als vernetzende, ihre Reichweite laufend multiplizierende Kanaele, als Medien, in denen Tempo, Reichweite und Autoritaet – wie vorhin beschrieben – Qualitaetskriterien abloesen?
Indem wir etwas behaupten, behaupten wir dessen Wahrheit; indem wir vielen anderen die Moeglichkeit geben, das mit uns zu behaupten, vervielfachen wir nicht nur den potentiellen Wahrheitrsgehalt – wir reduzieren vor allem auch die Zahl jener, die diesen Punkt beeinspruchen oder Gegengebeweise antreten koennten. – Oder, abhaengig von der Geschicklichkeit unserer Formulierung, gerade wieder vor dem Hintergrund medientheoeretischer Diskussionen: Wir koennen auch die Einwaende in positive Bestaetigungen unsere Thesen ummuenzen. Denn vielleicht gab es kein Ergebnis, aber zumindest die Diskussion war lebhaft.
ROI-Berechnungen, Erfolgs- und Qualitaetsfaktoren in Medien- und Medieneinfuehrungsprojekten sind oft solchermassen selbsterfuellend. Erfolg ist dann gegeben, wenn es gelingt, die Erfolgsfaktoren (Nutzerzahlen, Beitragsfrequenz, organisatorische Verankerung bei internen Projekit etc.) herbeizufuehren. Wenn diese immanenten Kriterien erfuellt sind, ergeben sich in aller Regel dann auch die externen Erfolgsfaktoren: Geld, Ansehen, Macht, Reichweite in Verdraengungswettbewerb.
Das gilt bei Online-Projekten, die in oft ueberschaubarer Groesse mit ueberschaubaren Reichweiten operieren (damit sind keine ins astronomische uebertriebenen Unique Clients-Zahlen gemeint, sondern User (Leser, Mitarbeiter, Kunden, Abonnenten etc.), die das Medium tatsaechlich nuetzen und es auch weiterbringen koennen. Offensichtlich – und das ist weit erstaunlicher – funktioniert dieses Prinzip aber auch im klassischen Medienbereich: Wie sonst waere es zu erklaeren dass sich immer wieder und immer noch Anzeigenkunden hinreissen lassen, in den schwachsinnigsten Magazinen, den direkt fuer den Alpapiercontainer praedestinierten schlecht gemachten Themenbeilagen, den Blaettern, mit denen niemand gesehen werden will, grosse Summen ausgeben. Medien behaupten, erfolgreich zu sein (vielleicht gemeinsam mit ihren Kunden). Kunden geben zur Unterstuetzung dieser Behauptung Geld aus. Erfolgskontrolle, direkte Ursachenforschung und auf qualitative, kausale Kriterien abzielendes Tracking dieser Kampagnen gibt es nicht. Also muss die der Kunde der Behauptung, erfolgreich zu sein, anschliessen, und diese – nunmehr seine – Einschaetzung mit weiteren Ausgaben untermauern. Das Medium ist mittlerweile tatsaechlich erfolgreich, in direkten finanziellen Dimensionen gemessen.
Im Rollout interner Projekte laesst sich aehnliches beobachten. Ein vom Senior Management unterstuetztes Projekt wird gestartet; die Erwartungen sind gering, es geht mehr um Prestige und Innovation denn um kommerzielle Ergebnisse. Der Tag der Erfolgsmessung naht – ist das Projekt erfolgreich? Gemaess der bescheidenen Erwartungen natuerlich; alle kleinen Ziele konnten erreicht werden. Der auftraggebende Senior kann ein – sein – Projekt als erfolgreich promoten; dadurch bekommt die urspruenglich bescheidene Erfolgsdimension ploetzlich ganz anderes Gewicht. Das Projekt wird auf diesem Weg tatsaechlich erfolgreich – zumindest wenn es darum geht, weitere Mittel fuer den zukuenftigen Ausbau zu organisieren…

Viele Wirkungen, viele Wahrheiten

Das sind Beispiele fuer vielfaeltige Verschiebungen in legitimierenden Quellen; der Sprung von der „Wahrheit“ zur Effizienz bedeutet auch die Vervielfachung der moeglichen unterschiedlichen Arten von Legitimierung durch Effizienz. „Es funktioniert“, „Es zahlt sich aus“, „Es wirkt“ kann in vielerlei Hinsicht gelten (das war zwar bei der Wahrheit nicht anders, die wenigen „wahren“ „Wahrheiten“ hatten/haben allerdings kulturspezifisch maechtigere Lobbies).
Effizienz als massgebliches Kriterium bedeutet den Verlust von Autoritaet fuer die bisherigen Interpreten und Dolmetscher der Wahrheit: Lehrer, Forscher, Fuehrer, die bisher entscheidend gepraegt haben, was wichtig ist und was davon wie zu verstehen ist, haben ihren Vorsprung verloren. Ihre Interpretation hat keinen Vorrang mehr vor anderen – denn dieser Vorrang laesst sich durch nichts begruenden: Mehr Information als sie eine Autoritaet je gelesen haben koennte, liegt fuer alle offen verfuegbar. Zusammenhaenge, weiter Meinungen, Kommentare koennen schneller hergestellt und eingeholt werden, als sie verarbeitet werden koennen. Und denjenigen zu kritisieren oder zu analysieren, der zur Zeit am lautesten ruft, er habe die Loesung, kostet einfach zu viel Zeit – und es bestaerkt dessen Position gerade durch die Kritik (als wichtig und damit ueber kurz oder lang, nach unseren aktuellen Kriterien, als richtig).
„Was aber sicher scheint, ist dass in beiden Faellen die Delegitimierung und der Vorrang der Performativitaet der Aera des Professors die Grabesglocken laeuten: Er ist nicht kompetenter zur Uebermittlung des etablierten Wissens als die Netze der Speicher, und er ist nicht kompetenter zur Erfindung neuer Spielzuege, oder neuer Spiele als die interdisziplinaeren Forschungsteams.“, schreibt Lyotard aus einer auf die Universitaeten ausgerichteten Perspektive.

Geben flexible Legitimierungsmoeglichkeiten und dem Diskurs immanente Beweisfuehrungen also alles der Beliebigkeit preis? Redet der postmoderne Diskurs der Belanglosigkeit das Wort – und gilt das auch und um so mehr fuer Social Media, die durch einige aufgezeigte Analogien hier mit in die Bredouille gezogen wurden?

Postmoderne revisited in drei Teilen

30 Jahre Postmoderne? – Lyotard revisited 1/3
30 Jahre Postmoderne? – Lyotard revisited 2/3 – Performatives Sprechen: Ich sage das, also ist es so
30 Jahre Postmoderne? – Lyotard revisited 3/3 – Dissens als Leitbild von Leben, Kommunikation, Medien

30 Jahre Postmoderne? – Lyotard revisited 1/3


30 Jahre Postmoderne„Der Konsens ist ein veralteter und suspekter Wert geworden, nicht aber die Gerechtigkeit. Man muss zu einer Idee und einer Praxis der Gerechtigkeit gelangen, die nicht an jene des Konsens gebunden ist.” – „Das postmoderne Wissen“ von Jean-Francois Lyotard erschien 1979 zum ersten Mal in Buchform.
Lyotard spielt in dem skizzenhaften Text nicht nur mit dem damals schon aus der Architektur bekannten Begriff der Postmoderne, er fuehrt die „informatisierte Gesellschaft“ als weiteren Begriff ein und stellt vor allem die Fragen nach den Bedingungen von Information und Wissen neu: Wie kann es sein, dass in einer vielfaeltigen, zersplitterten Realitaet Allgemeingueltigkeit angestrebt wird, welche Voraussetzungen sind erfuellt, dass tatsaechlich und immer wieder Meinungen, Behauptungen und Einstellungen als wahr, nicht zu hinterfragen und fundamental gelten – wie es taeglich immer wieder der Fall ist?

Vom Beweis zur Rechtfertigung


Die Wirkkraefte dahinter, fuehrt Lyotard aus, sind Legitimationsdiskurse. Es sind keine Beweisketten, keine besonderen, ueberlegenen Arten von Vernunft, kein Erkenntnisvorsprung, keine semantischen oder linguistischen Qualitaeten, die ein besonderes Naheverhaeltnis zwischen Bezeichnendem und Bezeichnetem herstellen – es ist ein ganzes Werk von Zusammenhaengen und Abhaengigkeiten, die alle erfuellt sein muessen und die alle anerkannt sein muessen, damit eine auf diesen beruhende Aussage oder Behauptung als wahr erkannt werden kann.

Die bekraeftigende Legitimation adelt Meinungen mit dem Kriterium der Relevanz: Wer darf etwas sagen, wer hat die Macht, seine Meinung aus anerkannten Zusammenhaengen herzuleiten? Dabei spielen unterschiedliche Dimensionen tragende Rollen: Einerseits ist das Kriterium der Verteilung massgeblich – Wer wird dafuer bezahlt, Wissen herzustellen, Behauptungen zu legitimieren, fuer die Einhaltung von Werten zu sorgen? Auf der anderen Seite steht das Vertrauen: Wem hoeren wir trotzdem zu, wem folgen wir, egal wer er ist – sei es in Form einer Bewegung oder via Twitter?

In diesem Bereich haben neue Online Medien die gewichtigste Verschiebung mit sich gebracht: Gefolgschaft, Vertrauen, Offenheit sind keine an charismatische oder spirituelle Qualitaeten gebundenen Effekte mehr – sie stehen einer groesseren Zahl an Sendern offen und sind mehr auf Inhalte ausgerichtet als auf Kontexterscheinungen. Blog, Twitteraccount oder Facebook-Status schaffen fuer alle die gleiche Startposition; die Idee eines charismatischen Blogs waere neu – und stuende zugleich auch im Verdacht, ueberteuerter sinnleerer Designerkram zu sein.

Information: Von der Auszeichnung durch Knappheit zur Auszeichnung durch Vielfalt

Die Vervielfachung potentieller wichtiger Sender ist ein kulturelles Phaenomen; die endlose und alle Anforderungen uebertreffende allgegenwaertige Verfuegbarkeit unterschiedlichster und detaillierter Informationen wirkt sich auch in realen Businessmodellen aus. Der Verkauf von Information ist heute fragwuerdiger denn je; wer aus seiner Produktion ein Geheimnis macht, kann dieses wahrscheinlich auch gern fuer sich behalten (Absolutes High-Ticket-Business, in dem Diskretion ueber Millionen entscheidet, weil es ingesamt um Milliarden geht, wird hier immer wieder ausgenommen sein).
Autoritaet, Glaubwuerdigkeit, die Entscheidung, hier und nicht dort zu kaufen, beruhen immer weniger auf der schlichten Verfuegbarkeit von Produkten und Informationen – es gibt alles immer und ueberall -, wichtigere Kriterien sind vielmehr Qualitaet, Vertrauen und positive Praesenz: Potentieller Lieferant ist, wer alles ueber sich preisgibt, Informationen veroeffentlicht, in laufenden fachlichen Auseinandersetzungen praesent ist und glaubhaft darstellen kann, dass seine Produkte und Leistungen auf konkrete Anforderungen him umgesetzt werden koennen. – Schliesslich geht es fast nie mehr um Kaufentscheidungen, sondern immer um Dienstleistungen und Massanfertigungen. Verkauft wird dabei nicht Knowhow (dessen Vorliegen ist Voraussetzung fuer das Zustandekommen einer positiven Entscheidung) sondern Umsetzungsqualitaet und -genauigkeit. „Wir sind die Besten“ ist dabei eher eine abschreckende als eine werbliche Botschaft; attraktiv sind Kooperation, Integration und Adaptierung.
Businessmodelle aendern sich langsam; die Grundzuege bleiben noch lange die gleichen. Vertrauensvolle, kundenorientierte Umsetzung kann der am deutlichsten versprechen, der die meisten Verkaeufer im Feld hat (auch wenn diese nichts mit der Umsetzung zu tun haben), Praesenz, der Anschein fachlicher Themenfuehrerschaft lassen sich auch ueber Werbung und Sponsoring erkaufen.
Oder, wie Lyotard es ausdrueckt: Diese Verschiebung „verhindert nicht, dass in den Geldstroemen die einen dazu dienen, zu entscheiden, wogegen die anderen nur gut sind zum Bezahlen.“

Regeln als Machtinstrument

Zeit also fuer eine radikalere Neuorientierung.
Beim Versuch, Innovationen zu beschreiben oder vorzustellen, werden wir immer wieder von aehnlichen Effekten eingeholt – seien es Einwaende von Zweiflern oder vorsichtiger Skeptizismus von Unterstuetzern: Was ist daran jetzt neu, was ist anders? Ist das nicht immer schon so? Ist dieser kleine neue Aspekt wirklich so wichtig, dass Abweichungen von dem bestehenden schon so lange funktionierenden Schema gerechtfertigt werden koennen?
Dieses Problem ist nicht eines der konkreten Innovation, es liegt in der Art und Weise, wie wir argumentieren und beschreiben, begruendet. Der Versuch, etwas zu beschreiben, bedeutet immer, Neues auf Bekanntes zu reduzieren. Egal wieviel wir reden – innerhalb der akzeptierten Grenzen koennen wir nur beschreiben, was wir kennen. Womit soll der Unterschied erfasst werden?
Hier setzt Lyotard an.
Legitimation als Bekraeftigung und Rechtfertigung einer Position setzt die Einhaltung von Regeln voraus. Diese koennen sozial, juristisch, politisch motiviert sein; wir haben einen gewissen Spielraum (auch innerhalb einer Gesellschaft) welches Set an Regeln wir befolgen moechten. Hinter diesen konstruierten, verabschiedeten und oft mit Sanktionen belegten Regeln liegt noch ein weiteres Set an Regeln: Die Erstellung, Beschreibung und Einhaltung von Regeln ist nur dann moeglich, wenn zuerst auch Sprachregeln eingehalten werden. Was beschreiben wir, wie verstehen wir, wie erzeugen wir Zusammenhaenge? Wann beschreiben wir, wann schreiben wir etwas vor, wann fordern wir auf, wann verlangen wir, fragen wir usw.? Was bewirken die unterschiedlichen Sprachspiele dabei in dem was sie bezeichnen, beschreiben oder eben bewirken wollen?
Lyotard: „Eine wissenschaftliche Aussage ist dann und nur dann ein Wissen, wenn sie sich selbst in einen universellen Prozess der Hervorbringung einordnet. … Diese Voraussetzung ist dem universellen Sprachspiel sogar unentbehrlich. Wuerde sie nicht gemacht, waere die Sprache der Legitimierung selbst nicht legitim, und sie waere mit der Wissenschaft in die Sinnlosigkeit eingetaucht, zumindest, wenn man dem Idealismus Glauben schenkt.“ Vereinfacht: Wer sich nicht an die Regeln haelt, laeuft Gefahr, sinnloses Gebrabbel zu produzieren. Die Schattenseite dabei ist, dass die Regeln von denjenigen diktiert werden, die oft nicht das dringendste Interesse an deren Aenderungen haben – und dass die Regeln so konstruiert sind, dass ihre Aenderung sie nicht in Frage stellt, sondern ein neues Feld eroeffnet: Wenn es nicht Wissenschaft ist, wird es Esoterik, wenn es nicht Philosophie ist, ist es Spekulation oder Religion.

Sprechen ist Kaempfen

Was nuetzen also alle neuen Medien, erweiterten Sprachmoeglichkeiten, verbesserten Reichweiten, wenn sie nicht am Kern der Macht kratzen koennen?
„Sprechen ist Kaempfen“, schreibt Lyotard an anderer Stelle. Das gilt nicht nur fuer Rede- und Pressefreiheit, sondern auch fuer sublimere Formen der Selbstbehauptung und Identitaetsgestaltung. Indem wir reden, schaffen wir; indem wir behaupten und erzaehlen, schaffen wir Realitaet. Diese ist nicht bloss virtuell (wenn wir unsere Facebook-, MySpace- oder Second Life-Profile als Avatare betrachten), sondern „wirklich“ „real“ (was eine sehr lustige Konstruktion ist): Indem wir behaupten (und unsere kurzen Meldungen oder geposteten Fotos koennen wir kontrollieren; wenn wir das nicht koennen – um so realer), schaffen wir Bilder, die andere von uns haben. Diese Bilder praegen wieder den sei es digitalen, sei es analogen Umgang. Diese Gleichzeitigkeit von totaler Kontrolle (wir bestimmen, was wir sagen und preisgeben) und absoluter Wehrlosigkeit (wir haben keinen Einfluss darauf, wie andere diese Information wahrnehmen und verarbeiten) macht deutlich, dass die performative Freiheit wiederum eine neue Auspraegung von Machtspielen ist: Die klassischen Beispiele fuer performative Sprechakte (etwas eroeffnen, jemanden verurteilen/freisprechen usw.) sind eng an Rollen, Regeln und Zusammenhaenge gebunden. – Eine Verschiebung hat sich in all dieser strengen Regulierung aber ganz unauffaellig ergeben: Nicht Wahrheit steht im Vordergrund, sondern Effizienz.

Wer hat die Macht, Regeln zu definieren?

Wer kann, kann die Regeln brechen. Das ist eine Variation des Grundsatzes, dass derjenige recht hat, der am lautesten spricht, die aber dennoch um einiges weiter geht.
Kommunikation, Medien sind ein Bereich, in dem Verschiebungen moeglich sind und allein ueber die Menge eine neue Dimension von Macht erreicht werden kann.
Wieviele Menschen wissen das, wieviele hoeren auf diesen Kanal, wieviele glauben daran – Unterdrueckung und Verbreitung von Information sind wichtige Steuerungsmechanismen; vor allem die Verbreitungsoption steht heute allen zur Verfuegung.
Lyotard stellte noch die Frage, ob Regierungen in der Lage sein werden, Informationen und die Kanaele grosser Konzerne zu kontrollieren und vor allem die Zugaenge zu steuern. Gemeint waren damit Telekommunikations- und Satellitennetzwerke. – In der Zwischenzeit haben schon lange Konzerne die Macht uebernommen (EU Kommissionen aus dem Medien- und Kommunikationsbereich nimmt nur der interessierte User wahr – und allenfalls als Hintergrundgeraeusch) und sie sind sogar schon dabei, sie wieder zu verlieren: Jeder einzelne hat potentiell die gleiche Reichweite und gerade fuer grosse Konzerne stellt es ein ernsthaftes Problem dar, zu erfahren, zu beobachten und zu beurteilen, was ueber sie vor allem in Online-Medien geredet wird. – Social Media illustrieren, wie hier im kleinen eine Umkehr der Machtverhaeltnisse stattfindet.

Postmoderne revisited in drei Teilen

30 Jahre Postmoderne? – Lyotard revisited 1/3
30 Jahre Postmoderne? – Lyotard revisited 2/3 – Performatives Sprechen: Ich sage das, also ist es so
30 Jahre Postmoderne? – Lyotard revisited 3/3 – Dissens als Leitbild von Leben, Kommunikation, Medien

Reading Zen Wrapped in Karma Dipped in Chocolate

I finally managed to start reading Brad Warners „Zen wrapped in Karma dipped in Chocolate“. Brad Warner’s first two books are among my alltime favorites. Well, I put the classics aside a little for this ranking, but somehow, they don’t really attract me so much at the moment.
Why?
Brad Warners interpretation of Soto Zen teaches simplicity, self confidence, relaxation, scepticism, accuracy, responsibility, honesty, courtesy and much more at the same time.
To summarise in short (at least, that’s my interpretation): There is not more then you have now, are now; there never will be more. Deal with it.

This applies to yourself, to your plans, to others – there are no mysterious changes or developments, there are no superheroes, masters or authorities. It can be disillusioning or empowering. It can flatter you or insult you. Again: Deal with it.

I’m working on it, also on the practise part. Currently, my dog is far better in doing zazen (just sitting) than I am…