4 Hours


I’ve read (parts of) Tim Ferriss‘ „4 Hour Workweek“ and I’m really disappointed. That’s it? Get rid of time wasters, focus on what you want to achieve and outsource/delegate whatever you can.
I’m a big fan of outsourcing and reducing stuff, but these nice visions of global mega-efficiency tend to forget one thing: The world consists of more than the US and the emerging markets like India, China or Brazil.
If you need support for non-english-speaking tasks, (eg. researching social insurance regulations for freelancers in Austria) you will pretty fast feel as marginalized as if you were living in, say, Belize or Albania.
I’m sure that Chinese or Indian outsourcing companies/personal assistants will learn German faster than local authorities will learn English, but that’s probably still not fast enough.
And I’m still somewhat distanced to outsourcing or delegating everything, because I feel more comfortable if I really understand things, if I really know how they are. I don’t see another way of getting there but going long parts of the way on your own. Everything else feels like some kind of disposable throw-away-life to me: If you’re a Tango Dancer today, a Scuba-Diver tomorrow and a Kickboxer on the next day, you are most probably none of all these. To me, that provides as little experience as watching TV – and it turns you in the same dependent and helpless state. You always need others. – As a kind of counterposition to Tim Ferriss, I recommend Matthew Crawfords „The Case of Working with Your Hands – Why Office Work is Bad for Us“.

However, there are two silver linings appearing on the horizon after reconsidering Ferriss’Book:

  • It’s another voice that emphasizes the importance of doing instead of talking. And especially of doing what matters for you – not for others, for your jobs or for what you should be. That’s an Agent’s attitude.
  • And second: If things continue in Germany as they are, we can probably start outsourcing cheaply there…

PS: I have not read the „4 hour body“ yet, but I’m somewhat surprised: „4 Hour workweek“ sounds promising, but to be honest: who spends four hours a week (or more) on physical workout?
PPS: I do…


Strategien zur Einschaetzung von Vertrauen online (Edumedia Tagungsband)


Vertrauen ist ein wichtiges Bindemittel in Organisationen: Vertrauen fördet Kooperation, Offenheit und Lernen. Welche Rolle spielen Onlinemedien bei Aufbau und Ausbau von Vertrauen? Eine kurze Untersuchung zeigt: Es gibt wenig genuin onlinespezifische Kriterien von Vertrauen. Abriss einer Untersuchung zu den philosophischen Grundlagen von Vertauen in Onlinemedien.

Trust Exchange Research

Dieser Text gibt einen Abriss einer kleinen Studie zu Vertrauen in Onlinemedien. In einem zweiten Teil stecke ich kurz den Rahmen für eine laufende Untersuchung der Grundlagen von Online-Vertrauen ab.

Ausgangslage: Vertrauen im Brennpunkt

Der Direktor des Havas Media Lab und Harvard Business Review-Blogger Umair Haque veröffentlichte im März 2010 einen provozierenden Post mit dem Titel “The Social Media Bubble”, in dem er einige Mythen und vermeintliche Erfolgsstories rund um Social Media in Frage stellte. Einer der grossen Kritikpunkte: Vertrauen.
“Trust: If we take social media at face value, the number of friends in the world has gone up a hundredfold. But have we seen an accompanying rise in trust? I’d argue no. Now, perhaps it will take time for gains to be visibly felt. But social networks have already been around for half a decade, and society seems to be little better off.”
Vertrauen nimmt grundsätzlich ab, also können neue Onlinemedien, deren Verbreitung grundsätzlich zunimmt, keine deutlich positive Auswirkung auf das Entstehen von Vertrauen haben, so die Schlussfolgerung.

Das Trustbarometer 2009 der Public Relations Agentur Richard Edelman listet differenzierte Veraenderungen in der Ausprägung von Vertrauen auf. In vielen Bereichen sinkt die Bereitschaft, zu vertrauen, in vielen Staaten haben sich Vertrauenswerte auf allen Ebenen verschlechtert. Signifikante Ausnahmen sind einige Länder Südamerikas, vor allem aber Korea: Gegen den Trend haben sich Vertrauenswerte hier verbessert. – Diese Länder weisen die weltweit höchsten Zuwachsraten in der Nutzung neuer Onlinemedien auf. Vermehrte Kommunikation in diesen Kanälen, so die Schlussfolgerung, erhöht die Bereitschaft, zu vertrauen.

“When did we start trusting strangers” der dritte Teil der Onlinemedien-Studie von Universal McCann, kommt zu dem Schluss, dass neue Beziehungen, die durch Social Media entstehen und in Social Media sichtbar werden, starke positive Wirkungen auf Vertrauen haben können. Das Prinzip scheint einfach zu sein – und gar nicht cyberdemokratisch: Wer am lautesten spricht, wird am meisten wahrgenommen. Die sogenannten Superinfluencer kommunizieren überdurchschnittlich viel, haben ein weites Netzwerk und werden überdurchschnittlich oft um Rat gefragt.
Die Daten: Sie empfehlen besonders häufig Filme, Musik und Heimelektronik (jeweils ueber 55% der Befragten). Das sind umgekehrt auch die Bereiche, in denen sie am seltensten nachfragen (jeweils unter 25% der Befragten).
Superinfluencer sind deutlich überdurchschnittlich aktiv (Indexwert bis über 150) darin, ihre Meinung weiterzugeben, Neues auszuprobieren.
Offenheit, Transparenz oder Detailwissen spielen keine gewichtige Rolle. Im Gegenteil: Genau Bescheid zu wissen findet sich als nur knapp überdurchschnittlich wichtig (Index 108) am unteren Ende der Skala wieder, knapp geschlagen vom ebenfalls gering ausgeprägten Qualitätsbewusstsein. (Mehr ueber Superinfluencer)

Diese drei Beispiele illustrieren, dass Vertrauen ein wichtiges und kontrovers diskutiertes Thema in der Auseinandersetzung mit Onlinemedien ist.
Zusammengefasst: Die Breitenwirkung von Social Media-Nutzung hat keine direkte positive Auswirkung auf Inhalte oder inhaltliche Qualität. Dialog, Partizipation, Auseinandersetzung sind vermutete Qualitäten, die sich so nicht nachweisen lassen. Dennoch besteht diese Hoffnung.

Wo das Gespräch begonnen wurde, wird es fortgesetzt.
Je öfter wir etwas hören, desto eher sind wir geneigt, es zu glauben

Analyse: Werkzeuge zur Konstruktion von Vertrauen

Social Media, so eine Hypothese, stellen nun nicht diesen Grundsatz in Frage, sie können aber erstens Einfluss darauf haben, was wir wie oft hören, zweitens geben uns neue Onlinemedien Mittel in die Hand, selbst zu beeinflussen, was wir hören wollen.
Der erste Szenario spielt auf die Verfügbarkeit von Produktionsmitteln an: Potentiell jeder kann in Text, Bild oder Video ein Medium starten, das potentiell weltweit erfolgreich ist. Das zweite Szenario zielt auf den Umgang der User mit Information ab: Wir können mit RSS-Readern, Ratings, Empfehlungen und unseren Netzwerken als Filter ganz genau steuern, was wir lesen.

Schafft das onlinespezifische Kriterien für Vertrauen?
Um diese Fragen in einer online-affinen Testgruppe, die diese Funktionen nutzt, zu untersuchen, wurden in einer qualitativen Mini-Analyse drei einfache Fragen per Mail an eine Zielgruppe von ueber 500 Adressaten per Mail verschickt; zusätzlich wurden Aufrufe auf der-karl.com, Facebook und einigen Partnerblogs veröffentlicht. Die 500 Emailempfänger wurden aufgrund ihrer Onlineaktivitäten ausgewählt, wichtige Quellen waren z.B. die Teilnehmerlisten von Barcamps (u.a. barcamp.at, barcamp.sk, blogcamp.ua, barcampcaspian.org).
Die Fragen:

  • Whom do you trust online?
  • What is your trust built on?
  • What difference does trust make?

Einige der ausführlicheren per Mail einlangenden Antworten wurden auf theMashazine veröffentlicht.
Alle Antworten bestätigen den in den Edelman- und UniversalMcCann-Studien festgestellten Trend: Wir vertrauen den grossen Namen und dem, was wir schon kennen. Einige Beispiele (aufgrund des qualitativen Charakters der Umfrage verzichte ich auf statistische Ergänzungen):
„Huge institutions which have a certain publicity“
„For transactional sites, it depends on the brand and the ease of use of the site.“
„Transparency- I want to know the person’s real name, and a photo makes a big difference“
„Big brand names, Media we know from other channels (print)“
„Large organisations with wide public visibility which, should they violate trust in general, would get sufficient PR coverage so that I know about it or PR damage so they do not abuse trust.“

Sichere Verbindungen, Privacy Statements und Gewährleistungen sind technische Analogien in der Onlinewelt, zur Förderung von Vertrauen. Ihre Anwendung finden sie ebenfalls in der Interaktion mit grossen Playern. (vgl auch Ljung, Walforss 2008)
Ausdrücklich vertrauenswürdig sind Institutionen, die zur Sorgfalt verpflichtet sind (Banken, Kreditkartenunternehmen, grosse Onlinehändler), oder Marken, die so gross sind, dass sie sich keine Probleme leisten koennen: Jedes Sicherheits- oder Vertrauensproblem würde sofort Wellen schlagen.

Die relevantesten Kriterien für Online-Vertrauen sind also nicht onlinespezifisch. Das führt mich dazu, einen Schritt zurückzusteigen. Die Frage lautet nun nicht mehr: Wem vertrauen wir online und wie laesst sich Vertrauen in Onlinemedien fördern? Die neue Fragestellung ist: Warum gehen wir davon aus, dass Onlinemedien in einem positiven Zusammenhang mit Vertrauen stehen?

Warum ist Vertrauen im Zusammenhang mit Onlinemedien wichtig?

“Dialog schafft Vertrauen” – unter dieses Motto stellte der Direktmarketingverband Oesterreich (DMVÖ) seine Jahrestagung 2009 und legte dabei besonderes Augenmerk auf Online-Massnahmen.
“Trust Agents – Using the Web to build Influence, improve Reputation and earn Trust” von Chris Brogan und Julien Smith führte wochenlang die Bestsellerliste der New York Times an.
Auch mit entgegengesetzten Thesen lässt sich Aufmerksamkeit erzeugen: Jaron Laniers vielbeachtetes “You are not a gadget” wehrt sich massiv gegen die Annahme, Social Media könnten die Qualität unserer Beziehungen verbessern.
Umair Haques Interpretation von fehlendem Vertrauen in der Welt als Scheitern von Onlinemedien wurde bereits angesprochen.

Wir haben uns daran gewöhnt, zu akzeptieren, dass Onlinemedien gut für Demokratie, Wohlstand und Vertrauen sind. – Ebenso, wie wir uns daran gewöhnt haben zu unterstellen, dass das Internet dumm macht, dass Geschäftsmodelle online nahezu ausschliesslich werbefinanziert sind, dass das Web eher ein Marketing- als ein Innovationsinstrument ist, und dass die Gesetze des Marktes hier besonders ungefiltert zum Tragen kommen (im Guten wie im Schlechten).

Dimensionen von Vertrauen

Diese Dissonanz ist hier nicht Thema. Ich bin auf der Suche nach den verschiedenen Dimensionen und Voraussetzungen, die uns in Onlinemedien vertrauensstiftende Kräfte vermuten lassen.
Ich versuche, die Problemstellung in verschiedene Dimensionen zu zerlegen:

Die deskriptive Dimension

Wir können Dialog und Offenheit in den Vordergrund stellen. Aus dieser Perspektive ist relevant, dass Information nahezu überall nahezu frei verfügbar ist, dass wir alles hinterfragen können und mit einfachen Mitteln grosse Mengen an neuem Wissen erschliessen können.
Onlinemedien gelten hier als gleichmässig verfügbare Produktionsmittel, als interaktive Kanäle, die sofortige Rückmeldung (und auch Korrektur) erlauben, als Mittel, neue Wege und Horizonte zu erschliessen.
Aus dieser Sicht fördern Onlinemedien Vertrauen, weil sie keine unbelegten Behauptungen zulassen, weil sie Themen setzen, und weil sie aus verschiedenen Perspektiven Teile von Realität darstellen.
Die Kommunikationskonzepte dahinter bauen auf Rationalität, Fairness, Verständigung und auf die Anerkennung gemeinsamer Werte; die Grundeinstellung ist fortschrittsorientiert. (Beispiele – wenn auch vielleicht gewagt – sind Habermas‘ ideale Gesprächssituation, Gadamers Auffassung des Dialog oder Vilem Flussers Unterscheidung von dialogischen und diskursiven Zielen von Kommunikation (vgl. Münker 2009))
Vorausgesetzt ist, dass Offenheit und Vertrauen relevante Werte sind; dann wird abgeleitet, dass diese auch von Onlinemedien unterstützt werden.
Der Zusammenhang zwischen Onlinemedien und Vertrauen ist in diesem Fall ein direkter und deskriptiver: Durch den Einsatz von Onlinemedien können wir uns mehr Sicherheit und Gewissheit ueber die Welt verschaffen, also können wir auch eher vertrauen. – Beide Seiten, Vertrauen und Onlinemedien, sind positiv besetzt und verstärken einander.

Die normative Dimension

Eine andere Perspektive setzt ebenfalls voraus, dass Vertrauen wichtig ist. Allerdings kommt eine zweckorientierte Komponente dazu. Vertrauen ist kein Wert an sich, sondern ein wichtiges Mittel, um bestimmte Ziele zu erreichen. Wem eher vertraut wird, der verkauft mehr, der kann schneller zur Sache kommen – oder der muss weniger investieren, um beachtet zu werden. Marek Kohn stellt in seiner Studie “Trust”dar, dass zum Erreichen von Vertrauen das Aussenden teurer, aufwändiger Signale notwendig ist, zum Erhalt genügen dann dagegen in der Regel günstigere Signale.
Das ist z.B. die Perspektive eines Unternehmens auf der Suche nach dem Vertrauen potentieller Kunden. Wer Vertrauen hat, kauft schneller und ist auch eher bereit, positive Nachrichten zu verbreiten. Wer nicht vertraut, verbreitet eher negative Nachrichten und sieht keinen Grund, positive Nachrichten zu verbreiten. Onlinemedien als schnell verfügbare Kommunikationsmittel mit grosser Reichweite tragen dazu bei, diese Effekte schneller in die eine oder andere Richtung weiterzutragen.
Der Zusammenhang zwischen Onlinemedien und Vertrauen ist aus dieser Perspektive normativ: Onlinemedien sollen Vertrauen fördern, weil das wichtig ist. Die Fragestellung dabei ist nicht, aus welchem Grund positive Wirkung beschrieben werden kann, sondern wie ein positiver Zusammenhang hergestellt und verstärkt werden kann.
Onlinemedien sind wichtig – weil sie uns schaden könnten. Im Vordergrund stehen Kontrolle, Manipulation und, positiver gesehen, ausgleichende Wirkung: Onlinemedien in Hinblick auf Vertrauen als wichtigen Wert zu betrachten bedeutet, Beziehungen zu gestalten – und ernst zu nehmen.

Die produktive Dimension

Eine dritte Perspektive: Onlinemedien sind ein Mittel, Realität zu gestalten. Produktion, Vernetzung, Beurteilung von Inhalten, Usern und Beziehungen schaffen neue Räume. Onlinemedien verändern – nur mit welchem Effekt? „Am I accusing all those hundreds of millions of users of social networking sites of reducing themselves in order to be able to use the services? Well, yes I am“, schreibt Jaron Lanier in seinem Manifest “You are not a Gadget”. Vernetzte Kommuniktion als Möglichkeit, mit neuen Horizonten in Beruehrung zu kommen, ist eine Sichtweise, die der Philosoph Charles Ess untersucht. Eine seiner zentralen Fragestellungen: Sind Onlinemedien ein Mittel, erweiterten Horizonten und komplexeren Beziehungen besser gerecht zu werden?
Reduktion oder Verdinglichung ist eine Konsequenz, Erweiterung, die Herstellung und das Sichtbar-Machen neuer Beziehungen eine andere – und dabei müssen nicht immer Widersprüche auftreten.
Onlinemedien sind ein Mittel, mehr zu erfassen, mehr Information zu produzieren. Sie erhöhen die Chance auf Kontakte. Kontakte betreffen exponierte Eckpunkte. Es kommen nie alle Punkte in Berührung – Verständigung findet dort statt, wo kleine Teile deckungsgleich sind, oder wo – durch einen gemeinsam akzeptierten Rahmen – Differenzen klar vermessen werden koennen.
Onlinemedien erhöhen die Chance auf die Anzahl möglicher Kontakte, sie tragen aber wenig zu deren Intensität und Qualität bei: Veröffentlichte Information ist immer gefiltert. Je strenger die Regeln, desto grösser die Reichweite, gilt oft. Genau hier setzt Laniers Kritik an: Netzwerke wie Facebook laden dazu ein, das Leben auf ausfüllbare Formulare zu reduzieren. Im Gegenzug bekommen wir grosse Reichweite für wenig Aufwand. Der andere Zugang, starke persönliche Elemente zu schaffen, ist grundsätzlich genauso leicht möglich. Die Verantwortung der Verbreitung liegt dann aber beim Autor.
Was bedeutet diese Perspektive für die Relevanz von Vertrauen in Hinblick auf Onlinemedien? Der gestalterische Aspekt lässt neue Potentiale entstehen, manchmal neue Wege und neue Kommunikationsformen. Auch auf gewohnten Wegen und in gewohnten Formen überschreiten wir online häufiger Grenzen. Dabei verlieren wir die gewohnten Absicherungs- und Qualitätssicherungsmechanismen. Was wir nicht kennen, was anders ist oder was nur minimale – aber scheinbar wichtige – Berührungspunkte mit uns hat – dem müssen wir vertrauen. Uns fehlen Zusammenhänge und gesicherte Berichte über erfolgreiche Vorgangsweisen.
Vertrauen wird hier zu einem wichtigen Faktor in der Erkenntnis: Einiges ist nicht sinnvoll hinterfragbar. Wer einen Schritt weiterkommen will, muss in manchen Fällen vertrauen. Das bezieht sich weniger auf die soziale Komponente von Vertrauen – das ist eine erkenntnistheoretische Problemstellung: Wir können nicht alles selbst erfahren oder falsifizieren, also sind wir auf andere – und damit auf Vertrauen – angewiesen.
Prägnante Ausformulierungen dieser Idee sind auf der einen Seite Ilia Kassavines “Soziale Erkenntnistheorie”, auf der anderen Seite Martin Kuschs “Knowledge by Agreement”. Während Kassavine die soziale Wirkung von Mythen und Archetypen auf Kommunikation und Erkenntnis untersucht, geht Kusch der Frage nach, welchen Stellenwert Verhandlung, Zustimmung und Abstimmung in der Bewertung von Wissen haben. Gemeinsam ist beiden – und der dritten Perspektive auf Vertrauen – dass klar dokumentierte Erkenntnisprozesse zwischen Subjekt und Gegenstand überschritten werden.
Vertrauen hat in dieser Sichtweise starke erkenntnisbezogene Implikationen.

Drei Sichtweisen – drei Disziplinen

Die drei Sichtweisen stecken einen Rahmen für die Untersuchung des Themas anhand philosophischer Disziplinen ab.

Vertrauen als Qualitätskriterium von Kommunikation ist Gegenstand sozialer, praktischer Philosophie.
Fragestellungen sind:

  • Welche Merkmale von Onlinekommunikation erfüllen den Anspruch, Vertrauen zu fördern?
  • In welchen Werteuniversen gelten diese Zusammenhänge?
  • Wie können Widersprüche in der Wahrnehmung von Onlinekommunikation – etwa im Übergang zur manipulativen Komponente von Vertrauen – aufgelöst werden?

Vertrauen als Katalysator und als Kontrollmechanismus braucht eine ethische Perspektive.
Die wesentlichen Fragestellungen aus ethischer Hinsicht sind:

  • Wie zielorientiert können/dürfen vertrauensbildende Massnahmen online sein?
  • In welchem Verhältnis stehen Vertrauen und Macht im Internet? – Braucht Macht Vertrauen? Oder bildet Vertrauen Macht?
  • In welchem Verhältnis stehen Vertrauen und Hoffnung?
  • Und schliesslich: Was sind die Konsequenzen von (fehlendem) Vertrauen?

Vertrauen als produktiver Faktor ist ein Thema der Erkenntnistheorie.
Auch in Hinblick auf Onlinemedien gelten die Fragen:

  • Wie sicher wissen wir, was wir wissen?
  • Welche Analogien können wir in die Onlinewelt hinüberretten?
  • Mit welchen Mechanismen können wir online vertrauenswürdige Bedingungen konstruieren?
  • Wieviel Zusammenhang brauchen wir, um logische Ableitungen, Ursache und Wirkung erkennen zu können?

Hypothese

Online haben wir immer zugleich zuviel und zuwenig. Zuviel und zuwenig Information, zuviel und zuwenig Beziehungen, zuviel und zuwenig Möglichkeiten. Wir können alles sehen, aber nichts damit machen, haben viele Kontakte, aber wenig Verbindlichkeit, lernen viel, aber immer nur aus unserer Perspektive.
Im Versuch, Onlineinformation zu bewerten, lassen sich zwei entgegengesetzte Strategien festmachen:
Reduktion – Jeder kann veröffentlichen, grosse Reichweiten erzielen, unabhängig von Herkunft, Status oder konkreten Inhalten. Onlinemedien bringen keine Voraussetzungen mit und brauchen keine Voraussetzungen – sie bestehen aus Inhalten.
Historische Kodifizierungen (die uns Urteile fällen lassen wie: Schundroman, Yellowpress, Qualitaetszeitung) die optische, redaktionelle und finanzielle Reize mitbringen und auslösen, sind online noch nicht etabliert.
Onlinekommunikation ist von Nebengeräuschen befreit und mehr auf die Substanz bezogen. Direkt, offen und unabhängig – das ist eine Sichtweise.

Aggregation – Onlinemedien vernetzen und verbinden. Kein Informationsbruchstück besteht für sich alleine; es sind das Wesen von Onlineinformation, vernetzt zu werden. Fortlaufende Vernetzung erweitert, fügt Bestandteile zusammen und sorgt für grössere Zusammenhänge. Vernetzung ermöglicht erst Verständnis. Aggregation ist nicht nur Vernetzung, sondern auch ein Mittel zur Qualitätssicherung. Onlinemedien stellen direkte Bezüge zu Quellen her, Referenzen und Verweise ermöglichen sofortige Plausibilitätschecks. – Das ist eine andere Sichtweise.

Reduktion als Verzicht auf Kontext und Aggregation als Aufbau von Kontext sind zwei entgegengesetzte Strategien, die sich beide als vertrauensfördernd in die Pflicht nehmen lassen.
Dekontextualisierung (Reduktion) steht für Konzentration, für den Verzicht auf Manipulation, für direkten Zugang und direkte Gewissheit.
Rekontextualisierung (Aggregation) steht für Absicherung durch Referenzen, für die Darstellung von Beziehungen, für die Einbettung in einen Zusammenhang von Ursache und Wirkung, für das Anerkennen von Konsequenzen.
In Onlinemedien, so die Hypothese, sehen wir deshalb so viel vertrauensförderndes Potential, weil wir hier beide Strategien gut argumentieren können. Was das über die Qualität von Vertrauen online sagt, ist Thema der laufenden Untersuchung.

Ausblick

Online gibt es noch viel Definitionsspielraum. Medien und Werkzeuge suchen ihre Identität und ihre Businessmodelle. Wir sind – noch nicht oder nicht mehr? – einig, ob Onlinemedien produktive freie Kanäle sind oder doch nur manipulative Marketingmittel. Onlinemedien zeigen direkte Auswirkungen auf die Welt – oder sind sie in Wahrheit so auf sich selbst beschränkt, dass jedes Überschwappen in die „reale“ Welt berichtenswert erscheint? Als User macht uns das Web praäsenter und produktiver – oder doch nur realitätsfremder und egoistischer?

Wir wissen es nicht. – Wo Grenzen sichtbar werden, ist Vertrauen wichtig. Und Onlinemedien werden zunehmend zu unserem primären Grenzerkundungsmedium.

***

Not a gadget – aber was dann?

„You are not a gagdet“ ist nicht nur der Titel von Jaron Laniers aktuellem (ersten) Buch, es bringt auch dessen Essenz gut auf den Punkt: Lanier gibt sich nicht mit Kulturkritik zufrieden, ihm geht es um das ganze. Er stellt gleich die Frage: Was ist eine Person? Wie wird das, was eine Person ausmacht, durch aktuelle Entwicklungen in Onlinemedien beeinflusst?
Jaron Lanier ist nicht irgendein Kulturnostalgiker: Der Super-Geek, Erfinder des Begriffs „Virtual Reality“ und Web-Visionaer steht ueber dem Verdacht, nichts von Onlinemedien zu verstehen und Althergebrachtem nachzutrauern.
Dennoch plagt ihn angesichts von Social Networks, Web 2.0 und Wikipedia ein deutliches Unbehagen, das auf den ersten Blick an papierene Schirrmachers oder Thurnhers erinnert: Der Verlust der individuellen Autorenstimme, die Zerstoerung der oekonomischen Grundlagen von Kultur und der Mangel an Innovation sind die wesentlichen Punkte, die Lanier der neuen Netzkultur ankreidet.

Technik wird von Menschen benutzt, insofern habe ich immer wieder Probleme mit Darstellungen, die direkte Technikfolgen beschreiben. Ich gehe eher davon aus, dass neue Technologien und Medien- gerade online – wenig neues bringen, aber vieles, das schon da ist, sichtbarer machen. Neues entsteht eher in den Beziehungen, und in so manchen Ueberraschungseffekten, die die neue Sichtbarkeit mit sich bringt. – Und das ist oft weder innovativ, noch nett…

Sind wir auf multiple choice reduziert?

 

Lanier argumentiert, dass die bereitwillige Einordnung in Netzwerke, die Reduktion der Person auf Checkboxen (Name, Interessen, Beziehungsstand,…), tatsaechlich die Person reduziert: Wir benehmen uns so, als waeren wir nicht mehr, tauchen nur in einzelnen Blitzlichtern auf und haben schon lang darauf verzichtet, selbst etwas zu machen. So haesslich die Webseiten der Neunziger waren, so individuell und autorengetrieben waren sie – technisch und inhaltlich.
Die Reduktion und einebnende Gleichmacherei (Lanier verwendet auch gezielt den Begriff Maoismus) fuehrt zu Uberschaetzung der Crowd und zum Ausschluss von Innovation. So gut ud praktisch die Crowd bei Alltagsaufgaben sein mag, sie ist nicht innovativ. Nichteinmal innovative Crowdbewegungen wie Open Source, Free Software oder Wikipedia haetten etwas neues hervorgebracht, sondern nur eigene Varianten des Bestehenden. Stallmans Idee, einen eigenen, freien Unix-Klon zu schreiben, ist fuer Lanier aehnlich konservativ wie Hinterglasmalerei (nach Vorlagen) – das haben wir doch schon, wozu es nochmal machen? Wenig entgegenzusetzen ist auch der Frage, warum fuer jedermann interessante Innovationen wie das iPhone nicht aus der Open Source-Ecke kommen, sondern von den sektiererischen Egomanen von Apple.
Mit dem Aufstieg von Wikipedia ortet Lanier schliesslich sogar einen Knick in der Produktivitaet des Internet: Viele interessante Webseiten zu speziellen Randthemen seien zur Zeit des Aufkommens von Wikipedia zuletzt upgedatet worden – ein Zeichen dafuer, dass das oberflaechliche Instantwissen die produktive Auseinandersetzung mit Themen verdraenge.
Die Vernachlaessigung und schliesslich Missachtung von Kreativitaet und Innovation fuehre dann auch dazu, dass mit beiden Punkten auf kuenstlerischem Gebiet kein Geld mehr zu machen sei.
Erst gegen Ende versucht Lanier ein paar versoehnliche Seiten zu schreiben und entwickelt eine sehr geekige Perspektive zur „Future of Humour“.

Vergleichen verkleinert – uns und unseren Horizont

 

Was machen wir daraus? Die Tendenz unserer aktuellen Onlinemedien, Randthemen zu ignorieren („Auf dem Weg zum Einheitsblog“), Suchmachschinenoptimierung als Ausloeser einer Killerspirale fuer unpopulaere Themen („An den Grenzen des Internet“), merkwuerdige Veraenderungen in der Wahrnehmung von Werten und deren Relevanz („Leben mit Wertenomaden“, „Superinfluencer: Die neuen Experten fuer eh alles und ohne jede Ahnung“), Kritik an Wikinomics („Don Tapscott ist nicht mehr mein Freund“) und die Frage, ob wirklich schon gegessen ist, dass das Web ein Marketinginstrument ist („Respekt und die Onlinemarketingpest“) beschaeftigen mich ja nun schon laenger.
Laniers Analyse verdeutlicht einen wichtigen Punkt: Vergleichen verkleinert. Je mehr Beziehungen wir herstellen (und das ist eine der Hauptaufgabe der sozialen Medien), desto mehr werten wir, ob wir wollen oder nicht: Wir sehen anderen beim Leben zu und fuehlen und dann besser oder schlechter. Das ist qualitativ nicht neu, quantitativ aber erreichen wir eine neue Dimension.
Wir vergleichen uns mit Mittelmass, und geben uns dann mit Mittelmass zufrieden. Oder damit, besser als Mittelmass zu sein – was ja auch noch nicht viel ist.
In Facebook lebt uns jeder sein Leben vor – In „Gala“, „Bunte“ oder „Interview“ gibt es wenigstens irgendeine Einstiegshuerde, um zur Projektionsflaeche fuer das Publikum zu werden.
Die Qualitaet des Vergleichs allein ist aber noch nicht das Ausschlaggebende: Problematisch ist der Vergleich selbst. Denn nicht nur Vergleichen reduziert zum Mittelmass, konsequent zu Ende gedacht kommen wir auch an den Punkt, an dem auch Wettkampf nur Mittelmass produziert. Besser sein reicht nicht, um innovativ zu sein, noch nie Dagewesenes erreicht man nicht damit, besser als andere zu sein.
Das sind wir aber gewohnt. Und wir haben zuletzt oft gehoert, dass die Cloud oder Crowd inspirierend, korrigierend, smarter ist als wird, und dass wir ihr geben sollen, was sie verlangt.
Das gilt vielleicht fuers Marketing.
Fuer produktive Prozesse halte ich’s eher mit Lanier und schaetze auch wieder ein bisschen Ignoranz (es zaehlt nicht immer nur, was zurueckkommt) und Nabelschau im eigenen Sud. Auch wenn die korrektive Ohrfeige des Kollektivs dann manchmal um so schallender ist – aber das kann ja auch heilsam sein.
Oder, um es direkt mit Lanier zu sagen: Nicht jeder Blogpost muss veroeffentlicht werden – bis er wirklich raus muss. Und es ist kein Fehler, fuer die Produktion eines Videos hundert mal so viel Zeit zu brauchen wie dafuer, es sich anzusehen.

Don Tapscott ist nicht mehr mein Freund


WikinomicsIch habe jetzt „Wikinomics“ gelesen, um das Buch nicht nur als eines der „Ja, eh“-Schlagworte auf dem fernen Radar zu haben. Es steht nichts Unsinniges oder Falsches drin – aber die herauslesbaren Botschaften sind ziemlich kontraproduktiv – sogar gefaehrlich.

  • Aus Unternehmer- oder Managersicht gelesen ist Wikinomics das Manifest moderner Ausbeutung – Partizipation als Opium fuer die Peers: Lass sie mitreden, bis sie muede sind, nimm das Beste – und dann dreh den Hahn ab.
  • Wikinomics, in Tapscotts Beschreibung, ist ein Projekt mit allen Kriterien wie aus dem Projektmanagementlehrbuch: Komplex, verfolgt ein klares Ziel, und hat zeitliche und raeumliche Grenzen. Wenn das Geschaeft optimiert ist, das Wissen der Massen abgegrast ist, dann gehen wie wieder zur Tagesordnung über.

Oder doch nicht?
Ein Autor der sich so lang und so intensiv mit Online-Phaenomenen beschaeftigt wie Tapscott, sieht sicher ueber die Grenzen dieser Beschreibungen hinaus und bereitet mit den fehlenden Schlussfolgerungen bloss schon den naechsten Bestseller vor, um nocheinmal die effizienten, gewinnbringenden Mechanismen der traditionellen Publishingindustrie auszunutzen.

Die beiden Punkte, die mich besonders stören, sind einerseits die

  • Vermischung von Open Source und Free Software, andererseits
  • die fehlende Konsequenz bei der Darstellung von Mashups als Geschaeftsmodellen und Wikis als Arbeitsplatzmodellen.

Der Reihe nach: Open Source vs. Free Software ist nicht nur eine Frage der Begriffsdefinitionen, sondern der Reichweite und des Einflusses eines theoretischen Hintergrunds, der miteinbezogen wird. Open Source ist pragmatisch: Vier Augen sehen mehr als zwei, also lass uns gemeinsam arbeiten. Das aendert aber nichts an den Eigentumsverhaeltnissen des Folgeprodukts: Modifizierte Open Source-Software gehoert oft trotzdem noch dem urspruenglichen Eigentuemer und darf auch von den beteiligten Partnern nicht weitergegeben werden. Die Offenheit dient nur der Effizienz.

Free Software verfolgt ueber die qualitative Effizienz hinaus noch das Ziel, Produkte und die Ergebnisse von Weiterentwicklungsprozessen frei zu halten: Jeder darf, unter den Free Software-Bedingungen, alles weiterentwickeln und veraendert – unter der Bedingung, dass die Ergebnisse ebenfalls wieder als Free Software zur Verfuegung gestellt werden (wobei free nicht gratis bedeutet, sondern eben offen; ob und wieviel Geld fuer Software verlangt wird, ist kein Thema fuer Free Software).
Unter diesem Gesichtspunkt ist es etwas schmerzhaft, wenn Tapscott die vielen durch offene Collaboration erreichten Patente von IBM als Beispiel fuer den Erfolg von „Open Source oder Free Software Movement“ anfuehrt – aus Free Software Sicht sind nur Patente noch schlimmer als Copyrights: Sie schraenken nicht nur Veraenderung ein, sondern sind ueber Crosslizensierungsprogramme auch effiziente Erpressungsinstrumente: „Ich geb dir meins, dafuer musst du mir auch deins geben…“

Freie Zusammenarbeit, wie sie unter Free Software Bedingungen oder auch unter einer meiner Ansicht nach konsequenten Umsetzung des Wiki-Ethos passieren kann, hoert hier nicht auf: Fuer den Zulieferer (Mitarbeiter) ist es witzlos, Beitraege zu liefern, wenn diese nur 15 minutes of fame, eventuell einen Bonus und kurzfristig gestiegenes Selbstwertgefuehl bringen. Die Anerkennung diese Arbeitsprozesse muss sich auch so auswirken, dass die weitere Nutzung gemeinsamer Entwicklungen anderen Regeln folgt als bisher. Aus diesem Grund stuetzt sich das Free Software Movement auch massiv auf Juristen und die Formulierung eigener Copyleft-Lizensierungen.

Ohne die Bedingung der Weitergabe von Freiheit (wie sie durch Copyleft festgeschrieben ist) bringt Collaboration scheinbar einfach nur mehr vom gleichen, und das vielleicht sogar noch zu guenstigeren Preisen.

Und das ist meines Erachtens schlicht falsch, auch ganz sachlich betrachtet und ohne jeden ethischen oder politischen Kontext.

Das fuehrt zu meinem zweiten Punkt.

Der Einsatz von wikiaehnlichen Modellen der Zusammenarbeit in Unternehmen bedeutet, das Ordnung und Zusammenhänge „is created by demanding active involvement from users in ways of organizing and creating their own information architecture“ schreibt Tapscott. Diesen Prozess in Gang zu bringen, erfordert viel Ermutigung, Training und Unterstuetzung; wenn er aber einmal laeuft, ist er unumkehrbar. Die Verantwortung, selbst Zusammenhaenge herzustellen, Beziehungen sichtbar zu machen, so Ablauefe und Ansichten zu erzeugen, ist nicht jedermanns Sache. Die Zurverfuegungstellung von Mitteln macht nicht jeden zum Visionaer.

Das Reverse Engineering einmal auf diese Art etablierter Informationsarchitekturen, ist allerdings aus Effiziengruenden praktisch unmoeglich: Wer einmal losgelaufen ist, fuehrt die Bewegung an; und diesen Weg nachzuzeichnen, ist etwa genau so aufwändig wie der Versuch, einen neuen Weg zu finden.
Das gibt einen Hinweis auf eventuelle neue Macht für den Einzelnen durch die Nutzung von Collaboration- und freien Gestaltungsmöglichkeiten.

Fluidity, diese vom Philosophen definierte Eigenschaft digitaler Information, die schnelle Verbreitung, Veraenderung und Weiterverarbeitung ermoeglicht, ist das Schmiermittel in Informationsprozessen, die in immer neuen Kombinationen immer mehr Zusammenhaenge erzeugen und sichtbar machen (darauf komme ich immer wieder zu sprechen…).

Der oft zu kurz kommende zweite wichtige Punkt im Arbeiten mit Wikis ist, dass nicht nur die Verbesserung gegebener Inhalte möglich ist, sondern genauso die Herstellung von Zusammenhängen. Zusammenhänge sind nicht nur Abläufe von hier nach dort, sie sind auch die sinnstiftenden Hintergründe für neue Ideen oder fuer die Interpretation einzelner Schritte in diesen Abläufen.

Das ist Macht. Das erfordert Verantwortung. Und, aufgrund der zunehmenden Digitalisierung und Beschleunigung dieser Prozesse: Das erfordert Medienkompetenz als eine der wichtigen Eigenschaften, die in diesen Prozessen Orientierung ermoeglichen.

„The Internet doesn´t primp itself with the pretense that it’s words are guaranteed to be true“, schreibt Tapscott gegen Ende und bezieht sich damit auf das Spannungsfeld zwischen Pluralismus und Relativismus, Qualitätsanspruch und Authentizität. Wir arbeiten daran, ist dem entgegenzuhalten.

Die Mechanismen von Autorität, Authentizität, Vertrauenswürdigkeit, Qualität in Onlinemedien und digitaler Kommunikation zu untersuchen, halte ich für weit spannender, als Tips für die effiziente Nutzung potentieller Massenweisheit zu geben. Erfolgsstories gibt es hier immer erst im nachhinein. Denn auch die Nutzung und Aufbereitung dieser Massenweisheit steht zuerst ziemlich schnell vor der Frage: Wem glauben? Und warum?

The Digital Media Ethics Textbook


Charles Ess‘ „Digital Media Ethics“ is unique and amazing in several ways:

  • It’s a genuinely philosophical book investigating ethical traditions in the light of potential new challenges brought up by digital media
  • It’s areal textbook with exercises, practical questions and homework
  • It does not use theoretical dilemmas to illustrate philosophical questions, but the Facebook- or Gmail-Terms and Conditions
  • It finally (for me) clarifies, where the term ubuntu comes from…

Ess investigates potential new ethical challenges that arise in the context of digital media. This does not mean it’s about copyright only.
A major question is wether digital(online) media empower (free speech) or enslave people (spread structures from western civilization all over the world), whether online communication makes us less sensitive and responsible (because it’s only disembodied words) or more powerful and thus requires more responsibility (because our communication has much more reach and impact).
These questions can not be asked nor answered per se – they always depend from the ethical or even more basic metaphysical frameworks we presuppose. This is where online media prove that they really need to be treated in a different way then classical media or other forms of human relationships: They are not only a means of distribution or documentation with new features and possibilities, they also offer – through their genuine features – much more and different contents than any other type of media. We know much more (content) and in the same time much less (context), we can compare opinions and change perspectives – but we have to be very careful with that.
We seemingly know a lot, but only on the surface. On the ther hand: We never know more than just the surface – the rest is our imagination. Knowing and respecting this is one of the most important ethical guidelines that derive from the inspection of digital media – and that can not only be illustrated, but also trained through the used of digital online media.

This is an aspect we also cover in our upcoming book „Wie die Tiere“ (currently available in German only and out in December): What are the borders of meaning and communication, and why do we understand each other anyhow?

The Philosopher, the Wolf, the Dog and the Fleas


BreninMark Rowlands has come of age. His hair is dyed, he is not a lonesome writer anymore but a reknown professor of philosophy at the University of Miami, a husband and a father. And instead of a wolf, a Schaeferhund-dog is now his companion on his daily jogging trips.
The wolf made Mark Rowlands famous. „The Philosopher and the Wolf“ oscillates between macho-myths of a man and his beast and academic philosophy, an autobiography and an analysis of ethics, communication and the meaning of life, an instructional textbook and a pet story more touching than Lassie, Flipper and Black Beauty.

„The Philosopher and the Wolf“ describes eleven years Rowlands spent as a philosophy teacher and writer in Alabama, Ireland and France, always accompanid by a wolf he bought in his early twenties. During all these years, men (and women) appear only as marginal characters in Rowlands life, no matter if he’s having years of party in Alabama, a hermit’s life in Ireland or a merry bachelor’s life in southern France.
The solitary way of living, the intense examination of the world, view and values of animals directs Rowlands to ask fundamental questions on what is important, what is good and bad, what is happiness, and finally: What does death mean for men and for animals?

The book is more than just a pet story – although that might be hard to get for readers who never even had a hamster. The death of pets is a strong experience n0ot only because we probably liked them, but because it signifies the end of quite long period in our life that we overlook from end to end. We have been there before our oets, and we are still here, while a whole life has passed. The death of a dog reminds us very clearly that now 10, 12 or fifteen years have definitely passed, are gone, will never come back again, that we will have to change some habits and probably think of something new.
Thoughts on the meaning of death for men and wolves (or dogs) cumuluate in the last chapter of the book, „The Religion of the Wolf“. Men fear death, they Rowlands, because they think about the future. That’s the problem with dying: It’s not that we loose what we are or have, the problem is that death makes us loos our future.
Wolves (or dogs or other animals) don’t care about past or future – they are just know They know neither hope nor fear, they just care about what’s going on right now – which after all, is a very decent way to handle things…

„The Philosopher and the Wolf“ is a very beautiful book combining a nice story with practically explained philosophical topics. The public reception was somehow different: Journalists liked it, the book sold great – but the reviews mostly focused on the macho-aspect of living a merry bachelor’s life with a wolf – or on the unpleasant part of having to sort out fights with other dogs, dealing with the lust for destruction of young wolves (dogs) and having to take care of a sick and dying wolf (dog).
That’s not the story – we should know this if we ever had a hamster….
The view and insight Rowlands describes, is an extended, enhanced view that acknowledges the presence and specific intelligence of other beasts than men.
This is a perspective we are not used to; in our daily world, the idea that the rest of the world – environment, animals, nature – are not there for us, at our disposal, but that it is with us – or actually the other way: We are allowed to be with them.

I bet it’s not pure chance that Rowlands is not only the guy with the big dogs, but also one of the most prominent philosophers in the field of animal rights – and a representative of the philosophy of the external mind. Wikipedia says he is „one of the architects of a view known variously as the extended mind, vehicle externalism, locational externalism, active externalism, architecturalism and environmentalism.“
„The idea, very roughly, is that at least some mental processes extend into the subject’s environment in that they are composed, partly (and, on most versions, contingently), of manipulative, exploitative, and transformative operations performed by that subject on suitable environmental structures“, explains Rowlands. „I think I’m also known for holding a rather strange view of the nature of consciousness.“

Interview

 

Michael Hafner talked to Mark Rowlands about morality, mortality, loneliness as a merry bachelor’s life and the questions wether fleas have feelings. and other moral obligations towards animals

themashazine: After reading „The Philosopher and the Wolf“ I head tears in my eyes and started to louse my dog, because I just wanted to do her something good. – Actually, I thought I would not like the book after I read some (mainly german) reviews that gave me the impression of you as someone exploiting something quite ordinary (living with an animal) as something special and exciting (the big, strong, mean, stinking, aggressive and then even ill animal). – How did you like the reception of your book?

Mark Rowlands: I’m not familiar with the German reviews, as I don’t speak German. I suppose I am aware of most of the English language reviews (my publishers send them to me), and, of course, I’m delighted – since the vast majority of them have been very positive. I try – I really try – not to take any notice of reviews: but it’s much easier to do that when they are so nice!

themashazine:what can people who never lived with an animal take from your book?

Mark Rowlands: The book is an extended examination of what it means to be human. In particular, I examine three features that are thought to separate us from other creatures: intelligence, morality, and our understanding of our own mortality. So, the book would be, I hope, of interest to anyone who has thought about this issue – whether or not they live with animals.

We are more intelligent than other animals (at least in the way we measure this). But this comes from our simian forebears travelling a path that wolves and other social creatures did not. Our intelligence is grounded in more primitive abilities to manipulate and deceive our peers. The result was an arms race, where abilities to resist manipulation and deception just about kept their noses in front of manipulation and deception. The intelligence we have today is a result of this race: manipulation and deception are core components of human intelligence.

This theme was reiterated in my discussion of morality. We are also distinguished from other creatures, so we think, by our moral sense. We understand right and wrong: they do not. I examined the extent to which power and deception lie at the core of our sense of right and wrong. So, for example, take a social contract model. The basic idea is: you scratch my back, and I’ll scratch yours. Or, at the very least, you refrain from sticking a knife in my back, and I’ll similarly refrain. You accept certain limitations on your freedom if others will accept the same limitations. Morality emerges from these sorts of primitive (and hypothetical) agreements (or contracts). However, as many have pointed out, it makes sense to contract only with people who are capable of helping you or hurting you. Therefore, if this is the basis of morality, those who can do neither fall outside the scope of morality. That is: we have no moral obligations to the powerless. Power is deeply embedded in the way we think about morality.

The same is true, I argued, of deception. In the contract, image is everything. It doesn’t really matter whether you are helping someone else, as long as they think you are. If you can deceive, you garner all the benefits of the contract whilst accruing none of the costs. The contract, by its nature, rewards deception. So, while the contract is supposed to be about morality, if you dig a little deeper, you find power and deception.

Our sense of our mortality is perhaps the most decisive difference between us and other creatures. I think other creatures understand death only in part. They cannot understand the ‘and that’s all she wrote’ aspect of death. That the one who dies will return nevermore. Because we can realize this, in a way that no other creature truly can, we have a choice to make – one so fundamental that it effectively defines the kind of life we are going to live. We can tell ourselves stories to the effect that death is not really the end. The basis of the stories is hope; hope that becomes the primary virtue of some religions and re-baptized faith. Hope, I said, is the used car salesman of human existence: so friendly, so plausible, but you can’t rely on him.

Why did I say this? Hope takes away something from us – it takes away the possibility of our lives possessing a certain kind of value. There are certain moments, I argued, when we are at our best; and it is here that the real value of life is to be found. This value is not to be found in goals toward which we strive, our ambitions, achieved or not. Our lives resist judicial summary. Rather it is to be found at certain moments, scattered around our lives. This talk of moments confused a lot of people, and led them to the conclusion that I was saying we should live in the moment. In fact, I said the opposite: living in the moment is not the life characteristic of a human – and there is no point trying to be what we are not. So, let’s replace the word ‘moments’ with ‘times’. There are certain times in our lives when we are at our best. This is when we understand the game is up. These are the times when hope has deserted us, and we have nothing left but our defiance and our scorn. In the end it is this defiance that gives our lives value: it is only our defiance that redeems us.

themashazine: What do you tell people who say they feel the same you felt about Brenin (the Wolf) about their Chihuahua?

Mark Rowlands: Good question. I attach no direct significance at all to the fact that Brenin was a wolf (or maybe wolf-dog mix). For the purposes of the book, it really did not matter. Could someone feel the same about their Chihuahua? Yes, they certainly could.

themashazine: You describe yourself as a misanthrope – what made you change your mind? did you change your mind or did you find a way to live with it? has something changed since your obvious misanthrope-times?

Mark Rowlands: Looking back, I tend to think that I just wanted a break from human beings for a while. Does that make me a misanthrope? Maybe it does.

themashazine: Your life in Ireland and France does not sound uninteresting for a man; one could get used to it as a merry bachelor´s life – but who did clean your house and do your laundry at that time?

Mark Rowlands: I cleaned my house and did my laundry. The laundry was fine, but the house was rarely clean – although, in my defense, I did have three large, and often muddy, canines sharing a small cottage.

themashazine: I like your arguments about morality and the attitude towards the weak. But are not also intentionality and the perceived distribution of power important issues? Are my horses – who are way stronger than me – mean when they step on my toes? Are they immoral when they risk my health by jumping around and hustling me, when they are scared of green Martians they see in the trees?

Mark Rowlands: Do your horses often see green Martians? If so, what sort of grass is growing in their field?

More generally, animals are not moral agents in this sense: they cannot be morally censured for what they do. They have no choice in the matter, and they cannot subject their actions to critical scrutiny and moral evaluation. That is: they cannot ask themselves questions like: is what I am doing the morally right thing to do in these circumstances?
So, animals are what is known as moral patients as opposed to moral agents. This means, very roughly, that they have rights but not responsibilities. The same, of course, is true of many humans – young children being an obvious example.

Some people claim – usually because they haven’t thought about what they are saying – that you cannot have rights without responsibilities. If they really mean this, then they are committed to denying that young children, and certain other categories of humans, have rights – not an option I would endorse.

themashazine: I guess that my dog is happiest, when she is eating, sleeping in the sun or fighting (which I can’t let her do, because she is too talented and efficient). She can enjoy that until she does something else, I can enjoy – whatever I enjoy – only inbetween (before I have to leave, after I come home from work, because I can take a few minutes now, because we have not sat together or been for a walk or a while now),
Is that part of the difference between wolves and apes you described? And did you find a way to deal with it – or could you just diagnose the difference?

Mark Rowlands: I think it’s true that one of the reasons we humans are such a dissatisfied species is because we are so spread out in time that we find it very difficult to enjoy the moment. As I said: Living in the moment is not the life characteristic of a human – and there is no point trying to be what we are not.

themashazine: Finally, to get back to the fleas: I’m killing them intentionally and they are way smaller and weaker than my dog or me. – Are we immoral?

Mark Rowlands: Two responses:

First, you have a duty of care to your dog that you don’t have to her fleas. You took on that duty when you brought her into your life.

Second, fleas are, as far as know, non-sentient. We might be wrong about this, but given everything we know about the neural basis of consciousness, it’s a pretty good bet. Therefore, a good case can be made for thinking that fleas fall outside the scope of morality. We have no moral obligations to fleas.




Explorative Communication

Communication is not always about agreeing. It’s not even always about understanding.
So what else do we do, besides creating noise?
Sometimes communication is about exploring: We have to use words, thoughts, to materialize ideas, to bring them into existence. But we don’t want to convince anybody, we don’t even want to explain that to someone, sometimes we don’t even want someone to listen.
We are just talking/thinking, because this is a way of creating.

Sounds stranger then I thought. I think I’ll have to get back on this.

30 Jahre Postmoderne? – Lyotard revisited 3/3 – Dissens als Leitbild von Leben, Kommunikation, Medien


DissensBeliebigkeit, Flexibilitaet sind Sichtweisen von Vielfalt. Vielfalt in der Kommunikation bedeutet, unterschiedliche Sichtweisen zu vertreten, diese mit unterschiedlichen Mitteln und Argumentarien zu erklaeren. Auch ohne zentral anerkannte Instanzen, ohne maechtige Kirchen, ohne attraktive Politiker, mit Universitaeten, die ihre Leistungsbilanz gegenueber jener von Kindergaerten rechtfertigen muessen, sind wir weiter von Chaos, Anarchie oder moralischem Verfall entfernt denn je.
Was haelt angesichts so vieler unterschiedlicher Positionen zusammen? Die Hypothese ist, es ist eben die Vielfalt, die Zurschaustellung von Diversitaet, Buntheit, sich selbst behauptender (und nicht von etwas angrenzender) Andersartigkeit, die den Zusammenhalt ermoeglicht.
Die Infragestellung gewohnter Zusammenhaenge und Begruendungen, die Zerlegung oft unhinterfragter Legitimationen dienen dazu, die reale Vielfalt aus einer neuen Perspektive betrachten zu koennen:Wir haben es nicht nur mit Variationen desselben zu tun, nicht mit Abweichungen von einem Standard – es gibt real die Moeglichkeit, anders zu sein, von Grund auf anders zu argumentieren, Dinge anders zu betrachten und zu beurteilen, und anders zu handeln – ohne das „anders“ als anders zu betrachten. Die Norm ist eine Erzaehlung unter vielen. Ihre Positionierung, egal ob ueber Ignoranz („Wir sind doch alle so“) oder Toleranz („Gut moeglich, dass du das anders siehst, aber…“) ist Anmassung, die alle anderen dazu zwingen soll, sich mit ihr auseinanderzusetzen.
Dennoch basiert in unserer aktuellen Gesellschaft viel auf diesem Prinzip: Es geht immer um Mehrheitsfaehigkeit, Konsens, um den Durchschnitt.

Konsensorientierung unter Terrorverdacht

Konsens bedeutet immer auch einen kleinen Gewaltakt. Einer muss nachgeben, es kann nicht immer um rationale Ueberzeugung gehen (in allen Konsequenzen vom Verstehen ueber das Akzeptieren bis zum Handeln ist das nahezu ausgeschlossen); in einer Zweierbeziehung bleibt einer, in einer offenen Gesellschaft bleibt sogar die Mehrheit auf der Strecke. Die Mitte ist dort, wo erst einmal keiner ist. Auf dem Weg dorthin musste ein Grossteil etwas nachgeben – manche mehr, andere weniger.
Dabei geht es nicht um reale, koerperliche Gewalt, nichteinmal um Unterdrueckung oder Meinungsfreiheit.
Es geht um den argumentativen, diskursiven Aufwand, der demjenigen zugemutet wird, der eine andere Position beschreiben, ausformulieren, vielleicht auch nur beziehen moechte. Durch das Konsensprinzip, die Annahme einer verbindenden Norm oder die Reduktion von Innovation, Devianzen auf das, was mit bestehenden, bekannten Mitteln erfasst, beschrieben werden kann, wird das Bestehende zementiert.
Konsens dient der Erhaltung des Status Quo, die Schritte zu seiner Erhaltung sind Ablenkung und Beschaeftigung, die weit mehr Freiraum nehmen, als sie zu geben vorgeben. Einmal mehr in Lyotards Worten: „Andererseits scheint auch der Konsens als Gueltigkeitskriterium ungenuegend. … Er gilt … nur als Mittel fuer das wahrhafte Ziel, welches das System legitimiert, die Macht.“

Moral tarnt sich als Zweckmaessigkeit

Konsens ist kein Legitimationskriterium fuer Wahrheit, er wird nicht auf beschreibende Aussagen angewandt, sondern auf vorschreibende. Die Frage ist nicht, ob wir alle der Meinung sind, dass das so ist, sondern ob das so sein soll. Konsens ist in moralischen Zusammenhaengen relevant – und strahlt von dieser Position aus in Politik, Wirtschaft und andere soziale Systeme.
Die attraktive Seite des Konsens liegt in seiner nivellierenden, alle miteinbeziehenden, ausgleichenden Form. Konsens scheint nah bei Gerechtigkeit zu liegen. Praktisch repraesentiert Konsens Gerechtigkeit meist etwa so weit, wie lauwarmer Kaffee eine Symbiose von heissem Espresso und Eiskaffee repraesentiert: Am Ende ist niemand gluecklich.

Ein Abruecken von Konsensorientierung muss nicht Egoismus oder Isolation bedeuten. Zur Diskussion stehen die moeglichen und relevanten Ziele von Kommunikation. Wird Konsens als Ziel vorausgesetzt, stellt das bereits Ansprueche an den Verlauif von Kommunikation; es schliesst Positionen aus, zwingt zu Relativierungen und bringt immer eine manipulative Komponente mit ein. Mindestens einer will den anderen immer wohin bringen; meist verfolgen beide bestimmte Absichten.
Einen Schritt weiter betrachtet, bedeutet Konsens als Ziel von Kommunikation auch, dass Kommunikation nicht ihr Selbstzweck ist oder explorativen Charakter hat. Konsens ist mit Handlungen verbunden; die Priorisierung von Konsens laesst darauf schliessen, dass nach Kommunikation auch etwas bestimmtes passieren soll – der Konsens (dessen Gegenstand, konkrete Auspraegung) soll befolgt werden. Diese Voraussetzung schliesst konsequenterweise eine weitere Voraussetzung mit ein: Es herrschen anerkannte Werte, die fuer alle akzeptierbar sind, und die bereits vor Beginn der konkreten Kommunikation vorgeben, in welchen Bahnen sich Konsens bewegen kann.

Konsens unterbindet Kommunikation

Konsens als Kommunikationskriterium macht in diesem Sinn Kommunikation ueberfluessig.
Der Zwang zuzustimmen und die Notwendigkeit, anderes verstummen zu lassen, lassen Lyotard gar von Terror sprechen: Terror sei nicht notwendigerweise blutige Gewalt, aber alles was darauf abziele, etwas durchzusetzen und anderes zu beenden, verstummen zu lassen, auszuloeschen – was im Fall von Kommunikation sehr schnell passieren kann. Und Terror habe, ebenso wie die Konsensorientierung, immer ein Bild von Gerechtigkeit im Hintergrund.
„Der Konsens ist ein veralteter und suspekter Wert geworden, nicht aber die Gerechtigkeit. Man muss zu einer Idee und einer Praxis der Gerechtigkeit gelangen, die nicht an jene des Konsens gebunden ist. Das Erkennen der Heteromorphie der Sprachspiele ist ein erster Schritt in diese Richtung. Es impliziert offenkundig den Verzicht auf den Terror, der ihre Isomorphie annimmt und zu realisieren trachtet. Der zweite ist das Prinzip, dass, wenn es Konsens ueber die Regeln gibt, die jedes Spiel und die darin gemachten Spielzuege definieren, so muss dieser Konsens lokal sein, das heisst von den gegenwaertigen Mitspielern erreicht und Gegenstand eventueller Ausloesung. Man orientiert sich also an Vielfalten endlicher Metaargumentationen, wir wollen sagen: Argumentationen, die Metapraesktiptionen zum Gegenstand haben und raum-zeitlich begrenzt sind.“
Alles, was wir sagen, gilt (nur) hier und jetzt; wir haben den Moment im Ueberblick und sehen, was offen daliegt. An den sichtbaren Oberflaechen sind wir sicher, alles darueber hinaus (oder darunter) ist Spekulation. Spekulation an sich ist nicht das Problem – das entsteht erst dann, wenn versucht wird, eine Spekulation ueber die andere als Norm zu erheben.

Medien als Manifestation des Dissens, Dissens als Modell unserer Werte

„Heteromorphie der Sprachspiele“ ist ein recht abstrakter philosophischer Begriff. Medienvielfalt, Medienkonzentration sind politische und oekonomische Begriffe, die aehnliches vermuten lassen, aber nicht glelichzeitig qualitative Aenderungen bedeuten muessen. Medien nicht als Produkte sondern als omnipraesente Werkzeuge, die in all ihrer Redundanz, fragwuerdigen Qualitaet und Trial&Error-Mentalitaet endloses Rauschen, Gespraeche oder andere Geraeuscharten erzeugen, sind ein Sinnbild von Heteromorphie und Polyphonie.
Sie mit normativen Qualitaetsargumenten regulieren zu wollen, Profijournalismus dem Buergerjournalismus gegenueber stellen zu wollen, ist Ausdruck von Terror. Sie als Repraesentanten freier Meinung, als originale urpruengliche Kommunikation, ueber den regulierten oeffentlichen Diskurs stellen zu wollen, ebenso.
Dissens als nicht entschiedener und konkreter Widerspruch, sondern als ueber den Gegensatz hinausgehende Vielfalt, als Summe von Abweichungen ohne Mitte, von der man abweichen koennte, ist ein angemessenes Leitbild zur Beschreibung aktueller Moralvorstellungen und Wertesituationen. – Aus welcher Position laesst sich so etwas feststellen? Wie laesst sich Dissens als Situation beschreiben?

  • Ganz koennen wir die gewohnte Position, die regelnd und vorschreibend argumentiert, nicht verlassen. Wir brauchen Werte, wir erzeugen sie, indem wir argumentieren. „Gute“ Kommunikation thematisiert diese normative Dimension, setzt Grenzen und Bezuege, macht klar, wer warum worueber spricht. Diese Regeln koennen von einem PR-Berater oder von einem Beziehungstherapeuten gleichermassen stammen.
  • Manchmal verlaesst sie auch die Zielorientierung, es geht nicht nur darum, Ergebnisse, Ueberzeugung zu erreichen, sondern einfach einmal darum, einen Gedanken, eine Perspektive durchzudenken, auszuformulieren. Eventuelle Ergebnisse, Konsequenzen gibt es vielleicht spaeter.
  • Dissens als Leitbild bedeutet, in der Auseinandersetzung eigene Werte und Annahmen zu hinterfragen, sie nicht die Position des Gegenueber unhinterfragt ueberlagern zu lassen. Das ist in der Behauptung eigener Argumente wichtig, wichtiger aber oft im Versuch, Argumente des anderen zu verstehen: Er muss nicht aus meiner Perspektive argumentieren; ich sollte wissen, was er jetzt gerade sagt, in welchen Zusammenhang er das stellt, welche Werte er hier miteinbezieht – ohne dabei zu viel Spekulation zu veranstalten. Verlaesslich moeglich ist nur der erste Punkt…
  • Das erfordert eine Fuelle an Kommunikation – als direkte Realtime-Auseinandersetzung, als Ausformulierung von Standpunkten, als Ideensammlung, als Argumentarium. Nicht alles davon muss den gleichen Zweck erfuellen – im Gegenteil: Abgesehen von der (zielorientierten) Realtime-Kommunikation erfuellt das meiste wohl gar keinen Zweck. Oder, aus einer anderen Perspektive betrachtet: Mehr als einen Zweck; die Beschraenkung durch enge Vorgaben entfaellt zugunsten von Offenheit.

30 Jahre Dissens und Infragestellung

Vielleicht war es nicht die Idee einer unendlich polyphonen und im buchstaeblichen Sinn privatisierten Medienlandschaft, die Lyotard vor dreissig Jahren im Sinn hatte. Vielleicht war es ein klaren Regeln folgender akademischer Diskurs, der rein analytische Ziele verfolgte: Moeglichkeiten aufzeigen, aber nichts entscheiden. Vielleicht auch die insgeheime Aufforderung, neue Regeln zu entwickeln, die diesen Anforderungen gerecht werden, die ihre Grundlagen instrumentalisieren koennen und Loesungsansaetze entwickeln, wie wir auch trotzdem Ziele erreichen.

Die Situation, vor die uns neue Online-Medien stellen, ist eine Mischung aus diesen Punkten. Wir haben nichts zu entscheiden,wir werden nicht gefragt – einerseits. Andererseits fragt sich die ganze Welt, was wir in dieser Situation, mit diesen Medien machen sollen, wie wir sie fuer PR-, Marketing- oder Bildungszwecke nutzen koennen. Und die Antwort ist oft: Einfach tun, einfach ausprobieren. Allein das macht Konsens unmoeglich…

Die Faehigkeit, mit Dissens umzugehen, ist etwas, das wir trainieren muessen. Positionen wahrnehmen, analysieren, respektieren, ohne jedesmal Partei zu ergreifen, ist ein grundsaetzlich gesicherter Weg, Respekt zu erlernen, respektvollen Umgang mit ungewohnten Positionen zu ueben. Sich an den Gedanken von Dissens als tolerierbarem Zustand zu gewoehnen bedeutet – oder trainiert – darueberhinaus auch die Faehigkeit, unterschiedliche Positionen ueberhaupt wahrzunehmen.
Der Umgang mit Social Media unterstuetzt uns dabei. Wir lernen mit einer Fuelle von Information umzugehen, sie in ihren Zusammenhaengen und Abhaengigkeiten einzuschaetzen, professionelle, kommerzielle und marketingorientierte Kommunikation von verstaendigungsorientierter und diese von explorativer Kommunikation zu unterscheiden. Wir gehen damit um, dass wir keine besonderen Autoritaeten haben, dass Medien, Themen, Meinungen in Hinblick auf potentielle Reichweite, Einfluss, Qualitaet und Originalitaet gleichberechtigt nebeneinander stehen.
Der Umgang mit Social Media unterstuetzt diese Wahrnehmung und trainiert diese Faehigkeit.
Social Media, neue Online-Medien erzeugen darueberhinaus natuerlich auch Dissens. Das ist eine ihrer mittlerweile unhinterfragten Hauptaufgaben. Ob das ein unerwuenschter Stoereffekt ist oder der angemessene Weg, mit aktuellen Gegebenheiten umzugehen, ein Weg zur Repraesentation und Diskussion der Wirklichkeit, ist in Beziehung zu Sprachspielen, Legitimationsdiskursen und schliesslich auch moralischen Einstellungen zu sehen.
Akzeptieren wir die Modelle, die Diversitaet darstellen, oder wuenschen wir uns jene, die Normen positionieren und durchsetzen, zurureck?
Auch diese Frage wird bald nur noch unter historischen Bedingungen, als Gedankenspiel gestellt werden koennen. Das ist die dritte Wirkungsweise von neuen Online-Medien in Hinblick auf Dissens: Sie unterstuetzen und erzeugen Dissens, sie trainieren unsere Faehigkeiten im Umgang mit Dissens, und sie setzen das begrifflich-abstrakte Konzept von Dissens in Realitaet um. Sie erzeugen und veraendern Realitaet, sie bieten angreifbare Manifestationen eines philosophischen Konzepts. Im doppelten Sinn: Als Produkt von Vielfalt einerseits, als Beispiel fuer die Macht des Sprechens, die reale Produktivitaet von Kommunikation andererseits.

Eine Theorie der Social Media als zeitgenoessische Kommunikationstheorie, die ueber die Frage des pragmatischen Marketingeinsatzes hinausgeht, muss die Bedingungen und Moeglichkeiten von Verstaendigung einer diversifizierten Welt mit vielfaeltigen Werten thematisieren. Lyotards in der Mediendiskussion kaum noch praesente Ansaetze, die Welle an folgenden Post-ismen (Postexistentialismus, Poststrukturalismus, Dekonstruktion,…), die fortschreitende Laehmung durch die Entfernung urspreungliche verbindender, Diskussionen als selbstverstaendlich beendender Normen und Wertvorstellungen, stehen der Tatsache gegenueber, dass trotz allem immer noch irgendetwas funktioniert, trotz allem taeglich Verstaendigung und Ueberzeugung stattfinden.
Das kann bedeuten, das die Theorie des Dissens und der nicht selbstverstaendlichen, selbst immer auch erklaerungsbeduerftigen Legitimierungen nicht stimmt.
Es kann auch als Hinweis gesehen werden, dass Dissens eine produktive Kraft ist: Wir muessen erst feststellen, dass wir einander nicht verstehen, bevor wir darueber reden koennen, ob wir einander verstehen wollen. Der erste Punkt ist dabei die ausdruecklichere Bezeugung von Respekt und Aufrichtigkeit.

Postmoderne revisited in drei Teilen

30 Jahre Postmoderne? – Lyotard revisited 1/3
30 Jahre Postmoderne? – Lyotard revisited 2/3 – Performatives Sprechen: Ich sage das, also ist es so
30 Jahre Postmoderne? – Lyotard revisited 3/3 – Dissens als Leitbild von Leben, Kommunikation, Medien