Kongo Alexanderplatz

Fiston Mwanza Mujilas Tram 83 ist so etwas die das Berlin Alexanderplatz des Kongo: Sex, Drugs und Überleben in einer düsteren  von Verfall und Aufbruch zugleich gezeichneten Stadt. Tram 83 ist ein Nachtclub, in dem alle abhängen, weil es wenig Alternativen gibt: Minenarbeiter, Prostituierte, Touristen, Intellektuelle, Alleinerziehende (jede Single-Frau über 25 gilt im Tram 83 als Alleinerziehende) und Geschäftsleute.

Die Stadt ist eine Phantasie-Stadt, nicht näher benannt oder beschrieben, die Charaktere sind allesamt in verzwickten Situationen gefangen.

Das Buch ist keine konkrete Story und nicht auf Realismus bedacht. Lucien ist Schriftsteller, teilt eine Wohnung mit einem betrügerischen Freund lernt – im Tram 83 natürlich – einen Verleger kennen, der ihn mit Änderungswünschen fertig macht.

Und das wird in ziemlich rasante Worte verpackt, unterschiedliche Erzähltechniken erhöhen das Tempo.

Mujila vermittelt ein vages Gefühl vom Leben in afrikanischen Millionenstädten – einem Leben von dem man in Europa meist keine klare Vorstellung hat. Sein Buch verleitet auch etwas zu gewohnt düsteren Visionen, aber das liegt wohl eher an der europäischen Perspektive, die Dreck uns Slums kennt.

Deshalb kann ich mir auch einen Hinweis in eigener Sache nicht verkneifen: In „The Boda Boda Book“ zeichnen wir ein aktuelles Bild vom Leben in den Millionenstädten Afrikas, es sind Momentaufnahmen einer Zukunftsbranche – auch wenn die Motorradtaxis Ugandas auf den ersten Blick nicht gerade danach aussehen …

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Neue Indiekator-Partner: Bahoe Books

Bahoe Books
Indiekator ist immer auf der Suche nach Publishern, die ihr Geschäft etwas anders angehen, die Dinge produzieren, die nicht überall zu bekommen sind und für die Indie nicht irgendein Marketing-Ding ist, sondern eine Selbstverständlichkeit. Wen interessiert schon der Markt?
Weil es aber auch nicht ganz ohne geht, sind wir auf der Suche nach Partnern – jedes Indiekator-Paket soll anders zusammengesetzt sein, jede Lieferung ist immer frisch.
Indiekator bringt Publikationen nach Hause, denen man sonst selten über den Weg läuft – das ist unser Versprechen.
Deshalb freut es uns ganz besonders, mit Bahoe Books einen Partner gefunden zu haben, für den das ganz besonders gilt. Ein anarchistischer Verlag mit Büro in einer der nobelste Gegenden der Wiener Innenstadt (im Gemeindebau), ein Verlagsprogramm, das anarchistische Klassiker, Übersetzungen, Neuausgaben und politische Comics ganz leger miteinander vereint, und liebevoll produzierte Bücher – das ist genau nach unserem Geschmack.
Bahoe Books
Für unser erstes Paket wird Bahoe Books einen politischen Comic in den Topf werden – welchen, das verraten wir noch nicht.
Wie kommt man an die Pakete? Derzeit sind wir noch in der Vorbereitungsphase; Bestellmöglichkeiten gibt es dann, wenn wir mit unserem Angebot zufrieden sind (voraussichtlich im September). Wer schon neugierig geworden ist – lasst eure Mailadresse da, dann halten wir euch auf dem Laufenden.

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„Mordor kommt und frißt uns alle auf“ – bleibt dabei aber zahnlos

Wenn ein Autor schon von seinem Verlag mit anderen Autoren verglichen wird, ist dieser Autor ein armes Schwein. Normalerweise ist das ja einfallslosen Kulturjournalisten vorbehalten, sich in Kulturanalogien zu ergehen.

Im Fall von Ziemowit Szczereks „Mordor kommt und frißt uns alle auf“ erledigt das allerdings schon der Verlag: „Jack Kerouac“, „Gonzo“, „Hunter S. Thompson“ und „Fear and Loathing in Las Vegas“ sind die über den Klappentext verteilten Reizworte, die dem Autor Einfallslosigkeit unterstellen.

Nicht ganz zu Unrecht. Das Buch ist eine Aneinanderreihung übler Klischees über Klischees, geschrieben mit einer Alles-ist-so-arg-alles-ist-so-aufregend-Haltung, wie sie einem Boulevardjournalisten in Vor-Internet-Zeiten oder einem Hund vor dem Gassigehen geziemen würde und die auch die paar hübschen eingestreuten Formulierungen ungefähr so brachial erstickt wie die Schweißausdünstungen eines Coca Cola-Mannes das Interesse an seinem Sixpack (damit man mal ein Bild von der doch nicht so mächtigen Wortgewaltigkeit bekommt …).

Ein paar Worte zu kennen macht halt keinen Autor aus und ein lesbares Buch entsteht halt auch nicht durch eine Anhäufung von Seiten, sondern durch eine Story.

Schade drum. So ist das eine Sammlung verabenteuerlichter Burgenländerwitze ohne Pointe, nur erzählt sie eben ein Pole über Ukrainer.

Ljubko Deresch hatte in Sachen Ukraine weit mehr zu erzählen.

Roberto Bolano: 2666. – Große Empfehlung

Roberto Bolano

Es ist ein Entwicklungsroman über drei nerdige Literaturwissenschaftler, die sich auf ihrer Spurensuche nach einem verschwundenen Erfolgsautor nach Mexiko verirren, eine Sammlung von zweihundert detailliert protokollierten Morden in einer mexikanischen Kleinstadt und eine deutsche Kriegsgeschichte.

Dabei ist es eigentlich ganz egal, was Roberto Bolano erzählt: Die knapp 1200 Seiten von „2666“ erzählen keine fertige Geschichte, sie reißen verschiedene Handlungsstränge an, legen ein paar Spuren, biegen dann wieder ab – und sind aber immer eindrucksvoll präsent „2666“ ist kein Buch, das man liest, um zu erfahren, wie es ausgeht, es ist ein Buch, in dem jede Seite, jede noch so keine Nebenstory packend, fesselnd und selbstverständlich ist. Ein Buch, dem man gar nicht anmerkt, wie dick es ist.

Das große Panorama, das Roberto Bolano entwirft, ist rund. Viele der einzelnen Fäden laufen auf einen gemeinsamen Knotenpunkt zu. Aber das ist ganz egal. Solano erzählt genug, um das Universum seiner Figuren zusammenzuhalten, aber wenig genug, um die Festlegung, die konkrete Auflösung, die so oft einen schalen Nachgeschmack hinterlässt, zu vermeiden.

 

Fazit: Ich bin selten von Büchern wirklich hingerissen, in diesem Fall aber ganz eindeutig und mehr als das. Roberto Bolano schreibt phantasievoller und weniger besserwisserisch als (der aktuelle) Pynchon, verschwendet keine Energie auf aufwendige Beschreibungen oder Anspielungen, sondern erzählt in einem Höllentempo – ohne eine komplette Geschichte erzählen zu können. „2666“ ist eines der Bücher, nach denen es schwer fällt, gleich das nächste Buch zur Hand zu nehmen. Große Empfehlung.

 

Roberto Bolano wurde 1953 in Chile geboren, lebte lang im Mexiko und starb 2003 in Barcelona.

 

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Das Boda Boda-Buch: Motorradtaxis in Uganda

Wir machen dann im übrigen ernst: Mit Ende des Jahres werden wir das Boda Boda-Fotobuch fertigstellen. Boda Bodas sind Motorradtaxis in Ostafrika, die vor allem in Uganda üblich sind.
Ursprünglich waren es Fahrräder, die das Niemandsland zwischen den Grenzen überbrückt haben – heute sind die Motorradtaxis eine der wichtigsten Lebensadern im Nahverkehr ostafrikanischer Städte. Und sie bieten eine Zukunftsperspektive für junge Menschen, die mit ihren Fahrten nicht schlecht verdienen.

Trotzdem ist die Zukunft der Fahrer ungewiss: Einige Stadtbehörden überlegen gerade, die Motorräder aus den Stadtzentren zu verbannen – um moderner zu werden und um die natürlich mit der hohen Motorraddichte verbundenen Unfallrisiken zu senken.

Eine Verbannung der Motorräder wäre schade – nicht nur, weil sie in Millionenstädten die Kampala das effizienteste Fortbewegungsmittel sind, weil sie Jobs und Unabhängigkeit schaffen, sondern auch, weil damit ein wunderschönes buntes Stück abenteuerlicher Lebendigkeit verloren gehen würde.

Mehr Bilder und den Plan zum Buch gibt es auf bodaboda.org. Und um das Buch fertigzustellen, brauchen wir euch …

 

 

Facebook-Roman: Celle que vous croyez

Camille Laurens schreibt den ultimativen Facebook-Roman. Das Buch erzählt seine Story in indirekten Fragmenten: Unterhaltungen mit einem Therapeuten, ein paar direkt von der Protagonistin erzählte Momente, Statements des Therapeuten und Protokolle von Aussagen anderer Protagonisten ergeben das ungefähre Bild einer Handlung, einer Handlung, die sich aus unterschiedlichen Darstellungen aus verschiedenen Perspektiven zusammensetzt und nie in die Perspektive des allwissenden Erzählers wechselt.

Jede Perspektive behauptet etwas – und jede verfolgt dabei eine bestimmte Agenda.

So weit zur Form. Inhaltlich macht sich eine geschiedene Mittvierzigerin daran, ihrer neuen Flamme nachzuspionieren. Der berufsjugendliche ebenfalls Mittvierziger lebt in einer WG und ist jungen Frauen offenbar nicht abgeneigt, weshalb sie ihn über ein Fake-Facebookprofil einer jungen Frau stalkt.

Dann laufen die Storys je nach Perspektive auseinander: Beginnt sie eine virtuelle Affäre mit dem Mitbewohner ihres Liebhabers, die diesen, wegen der Unerreichbarkeit seines Objekts der Begierde verzweifeln lässt? Setzt sie die Affäre in die Tat um, um den Mitbewohner dann zu verlassen? Wird sie von ihm verlassen?

 

Laurens findet für jede Handungsoption eine schlüssige Perspektive und einen passenden Erzähler. Was beim Nacherzählen platt klingt, ist beim Lesen eine spannende Mischung, die jede scheinbar endlich greifbar gewordene Entwicklung der Handlung gleich wieder zerfallen lässt.

Das kann ein bisschen Überinterpretation sein, aber eigentlich halte ich das Buch eher wegen dieser verstrickten und immer wieder relativierenden Erzählweise für einen angemessenen Social Media-Roman – weniger, weil Facebook darin eine Hauptrolle spielt.

 

Camille Laurens, Celle que vous croyez.

Camille Laurens ist ein Pseudonym für Laurence Ruel, geboren 1957 in Lyon, schreibt und lehrt französische Literatur unter anderem im Marokko.

Im neuen politischen Feindbilder-Labyrinth: „Die große Regression“

Fangen wir mit der größten Schwäche an: Der Begriff des Neoliberalismus zieht sich wie eine Nebelgranate durch alle 300 Seiten. Neoliberalismus an sich ist schon nicht der am allerschärfsten definierte Begriff, diesen Begriff aber zum Leitparadigma der letzten Jahrzehnte zu erheben – gerade in Europa, in einem Europa, das in den vergangenen dreißig bis vierzig Jahren sehr bunte Regierungen gesehen hat – beraubt diesen Begriff der letzten Schärfen, die man noch darin hätte vermuten können.

Trump, Brexit: „Wie konnte das passieren?“ – Dabei kannten sie Kurz noch gar nicht …

In dem Sammelband „Die große Regression – Eine internationale Debatte über die geistige Situation unserer Zeit“, der gleich in vierzehn Sprachen erschienen ist, beschäftigt sich eine Reihe tendenziell linker internationaler Intellektueller mit der Frage, wie das so schiefgehen konnte. „Das“ waren zu diesem Zeitpunkt der Wahlsieg Trumps und die Entscheidung für den Brexit. Schiefgehen bezieht sich darauf, dass beide Entscheidungen aus kaum einer Perspektive rational nachvollziehbar sind. Niemand profitiert realistisch und ökonomisch betrachtet von diesen Entscheidungen – wie konnte es also dazu kommen?
Die merkwürdigen Allianzen aus Milliardären und unzufriedenen ArbeiterInnen oder Arbeitslosen, die es dem Establishment oder denen da oben zeigen wollen, sind ein seltsamer Schmelztiegel, in dem scheinbar alles geht. Politische Kategorien sind über den Haufen geworfen, flexible Phantasieidentitäten kochen einander digital hoch und erzeugen dabei in erster Linie ein wenig Schaum und Gestank – viel mehr Spuren bleiben nicht zurück. Wo soll man da als nachdenklicher Mensch mit einer doch grundsätzlich stabil linken Haltung ansetzen?

Ist es jetzt Wirtschaft oder Politik?

Ein Punkt, der sich durch fast alle Texte zieht, ist die Vermischung oder Verwischung nicht nur von links und rechts, sondern auch von Politik und Wirtschaft. Es ist nicht klar, wo die herrschende Klasse zu finden ist und wo damit Verantwortung, Zurechnungsfähigkeit und Gut und Böse zu finden sind.
Einerseits sind es Regierungen, andererseits Konzerne. Regierungen sind zwar gewählt, richten sich – dem verkürzt hier wiedergegebenen Verständnis der AutorInnen nach – oft nicht an den Interessen jener aus, die ihre Wähler sein sollten. Konzerne sind zwar nicht zwingend die traditionelle herrschende Klasse (sie können auch neu entstehen), haben aber, gemessen daran, dass sie nur ihren eigenen Interessen verpflichtet sind, sehr viel Macht und Möglichkeiten.
Darin ein Problem zu sehen, ist vergleichsweise neu. Kropotkin nannte die Entstehung internationaler Postdienste noch als ein Musterbeispiel funktionierender Anarchie: Als im 19. Jahrhundert sind gesetzlichen Grundlagen für grenzüberschreitenden Postverkehr geschaffen wurden, geschah das nicht nach den Vorgaben und Interessen von Regierungen und anderen Herrschenden, Spezialisten der Post selbst diktierten aufgrund ihrer Erfahrungen und der Bedürfnisse ihres Geschäfts die neuen Regeln. Autorität hatte also nicht der, der sie Kraft eines Amtes beansprucht, sondern der, der natürliche Autorität und echte Expertise in seinem Gebiet hat. – Diese frei definierte Autorität war auch für Bakunin eines der Kernstücke gelingender Anarchie. Heute erinnert das Beispiel der Post an Schreckensvisionen von an keine lokalen Rechte gebundenen Schiedsgerichte, die bei internationalen Wirtschaftsstreitigkeiten eingreifen sollen.

„Progressiver Neoliberalismus“

Die Frage bleibt im Sammelband unbeantwortet, neue Feindbilder der Arbeiterklasse müssen anderswo gesucht werden. Und sie finden sich in einem zweiten Punkt, der sich ebenfalls in mehreren Varianten durch den Sammelband zieht. Seine prägnanteste Formulierung findet er in dem Beitrag der amerikanischen Politikwissenschaftlerin Nancy Fraser: Sie spricht von einem „progressiven Neoliberalismus“. Das ist ein problematischer Begriff. Neoliberalismus, sonst kühl, profitorientiert und asozial konnotiert, erhält mit dem Adjektiv „progressiv“ eine gestalterische, nachdenkliche und fast schon wärmende Komponente. Progressiv ist, wer verändern will, weil das Bestehende Unbehagen verursacht – sei es aufgrund von Gerechtigkeitsfragen, wegen fehlender Zukunftsperspektiven oder aus Sorge um die Umwelt. Eines der natürlichen Habitate der progressiven Neoliberalen sind Start-Up-Blasen aller Art; der Prototyp ist der schwulenfreundliche, vegane, sich nachhaltig ernährende und kleidende Gründer, der mit einer (sozial relevanten) Idee (idealtypisch im Hightech-Bereich) auf den Exit hinarbeitet.
In Frasers Worten: Die Verbindung aus „echten progressiven Kräften“, einer „wissensbasierten Wirtschaft“ und dem Finanzwesen ist das unheimliche neue Feindbild. Es ist ein angreifbares Feindbild, das viele Perspektiven bietet und sich aus vielen Perspektiven zum Feindbild eignet. Reibungspunkte funktionieren für Wertkonservative, Industrielle, ihre ArbeiterInnen, Gewerkschaften, Arbeitslose und wirtschaftlich Ausgegrenzte, für andere Formen konservativer Wirtschaft – und für Regierungen und Behörden, die angesichts rasanter Entwicklungen zwar nicht ihre reale Macht, aber ihre Definitionsmacht verlieren.
Der progressive Neoliberalismus ist die Zuschreibung einer „neuen“ „Elite“, der gegenüber auch das alte und scheinbar allmächtige Establishment alt aussieht. Hier werden Kapital und Menschenmassen auf eine Art und Weise bewegt, die noch vor zwanzig Jahren undenkbar gewesen wäre.

Multifunktionales Feindbild

Allerdings passt das Bild des progressiven Neoliberalen nicht nur auf den suberfolgreichen Turbokapitalisten. Es trifft ebenso auf zahllose Formen des Mikrokapitalismus zu, auf unabhängige, selbstständige und in diversesten Branchen arbeitende Klein- und Mittelunternehmer.
Es passt auf jeden, der sich aus verschiedenen Gründen davon verabschiedet hat, entweder rein persönlichen Profit mit geringstem Aufwand oder Arbeitsplätze für andere als oberste Maxime seines eigenen Handelns zu sehen.
Die Feindbildlogik mag stimmen; ich habe allerdings meine Zweifel, ob genuin linke Perspektiven hier einen Ausweg zeigen können: Der progressive Neoliberale ist ebenso der Selbstermächtiger wie der Selbstausbeuter. Das ist auch eines meiner Grundprobleme mit zeitgenössischen linken Ansätzen von Wirtschaftspolitik, die sich, wenn man die Folklore beiseite lässt, kaum von liberalen Ansätzen unterscheiden. „Selbst“ ist zugleich gut und schlecht, im Kollektiv besser als in der individuellen Variante, und der individuellen Variante werden stets auch kollektive Zwänge unterstellt.
Byung Chul Hans Psychopolitik lauert hinter einigen Absätzen des Sammelbands, ebenso Foucaults Disziplinierungsanalysen. Der Rückgriff auf Foucault sollte eigentlich schon hellhörig machen – schließlich schrieb Foucault in den siebziger Jahren, als weder Prekariat noch Start-Up-Blasen in Mode waren. Wer ein bisschen weiter zurückgeht, wird noch viel mehr ähnliche Gedanken finden. Ich kann etwa folgendes in die Waagschale werfen: Es „ist auch die Knechtschaft eine innerliche geworden: Man hat jene Heiligkeiten in sich aufgenommen, sie mit seinem ganzen Dichten und Trachten verflochten, sie zur ‚Gewissenssache‘ gemacht, sich eine ‚heilige Pflicht‘ aus ihnen bereitet.“ (Es) „hat den Menschen recht eigentlich zu einem ‚Geheimen-Polizei-Staat‘ gemacht. Der Spion und Laurer ‚Gewissen‘ überwacht jede Regung des Geistes, und alles Tun und Denken ist ihn eine ‚Gewissenssache‘ d.h. Polizeisache. In dieser Zerrissenheit des Menschen in ‚Naturtrieb‘ und ‚Gewissen‘ (innerer Pöbel und innere Polizei) besteht“ er. Diese Textstellen, die geradezu wortgleich auf die linke Perspektive auf den Kleinunternehmer passen, der seine Freiheit mit Arbeit erkauft (die natürlich in gewissem Maß der Freiheit im Weg steht), stammt nicht aus einem Start-Up-Report, sondern aus Max Stirners „Der Einzige und sein Eigentum“. Ein Text, der immerhin schon 1844 erschien.
So neu ist der Gedanke eine kontrollierenden Instanz, die aus verschiedenen Gründen verinnerlicht erscheint, also nicht. Der Gedanke lässt sich nur schwer auf aktuelle wirtschaftliche oder politische Entwicklungen zurückführen – und er war schon da, bevor das Kommunistische Manifest erschien (1848).
Die Wende zum Religiösen mag ein wenig verwundern. Allerdings schreibt in Regression ja auch Bruno Latour mit – und der kritisiert Wirtschaftshörigkeit ja schließlich als Religionsersatz und entwirft mit dem (seinen Angaben nach von Sloterdijk übernommenen) Monogäismis-Konzept quasireligiöse Gegenideen.
Argumentiert wird ja außerdem schon länger nicht mehr – eher gestaunt. Und das ist schließlich auch eine eher religiöse Beschäftigung.
Der Katholik ist übrigens in Stirners Auffassung jemand, der sich gern mit Vorschriften zufrieden gibt, der etwas tut, weil es sich so gehört, der tut, was sich gehört – aber nicht mehr. Es ist der Dienst-nach-Vorschrift-Mensch, der für seine vergangene Dienstbarkeit dann lebenslanges Arbeitslosengeld beziehen möchte.
Linke Wirtschafts- und Gesellschaftsentwürfe werden immer mehr zu einem archäologischen Sport. Sie beschreiben eine Welt, deren logische Grundlagen vor hundert Jahren aktuell waren. Menschen, die auf ihre Rechte (als Arbeitnehmer, also auf Mittagspause, 13. und 14. Gehalt, Zuschüsse bei der Sozialversicherung und vieles mehr) pochen, feiern und zementieren damit ihre Abhängigkeit. 
Gerade aus österreichischer Perspektive: Das immerwährende Donauinselfest, bei dem der Staat Menschen unterhält und versorgt (nachdem er ihnen zuvor Steuergeld abgenommen hat), ist halt auch keine valide Zukunftsperspektive.
Eher als bei Gewerkschaften, Arbeiterpädagogen oder ziellosen Gelegenheitsdemonstranten mit PR-Talent sehe ich Perspektiven dann doch mehr bei Menschen, die gleichzeitig machen und denken können. Das ist mein Verständnis von politischem und wirtschaftlichem Handeln und von sozialem Gewissen.  Am einfachsten äußert sich das in selbstbestimmter wirtschaftlicher Tätigkeit. Dazu braucht man weder das Kollektiv noch das unternehmerische Sendungsbewusstsein oder gar die Rolle als selbstloser Arbeitgeber.
Dann könnten wir uns auch irgendwo unterwegs treffen.

„Was machen wir hier eigentlich?“ – Bruno Latours „Existenzweisen“

Schon nach den ersten Zeilen war ich etwas abgelenkt. Bruno Latours großes Philosophieprojekt beginnt im gleichen Setting wie Walter Wippersbergs Mockumentary „Das Fest des Huhnes“.
In Wippersbergs Film macht sich ein Team afrikanischer Dokumentarfilmer und Forschungsreisender auf, um die unentdeckte Wildnis Oberösterreichs zu entdecken. Sie begegnen dabei Zeltfesten, Feuerwehrkommandanten, Maibaumritualen, Kirchen und Prozessionen. Alles aus einer streng neutralen, unvoreingenommenen Perspektive erzählt – so unvoreingenommen, wie eben Dokumentationen nun mal sind. Allein die drei Minuten ab hier könnte ich mir immer wieder tagelang ansehen.

Latours Gedankenexperimente

Bruno Latour versucht es nun mit einem ähnlichen Gedankenexperiment: Er schickt eine beobachtende Anthropologin auf die Reise, um die Regeln, Rituale und eben die Existenzweisen der Modernen zu erforschen. Die Modernen sind dabei eine Gesellschaft, ein Menschenschlag, der sich scheinbar weit von traditionellen Zwängen und Kulten entfernt hat, es sind Menschen, die in ihrer Eigenwahrnehmung rational und zweckorientiert handeln und dabei möglichst auch demokratische Zweckorientierung suchen.
Und nein, das Ergebnis ist keineswegs satirisch oder anderweitig leicht vorhersehbar; es geht nicht darum, Entfremdung aufzuzeigen oder aus einer vermeintlich naiven (und meist doch voreingenommenen) Perspektive Fehlentwicklungen zu entlarven. Latour meint es ziemlich ernst. Auf über 700 Seiten entwickelt sich in seinem Text ein komplexes Tabellensystem aus verschiedenen Existenzweisen, dominierenden Handlungsweisen und argumentativen Leitbildern, mit dem er vor allem die Vielschichtigkeit des Konstrukts illustriert, das man oft so gemeinhin und scheinbar einfach als „Moderne“ bezeichnet.
Das gerät manchmal ziemlich spekulativ, manchmal extrem abstrakt, schwer verständlich und sehr auslegungsbedürftig. Der Interpretations- und Diskussionspielraum ist dabei Teil des Plans: Gleichzeitig mit dem Buch wurde eine Onlineplattform veröffentlicht, auf der seither weitergeforscht wird. Der Buchveröffentlichung (Französisch 2012, Deutsch 2014) folgten einige Jahre intensiver Konferenzen; Notizen dazu und ausführlicherer Blogbeiträge vervollständigen seither die Tabelle. Seit 2016 ist es dort allerdings ziemlich still geworden.

Diverse Rationalitätsformen

Dem Buch gehen 25 Jahre Arbeit voraus; 1991 erschien Latours „Wir sind nie modern gewesen“; „Existenzweisen“ liefert gewissermaßen nachträglich einiges an Argumentation und Erklärung dazu, verpackt in fiktive Feldforschung und mathematisch-logische Modelle, die sich vor Schlussfolgerungen hüten.
Gegen Ende des Buchs bricht Latour dann allerdings mit seinem eigenen Modell. Er verlässt den Beobachtungsposten und bezieht Position.
In diesen letzten Kapiteln geht es um mathematische, rechnende Existenzweisen, um jene Argumentationskreise, in denen die stimmige Rechnung als Inbegriff von Rationalität gilt – und Rationalität als unbestrittene Königsdisziplin der Menschlichkeit. Latour verlässt seinen Beobachtungsposten, fällt seiner Anthropologin ins Wort und wird parteiisch. Rechnende Rationalität, so Latour schon vorher an mehreren Stellen seines Textes, ist der neue Fetisch jener, die sich gegen Fetische wenden. Berechenbarkeit und Präzision ersetzen Glaubensfragen, die Allwissenheitskonzepte voraussetzen, und sie gipfeln in zwei praktischen Anwendungen: Die eine ist Wissenschaft, die andere Wirtschaft. Mit der Beobachtung von Wissenschaftern beginnt Latour sein Buch, mit der der Wirtschaft schließt er es. Der Unterschied könnte größer nicht sein: Wissenschaft ist ein Rationalitätsmodell, das möglichst ohne Voraussetzungen und Schlussfolgerungen arbeitet. Es liefert Fakten und Zusammenhänge. Der Rest ist Interpretation. – Das ist schlecht für die Autorität dieses Modells: Fakten können für alles mögliche verwendet werden, und von Zusammenhängen zu Kausalketten (mit denen Ereignisse prognostiziert und gesteuert werden können) ist es ebenfalls ein weiter Schritt. Die Folge: Wissenschafter sind eher Randfiguren, die Information liefern, aber nicht in die Ereignisse eingreifen, die manchmal um ihre Meinung gefragt werden, deren Informationen aber nur unverbindliche Empfehlungen bleiben. – Das ist auch einer der Ausgangspunkte, von denen aus Latour das Rationalitätsselbstverständnis der Modernen zu zerlegen beginnt.
Ganz anders im Dunstkreis der Wirtschaft: Hier schafft Rationalität nicht nur die logischen Regeln, sondern auch die des Erfolgs. Diese Regeln schreiben diejenigen, die es können, stets im Rahmen der Rationalität, die hier ihre Beweglichkeit beweist: Es ist genauso vernünftig, auf den eigenen Nutzen zu achten, wie es vernünftig ist, auf dass Gemeinwohl zu achten. Beides lässt sich zum Prinzip erheben, beide Prinzipien können fast wortgleich und unter Berufung auf die gleichen Werte argumentiert werden.
Latour schließt daraus dann, dass es andere Orientierungsprinzipien braucht. Auch die Modernen ruhen nicht in sich, sie bewegen sich nicht in einem voraussetzungslosen Raum und können auch nicht alle notwendigen Voraussetzungen aus sich selbst oder aus der Rationalität schaffen.
Auf der Suche nach diesem Prinzip ist Latour dann ziemlich schnell: Götter kann es viele oder keinen geben; Religion ist daher kein verlässliches Prinzip. Erde dagegen gibt es nur eine. Latour zieht hier einen Gedanken von Sloterdijk heran – im übrigen mit einem der schönen und seltenen Begriffe, die es nicht einmal bei Google zu finden gibt (es gibt also auch keine näheren oder auf den ersten Blick überprüfbaren Verbindungen zu Sloterdijk). Diese Begriff ist „Monogäismus“. Es gibt nur eine Erde, Menschen brauchen die Erde – also sollte die Erde diejenige sein, die die Regeln festlegt und um die sich alles dreht.
Schließlich ist es auch die Erde, die zumindest dem ökonomisch orientierten Rationalitätsprinzip gerade Grenzen aufzeigt und ihm eine andere Richtung gibt: Zumindest die Idee mit dem Wachstum, das alles wieder gut macht, kann so wie bisher nicht mehr auf die Dauer funktionieren – irgendwann sind die Möglichkeiten der Erde ausgeschöpft.
Latour wird hier nicht wirklich konkreter. Der Gedanke bleibt eine Anregung, bringt aber doch eine moralische Dimension in die Diskussion, die bislang vermieden wurde.
Eingedenk diese Stil- und Argumentationslinienbruchs ist es vielleicht auch passend, dass das Argument mit nur einer Erde möglicherweise nicht mehr ganz so gesetzt ist wie vor wenigen Jahren. Raumfahrt zu Tourismuszwecken und der Mars rücken näher. Und dabei – noch einmal passender – sind eher wirtschaftliche als wissenschaftliche Akteure die treibenden Kräfte. Natürlich ist die Marskolonisierug nicht ohne Wissenschaft denkbar. Aber einmal mehr liefert sie hier die Grundlage – und es sind andere, zweckorientierte Formen von Rationalität, die diese Grundlagen in umsetzbare Maßnahmen übersetzen. Zumindest nach den heute vorherrschenden Regeln.

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Und genau das ist das Themenfeld, in dem Latour zum Denken anregt.