Das Boda Boda-Buch: Motorradtaxis in Uganda

Wir machen dann im übrigen ernst: Mit Ende des Jahres werden wir das Boda Boda-Fotobuch fertigstellen. Boda Bodas sind Motorradtaxis in Ostafrika, die vor allem in Uganda üblich sind.
Ursprünglich waren es Fahrräder, die das Niemandsland zwischen den Grenzen überbrückt haben – heute sind die Motorradtaxis eine der wichtigsten Lebensadern im Nahverkehr ostafrikanischer Städte. Und sie bieten eine Zukunftsperspektive für junge Menschen, die mit ihren Fahrten nicht schlecht verdienen.

Trotzdem ist die Zukunft der Fahrer ungewiss: Einige Stadtbehörden überlegen gerade, die Motorräder aus den Stadtzentren zu verbannen – um moderner zu werden und um die natürlich mit der hohen Motorraddichte verbundenen Unfallrisiken zu senken.

Eine Verbannung der Motorräder wäre schade – nicht nur, weil sie in Millionenstädten die Kampala das effizienteste Fortbewegungsmittel sind, weil sie Jobs und Unabhängigkeit schaffen, sondern auch, weil damit ein wunderschönes buntes Stück abenteuerlicher Lebendigkeit verloren gehen würde.

Mehr Bilder und den Plan zum Buch gibt es auf bodaboda.org. Und um das Buch fertigzustellen, brauchen wir euch …

 

 

Facebook-Roman: Celle que vous croyez

Camille Laurens schreibt den ultimativen Facebook-Roman. Das Buch erzählt seine Story in indirekten Fragmenten: Unterhaltungen mit einem Therapeuten, ein paar direkt von der Protagonistin erzählte Momente, Statements des Therapeuten und Protokolle von Aussagen anderer Protagonisten ergeben das ungefähre Bild einer Handlung, einer Handlung, die sich aus unterschiedlichen Darstellungen aus verschiedenen Perspektiven zusammensetzt und nie in die Perspektive des allwissenden Erzählers wechselt.

Jede Perspektive behauptet etwas – und jede verfolgt dabei eine bestimmte Agenda.

So weit zur Form. Inhaltlich macht sich eine geschiedene Mittvierzigerin daran, ihrer neuen Flamme nachzuspionieren. Der berufsjugendliche ebenfalls Mittvierziger lebt in einer WG und ist jungen Frauen offenbar nicht abgeneigt, weshalb sie ihn über ein Fake-Facebookprofil einer jungen Frau stalkt.

Dann laufen die Storys je nach Perspektive auseinander: Beginnt sie eine virtuelle Affäre mit dem Mitbewohner ihres Liebhabers, die diesen, wegen der Unerreichbarkeit seines Objekts der Begierde verzweifeln lässt? Setzt sie die Affäre in die Tat um, um den Mitbewohner dann zu verlassen? Wird sie von ihm verlassen?

 

Laurens findet für jede Handungsoption eine schlüssige Perspektive und einen passenden Erzähler. Was beim Nacherzählen platt klingt, ist beim Lesen eine spannende Mischung, die jede scheinbar endlich greifbar gewordene Entwicklung der Handlung gleich wieder zerfallen lässt.

Das kann ein bisschen Überinterpretation sein, aber eigentlich halte ich das Buch eher wegen dieser verstrickten und immer wieder relativierenden Erzählweise für einen angemessenen Social Media-Roman – weniger, weil Facebook darin eine Hauptrolle spielt.

 

Camille Laurens, Celle que vous croyez.

Camille Laurens ist ein Pseudonym für Laurence Ruel, geboren 1957 in Lyon, schreibt und lehrt französische Literatur unter anderem im Marokko.

Im neuen politischen Feindbilder-Labyrinth: „Die große Regression“

Fangen wir mit der größten Schwäche an: Der Begriff des Neoliberalismus zieht sich wie eine Nebelgranate durch alle 300 Seiten. Neoliberalismus an sich ist schon nicht der am allerschärfsten definierte Begriff, diesen Begriff aber zum Leitparadigma der letzten Jahrzehnte zu erheben – gerade in Europa, in einem Europa, das in den vergangenen dreißig bis vierzig Jahren sehr bunte Regierungen gesehen hat – beraubt diesen Begriff der letzten Schärfen, die man noch darin hätte vermuten können.

Trump, Brexit: „Wie konnte das passieren?“ – Dabei kannten sie Kurz noch gar nicht …

In dem Sammelband „Die große Regression – Eine internationale Debatte über die geistige Situation unserer Zeit“, der gleich in vierzehn Sprachen erschienen ist, beschäftigt sich eine Reihe tendenziell linker internationaler Intellektueller mit der Frage, wie das so schiefgehen konnte. „Das“ waren zu diesem Zeitpunkt der Wahlsieg Trumps und die Entscheidung für den Brexit. Schiefgehen bezieht sich darauf, dass beide Entscheidungen aus kaum einer Perspektive rational nachvollziehbar sind. Niemand profitiert realistisch und ökonomisch betrachtet von diesen Entscheidungen – wie konnte es also dazu kommen?
Die merkwürdigen Allianzen aus Milliardären und unzufriedenen ArbeiterInnen oder Arbeitslosen, die es dem Establishment oder denen da oben zeigen wollen, sind ein seltsamer Schmelztiegel, in dem scheinbar alles geht. Politische Kategorien sind über den Haufen geworfen, flexible Phantasieidentitäten kochen einander digital hoch und erzeugen dabei in erster Linie ein wenig Schaum und Gestank – viel mehr Spuren bleiben nicht zurück. Wo soll man da als nachdenklicher Mensch mit einer doch grundsätzlich stabil linken Haltung ansetzen?

Ist es jetzt Wirtschaft oder Politik?

Ein Punkt, der sich durch fast alle Texte zieht, ist die Vermischung oder Verwischung nicht nur von links und rechts, sondern auch von Politik und Wirtschaft. Es ist nicht klar, wo die herrschende Klasse zu finden ist und wo damit Verantwortung, Zurechnungsfähigkeit und Gut und Böse zu finden sind.
Einerseits sind es Regierungen, andererseits Konzerne. Regierungen sind zwar gewählt, richten sich – dem verkürzt hier wiedergegebenen Verständnis der AutorInnen nach – oft nicht an den Interessen jener aus, die ihre Wähler sein sollten. Konzerne sind zwar nicht zwingend die traditionelle herrschende Klasse (sie können auch neu entstehen), haben aber, gemessen daran, dass sie nur ihren eigenen Interessen verpflichtet sind, sehr viel Macht und Möglichkeiten.
Darin ein Problem zu sehen, ist vergleichsweise neu. Kropotkin nannte die Entstehung internationaler Postdienste noch als ein Musterbeispiel funktionierender Anarchie: Als im 19. Jahrhundert sind gesetzlichen Grundlagen für grenzüberschreitenden Postverkehr geschaffen wurden, geschah das nicht nach den Vorgaben und Interessen von Regierungen und anderen Herrschenden, Spezialisten der Post selbst diktierten aufgrund ihrer Erfahrungen und der Bedürfnisse ihres Geschäfts die neuen Regeln. Autorität hatte also nicht der, der sie Kraft eines Amtes beansprucht, sondern der, der natürliche Autorität und echte Expertise in seinem Gebiet hat. – Diese frei definierte Autorität war auch für Bakunin eines der Kernstücke gelingender Anarchie. Heute erinnert das Beispiel der Post an Schreckensvisionen von an keine lokalen Rechte gebundenen Schiedsgerichte, die bei internationalen Wirtschaftsstreitigkeiten eingreifen sollen.

„Progressiver Neoliberalismus“

Die Frage bleibt im Sammelband unbeantwortet, neue Feindbilder der Arbeiterklasse müssen anderswo gesucht werden. Und sie finden sich in einem zweiten Punkt, der sich ebenfalls in mehreren Varianten durch den Sammelband zieht. Seine prägnanteste Formulierung findet er in dem Beitrag der amerikanischen Politikwissenschaftlerin Nancy Fraser: Sie spricht von einem „progressiven Neoliberalismus“. Das ist ein problematischer Begriff. Neoliberalismus, sonst kühl, profitorientiert und asozial konnotiert, erhält mit dem Adjektiv „progressiv“ eine gestalterische, nachdenkliche und fast schon wärmende Komponente. Progressiv ist, wer verändern will, weil das Bestehende Unbehagen verursacht – sei es aufgrund von Gerechtigkeitsfragen, wegen fehlender Zukunftsperspektiven oder aus Sorge um die Umwelt. Eines der natürlichen Habitate der progressiven Neoliberalen sind Start-Up-Blasen aller Art; der Prototyp ist der schwulenfreundliche, vegane, sich nachhaltig ernährende und kleidende Gründer, der mit einer (sozial relevanten) Idee (idealtypisch im Hightech-Bereich) auf den Exit hinarbeitet.
In Frasers Worten: Die Verbindung aus „echten progressiven Kräften“, einer „wissensbasierten Wirtschaft“ und dem Finanzwesen ist das unheimliche neue Feindbild. Es ist ein angreifbares Feindbild, das viele Perspektiven bietet und sich aus vielen Perspektiven zum Feindbild eignet. Reibungspunkte funktionieren für Wertkonservative, Industrielle, ihre ArbeiterInnen, Gewerkschaften, Arbeitslose und wirtschaftlich Ausgegrenzte, für andere Formen konservativer Wirtschaft – und für Regierungen und Behörden, die angesichts rasanter Entwicklungen zwar nicht ihre reale Macht, aber ihre Definitionsmacht verlieren.
Der progressive Neoliberalismus ist die Zuschreibung einer „neuen“ „Elite“, der gegenüber auch das alte und scheinbar allmächtige Establishment alt aussieht. Hier werden Kapital und Menschenmassen auf eine Art und Weise bewegt, die noch vor zwanzig Jahren undenkbar gewesen wäre.

Multifunktionales Feindbild

Allerdings passt das Bild des progressiven Neoliberalen nicht nur auf den suberfolgreichen Turbokapitalisten. Es trifft ebenso auf zahllose Formen des Mikrokapitalismus zu, auf unabhängige, selbstständige und in diversesten Branchen arbeitende Klein- und Mittelunternehmer.
Es passt auf jeden, der sich aus verschiedenen Gründen davon verabschiedet hat, entweder rein persönlichen Profit mit geringstem Aufwand oder Arbeitsplätze für andere als oberste Maxime seines eigenen Handelns zu sehen.
Die Feindbildlogik mag stimmen; ich habe allerdings meine Zweifel, ob genuin linke Perspektiven hier einen Ausweg zeigen können: Der progressive Neoliberale ist ebenso der Selbstermächtiger wie der Selbstausbeuter. Das ist auch eines meiner Grundprobleme mit zeitgenössischen linken Ansätzen von Wirtschaftspolitik, die sich, wenn man die Folklore beiseite lässt, kaum von liberalen Ansätzen unterscheiden. „Selbst“ ist zugleich gut und schlecht, im Kollektiv besser als in der individuellen Variante, und der individuellen Variante werden stets auch kollektive Zwänge unterstellt.
Byung Chul Hans Psychopolitik lauert hinter einigen Absätzen des Sammelbands, ebenso Foucaults Disziplinierungsanalysen. Der Rückgriff auf Foucault sollte eigentlich schon hellhörig machen – schließlich schrieb Foucault in den siebziger Jahren, als weder Prekariat noch Start-Up-Blasen in Mode waren. Wer ein bisschen weiter zurückgeht, wird noch viel mehr ähnliche Gedanken finden. Ich kann etwa folgendes in die Waagschale werfen: Es „ist auch die Knechtschaft eine innerliche geworden: Man hat jene Heiligkeiten in sich aufgenommen, sie mit seinem ganzen Dichten und Trachten verflochten, sie zur ‚Gewissenssache‘ gemacht, sich eine ‚heilige Pflicht‘ aus ihnen bereitet.“ (Es) „hat den Menschen recht eigentlich zu einem ‚Geheimen-Polizei-Staat‘ gemacht. Der Spion und Laurer ‚Gewissen‘ überwacht jede Regung des Geistes, und alles Tun und Denken ist ihn eine ‚Gewissenssache‘ d.h. Polizeisache. In dieser Zerrissenheit des Menschen in ‚Naturtrieb‘ und ‚Gewissen‘ (innerer Pöbel und innere Polizei) besteht“ er. Diese Textstellen, die geradezu wortgleich auf die linke Perspektive auf den Kleinunternehmer passen, der seine Freiheit mit Arbeit erkauft (die natürlich in gewissem Maß der Freiheit im Weg steht), stammt nicht aus einem Start-Up-Report, sondern aus Max Stirners „Der Einzige und sein Eigentum“. Ein Text, der immerhin schon 1844 erschien.
So neu ist der Gedanke eine kontrollierenden Instanz, die aus verschiedenen Gründen verinnerlicht erscheint, also nicht. Der Gedanke lässt sich nur schwer auf aktuelle wirtschaftliche oder politische Entwicklungen zurückführen – und er war schon da, bevor das Kommunistische Manifest erschien (1848).
Die Wende zum Religiösen mag ein wenig verwundern. Allerdings schreibt in Regression ja auch Bruno Latour mit – und der kritisiert Wirtschaftshörigkeit ja schließlich als Religionsersatz und entwirft mit dem (seinen Angaben nach von Sloterdijk übernommenen) Monogäismis-Konzept quasireligiöse Gegenideen.
Argumentiert wird ja außerdem schon länger nicht mehr – eher gestaunt. Und das ist schließlich auch eine eher religiöse Beschäftigung.
Der Katholik ist übrigens in Stirners Auffassung jemand, der sich gern mit Vorschriften zufrieden gibt, der etwas tut, weil es sich so gehört, der tut, was sich gehört – aber nicht mehr. Es ist der Dienst-nach-Vorschrift-Mensch, der für seine vergangene Dienstbarkeit dann lebenslanges Arbeitslosengeld beziehen möchte.
Linke Wirtschafts- und Gesellschaftsentwürfe werden immer mehr zu einem archäologischen Sport. Sie beschreiben eine Welt, deren logische Grundlagen vor hundert Jahren aktuell waren. Menschen, die auf ihre Rechte (als Arbeitnehmer, also auf Mittagspause, 13. und 14. Gehalt, Zuschüsse bei der Sozialversicherung und vieles mehr) pochen, feiern und zementieren damit ihre Abhängigkeit. 
Gerade aus österreichischer Perspektive: Das immerwährende Donauinselfest, bei dem der Staat Menschen unterhält und versorgt (nachdem er ihnen zuvor Steuergeld abgenommen hat), ist halt auch keine valide Zukunftsperspektive.
Eher als bei Gewerkschaften, Arbeiterpädagogen oder ziellosen Gelegenheitsdemonstranten mit PR-Talent sehe ich Perspektiven dann doch mehr bei Menschen, die gleichzeitig machen und denken können. Das ist mein Verständnis von politischem und wirtschaftlichem Handeln und von sozialem Gewissen.  Am einfachsten äußert sich das in selbstbestimmter wirtschaftlicher Tätigkeit. Dazu braucht man weder das Kollektiv noch das unternehmerische Sendungsbewusstsein oder gar die Rolle als selbstloser Arbeitgeber.
Dann könnten wir uns auch irgendwo unterwegs treffen.

„Was machen wir hier eigentlich?“ – Bruno Latours „Existenzweisen“

Schon nach den ersten Zeilen war ich etwas abgelenkt. Bruno Latours großes Philosophieprojekt beginnt im gleichen Setting wie Walter Wippersbergs Mockumentary „Das Fest des Huhnes“.
In Wippersbergs Film macht sich ein Team afrikanischer Dokumentarfilmer und Forschungsreisender auf, um die unentdeckte Wildnis Oberösterreichs zu entdecken. Sie begegnen dabei Zeltfesten, Feuerwehrkommandanten, Maibaumritualen, Kirchen und Prozessionen. Alles aus einer streng neutralen, unvoreingenommenen Perspektive erzählt – so unvoreingenommen, wie eben Dokumentationen nun mal sind. Allein die drei Minuten ab hier könnte ich mir immer wieder tagelang ansehen.

Latours Gedankenexperimente

Bruno Latour versucht es nun mit einem ähnlichen Gedankenexperiment: Er schickt eine beobachtende Anthropologin auf die Reise, um die Regeln, Rituale und eben die Existenzweisen der Modernen zu erforschen. Die Modernen sind dabei eine Gesellschaft, ein Menschenschlag, der sich scheinbar weit von traditionellen Zwängen und Kulten entfernt hat, es sind Menschen, die in ihrer Eigenwahrnehmung rational und zweckorientiert handeln und dabei möglichst auch demokratische Zweckorientierung suchen.
Und nein, das Ergebnis ist keineswegs satirisch oder anderweitig leicht vorhersehbar; es geht nicht darum, Entfremdung aufzuzeigen oder aus einer vermeintlich naiven (und meist doch voreingenommenen) Perspektive Fehlentwicklungen zu entlarven. Latour meint es ziemlich ernst. Auf über 700 Seiten entwickelt sich in seinem Text ein komplexes Tabellensystem aus verschiedenen Existenzweisen, dominierenden Handlungsweisen und argumentativen Leitbildern, mit dem er vor allem die Vielschichtigkeit des Konstrukts illustriert, das man oft so gemeinhin und scheinbar einfach als „Moderne“ bezeichnet.
Das gerät manchmal ziemlich spekulativ, manchmal extrem abstrakt, schwer verständlich und sehr auslegungsbedürftig. Der Interpretations- und Diskussionspielraum ist dabei Teil des Plans: Gleichzeitig mit dem Buch wurde eine Onlineplattform veröffentlicht, auf der seither weitergeforscht wird. Der Buchveröffentlichung (Französisch 2012, Deutsch 2014) folgten einige Jahre intensiver Konferenzen; Notizen dazu und ausführlicherer Blogbeiträge vervollständigen seither die Tabelle. Seit 2016 ist es dort allerdings ziemlich still geworden.

Diverse Rationalitätsformen

Dem Buch gehen 25 Jahre Arbeit voraus; 1991 erschien Latours „Wir sind nie modern gewesen“; „Existenzweisen“ liefert gewissermaßen nachträglich einiges an Argumentation und Erklärung dazu, verpackt in fiktive Feldforschung und mathematisch-logische Modelle, die sich vor Schlussfolgerungen hüten.
Gegen Ende des Buchs bricht Latour dann allerdings mit seinem eigenen Modell. Er verlässt den Beobachtungsposten und bezieht Position.
In diesen letzten Kapiteln geht es um mathematische, rechnende Existenzweisen, um jene Argumentationskreise, in denen die stimmige Rechnung als Inbegriff von Rationalität gilt – und Rationalität als unbestrittene Königsdisziplin der Menschlichkeit. Latour verlässt seinen Beobachtungsposten, fällt seiner Anthropologin ins Wort und wird parteiisch. Rechnende Rationalität, so Latour schon vorher an mehreren Stellen seines Textes, ist der neue Fetisch jener, die sich gegen Fetische wenden. Berechenbarkeit und Präzision ersetzen Glaubensfragen, die Allwissenheitskonzepte voraussetzen, und sie gipfeln in zwei praktischen Anwendungen: Die eine ist Wissenschaft, die andere Wirtschaft. Mit der Beobachtung von Wissenschaftern beginnt Latour sein Buch, mit der der Wirtschaft schließt er es. Der Unterschied könnte größer nicht sein: Wissenschaft ist ein Rationalitätsmodell, das möglichst ohne Voraussetzungen und Schlussfolgerungen arbeitet. Es liefert Fakten und Zusammenhänge. Der Rest ist Interpretation. – Das ist schlecht für die Autorität dieses Modells: Fakten können für alles mögliche verwendet werden, und von Zusammenhängen zu Kausalketten (mit denen Ereignisse prognostiziert und gesteuert werden können) ist es ebenfalls ein weiter Schritt. Die Folge: Wissenschafter sind eher Randfiguren, die Information liefern, aber nicht in die Ereignisse eingreifen, die manchmal um ihre Meinung gefragt werden, deren Informationen aber nur unverbindliche Empfehlungen bleiben. – Das ist auch einer der Ausgangspunkte, von denen aus Latour das Rationalitätsselbstverständnis der Modernen zu zerlegen beginnt.
Ganz anders im Dunstkreis der Wirtschaft: Hier schafft Rationalität nicht nur die logischen Regeln, sondern auch die des Erfolgs. Diese Regeln schreiben diejenigen, die es können, stets im Rahmen der Rationalität, die hier ihre Beweglichkeit beweist: Es ist genauso vernünftig, auf den eigenen Nutzen zu achten, wie es vernünftig ist, auf dass Gemeinwohl zu achten. Beides lässt sich zum Prinzip erheben, beide Prinzipien können fast wortgleich und unter Berufung auf die gleichen Werte argumentiert werden.
Latour schließt daraus dann, dass es andere Orientierungsprinzipien braucht. Auch die Modernen ruhen nicht in sich, sie bewegen sich nicht in einem voraussetzungslosen Raum und können auch nicht alle notwendigen Voraussetzungen aus sich selbst oder aus der Rationalität schaffen.
Auf der Suche nach diesem Prinzip ist Latour dann ziemlich schnell: Götter kann es viele oder keinen geben; Religion ist daher kein verlässliches Prinzip. Erde dagegen gibt es nur eine. Latour zieht hier einen Gedanken von Sloterdijk heran – im übrigen mit einem der schönen und seltenen Begriffe, die es nicht einmal bei Google zu finden gibt (es gibt also auch keine näheren oder auf den ersten Blick überprüfbaren Verbindungen zu Sloterdijk). Diese Begriff ist „Monogäismus“. Es gibt nur eine Erde, Menschen brauchen die Erde – also sollte die Erde diejenige sein, die die Regeln festlegt und um die sich alles dreht.
Schließlich ist es auch die Erde, die zumindest dem ökonomisch orientierten Rationalitätsprinzip gerade Grenzen aufzeigt und ihm eine andere Richtung gibt: Zumindest die Idee mit dem Wachstum, das alles wieder gut macht, kann so wie bisher nicht mehr auf die Dauer funktionieren – irgendwann sind die Möglichkeiten der Erde ausgeschöpft.
Latour wird hier nicht wirklich konkreter. Der Gedanke bleibt eine Anregung, bringt aber doch eine moralische Dimension in die Diskussion, die bislang vermieden wurde.
Eingedenk diese Stil- und Argumentationslinienbruchs ist es vielleicht auch passend, dass das Argument mit nur einer Erde möglicherweise nicht mehr ganz so gesetzt ist wie vor wenigen Jahren. Raumfahrt zu Tourismuszwecken und der Mars rücken näher. Und dabei – noch einmal passender – sind eher wirtschaftliche als wissenschaftliche Akteure die treibenden Kräfte. Natürlich ist die Marskolonisierug nicht ohne Wissenschaft denkbar. Aber einmal mehr liefert sie hier die Grundlage – und es sind andere, zweckorientierte Formen von Rationalität, die diese Grundlagen in umsetzbare Maßnahmen übersetzen. Zumindest nach den heute vorherrschenden Regeln.

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Und genau das ist das Themenfeld, in dem Latour zum Denken anregt.

Kaputtalismus oder Zivilkapitalismus?

Wenn es um die Zukunft des Kapitalismus geht, argumentieren Linke und Liberale manchmal sehr ähnlich – auch wenn die Schlussfolgerungen kaum unterschiedlicher sein könnten. 

Yanis Varoufakis unterstellt Robert Misik, den Kapitalismus retten zu wollen. Das sieht Misik selbst nicht so. Tatsächlich aber klingt Robert Misik phasenweise wie Wolf Lotter – für den der Kapitalismus eigentlich gesund ist. Wo ist jetzt also das Problem?
Aber der Reihe nach: Anfang Februar präsentierte Robert Misik sein neues Buch „Kaputtalismus“ im Kreisky-Forum. Mit auf der Bühne als Diskussionspartner waren Erich Fenninger, Sozialarbeiter und Geschäftführer der Volkshilfe Österreich, und Katharina Mader, Ökonomin an der WU.
Karl Marx’ Name fiel ziemlich schnell. Spätestens seit Pikettys „Kapital“ ist das mehr als salonfähig. Spannender an der Diskussion – und an Misiks Buch – ist die Tatsache, dass man phasenweise meinen könnte, es ging um Wolf Lotters Buch „Zivilkapitalismus“.

„Unabhängig“ oder „selbstorganisiert“

Beide Autoren kritisieren die Ausprägungen des Finanzkapitalismus, beide stellen absurd hohe Managergehälter in Frage, beide sind sich einig, dass Kapitalismus als Wirtschaftsordnung durchaus funktioniert hat – und beide entwerfen, wenn auch nur skizzenhaft, Ideen einer möglicherweise folgenden Wirtschaftsordnung.
Der Unterschied: Misik sieht darin die Ablöse des Kapitalismus, Lotter den eigentlich gesunden Kern. Misik führt Beispiele selbstorganisierter Produktion aus Griechenland oder Spanien an; Arbeiter übernehmen nach Pleiten Fabriken, um selbst zu produzieren und sich über Wasser zu halten, junge Arbeitslose machen einfach irgendwas (in seinem Beispiel: Smoking- oder Hipster-Fliegen aus regionalen Stoffen und mit lokaler Handarbeit produzieren), weil es keine klassischen Jobs mehr gibt. Lotter schreibt Sätze wie: „Wir sind alle darauf trainiert, als ‚Verbraucher‘ zu denken, also als jene Gruppe, die das nimmt, was sie kriegt – eben ‚verbraucht, was da ist‘. Wir müssen aber zu Geschäftspartnern werden, zu Menschen, die sagen, was sie wollen. Auch das ist Teil der zivilkapitalistischen Transformation.“
Beide Autoren sehen Transformationsprozesse bereits in Gang, für beide geht es darum, Produktion und Wirtschaft als gesellschaftliche Prozesse für alle darzustellen – nicht als Spielwiese reicher Eliten.

Mehr oder weniger Regeln?

Die politischen Konsequenzen könnten allerdings kaum unterschiedlicher sein: Aus modern sozialdemokratischer Sicht ist hier ein Mehr an Staat notwendig. Misik, Fenninger und Mader diskutierten über Vollbeschäftigung, die Mobilisierung und Politisierung von sozial Schwachen und über staatliche Organisation. Lotter setzt auf Selbsthilfe, Unabhängigkeit und das Interesse am anderen. Und beide Seiten scheinen sich in diesem fiktiven Gespäch einig, dass zeitgemäße Wirtschaft eine Graswurzelbewegung ist: Sie entsteht von unten, von Menschen selbst.
Abgesehen davon, dass in beiden Fällen offensichtlich das Gute im Bild des Menschen überwiegt (auch der rationale Egoisten-Ökonom muss an die anderen denken, wenn er ihnen langfristig etwas verkaufen will), stellt sich jetzt die Frage, welche Voraussetzungen notwendig wären um eine solche Wirtschaft zu ermöglichen.
  • Sind es höhere Staatsausgaben, die die Wirtschaft ankurbeln, indem sie für mehr Konsum sorgen?
  • Sind es Steuerreformen, die Geld – ebenfalls für Konsum – freimachen?
  • Sind es niedrigere Abgabenquoten, die auch kleinen Unternehmer_innen das Überleben erleichtern?
  • Oder reduzierte Auflagen und Bürokratiehürden, die Gründungen erleichtern, auch wenn sie so von der Gewerbeordnung her nicht vorgesehen wären?
  • Braucht es Förderungen und einen geschützten Raum?
  • Oder braucht es grundlegende Mentalitätsveränderungen, die Menschen vom Anspruchsdenken zur Lösungsorientierung bewegt?
Antworten lassen sich am ehesten in Beispielen finden. Selbstorganisierte Produktion muss dabei nicht immer revolutionäre Wurzeln haben. Jede Zusammenarbeit von Selbstständigen funktioniert nach diesem Prinzip. Menschen stehen einander als Geschäftspartner_innen gegenüber; die Rollenverteilung zwischen Auftraggeber_in und Auftragnehmer_in, Ausbeuter_in und Ausgebeutetem oder Ausgebeuteter kann dabei schneller wechseln als man feststellen kann, wer jetzt eigentlich was war.

Grundsatzfragen

Wie weit sich solche Wirtschaftsformen dann von ihrer ursprünglichen Einfachheit entfernen, den Versuchungen der Finanzmärkte erliegen und geschlossene abgeschottete Werte schaffen wollen, hängt nicht zuletzt von ganz einfachen Rahmenbedingungen ab:
  • Können Unternehmer_innen nach ihren Bedürfnissen und nach der realen Geschäftsentwicklung planen, oder bestimmen Steuer- und Sozialversicherungsvorauszahlungen, wann wieviel Umsatz notwendig ist?
  • Kann die Rechtsform nach den Anforderungen des Unternehmens gewählt werden, oder ist das notwendige Stammkapital die eigentlich entscheidende Hürde?
  • Können die Vorteile von Rechtsformen (Haftungsbeschränkungen, Beteiligungen, Reinvestition von nicht entnommenen Gewinnen) von allen genutzt werden – oder wieder nur ab Mindestgrenzen beim Kapital?
  • Können Investitionsfreibeträge für die Investitionen in Anspruch genommen werden, die das Unternehmen braucht – oder nur für die, die der Staat fördern möchte?
  • Werden Realinvestitionen in eben diese Wirtschaftsformen unterstützt – oder bleiben sie weiterhin nicht steuerlich relevantes Privatvergnügen?
Es scheint durchaus so, als könnte man diese Fragen auch ganz praktisch und unabhängig und politischer Ideologie beantworten. Oder als müssten die Antworten, auch unabhängig von Ideologiefragen, vorerst gleich ausfallen. – Wo doch schließlich beide grundsätzlich vom Guten ausgehen, also von Menschen, die auch mit Freiheit umgehen können.
Slavoj Zizek, das nur als Randnotiz, kommt zwar in seinem ebenfalls aktuellen Kapitalismus-Buch „Ärger im Paradies“ zu dem Schluss, dass auch der Kommunismus noch nicht ganz von der Hand zu weisen sei. Ein kooperativer Kapitalismus „verteilt nicht einfach Güter und Dienstleistungen, sondern er respektiert den Sinn des Wortes ‚Markt‘ im Ganzen und in seinem Ursprung: Aus dem Verbraucher wird ein Mit-Gestalter und Mit-Unternehmer, ein Zivilgesellschafter, der seine Wünsche und Vorstellungen einbringt. Menschen auf diesen Märkten sind im Wortsinn Geschäfts-Partner. Sie handeln im gegenseitigen Interesse, sie folgen gemeinsamen Zielen, sie unterstützen sich gegenseitig, weil sie etwas voneinander wollen.“ – Dieses letzte gemeinschaftsorientierte Szenario stammt allerdings wieder vom kommunismusunverdächtigen Wolf Lotter.
Praktisch scheint also einigermaßen klar zu sein, wo die Kapitalismus-Reise hingehen kann. Offen bleibt die Frage nach den politischen Rahmenbedingungen – und die Frage, ob wir mehr oder weniger davon brauchen, und ob sich Rahmenbedingungen auf die Förderung positiver Auswirkungen (Wachstum fördern, Arbeitslosigkeit reduzieren, …) oder auf die Eindämmung möglicher negativer Folgen (Wertschöpfungsabgabe, Bonus-Malus-System, Investitionsbeschränkungen …) konzentrieren sollten …

Harter Stoff: Die Bibeln des Revolutionary Communism

Mitten am Hollywood Boulevard im östlichen Teil Richtung LA Downtown, wo die Straße bis auf den Verkehr etwas ruhiger wird und ganz unspektakulär der Hollywood-Schriftzug über Supermarktparkplätzen zu sehen ist, liegt die Buchhandlung der Revolutionäre Communists. Die RevComs sind so uramerikanisch wie Cowboys: Nicht von hier, nicht hier erfunden, praktisch nicht existent – aber geschäftstüchtig. Die Propaganda muss man kaufen.

Bob Avakian, der Chef der RevComs, publiziert viel und häufig. Die Mitarbeiterinnen im Buchhandel sind denn auch gut geschult und sendungsbewusst: Sie erzählen, dass viel schiefläuft in den USA, dass Maos Kulturrevolution China befreit hat und dass die russische Oktoberrevolution „tremendous improvements in humanity“ gebracht habe.

Avakians Schriften sind denn auch nicht zimperlich. In heroischer Soz-Art Aufmachung strahlt er von den Titelblättern, verspricht Visionen für die Menschheit im allgemeinen und die Arbeiterklasse im besonderen und gewinnt immerhin auch Philosophen wie Cornel West als öffentliche Gesprächspartner.

Mit der Kritik in seinen Schriften kann man anfangs vielleicht auch mit; revolutionäre Gedanken haben schließlich auch oft etwas Verlockendes – bis sich herausstellt, dass sie nur insofern revolutionär sind, als sie von Revolution handeln. Inhaltlich findet sich in ihnen nichts Neues.

Und gruslig bis ernsthaft erschreckend wird es dann, wenn Avakian seine Vorstellungen zur Zeit nach der Revolution beschreibt. Dann werden neben der Wirtschaft auch Kultur und Wissenschaft kontrolliert, volksfeindliche Umtriebe müssen unterbunden werden, alles muss dem Revolutionsgedanken dienen. Für die Medien gilt das selbstverständlich ebenfalls.

Mit der eigenen Medienlandschaft sind Avakians RevComs schon weit. Sonst passiert mit dem Kommunismus in den USA recht wenig.

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Lieber doch Kommunismus?

Slavoj Zizek beschäftigt sich mit Protest, Kapitalismus, Batman und der Notwendigkeit des Kommunismus.

Immer wenn man glaubt, bei Zizek einen klaren leicht verständlichen Gedanken entdeckt zu haben, zerfällt er auf den nächsten Zeilen zu Staub. Oder verwandelt sich in einen Vampir, der als Fledermaus aus dem Fenster fliegt und dann, wenn man gerade nicht hinsieht, zu einem Drachen mutiert. – Schließlich argumentiert Zizek auch gern mit Filmplots.
In einem seiner aktuellen Bücher setzt er sich mit der Frage nach dem Ende des Kapitalismus auseinander. Dabei beginnt er erstaunlich traditionell: Eine kapitalistische Wirtschaftsordnung schafft Widersprüche (Marx), liefert sich an die Finanzmärkte aus (Finanzkrise) und bräuchte, um in der notwendigen Freiheit blühen zu können, Einschränkungen und Regeln, die sich mit genau dieser Freiheit nicht vertragen (Piketty).

Entwicklung schafft Ärger

Zizeks Argumentationsketten sind jetzt nie so praktisch, dass sich daraus konkrete Handlungsempfehlungen ableiten ließen; sie bewegen sich meist vor einem psychoanalytischen Horizont und entfalten ihre stärkste Wirkung dort, wo sie Unvereinbarkeiten berühren oder Hinweise liefern, wie wir unseren gewohnten Blick um 180 Grad drehen können.
Umso spannender, wenn sich ein Denker wie Zizek mit einem scheinbar so profanen Thema wie der Kapitalismuskritik befasst. Der Titel „Ärger im Paradies“ spielt auf die Beobachtung an, dass die jüngsten großen Protestwellen gerade dort stattgefunden haben, wo sich die Dinge gerade zum Besseren gewendet haben: Türkei, Brasilien, Ägypten – das waren nicht die Armenhäuser der Welt, sondern Länder, die sich im wirtschaftlichen Aufschwung befunden haben und historisch betrachtet auch ein relativ großes Maß an Freiheit boten. Die Protestierenden waren auch nicht traditionell Benachteiligte, sondern Menschen, die mehr wollten. Entwicklung, lässt sich vereinfacht zusammenfassen, fördert revolutionäres Potenzial.

Kapital ist inkonsequent

Die andere Beobachtung: Kapitalismus als System ist inkonsequent. Trotz Freihandelszonen gibt es Landwirtschaftsförderungen (auch in den USA), trotz grober Meinungssverschiedenheit bei Menschenrechten pflegen die Länder der EU wirtschaftliche Beziehungen mit Saudi-Arabien. Diese pragmatischen Inkonsequenzen sind das Ergebnis von Politik; der Konsequenz fordert, fordert damit ebenfalls große politische Veränderungen.
Dass die Veränderung – jetzt stark verkürzt – dann ausgerechnet auf das Wiederaufleben des Kommunismus hinauslaufen kann (Zizek formuliert hier sehr vorsichtig), ist auf den ersten Blick merkwürdig. Vielleicht aber auch nur praktisch-historisch bedingt. Schließlich war die kommunistische Ordnung in einzige in jüngster Zeit konkret umgesetzte Alternative zur kapitalistischen Ordnung. Und sie ist der radikale Gegensatz, der sich eben aufdrängt, wenn wir das ganz andere suchen.
Zizek ist durchaus der Meinung, dass wir etwas radikal anderes brauchen – und uns damit schwertun, es zuzulassen. Vor allem, wenn es die Grundzüge der gewohnten (kapitalistischen) Ordnung bedroht.

Batman muss her

Das illustriert er anhand einer abschliessenden Analyse der letzten Batman-Filme. Auch hier stark verkürzt: Joker in „The Dark Knight“ hat Chaos angerichtet, Menschen an den Rand ihrer Überzeugung gebracht, Helden an sich zweifeln lassen, und sogar den guten Bürgermeisterkandidaten Dent, der die Hoffnung auf den unkorrumpierbaren weißen Ritter in Gotham City verkörperte, zum Kippen gebracht. Das war ok, weil es letztlich nur um Liebe und persönliche Grausamkeiten ging.
Bane dagegen, der Schurke aus der Fortsetzung „The Dark Knight Rises“, spielt seine Bösartigkeit über die Finanzmärkte aus: Er greift Bruce Waynes/Batmans Vermögen an, lockt die Polizei in eine Falle und löst durch die Befreiung von Häftlingen anarchische Zustände aus. Während Joker eine zwiespältige Figur war, die auch in ihren Gegnern Zwiespalt auslöste, vereint Bane eine geschlossene Front gegen sich – weil seine Angriffe nicht innerhalb einer bestehenden Ordnung funktionieren, sondern das System selbst in Frage stellen. Das kann nicht sein, daher gibt es diesmal keine korrumpierten Helden, die Polizei steht geschlossen auf der Seite des Guten – und außerdem ist klar, wo Gut und Böse sind.
Und was bedeutet das für die Frage nach dem Ende des Kapitalismus? Solange die Alternativen Joker sind, steht das System selbst nicht wirklich zur Debatte. Es gibt Variationen des Bestehenden, kleine Attacken und Reformideen, aber keine grundlegend neue Perspektive. Reale Gegenentwürfe müssen die Gestalt von Bane annehmen. In der Rolle des ganz anderen, des großen Gegensatzes zum Kapitalismus, werden sie dann in der Gestalt des Kommunismus greifbar…
In Interviews bezeichnet sich Zizek selbst als überzeugten Kommunisten. Für weniger Überzeugte können seine Überlegungen ein Denkanstoss sein, was ein Mehr an Regulierung mit sich bringt …

 

Wenn du selbst die Party sein musst

Ich habe zum ersten Mal ein Buch von Benjamin von Stuckrad-Barre gelesen. 

 

Ich kann ja nicht so mit Udo Lindenberg. Ich habs gelegentlich probiert, aber – nein. Wahrscheinlich ist er ein cooler Typ, wohl auch menschlich toll und irgendwann mal künstlerisch wichtig, vielleicht jetzt sogar noch, aber ich kann Udo Lindenberg keine zehn Sekunden lang youtuben, ohne an tausend andere Dinge zu denken, die ich jetzt lieber machen würde.
Das sind denkbar schlechte Voraussetzungen für Benjamin von Stuckrad-Barres neues Buch „Panikherz“, in dem Udo Lichtenberg das wichtigste auf der Welt ist. Neben Koks. Aber Koks ist mittlerweile aus Stuckrad-Barres Leben verschwunden, Udo Lindenberg ist geblieben. Ich habe einen neuen Versuch mit Udo gemacht, weil ich ja auch einen neuen Versuch mit Stuckrad-Barre gemacht habe – „Panikherz“ ist das erste seiner Bücher, das ich gelesen habe. Vielleicht habe ich es früher aus Neid auf den Erfolg nicht gemacht, kann schon sein, aber auch, weil ich den hyper-referenziellen Pop-Kram nicht aushalte.
Meine eigene Karriere als Musikjournalist war kurz. Nicht zuletzt, weil der Rock’n’roll-Journalismus all die Fehler und Langweiligkeiten kopiert, die Kunst- und Literaturjournalismus schon Jahrzehnte vorher zu einer großteils öden Veranstaltung gemacht haben. Dinge im Zusammenhang zu sehen ist wichtig, Kontext, Zitate und Anspielungen als Inhaltsersatz zu vergöttern ist aber das, was dann auch Kunst selbst langweilig macht.
Aber es sollte ja um das Buch gehen. Stuckrad-Barre schreibt seine Autobiografie und konzentriert sich dabei vor allem auf seine Magersucht und seine Kokssucht. Rolling Stone, die Harald Schmidt-Show und diverse Musikmarketingjobs sind dabei Nebenerscheinungen, die irgendwo am Rand vorbeiziehen. Stuckrad-Barre sagt viele Dinge, so wie man es selbst vielleicht für unausgereift und unschlüssig halten würde, und lässt sie so stehen. So entsteht Literatur.
Stuckrad-Barre braucht 600 Seiten, um seine Geschichte zu erzählen. Koks kommt eben immer wieder zurück. Wenn man es einsetzt, weil man Stille und Ruhe nicht ertragen kann, dann umso mehr – Koks an sich hat ja keinen Unterhaltungswert, aber es versetzt den Konsumenten in die Lage, selbst die Unterhaltung zu sein, die er gerne hätte. Damit wird Stuckrad-Barres Buch zur schönen Geschichte über die Unausweichlichkeit der Enttäuschung, die sich bei der Suche nach fast allem erleben lässt. Im konkreten Fall: Die Suche nach der Coolness des Rock’n’Roll-Journalisten springt mitten in das Klischee zwischen Groupie und Gott (der durch seine Kritiken entscheidet), zerstört es durch den Wechsel ins Musikmarketing, das wieder die Illusion jedweder Coolness im Musikbusiness zerstört und mündet die Enttäuschung, die nicht akzeptiert werden kann: Wenn es die Party, die ich immer gesucht habe, nicht gibt, dann muss ich sie eben selber machen.
Irgendwann dämmert einem dann ja, dass man sich ziemlich verrannt hat, wenn man immer öfter ohne Freunde, Plan oder Perspektiven aufwacht, aber dann ist es halt nicht mehr so leicht, aus dem Hamsterrad rauszukommen. Denn nüchtern betrachtet, ist die ewige Party ein ähnliches Hamsterrad wie das Einfamilienhaus mit dem 9-5 Job. (Eine der größten und schönsten und ignoriertesten Erzählungen dazu ist übrigens, wenn auch frauenpolitisch fallweise nicht mehr ganz zeitgemäß, Charles Bukowskis „Women“.)
Stuckrad-Barre jedenfalls wird irgendwann wieder nüchtern und verwandelt sich in den Prototypen deutscher Entertainmentkultur, also in den Helden von Gala- und Bunte-Klischees schlechthin: Selbstfindung im Chateau Marmont am Sunset Boulevard, Quinoa-Grütze-Dinner mit Thomas Gottschalk in Hollywood, Kino mit Bret Easton Ellis – und das alles vor dem Hintergrund einer kritischen Drogenvergangenheit. Wie schön. Ein neues Abziehbild für eine neue Generation auf der Suche nach der Party.
Andererseits: So ist das Leben. Antworten gibt es nicht; zu vielen Möglichkeiten stehen zu wenig begründbare Entscheidungen gegenüber, also ist es halbwegs egal was du machst – Hauptsache du stirbst dabei nicht und machst auch deine Umgebung nicht kaputt. Auch irgendwie unbefriedigend. Aber das kann man wiederum Stuckrad-Barre nicht vorwerfen, das ist nun mal so. Es macht jedenfalls Spaß, das Buch zu lesen und sich selbst und andere auf der Suche nach Relevanz für den eigenen faulenden Knochensack zu beobachten.