„Anarchist in Anführungsstrichen“: leider echt mühsam

Ich habe das jetzt gelesen – und ich muss sagen, langsam verstehe ich das um sich greifende Graphic Novel-Bashing. Ein junger Mensch greift sich einen bestehenden Stoff (Erich Mühsams Tagebücher), erweitert ihn um ein paar völlig belanglose, witzlose bis schlichtweg dumme Kommentare („Schicker Kapuzenpulli“), zeichnet Bilder, die schon über die kleinsten anatomischen Herausforderungen stolpern (Essen etwa), wobei Stolpern untertrieben ist – es sind mehrfache Knochenbrüche, die diese Bilder erleiden, Unfälle, die auch den wohlmeinendsten Leser verstören und schlicht vom Lesen abhalten.
Klar, in der Theorie ist das eine gute Sache, nahezu vergessene Randfiguren wie Erich Mühsam zugänglicher zu machen. Diese Art der Umsetzung trägt aber kein ganzes Buch, das ist einfach auf allen Ebenen zu wenig. Lest lieber gleich Mühsam.

Kranke Comics

Klaus Cornfields „Kranke Comics“ handeln großteils von drogensüchtigen Hunden, die Pornos produzieren. Und sie gehören zum Ekligsten und auf allen Ebenen Grauslichsten, das man mit einem Stift auf Papier bringen kann. Noch dazu in Perfektion auf ziemlich vielen Ebenen: Cornfields Charaktere sind optisch und inhaltlich rundum schlüssig, handwerklich toll – und trotzdem kein bisschen liebenswert. Nicht mal Mitleid geht sich aus.
Die zwei Dumpfbacken-Bären Fou-Fou und Ha-Ha, die in der Rahmenhandlung aus Geldnot die Hefte produzieren, aber immer inständig bitten, man möge sie nicht lesen, lassen die Widerwärtigkeit noch stärker zu Tage treten.
„Aber nicht alles auf einmal lesen, immer nur ein Heft nach dem anderen“ waren die Worte, mit denen Cornfield mir am Comicsalon Erlangen ein gewidmetes Exemplar übergeben hat. Das kann ich so nur weitergeben. Aber lest es – „Kranke Comics“ ist voller Witz, Widerwärtigkeiten, Charme und Ekel. Man schämt sich nahezu alle paar Seiten dafür, das zu lesen – bis die Neugier überwiegt, wie jetzt auch diese Szene wieder überboten werden kann.

„Kranke Comics“, ursprünglich Ende der 90er-Jahre erschienen, ist jetzt als über 400 Seiten dicke Gesamtausgabe bei Weissblech Comics neu aufgelegt worden.

Catalin Mihuleac: „Oxenberg & Bernstein“

Ich wollte dieses Buch eigentlich nicht lesen. Auf der Suche nach zeitgenössischer rumänischer Literatur aktuellen Themen bin ich dann doch darüber gestolpert, auch wenn es eher ein zeitgeschichtliches Thema ist.
Mihuleacs Erzählweise fesselt allerdings auch eilige Leser wie mich ab den ersten Seiten. Das konstruierte Szenario einer reichen Amerikanerin, die ihn als armen rumänischen Schlucker ohne Literaturagenten ausgewählt hat, ihre Geschichte zu erzählen, liefert ihm den Rahmen, eine aktuelle und ein historische Familiengeschichte zugleich zu erzählen. Beide Geschichten kreisen um den vielleicht weniger bekannten aber um so grausameren Progrom von Iasi 1941. Zum Kriegseintritt Rumäniens wurden dort über 13.000 Juden ermordet.
Catalin Mihuleac erzählt eine vielschichtige Familienstory und entwickelt über hunderte Seiten liebevoll Charaktere, die dann im Vorbeigehen mit einem Stockschlag ausgelöscht werden oder als einer unter hunderten im Waggon des Todestags ersticken. Der Pogrom selbst lauert über der Geschichte und prägt sie, obwohl er nur auf wenigen Seiten Thema ist. Die Grausamkeit scheint durch manchmal beiläufige, manchmal liebliche, manchmal sehr explizite Schilderungen und Formulierungen. Und setzt sich umso hartnäckiger im Kopf des Lesers fest.
„Oxenberg & Bernstein“ beschäftigt einen auch noch Wochen, nachdem man das Buch weggelegt hat. Und es ist auf allen Ebenen eines der besten Bücher, die man zur Zeit lesen kann.

Until Death Do Us Part

Das Fotobuch als Zigarettenschachtel – Basteln für die Kunst.

Yuan Di Yanyou produziert aufwendige Fotobände, für die sein Verlag Jiazazhi Press schon einiges an internationalen Auszeichnungen abgeräumt hat. In China selbst wird er weniger wahrgenommen: Denn Indie-Publishing existiert in China offiziell nicht.

Einer von Yanyous größten Coups bislang war Thomas Sauvins „Until Death do Us Part“ – Der Band sammelt Bilder von chinesischen Hochzeiten, die Sauvin auf einer Müllhalde in Peking gesammelt hat. Sie dokumentieren einen aus der Mode kommenden Brauch: Die Braut muss jedem Besucher eine Zigarette anzünden, dem Bräutigam auf möglichst spektakuläre Art und Weise. Das Buch hat Zigarettenschachtel-Format und ist in originale Shuangxi-Zigarettenschachteln verpackt. Denn die für die erste Auflage benötigten 1000 Stück waren günstiger über Social Networks zusammenzuschnorren – trotz billiger chinesischer Handarbeit.

Mittlerweile ist das Buch in der für Indies beachtlichen dritten Auflage und trotzdem kaum im Handel erhältlich. Wir haben ein paar Stück bei Indiekator im Shop.

Indie-Publishing in China

Independent Publishing ist ganz eindeutig in China nicht vorgesehen. Es ist so unvorstellbar – dass es nicht einmal verboten ist. ISB-Nummern, mit denen Bücher im Handel identifiziert und bepreist werden, werden nur an autorisierte staatliche Verlage vergeben. Für andere ist der Handel nicht offen.

Was nicht erlaubt ist, ist allerdings auch nicht direkt verboten. „Es ist eine große Grauzone“, erzählt Yanyou. „In Europa ist vieles klar geregelt, in China ist manches eine einzige große Grauzone.“ Sein Vorteil: „Den Behörden ist großteils ziemlich egal, was wir machen. Solange ein Beamter keinen Ärger mit seinen Vorgesetzten hat, interessiert sie nicht, was wir machen. Dadurch bekommen wir ein wenig Spielraum.“

Yanyou startete 2007 mit dem Onlinemagazin „Jiazazhi“, zu deutsch „Fake-Zeitung“. „Zeitung, weil ich immer Zeitung machen wollte, Fake, weil es sich nicht richtig, nicht echt angefühlt hat“, erklärt Yanyou. 2011 folgte das erste Fotobuch, seit 2012 ist Yanyou hauptberuflich Verleger, Sammler und neuerdings auch Gründer einer Fotobuch-Bibliothek.

Seine eigenen Fotobände profitieren von günstiger Handarbeit in China: Aufwendige Kleb-, Falt- und Klapp-Elemente loten produktionstechnische Grenzen und neue Wege des Erzählers mit Bildern aus. Und sie werden von kunstbeflissenen Europäern, die chinesische Billiglöhne in der Hightech- oder Textilbranche anprangern, immer wieder mit Preisen ausgezeichnet …

 

Bei Jiazazhi gibt es noch einige andere Bildbände von Thomas Sauvin; die Müllhalden-Funde werden auch noch unter dem Arbeitstitel „Beijing Silvermine Project“ ausgewertet.

 

„Until Death Do Us Part“ im Shop

[pexblogposts pex_attr_title=“Mehr lesen:“ pex_attr_cat=“1411″ pex_attr_layout=“columns“ pex_attr_number=“8″ pex_attr_columns=“4″][/pexblogposts]

EU-House of Cards: Robert Menasse, „Die Hauptstadt“

Wer nicht mehr „House of Cards“ schauen mag (weil die Trumps das ohnehin locker überbieten), kann stattdessen auch Robert Menasses „Die Hauptstadt“ lesen.

Es gibt einen Mord, ein paar Bürokratenintrigen und -dramen, aufwendig miteinander verwobene Nebenstorys und eine mysteriöse Schweineerscheinung, sie sich durch das ganze Buch zieht.

Ich habe noch nie ein Buch von Robert Menasse so gern und schnell gelesen. Menasse schafft es, das Brüsseler Bürokratengewirr als spektakulär spannende Kulisse hinzustellen, die große Ereignisse erwarten lässt. Die kommen dann zwar nicht unbedingt (also, ein wenig schon – aber das wäre spoilerverdächtig. Und wer hätte gedacht, dass ein Buch von Robert Menasse jemals spoilerbare Storyelemente enthalten könnte …), aber die Idee, die Brüsseler Bürokratie zugleich als menschenfeindliches Labyrinth und als Schauplatz für Schicksale zu inszenieren, ist schön und sehr kunstvoll gemacht.

Nach den ersten Seiten wirkt „Die Hauptstadt“ wie ein Thriller, in dem sich bald Ereignisse überschlagen werden. Dann aber schlägt doch die Bürokratie zu. Brüsseler Beamten stehen vor der Herausforderung, irgendeinen Anlass zu finden, das Image der EU aufzupolieren. Sie erfinden Events, entwickeln Konzepte, kämpfen sich durch einfallslose Kritik. Parallel dazu entwickelt ein Think Tank Zukunftsperspektiven; die Rolle des zerstörerisch-konstruktiven Visionärs fällt dabei der Figur eines emeritierten österreichischen Volkswirtschaftsprofessors zu. Diese Passagen bieten dann auch viel Platz für politisch-historisch-bürokratische EU-Kritik und -Analyse.

Hier hat jemand ein Buch geschrieben, das es so eigentlich nicht geben sollte: Es enthält belehrende Passagen, konstruiert eine Welt, die nur durch bürokratische Formalitäten zusammengehalten wird und beschränkt sich künstlich auf deren Grenzen, spannt einen sehr großen Bogen, dessen einzelne Elemente Überhaut nichts miteinander zu tun haben und ebenso als haarsträubende Willkür gelten könnten – aber es funktioniert.

„Die Hauptstadt“ ist ein durchweg rundes Buch, das zu lesen durchweg lohnend ist. Das Verdienst des Buches – über die Tatsache hinaus, ein guter Roman zu sein – ist es auch, „der EU“ als abstrakte, angreifbare und nicht unbedingt spannende Organisation ein Denkmal zu setzen. Eines mit dem man sich gern beschäftigt. Klingt banal, ist aber angesichts der quälenden Konstruiertheit und Ungeschicklichkeit so zahlloser EU-Werbekampagnen, -Förderprogramme, -Informationsoffensiven und -Vernetzungsversuche (vor allem in Kulturangelegenheit) ein sehr großes Verdienst.

 

[pexblogposts pex_attr_title=“Mehr lesen“ pex_attr_cat=“1411″ pex_attr_layout=“columns“ pex_attr_number=“8″ pex_attr_columns=“4″][/pexblogposts]

Kongo Alexanderplatz

Fiston Mwanza Mujilas Tram 83 ist so etwas die das Berlin Alexanderplatz des Kongo: Sex, Drugs und Überleben in einer düsteren  von Verfall und Aufbruch zugleich gezeichneten Stadt. Tram 83 ist ein Nachtclub, in dem alle abhängen, weil es wenig Alternativen gibt: Minenarbeiter, Prostituierte, Touristen, Intellektuelle, Alleinerziehende (jede Single-Frau über 25 gilt im Tram 83 als Alleinerziehende) und Geschäftsleute.

Die Stadt ist eine Phantasie-Stadt, nicht näher benannt oder beschrieben, die Charaktere sind allesamt in verzwickten Situationen gefangen.

Das Buch ist keine konkrete Story und nicht auf Realismus bedacht. Lucien ist Schriftsteller, teilt eine Wohnung mit einem betrügerischen Freund lernt – im Tram 83 natürlich – einen Verleger kennen, der ihn mit Änderungswünschen fertig macht.

Und das wird in ziemlich rasante Worte verpackt, unterschiedliche Erzähltechniken erhöhen das Tempo.

Mujila vermittelt ein vages Gefühl vom Leben in afrikanischen Millionenstädten – einem Leben von dem man in Europa meist keine klare Vorstellung hat. Sein Buch verleitet auch etwas zu gewohnt düsteren Visionen, aber das liegt wohl eher an der europäischen Perspektive, die Dreck uns Slums kennt.

Deshalb kann ich mir auch einen Hinweis in eigener Sache nicht verkneifen: In „The Boda Boda Book“ zeichnen wir ein aktuelles Bild vom Leben in den Millionenstädten Afrikas, es sind Momentaufnahmen einer Zukunftsbranche – auch wenn die Motorradtaxis Ugandas auf den ersten Blick nicht gerade danach aussehen …

[pexblogposts pex_attr_title=“Mehr lesen“ pex_attr_cat=“-1″ pex_attr_layout=“columns“ pex_attr_number=“12″ pex_attr_columns=“4″][/pexblogposts]

Neue Indiekator-Partner: Bahoe Books

Bahoe Books
Indiekator ist immer auf der Suche nach Publishern, die ihr Geschäft etwas anders angehen, die Dinge produzieren, die nicht überall zu bekommen sind und für die Indie nicht irgendein Marketing-Ding ist, sondern eine Selbstverständlichkeit. Wen interessiert schon der Markt?
Weil es aber auch nicht ganz ohne geht, sind wir auf der Suche nach Partnern – jedes Indiekator-Paket soll anders zusammengesetzt sein, jede Lieferung ist immer frisch.
Indiekator bringt Publikationen nach Hause, denen man sonst selten über den Weg läuft – das ist unser Versprechen.
Deshalb freut es uns ganz besonders, mit Bahoe Books einen Partner gefunden zu haben, für den das ganz besonders gilt. Ein anarchistischer Verlag mit Büro in einer der nobelste Gegenden der Wiener Innenstadt (im Gemeindebau), ein Verlagsprogramm, das anarchistische Klassiker, Übersetzungen, Neuausgaben und politische Comics ganz leger miteinander vereint, und liebevoll produzierte Bücher – das ist genau nach unserem Geschmack.
Bahoe Books
Für unser erstes Paket wird Bahoe Books einen politischen Comic in den Topf werden – welchen, das verraten wir noch nicht.
Wie kommt man an die Pakete? Derzeit sind wir noch in der Vorbereitungsphase; Bestellmöglichkeiten gibt es dann, wenn wir mit unserem Angebot zufrieden sind (voraussichtlich im September). Wer schon neugierig geworden ist – lasst eure Mailadresse da, dann halten wir euch auf dem Laufenden.

[pexblogposts pex_attr_title=“Mehr Lesen“ pex_attr_cat=“1411″ pex_attr_layout=“columns“ pex_attr_number=“12″ pex_attr_columns=“4″][/pexblogposts]

„Mordor kommt und frißt uns alle auf“ – bleibt dabei aber zahnlos

Wenn ein Autor schon von seinem Verlag mit anderen Autoren verglichen wird, ist dieser Autor ein armes Schwein. Normalerweise ist das ja einfallslosen Kulturjournalisten vorbehalten, sich in Kulturanalogien zu ergehen.

Im Fall von Ziemowit Szczereks „Mordor kommt und frißt uns alle auf“ erledigt das allerdings schon der Verlag: „Jack Kerouac“, „Gonzo“, „Hunter S. Thompson“ und „Fear and Loathing in Las Vegas“ sind die über den Klappentext verteilten Reizworte, die dem Autor Einfallslosigkeit unterstellen.

Nicht ganz zu Unrecht. Das Buch ist eine Aneinanderreihung übler Klischees über Klischees, geschrieben mit einer Alles-ist-so-arg-alles-ist-so-aufregend-Haltung, wie sie einem Boulevardjournalisten in Vor-Internet-Zeiten oder einem Hund vor dem Gassigehen geziemen würde und die auch die paar hübschen eingestreuten Formulierungen ungefähr so brachial erstickt wie die Schweißausdünstungen eines Coca Cola-Mannes das Interesse an seinem Sixpack (damit man mal ein Bild von der doch nicht so mächtigen Wortgewaltigkeit bekommt …).

Ein paar Worte zu kennen macht halt keinen Autor aus und ein lesbares Buch entsteht halt auch nicht durch eine Anhäufung von Seiten, sondern durch eine Story.

Schade drum. So ist das eine Sammlung verabenteuerlichter Burgenländerwitze ohne Pointe, nur erzählt sie eben ein Pole über Ukrainer.

Ljubko Deresch hatte in Sachen Ukraine weit mehr zu erzählen.