Intellektuelle Machtdemonstrationen

Geoffroy de Lagasnerie ist ein neues Wunderkind der akademischen Philosophie in Frankreich, seit seinen früheren 30ern Professor an der Ecole Normale Superieure, einer der Gehör findet, wenn er sich äußert. Das ist auch zugleich eine der Schwachstellen seines Buchs „Denken in einer schlechten Welt“.
Der Text ist ein Manifest für die Verantwortung der Intellektuellen, für die Selbstverständlichkeit, Position zu beziehen. Das Bild des engagierten Intellektuellen, das Engagement in einen nicht selbstverständlichen Zusatz eines von praktischer Verantwortung befreiten Intellektuellen verwandelt, ist die Zielscheibe seiner Kritik.
Für Lagasnerie ist es selbstverständlich, dass der denkende Mensch immer auch ein Anliegen hat und gegen herrschende Verhältnisse arbeitet. In seinen Argumenten stecken viele Grundzüge, die jeder kennt, der oder die gegen bestehende Verhältnisse argumentiert:
  • Kritik ist immer zweischneidig, weil sie auch in ihrer schärfsten Form die Vorherrschaft des Bestehenden anerkennt und bekräftigt (Lagasnerie führt das am Beispiel von Foucaults Gefängniskritik aus: Jede Kritik an der sozialen Funktion von Gefängnissen bekräftigt erst einmal, das Gefängnisse eine soziale Funktion haben und dass Strafe, Korrektur, Sozialisierung wünschenswerte, mögliche und im Rahmen der Gefängnislogik verhandelbare Ziele sind).
  • Kritik räumt dem Kritisierten (und damit dem Gegner) Raum ein – auch und gerade, wenn dessen Positionen als fundamental falsch erachtet werden. Sie müssen nur weit verbreitet sein. (Das lässt sich am plakativsten an (anti)feministischen Diskursen nachvollziehen, in denen immer wieder traditionell patriarchalische Positionen reklamiert werden – obwohl sie nicht Thema sind.)
  • Sich aus diesem Sumpf zu befreien, ist anstrengend. Wenn der Befreiungsschlag intellektuell redlich sein soll, ist es um so anstrengender – es müssen neue Positionen geschärft und deren Basis geklärt werden. Vertreter der kritisierten Positionen dagegen können auf ein breites Repertoire schon oft durchgespielter Argumente zurückgreifen, sie haben die Macht des manchmal auch nur scheinbar Faktischen auf ihrer Seite, und (Lagasnerie schickt Bourdieu ins Rennen): „Jeder Dummkopf kann den Status Quo verteidigen“.
Bis hierher kann man zur Gänze zustimmen.
Problematisch ist aber, was Lagasnerie dabei für hinderliche oder förderliche Faktoren hält.
Hinderlich ist seiner Meinung nach, dass die intellektuelle Welt in Disziplinen gespalten ist, wenig gemeinsames Vokabular hat und erst an der Bereitschaft, sich zu verständigen, arbeiten müsste. Lagasnerie plädiert für ethische Räume, die einen gemeinsamen Hintergrund schaffen und klassische Trennlinien überwinden.
Förderlich ist seiner Meinung nach die Tatsache, dass heute jedermann publizieren und sich Gehör verschaffen kann. – Damit komme ich wieder zu meinem allerersten Einwand zurück. Publizieren kann jede und jeder, gehört wird kaum jemand – schon gar nicht in Kreisen, die über die engste Nähe hinausgehen. Das liegt nicht nur an Reichweitenproblemen und der Allgegenwart von Medien und Publiziertem. Das liegt auch, wenn nicht vielmehr, an unterschiedlichen Erwartungen und Arghumentationsweisen, an logischen Grenzen, die überwunden werden müssten, um Information entstehen zu lassen, um andere Sichtweisen verständlich werden zu lassen.
Gerade weil jede und jeder publizieren kann, ist es viel einfacher, passende und für das eigene Weltbild stimmige Informationen zu suchen, als sich in eine Auseinandersetzung zu mühen.
 
Lagasneries Absicht ist sicher redlich, es fällt allerdings schwer, nicht genau den abgehobenen elitären in seine Luxusprobleme vertieften Besserwisser darin zu sehen, der eben mühelos ignoriert werden kann.
Wenn ein junger akademisch erfolgreicher Mensch die größten Hürden seiner Wirkung in akademisch gezogenen und gehüteten Trennlinien sieht, dann ist das schon ziemlich traurig. Noch trauriger ist nur, dass er damit – zumindest auf die Wirkung akademischen Arbeitens bezogen – recht hat.
 
Aber zurück zum Praktischen: Ein richtiger Gedanke ist zugleich ein Aufruf zur Veränderung. Man bemüht sich nicht darum, einen Gedanken folgerichtig, nachvollziehbar und überzeugend darzustellen, wenn man nicht auch an dessen Umsetzung interessiert wäre. Irgendwo gibt es doch noch eine Art Konsens, dass Handeln sich an Richtigkeit orientieren sollte.
Dessen, und auch das ist eine der Essenzen von Lagasneries Manifest, sollten sich Intellektuelle bewusst sein – auch und gerade, wenn sie sich konservativ geben. Jedem schlüssigen Gedanken wohnt auch eine Aufforderung inne – die zu verändern, oder zu bewahren, die, etwas zu tun, um sich der Essenz des Gedankens anzunähern, oder die, etwas zu unterlassen, um zu bewahren.
„Ich sag’s ja nur“, „Ich spreche nur die Wahrheit aus“ – das sind Verkürzungen, die nicht zulässig sind. In der Theorie sind solche Aussagen möglich, praktisch beschneiden sie allerdings die Fundamente ihrer eigenen Möglichkeit. Sie priorisieren, blenden aus, geben Richtung – sie sind niemals einfach nur neutral. Je weniger Voraussetzungen jemand explizit für seine Aussage bemühen muss, desto mehr Macht demonstriert er oder sie damit. Macht bedeutet hier, sich auf Gesetztes, Vorhandenes zu berufen und hier auch auf Unterstützung zählen zu können.
 
Lagasnerie streift das. Von hier aus würde es sich lohnen, weiterzudenken. In Lagasneries Buch passiert das leider nicht.

Ostafrika: Zukunft auf dem Motorrad

„Was für ein Nischenthema“ – damit müssen wir immer wieder selbst beginnen, wenn wir unser Foto- und Reportagebuch „The Big Boda Boda Book“ vorstellen. Ein eigenes Buch über die Lebenswelt ostafrikanischer Motorradtaxis?
Tatsächlich.
Allerdings sind die Motorradtaxis in Kenia und Uganda nicht nur ein farbenfrohes Phänomen am Straßenrand – Fahrer werben mit bunten Dekorationen um Fahrgäste – sondern auch ein wichtiger Wirtschaftsfaktor der Region. Studien der Makerere Universität in Kampala zufolge leben zwei Millionen Menschen von den Boda Boda Branche – das sind fünf Prozent der Bevölkerung. Zum Vergleich: In Österreich leben fünf Prozent der Bevölkerung von der Landwirtschaft.
Porträts der Boda Boda-Fahrer sind somit Porträts des Alltags in Afrika.
Was diese Tatsache unterstreicht: Google bietet seit dieser Woche erweiterte Navigationsservices für Motorradfahrer an, ein Service, das vorerst nur für Ostafrika mit dem Schwerpunkt in Kenia angeboten wird.
Boda Bodas sind das wichtigste Transport- und Verkehrsmittel in Ostafrika, die Motorräder sind die einzige Möglichkeit, durch den zum Ersticken dichten Verkehr in den Städten zu kommen oder über holprige Staubpisten abgelegene Dörfer zu erreichen. Es gibt nichts, was nicht mit Boda Bodas transportiert werden könnte – seien es Kinder auf dem Weg zur Schule (in Ermangelung eines Schulbusses), ganze Familien, Bettgestelle, dutzende Wasserkanister – oder sogar Tote auf ihrem letzten Weg (sei es im quer über den Sattel geschnallten Sarg oder eingeklemmt auf dem Sattel zwischen Fahrer und Begleitperson).
Die Branche ist eine der wenigen Zukunftsperspektiven für junge Menschen in einer Region, in der es praktisch keine Jobs gibt. Auf das Motorrad zu steigen, ist für Jugendliche ein ganz klarer Zukunftsplan, und viele ältere Fahrer haben noch nie in ihrem Leben etwas anderes gemacht.
Die Fahrtrouten sind oft abenteuerlich. Die Motorräder sind schwer bepackt wie Lastwägen und nehmen in der Stadt oft Abkürzungen über Verkehrsinseln, Grünstreifen, Gehsteige, Hinterhöfe oder sogar Stiegenabgänge, am Land sind es Staubpisten, trockene Flussbetten oder in der Regenzeit schlammige Rinnsale. Hier setzen die zusätzlichen Navigationsfunktionen von Google an, um alternative, aber noch sichere Routen zu empfehlen.
 
The Big Boda Boda Book ist ein Bild- und Reportageband, der die Branche portraitiert, Geschichten vom Alltag in einer von Afrikas Millionenstädten erzählt und junge Ugander auf ihrem oft holprigen Weg zum Kleinunternehmer begleitet. Für das Buch haben wir über zwei Jahre hinweg mehr als 50 Interviews geführt, Fahrer und ihre Familien besucht und Material gesammelt, um ein Stück afrikanischen Alltag verstehen zu lernen.
 
Das Buch gibt es hier oder im guten Buchhandel.
 

Die Eintagsfliege wird unser Wappentier

Eigentlich sollte man ja nicht betroffen oder betrübt sein, wenn man ein Magazin schon lange nicht mehr abonniert hat und es dann eingestellt wird. Im Gegensatz zu diversen Eintagsfliegen gab es die Spex aber wirklich lang – und das Magazin war eines der wenigen, bei dem sich auch der deutsche Artikel „die“ anstelle des viel österreichischeren „das“ in Österreich durchgesetzt hat. Es war ein klarer Fall von Distinktionsgewinn, in den 90er Jahren fachkundig „die Spex“ zu sagen und nicht „das“.
Und das Heft (um das Artikelproblem zu umschreiben) war schon in den 90er Jahren eher alt. Das liegt zum Teil an der Perspektive meine damals um 25 Jahre jüngeren Egos, aber auch am Problem, das Popjournalismus grundsätzlich hat: Popjournalisten sind anfangs jung und dumm, dann haben sie wenige beste Jahre, und dann sind sie in einem Alter, in dem man sich fragt, ob sie nicht wirklich besser jüngeren Platz machen sollten.
Die Spex-Redaktion schrieb außerdem aus einem Ethos heraus, das sich mit Mühe noch in die 80er Jahre hinüberretten ließ, aber auch in den 90ern schon eher aus historischen Gründen interessant war. Nicht aus aktuellen.
 
Es mag viele Gründe geben, warum das Ende angemessen und würdig ist. Traurig ist es vor allem deshalb, weil es zunehmend weniger Medien gibt, in denen sich kulturelle Inhalte transportieren lassen. Ich meine damit Medien, die auch eine Zielgruppe erreichen, ein gewisses Mindestmaß an Relevanz haben und auch auf Konsistenz setzen. Kraut und Rüben-Kulturseiten in Tageszeitungen sind ganz nett, sie verhelfen aber dem Neuen nicht zum Durchbruch. Zu unklar bleibt dabei, vor welchem Horizont die Kritik stattfindet, welche Sprache, welchen Bedeutungsrahmen der Kritiker bedient. Das gibt einen brauchbaren Überblick – aber damit lässt sich nichts verkaufen.
Gerade aus Produzentensicht sind Kulturmedien, mit denen sich Szenen und bestimmte Erwartungen bedienen lassen, überaus dünn gesät.
Spex weckte da durchaus immer noch ein wenig die Hoffnung, es wäre doch möglich, so einen Kanal aufrechtzuerhalten, eine gewisse Breite zu erreichen und kommerziell nicht ganz irrelevant zu sein. Im Abschiedseditorial wird jetzt nicht mal eine Onlineausgabe angekündigt.
Anscheinend muss es wohl doch noch nischenhafter, konzentrierter und temporärer angelegt sein. Die Eintagsfliege wird das neue Wappentier im Medienmarkt.

»Hoffentlich nicht Ebola …«

Man kann den Blick auch mal umkehren: Nkaicha Atemnkeng schreibt eine bitterböse Persiflage auf Nicht-Afrikaner, ihre Angst vor Ebola und vor Eidechsen in den Servier-Trolleys von Flugzeugen.
Es ist noch keine Woche her, dass sich eine EU-Abgeordnete der VP dumme, rassistische Ausrutscher leistete, vor denen ihr dann offenbar selber grauste.
Der Staub hat sich gelegt, Vorurteile und Feindbilder wurden einmal mehr bedient. Statt es dabei zu belassen, greife ich jetzt immer wieder mal ins Bücherregal und lese nach, was afrikanische Autorinnen und Autoren so über Europa sagen.
Empfehlung des Tages ist heute Nkaicha Atemnkeng aus Kamerun, der in „Wahala Lizard“ eine böse und tiefschwarze Persiflage auf die Panik Nichtafrikanischer Mitreisender schreibt, nur weil jemand seine Übelkeit während eines Flugs über Nigeria scherzhaft mit „Na hoffentlich ist es nicht Ebola“ kommentiert. Als dann eben noch eine Eidechse aus dem Servier-Trolley im Flugzeug krabbelt, versinkt der Flieger gänzlich im fröhlichen Chaos – „wahala“ ist das Hausa-Wort für „terrible mess“.

„Wahala Lizard“ ist in der 2015er Anthologie des Caine Prize erschienen. Der Caine Prize ist ein jährlicher Wettbewerb für afrikanische Autorinnen und Autoren, die ausgezeichneten Einsendungen werden jedes Jahr in einer Anthologie in mehreren Ländern veröffentlich und sind auch online recht leicht zu bekommen.

Atemnkeng arbeitet als Kundenbetreuer am Flughafen in Douala in Kamerun. und bloggt gelegentlich hier .

Jan Valtin – Tagebuch der Hölle

Man kann diese Buch in der größten Sommerhitze an den schönsten Orten der Welt lesen und wird trotzdem unwillkürlich immer wieder Gänsehautschauer spüren. Nicht wegen der teilweise ausführlichen Gräuelszenen, nicht wegen des drohenden Krieges – sondern wegen der umfassenden Hoffnungslosigkeit, des Ausgeliefertseins, der vielen vielen Fehleinschätzungen.
Jan Valtin beschreibt in seinem autobiografischen Buch sein Leben als Komintern-Agitator in den zwanziger und dreißiger Jahren – und Jahre bevor der erste Schuss des Zweiten Weltkriegs gefallen ist, befindet man sich als Leser mitten in einer Welt, in der man sich einfach kein Überleben vorstellen kann.
Valtin startete seine Matrosenkarriere mit 18, war auf Schiffen in aller Welt unterwegs und wurde schrittweise zum kommunistischen Agitator. Die Anfänge der kommunistischen Agitation in Deutschland mochten noch geradezu pazifistische Ziele gehabt haben: Es waren kommunistische Matrosen, die mit ihren Streiks die deutsche Marine lahmlegten und das Ende des Ersten Weltkriegs beschleunigten.
Matrosen waren als Arbeiter wichtiges Ziel kommunistischer Agitation, Schiffe waren wichtige Verbindungen, mit denen Information, Waffen oder Agenten um die Welt befördert wurden. Netzwerke und kommunistische Zellen auf Schiffen waren daher essenzielle Mittel in der politischen Arbeit, um die sich alle politischen Strömungen bemühten.
Valtin stieg zum Leiter der internationalen Marineaktivitäen der Komintern auf und war damit mitten im Geschehen.
„Tagebuch der Hölle“ ist eine minutiöse Aufzeichnung der Aktivitäten eines Agenten und ist auf zwei Ebenen unglaublich spannend zu lesen: Die eine betrifft das Agentenleben und die zahlreichen Aktionen und Kämpfe, die andere betrifft die historische Dimension – vor allem mit dem Blick von heute.
Die erklärten Feinde der Kommunisten waren die Sozialisten. Deren gut organisierte Gewerkschaften waren den eigenen Organisationsbemühungen im Weg, hier ritterte man um die gleiche Wählerschaft. Kommunisten gab es damals schließlich als Straßenkämpfer auf den Barrikaden und als Reichtagsabgeordnete – das Feld des politischen Aktionismus war weit.
Manchmal waren auch Polizeireviere zu stürmen und schon früh bekämpfte die Komintern Abtrünnige oder „Opportunisten“ aus den eigenen Reihen. Auch Valtin wurde in die USA geschickt, um einen solchen „Opportunisten“ zu liquidieren – die Aktion misslang, Valtin fasste eine mehrjährige Haftstrafe aus.
Kaum auf dem Radar der Kommunisten waren allerdings die Nationalsozialisten. Seit Mitte der zwanziger Jahre wurden die Straßenkämpfe mit der SA häufiger, Kommunisten und Nazis lieferten einander bei ihren politischen Veranstaltungen Saalschlachten, auf beiden Seiten konnten offenbar mühelos Abend für Abend hunderte Schläger mobilisiert werden.
Dass Hitler und die NSDAP an die Macht kommen könnten, schien für Kommunisten unvorstellbar.
Es schien offenbar, als könnte man die Nazis abschrecken, wenn man ihnen nur hart genug begegnete: Nazi-Agitatoren, die ebenfalls Hafenarbeiter und Matrosen zu gewinnen versuchten, wurden von Valtins Organisation nicht nur getötet. Sie wurden möglich bestialisch verstümmelt und ihre Leichen öffentlich zur Schau gestellt, um ihre Gleichgesinnten abzuschrecken. Eine Vorgangsweise, die Öl ins Wasser der Nazi-Propaganda war.
Und während die Nazis weiter wuchsen, bekriegten einander Sozialisten und Kommunisten ebenfalls weiter. Zur Erinnerung noch mal die Fakten: 1930 war die NSDAP zweitstärkste Partei bei den Reichstagswahlen; über 18% bedeuteten ein Plus von fast 16 Prozent. Die Sozialisten hatten knapp 25 Prozent (minus 5), die Kommunisten 13 % (+ 2,5). Es regierte allerdings die Deutsche Zentrumspartei (knapp 12%) mit Duldung der Sozialisten – was diesen wiederum den besonderen Hass der Kommunisten einbrachte. 1932 siegte die NSAP in zwei Wahlen; als danach Koalitionspläne zwischen aus Deutschnationaler Volkspartei und NDSAP scheiterten, weil Hitler den Kanzleranspruch stellte, hielt man ihn für erledigt – zumindest unter den Kommunisten.
SPD und KPD hätten auch nach der Novemberwahl noch eine Mehrheit gehabt, sabotierten einander aber weiter.
Dann ging es schnell: Am 30. Jänner 1933 war Hitler zum Kanzler ernannt worden, im März des gleichen Jahres wurden die ersten Konzerntrationslager, darunter das KZ Fuhlsbüttel in Hamburg eröffnet. Dort landete Valtin im November 1933, nur sieben Wochen, nachdem ihn die Komintern wieder nach Deutschland zurückgeschickt hatte, um das Spionagenetzwerk weiter auszubauen.
Das war erst ein halbes Jahr, nachdem sich die Demokratie in Deutschland aufgegeben hatte.
Trotzdem regierten in den Verhören schon Nilpferdpeitschen und Dunkelhaft, die Guillotine war als undeutsch durch das Beil ersetzt worden und dieses war häufig in Verwendung.
 
Valtins Erzählung liest sich wie Erzählungen aus der afrikanischen Kolonialzeit. Sie ist genau so blutig und wirkt genauso fern trotz all ihrer Details. Sie wirkt lange zurückliegend als wären die Foltermethoden mittelalterlich (wobei man im Mittelalter den Tod des Opfers leichter in Kauf genommen hat – Informationen waren weniger wichtig) – dabei sind die 30 Jahre die Zeit, die zumindest bei mir gefühlsmäßig als „vor 50 Jahren“ verankert ist.
 
Valtins Buch hat 600 eng bedruckte Seiten, ist schmuck- und schnörkellos erzählt. Ich habe es trotzdem innerhalb weniger Tage gelesen. Und alle, die heute dümmliche Feschist/Faschist-Witzchen machen, „wie in den 30er Jahren“-Vergleiche bemühen und Widerstand mit Vereinsmeierei verwechseln, sollten es ebenfalls lesen. Mir gefällt unsere Regierung auch nicht. Aber nein, *so* hat es in den 30er Jahren auch nicht angefangen.
 
 
PS: Großen Dank und großes Kompliment an bahoe books, die viel Papier in die Hand genommen haben, um dieses zuletzt 1986 veröffentliche Buch nocheinmal aufzulegen. Das ist Mut. Und auch dafür solltet ihr dieses Buch kaufen und lesen.

Karl Polanyi – The Great Transformation

Es ist auch ein Worst Case-Fall, ein Negativbeispiel für ein besserwisserisches, sektiererisches Elfenbeinturmbuch. Andererseits: An welches über siebzig Jahre alte Fachbuch stellt man noch den Anspruch, auf allen Ebenen auf der Höhe der Zeit zu sein?
Karl Polanyis „The Great Transformation“ erschien 1944, wurde schon damals eher skeptisch beäugt und verschwand dann recht bald in der Schublade jeder wissenschaftlichen Arbeiten, die man weder kennen noch verbreiten noch bekämpfen muss. In den vergangenen zwanzig Jahren allerdings erlebten Polanyis Theorien allerdings ein großes Revival. Ein Höhepunkt zwischendurch ist der Sammelband „Die große Regression“, in dem sich fast jeder Autor auf Polanyi beruft.
 
Worum geht es im Kern: Polanyi argumentiert, dass der Kapitalismus zwangsläufig Auflösungserscheinungen traditioneller Gesellschaftsformen mit sich bringe und damit den Boden für autoritäre Regime aufbereite. Dazu argumentiert er, dass der Handel keineswegs einem „Drang“ des Menschen entspringe oder entspreche (so wie frühkapitalistische Theorien argumentierten), sondern in soziale Strukturen eingebunden gewesen sei. Tausch und Handel waren für Polanyi ritualisierte Interaktionsformen, die überlieferten Regeln folgten und nicht auf individuelle Neigungen zurückzuführen seien. – Frühere Soziologen haben genau diese ritualisierten Tauschformen dann ja eher als irrationalen Gegenentwurf zum Kapitalismus interpretiert, als geradezu zerstörerische Verpflichtung: Die Stammesführer, die in Marcel Mauss’ „Die Gabe“ im Podlatch (der ritualisierten Tauschform) Güter austauschen, stehen einander in Mauss’ Interpretation in einem eher kriegerischen Verhältnis gegenüber, indem sie den anderen zu immer größeren Gegenleistungen verpflichten.
Polanyi sieht die Dinge anders. In seinem Drang, andere dumm aussteigen zu lassen, ergeht er sich in seitenlangen Anspielungen und Andeutungen über historische Fakten, Zusammenhänge und deren vermeintliche Fehlinterpretationen, die seine eigene Argumentation völlig in den Hintergrund treten lassen. Es ist dieser besserwisserische Tonfall, der fremde und vermeintlich schlechte Theorien lang ausführt, deren eigene Argumente gegen sie sprechen lassen möchte und dabei den Leser, der vielleicht nicht von vornherein Polanyis Standpunkt teilt, etwas ratlos zurücklässt.
Seine eigenen Fakten (oder deren Interpretation) erklärt Polanyi kaum – nicht weil sie nicht stimmten, sonder anscheinend ebenfalls aus einem starken akademischen Dünkel heraus. Es finden sich viele Formulierungen wie „es ist offensichtlich“, „es kann nicht sein“, „es liegt auf der Hand“ ,“man kann sich darauf einigen“, die seine Argumente eher in Frage stellen als sie zu stärken. Seine These von der Zerstörung traditioneller Gesellschaften durch die Marktwirtschaft mag nachvollziehbar sein, seine Argumente sind allerdings meist so universalistisch platt wie die jeder Totalitären gegen die er argumentieren möchte.
Besonders schlimm und entlarvend ist das, wenn Wissenschaftler mit dem gleichen Eifer in Fachgebieten wüten, in denen sie definitiv keine Expertise haben. Bei Polanyi sind das Afrika und der Kolonialismus. Beide zieht er im Vorbeigehen in wenige Absätzen heran, um seine These von der Zerstörung traditioneller Gesellschaften durch die Marktwirtschaft zu erhärten. Dass die Marktwirtschaft im kolonialen Afrika nur als Zerrbild in den letzten Ausläufern durch jene, die abstrahierte und unmenschliche Ziele durchsetzen musste, präsent war und nirgendwo sonst auf der Welt marktwirtschaftliche Ziele durch das Abhacken von Gliedmaßen befördert hat oder dass Sklaverei nicht gerade dem Idealbild des Tauschgeschäfts entspricht, übergeht Polanyi zugunsten seiner Theorie in einem Nebensatz. Allerdings waren es im Kolonialismus gerade diese direkten und blutigen Maßnahmen, die wohl um einiges mehr zur Zerstörung von Gesellschaften beigetragen haben, als das Aufkommen von Tauschgeschäften oder anderen Handelsbeziehungen.
Hier wird also deutlich, wie sehr Polanyi alles seiner Theorie unterordnen möchte.
 
Was bleibt dann und warum bewegt dieses Buch noch heute? Jeder Versuch der Erklärung totalitärer Strömungen ist heute wichtig und verlockend (auch wenn Zeitdokumente eher belegen, wie sehr und oft man sich dabei auf die letztlich falschen Momente konzentriert).
Polanyi beschreibt allerdings auch einige Grundsätze und historische Beobachtungen, die fast in Vergessenheit geraten sind und dennoch wichtige Leitbilder für aktuelle Diskussionen wären.
Eine dieser historischen Perioden, um die sich vieles in Planyis Buch dreht, sind die Speenhamland-Beschlüsse, die in England Ende des 18. Jahrhunderts zunehmende Armut bekämpfen sollten. Armut war damals auf den Rückgang der kleinteiligen Selbstversorger-Landwirtschaft zurückzuführen; Grundbesitzer wollten ihr Land effizienter und vor allem für Schafzucht nutzen – das kostete viele kleine Pächter ihre Existenzgrundlage.
Die Speenhamland-Beschlüsse waren eine Art Mindestsicherung, die vorsah: Sollte eine Arbeiter zu wenig verdienen, da musste sein Einkommen aus der Gemeindekasse aufgebessert werden. Diese schöne Vorstellung zur Vermeidung von Armut in schwierigen Zeiten führte dazu, dass Löhne ins Bodenlose fielen: Arbeitgeber mussten nichts mehr bieten, weil Arbeiter ohnehin die Aufzahlungen bekamen, Arbeiter mussten es sich drei Mal überlegen, ob sie als selbstständige Handwerker kleines Geld verdienen oder als landwirtschaftliche Arbeiter das garantierte Mindesteinkommen in Anspruch nehmen wollten, und ein fehlgeleitetes Fördersystem führte dazu, dass Arbeitgeber, die eine Mindestzahl an ohnehin schon geförderten Arbeitern beschäftigten, zusätzliche Förderungen erhielten, um die für ihren Aufwand zu entschädigen. Die Konsequenz waren die wirtschaftliche Stagnation der Arbeiter auf sehr niedrigem Niveau, schlechte Qualität der Arbeit, weil es keine Leistungsanreize gab, schlechte Arbeitsbedingungen, weil Arbeitgeber Arbeitskräfte gleichsam wie Zwangsarbeiter behandeln konnten, und ein Verfall landwirtschaftlichen und handwerklichen Wissens, weil sich die Mehrzahl der Arbeiter auf das Grundsicherungsmodell einließ.
Der Gegenentwurf einer Gesellschaft, in der jeder seinen Platz hat, wichtige Beiträge leistet und dafür geachtet wird, ist eine schöne Vision. Praktisch wurden die Speenhamland-Beschlüsse (die eigentlich nie als formelles landesweites Recht erlassen, aber trotzdem so betrachtet wurden), als man griffige Handhaben gegen revoltierende Arbeiter brauchte. In den 30er Jahren des 19. Jahrhunderts, als sich in Europa Arbeiterunruhen abzeichneten, kehrte in England so der Hunger als politisches Druckmittel zurück – teilweise als Liberalismus verbrämt, der die Freiheit des Menschen achtet und sie deshalb nicht entmündigen und ihrer Pflichten entheben möchte.
Polanyi landet auch immer wieder bei Liberalismus-Diskussionen. Für ihn ist der klassische Liberalismus ein vorrangig wirtschaftliches Konstrukt, dass die anderen Dimensionen von Freiheit und deren ethische Fragen gern mal außer acht lässt. Dieser Liberalismus, der es sich einfach macht und das Fehlen von Einschränkungen idealisiert, steht – und hier kann ich Polanyi wieder zustimmen – in einer gefährlichen Nähe zum Faschismus: In beiden Fällen werden Trugbilder idealisiert, beide Gegensätze nehmen in Kauf, das Unfreiheit zunimmt. Einmal geschieht das eben direkt durch Verbote, einmal durch Utopien, die übersehen, dass Freiheit, die nur für wenige gilt, oft vielen schadet. 
Als eine Ideologie, die schlichte einseitige Maximen von Wachstum, Mehr, Fortschritt, Modernität und Freiheit als Fehlen von Einschränkungen predigt, kann Marktwirtschaft so gesehen tatsächlich zerstörerische Tendenzen haben.
Was genau dabei zerstört wird, dabei bin ich mit Polanyi weniger einer Meinung: Die bei ihm durchklingende Vision einer traditionelleren, wertebestimmten und christlichen Gesellschaft, die als Heilmittel wieder Halt und Orientierung gibt, unterscheidet sich nur graduell von den Visionen, die Faschisten und Totalitäre predigen. – Das kann aber auch wieder am Alter des Textes liegen.
Worauf man sich einigen kann: Die Wirklichkeit ist zu kompliziert und zu wichtig, um sie Politik, Medien und anderen Besserwissern zu überlassen. Es braucht persönliche Haltungen, Positionen, Orientierungen und Argumente. Fakten sind dabei wichtig. Aber ohne Moral wird es nicht gehen.

„Anarchist in Anführungsstrichen“: leider echt mühsam

Ich habe das jetzt gelesen – und ich muss sagen, langsam verstehe ich das um sich greifende Graphic Novel-Bashing. Ein junger Mensch greift sich einen bestehenden Stoff (Erich Mühsams Tagebücher), erweitert ihn um ein paar völlig belanglose, witzlose bis schlichtweg dumme Kommentare („Schicker Kapuzenpulli“), zeichnet Bilder, die schon über die kleinsten anatomischen Herausforderungen stolpern (Essen etwa), wobei Stolpern untertrieben ist – es sind mehrfache Knochenbrüche, die diese Bilder erleiden, Unfälle, die auch den wohlmeinendsten Leser verstören und schlicht vom Lesen abhalten.
Klar, in der Theorie ist das eine gute Sache, nahezu vergessene Randfiguren wie Erich Mühsam zugänglicher zu machen. Diese Art der Umsetzung trägt aber kein ganzes Buch, das ist einfach auf allen Ebenen zu wenig. Lest lieber gleich Mühsam.

JWD – Das Jugendmagazin für die nicht mehr jungen

Und jetzt habe ich tatsächlich eine Ausgabe von „JWD – Joko Winterscheidts Druckerzeugnis“ gelesen. Ich weiß, dass das ein Fernsehmoderator ist, er ist hübsch und trägt gute Brillen; ich habe meines Wissens noch nie eine seiner Sendungen gesehen.
Ich wollte wissen, wie man es angeht, wenn man heutzutage ein klassisch kommerzielles Magazin auf den Markt bringen will; Zielgruppe vermutlich Männer, nicht mehr ganz jung, aber doch noch mit Sinn für Abenteuer und Spaß.
JWD erscheint bei der Stern Medien GmbH; die große Nummer in der Redaktion ist David Baum, den die eben nicht mehr ganz Jungen in Wien wohl noch als „City“-Redakteur kennen.
Optisch ist JWD ganz retro-trendy: Klassische Groteskschriften (wohl die Berthold Akzidenz, die ja deutschen Typographen lange als die einzig wahre Schrift galt) und zum Drüberstreuen und für den Magazinlook ein bisschen Tiempos oder Henriette als Titelschrift. Es herrschen Flächen statt Kästen oder Blöcken, und helle Bilder, die direkt von Instagram kommen könnten.
Inhaltlich ist da ein bisschen Abenteuer, das halt recht beliebig bleibt:
  • Irgendein Journalist macht irgendeinen Haitauchkurs vor Südafrika.
  • Irgendein Journalist redet mit irgendeinem Alien-Lauscher.
  • Irgendein Journalist besucht irgendein Bundeswehr-Camp im Irak.
  • Irgendeine Journalistin fährt nach New Orleans zur Wrestlemania und war dabei ungefähr so nah am Geschehen wir Abermillionen Fernsehzuschauer.
  • Eine Journalistin geht Spargelstechen – aber nicht irgendwo undercover, sondern bei einem gesitteten Mindestlohnbezahler.
  • Hubertus von Hohenlohe fotografiert Ferdinand Habsburg, der Autorennfahrer werden möchte, aber halt nicht allzuviel zu erzählen hat.
  • Reiner Riedler hat am GTI Treffen fotografiert, was wirklich gut ist, und Lust auf mehr macht (die Fotos sind Teil einer Serie über moderne Volksfeste, also eigentlich Events).
  • Ein Journalist begleitet eine unbekannte Band, die sich zu allerhand Festivals auf der ganzen Welt einladen lässt, diesmal nach Ostafrika. Wäre nett, wenn die Story nicht so übertrieben „Abenteuer! Abenteuer! Krass! Mega!“ schreien würde.
Obwohl relativ viel Geld in das Magazin gebuttert wird (es sei denn, das sind nach Angebot und Nachfrage zusammengeklaubte Selbstausbeuter-Geschichten), gehen die Storys nicht immer auf. Aber jetzt war man halt schon dort, also muss man sie auch machen.  Sprache ist ja geduldig und verträgt immer noch ein paar Superlative und sogar Blüten wie diese hier über den Alien-Lauscher: „Er folgt in seiner Argumentation strikt den Regeln der Logik. Spekulieren gehört nicht zu seinem Beruf.“ – Ok, irgendwas muss man ja schreiben und Zeilen füllen, auch wenn man nichts zu sagen hat.
Fazit: Ich finds nett. Gut, dass man Magazine macht, Fernsehonkels als Marketingzugpferde einspannt und einfach mal probiert. Abonnieren werde ich es nicht. Aber ich wünsche viel Vergnügen.