„Anarchist in Anführungsstrichen“: leider echt mühsam

Ich habe das jetzt gelesen – und ich muss sagen, langsam verstehe ich das um sich greifende Graphic Novel-Bashing. Ein junger Mensch greift sich einen bestehenden Stoff (Erich Mühsams Tagebücher), erweitert ihn um ein paar völlig belanglose, witzlose bis schlichtweg dumme Kommentare („Schicker Kapuzenpulli“), zeichnet Bilder, die schon über die kleinsten anatomischen Herausforderungen stolpern (Essen etwa), wobei Stolpern untertrieben ist – es sind mehrfache Knochenbrüche, die diese Bilder erleiden, Unfälle, die auch den wohlmeinendsten Leser verstören und schlicht vom Lesen abhalten.
Klar, in der Theorie ist das eine gute Sache, nahezu vergessene Randfiguren wie Erich Mühsam zugänglicher zu machen. Diese Art der Umsetzung trägt aber kein ganzes Buch, das ist einfach auf allen Ebenen zu wenig. Lest lieber gleich Mühsam.

JWD – Das Jugendmagazin für die nicht mehr jungen

Und jetzt habe ich tatsächlich eine Ausgabe von „JWD – Joko Winterscheidts Druckerzeugnis“ gelesen. Ich weiß, dass das ein Fernsehmoderator ist, er ist hübsch und trägt gute Brillen; ich habe meines Wissens noch nie eine seiner Sendungen gesehen.
Ich wollte wissen, wie man es angeht, wenn man heutzutage ein klassisch kommerzielles Magazin auf den Markt bringen will; Zielgruppe vermutlich Männer, nicht mehr ganz jung, aber doch noch mit Sinn für Abenteuer und Spaß.
JWD erscheint bei der Stern Medien GmbH; die große Nummer in der Redaktion ist David Baum, den die eben nicht mehr ganz Jungen in Wien wohl noch als „City“-Redakteur kennen.
Optisch ist JWD ganz retro-trendy: Klassische Groteskschriften (wohl die Berthold Akzidenz, die ja deutschen Typographen lange als die einzig wahre Schrift galt) und zum Drüberstreuen und für den Magazinlook ein bisschen Tiempos oder Henriette als Titelschrift. Es herrschen Flächen statt Kästen oder Blöcken, und helle Bilder, die direkt von Instagram kommen könnten.
Inhaltlich ist da ein bisschen Abenteuer, das halt recht beliebig bleibt:
  • Irgendein Journalist macht irgendeinen Haitauchkurs vor Südafrika.
  • Irgendein Journalist redet mit irgendeinem Alien-Lauscher.
  • Irgendein Journalist besucht irgendein Bundeswehr-Camp im Irak.
  • Irgendeine Journalistin fährt nach New Orleans zur Wrestlemania und war dabei ungefähr so nah am Geschehen wir Abermillionen Fernsehzuschauer.
  • Eine Journalistin geht Spargelstechen – aber nicht irgendwo undercover, sondern bei einem gesitteten Mindestlohnbezahler.
  • Hubertus von Hohenlohe fotografiert Ferdinand Habsburg, der Autorennfahrer werden möchte, aber halt nicht allzuviel zu erzählen hat.
  • Reiner Riedler hat am GTI Treffen fotografiert, was wirklich gut ist, und Lust auf mehr macht (die Fotos sind Teil einer Serie über moderne Volksfeste, also eigentlich Events).
  • Ein Journalist begleitet eine unbekannte Band, die sich zu allerhand Festivals auf der ganzen Welt einladen lässt, diesmal nach Ostafrika. Wäre nett, wenn die Story nicht so übertrieben „Abenteuer! Abenteuer! Krass! Mega!“ schreien würde.
Obwohl relativ viel Geld in das Magazin gebuttert wird (es sei denn, das sind nach Angebot und Nachfrage zusammengeklaubte Selbstausbeuter-Geschichten), gehen die Storys nicht immer auf. Aber jetzt war man halt schon dort, also muss man sie auch machen.  Sprache ist ja geduldig und verträgt immer noch ein paar Superlative und sogar Blüten wie diese hier über den Alien-Lauscher: „Er folgt in seiner Argumentation strikt den Regeln der Logik. Spekulieren gehört nicht zu seinem Beruf.“ – Ok, irgendwas muss man ja schreiben und Zeilen füllen, auch wenn man nichts zu sagen hat.
Fazit: Ich finds nett. Gut, dass man Magazine macht, Fernsehonkels als Marketingzugpferde einspannt und einfach mal probiert. Abonnieren werde ich es nicht. Aber ich wünsche viel Vergnügen.

Kranke Comics

Klaus Cornfields „Kranke Comics“ handeln großteils von drogensüchtigen Hunden, die Pornos produzieren. Und sie gehören zum Ekligsten und auf allen Ebenen Grauslichsten, das man mit einem Stift auf Papier bringen kann. Noch dazu in Perfektion auf ziemlich vielen Ebenen: Cornfields Charaktere sind optisch und inhaltlich rundum schlüssig, handwerklich toll – und trotzdem kein bisschen liebenswert. Nicht mal Mitleid geht sich aus.
Die zwei Dumpfbacken-Bären Fou-Fou und Ha-Ha, die in der Rahmenhandlung aus Geldnot die Hefte produzieren, aber immer inständig bitten, man möge sie nicht lesen, lassen die Widerwärtigkeit noch stärker zu Tage treten.
„Aber nicht alles auf einmal lesen, immer nur ein Heft nach dem anderen“ waren die Worte, mit denen Cornfield mir am Comicsalon Erlangen ein gewidmetes Exemplar übergeben hat. Das kann ich so nur weitergeben. Aber lest es – „Kranke Comics“ ist voller Witz, Widerwärtigkeiten, Charme und Ekel. Man schämt sich nahezu alle paar Seiten dafür, das zu lesen – bis die Neugier überwiegt, wie jetzt auch diese Szene wieder überboten werden kann.

„Kranke Comics“, ursprünglich Ende der 90er-Jahre erschienen, ist jetzt als über 400 Seiten dicke Gesamtausgabe bei Weissblech Comics neu aufgelegt worden.

Haben die Zombies eh einvernehmlichen Sex?

Wir haben ein Horror-Zombie-Comic gemacht (es ist natürlich ein komplexe vielschichtige Story über Freundschaft in widrigen Zeiten, aber sonst kann man das mit der Zombie-Story auch mal so stehen lassen). Gegen Ende hat einer der Protagonisten, nachdem er merkwürdiges Zeug geraucht hat, Sex mit einer Zombie-Frau. Nachdem sie – Zombie halt – in der Anbahnung etwas passiv ist, lag mir die Szene ehrlich gesagt im Magen: Wie lässt sie sich so gestalten, dass auch der letzte Depp versteht, dass das einvernehmlicher Sex ist? (Apropos Depp: Wer sich hier aufgrund des Titels Rats über Political Correctness oder ähnlichen selbstgefälligen Unfug erwartet hat, sollte spätestens jetzt feststellen, hier falsch zu sein.)
Wir haben die Szene auch ein paar Mal überarbeitet, um hier keine falschen Fantasien zu befeuern oder Idioten Vorlagen zu liefern. Warum? – Es ist doch nur ein Comic und sie ist nur ein Zombie …
 
Mir ist es wichtig, hier klar zu sein: Man kann (sexuelle) Gewalt thematisieren, man kann sie künstlerisch inszenieren, aber man kann sie nicht im Vorbeigehen akzeptieren.
Das ist im echten Leben wichtig, das ist in der Comicwelt wichtig und das ist aus erzählerischen Gründen wichtig. Bin ich deswegen jetzt auch ein Kunstspießer, der Aktbilder von 16jährigen in den Keller räumen lassen würde?
 
Die Comicwelt ist großteils in Europa eine Szene harmloser Nerds, die nichtsdestotrotz im Vorbeigehen jeden Anstrich von Diversity mit Elefantenfüßen platt macht. So bunt die Comicszene ist, so sehr ist sie immer noch eine Domäne alternder Besserwisser, die sagen wollen, wo es lang geht. Die Diskussion um die Zusammensetzung der jüngsten Icom-Jury (Independent Comics-Auszeichnung), zeigt, wie verständnislos viele alternde Comic-Platzhirschen jedem Anzeichen einer Regung neuer Zeiten gegenüberstehen. Glücklicherweise kann das den meisten, die davon betroffen sind, rein kommerziell oder erfolgstechnisch betrachtet, egal sein; ärgerlich ist es trotzdem.
Der eigentlich entscheidende Punkt aber war ja ein erzählerischer: Eine noch nicht eingeführte Figur, von der wir noch nicht viel wissen, kann in einem Universum, das wir noch nicht kennen (welche Funktion haben Zombies hier?), nicht mit zwielichtigen Handlungen alleingelassen werden. Schon gar nicht, wenn es noch mehrere Monate bis zu Heft #2 dauert.
Das ist eine Schwäche, die sich in vielen Publikationen findet und von Autoren gern als „Characterbuilding“ getarnt wird. Ich hab jetzt sehr viel Sinn fürs Drastische und Dramatische, aber nicht für schlechtes Erzählen, das den Holzhammer auspackt und desensibilisiert, statt charakterliche Details zu vermitteln. Und manche Themen eignen sich dafür noch weniger als andere
 
Aber jetzt bin ich zufrieden; die Szene ist geradezu liebevoll (sofern das im Umgang mit Zombie möglich ist) und das Heft ist großartig. Also geht los und kauft es (gibt es auch im guten Buchhandel in Österreich und Deutschland).
Und kommt am nächsten Mittwoch, 27.6., zur Releaseparty ins Ganz Wien.
 

Doom Metal Kit #1

Text und Pencils: Michael Liberatore
Inks: Andi Paar
Colors: Hannes Kiengraber
Variant Covers: Michael Hacker, Peter Kramar
 

Catalin Mihuleac: „Oxenberg & Bernstein“

Ich wollte dieses Buch eigentlich nicht lesen. Auf der Suche nach zeitgenössischer rumänischer Literatur aktuellen Themen bin ich dann doch darüber gestolpert, auch wenn es eher ein zeitgeschichtliches Thema ist.
Mihuleacs Erzählweise fesselt allerdings auch eilige Leser wie mich ab den ersten Seiten. Das konstruierte Szenario einer reichen Amerikanerin, die ihn als armen rumänischen Schlucker ohne Literaturagenten ausgewählt hat, ihre Geschichte zu erzählen, liefert ihm den Rahmen, eine aktuelle und ein historische Familiengeschichte zugleich zu erzählen. Beide Geschichten kreisen um den vielleicht weniger bekannten aber um so grausameren Progrom von Iasi 1941. Zum Kriegseintritt Rumäniens wurden dort über 13.000 Juden ermordet.
Catalin Mihuleac erzählt eine vielschichtige Familienstory und entwickelt über hunderte Seiten liebevoll Charaktere, die dann im Vorbeigehen mit einem Stockschlag ausgelöscht werden oder als einer unter hunderten im Waggon des Todestags ersticken. Der Pogrom selbst lauert über der Geschichte und prägt sie, obwohl er nur auf wenigen Seiten Thema ist. Die Grausamkeit scheint durch manchmal beiläufige, manchmal liebliche, manchmal sehr explizite Schilderungen und Formulierungen. Und setzt sich umso hartnäckiger im Kopf des Lesers fest.
„Oxenberg & Bernstein“ beschäftigt einen auch noch Wochen, nachdem man das Buch weggelegt hat. Und es ist auf allen Ebenen eines der besten Bücher, die man zur Zeit lesen kann.

Prosfygika – We have some glimpse of hope

Hausbesetzen in Athen

Ich mag das ja, wenn es um extrem randlastige Themen geht, wenn die Aufmachung gezielt ranzig ist – und wenn die blattmacherische Qualität trotzdem passt. Johannes Fiola nennt sein Heft über die HausbesetzerInnen im Prosfygika-BLock in Athen „A Social Experiment“. Es sind großteils umkommentierte Interviews mit den BewohnerInnen, semidokumentarische Fotos und ein paar begleitende Texte über die Situation in Prosfygika und in Athen.

Fiola verbrachte 2015 einige Wochen mit den HausbesetzerInnen, gerade zum Höhepunkt der Flüchtlingswelle, als auch die BesetzerInnen trotz der an sich schon schwierigen Lage zwischen drohenden Räumungen und fragiler sozialer Ordnung zahlreiche Flüchtlinge bei sich aufnahmen.

Prosfygika an sich ist ein soziales Experiment – eine HausbesetzerInnen-Community, in der grundsätzlich jede und jeder kommen und gehen kann, wo aber auch kleine Geldbeiträge erwartet werden, sofern es sich jemand leisten kann. Damit wurde Prosfygika zum Sammelbecken für gestrandete Engländer, die einst auf der Suche nach sonnigeren Zeiten waren, sich aber kein anderes Leben mehr leisten können. Für PensionistInnen, deren radikal zusammengekürzte Pension ihnen kein anderes Leben mehr erlaubt. Für Neuankömmlinge, die eben erst versuchen, in Athen Fuß zu fassen. Und für Idealisten, die in der Hausbesetzer-Community Modelle und Vorboten einer neuen, besseren Form des Zusammenlebens sehen.

Die Gruppe steht in recht frei interpretierter anarchistischer Tradition; Kriminalität und Drogen werden allerdings nicht toleriert; sich immer wieder ansiedelnde Dealer müssen die Blocks verlassen.

Die Wohnblocks wurden nach dem ersten Weltkrieg als Erstunterkünfte für türkische Flüchtlinge errichtet, waren einer der Hauptschauplätze des griechischen Bürgerkriegs der 40er Jahre und sind seither ziemlich desolat. Während der Olympischen Winterspiele 2014 wurde das Areal abgeriegelt und mit Planen verhängt, um es vor den Besuchern abzuschirmen.

Fiolas Buch ist eine schöne Dokumentation mit wunderbaren Fotos. Ein paar Übersetzung- und Lektoratsfehler verleiden einem leicht das Lesen – aber das passt auch wieder zur Aufmachung. Unkommentierte Interviews sind manchmal nicht ganz leicht verdaulich und ihnen fehlen Kontext und Bezugsrahmen. Aber das lässt sich ja alles nachlesen …

We have some glimpse of hope

  • 92 Seiten, 17×24 cm
  • 10 €
  • Fadengeheftet, Softcover
  • im Shop z.B. bei Slanted

Migrant Journal

MigrantJournal-Cover

Das Magazin als wissenschaftliche Aufsatzsammlung

Eigentlich ist es eher eine schön gestaltete Sammlung von wissenschaftlichen Arbeiten als ein Magazin, in der aktuellen Ausgabe #2 trägt Silber als auch in Bildern versteckte Schmuckfarbe nicht unbedingt zur Lesbarkeit und Verständlichkeit bei und die Typographie wirft auf den ersten Blick eher Fragen auf, anstatt unterstützend in den Hintergrund zu treten.

All das ist Teil eines Gesamtkunstwerks: „Die Schriftart haben wir eigenes für Migrant Journal entwickelt – sie macht Lücken und Brüche, die es zwischen einzelnen Buchstaben immer gibt, besonders deutlich. Das passt zu unserem Überthema der Migration, bei dem es auch immer um Lücken und Brüche geht“, sagt Isabel Seifert, die Migrant Journal als Art Directorin und Mitherausgebern gestaltet.

Migrant Journal ist auf sechs Ausgaben konzipiert; die Finanzierung stammt aus eine Kickstarter-Kampagne, die immerhin über 200 Unterstützer versammelte; einen großen Anschub gab es dann noch mal durch Stack Magazines, die Migrant Journal im Juni 2017 zu ihrem Magazin des Monats erklärten und so die Auflage von 600 auf über 5.000 Stück steigerten.

 

In der Migrant Journal-Redaktion gibt es keine gelernten (oder erfahrenen) JournalistInnen. Das Team setzt sich aus Wissenschafterinnen zusammen, deren Anliegen weniger die Produktion eines aktuellen, aufregenden (oder was sich immer klassische Qualitätskriterien für Magazine sein mögen) Hefts ist; Ausgangspunkt war vielmehr die Suche nach adäquaten Darstellungsformen für ein derart komplexes Thema wie Migration.

Dementsprechend anders sind auch die redaktionellen Arbeitsabläufe: Hier plant nicht die Redaktion; jeder Ausgabe geht ein offener Call voraus. AutorInnen, ForscherInnen, FotografInnen oder DesignerInnen werden eingeladen, sich mit einem für die Ausgabe konkretisierten Aspekt des Themenkomplexes Migration zu beschäftigen.

Die bisher erschienen Ausgaben sind „Across Country“ und „Wired Capital“, am 9. November erscheint „Flowing Grounds“. Der aktuelle Call für die vierte Ausgabe dreht sich rund um „Darkness and Migration“.

 

Zu lesen ist die Serie eher wie eine Sammlung von Fachmagazinen die sich eben nicht nur mit einem Thema, sondern in einer Querschnitt-Ansicht mit Migration und dem jeweiligen Schwerpunkt beschäftigen. Dank der großen Bandbreite an Themen wird das ganze mit der Menge verdaulicher: Einzelne Artikel sind oft sehr spezifisch und enthalten mehr, detailliertere und punktuellere Information, als man eigentlich haben wollte, in Summe entsteht dann daraus ein (nicht weniger detailliertes) facettenreiches Bild des Themas. – Man hat das Gefühl, man hat etwas gelernt.

Migrant Journal

  • 144 Seiten, fadengeheftet, Softcover mit Klappen
  • 24,5 x 18,3 cm
  • 20 €
  • migrantjournal.com

 

MigrantJournal-Cover

 

Kosovo 2.0

Ein Magazin für die Stimme aus dem Inneren eines unbekannten Landes.

Die zehnteilige Magazinserie Kosovo 2.0 stellt das kleine und jüngste Land Europas (das noch immer nicht von allen anerkannt ist) in den Mittelpunkt. In der Welt verstreute KosovarInnen sollen eine Quelle aus erster Hand haben, die sich mit dem Kosovo auch jenseits von Themen wie völkerrechtlicher Anerkennung, Kriegserinnerungen  beschäftigt – und die wirklich aus dem Inneren kommt, sagt Herausgeberin Besa Luci.

Ein Land, das kaum wahrgenommen wird, dessen etablierte Medien man nicht kennt, dessen Kultur man kaum kennt schafft sich eine eigene Stimme – und noch dazu eine, die kräftig in der Welt wahrgenommen wird. Kosovo 2.0 hat mit seinen zehn großformatigen Heften mit je rund 150 Seiten schon einiges an Gewicht, zusätzlich erzielt  die Onlineplattform auf drei Sprachen (Englisch, Serbisch, Albanisch) dank über 30.000 Freunden auf Facebook einiges an Reichweite.

Die Onlineplattform wird bestehen bleiben. Denn die Magazinserie ist mit der „90s“ Ausgabe zu einem Ende gekommen.

Die Neunziger waren zugleich Untergang und Geburtsstunde des Kosovo. 1992, nach den ersten Jugoslawienkriegen, war der Kosovo Teil des neu geordneten Jugoslawien, 2003, nach dem Ende der folgenden Kriegswirren, Teil der Republik Serbien. Dazwischen lag der vorerst ergebnislose Kosovokrieg von 1999, der nicht in der seit den frühen 90ern erstrebten Autonomie geendet hatte. Erst 2008 rief Kosovo die Unabhängigkeit aus, die erst von 111 der 193 UN-Mitgliedsstaaten anerkannt ist.

Die Neunziger waren eine Zeit der eiskalten Segregation im Kosovo: Gegenseitige Anschuldigungen, erfundene Übergriffe von Albanern auf die serbische Minderheit, Ressentiments aus den Kriegszeiten hatten zu apartheidsähnlichen Zuständen geführt. Unter anderem waren 20.000 LehrerInnen aufs Abstellgleis gestellt, 400.000 SchülerInnen die Weiterbildung an öffentlichen Schulen verboten worden.

Die Kosovo 2.0 90s-Ausgabe geht dieser Zeit aus der Perspektive junger JournalistInnen und WissenschafterInnen, für die dieses Jahrzehnt großteils schon Ewigkeiten her ist.

Es sind aber nicht nur historische Abrisse und Nacherzählungen ohnehin schon oft dokumentierter Ereignisse, die das Magazin einzigartig machen. Zwischendurch finden sich Fotostrecken aus dem Kosovo, die albanische Geschichte ins Bild rücken, wie man sie im Rest Europas noch nicht gesehen hat – etwa die auf eine Initiative von sieben StudentInnen zurückgehenden Massenversöhnungen tausender Kosovaren, mit denen weitreichende Blutrache-Fehden begraben wurden.

Als Buch wäre die Zusammenstellung der Inhalte kritisch, für ein laufendes Periodikum müsste viel von der Konzentration auf Schwerpunkte zugunsten von Aktualitätsbezügen aufgegeben werden. Insofern ist die abgeschlossene und klar konzipierte Magazinserie das ideale Format.

Finanziert wurde die Publikation mit Hilfe der schwedischen Menschenrechtsorganisation Civil Rights Defenders und des National Endowment for Democracy.

 

Die Print-Geschichte ist zu Ende. Ein fixes Team von zwölf Mitarbeiterinnen führt die Onlineplattform weiter und baut die Plattform auch zu einer Institution für Journalismus-Ausbildung aus. „K2.0 is reshaping Kosovo’s media landscape, while enabling our audiences to think beyond the news and search outside the box“, sagt Beta Luci.

 

Kosovo 2.0