Lisz Hirn, Geht’s noch!

Der Titel ließe eigentlich ein angriffigeres Buch vermuten: „Geht’s noch!“ heißt das neue Buch von Lisz Hirn, das sich mit aktuellen Gefahren für die Geschlechtergleichstellung beschäftigt. Im Buch findet sich dann aber eine weitgehend nüchterne Bestandsaufnahme, die kein besonders rosiges Bild der Gegenwart zeichnen.
Hirn greift Max Frischs Geschichte von Biedermann und den Brandstiftern auf – Biedermänner öffnen Brandstiftern ihre Tür statt klare Grenzen zu setzen, und natürlich geht alles in Flammen auf.
Biedermänner und Biederfrauen sind leitende Figuren in Hirns Buch, sie sind das Gegenstück zu Radikalen in alle Richtungen, sie sind jene, für die alles halb so schlimm sind und die „Das wird man doch noch sagen dürfen“ und „Früher war es einfacher“ zu ihren Leitmotiven machen.

Zwei wesentliche Gedanken unterscheiden Hirns Überlegungen von vielen anderen feministischen Diskursen.
Der erste: Sie macht Diskriminierung nicht nur am Geschlecht, sondern vor allem auch an der Mutterrolle fest. Frauen können bei vielem mit, sind formell gleichgestellt, abstrakte Diskriminierungsbeispiele können oft (ebenso abstrakt) entkräftet werden (auch wenn die Praxis eine andere Sprache spricht), Frauen können Karriere machen – aber sie müssen Entscheidungen treffen. Sobald Mutterschaft ins Spiel kommt, verändert sich das Bild. Kind oder Karriere ist immer noch eine weibliche Entscheidung. Es ist auch eine Entscheidung, die immer nur falsch sein kann – zumindest können jede Menge Einwände ins Feld geführt werden, egal wie die Entscheidung getroffen wurde. Das sind Mechanismen, die Frauen kritisieren, in die Pflicht nehmen und mit Entscheidungen belasten – obwohl der ganze Themenkomplex grundsätzlich nicht ausschließlich Frauensache ist. Als zugespitztes Gedankenexperiment lädt Hirn dazu sein, sich vorzustellen, anstelle von Frauenquoten gäbe es Mütterquoten …

Der zweite Punkt: Hirn schreibt auch mit dem Blick auf Männerrollen. Emanzipation von Geschlechterrollen ist eine Entwicklung, die auch vor Männern nicht halt macht. Das betrifft männliche Privilegien genauso wie Zwänge, Verpflichtungen und Einschränkungen, die vorrangig Männer betreffen. „Auch wenn es weht tut: Emanzipation kann nur nachhaltig gelingen, wenn sich mit den Frauen auch die Männer emanzipieren.“
Mit der Bereitschaft, auch Männerrollen anders zu sehen (oder Männlichkeit, so wie sie traditionell und nach wie vor mehrheitlich gesehen wird, überhaupt erst als Rolle zu verstehen), entsteht die Möglichkeit, neue Verhältnisse zuzulassen. Diese Art der Emanzipation ist eine Entwicklung, die vorrangig Männer selbst durchlaufen müssen. Die – vorrangig von Biedermännern und Biederfrauen ausgehende – Gefahr dabei ist, die Verantwortung für diese Entwicklung wiederum Frauen in die Schuhe zu schieben, sei es durch Kindererziehung oder durch Alarmismus in der politischen Diskussion. Männliche Emanzipation dagegen wäre eher als Reifeprozess der Männer zu sehen.

Das Buch erzählt vielleicht nichts zwingend neues, aber es leuchtet neue Facetten aus und setzt etwas andere Schwerpunkte, als sie sonst in der Diskussion vorherrschen.
Ich habe eigentlich nur zwei kleine Einwände, die an der Sache nichts ändern, sondern eher nur eine nerdige Frage der Textgenauigkeit sind: Lisz Hirn sieht politische Entwicklungen als mitverantwortlich, manchmal klingt es sogar so als wären sie ursächlich für neue konservative Tendenzen; „Niemand hätte sich früher als konservativ bezeichnet.“ – Dem möchte ich entgegenhalten, dass Österreich nie nicht-konservativ oder traditionskritisch war. Gerade in Bezug auf Geschlechterrollen zieht sich das Reaktionärkonservative durch alle politischen Lager, und Tradition war praktisch immer ein liebliches Abziehbild, das gern auch mit einem Augenzwinkern für alles eingesetzt werden kann und alles entschuldigt. Vor zehn Jahren, nach zwei aufeinanderfolgenden sozialdemokratischen Wahlsiegen und zwei Jahre nach Schwarz-Blau startete ausgerechnet die tiefrote, aus der Zentralsparkasse hervorgegangene Bank Austria eine neue Werbelinie: „Konservativ liegt voll im Trend“ und illustrierte sie mit Fotos von patschentragend zeitunglesenden Männern und kopftuchtragenden Frauen. – Damals war es allerdings nur Werbung, heute ist es Regierungspolitik.

Der zweite Kritikpunkt betrifft die Rückkehr zur Natur, hinter der sich das Vorbild der Natürlichkeit als neues zusätzliches Unterdrückungsinstrument verbirgt. Lisz Hirn sieht hier erstaunliche Parallelen zwischen linksorientierten Ökos und Konservativen – beide Seiten seien gegen hormonelle Medikamente, ähnlich wie sie auch gegen Impfungen seien. Ich sehe solche Parallelen auch, allerdings eher zwischen linksorientierten Ökos und dem rechten Rand – in beiden Szenen gibt es seltsame Esoterikphantasien; links und rechts sind oft schwer zu unterscheiden. Die Natürlichkeit, die Konservative propagieren, ist dagegen eher eine von Kultivierthiet geprägte Natürlichkeit; Natürlichkeit ist hier das Gegenstück zu Aufdringlichkeit, Natürlichkeit ist das Verhalten, das (von Gott oder der Tradition) vorgegebenen Rollen entspricht. – Man soll das Makeup einer Frau vielleicht nicht auf den ersten Blick sehen, aber rasieren soll sie sich bitte schon, und die Absätze nicht zu hoch. Da „natürliche“ Frauenbild, das mir hier in den Sinn kommt, ist das zurückhaltender Frauen auf Burschenschafterveranstaltungen, oder das jener, deren Neigung zur Hausarbeit, wie es die Sozialministerin sieht, in ihrer Natur festgelegt sein soll.

Gerade dieser letzte Punkt zeigt aber eher, wie verworren die Diskussion sein kann und wie wichtig eine klare analytische Sicht ist. Also lest dieses Buch. Denn letztlich – insofern bin ich schon auf ein nächstes Buch gespannt – ist für Hirn auch Emanzipation nur eine Spielart einer grundlegenden Freiheit, nämlich jener Freiheit, Dingen ins Auge sehen zu können um sich mit den großen Fragen beschäftigen zu können, jenseits von vorschnellen Antworten und zweckorientierten wirtschaftspolitischen Banalitäten. Und große Fragen wird es in den nächsten Jahren schließlich genug geben.

Was für ein Schrott

Noch eins aus der Reihe: Lange nicht gelesen. Monocle war mal ein großer Hoffnungsträger für smart gemachte Magazine. Eine Mischung aus Lifestyle und klugen Artikeln, eine globale Perspektive und eine einladende Aufmachung, die Leserinnen und Lesern das Gefühl gibt, das beste Zeug zu lesen.
Das ist etwa füpf Jahre her.
In den letzten Jahren ist mir Monocle oft und, wie es sich gehört, an verschiedenen Plätzen der Welt begegnet, ich habe es gelegentlich auch in die Hand genommen, fand aber nie einen Anreiz, es durchzublättern, geschweige denn zu lesen
.
Mit einem Stapel anderer Hefte habe ich es jetzt doch mal gekauft und gelesen, und ich muss sagen: was für ein übler, oberflächlich brand- und locationdroppender Schrott! Die banalsten Storys werde an entfernte Orte verlegt, was ihnen auf den ersten Blick einen gewissen Reiz verleiht, sie auf den zweiten aber noch oberflächlicher macht (Fettleibigkeit in Qatar, Straßenkiosks in Athen, den Rest habe ich schon wieder vergessen). Was spannend klingt, wenn es denn eine Story wäre, wird in etwa mit der Tiefgründigkeit eines schnellen Stadtspaziergangs abgehandelt.
Sogar das schnelle Durchblättern eines solchen Hefts fällt unter verschwendete Lebenszeit; Monocle ist das auf Menschen, die gerne reich und schön und witzig wären abzielende Pendant zu den sonder Zahl den Zeitungsmarkt überflutenden Beilagen zur Österreich-Tageszeitung. Beides finden seinen Markt (bei Anzeigenkunden), beides hält sich erstaunlicherweise noch immer.

Man kann den Macherinnen und Machern dahinter nur gratulieren. Aber gleichzeitig steigt damit auch das nackte Grauen auf, die Angst davor, Publikationen ausschließlich auf kommerziellen Erfolg zu trimmen. Denn es ist ja nur zu deutlich absehbar, in welche Richtung der Weg geht. Das kann doch niemand gewollt haben; Geldverdienen geht doch anders einfacher …

Intelligenzdämmerung: „Nach Gott“, Peter Sloterdijk

Ok, Gott ist tot, hat jeder schon mal gehört. Und jetzt? So weit kommt Sloterdijk in seinem aktuellen Buch gar nicht; der Text endet nach einem Schnelldurchlauf über die letzten drei Jahrtausende bei Nietzsche und William James. Das ist zugleich das große Manko an „Nach Gott“: Es ist ein sehr vorbereitender Text, der selten zum Punkt kommt. Eigentlich ist es gar kein Text als editorische Einheit genommen: Der Band ist eine Sammlung verschiedener Essays und Vorträge, die um ähnliche Themen kreisen. – Das hätte man dazu sagen können, dann hätte man als Leser weniger Argumentation oder Konsistenz erwartet.

„Nach Gott“ fängt stark an; Sloterdijk beschwört diverse Dämmerungen herauf. Auf die Götterdämmerung (ok die kennt man) lässt er die Zivilisationsdämmerung folgen, die er mit Paul Valéry nach dem ersten Weltkrieg ansetzt. Der folgen die Seelendämmerung, die auf die Enttäuschungen der Psychologie, die jene der Religion noch übertreffen, zurückzuführen ist, und schließlich die Intelligenzdämmerung, die nicht vorrangig als Verdummungspessimismus zu lesen ist, sondern auch als Konsequenz der (zukünftigen) Auslagerung von Aktivitäten an künstliche Intelligenz, der Sorge vor und um Intelligenz und Bildung.
Dann folgt auf den nächsten 200 Seiten ein spekulativer Rundgang durch mehrere hundert Jahre Religions- und Geistesgeschichte, der nicht gerade sehr zielorientiert argumentiert und nicht wirklich darauf angelegt ist, sich verständlich zu machen. „Eine Textur aus tausend roten Fäden“, heißt es auch dem Umschlag, und ich bin mir nicht hundertprozentig sicher, dass das positiv gemeint ist.
Sloterdijk packt Gnostiker, Mystiker und Kirchenväter aus, spannt einen sehr großen Bogen und kann sich aber nicht für einen zentralen roten Faden entscheiden. Damit bleiben Auswahl, Argumente und Beobachtungen recht willkürlich. Als Leser kann man sich unterhalten fühlen, aber es bleibt für lange Zeit beim unverbindlichen Plauderton, der sich nicht wirklich auf Diagnosen oder Behauptungen festlegen möchte.

Erst auf den letzten etwas mehr als 50 Seiten wird Sloterdijk dann etwas konkreter. Das Buch, das ja eigentlich keines ist, entpuppt sich als Endzeitbuch, in dem Moral zur größten Frage wird. Moral als Antwort auf die Frage, was man tun soll (eigentlich: warum man eher dieses und nicht jenes tun sollte), wird eine heute immer größere Problemstellung, die mit immer schwierigeren Voraussetzungen zu kämpfen hat. Große Richtlinien fehlen; woran orientiert man sich also?

Lösungen und konkrete Perspektiven bietet auch Sloterdijk nicht wirklich, dennoch finden sich vereinzelte Appelle im Text, die erkennen lassen, das Sloterdijk der Suche nach den Lösungen grundsätzlich hohen Stellenwert beimisst. Ein paar Ansätze dazu:
In einer Rede vor französischen Politikern fordert Sloterdijk neue Solidarsysteme. Er beklagt Privatheit und die Konzentration auf individuelle Immunität – einen Bonus, den es „nur im Rahmen einer wirkungsvollen Ko-Immunität“ geben kann. Immunität ist dabei nicht im rechtlichen Sinn zu verstehen (wie die Immunität von Abgeordneten), es ist mehr eine Art Immunität, wie sie durch Impfungen entsteht; sie funktioniert auch ähnlich: Jedem und jeder steht es frei, sich selbst zu immunisieren oder etwas zur Immunität beizutragen; wer das nicht kann oder will, wird immer noch – wie durch den Herdenschutz bei Impfungen – durch die Immunität der anderen geschützt. „Ko-Immunität ist darum das Schlüsselwort zum Verständnis aller politischen und sozialen Erfolgsgeschichten“, auch um den Preis, dass unter Umständen jeder und jede „auf einer niedrigen Ebene etwas opfern wmuss, wenn man auf einer höheren Ebene etwas gewinnen will.“
Diese Einsicht – das auch die bequemste und stärkste Immunität nicht ganz von selbst entsteht – sieht Sloterdijk aber als ins Wanken geraten, als im „Krieg der Interessengruppen“ unter die Räder gekommen. „Die katastrophale Drift der globalen Prozesse macht es heute notwendig, über die Schaffung einer umfassenden Solidaritätseinheit nachzudenken, die stark genug wäre, um dem wehrlosen Ganzen als Immunsystem zu dienen – jene ungeschützten Ganzen, das wir die Natur, die Erde, die Atmosphäre, die Biosphäre, die Anthroposphäre nennen.“
Hier taucht einer von Sloterdijks Gedanken und Formulierungen auf, die überraschenderweise noch immer nicht von Bio- und Öko-Experten bei jeder Gelegenheit auf dem Silbertablett präsentiert werden. Wenn wir nach Handlungsmaximen und verbindlichen Orientierungsperspektiven suchen und uns dabei von Religion verabschieden, dann ist der „Monogäismus“ die grundlegende Vorgabe jedes neuen Wertesystems: Es gibt vielleicht keinen Gott, aber es gibt nur eine Erde. „Ohne (Gott), hieß es, sei ‚alles erlaubt‘. (…) Wenn Gaia gegen uns ist, dann ist nicht mehr sehr viel erlaubt“, schreibt Bruno Latour über diese Wortschöpfung, die er Sloterdijk entlehnt (die aber kurioserweise sonst nirgendwo auftaucht).

Die Konzentration auf endenwollende Ressourcen und Möglichkeiten macht auch klar, warum gerade jetzt die Frage nach Richtlinien, Orientierung und Moral akuter wird: Ein Ablaufdatum wird vorstellbar. Und das alleine ist nicht der einzige Grund: Die Reichweite unserer Handlungen steigt, das Tempo beschleunigt sich. In einer vernetzen Welt, in der vieles zusammenhängt, wird es zunehmend schwieriger, einzelne Idioten zu verkraften. Dazu trägt auch die gleichmachende Dynamik des Digitalen bei, die entgegen den ursprünglichen Erwartungen von Demokratisierung und Individualisierung eher den Mehrheiten entgegenkommt – vor allem jenen mit Budgets.

So konkret wird Sloterdijk aber kaum. Er zieht sich gegen Schluss wieder in abstraktere Regionen zurück. Eine Philosophie der Moderne, meint er, müsse die „Hermeneutik des Ungeheuren als Theorie der alleinigen Welt“ sein. Solche Formulierungen lassen wieder recht viel Spielraum. Hermeneutik als auslegender, interpretierender Zugang, ist schließlich auch am ehesten mit dem Dauergeschwätz unserer Zeit kompatibel. Und das Ungeheure, auch wenn das zugegebenermaßen schipp ein recht freier hermeneutischer Zugang ist, verstehe ich als Platzhalter des Extremen, Sensationellen, Erstmaligen – dessen, worüber wir gern reden oder das wir als das Erstrebenswerte, Beachtenswerte erachten. Aber das wird dann eine eigene Geschichte.

Man muss Peter Sloterdijks „Nach Gott“ nicht lesen. „Du musst dein Leben ändern“ enthält viele klarer formulierte, besser argumentierte Gedanken. Und die Lebenswelt-Konzepte von Bruno Latour oder Rahel Jaeggi liefern konkretere Hinweise für die Suche nach Antworten auf die Frage, was denn heute gut und wichtig sei.

Ich wollte eigentlich nie Marx lesen, aber der Jacobin sagt …

Marx stand nie ganz oben auf meiner Leseliste. Als Student war mir da zu wenig Musik drin – Marx beschäftigt sich mit realökonomischen Fragestellungen; Metaphysik, Ontologie und andere spannende Themen finden sich bestenfalls zwischen den Zeilen.
Später, als ich die realökonomischen Fragestellungen spannender fand, hatten für mich andere Zeitgenossen, vor allem die Anarchisten wie Bakunin und Kropotkin mehr zu sagen.
Heute wundert mich ja am meisten, dass Marx auch zu seinem 200. Geburtstag noch nicht als neuer Heiliger der Work Life Balance, der öko-esozentrierten Selbstoptimierung und der Finde-dein-Selbst-Mentalcoaches avanciert ist. Schließlich war er es doch, der grundlegende Unzufriedenheit, Spannungen zwischen Ideellem und Materiellem, zwischen Anspruch und Realem beschrieben hat.
Gelesen habe ich trotzdem bis heute nur das Kapital – und dann auch nie wieder reingeschaut.

Linke Theorie liegt im Moment eher danieder. Das neu erflammende Interesse an Karl Polanyi ist befremdlich, verlässliche Visionsspekulanten wie Slavoj Zizek oder Chantal Mouffe versagen kläglich beim Versuch, real relevanter zu werden, kaum etwas wirkte bereits bei Erscheinen älter als der große Sammelband „Die große Regression“, in dem das Aufkommen rechter Politik diskutiert wurde.

Auf der anderen Seite gibt es das Jacobin Magazin: Cool aufgemachte linke Theorie, ein Magazin, das astronomische Verkaufszahlen hat (für ein Politik-Magazin, für ein Theorie-Magazin, eigentlich für jedes Magazin), und ein neuer Hoffnungsschimmer am politisch linken Horizont.
Der Aufstieg des Jacobin ist offenbar so faszinierend, dass der Suhrkamp Verlag dem Magazin eine eigene Anthologie in Buchform widmet. Auf 300 Seiten findet sich ein Best-Of diverser Artikel und Interviews. Und sehr viele davon drehen sich, wenn sie sich nicht um Bernie Sanders drehen, um Marx, Marxismus, Marx lesen und Marx verstehen.

Für einen Menschen, der politischer Theorie gegenüber sehr aufgeschlossen ist, ist das sehr ernüchternd. Von konservativer Seite ist nichts nur erwarten, weil das Bewahren (vor allem das Bewahren von Macht) selten herausfordernde Argumente hervorbringt. Liberale sind heute die intellektuell schwächsten – aus lauter Angst vor Ideologie und Dogmatismus beschränkt sich deren Theorieüberbau auf zu Hashtags eingedampften Spässchen im veganen Blondinenwitzformat. Die linken waren die mit Visionen, um die man spannende Theoriegebäude bauen konnte.
Und jetzt wollen sie auch nur mit Marx-Zitaten um sich werfen?

Vielleicht hat die Rückbesinnung auf weitgehend gefahrlose und inspirationsfreie Texte ja auch mit der Angst vor den gescheiterten Menschenbildern zu tun. Der Idealtyp konservativer Politik ist der verdienstvolle langjährige Angestellte, dessen Frau ihm abends die Pantoffeln zur Couch bringt. Liberale idealisieren einen farblosen homo oeconomicus, der immer rational handelt – es sei denn, es ärgert ihn gerade etwas. Der neue Mensch sozialistischer Visionen ist in den Blutbädern Chinas und Russlands untergegangen, geistert heute noch durch albanische oder rumänische LIteratur.
Dabei wäre gerade hier viel Platz für ansprechende politische Theorie: Von welchem Menschen reden wir, welche Bilder haben wir dabei im Kopf? Welche Verhaltensweisen und Ideale helfen, eine Welt zu schaffen, die wir uns wünschen?
Ich fürchte, dass viele davon nur über Verhaltensweisen – im Konsum, im Wirtschaften, im persönlichen Umgang und auch in der Kultur – erreicht werden kann. Revolutionäre Wirtschaftsordnungen, auch wenn sie sauber marxistisch-leninistisch durchstrukturiert sind, leisten das nicht, fürchte ich.

„Man muss die Menschen …“ – ach vergiss es

Es ist soweit: Auch die komplexitätsverliebtesten linken Theoretiker müssen heute Klartext reden; ihre Felle schwimmen davon. Vor fünf Jahren noch konnte man sich mit Visionen und deren Schönheit beschäftigen, sich einreden, die Konstruktion immer weiterer, durchaus auch ferner Visionen, sei eine Notwendigkeit. Dann kamen Trump, Duterte, Kurz, Macron und einige andere und spülten linke Politik ganz weit an die Ränder des Geschehens.

So marginalisiert wie heute waren linke Stimmen noch nie (wenn man auch ihre Relevanz miteinrechnet), so hilflos auf der Suche nach praktischen Handlungsanleitungen waren sie selten. Slavoj Zizek schafft es mit abenteuerlichen Konstruktionen, die Notwendigkeit des Klassenkampfs auch angesichts von Migrationsfragen als bestimmende Themen der Zeit zu retten, Chantal Mouffe steigt ganz tief hernieder und beschäftigt sich mit einer vermeintlichen Zukunftshoffnung linker Politik: „Linker Populismus“.

Die Voraussetzungen ihres Gedankengangs: Eine hegemoniale neoliberale Ordnung legt keinen Wert mehr auf Fronten zwischen Rechts und Links; politische Grenzen verschwimmen. Liberalismus und Demokratie sind zwei grundsätzlich positiv besetzte Begriffe, beide sind so etwas wie die Garanten westlicher Zivilisation, Errungenschaften, die nicht in Frage gestellt werden dürfen. Dabei sind es durchaus auch antagonistische Begriffe: Liberalismus pocht auf Individualität und verwehrt sich gegen Einschränkungen, Demokratie ist im wesentlichen ein Mittel. Einschränkungen zu legitimieren. Liberalismus negiert die Demokratie, diese wiederum negiert den Liberalismus, weil sie Freiheit an die Zustimmung vieler bindet.
Dieser Gegensatz wird durch gemeinsame Wurzeln von Liberalismus und Demokratie im Kampf gegen Absolutismus und Demokratie überbrückt.

Chantal Mouffe entscheidet sich nun nicht der Ordnung und der Demokratie halber tendenziell gegen den Liberalismus, für sie ist es eine Frage strukturell sauberer Logik. Es braucht Demokratie, also die Auseinandersetzung mit den anderen, weil politische Subjekte erst durch Repräsentation und Artikulation entstehen. Werte und Ideologien sind wertlos, wenn sie nicht in Kontext verankert sind, an Beispiele greifbar gemacht und an historischen Prozessen verständlich dargestellt werden. Politische Forderungen, die über einzelne Claims und Hashtags hinausgehen, die in ihrer Auswirkung auf gesellschaftliche Entwicklung deutlich werden sollen, sind auf ganze Ketten von Artikulation, Repräsentation und Spiegelung angewiesen. Für sich allein bleiben sie beliebige Begriffe, die jeder Mensch aus jeder politischen Position heraus beliebig ablehnen oder begrüßen kann.
Um dieses Problem zu lösen, schlägt sie eine Radikalisierung der Demokratie vor. Radikalisierung bedeutet: „Freiheit und Gleichheit für alle.“
Das eigentliche Problem dabei – das führt Zizek etwas deutlicher aus – ist dass sich die Vielzahl jeder, die diese Radikalisierung betreffen würde, nicht dafür begeistern lässt. Radikalität ist anstrengend und abschreckend, Feindbilder und Sündenböcke sind weitaus dankbarer. Mouffe führt noch hoffnungsvoll eine Reihe an sozialen Bewegungen – Occupy, Ciudadanos, Posemos, Oxi, La France Isoumise, Gilets Jaunes – ins Treffen und übersieht dabei, dass deren Radikalität sich entweder aus Richtungslosigkeit speiste (die drastischste Beispielen dafür sind Oxi und Gilets Jaunes) oder zu Staub zerfiel, sobald Fragen nach konkreten Anschlussmöglichkeiten lauter wurden (wie bei Occupy; wobei hier durchaus gilt: Das offene Ende war das beste und präziseste, das zumindest den Mythos am Leben gelassen hat).

Und weil auch Mouffe dann irgendwann zum Schluss kommen muss, landet sie dann bei einer wahrhaft schmerzhaften Wendung: Man müsse die Menschen dort abholen, wo sie stehen … Da hätte man ja gleich Politiker, Politikberaterinnen, Marketingleute oder Motivationstrainerinnen fragen können. Das ist das Radikalisierungsprojekt, auf dessen Basis sich gewinnbringender Populismus aufziehen lässt?

Dieses Rennen ist leider schon lange verloren; andere haben diese vermeintlichen Startblöcke schon lang gefunden und nicht nur einen uneinholbaren Vorsprung, sie haben schon mehrfach das Stadion umrundet, sich dabei gelangweilt und sich zu ganz anderen Ufern aufgemacht.

Der Gipfel solcher Plattitüden zeigt, wie traurig es wirklich um linke Visionen bestellt ist. Da wäre es noch besser gewesen, man wäre bei der hochabstrakten komplexitätsverliebten Theorie geblieben. Die lässt wenigstens Spielraum. Und manchmal liefert sie auch Inspiration.

Klassenkampf!!!

Fluchtbewegungen werden bei Žižek zur Beatmungsmaschinerie für linke Revolutionsvisionen. Das ist auch ein wenig zynisch.

Slavoij Žižek hat ein neues Buch geschrieben, ein kurzes, in dem er einige der Textpassagen, die ihn in „Vom Ereignis“ ,“Weniger als Nichts“ oder „Ärger im Paradies“ immer wieder wiederholt beschäftigt haben, hinter sich lässt. Er beginnt etwas neues, er widmet sich dem Klassenkampf.
Žižek Buch ist eines von mehreren, die auch als Symptom eines Wendepunkts in linkem Denken gelten können. Linke politische Theorie ist traditionell von Visionen getrieben, man schaut nach vorne, beschwört eine bessere Zukunft, ist gerne utopisch und muss sich auch gar nicht mit den Niederungen der Realpolitik aufhalten. Vorsichtigen Kritikern galt das auch immer als eine der Schwächen linker politischer Theorie: Theorie und Vision auf der einen Seite, Praxis und Handeln auf der anderen Seite blieben immer feinsäuberlich voneinander getrennt. Der Theorie fehlt so die Relevanz, der Praxis fehlen Vision und Begeisterungskraft.
Jetzt scheint der Zug abgefahren: Rechte Populisten sind am Ruder, linke Politik, die einfach überrollt worden ist, sieht ein, dass man hätte handeln müssen; dass Handlungen eine Vision gebraucht hätten, um in großem Stil zu funktionieren und um in der Bevölkerung Zustimmung finden zu können.
Denn das große Kraftereignis linker Politik, die Revolution in der alle Hoffnung kulminiert, ist immer noch ausgeblieben.

Like politische Theorie, die heute relevant bleiben möchte, geht daher mitunter seltsame Wege. In „Klassenkampf“ geht Žižek ganz vorn auf diesen Wegen. Ein paar Gedanken aus dem Buch:
Es ist ok, auf westliche Werte zu beharren und sich einen gewissen Eurozentrismus zu leisten – sowohl gegenüber Einwanderern als auch in wirtschaftlichem Handeln. Denn traditionelle westliche Werte haben nicht nur aus kultureller und an Menschenrechten orientierter Perspektive einen gewissen Reiz – sind sind, dort wo sie geschützt und bewahrt werden sollen, auch ein wirksames Mittel gegen globalen Kapitalismus. Denn wer westliche Werte bewahren will, der liefert sich nicht dem chinesischen Turbokapitalismus aus. – Das ist geradezu ein Aufruf an Linke, auch mal wertkonservativ zu sein.
Ein zweiter Punkt ist die Richtungslosigkeit des Klassenkampfs: Plünderungen in London in den frühen Jahren der Finanzkrise hatten keinen erkennbaren Hintergrund. Sie begannen in zeitlicher und räumlicher Nähe zu politischen Kundgebungen, ließen sich aber nicht zuordnen, sie enthüllten keine politische oder klassenkämpferische Botschaft. Žižek interpretiert die Riots als ein Beispiel von Walter Benjamins „göttlicher Gewalt“, die keinen Sinn und kein Ziel hat, sondern nur Zerstörung bedeutet.
Diese offensichtliche Richtungslosigkeit verstärkt die Bedrohung, die andere empfinden und führt zu neuen und seltsamen Allianzen. Rechtspopulismus ist ein willkommener Verbündeter des Kapitals, meint Žižek, weil seine Versprechungen helfen, das Proletariat ruhighalten. Versprechungen, starke Männer, Feindbilder lenken den Unmut der unteren Klassen in kontrollierbare Bahnen; die herrschende Klasse toleriert, so Žižek, den moralischen Krieg der Populisten als ein Mittel, die unteren Klassen in Schach zu halten.
Das ist ein sensibles Gleichgewicht, das nicht zuletzt auch durch Zuwanderung bedroht wird. Denn Zuwanderer werden von populistischen Verheißungen nicht eingelullt, sie werden ausgeschlossen. Der in Zuwanderer projizierte Kulturkampf ist so in Žižek Sichtweise verschobener Klassenkampf.

In dieser Zuschreiben stecken zwei Bedeutungen: Die Ablehnung von Zuwanderern öffnet eine Kluft, die Raum für Klassenkampf schafft. Und anderswo wird der Klassenkampf offen ausgetragen – allerdings ebenfalls mit verschobenen Fronten. Žižek interpretiert den Kongo-Krieg und die folgende Dauerkrise im Kongo als Konflikt, in dem es vorrangig um kapitalistische Interessen geht, die nur notdürftig in lokalen Konflikten getarnt sind.
Zuwanderer hätten demnach das Potenzial, die eigentlich revolutionären Kräfte zu sein. Der westeuropäische Arbeiter ist zu sehr gesättigt und zu sehr am Gängelband patriotischer Populisten, um noch revolutionär zurechnungsfähig zu sein, revolutionäre Refugees wären da viel eher eine Kraft, mit der man rechnen muss. Insofern sind die auch doppelt bedrohlich: Sie gefährden die wohlige Ruhe des Kapitals und des Patriarchats gleichermaßen; sie machen umso deutlicher, dass niemand diese Revolution will – mit Ausnahme von ein paar politischen Theoretikern.
Zwei Anmerkungen dazu: Der Gedanke ist nicht neu. In den 70er Jahren nannte man das die Schmarotzerstaaten-Theorie und beschrieb damit die Enttäuschung, dass die Arbeiterschaft in den westlichen Industriestaaten nicht neue zur Revolution zu gebrauchen schien. Auch damals schon setze man einerseits Hoffnung auf in den Westen strömende „Gastarbeiter“, andererseits gab man sich sehnsüchtigen Phantasien über die noblen wilden Linke Lateinamerikas hin. Beides endete unglamourös unrevolutionär.

Diese Wendung offenbart die entsetzliche Ratlosigkeit linker Theorie. Damit meine ich nicht nur ihren Mangel an Originalität, es ist vor allem die nun schon über hundert Jahre nicht an Glanz gewinnende Revolutionsverliebtheit, die schockiert.

Es gibt kein revolutionäres Subjekt mehr (gab es auch zu Zeiten der Oktoberrevolution nicht, fragt Trotzki, der daran verzweifelte, mit russischen Bauern anstelle von europäischen Industriearbeitern Revolution spielen zu müssen); Revolutionsgeschwafel ist auch heute nicht freundlicher als zur Zeit der französischen Revolution.
Man muss keinem konsumkranken Proletariat kämpferischen Esprit einhauchen, man muss ebendiesem aber auch nicht tröstend Mut zusprechen oder ihm zuhören und seine Sorgen ernst nehmen, wenn es um den eigenen Wohlstand fürchtet. Das nämlich, so versteigt sich auch Žižek, sieht Žižek als eine der hoffnungsreichste Qualitäten von Bernie Sanders. Man müsse ihnen aber, damit rettet sich Žižek wieder vor der vollkommenen Plattitüde, auch klarmachen, dass in erster Linie sie selbst Verantwortung für die Zerstörung ihrer Lebensweise tragen: Sie konsumieren, geizen, fordern und faulenzen, sie bewundern Rücksichtslosigkeit und belohnen Gewalt, die sich durchsetzt, und sie lassen sich Angst einjagen, die lähmt und sich in der Lähmung multipliziert.

So wird das nichts mit dem Klassenkampf.

Wo Žižek allerdings wieder zielführendere Perspektiven auf den Plan bringt, ist die Verschiebung von Klasse zu Kultur als dominierende Trennlinie der Gegenwart. Kultur, definiert Žižek, ist der Name für all die Dinge, die wir praktizieren, ohne wirklich an sie zu glauben, ohne sie ernstzunehmen. Ein Kulturkampf ist für Žižek kein Kampf zwischen Kulturen, sondern die Frage, wie wir damit klarkommen und umgehen, dass verschiedene Kulturen nebeneinander existieren und damit doch die Frage nach einer Leitkultur.
Als solche empfiehlt sich durchaus eine westlich orientierte, eine, die es sich unter anderem ja auch zum Ziel setzt, globale Fluchtursachen zu beseitigen. Damit kommt Žižek dann allerdings wieder auf eines seiner Lieblingsthemen. Die Beseitigung von Fluchtursachen geht in seiner Sichtweise mit einer Beseitigung von Ungleichheit und der Eindämmung kapitalistischer Umtriebe einher. „In meiner Jugend nannte man solch einen organisierten Versuch, das Gemeingut zu regulieren, Kommunismus. Vielleicht sollten wir ihn neu erfinden.“
Damit bekommt der Klassenkampf – einmal mehr in der Ferne, so wie früher in Lateinamerika oder in der Karibik – doch noch einmal seine Berechtigung …

Beastie Boys Book

40 Jahre gegen den eigenen Erfolg arbeiten – das ist wahrer Luxus.

Was ich am Beastie Boys Book am meisten liebe: Der Sticker auf dem Cover wurde offenbar tatsächlich erst nachträglich eingeplant, nachdem irgendein kritischen Menschen aufgefallen war: „Verdammt, wir haben dieses dicke Buch gemacht und echt vergessen, auch nur irgendwas aufs Cover zu schreiben.“ Die ersten Ankündigungen und Vorbestellung-Aussendungen zeigten das Buch noch mit dem nackten Cover, ohne jeglichen Titel.

Es hat knapp 600 Seiten, ist bunt und wurde etwas zu spät begonnen. Adam Yauch ist 2012 gestorben und hat den Beginn der Arbeiten an diesem Buch – offenbar eines dieser Projekte, von denen man immer wieder redet, die man immer wieder verschiebt und von denen man immer noch glaubt, ausreichend Zeit für sie zu haben – nicht mehr erlebt. Also schreiben mit Mike D und Adam Horowitz die zwei verbleibenden Beastie Boys. Yauch bleibt der abwesende große dritte, auf den viel zurückzuführen ist und dessen Einfluss wohl jetzt noch viel klarer zutage tritt als zu Lebzeiten.
Die Beastie Boys erzählen ihre Entwicklung von jungen, nicht besonders auffälligen, nicht besonders talentierten, eigentlich in gar nichts außergewöhnlichen Jungs, deren größtes Talent es war, offen für Einflüsse durchs Leben zu gehen, zu erfolgreichen Stars – die sich dann aber auch einer Starkarriere verweigert haben.

Musikalisch war ihre Entwicklungslinie wohl die vieler Kids, die mit glattem Pop nichts anfangen konnten. Punk und ein wenig Metal geben die Grundhaltung vor, aber dann schlägt die Erkenntnis zu, dass HipHop eigentlich viel cooler ist, Punk stilistisch und inhaltlich um Längen schlägt und viel mehr Verhaltensmuster offenlässt, als die Perspektive, möglichst schnell und möglichst destruktiv zu einem möglichst totalen Ende zu kommen.
Die musikalischen Frühwerke blieben trotzdem von der Idee geprägt, möglichst schnell mit möglichst viel Krach möglichst viele Klischees durch den Fleischwolf zu drehen, dabei aufzufallen und einen möglichst bleibenden (wenn das hilft auch möglichst schlechten) Eindruck zu hinterlassen.
Ausreißer wie „Fight for your right“ und „No sleep till Brooklyn“, die den eigentlichen musikalischen Erfolg begründeten, sind auf Beastie Boys-Sicht offenbar Unfälle, die auf Launen des Produzenten Rick Rubin zurückzuführen sind. Rubin galt in frühen Jahren als Freund, verwandelte sich aber offenbar schnell in das Abziehbild des Musikmanagers, der Alben am Reißbrett plant und rein auf kommerziellen Erfolg hin trimmt. Dem verwehrten sich die Beastie Boys; die Erwartungen, des Labels Def Jam, dass nach der Veröffentlichung von Licensed to Ill gleichzeitig getourt und Neues produziert werden sollte, um schnell wieder verlautbare Tonträger zu haben, führte dann bald zum Bruch.
Auffallend ist auch, dass D und Horowitz mit keinem Wort erwähnen, dass Slayer-Gitarrist und -Miterfinder Kerry King Gastauftritte auf Licensed to Ill hat. – Es scheint auf eine Laune des Labels zurückzuführen zu sein, die ihnen grundsätzlich egal war.

Der frühe Erfolg hat sich jedenfalls trotzdem ausgezahlt. Die Beastie Boys produzierten in aller Ruhe weiter vor sich hin, hatten mit Pauls Boutique eine Platte ohne große Highlights, mit Check your Head etwas schwer Einordenbares aber doch sehr Eingängiges, erst auf Ill Communication gab es dann wieder ein wenig Rückbesinnung auf die Anfänge mit schnellen und kurzen Punk-Phasen.
Ill Communication war auch in vielen Beastie Boys Fan-Karrieren das Ende; die Platte passte 1000prozentig in ihre Zeit, das Grand Royal-Imperium der Beastie Boys produzierte viel Neues. Nichts davon war aber geschaffen, die frühen Neunziger zu überleben. Blättert man heute durch Ausgaben des Grand Royal Magazine, die in den 90er Jahren hier von Europa aus ein unerreichbar cooles Mysterium waren, dann wirken sie bestenfalls noch etwas befremdlich
Den Beastie Boys war all das offenbar egal, sie experimentierten, so zumindest die eigene Erzählung, einfach ungestört weiter. Davon blieb allerdings wenig greifbar, trotz einer sehr beschäftigten Zeit blieben die Erfolge, von denen jeder sprach, aus. Hot Sauce Committee war noch mal eine Art Rückbesinnung auf alte Stärken und setzt die mit Licensed to Ill und Ill Communication begonnene Linie fort; ein Jahr später war Adam Yauch tot.

Beastie Boys Book ist eine extrem detaillierte und dabei erstaunlich lesbare Nacherzählung von knapp 40 Jahren Musikgeschichte. In den ersten Jahren dieser Geschichte war Auffallen um jeden Preis die bestimmende Maxime, danach konnten sich drei Musiker das ständige Oszillieren zwischen einer Haltung als arrivierte Stars, neugierige Jungs und Enfants Terribles leisten.
Und ich bin grundsätzlich kein Freund davon, Erfolg, Aktivität oder Energie mit Orten zu verbinden, also Misserfolg auf eine langweilige Umgebung oder eine passive Stadt zurückzuführen. Gerade Storys wie die der Beastie Boys oder von Henry Rollins, die mit viel Willen und ohne jede Voraussetzung sehr viel geschaffen haben, sind wohl doch eher auf das Zusammenwirken vieler günstiger Faktoren zurückzuführen. Und die Chance, kommerziellen Erfolg auch nachhaltig weiterzutreiben und in künstlerische Freiheit zu verwandeln, ist außerhalb US-amerikanischer Großstädte auch etwas dünner gesät. Ich zumindest kann mir Beastie Boys ohne das New York der Neunziger ebenso wenig vorstellen wie Henry Rollins ohne Los Angeles – und umgekehrt gilt das im übrigen genauso …

Prügelei oder Fasching?

Henry Rollins erzählt die Geschichte hartnäckig: 1983, beim Auftritt in der Wiener Arena, habe die Polizei nach dem rechte sehen wollen. Das aufgebrachte Publikum habe allerdings die Polizei verprügelt (mitsamt den Polizeihunden), der Polizisten Kappen und Jacken abgenommen, und in Polizeiuniformen weitergefeiert.
Black Flag sei daraufhin etwas eingeschüchtert gewesen, habe die Show schnell zu ende gespielt und sei froh gewesen, Wien am nächsten Tag Richtung Italien verlassen zu können.
Die Geschichte findet sich in „Get in the Van“ in Buchform, Rollings erzählt sie auch heute noch, wenn er mit seiner Reisediavortragsshow in Wien Station macht.
Ich frage mich eher, ob da nicht Drahdiwaberl in der Arena vorbeigeschaut hat, und nehme die Geschichte als ein Beispiel dafür, dass sich Mythen aus der Entfernung viel leichter spinnen lassen.
Bei Rollins meisten Erzählungen in „Get in the Van“ werde ich sonst eher leicht wehmütig und denke mir, ich hätte den amerikanischen Straight Edge Punk gerne früher kennengelernt, statt mich mit der europäisierten Comedyversion in Form der Sex Pistols aufzuhalten. Das ist aber unfair – und ebenso ein Beispiel dafür, dass Mythen mit der Distanz schöner werden.
Wahrscheinlich hätten mich die amerikanischen Punks genauso schnell gelangweilt wie die Gestalten im Burggarten, unter denen ich mich als etwa Vierzehnjähriger eine Zeitlang ernsthaft auf die Suche nach intelligentem Leben gemacht habe. Gras und Heroin gab es genug, sonst war dort nicht viel kennenzulernen. Wenn ich heute an ähnlichen Szenen vorbeigehe, ist mir auch völlig schleierhaft, was ich dort gesucht hätte oder wie ich jemals auf die Idee gekommen bin, mich mit der menschlichen oder kreativen Seite von Junkies auseinanderzusetzen.
Trotzdem bleibt ein wenig die Unsicherheit, ob es nicht doch auch einen Unterschied macht, wo man – in vielleicht der gleichen aufgeschlossenen Naivität – durchs Leben geht. Rollins, die Beastie Boys, viele andere Kreative, die vielleicht gar nicht handwerklich erste Wahl waren, haben es mit harter Arbeit und Aufdringlichkeit recht weit gebracht. Im Wien der gleichen Zeit war neben einer sehr platzgreifenden Szene wenig Raum für anderes. Alles andere war eher zu verdrängen und wir auch heute noch rückblickend ignoriert. Ich habe – als kurze Nebenerzählung dazu – aufgehört mitzuzählen, wieviele Menschen ich schon kennengelernt habe, die mir eindringlich erzählt haben, die hätten den Wiener miterfunden oder zumindest maßgeblich mitentwickelt. Erstens: Wieviele Menschen braucht man für ein Magazin? Zweitens: Den Wiener? Damals schon aus Sicht eines Teenie-Metalheads der Inbegriff eines glatten, langweiligen und verkommerzialisierten Mainstream; wer wollte denn jemals etwas damit zu tun haben? Erzählt wird die Geschichte aber heute noch so, als habe es im Wien der 80er Jahre nichts anderes gegeben.
Heute sind die Klüngel älter, aber nicht kleiner geworden. Es gibt mehr verschiedene davon und es ist auch recht leicht, seinen eigenen Klüngel zu konstruieren; jede und jeder kann sich selbst aussuchen, wo er oder sie der oder die Größte sein will. Relevanter wird dadurch nichts. Dynamik ist auch sehr selten. Denn eine der wichtigsten Verhaltensregeln für Wiener Klüngel ist es, andere Klüngel maximal zu ignorieren. Aufmerksamkeit ist das wichtigste Gut, das man nur sammeln, keineswegs aber verschenken darf.
Das ist etwas, womit man sich in den Zeiten von Rollings noch deutlich leichter tat: Weniger Kommunikation, weniger Information, dafür mehr Begeisterung – man konnte und durfte noch ehrlich auf etwas abfahren. Und darin zum Beispiel ist Henry Rollins noch heute ziemlich gut: Er ist ein wandelndes Stück Begeisterung, das Nerds, die sich in Büchern, Musik oder Comics vergraben, ein gutes Gefühl gibt.