Konsum-Elitarismus: Warum wir so pleite sind 

Wir tun so, als könnten wir entscheiden, wofür wir Geld ausgeben. Das ist ein Spiel auf dünnem Eis und in sehr begrenztem Rahmen. 
Für den Staat bin ich reich. Ich zahle für einen recht spürbaren Teil meines Einkommens 50 Prozent Steuern, zahle seit vielen Jahren Höchstbeiträge in der Sozialversicherung und bei der Abschreibung von Sonderausgaben stehen mir nur noch die jährlichen 60 Euro Grundbetrag dazu – der Rest fällt unter Selbstbehalt.
Das sind die gleichen Rahmenbedingungen, die auch einen Vorstandsvorsitzenden oder eine Generaldirektorin eines internationalen Konzerns mit mehreren Milliarden Euro Bilanzsumme betreffen. Eigentlich sollte ich mir also alles leisten können – dennoch finde ich vieles absurd teuer, bin weit davon entfernt, sparen zu können und froh, wenn ich nicht immer den ganzen Überziehungsrahmen meines Kontos ausnützen muss.
Wohin fließt dann das Geld, und warum ist man, wenn man bei allen Pflichtabgaben das Maximum zahlt, nicht so reich wie Pablo Escobar?
Steuern sind nur ein Teil der Geschichte. Ein ziemlich fetter Teil zwar, aber lassen wir das mal beiseite. Es geht ja genau um die Frage, warum man steuerlich gesehen steinreich ist, im realen Leben aber ganz und gar nicht.

„Das ist halt Qualität“

Historisch orientierte Ökonomen gehen solchen Fragen gern mit der Analyse von Preisen und Preisvergleichen nach: Wofür wird Geld ausgegeben, welchen Anteil am verfügbaren Geld machen welche Waren aus? – Und es mussten übrigens beruhigende Zeiten gewesen sein, in denen verarmte Leute eben ins Hotel gezogen sind, in denen die tägliche abendliche Party mit Drei-Gänge-Menü und zwei Flaschen Wein dazu auch für mittellose Künstler kein Problem war und, später, in denen massenhafte Langzeitarbeitslosigkeit schlicht kein Thema war. Ok, echte Armut war damals (bis vor rund 150 Jahren) großteils schlicht außerhalb des Radars.
Trotzdem frage ich mich schon länger, ob es nicht genau solche Kleinigkeiten sind, die langsam aber sicher Budgets auffressen. Lebensmittelpreise sind in den letzten Jahren rasant gestiegen; Fett&Zucker-Junkfood aus dem Supermarkt, das mal verlässlich billiger Kalorien-Lieferant war, hat sich in den letzten zehn Jahren verdoppelt. Parallel dazu treiben auch Qualitätsoffensiven die Preise: Beim Fleisch aus einer des Lebens würdigen Tierhaltung geht das vielleicht noch zu langsam, bei handgemachten Keksen, mit Liebe produzierten Kaffee-Spezialitäten oder Weinen entwickelt sich das dafür rasant. Qualität, Handarbeit, Nachhaltigkeit sind Preistreiber, die den Boden auch für andere Entwicklungen bereiten. Von vier oder sechs Euro für Kaffee, der nicht mehr nach Kaffee schmeckt, ist es nicht mehr weit zu zweihundert Euro für eine Nacht in einem Hotel mitten in der langweiligsten Prärie mit vielleicht Aussicht auf ein paar Berge. Hier ist es nicht Nachfrage, die den Preis gestaltet, es ist das Angebot – eines, das auf Langweile und Überdruß abzielt. Was teuer ist, muss gut sein, eben vielleicht im Sinne von Nachhaltigkeit auch noch gut für andere. – Noch besser wäre es aber vielleicht, der Hotelier, der sein Haus in die Ruhe versprechende Landschaft gebaut, es beruhigend designt und ausgestattet hat, hätte es gar nicht gebaut. Der Ruhe wegen.
Fairness ist sicher ein hochzuhaltender Wert, und Preise zu drücken schlägt schließlich gegen alle zurück. Die Idee, auf diesem Weg Arbeit wieder rentabler zu machen, birgt aber auch ein Risiko: Sie bindet die Möglichkeit von Arbeit an das Vorhandensein von Kapital. Darauf muss ich später noch einmal zurückkommen.

„Das kostet extra“

Während Lebensmittel und Gastronomie augenscheinlich deutlich dazu beitragen, Preise zu steigern, sind andere Produkte auf den ersten Blick billiger geworden – Flugreisen etwa. Wo vor zehn oder zwanzig Jahren eine Flugreise noch eine schwergewichtige finanzielle Entscheidung war, fällt sie jetzt weit weniger ins Gewicht. Das ist einerseits eine Frage der Relationen –  ein Amerika- oder Asien-Flug kostet oft weniger als eine kleine Wiener Mietwohnung im Monat kostet -, andererseits eine Frage der Preisgestaltung. Wo in anderen Branchen Qualität und Service aufgebaut wurden, wurden sie beim Fliegen abgebaut. So weit so fair. Allerdings zeigt sich beim Fliegen eine Entwicklung, die an die Gestaltung von Steuerreformen und die Einführung von neuen Belastungen erinnert. Seit übermaßiges Service an Bord gestrichen wurde, sind die Preise etwa gleichgeblieben – dafür müssen immer mehr frühere Selbstverständlichkeiten  jetzt gegen Bares zugekauft werden. Eine erste Entwicklung betraf das Gepäck – immer öfter ist nur Handgepäck inklusive, Bordgepäck muss extra bezahlt werden. Eine neuere Erfindung ist die Boarding-Reihenfolge: Nach Priority- und First Class-Passagieren können jetzt auch Economy-Class Passagiere gestaffelte Aufpreise zahlen, um früher an Bord des Fliegers zu dürfen. Sinn macht das natürlich in Kombination mit den Gepäcksregelungen: Wer die Grenzen seines Handgepäcks ausreizt und dafür auf extra zu bezahlendes Bordgepäck verzichtet, zahlt eben für die Boarding-Reihenfolge und gewinnt damit Zeit und Platz für sein Handgepäck. Und manche Billig-Airlines verlangen jetzt sogar schon Aufpreise für die Wahl des Sitzplatzes – auch beim Online-Checkin. Wer nicht zahlt, dem bleiben eben nur die undankbaren mittleren Plätze in den Dreier-Sitzreihen.
Auch das ist ein Weg, Werte zu schaffen, die wir früher nicht kannten. In der Wirtschaftsentwicklung geht es schließlich um Mehrwert.

Auch ideeller Mehrwert braucht reales Kapital

Mehrwert wird so zu einer Geschmacksfrage, zu einer persönlichen Entscheidung. Die gute Seite dabei ist: Das gibt mehr Menschen die Möglichkeit, selbst zu entscheiden, wofür sie Geld ausgeben wollen. Die schlechte Seite ist: Der so verstandene Mehrwert produziert real betrachtet nicht mehr Wert. Für den Espresso ist es egal, ob er von einem Kellner gemacht wurde, der dabei auf die Uhr geschaut hat und an die letzte Folge seiner Lieblingsfernsehserie gedacht hat, oder von einem Barista, den es glücklich macht, seine Zeit zwischen tollen Espressomaschinen zu verbringen. Für das Ziel, eine andere Stadt zu erreichen, macht es auch keinen Unterschied, ob man während des Flugs aus dem Fenster sehen konnte oder seine Sitznachbarn aufscheuchen musste, um auf die Toilette zu gehen.
Trotzdem, und das ist das Gemeine dabei, muss es wohl einen Unterschied machen, ob Leute fair bezahlte Jobs gern machen, oder ob sie durch Androhung der Kürzung von Arbeitslosengeldern dazu gezwungen werden.
Der so beschaffene Mehrwert als treibender Wirtschaftsfaktor ist auch persönliche Vorlieben angewiesen – und er ist auf dünnem Eis gebaut: Nachdem wir den Wert, der eigentlich keiner ist, nicht wirklich brauchen, ist er auch etwas, auf das wir leicht verzichten können, wenns mal knapper zugeht.
Das ist dann wieder ein Problem, weil der ideelle Mehrwert – fair gehandelter Kaffee, glückliches Personal, gut designte Hotels – nur mit ganz realem Kapital in die Welt gebracht werden kann. Anbieter investieren also (sie brauchen, wie vorhin erwähnt, Kapital, um überhaupt arbeiten zu können) und sind dann darauf angewiesen, dass Kunden dieses Angebot aus ideellen Gründen annehmen. Schließlich kann nicht jeder Mensch jedes Mal frei entscheiden, wofür er oder sie Geld ausgibt: Irgendwann ist es in den meisten Fällen aus. Und auch davor ist es eine Verteilungsfrage: Den einen sind Reisen wichtig, den anderen Mode, manche geben Geld für gutes Essen aus und sind der Meinung, sich keine Urlaube leisten zu können.

Preis-Trittbrettfahrer

So beschrieben sind das Luxusprobleme. Über manche Dinge kann man allerdings nicht entscheiden, wenn man Teil einer Gesellschaft sein will: Wohnung, Essen, einigermaßen saubere Kleidung, Möglichkeiten sich fortzubewegen, Bankkonten oder Kommunikationsmittel gehören zur Grundaustattung, über die kaum frei entschieden werden kann. Kleidung lässt noch am meisten Spielraum – Entscheidungen sind hier aber auch immer mit Distinktionsverlusten verbunden.
Auch hier entwickeln sich die Preise nach ideellen Gesichtspunkten so als hätten wir die Wahl: Wohnungen werden nach Lage und Features bewertet, Handys und Verträge kosten selbstverständlich nicht zu wenig Geld (nachdem sie ein Zeit lang fast gratis sein mussten) und sogar Gebühren für öffentliche Leistungen werden mit dem Argument „Wir wollen doch alle eine tolle gut funktionierende Stadt“ laufend erhöht – deren Teuerung liegt sogar beim doppelten der Inflationsrate und ist damit ein ganz wesentlicher Preistreiber, dem niemand auskommt.
Wir zahlen also, weil es Teil unseres Selbstverständnisses geworden ist, dass zahlen zu können gut ist. Zahlen können ist eine Form von Freiheit; wer mehr zahlen kann (oder sich aussuchen kann, wofür er oder sie zahlt), hat also mehr Freiheit. Tatsächlich ist diese Entscheidung aber nur in sehr kleinen Spielräumen möglich. Wir zahlen trotzdem – in der Hoffnung, dass sich das erstens gut anfühlt, dass zweitens ein Teil davon zu uns zurückkommt, und dass drittens irgendwann alles gut wird. So lange wir nur zahlen.
Es ist eben ein bisschen paradox, dass gerade eine Form von Konsumkritik, die Wert auf ideellen Mehrwert legt, dazu beiträgt, dass Konsum nach wie vor ein zentrales Element bleibt. Manchen Betroffenen würde es vermutlcih auch gar nicht einfallen, sich als konsumkritisch zu betrachten – Der Begriff Konsum-Elitarismus beschreibt die Sachlage besser.
Aber auch das ist nur eine Seite der Geschichte.

Ich mag ja Optimismus …

Breaking News: Das Finanzamt prophezeit Unternehmern ein Boom-Wachstum wie in den 50er-Jahren. Zumindest, wenn man die Einkommensteuervorauszahlungsbescheide beim Wort nimmt. Und – wie das Finanzamt – die Steuerreform ignoriert.
Ach Finanzamt, ich mag ja deinen Optimismus. Während andere sich bemühen, irgendeine Form von Feelgood- oder Aufschwungsstimmung zu erzeugen, sich in schlecht sitzenden T-Shirts an die Start Up-Szene anbiedern, von Risikofreudigkeit und Unternehmergeist reden, setzt du ganz einfach Maßstäbe und lässt mit deiner Zuversicht nicht den Funken von Zweifel aufkommen.
Jedes Jahr werden die Steuervorauszahlungen für Selbstständige erhöht, jedes Jahr stärkst du den Wirtschaftsstandort Österreich durch deine unerschütterliche Zuversicht: Es wird auch kommendes Jahr wieder besser werden. Ungeachtet aller Wachstumsprognosen und -statistiken gehst du ganz einfach davon aus, dass es Wachstum geben wird. Und das gleich in der Höhe von vier Prozent. Ein Wirtschaftswachstum in der Dimension hatten wie zuletzt 1990, davor 1975.
Fein. Das ist ein Ansporn. Deutlicher kann man nicht sagen: „Wir glauben an euch, liebe Unternehmer.“

Steuerreform 2015? – Erst 2017

Zuletzt allerdings gab es ja diese vielbejubelte Steuerreform, die uns allen mehr Geld in der Tasche lassen wird, die den Konsum ankurbeln wird und die der flauen Wirtschaft auf die Sprünge helfen wird. Dass Selbstständige diese Reform erst mit der Steuererklärung 2016 spüren werden, war klar.
Dass die Berechnung der Vorauszahlungen für 2016 allerdings die Steuerreform vollkommen ignorieren, daran verschlucke ich mich dann doch etwas vor Überraschung.
Die Vorauszahlungsbeträge werden einfach so wie sie sind mit vier Prozent erhöht, ungeachtet neuer Steuertarife. Für denjenigen, der das Geld erst mal verdienen muss, bedeutet das: 2016 sind nicht vier Prozent, sondern je nach Steuerklasse bis zu rund neun Prozent mehr Gewinn notwendig, um diese Vorauszahlungen ohne Verluste erfüllen zu können. Ein Wirtschaftswachtum in dem Ausmaß gab es zuletzt 1955. Anders gerechnet: Bei gleichbleibendem Gewinn ist die Einkommensteuervorauszahlung 2016 um zehn Prozent zu hoch angesetzt.
Und bis Selbstständige dann die Segnungen der Steuerreform 2015 spüren werden, wird es also Frühling 2017 sein – wenn die Steuererklärung 2016 erledigt ist, die Vorauszahlungen geleistet sind und der Steuerbescheid dann auch den dann schon seit zwei Jahren geltenden Regeln entspricht.

Zehn Prozent zu viel kassiert

Man könnte sich jetzt natürlich auch den Papierkrieg antun und um niedrigere Vorauszahlungen ansuchen, die Vor- und Nachteile (Zinsgewinn gegen Arbeitsaufwand) durchrechnen, oder rein aus Prinzip sagen „Ich zahl das nicht.“
Mir macht eigentlich etwas anderes Sorgen: Ich für meinen Teil habe nur ungern Geld in der Buchhaltung, von dem ich weiß, dass es nicht mir gehört. Ich dränge Partner und Lieferanten darauf, schnell Rechnungen zu stellen, bezahle sie möglichst schnell, hab meine Einnahmen-Ausgaben-Rechnung in Ordnung und mache sogar die Umsatzsteuervorauszahlungen möglichst schnell. Ist für mich einfach am saubersten so.
Deswegen finde ich es eben recht befremdlich, wenn das Finanzamt gerade in Zeiten, in denen Staatsschulden ein Problem sind, ganz gezielt mit neuen Schulden plant. – Fließen die Einkommensteuervorauszahlungen jetzt ernsthaft in ein Budget, werden verplant und ausgegeben? In dem Wissen, dass aller Voraussicht nach zehn Prozent davon wieder zurückgezahlt werden müssen? Oder ist die Hoffnung einfach die, dass die Betroffenen das Geld eh liegen lassen werden, weil sie froh sind, dann mal ein Jahr lang keine Nachzahlungen leisten zu müssen? Oder sind das Gedanken, die sich in der Finanzverwaltung ohnehin niemand macht?

Stiefkind Einkommensteuer

Es ist schon klar, dass die Einkommensteuer einen vergleichsweise kleinen Anteil an den Gesamtsteuereinnahmen ausmacht. 2013 waren es 3,1 Milliarden Euro (von 76,3 Milliarden Gesamtsteuereinnahmen). Die Lohnsteuer machte 2013 24,5 Milliarden aus. Da kann man schon Fehlkalkulationen in Kauf nehmen.
Das Wachstum der Einkommensteuer lag 2013 übrigens bei fast 20%, das der Lohnsteuer bei knapp über fünf Prozent. Vielleicht könnte es ja noch höher sein – wenn nicht dieses Vorauszahlungsspiel eines der schlagkräftigsten Argumente gegen das Unternehmerdasein wäre.

Eier aus Stahl und Ziele wie eine Laborratte

Sie werden mehr. Menschen mit eisernem Willen, glasharten Zielvorstellungen und dem Wissen um die Grundlagen des Universums. Zumindest des eigenen. Sie verfolgen einen Plan, können einem ungefragt erklären, was man falsch macht und was oder wer ihnen im Weg steht.
Das nennt sich dann Achtsamkeit: Man achtet auf die eigenen Bedürfnisse und eben diese Ziele und darauf, wie man möglichst gut und sicher, vielleicht auch schnell, dorthin kommt.
Kein Wunder, könnte man meinen, ist halt auch eine Art Altersfrage, so rund um vierzig. Und wenn ich auf durchaus turbulente letzte zwei drei Jahre zurücksehe, könnte ich mich da nicht ganz ausnehmen. Wenns nicht eindeutig keine Altersfrage wäre. Und auch keine neoesoterische Ausprägung. Es ist eine neue Form des Egoismus, bei der sich erstaunlich unterschiedliche Menschen erstaunlich einig sind.
Da gibts auf der einen Seite die Start Up-Kinder: „Um ein Start Up hochzuziehen, brauchst du Eier aus Stahl“, erklären sie und vergessen dabei, dass manche Menschen keine Eier haben und dass das weder ihr Fehler noch überhaupt ein Fehler ist. Sie reden von Zielen und Voraussetzungen, die man sich schaffen muss, um sie zu erreichen, und treffen sich dabei mit meditierenden nachdenklichen Unschlüssigen, die ihre Tage mit Listen und Zeitplänen vom ritualisierten Aufstehen bis zum ritualisierten Schlafengehen durchstrukturieren – um ihre Ziele zu erreichen.
Ich hätte gern solche Ziele. Einerseits solche, die sich durch das geordnete Vorbereiten der Kleidung für den nächsten Tag erreichen lassen, andererseits solche, denen ich erlauben kann, einen derart umfassenden Einfluss auf mein Leben zu haben. Denen ich alles unterordnen kann, weil – ja weil was? Weil mit dem Erreichen dieser Ziele tatsächlich alles anders wird?
Gewissheit ist etwas Feines. Wenn nicht der Zweifel das ausgeprägte Talent hätte, die eigene Gewissheit immer wieder in Frage zu stellen. Das bedeutet nicht, dass man unentschlossen und planlos umhertorkeln muss. Zweifel bedeutet eher die Gewissheit, mit Planänderungen umgehen zu müssen. Und die Gewissheit, dass man sich selbst nicht loswerden kann.
Wozu also Pläne und Zielsetzungen? Um etwas zu erreichen, sich zu entwickeln, etwas zu schaffen, Sicherheit herzustellen – was auch immer man möchte. Das kann Zeit in Anspruch nehmen und langfristige Horizonte erfordern. Der Wille zu Abkürzungen wird als Symptom der Zeit gesehen, Ungeduld ist eine Krankheit der Moderne und nicht zuletzt ist auch dieses Internet daran schuld, dass wir alles zugleich und sofort haben wollen.
Naja, nicht ganz. Dieser Fischer, der dem pläneschmiedenden Jungunternehmer, der ihm vorrechnet, er könnte, wer er nur mehr investierte, Genug Geld verdienen um friedlich am Strand zu sitzen, erklärte: „Das kann ich auch so“, hatte aller Wahrscheinlichkeit nach kein Internet.
So gehts mir immer mit Plänen und Zielen. Der eine Plan, der so klares und strukturiertes Handeln ermöglichen würde, erscheint mir immer so eindimensional wie der Plan einer Laborratte im Konditionierungstraining. Und dann stehe ich trotzdem jeden Tag auf, arbeite manchmal auch zu lang und ärgere mich, wenn ich andere Pläne aufschieben muss oder sie gar vorübergehend aus den Augen verliere. Und bin dann am zufriedensten, wenn ich mal nicht an Pläne und Ziele denke.
Aber vielleicht habe ich auch nur noch nie wirklich gelernt, wie man Pläne schmiedet und Ziele definiert. Vielleicht aber haben jene, die egal ob geschäftlich oder esoterisch, so klare Ziele haben, ja insgeheim einfach auch mal mit einer Wahrsagerin geredet, um Gewissheit über ihre richtigen Ziele zu erlangen. Wobei – dann steht ja schon wieder die Frage im Raum: Wenns wirklich deines ist, wozu brauchst du dann Eier aus Stahl und den strukturierten Tagesplan zum Ausfüllen und Abhaken?

Link-Radikal

Dank der EU-Kommission diskutieren wir also wieder mal, ob und was man verlinken darf. Der Kern: Verleger wollen zwar schon in (Google-)Suchergebnissen präsent sein, aber sie sind Google den Erfolg neidisch und würden gerne mitschneiden.
Ritchie Pettauer hat das Wesentliche dazu beschrieben, aber mir fallen da noch ein paar Ideen für neue Geschäftsmodelle auf dieser Basis ein:

  • Buchungsplattformen sollen Hotels und Restaurant bezahlen, um sie auf ihre Plattformen zu nehmen.
  • Ebay soll Anbieter bezahlen – ohne Produkte gäbs schliesslich keinen Traffic auf der Seite.
  • iTunes müsste ebenso zur Kasse gebeten werden wie Google selbst, denn ohne User hätten auch bezahlte Suchtreffer wenig Marktpotenzial.
  • Und Zeitungen müssten dann auch in ihre Taschen greifen: Einerseits, um Leser zu bezahlen, ohne die es keine Anzeigen gäbe, andererseits, um die Protagonisten ihrer Stories zu entschädigen, ohne die es eben keine Stories gäbe.

So weit hergeholt ist das gar nicht. Von Medien finanzierte Politiker würden vielleicht geringfügig mehr Spektakel machen – fraglich allerdings, ob man den Unterschied merken würde.
Und die Geschäftsmodelle erinnern mich an die Urzeiten der Contentsyndication. Als wir damals, als die Telekom Austria noch Jet2Web hiess und Telekomunternehmen die besseren Medienunternehmen sein wollten, redaktionelle Portale aufgebaut haben, wurden für Unmengen an Geld Inhalte gekauft. Nicht etwa, um Redaktionen damit zu finanzieren und spannende eigene Inhalte zu erstellen, sondern um längst veröffentlichte Agentur- und Zeitungsmeldungen zu kaufen. Das waren goldene Zeiten für Zeitungen: Sie haben einfach ihren Job gemacht und doppelt dafür kassiert. Und sobald User die Adresszeile ihres Browsers bedienen konnten, waren sie dann auch weg von den Telekom-Portalen.
Damals wurde im übrigen auch nicht verlinkt – denn es ging ja darum, User möglichst lang auf den eigenen Seiten zu halten.
Und heute?
Heute funktioniert das Modell eigentlich. Jeder macht sein eigenes Ding mit seinem eigenen Geschäftsmodell. User entscheiden, was sie nutzen möchten. Gewohnheit, Faulheit und Konzentrationstendenzen verzerren den Markt ein wenig.
Allerdings gibt es auch noch andere als die EU-Kommission, die diesen Zustand ankreiden. Jaron Lanier beschäftigt sich in seinen Büchern „You are not a Gadget“ und „Who owns the future?“ schon länger mit Ideen für Gegenentwürfe zu Gratis-Geschäftsmodellen. Sie spielen den Ball an die User zurück. Denn entscheidend ist letztlich, wer wofür zu zahlen bereit ist. Ein Punkt, den auch Joachim Hirsch in seinem Beitrag zum Elevate-Sammelband („Ein Handbuch für morgen“) macht: Gesellschaft und Wirtschaft werden „dadurch verändert, dass Menschen anders leben, anders arbeiten, andere Vorstellungen davon entwickeln, was ein gutes und würdiges Leben ist.“ – Und dabei hilft uns eine Linksteuer vielleicht sogar: Wer nicht verlinkt werden will, kann sich selbst aus dem Spiel nehmen. Dann bleibt mehr für Blogger und andere Publisher, die sich über Traffic freuen und ihn zu nützen wissen.

Der Schein trügt – Wieviel Korruption ist notwendig?

Eindimensionalität verdirbt die Phantasie – und die Ehrlichkeit. Colin Crouch stellte am Dienstag in der Diskussion mit Robert Misik sein aktuelles Buch „Die bezifferte Welt. Wie die Logik der Finanzmärkte das Wissen bedroht“ vor.
Die Kernthese lässt sich am besten anhand eines von Crouch schon vor einem Jahr beschriebenen Beispiels zusammenfassen: Was machen wir, wenn wir ein vernünftiges, also schadstoffarmes Auto kaufen wollen? Wir können keine eigenen Tests durchführen, also sind wir auf Prüfberichte und Herstellerangaben angewiesen. Uns steht das Wissen nicht originär zu Verfügung, wir müssen auf das Wissen anderer vertrauen.

Eindimensionale Ziele fördern Ignoranz

Wenn sich dann ein grosser Schwindel bei Abgaswerten (wie bei VW) herausstellt, wird gleich auf mehreren Ebenen deutlich, wie eindimensionale finanzielle Ziele Wissen bedrohen: Falsche Abgaswerte enthalten den Kunden Wissen vor und verzerren dadurch den Markt. Aus der internen Perspektive betrachtet muss jemand im Unternehmen gewusst haben, dass die Werte falsch sind und dass das Auffliegen des Schwindels dramatische finanzielle Kinsequenzen nach sich ziehen werde – auch hier wurde besseres Wissen und der kurzfristigen finanziellen Ziele willen ignoriert.
Eindimensionale Ziele sind leicht zu beobachten und zu messen, es ist leicht, Handlungen nach ihnen auszurichten. Am eindimensionalsten und auf den ersten Blick auch am eindeutigsten sind finanzielle Ziele. Crouch führt dazu Beispiele aus dem öffentlichen Dienst an: Seit hier messbare Ziele und Prämien Einzug gehalten haben, geht der Nonprofit-Gedanke verloren und anstelle der Problemlösung tritt Effizienz als oberstes Prinzip. Was manchmal schon schräge Blüten treibt: In England, auch eines von Crouchs Beispielen, vermuteten Gesundheitsbehörden eine zu niedrige Anzahl von Demenz-Diagnosen. Betroffene bekommen so keine rechtzeitige Therapie. Die Lösung war ein Kopfgeld für Ärzte: Jede Demenz-Diagnose wurde mit einer Geldprämie belohnt. Für das Vertrauen in den Arzt nicht gerade förderlich …

Crouch zeigt Entwicklungen und Probleme auf; Lösungen und Ratschläge verkneift er sich.

Geht es überhaupt ohne Korruption?

Jetzt ist gegen Effizienz grundsätzlich nichts einzuwenden. Ich denke auch, dass die Gut/Böse-Gegenüberstellung von profitgetriebener Privatwirtschaft und dem unabhängigen, der allgemeinen Entwicklung verschriebenen öffentlichen Bereich nicht in Crouchs Sinn ist.
Politiker brauchen nicht den Kontakt zu Unternehmen, um korrumpierbar zu sein – das schafft der Drang zum Machterhalt oft schon alleine. Und Regulierungsbehörden müssen nicht korrupt sein, um dumme, besserem Wissen widersprechende Regulierungen zu erlassen – sie sind schließlich selbst keine praktizierenden Experten, sondern nur Beobachter.
Crouch verwendet den Begriff „Korruption“ sehr häufig und meint damit den nicht mehr offenen, vorbehaltlosen Umgang mit Wissen. Das erinnert an Objektivitäts- und Faktentreue-Diskussion im Journalismus und wirft damit auch die Frage auf: Gibt es überhaupt so etwas wie Nicht-Korruption?

Finanzziele können sehr leicht korrumpieren. Das muss noch gar nichts mit Bestechlichkeit zu tun haben. Wer sich auf ein – finanzielles – Ziel ausrichtet, hat einen starken Anreiz andere, durchaus auch vernünftige Ziele außer Acht zu lassen. Das gilt für aufgrund ihrer Zielvereinbarungen gegeneinander arbeitende Abteilungen ein und desselben Unternehmens ebenso wie für Effizienzvorgaben in der Gesundheitsversorgung oder für Controller, die zu Leitern von Innovationsabteilungen bestellt werden.
Politische Ziele sind mehrdimensionaler, orientieren sich aber auch nicht gerade an Wissen. Sie orientieren sich an Werten und ziehen damit einen ganzen Rattenschwanz nach sich, der letztlich dann doch auch vereinfacht werden muss. Denken wir nur an Pensionsdebatten: Was heissen Generationenfairness und Rechtssicherheit heute (verdiente, sichere und steigende Pensionen), was in 20 Jahren (ein nicht finanzierbares Loch von 30 statt 8 Miliarden jährlich)?
Zudem scheint Korruption unvermeidbar. Jede Entscheidung schliesst etwas aus, das dann nicht mehr wichtig ist. (Kurzer Exkurs: Der erste mit dieser Idee war Spinoza, der damit schon auf die Beschränktheit von Schlauheit aufmerksam machte. Und zuletzt kam Lacan mit seiner Meinung einfache Feststellungen wie „Du bist John“ seien kein Zeugnis von Identität sondern von Gespaltenheit. Wenn das Ergebnis dieser Feststellung auf der Hand läge, bräuchte es sie nicht, aber wir machen uns die Welt eben, wie sie uns gefällt. – Ja, Pippi Langstrumpf war da klarer auf dem Punkt, wie Chefredakteure, die Kommentare ihrer Juniorredakteure twittern, heute sagen würden.)

Das versteckte Gespenst in dieser Diskussion ist der Finanzzahlen über alles stellende Neoliberalismus, den es es in der Praxis ebensowenig in seiner reinen Form gibt wie den perfekten Markt.

Wieviel Korruption ist notwendig?

Der (Geld)Schein trügt also. Aus einer anderen liberalen und faktenorientierten Sicht drängt sich die Frage auf: Wieviel Korruption ist genug? Oder wieviel ist ok? Gibt es gute und schlechte Korruption?
Gute Korruption klingt auf den ersten Blick etwas komisch. Auf den zweiten Blick ist das der Stoff, aus dem Helden gemacht sind. – „Narcos“ ist eine Netflix-Serie, die den Aufstieg und Fall des kolumbianischen Drogenbosses Pablo Escobar beschreibt. In einer Szene wünscht sich Horacio Carillo, sein behördlicher Gegenspieler, „unkorrumpierbare Männer“ für seine Einsatztruppe. Und man denkt sich: Echt jetzt? Escobar soll Attentate auf Präsidentschaftskandidaten organisiert haben, Kopfgelder auf Polizisten ausgesetzt haben und hatte mit einem Vermögen von ein paar Milliarden Dollar das ganze Land im Griff – dieser Situation soll sich jemand aus edlen unkorrumpierten Beweggründen entgegenstellen, und das nicht hinter Bodyguards am Schreibtisch, sondern auf der Strasse mit der Waffe in der Hand? Anscheinend. In einer kleinen Nebenszene zeigt sich dann aber: Die Unkorrumpierbaren sind zutiefst korrumpierte, gewaltbereite und von Hass bewegte Leute, die persönliche (und sehr eindimensionale) Ziele verfolgen und in erster Linie ermordete Familienangehörige rächen wollen.
Vielleicht nicht gerade „gut“ und moralisch astrein, aber auch nicht gerade verwerflich …

Ungleichheit ist schlecht für den Markt

Wenn Korruption schon praktisch unvermeidbar scheint, dann wäre es nett, ihr Ausmaß zu kennen. Dem stehen, um wieder zur Crouch-Diskussion zurückzukehren, im wesentlichen zwei Dinge im Weg: Das eine ist Komplexität in Form von angeblich komplexen Produkten. Finanzprodukte sind ja angeblich komplex. Meiner Meinung nach sind sie sehr einfach: Sie sind unvorhersehbar, und das Risiko, lieber Kunde, trägst du. Komplexität dient dazu, Unvorhersehbarkeiten oder Schwindel (wie bei den Abgaswerten) zu verschleiern. Und das verzerrt den Markt, weil die relevanten Informationen nicht auf dem Tisch liegen – Wissen wird ignoriert.
Das zweite Hindernis sieht Crouch in wachsender ökonomischer Ungleichheit. Diese kann aus in wenig Wettbewerb (sein Beispiel: Ratingagenturen), marktbeherrschenden Positionen oder ungleichen Ausgangspositionen bei der Durchsetzung von Interessen entstehen. Ungleichheit führt dann dazu, dass keine rationalen Entscheidungen getroffen werden können, weil es keine Alternativen gibt, weil nicht alle Informationen auf dem Tisch liegen und weil eben Wissen von der Finanzlogik bedroht wird.

Insofern bietet Crouch dann eben doch eine Lösungsperspektive für das Problem. Mit allgemeiner klareren und besser verteilten Machtverhältnissen kann dann auch Wissen wieder Macht werden.

An beiden Enden der Nahrungskette

  • Von der gängigen Ausschreibungspraxis profitieren Unternehmen, die ihr Geschäft mit Overhead machen. Auftraggeber und eigentliche Auftragnehmer – die Enden der Nahrungskette – zahlen drauf.

Ich habe mal wieder einen Blick in diverse öffentliche Ausschreibungsunterlagen geworfen. Schwerer Fehler. Dreissigseitige Formalkriterien, Strafregisterbescheinigungen, Sozialversicherungskontoauszüge und so weiter ok, aber was soll das eigentlich werden, wenn die ausschreibende Stelle der Agentur auch die Personalstruktur vorschreibt?
Im konkreten Fall geht es um ein Jahresbudget von 250.000 Euro, für das vier Personen Schlüsselpersonal gefordert werden, die natürlich während der Laufzeit nicht ohne Zustimmung des Auftraggebers ausgetauscht werden dürfen und deren Verfügbarkeit auch an Wochenende und Feiertagen gefordert wird. Funktionsüberschneidungen sind ausgeschlossen, nur der Geschäftsführer darf zusätzlich auch produktiv arbeiten. Die Funktionen sind allerdings alle auf administrativer Ebene, es braucht also zusätzlich noch Personal, um den Job auch zu erledigen.
Abgesehen vom Mengengerüst frage ich mich auch, mit welcher Expertise ein Auftraggeber die Personalstruktur des Auftragnehmers vorschreiben möchte – aber vor allem: Warum möchte ein Auftraggeber von einem Lieferanten mit zwangsverordnetem Overhead beglückt werden?

Wir predigen jetzt schon lang andere und agile Arbeits- und Organisationsformen, fordern günstige Produktionen und betreiben Expertenkulte. Was Kreativität betrifft, wird gern kopiert (und dann um Orginialität gestritten), man unterstellt lang langfristigen Partnern, sich abgenutzt zu haben, und fordert frische Ideen.

Und dann zementieren branchenfremde Anforderungen das business as usual auf scheinbar ewig ein. Das ist in seinen Auswirkungen noch krasser als Gewerbeordnungen und andere Formalbestimmungen. Und es ist ein Aspekt mehr, der es Unternehmern nicht wirklich möglich macht, selbstbestimmt und souverän statt prekär zu handeln.
Wer hier in solchen Fällen mitarbeiten will, ohne sich drei Overhead-Stufen einzuhandeln, muss sich dann also bei der dank ihres Overheads gewinnenden Agentur hinten anstellen.
Damit habe ich zwei Probleme:

  • Es bleibt verdammt viel Geld auf der Strecke liegen.
  • Es ist ein teuer bezahltes Stille-Post-System, das Missverständnisse fordert.
  • Es stützt das falsche System, indem es den Anschein erweckt, als wäre Overhead kreationsförderlich oder notwendig, um kreative Leistung zu kaufen.

Wer draufzahlt, sind dabei beide Enden der Nahrungskette: Der Auftraggeber und der eigentliche Auftragnehmer.

Das Märchen vom Tax Freedom Day

Es gibt ja dieses Märchen vom Tax Freedom-Day. Irgendwann im Herbst, so will es die Geschichte, hat man genug verdient, um seine Steuern zu bezahlen, und arbeitet dann fröhlich in die eigene Tasche.
Praktisch gesehen ist das halt leider andersrum: Zu Beginn des Jahres fließen ein paar Einnahmen, man legt guten Mutes den Steuer- und Versicherungsanteil zur Seite, bestaunt die gigantischen Beträge, die sich dabei ansammeln und nimmt das halt mit ein bisschen Wehmut zur Kenntnis.
Dann, in guten Jahren, ist irgendwann der Zeitpunkt erreicht, an dem zumindest die Sozialversicherung befriedigt ist. Auf dem Sparkonto liegt der Fehlbetrag auf die rund 18.000 Euro Höchstversicherung und eigentlich ist jede Einnahme jetzt 25% mehr wert.
Das ist meistens im Herbst, eben so rund um den Tax Freedom-Day. Aber dann beginnt das Drama erst richtig. Jetzt ist zwar keine Sozialversicherung mehr fällig, dafür schlägt der Steuertarif mit seinen 50% jetzt unbarmherzig zu. Und der fröhliche Unternehmer, der jetzt eigentlich strahlend in die eigene Tasche arbeiten sollte, sieht zu, wie die diversen Steuerrechner immer absurdere immer höhere Beträge ausspucken. 50% wirken sich wirklich dramatisch aus.
Eigentlich sollte man zu diesem Zeitpunkt die Arbeit einstellen und einfach nichts mehr tun. Es ist schlicht hirnrissig, für die 10.000 €, die man bis Jahresende noch bräuchte, über 20.000 € verdienen zu müssen – und damit dann noch höhere Steuer- und Versicherungsvorauszahlungen für die nächsten Jahre in Kauf zu nehmen.
Während Experten streiten, ob Österreich jetzt eine Gesamtsteuerquote von 45 oder 43% hat, prohezeit mir die hübsche Rechner-App von SVA und Finanzministerium jedenfalls für heuer eine Abgabenquote von 47% – allein mit Einkommensteuer und Sozialversicherung.
Was ist das Problem dabei? – Schließlich habe ich die Kohle ja verdient und kann das also auch bezahlen.
Das Problem ist, dass ich eigentlich nur gern von meiner selbstbestimmten Arbeit leben möchte, und kein Superchecker-Unternehmer sein möchte, der kunstvolle Abschreibungs- und Investitionsgelegenheiten sucht. Ich fände es auch nicht schlecht, mich um Dinge wie Altersvorsorge kümmern zu können – und das mit weniger hochriskanten Spekulationen als Einzahlungen ins staatliche Pensionssystem. Und ich finde es schräg, dass sich die Umsatzplanung für das nächste Jahr weniger an meinen eigenen Bedürfnissen orientiert, als daran, wann welche Vorauszahlungen zu leisten sind, die sich an längst vergangenen Einnahmen orientieren. Und das nimmt dann auch die Luft für Innovation und Neuorientierung. Erst ist keine Zeit für was anderes, weil du in bezahlten Projekten steckst. Und wenn die vorbei sind, ist keine Zeit, weil du dich dringend um die nächsten kümmern musst, weil du keine Zeit für Akquise hattest.
Und was wären sinnvollere Alternativen? Ein paar fallen mir schon ein. Flexiblere Vorauszahlungen sind ein Ding. Die könnten auch per Selbstbemessung funktionieren – bei Kammerumlagen und ähnlichem traut man uns das ja auch zu.  Investitionen sind ein anderes Ding: Was soll ich mit 33 Jahren Abschreibung auf Immobilien (dann bin ich 75…), wenn ich keinen generationenübergreifenden Familienbetrieb aufbaue? Und warum gelten Investitionsfreibeträge nur für Neugüter und nicht für Gebrauchtes? (Was, um beim Beispiel zu bleiben, bei Büros und Lokalen in Wien, die ja auch eine Anlage sein könnten, besonders sinnvoll ist…) Und wenn wir ganz spekulativ werden: Wie siehts mit Gewinn-Vortragsmöglichkeiten aus? Schön, dass es Kalenderjahre gibt, aber meine Lebensplanung richtet sich nicht unbedingt danach – und vom Erfolg im laufenden Jahr hätte ich auch gern im nächsten Jahr noch etwas (wenn sich eien Durststrecke abzeichnet oder wenn ich die Zeit für etwas neues nutzen möchte) – außer höheren Vorauszahlungen.
Und deshalb wärs ja schön, wenn es so etwas wie einen Tax Freedom Day, ab dem man selbstbestimmt wirtschaften kann, gäbe. Aber die Praxis ist halt, wie gesagt, leider andersrum.

Wertschöpfung vom Mittelpunkt des Universums

Ich finde diese Studie der Wien Holding sehr inspirierend. Wertschöpfungsrechnung anstelle von Bilanzen oder Steuerleistung – da mache ich mir auch gleich Gedanken über die Wertschöpfung meiner Unternehmen. Schliesslich ist ja wohl nicht zuletzt Apple deshalb so ein hippes Unternehmen, weil ich durch die Nutzung meines Macbooks und iPhones immens zur Wertsteigerung in Cupertino beitrage. Und in China.
Die Wien Holding rechnet vor, was sie ausgibt und investiert, was ihre Lieferanten ausgeben und was das wieder an Folgeausgaben nach sich zieht. Interessanter Ansatz, zu dem man wahrscheinlich auch Galileo befragen müsste; der hat sich ja auch einige Gedanken über den Mittelpunkt des Universums gemacht.
Ich gebe knapp die Hälfte meines Umsatzes für Partner und Lieferanten aus, die Hälfte vom verbleibenden Gewinn dann noch mal für Steuern und Abgaben. Aber das allein als Beitrag zur Wirtschaftsleistung zu rechnen, wäre natürlich viel zu kurz gegriffen:
  • Ich sichere Arbeitsplätze bei meinen Kunden – was würden die Projektverantwortlichen dort denn sonst machen, als sich mit mir zu beschäftigen?
  • Durch die Nutzung des Internet leiste ich einen wesentlichen Beitrag zu digitaler Forschung, Innovation und Produktentwicklung – ohne mich würden die das alles nicht machen.
  • Es wäre auch viel zu kurz gegriffen, nur direkt bezahlte Lieferanten einzurechnen – wenn wir auf Papier produzieren, vergesst die Papierindustrie und Forstwirtschaft nicht, und natürlich die Post als Zusteller und die MA48 als Entsorger. – Wien Holding, heisst das, ich erhalte euch?
  • Ganz wesentlich sind dann noch die Kaffee- und manchmal leider auch Zigarettenressourcen, die während einer intensiven Produktionsphase verbraucht werden. Damit dehnt sich mein wirtschaftliches Netzwerk bis nach Kolumbien, Brasilien, Sumatra und Texas aus. Ich muss mal nach Kickbacks fragen.
  • Die gesamte Publishing- und Content Management-Software-Industrie wäre ohne meine Investitionen natürlich auch nicht lebensfähig.
Die Liste ließe sich fortsetzen. Das einzige was mich bei diesem Sprint zur Weltherrschaft ein bisschen stutzig macht: Könnte das nicht jeder von sich behaupten? Aber das gilt für die Ergebnisse der „Studie“ der Wien Holding auch.