Endlich 12-Stunden-Tag … !

Yay, endlich Zwölf-Stunden-Tag. Nur wem genau bringt das eigentlich etwas? Die ursprüngliche Version dieses Plans, die die letzten Jahre vor allem ausgehend von den Neos diskutiert wurde, klang so, als sollte es nur legalisiert werden, mehr als zehn geleistete Stunden pro Tag auch in einer Zeiterfassung einzutragen. Bislang war das nicht möglich, kam aber immer wieder vor, zwang zu Tricksereien und lieferte Arbeitnehmer den Arbeitgebern aus – denn es durfte keine schriftlichen verbindlichen Aufzeichnungen über die echte Leistung geben.
Jetzt ist daraus offenbar tatsächlich eine 60-Stunden-Woche geworden, die nur noch von einer Obergrenze von 48 Wochenstunden in einem Durchrechnungszeitraum von 17 Wochen gebremst wird. Für jeden, der bei der Arbeitseinteilung mitreden kann oder der sich seine Zeit selbst einteilen kann, entfallen Arbeitszeitregelungen generell – früher war das nur bei Führungskräften der Fall.
Jobs entstehen dadurch mal nicht. Effizienteres Arbeiten bedeutet das wohl auch nicht: In deadlinekritischen Jobs kann es schon mal Sinn machen, ein paar Tage lang 12 Stunden oder mehr zu arbeiten – besser wird man davon nicht. Und in den meisten anderen Jobs fällt es mir schwer, die Notwendigkeit zu sehen, warum eine Person 12 Stunden arbeiten muss und die Arbeit nicht auf mehrere Personen aufgeteilt werden kann (Ausnahmen: Es ist nur selten so viel zu tun und das ist tatsächlich nicht anders planbar – oder es kommt durch irgendwelche Verzögerungen viel zusammen, das schnell erledigt werden muss).
Eigentlich profitieren ja auch Unternehmer davon nur marginal – es sei denn, sie legen es künftig darauf an, diese Möglichkeiten auch bis zum letzten auszunützen.
Trotzdem soll es Menschen geben, die das gut finden. – Weil sie selbst so viel arbeiten, weil sie das als Leistung empfinden oder weil sie es tun müssen, um ihre Ziele erreichen zu können.
Ich habe selbst sicher keinen Work-Life-Balance-Fetisch und wundere mich auch immer wieder über Menschen, die posen statt zu leisten, die Arbeitsdarsteller sind und deren zentrale Leistung darin besteht, sich über die Angemessenheit ihres Gehalts zu bewundern.
Was ich ziemlich sicher weiß: Viele solche Mehrleister überschätzen sich grandios selbst, wenn es um ihre eigenen Arbeitszeiten geht. Wer überzeugte 60 Stunden pro Woche arbeitet, macht mit 97-prozentiger Wahrscheinlichkeit gerade mal 45. Und wer sich für einen 80-Stunden-Schufter hält, macht höchstwahrscheinlich nur 50.
Das ist nämlich auch schon ziemlich viel. Und wer die Zeitungslektüre am Wochenende oder das abendliche Abhängen auf Social Media als Arbeitszeit betrachtet, hat dann doch ein etwas anderes Arbeitsverständnis als diejenigen, die großteils von den neuen Arbeitszeitregelungen betroffen sind.
Und noch während ich das tippe, haut die Wirtschaftskammer, die ja schon in der Vergangenheit nicht mit Absurditäten gegeizt hat, dieses völlig jenseitige Video raus. Es ist zum Schämen. Und es nimmt 99% dessen, was man als Satire zum 12-Stunden-Tag produzieren könnte, mühelos vorweg,

Was wollt ihr von mir? Das unternehmerische Identitätsproblem

Der Klassenfeind feiert seine Wiedergeburt.
Ich habe ein Identitätsproblem. Ich erkenne mich schon noch im Spiegel, ich weiß meinen Namen und fühle mich heute früh auch noch als der, der gestern Abend eingeschlafen ist.
Aber wenn ich darüber nachdenke, was ich geschäftlich mache, bin ich verwirrt. Und das liegt nur zum Teil an systemimmanenter, also eigener, Planlosigkeit. Dieses Gefühl entsteht meistens dann, wenn ich zu verstehen suche, mit welchen Bildern im Kopf verschiedenste politische Farben versuchen, Unternehmer zu umgarnen.

Auf Entdeckerreise: Unbekannte Unternehmertypologien

  1. Da gibt es die, die Ein-Personen-Unternehmen super finden. In der Sicht der einen werden EPUs dabei zu armen ausgebeuteten Hascherln, verirrten Seelen, die – seien es jetzt Tagelöhner oder Ziegelarbeiter – staatliche Fürsorge brauchen. In der Sicht der anderen sind es heldenhafte SelbstausbeuterInnen, sie unter dem verhandelten Mindestlohn von 1500 € dahinvegetieren und auch gar nicht mehr möchten. Für wieder andere sind es Menschen, deren herausforderndstes Problem in der Entscheidung besteht, ob man heute mehr als eine Unterhose anziehen soll und ob man am Küchentisch, auf der Couch oder vielleicht doch mal im Kaffeehaus arbeitet.
    Verbreitungsgebiet: Grün, SPÖ
  2. Dann gibt es die (und die handelnden Personen sind dabei oft die gleichen wie jene in Punkt 1), die Unternehmer nur super finden, wenn sie Jobs schaffen. Produkt, Inhalt und Sinn sind ganz egal – der oder die UnternehmerIn zählt nur dann, wenn er oder sie klassische Jobs nach dem Angestelltengesetz schafft. Und sich dabei so viel Organisationskram aufhalst, dass jede genuin unternehmerische Tätigkeit garantiert unter die Räder kommt. Aber das macht nichts. Denn so wie der Lebensinhalt von Frauen darin besteht, Mutter zu sein, möchten auch Unternehmerinnen um jeden Preis von MitarbeiterInnen wegen der nächsten Gehaltserhöhung angeraunzt werden. Sonst sind wir’s nicht.
    Verbreitungsgebiet: SPÖ, Neos, ÖVP
  3. Dann gibt es die Freunde der Schattenboxer und Scheinhürdenkämpfer. Sie finden überall unglaubliche Herausforderungen, deren Existenz alleine denjenigen, der sich ihrer bewusst ist, zur Heldenfigur wachsen lassen. Da ist es noch gar nicht notwendig, sich diesen Herausforderungen zu stellen. Geschweige denn, sie zu bewältigen. Oder auch nur von ihnen betroffen sein. Da werden Einzelunternehmer oder Personengesellschaften in freien Gewerben zu siegreichen Finishern im Triathlon durch einen unüberwindbaren Bürokratiedschungel. Nicht selten dabei am meisten von jenen bewundert, die große Teile dieses Dschungels zu verantworten haben.
    Verbreitungsgebiet: ÖVP, Wirtschaftskammer, FPÖ
  4. Eine besonders kunstvolle Konstruktion ist das rechte Unternehmerbild. Unternehmer sind zugleich Teil der Ordentlichen und Anständigen, die dafür sorgen, dass in diesem Land etwas weitergeht, zugleich aber auch der Klassenfeind, der gerechten Mindestlöhnen für die Anständigen und Ordentlichen im Weg steht.
    Außerdem ist der oder die UnternehmerIn Teil einer Elite und eines Establishments, dem so ganz prinzipiell einmal eine Lektion erteilt werden muss.
    Verbreitungsgebiet: FPÖ
  5. Schließlich gibt es noch die Blumenwiesen-Unternehmer. Sie erzählen jedem von Ihrem Unternehmen (meist mit hübschem Foto, kurzer Headline und dem Hinweis „more to come“ oder „hier erfahren Sie in Kürze …“), finden nach jedem gemeinsamen Kaffee im Kaffeesud einen Hinweis mehr auf ihre großartige Zukunft („wegen genau solcher Projekte habe ich mich selbstständig gemacht“) und sind eine spezielle Untergattung jener Spezies, die „Wie werde ich mit dem Internet reich?“-Ratgeber veröffentlicht (statt „mit dem Internet“ kann man hier saisonal abwechselnd auch „mit besserem Verkauf“, „mit positiver Lebenseinstellung“, „mit Contentprodukten“ oder ähnliches einsetzen). Sie reden so viel über ihren Erfolg, dass ich mich frage, wann sie Zeit haben, erfolgreich zu sein.
    Verbreitungsgebiet: JunggründerInnen, „Start-Up“-Szene (Deppenanführungszeichen intended)

Vom Gründer-Hype zum Trauerspiel

Das sind nur ein paar Streiflichter.
Journalisten, die großteils den Eindruck erwecken, wirtschaftliche, finanzielle und steuerrechtliche Analphabeten zu sein, setzen mit einer akuten Welle an Mitleidsreportagen noch eine Krone (hübsch wie ein seit zwei Wochen im Regen stehender überquellender Aschenbecher) auf diesen welken Blumenstrauß. „Datum“ packt den dümmsten aller Titel („Selbst & Ständig“) aus und langweilt mit traurigen Geschichten, Brand eins schlägt in eine ähnliche Kerbe, und der Standard veröffentlicht eine „Reportage“ über verschuldete Unternehmer, die mehr Fragen offenlässt als sie stellt (Ist die Drittelmillion jetzt die 10%-Quote oder der gesamte Betrag? Warum sollte es nicht möglich sein, über Jahrzehnte eine Drittelmillion Schulden abzuzahlen?).

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Man macht sich also Gedanken darüber, was es heißt, UnternehmerIn zu sein – und erkennt anscheinend sehr wohl Anzeichen dafür, dass auch das UnternehmerInnen-Dasein, ganz so wie das Angestellten-Dasein, nicht mehr so ganz in geregelten Bahnen verläuft. So wie es nicht mehr direkt vom Vorstellungsgespräch geradeaus zu Dienstjubiläum und Frühpension geht, geht es heute auch nicht mehr ganz so geradlinig von der Gründung zur ersten Million (oder zum ersten Konkurs) – es gibt ein paar neue Nuancen und Abstufungen.

Liegt die Zukunft wirklich hinten?

Was macht man also als Unternehmer, den weder Selbstverwirklichung noch Größenwahn antreiben, der potenziellen MitarbeiterInnen gegenüber keine Muttergefühle entwickelt, der lieber Dinge macht als davon zu erzählen und der trotzdem der Meinung ist, dass es auch wirtschaftlich Sinn macht, weiterzumachen wie bisher?
Naja, man macht einfach. Und zahlt die Rechnungen seiner Partner, Lieferanten und Freelancer pünktlich. Und denkt sich manchmal, dass es trotzdem schöner wäre, wenn (vor allem auch öffentliche) Auftraggeber nicht so scharf darauf wären, Overheadkosten in Form von Organisations- und Personalkosten zu zahlen. Bankdirektoren und Industrie-CEOs, die sich eine Armada von Assistenzen für Diktate, Kontaktverwaltung und ähnliche anders bewältigbare Tasks halten, würde schließlich auch niemand für besonders innovativ und leistungsfähig halten.

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Wenn der Staat EPUs so super findet, warum arbeitet der Staat dann nicht mit EPUs?

Es ist nur eine Facette der beliebten unternehmerischen Schizophrenie: Öffentliche Ausschreibungen ergehen sich in Formvorlagen und Auflagen, die Einpersonenunternehmen praktisch ausschließen. Und dann kommt der Kanzler und sagt, EPUs wären cool. 
Die Frage stellt sich jedes Jahr. Pünktlich gegen Mitte Jänner, wenn mal klar ist, dass dieses Jahr jetzt tatsächlich begonnen hat, wenn ich mir einen Überblick über zu erwartende Steuer- und Versicherungsnachzahlungen verschafft habe und wenn eben auch so richtig klar wird, dass auch dieses Jahr wieder viele neue Kunden und Projekte braucht.
Die Liquiditätsplanung für die nächsten zwölf Monate zeigt ein großes Loch. Die Ausgaben für das kommende Jahr stehen fest, die Einnahmen entwickeln sich wie immer erst im Lauf der Zeit.

Last Exit Vergabeplattform?

Heuer war das Loch vielleicht ein bisschen größer als sonst. Ich war fast zwei Monate lang unterwegs, hab erst mal das Büro für zwei Wochen nach Buenos Aires verlegt, war dann ein paar Wochen weiter in Südamerika unterwegs und nach ein paar Tagen Zwischenstopp in Wien noch mal knapp drei Wochen in Uganda. Remote arbeiten klappt gut – wenn klar ist, was zu tun ist. Neue Projekte dagegen planen sich via Skype und Mail nicht ganz so gut. Deshalb war dann auch mal Ebbe in der Firma.
Nicht bedrohlich, aber bedrohlich genug, um mal andere Wege zu gehen. Nach ein paar Tagen Recherche in diversen Vergabeportalen habe ich mich entschlossen, in einen Auftrag.at-Account zu investieren. Auf dieser Plattform der Wiener Zeitung finden sich praktisch alle öffentlichen Ausschreibungen.
Dass die Ausschreibungsunterlagen zwanzig bis vierzig Seiten mit Formalitäten füllen, bevor sie zur Sache kommen, war mir schon klar, dass der Aufwand eher selten Früchte tragen wird, ebenso. Die Nutzbarkeit der Plattformen und die Verständlichkeit der Ausschreibungsunterlagen lasse ich hier auch mal außen vor.
Es hat mich auch gar nicht so sehr verwundert, dass in aller Regel die Nachweise der „technischen und wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit“ großteils absurde Overhead-Kosten verlangen: Für Projekte, die gerade mal eineinhalb Leute beschäftigen würden, werden fünf Mitarbeiter verlangt (die dann aber auch gar nicht im Projekt mitarbeiten müssen), für Kreativ-Projekte, die erst mal mit einem Analyse- und Beratungsteil beginnen sollten, werden Kostenpläne für die komplette Umsetzung über zwei Jahre hinweg verlangt (oder gleich vorgegeben) und für die Vergabe von 100.000 € Budgets werden Referenzen über Millionenprojekte verlangt. Soll sein. Und der Ordnung halber: Man kann ja oft auch in Bietergemeinschaften bieten, wenn die eigene Personaldecke und die Umsätze mal nicht ausreichen.

… und dann entdeckt die Politik die Kleinen für sich

Dann aber kann der Kanzler. Auf markige Sprüche zu EPUs („sind die neuen Ziegelarbeiter“) folgten der KMU-Gipfel (im übrigen mit einem dezenten Widerspruch zur EPU Hymne: „Jeder, der Beschäftigung schafft, ist Bündnispartner der SPÖ“) und ein Bad in der Crowd der Austrian Startups, bei dem Kern auf einem goldenen Einhorn-Füllhorn zu reiten schien („nächstes Jahr im Praterstadion“).
Kleine Strukturen, entstehende Unternehmen, die sich unter neuen, sich laufend ändernden Rahmenbedingungen entwickeln, Einzelunternehmer, die das Heft selbst in die Hand nehmen – das wär also was für den Kanzler, wenn man die neue EPU-Freundschaft für bare Münze nimmt.
Allerdings: Ich habe jetzt keine detailgenauen statistischen Auswertungen gemacht (was im übrigen wiederum an der mangelnden Qualität und der oft verhaltensauffälligkreativen Komplexität der Ausschreibungsunterlagen liegt). Aber ich bin mir ziemlich sicher, dass sich keine der aktuellen staatlichen Ausschreibungen an Einzelunternehmer wendet. Dass kaum eine Ausschreibung den oder die UnternehmerIn UnternehmerIn sein lässt, sondern Personalausstattung und Formvorgaben für Bietergemeinschaften vorschreibt.  Und dass zugleich oft ein fachlicher (nicht kreativer) Spezialisierungsgrad verlangt wird, der einerseits die Auswahl an in Frage kommenden Unternehmen massiv einschränkt, andererseits die einmal ausgewählten Unternehmen in die Abhängigkeit ihrer großen öffentlichen Kunden treibt.
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Ich schau mir das einfach mal weiter an. Und währenddessen frage ich mich: Wenn der Staat, vertreten durch den Kanzler, Ein-Personen-Unternehmen so krass super findet – warum arbeitet der Staat dann nicht mit ihnen?
Bei Teilzeit, Home-Office oder Geschlechtergerechtigkeit behauptet der Staat ja auch gern, Role Model zu sein.

Unternehmer können selbst entscheiden, was sie anbieten

Ich hätte da eine Idee für neue Herausforderungen.
Für solche, die auch Ausschreibungen für jene Formen des Wirtschaftens öffnen, die im 21. Jahrhundert funktionieren. Dazu gehört es, Neztwerke erntzunehmen (auch wenn sie nicht institutionalisiert sind und keine Mitgliedsbeiträge verlangen), Generalunternehmer ihren Job machen zu lassen (was am Bau oder in der Finanzwirtschaft funktioniert, funktioniert auch in anderen Branchen – auch wenn das vielleicht genau die Beispiele sind, die Kontrollfreaks Gänsehaut verursacht) und die unternehmerische Verantwortung, die gefordert wird, auch zuzulassen (auch wenn es dabei nicht nur um Verantwortung gegenüber Mitarbeitern, sondern um Verantwortung gegenüber der Leistung geht).
So kann Wachstum entstehen. Wenn man es schon unbedingt darauf anlegen möchte. Und so wäre es möglich, auch den armen Ziegelarbeiter-EPUs zu helfen – ohne sie in die klassischen Formen zwischen Sozialversicherung, Gewerbeordnung und Rechtsformen zu pressen, die viele Pflichten, aber wenig Möglichkeiten mit sich bringen.
Aber eine milde Form von Schizophrenie ist man als Kleinunternehmer ja mittlerweile durchaus gewohnt.
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Du bist nicht awesome. Aber das macht nichts.

Irgendwo glaube ich ja schon noch, dass man mit 16 oder 17 Sozialist oder Anarchist gewesen sein muss – sonst ist man kein guter Mensch. Mit dem Sozialismus tue ich mir immer schwerer. Für eine gute Show sind schlicht die Feindbilder abhanden gekommen. In unseren Breitengraden gibt es kaum noch wirtschaftlich Unterdrückte und Ausgebeutete. Man kann wirtschaftliche Unterdrückung jetzt natürlich sehr breit fassen, ich bin dafür zu haben. Die Form der wirtschaftlichen Unterdrückung, die allerdings die meisten Menschen betrifft, ist die ganz und gar unkapitalistische Zinsflaute. Und was Ausbeutung betrifft: Die ebenfalls größte und flachendeckendste Form der Ausbeutung ist heute der private Konsum – sich selbst und den MitarbeiterInnen der Produzenten gegenüber. Und der ist zwar flächendeckend, aber freiweillig.
Also fehlen dem Sozialismus sowohl die Feinde als auch die Opfer. Dann machen wir eben unsere Feinde zu Opfern, muss sich die SPÖ gedacht haben und ließ ihren Kanzler verlauten: „Die Einpersonenunternehmen sind die neuen Ziegelarbeiter.“
Äh?
Ziegelarbeiter waren die ausgebeuteten Lohnsklaven Wiens, die unter ziemlich miserablen Bedingungen schufteten, bis sich die spätere Sozialdemokraten-Ikone Viktor Adler ihrer annahm und Bewusstsein für bessere Bedingungen schaffte. Eine Sternstunde der Sozialdemokratie, die sich um Arme und Schwache kümmert.
Selbstständige haben auch einen Haufen um die Ohren, als Einpersonenunternehmen müssen sie sich allein darum kümmern. Aber sind sie in einer Situation, in der sie einen sozialen Messias brauchen, weil sie sich selbst hier sonst nicht herausmanövrieren können?

Unternehmer wie Waisenkinder

Eigentlich hätte ich persönlich ja gute Voraussetzungen dafür. Ich war anfangs selbstständig, später lange angestellt und nach einem schiefgegangenen Jobwechsel plötzlich zum falschen Zeitpunkt arbeitslos und pleite.
Die Optionen waren: Sechs Monate Kündigungsfrist absitzen, währenddessen nichts tun können und dann darauf hoffen, dass sich wieder etwas finden wird, oder die Zeit zu verkürzen und gleich etwas Neues anfangen. Ich habe mich für den zweiten Weg entschieden, viel Glück gehabt, viel gearbeitet und bin noch immer für meine Begriffe weit davon entfernt, eine solide Basis zu haben, auf der das Geschäft wie von selbst läuft.
Aber ich bin auch nicht das letzte Glied der Nahrungskette: Ich zahle weit mehr als die Hälfte meines Umsatzes als Honorare für Partner und Dienstleister. Ich mache keine Gratis-Präsentationen und ich entscheide über den Preis. Ich warte auch nicht zitternd auf Sozialversicherungsvorschreibungen, sondern ich rechne aus, was zu zahlen ist und zahle das. Natürlich gibt es auch bürokratische Hürden, vor allem wenn das Geschäft etwas komplexer (zum Beispiel grenzüberschreitend) wird – das abwickeln zu können sehe ich als Teil eines unternehmerischen Angebots.
Und ich bin vieles, aber ganz sicher auch nicht awesome oder was man sonst sein muss, und auf einer schon ziemlich debilen Start Up-Welle mitschwimmen zu können. Im Gegenteil, ich bekomme allergische Ausschläge aller Arten, wenn ich egal wo auf der Welt die gleichförmige Awesomeness-, Peace-, Keep Calm- oder sonstwas Kacke sehe oder höre.
Aber bin ich deshalb – und weil ich wahrscheinlich nicht in die Tech-Start Up-Förder-Phantasien der Regierung passe, ein abhängiger Arbeiter, der sich nicht selbst helfen kann? Und warum ist eine Regierung so glücklich darüber, vermeintlich neue abhängige Opfer entdeckt zu haben, um die man sich ähnlich sorgen kann wie um rumänische Waisenkinder?

Verarbeiterung

Wenn Einpersonenunternehmen etwas Neues sind, dann sind sie eher:
  • Der Ersatz des lebenslänglichen Jobs: du kannst pleite gehen, wirtschaftlichen Mist bauen, Kunden verärgern, die verrechnen, Ärger mit Steuer und Sozialversicherung haben – so wie jedes Unternehmen jeder beliebigen Größe. Aber du kannst sich nicht selbst rauswerfen.
  • Die fairsten Arbeitgeber: Selbstausbeutungsgeschichten erzählt man oft und gerne. Angestellte im mittleren Management mit 100.000 €-Gehältern tun das aber genauso oft und gerne – im Gegensatz dazu können wir aber Bezahlung und Wertschätzung mit uns selbst verhandeln. Das hat natürlich Vor- und Nachteile.
  • Leistungsfähige Netzwerke: Wer allein arbeitet, muss vieles können – und auch wissen, was er oder sie nicht kann und wo man die fehlende Leistung herbekommt. Daher sind auch Kooperationsskills überlebenswichtig (das ist etwas anderes als so gern verlangte Teamfähigkeit …)
  • Vielseitig: Wer mittelgroße Projekte abwickelt, muss von vielen Dingen etwas verstehen.
Genau in diesen Punkten ist die politische Bereitschaft, brauchbare Rahmenbedingungen zu schaffen, aber äußerst dünn:
  • Vielseitigkeit soll sich bitte schön innerhalb des Rahmens der Gewerbeordnung bewegen. Und wer mehrere Gewerberberechtigungen braucht, kann sie sich ohnehin leicht organisieren – und doppelt zahlen.
  • Der bürokratischen Overhead sparende Netzwerkgedanke wird gerade bei öffentlichen Ausschreibungen am allerwenigsten verstanden. Wenn bei eher simplen Projekten nicht nur Mindestens-Jahresumsätze und Mindestens-Mitarbeiterzahlen, sondern auch Stundensätze von Assistenzen verlangt werden, ist das fast schon liebenswert anachronistisch. Ich weiß nicht, welchen Umsatz Smartphone und Internet verrechnen – und ich sollte das wahrscheinlich auch nicht zu laut sagen. Sonst wird daraus wieder ein Argument für die Maschinensteuer (Exkurs: Ich bin sowieso der Meinung, dass Hauptschulabsolventen, die dank brauchbarer Technologie jetzt auch Jobs ausfüllen können, für die sie sonst nie qualifiziert wären, den Löwenanteil einer allfälligen Maschinensteuer tragen sollten.)
  • Und was die Fairness betrifft, da sitzt der mittelgroße Einzelunternehmer ja immer in der selbstgestrickten Falle: Was will ich verdienen – und wieviel Steuern will ich zahlen? Klar kann man mit allerhand Ausgaben den Gewinn nach unten optimieren – das Geld ist trotzdem weg. Und der Versuch endlich in den Gewinnbereich zu kommen, in dem sich Geld wirklich auszahlen würde, wird gleich von mehreren Seiten torpediert: Die Grenzbeträge der Steuertarife bleiben gleich (den hässlichen Begriff der Kalten Progression kennt jeder). Die Grenzbeträge für die Sozialversicherung dagegen steigen jedes Jahr; die Ziellinie für den Wettlauf mit der Höchstbeitragsgrundlage wird jedes Jahr ein kräftiges Stück weiter in die Ferne gerückt. Nachdem aber die Steuertarife gleich bleiben, wird damit in Wahrheit jeder mehr verdiente Euro doppelt belastet: entweder ist er sozialversicherungs- und steuerpflichtig, oder er ist zwar nicht mehr sozialversicherungspflichtig, wird dafür aber unverhältnismäßig besteuert.
  • Und was für Einzelunternehmer (und andere Formen der Personenunternehmen) gänzlich fehlt, ist eine Möglichkeit, sinnvoll zu investieren oder Rücklagen zu bilden: Investitionsfreibeträge müssen in Wohnbauanleihen gesteckt werden – dort ist das Geld zehn Jahre lang gebunden. Nach vier Jahren kann es – bei Verzicht auf die Renditeerwartungen – vorzeitig abgezogen werden; für Investitionen steht es trotzdem nicht zur Verfügung. Realinvestitionen sind auf Neuanschaffungen beschränkt (vor allem bei Immobilien, vor allem in Wien sinnlos) und orientieren sich an einer Welt, in der Werkzeuge und große Büros wichtig waren. Immaterielle Investitionen, Forschung und Entwicklung oder Zeit für Kreativität (die man sich zum Beispiel mit einem Übermaß an Arbeit erkaufen kann) sind in diesen Modellen nicht vorgesehen.
Aus diesen Gründen habe ich mit dem (neuen?) sozialdemokratischen Wirtschaftsverständnis zwei oder drei Probleme:
Kleine Unternehmen werden als Arbeiter behandelt, nicht als an Selbstständigkeit, Gewinn und sicherem Wachstum orientierte Organisationen. Das ist ein von der Politik geschaffenes Problem.
Die Mär vom ausgebeuteten arbeiterähnlichen Kleinunternehmer lässt vergessen, dass auch der Kleinunternehmer wirtschaftliches und finanzielles Know How braucht. Und das führt dann eben wieder dazu, dass viele Kleinunternehmer – mangels dieses Know Hows – traurige Existenzen nach dem Geschmack der Sozialdemokratie werden.
Wenn das dann dazu führt, dass die Abschaffung von Selbstbehalten bei Arzt als wirtschafts- und sozialpolitische Visionen verkauft werden, dann ist das sehr traurig. (Exkurs: Die Selbstbehalte für Selbstständige sind unfair, nicht nachvollziehbar und absurd. Sie sind aber – im Vergleich zu in Steuer- und Organisationsfragen fehlendem Spielraum – nicht wirklich ein Anlass für schlaflose Nächte.)

Wer braucht einen Markt, wenn er einen Kanzler hat?

Neben dem uncool gar nicht postfaktischen sachlichen Kleinkram ist mein eigentliches Problem aber: Die Verarbeiterung der Kleinunternehmer zieht die falschen Leute an. Man muss kein extrem wachstumsorientierter Businesstyp sein, um Unternehmer zu sein, man kann gute Geschäfte machen, ohne sich „Gründer“ auf die Stirn tätowieren zu lassen oder tägliche eine halbe Stunde vor dem Spiegel zu üben, wie man „Start Up“ am coolsten ausspricht. Man sollte aber ein wenig Ahnung davon haben, wie man mit Geld umgeht, sich mit Steuer- und Rechtsangelegenheiten befassen und sich vor allem darüber im Klaren sein, dass nur Leistung verrechenbar ist. Noch genauer: Nur die Leistung, die auch jemand haben möchte.
Alles andere ist vielleicht Kunst (ist auch Leistung, aber keine, die per se bestellt wurde), ein schöner Sinn für Gerechtigkeit (wir wollen schließlich alle etwas davon haben) oder Politik: Politiker, nicht zuletzt Erwin-LaHauPö-hab-ihn-selig-Pröll, betonen ja oft und gern, dass die bei ihrem Einsatz in der Privatwirtschaft (ein ziemlich verräterisches Wort) ein Vielfaches verdienen würden. Dem liegt genau der verkaufstaktische Irrtum zugrunde, der aus Unternehmern Ziegelarbeiter machen: Socialisen, egal ob auf Feuerwehrfesten, Frühschoppen oder Netzwerkveranstaltungen ist genauso wenig verrechenbare Leistung wie Lernen, (die eigene) Buchhaltung oder die laufende Erweiterung des Horizonts. Es sind notwendige, aber nicht hinreichende Bedingungen um im Geschäft bleiben zu können. Bezahlt machen sie sich aber nur dann, wenn sie sich auf ein verkaufsbares Produkt auswirken.
Ich habe lange mit dem Gedanken gespielt, einen Unternehmer-Ratgeber genau darüber zu schreiben, Arbeitstitel: „Du bist nicht awesome. Aber das macht nichts.“ Und dann habe ich die Notizen dazu immer wieder in die Schublade gepackt. Weil mir genau die Zielgruppe für so einen Ratgeber so auf die Nerven gehen würde, dass ich hier nichts einigermaßen Erträgliches zu Papier bringen könnte. Aber vielleicht überdenke ich das ja noch mal …

Mein generischer Kreativitäts-Crowdsourcing-Pitch

Kreativitätscontests made easy. Nachdem wir leider nicht überall mitmachen können, habe wir hier einen generischen Beitrag zur freien Entnahme erstellt. 
 
Partizipation ist cool. Mal darf man für die Wirtschaftskammer sein letztes Hemd ausziehen (was für eine Symbolkraft!), dann darf man unter dem Deckmantel der Innovation Ideen in die Senkgrube des Vergessens kippen und immer öfter wird man auch zu Kreativitätscontests eingeladen. Zuletzt machte das Volkstheater mit einem Illustrationswettbewerb Furore, jetzt lädt Saxoprint dazu ein, ein Match-Trikot für die österreichische Nationalmannschaft zu gestalten – für 2.000 € Preisgeld und eine Reise zum Match. Immerhin gibt es dabei sogar Abstandshonorare in Form von 25 €-Gutscheinen.
Wie verlockend. Leider fehlt mir die Zeit, überall dabei zu sein, Teilnahmebedingungen zu lesen und Ausschreibungsplattformregistrierungen auszufüllen. Deshalb habe ich keine Kosten und Mühen gescheut und die besten Designer, Texter und kreativen Köpfe versammelt, um eine generische Kreativitäts-Contest-Contribution zu erstellen. Das Ergebnis steht hier zum Download bereit (selbstverständlich auch in offenen Formaten) und ich bitte alle, die wieder eine besonders innovative Spielweise des Massenpitches erfunden haben, sich einfach hier zu bedienen.
Wie Sie uns vom Gewinn der Ausschreibung verständigen können, das erfahren Sie in unserem Impressum.
 
Kreativitaetscontest
 
 
Download: pdf psd

Konsum-Elitarismus: Warum wir so pleite sind 

Wir tun so, als könnten wir entscheiden, wofür wir Geld ausgeben. Das ist ein Spiel auf dünnem Eis und in sehr begrenztem Rahmen. 
Für den Staat bin ich reich. Ich zahle für einen recht spürbaren Teil meines Einkommens 50 Prozent Steuern, zahle seit vielen Jahren Höchstbeiträge in der Sozialversicherung und bei der Abschreibung von Sonderausgaben stehen mir nur noch die jährlichen 60 Euro Grundbetrag dazu – der Rest fällt unter Selbstbehalt.
Das sind die gleichen Rahmenbedingungen, die auch einen Vorstandsvorsitzenden oder eine Generaldirektorin eines internationalen Konzerns mit mehreren Milliarden Euro Bilanzsumme betreffen. Eigentlich sollte ich mir also alles leisten können – dennoch finde ich vieles absurd teuer, bin weit davon entfernt, sparen zu können und froh, wenn ich nicht immer den ganzen Überziehungsrahmen meines Kontos ausnützen muss.
Wohin fließt dann das Geld, und warum ist man, wenn man bei allen Pflichtabgaben das Maximum zahlt, nicht so reich wie Pablo Escobar?
Steuern sind nur ein Teil der Geschichte. Ein ziemlich fetter Teil zwar, aber lassen wir das mal beiseite. Es geht ja genau um die Frage, warum man steuerlich gesehen steinreich ist, im realen Leben aber ganz und gar nicht.

„Das ist halt Qualität“

Historisch orientierte Ökonomen gehen solchen Fragen gern mit der Analyse von Preisen und Preisvergleichen nach: Wofür wird Geld ausgegeben, welchen Anteil am verfügbaren Geld machen welche Waren aus? – Und es mussten übrigens beruhigende Zeiten gewesen sein, in denen verarmte Leute eben ins Hotel gezogen sind, in denen die tägliche abendliche Party mit Drei-Gänge-Menü und zwei Flaschen Wein dazu auch für mittellose Künstler kein Problem war und, später, in denen massenhafte Langzeitarbeitslosigkeit schlicht kein Thema war. Ok, echte Armut war damals (bis vor rund 150 Jahren) großteils schlicht außerhalb des Radars.
Trotzdem frage ich mich schon länger, ob es nicht genau solche Kleinigkeiten sind, die langsam aber sicher Budgets auffressen. Lebensmittelpreise sind in den letzten Jahren rasant gestiegen; Fett&Zucker-Junkfood aus dem Supermarkt, das mal verlässlich billiger Kalorien-Lieferant war, hat sich in den letzten zehn Jahren verdoppelt. Parallel dazu treiben auch Qualitätsoffensiven die Preise: Beim Fleisch aus einer des Lebens würdigen Tierhaltung geht das vielleicht noch zu langsam, bei handgemachten Keksen, mit Liebe produzierten Kaffee-Spezialitäten oder Weinen entwickelt sich das dafür rasant. Qualität, Handarbeit, Nachhaltigkeit sind Preistreiber, die den Boden auch für andere Entwicklungen bereiten. Von vier oder sechs Euro für Kaffee, der nicht mehr nach Kaffee schmeckt, ist es nicht mehr weit zu zweihundert Euro für eine Nacht in einem Hotel mitten in der langweiligsten Prärie mit vielleicht Aussicht auf ein paar Berge. Hier ist es nicht Nachfrage, die den Preis gestaltet, es ist das Angebot – eines, das auf Langweile und Überdruß abzielt. Was teuer ist, muss gut sein, eben vielleicht im Sinne von Nachhaltigkeit auch noch gut für andere. – Noch besser wäre es aber vielleicht, der Hotelier, der sein Haus in die Ruhe versprechende Landschaft gebaut, es beruhigend designt und ausgestattet hat, hätte es gar nicht gebaut. Der Ruhe wegen.
Fairness ist sicher ein hochzuhaltender Wert, und Preise zu drücken schlägt schließlich gegen alle zurück. Die Idee, auf diesem Weg Arbeit wieder rentabler zu machen, birgt aber auch ein Risiko: Sie bindet die Möglichkeit von Arbeit an das Vorhandensein von Kapital. Darauf muss ich später noch einmal zurückkommen.

„Das kostet extra“

Während Lebensmittel und Gastronomie augenscheinlich deutlich dazu beitragen, Preise zu steigern, sind andere Produkte auf den ersten Blick billiger geworden – Flugreisen etwa. Wo vor zehn oder zwanzig Jahren eine Flugreise noch eine schwergewichtige finanzielle Entscheidung war, fällt sie jetzt weit weniger ins Gewicht. Das ist einerseits eine Frage der Relationen –  ein Amerika- oder Asien-Flug kostet oft weniger als eine kleine Wiener Mietwohnung im Monat kostet -, andererseits eine Frage der Preisgestaltung. Wo in anderen Branchen Qualität und Service aufgebaut wurden, wurden sie beim Fliegen abgebaut. So weit so fair. Allerdings zeigt sich beim Fliegen eine Entwicklung, die an die Gestaltung von Steuerreformen und die Einführung von neuen Belastungen erinnert. Seit übermaßiges Service an Bord gestrichen wurde, sind die Preise etwa gleichgeblieben – dafür müssen immer mehr frühere Selbstverständlichkeiten  jetzt gegen Bares zugekauft werden. Eine erste Entwicklung betraf das Gepäck – immer öfter ist nur Handgepäck inklusive, Bordgepäck muss extra bezahlt werden. Eine neuere Erfindung ist die Boarding-Reihenfolge: Nach Priority- und First Class-Passagieren können jetzt auch Economy-Class Passagiere gestaffelte Aufpreise zahlen, um früher an Bord des Fliegers zu dürfen. Sinn macht das natürlich in Kombination mit den Gepäcksregelungen: Wer die Grenzen seines Handgepäcks ausreizt und dafür auf extra zu bezahlendes Bordgepäck verzichtet, zahlt eben für die Boarding-Reihenfolge und gewinnt damit Zeit und Platz für sein Handgepäck. Und manche Billig-Airlines verlangen jetzt sogar schon Aufpreise für die Wahl des Sitzplatzes – auch beim Online-Checkin. Wer nicht zahlt, dem bleiben eben nur die undankbaren mittleren Plätze in den Dreier-Sitzreihen.
Auch das ist ein Weg, Werte zu schaffen, die wir früher nicht kannten. In der Wirtschaftsentwicklung geht es schließlich um Mehrwert.

Auch ideeller Mehrwert braucht reales Kapital

Mehrwert wird so zu einer Geschmacksfrage, zu einer persönlichen Entscheidung. Die gute Seite dabei ist: Das gibt mehr Menschen die Möglichkeit, selbst zu entscheiden, wofür sie Geld ausgeben wollen. Die schlechte Seite ist: Der so verstandene Mehrwert produziert real betrachtet nicht mehr Wert. Für den Espresso ist es egal, ob er von einem Kellner gemacht wurde, der dabei auf die Uhr geschaut hat und an die letzte Folge seiner Lieblingsfernsehserie gedacht hat, oder von einem Barista, den es glücklich macht, seine Zeit zwischen tollen Espressomaschinen zu verbringen. Für das Ziel, eine andere Stadt zu erreichen, macht es auch keinen Unterschied, ob man während des Flugs aus dem Fenster sehen konnte oder seine Sitznachbarn aufscheuchen musste, um auf die Toilette zu gehen.
Trotzdem, und das ist das Gemeine dabei, muss es wohl einen Unterschied machen, ob Leute fair bezahlte Jobs gern machen, oder ob sie durch Androhung der Kürzung von Arbeitslosengeldern dazu gezwungen werden.
Der so beschaffene Mehrwert als treibender Wirtschaftsfaktor ist auch persönliche Vorlieben angewiesen – und er ist auf dünnem Eis gebaut: Nachdem wir den Wert, der eigentlich keiner ist, nicht wirklich brauchen, ist er auch etwas, auf das wir leicht verzichten können, wenns mal knapper zugeht.
Das ist dann wieder ein Problem, weil der ideelle Mehrwert – fair gehandelter Kaffee, glückliches Personal, gut designte Hotels – nur mit ganz realem Kapital in die Welt gebracht werden kann. Anbieter investieren also (sie brauchen, wie vorhin erwähnt, Kapital, um überhaupt arbeiten zu können) und sind dann darauf angewiesen, dass Kunden dieses Angebot aus ideellen Gründen annehmen. Schließlich kann nicht jeder Mensch jedes Mal frei entscheiden, wofür er oder sie Geld ausgibt: Irgendwann ist es in den meisten Fällen aus. Und auch davor ist es eine Verteilungsfrage: Den einen sind Reisen wichtig, den anderen Mode, manche geben Geld für gutes Essen aus und sind der Meinung, sich keine Urlaube leisten zu können.

Preis-Trittbrettfahrer

So beschrieben sind das Luxusprobleme. Über manche Dinge kann man allerdings nicht entscheiden, wenn man Teil einer Gesellschaft sein will: Wohnung, Essen, einigermaßen saubere Kleidung, Möglichkeiten sich fortzubewegen, Bankkonten oder Kommunikationsmittel gehören zur Grundaustattung, über die kaum frei entschieden werden kann. Kleidung lässt noch am meisten Spielraum – Entscheidungen sind hier aber auch immer mit Distinktionsverlusten verbunden.
Auch hier entwickeln sich die Preise nach ideellen Gesichtspunkten so als hätten wir die Wahl: Wohnungen werden nach Lage und Features bewertet, Handys und Verträge kosten selbstverständlich nicht zu wenig Geld (nachdem sie ein Zeit lang fast gratis sein mussten) und sogar Gebühren für öffentliche Leistungen werden mit dem Argument „Wir wollen doch alle eine tolle gut funktionierende Stadt“ laufend erhöht – deren Teuerung liegt sogar beim doppelten der Inflationsrate und ist damit ein ganz wesentlicher Preistreiber, dem niemand auskommt.
Wir zahlen also, weil es Teil unseres Selbstverständnisses geworden ist, dass zahlen zu können gut ist. Zahlen können ist eine Form von Freiheit; wer mehr zahlen kann (oder sich aussuchen kann, wofür er oder sie zahlt), hat also mehr Freiheit. Tatsächlich ist diese Entscheidung aber nur in sehr kleinen Spielräumen möglich. Wir zahlen trotzdem – in der Hoffnung, dass sich das erstens gut anfühlt, dass zweitens ein Teil davon zu uns zurückkommt, und dass drittens irgendwann alles gut wird. So lange wir nur zahlen.
Es ist eben ein bisschen paradox, dass gerade eine Form von Konsumkritik, die Wert auf ideellen Mehrwert legt, dazu beiträgt, dass Konsum nach wie vor ein zentrales Element bleibt. Manchen Betroffenen würde es vermutlcih auch gar nicht einfallen, sich als konsumkritisch zu betrachten – Der Begriff Konsum-Elitarismus beschreibt die Sachlage besser.
Aber auch das ist nur eine Seite der Geschichte.

An beiden Enden der Nahrungskette

  • Von der gängigen Ausschreibungspraxis profitieren Unternehmen, die ihr Geschäft mit Overhead machen. Auftraggeber und eigentliche Auftragnehmer – die Enden der Nahrungskette – zahlen drauf.

Ich habe mal wieder einen Blick in diverse öffentliche Ausschreibungsunterlagen geworfen. Schwerer Fehler. Dreissigseitige Formalkriterien, Strafregisterbescheinigungen, Sozialversicherungskontoauszüge und so weiter ok, aber was soll das eigentlich werden, wenn die ausschreibende Stelle der Agentur auch die Personalstruktur vorschreibt?
Im konkreten Fall geht es um ein Jahresbudget von 250.000 Euro, für das vier Personen Schlüsselpersonal gefordert werden, die natürlich während der Laufzeit nicht ohne Zustimmung des Auftraggebers ausgetauscht werden dürfen und deren Verfügbarkeit auch an Wochenende und Feiertagen gefordert wird. Funktionsüberschneidungen sind ausgeschlossen, nur der Geschäftsführer darf zusätzlich auch produktiv arbeiten. Die Funktionen sind allerdings alle auf administrativer Ebene, es braucht also zusätzlich noch Personal, um den Job auch zu erledigen.
Abgesehen vom Mengengerüst frage ich mich auch, mit welcher Expertise ein Auftraggeber die Personalstruktur des Auftragnehmers vorschreiben möchte – aber vor allem: Warum möchte ein Auftraggeber von einem Lieferanten mit zwangsverordnetem Overhead beglückt werden?

Wir predigen jetzt schon lang andere und agile Arbeits- und Organisationsformen, fordern günstige Produktionen und betreiben Expertenkulte. Was Kreativität betrifft, wird gern kopiert (und dann um Orginialität gestritten), man unterstellt lang langfristigen Partnern, sich abgenutzt zu haben, und fordert frische Ideen.

Und dann zementieren branchenfremde Anforderungen das business as usual auf scheinbar ewig ein. Das ist in seinen Auswirkungen noch krasser als Gewerbeordnungen und andere Formalbestimmungen. Und es ist ein Aspekt mehr, der es Unternehmern nicht wirklich möglich macht, selbstbestimmt und souverän statt prekär zu handeln.
Wer hier in solchen Fällen mitarbeiten will, ohne sich drei Overhead-Stufen einzuhandeln, muss sich dann also bei der dank ihres Overheads gewinnenden Agentur hinten anstellen.
Damit habe ich zwei Probleme:

  • Es bleibt verdammt viel Geld auf der Strecke liegen.
  • Es ist ein teuer bezahltes Stille-Post-System, das Missverständnisse fordert.
  • Es stützt das falsche System, indem es den Anschein erweckt, als wäre Overhead kreationsförderlich oder notwendig, um kreative Leistung zu kaufen.

Wer draufzahlt, sind dabei beide Enden der Nahrungskette: Der Auftraggeber und der eigentliche Auftragnehmer.

Das Märchen vom Tax Freedom Day

Es gibt ja dieses Märchen vom Tax Freedom-Day. Irgendwann im Herbst, so will es die Geschichte, hat man genug verdient, um seine Steuern zu bezahlen, und arbeitet dann fröhlich in die eigene Tasche.
Praktisch gesehen ist das halt leider andersrum: Zu Beginn des Jahres fließen ein paar Einnahmen, man legt guten Mutes den Steuer- und Versicherungsanteil zur Seite, bestaunt die gigantischen Beträge, die sich dabei ansammeln und nimmt das halt mit ein bisschen Wehmut zur Kenntnis.
Dann, in guten Jahren, ist irgendwann der Zeitpunkt erreicht, an dem zumindest die Sozialversicherung befriedigt ist. Auf dem Sparkonto liegt der Fehlbetrag auf die rund 18.000 Euro Höchstversicherung und eigentlich ist jede Einnahme jetzt 25% mehr wert.
Das ist meistens im Herbst, eben so rund um den Tax Freedom-Day. Aber dann beginnt das Drama erst richtig. Jetzt ist zwar keine Sozialversicherung mehr fällig, dafür schlägt der Steuertarif mit seinen 50% jetzt unbarmherzig zu. Und der fröhliche Unternehmer, der jetzt eigentlich strahlend in die eigene Tasche arbeiten sollte, sieht zu, wie die diversen Steuerrechner immer absurdere immer höhere Beträge ausspucken. 50% wirken sich wirklich dramatisch aus.
Eigentlich sollte man zu diesem Zeitpunkt die Arbeit einstellen und einfach nichts mehr tun. Es ist schlicht hirnrissig, für die 10.000 €, die man bis Jahresende noch bräuchte, über 20.000 € verdienen zu müssen – und damit dann noch höhere Steuer- und Versicherungsvorauszahlungen für die nächsten Jahre in Kauf zu nehmen.
Während Experten streiten, ob Österreich jetzt eine Gesamtsteuerquote von 45 oder 43% hat, prohezeit mir die hübsche Rechner-App von SVA und Finanzministerium jedenfalls für heuer eine Abgabenquote von 47% – allein mit Einkommensteuer und Sozialversicherung.
Was ist das Problem dabei? – Schließlich habe ich die Kohle ja verdient und kann das also auch bezahlen.
Das Problem ist, dass ich eigentlich nur gern von meiner selbstbestimmten Arbeit leben möchte, und kein Superchecker-Unternehmer sein möchte, der kunstvolle Abschreibungs- und Investitionsgelegenheiten sucht. Ich fände es auch nicht schlecht, mich um Dinge wie Altersvorsorge kümmern zu können – und das mit weniger hochriskanten Spekulationen als Einzahlungen ins staatliche Pensionssystem. Und ich finde es schräg, dass sich die Umsatzplanung für das nächste Jahr weniger an meinen eigenen Bedürfnissen orientiert, als daran, wann welche Vorauszahlungen zu leisten sind, die sich an längst vergangenen Einnahmen orientieren. Und das nimmt dann auch die Luft für Innovation und Neuorientierung. Erst ist keine Zeit für was anderes, weil du in bezahlten Projekten steckst. Und wenn die vorbei sind, ist keine Zeit, weil du dich dringend um die nächsten kümmern musst, weil du keine Zeit für Akquise hattest.
Und was wären sinnvollere Alternativen? Ein paar fallen mir schon ein. Flexiblere Vorauszahlungen sind ein Ding. Die könnten auch per Selbstbemessung funktionieren – bei Kammerumlagen und ähnlichem traut man uns das ja auch zu.  Investitionen sind ein anderes Ding: Was soll ich mit 33 Jahren Abschreibung auf Immobilien (dann bin ich 75…), wenn ich keinen generationenübergreifenden Familienbetrieb aufbaue? Und warum gelten Investitionsfreibeträge nur für Neugüter und nicht für Gebrauchtes? (Was, um beim Beispiel zu bleiben, bei Büros und Lokalen in Wien, die ja auch eine Anlage sein könnten, besonders sinnvoll ist…) Und wenn wir ganz spekulativ werden: Wie siehts mit Gewinn-Vortragsmöglichkeiten aus? Schön, dass es Kalenderjahre gibt, aber meine Lebensplanung richtet sich nicht unbedingt danach – und vom Erfolg im laufenden Jahr hätte ich auch gern im nächsten Jahr noch etwas (wenn sich eien Durststrecke abzeichnet oder wenn ich die Zeit für etwas neues nutzen möchte) – außer höheren Vorauszahlungen.
Und deshalb wärs ja schön, wenn es so etwas wie einen Tax Freedom Day, ab dem man selbstbestimmt wirtschaften kann, gäbe. Aber die Praxis ist halt, wie gesagt, leider andersrum.