Ankommen – Tokio

Jede Reise hat ihre besonderen Momente, Eindrücke, die dauerhaft in Erinnerung bleiben. Manchmal sind das die erwartbaren Augenblicke, oft aber auch Details vom Straßenrand. Für mich sind es immer wieder auch die allerersten Eindrücke einer neuen Stadt oder eines neuen Landes. Man hat Flug und Flughafen hinter sich gelassen und erschnuppert die ersten Bilder einer neuen Umgebung – was davon bleibt hängen und was formt die Ewartungen dessen, was in den nächsten Tagen kommen wird?

 

In Tokio waren es geschlossene Raucherhütten im Freien vor dem Flughafen und nummerierte Bodenmarkierungen für die Warteschlangen für die Flughafenbusse. Das Bild des hektischen, durchorganisierten Japan wurde dann aber gleich von Dauerregen und unvorstellbar saftigem Grün gebrochen. Die Dame am Ticketschalter hatte mir davon abgeraten, den Bus anstelle des Expresszuges in die Stadt zu nehmen, das dauere viel zu lange. Mir war es egal, um sieben Uhr morgens nach elf Stunden Flug hatte ich es überhaupt nicht eilig und der trockene Bus erschien mir sehr verlockend angesichts des Dauerregens.
Eigentlich war ich auf dem Weg nach Tokio, weil ich dank einiger Cyberpunkfilme in den frühen 90er Lust darauf bekommen hatte und das endlich, über 20 Jahre später, machte. Der Bus verließ aber das Flughafengelände, fuhr über Landstraßen, Industrieanlagen wurden seltener und dann gab es nur noch Wälder voll meterhoher Bambusbäume, die saftig grün im Regen glänzten.
Irgendwann bin ich eingeschlafen. Die Bambuswälder sind trotzdem eine der stärksten und klarsten Erinnerungen. Der Bus hole dann mitten in Tokio im Hof einer seltsam verlassenen Bürohausanlage. Es regnete noch immer, es war Wochenende und es war noch immer zu früh, um ins Hotel zu gehen. Ich habe dann im luxuriösen High-Tech-Tokio als erstes einen Billigregenschirm gekauft, mich an den Straßenrand gestellt und einfach mal weiter dem Regen zugesehen.

 

Das Boda Boda-Buch: Motorradtaxis in Uganda

Wir machen dann im übrigen ernst: Mit Ende des Jahres werden wir das Boda Boda-Fotobuch fertigstellen. Boda Bodas sind Motorradtaxis in Ostafrika, die vor allem in Uganda üblich sind.
Ursprünglich waren es Fahrräder, die das Niemandsland zwischen den Grenzen überbrückt haben – heute sind die Motorradtaxis eine der wichtigsten Lebensadern im Nahverkehr ostafrikanischer Städte. Und sie bieten eine Zukunftsperspektive für junge Menschen, die mit ihren Fahrten nicht schlecht verdienen.

Trotzdem ist die Zukunft der Fahrer ungewiss: Einige Stadtbehörden überlegen gerade, die Motorräder aus den Stadtzentren zu verbannen – um moderner zu werden und um die natürlich mit der hohen Motorraddichte verbundenen Unfallrisiken zu senken.

Eine Verbannung der Motorräder wäre schade – nicht nur, weil sie in Millionenstädten die Kampala das effizienteste Fortbewegungsmittel sind, weil sie Jobs und Unabhängigkeit schaffen, sondern auch, weil damit ein wunderschönes buntes Stück abenteuerlicher Lebendigkeit verloren gehen würde.

Mehr Bilder und den Plan zum Buch gibt es auf bodaboda.org. Und um das Buch fertigzustellen, brauchen wir euch …

 

 

Mexiko City – Stadt ohne Enden

Mexiko City ist die Stadt der Ersatzteile, der langen Wege und der ehemals besseren Zeiten.

Auf dem Weg nach Teotihuacan nimmt die Stadt kein Ende. Nach Norden hin wächst Mexiko City nicht nur laufend, sondern seit einiger Zeit auch schon über die Grenzen des Bundesstaats hinaus. Mit neun Millionen Einwohnern innerhalb der eigentlichen Stadtgrenzen und 25 Millionen Einwohnern im Ballungsraum ist Mexiko City je nach Zählweise die zweitgrößte Stadt der Welt.
Das merkt man: Im Stadtzentrum bewegen sich Fußgänger schneller als Autos, die im ewigen Dauerstau stecken. Das trifft sich gut, weil Fußgänger großteils auf die Straße ausweichen müssen. Denn die Gehsteige sind besetzt: Auf der Häuserseite haben Geschäfte Ware auf dem Gehsteig zur Präsentation ausgebreitet, auf der Straßenseite des Gehsteigs warten fliegende Händler auf Kundschaft. Der schmale Streifen dazwischen gehört jenen, die gerade einen Blick in die Geschäfte werfen oder verhandeln. Wer schneller voran will, weicht eben auf die Straße aus.
Farben, Musik und Gespräche tauchen dabei die Stadt in Leben – klar, es ist voll, Straßen und Gehwege sind oft holprig und tagsüber schmutzig (auch wenn sie jeden Abend gesäubert werden), aber es ist freundlich.
 
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In den Außenbezirken werden die Straßen breiter und die Wege länger. Wer seinen Weg mit dem Distanzgefühl aus einer europäischen Stadt plant und sich dafür entscheidet, lieber zu Fuß zu gehen als auf den Bus zu warten, muss gut bei Fuß sein. Was auf dem Stadtplan nach fünfzehn Minuten Wegzeit aussieht, kann schnell man eineinhalb Stunden dauern.
Und noch weiter draußen werden die breiteren Straßen zu Autobahnen, die Stadt hält ein wenig Abstand. Endlose Hügel mit bunten Fassaden, mit Autoreifen beschwerte Wellblechdächer, manchmal nur noch Staubpisten statt Gehsteigen, manchmal Villen in dicht vergitterten Gärten.

Stadt des Verfalls

Mexiko City ist alt. Die Kathedrale ist die älteste und größte des ganzen Kontinents; ihre Wurzeln gehen in das 16. Jahrhunderts zurück. In den Gassen rundherum finden sich zahlreiche ähnliche alte Häuser und Paläste. Alle stehen schief.
 
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Das liegt nicht nur an ihrem Alter, sondern auch am Untergrund, auf dem die Stadt gebaut wurde. Die alte Aztekensiedlung, der Vorgänger der heutigen Stadt, war eine schwimmende Stadt in einem Stausee mit nur wenigen festen Inseln. Die spanischen Eroberer legten den See trocken, die Aztekenstadt verschwand – aber der sumpfige Boden des ehemaligen Sees blieb. In den vergangenen 500 Jahren hat sich der Boden fallweise um mehrere Meter abgesenkt. Manche ehemaligen Paläste sind nur noch durch niedrige Türen oder durch nach unten führende Treppen erreichbar, andere Häuserfronten neigen sich bedrohlich über die Straßen. Wer in der Kathedrale mit geschlossenen Augen über den sich stark neigenden Boden geht, hat Schwierigkeiten, das Gleichgewicht zu behalten. Vor der Kathedrale geben einige in den Boden eingelassenen Glasscheiben den Blick nach unten frei: In der jahrhundertealten Feuchtigkeit wuchert fröhlicher Farn.
 
Was nicht alt ist, sieht alt aus: Der Xochimilco-Park im Südosten der Stadt etwa wurde erst 1993 eröffnet. Ein Besucherzentrum am Nordrand soll Gäste einladen und ihnen Orientierung über das riesige Areal vermitteln. Das Gebäude, ein paar traurige Schildkröten und auch der vom Eingang wegführende Paseo de Flores wirken allerdings, als wären sie seit spätestens den 60er Jahren dem Verfall preisgegeben. Die Landestelle der großen Holzboote ist verlassen, die meisten Boote stehen unter Wasser.
Auch Neubauten entlang der großen Avenidas sind, wenn sie nicht brandneu sind, schwer von der Zeit gezeichnet. Daneben stehen aber immer wieder glänzende Glaspaläste.
 
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Beim Nachlesen fällt auf: Mexiko hatte bis in die 80er Jahre wirtschaftlich gute Zeiten. Während der Ölkrise in den 70er Jahren investierten die USA massiv in die mexikanische Ölindustrie, die Geld ins Land brachte. Nach dem Abflauen der Ölkrise waren die mexikanischen Ölprodukte nicht mehr so dringend notwendig, und, wie manche mexikanischen Historiker meinen, war auch ein wirtschaftlich starkes Mexiko den USA keine so genehme Vorstellung. Die Zinsen für die erst freigiebig gewährten Kredite stiegen dramatisch, die Einnahmen brachen ein – und seither steht Mexiko immer wieder wirtschaftlich an der Kippe.
Man meint, diesen Schnitt in der Stadt zu spüren.

Stadt der Ersatzteile

Die Wirtschaft der kleinen Händler ist ordentlich sortiert. Ganze Straßenzüge, manchmal sogar Stadtviertel, sind jeweils einer Branche, manchmal auch nur ganz spezifischen Produkten gewidmet. Man findet lange Straßen voller Küchenausstatter, Installateure, fallweise auch ganze Straßen, in denen es nur Toiletten, Waschbecken und Zubehör zu geben scheint.
Autowerkstätten nehmen ein ganzes Viertel ein, dabei mischen sich Reparaturwerkstätten mit Tuning-Palästen, glitzerndes Chrom und Sportfelgen mit Motorenteilen und anderen rostigen Innereien. Einige Werkstätten ketten noch Pitbulls wie aus dem Bilderbuch auf den Gehsteigen an.
 
Was neben den geordneten Geschäften noch auffällt: Es scheint kein Ersatzteil der Welt zu geben, das man in Mexiko City nicht kaufen kann. Berge von Metall-, Plastik- oder Keramikteilen, die dem Uneingeweihten nichteinmal eröffnen, in welches Gerät sie eingebaut werden sollen, geschweige denn, welchen Zweck sie dort erfüllen, warten auf Käufer. Und scheinen sie zu finden: Einige der kleineren Händler haben gar keine ganzen Produkte im Angebot. Sie handeln nur mit diesen Teilen – von denen viele wiederum großteils gebraucht und aus aussortierten Geräten zusammengesucht scheinen.
Und natürlich ist auch der Handel bunt und laut: Dekoration und Lichterketten gibt es überall; Elektrohändler überbieten einander bei der Lautstärke ihrer Soundanlagen – und das Tür an Tür.

Stadt der Polizei

Das Bedrohlichste an Mexiko City sind die unfassbaren Polizeiaufgebote. Im Regierungsbezirk stehen dichte Reihen gepanzerter Polizisten mit kugelsicheren Westen, Helmen und Maschinenpistolen vor den öffentlichen Gebäuden.
An praktisch jeder Straßenkreuzung stehen anders uniformierte Polizisten, die mit lautem Pfeifen und dramatisch wedelnden Händen den ohnehin durch Ampeln geregelten Verkehr noch einmal regeln. Weder die Absicht noch der Effekt sind ganz klar – aber jedenfalls sind sie sichtbar.
Auch in den Außenbezirken ist man nie länger als wenige Minuten unterwegs, ohne Gruppen von Polizei zu sehen. Alle bewaffnet, alle gepanzert.
Die U-Bahn-Stationen sind ebenfalls von der Polizei gesichert; eigene Polizisten bewachen sogar die Bahnsteige, von denen einige Bereiche eigens für Frauen und Kinder reserviert sind.
Richtung Wochenende wird die Polizeipräsenz dann noch einmal verstärkt: Ab Donnerstag Abend patrouillieren Truppen in gepanzerten Fahrzeugen, in den Ausgehvierteln patrouillieren Streifen.
Kriminalität ist ansonsten nicht auffällig: Man sieht die Polizisten auch nie einschreiten …
 
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Stadt der Geschäftigkeit

Die Wege in Mexiko City sind lang – dementsprechend mühsam muss es sein, in der Stadt beruflich voranzukommen. Das gilt für Lieferanten, Taxifahrer, Menschen auf dem Weg zum nächsten Termin – und ganz besonders für die vielen fliegenden Straßenhändler, die jeden Tag ihre Ware in den inneren Bezirken präsentieren und jeden Abend den weiten Weg zurück in die Außenbezirke antreten müssen.
Für umgerechnet 50 Cent kann man zwei Teller Tacos kaufen – zur Not und nicht auf Dauer könnte man davon leben. Jeder Peso, der mit Kaugummis, Feuerzeugen, Elektroschrott oder Bastelware verdient werden kann, zahlt sich also aus.
Frühmorgens und spätabends ziehen Händler mit Rodeln, Leiterwägen oder auch nur großen Säcken durch die Stadt. Keine Spur von ausgedehnter Siesta und mexikanischer Gemütlichkeit – die man sich zumindest in der Stadt nicht leisten kann.

Stadt der Politik

Mexiko City ist politisch. Südamerika ist politisch, Mexiko ist politisch. Wo in Europa vielleicht noch an Unis oder im kleinen politisiert wird, sind in Mexiko die Straßen voll mit Plakaten, Einladungen, Transparenten und Mahnmalen. Es wird politischer Gefangener und Opfer der vergangenen Regime gedacht, Revolutionsdaten sollen nicht in Vergessenheit geraten, es geht gegen Imperialismus und Kolonialismus und verschiedenste linke Schattierungen mobilisieren mit vollplakatierten Häuserfronten gegen Regierung, Reichtum und Konsum.
 
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Politische Kunst findet sich auch in den Museen: Historische Plakate, Superhelden, die Stadtviertel für die Armen zurückerobern möchten. Schließlich heißt auch die Partei, die derzeit den Präsidenten stellt, „Partido Revolucioniario Institucional“ und ist Mitglied der Sozialistischen Internationalen. Die institutionalisierte Revolution ist allerdings nicht so eng zu sehen – innerhalb der Partei bewegen sich sehr viele unterschiedliche Strömungen, die gar nicht immer so revolutionär sind.
 

Stadt der langen Wege

Die U-Bahn in Mexiko City ist schnell, sicher, sauber und günstig – allen Schauergeschichten von Gangs und Klebstoffschnüfflern zur Trotz und entgegen allen idiotischen Rankings über die so gefährlichsten Orte der Welt, über die sich Nichtreisende erstaunlicherweise ebensogern gruseln wie Reisende. Das heißt nicht, dass sie ganz frei von Kriminalität ist – aber der Schrecken, der sich eigentlich einstellen müsste, wenn man Mexiko City-Klischees glaubt, bleibt aus.
 
 
Die U-Bahn hat allerdings ein andere Problem: Das große, schnelle und gut geführte Netz reicht bei weitem nicht aus, um eine Stadt dieser Größe abzudecken. In vielen anderen Städten macht es Sinn, die dem eigentlichen am nächsten liegende Station zu suchen und dann zu Fuß zu gehen. In Mexiko City kommt so allerdings schnell eine Stunde Fußmarsch zustande.
Beim ersten Mal – wieder eingedenk der Schauergeschichten, die so gern erzählt werden – sucht man seinen Weg vielleicht vorsichtiger. Einmal abseits der großen Straßen verliert man sich schnell in einem engen Häuser- und Gassengewirr. Sobald die Dichte der Geschäfte nachlässt, werden auch die Häuserfronten abweisender: Anstelle bunt blinkender Schilder sind es kahle Mauern, auf denen Stacheldraht sitzt.
Was perfekte Überfalls- oder Entführungskulissen abgeben könnte, sind Wohngegenden, in denen Menschen mit Familie und Besitz ein friedliches Leben führen. Und dem Mexiko-Neuling wird schnell klar, mit welchem Verblödungsgrad man als Europäer anderen Lebensrealitäten begegnet …
 
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Trotzkis Stadt

Vor dem Frida Kahlo-Museum muss man sich anstellen. Im Trotzki-Museum wenige Straßenecken weiter schaut die Kassendame ungläubig, wenn man wirklich hinein möchte. Das Museum ist Trotzkis ehemaliges Wohnhaus in der Calle Viena, am Rand von Coyoacan, einem grüneren und schöneren Viertel der Stadt. Was zu Trotzkis Zeit wohl mal ein grüner Boulevard oder vielleicht auch nur freier Platz hinter dem Haus war, ist heute eine sechsspurige Straße, die für Fußgänger nur über Brücken zu überqueren ist. Für Trotzki wäre auch das egal gewesen: Der Großteil der Fenster und Nebeneingänge seines Hauses sind zugemauert. Trotzki verbrachte dort zwei Jahre unter schwerer Bewachung. Nach fast zehn Jahren im Exil in Europa war er 1937 nach Mexiko gekommen, um zwei Jahre bei Frida Kahlo und Diego Rivera zu leben; 1939 bezog er das jetzige Museum.
Mehrere Überfälle russischer Agenten blieben erfolglos; sein Mörder hatte sich über eine Affäre mit einer von Trotzkis Assistentinnen Zugang zum Haus erschlichen.
 
 
Das Haus ist seither unverändert erhalten: Trotzkis Bücher liegen auf seinem Schreibtisch, die einfache Küche enthält noch ein paar Geräte, in den Wänden des Schlafzimmers sind Einschusslöcher der vergangenen Attentate zu sehen, im Garten gibt es noch die Ställe der Hühner und Kaninchen, die Trotzki jeden Morgen fütterte.
Sein eigenes Arbeitszimmer ist mit einem großen Schreibtisch ausgestattet, zusätzlich gibt es noch eine Bibliothek. Sein Sekretariat dagegen erinnert eher an den Hühnerstall oder an eine Miniaturversion späterer Großraumbüros: Hinter dem Schreibtisch seiner Frau, der schon um einiges kleiner ist als sein eigener, drängen sich drei weitere Sekretariatsplätze im Volksschul-Format.
 
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Tokio – Stadt ohne Mistkübel

Mein Bild von Tokio stammte ja ehrlich gesagt eher aus Filmen wie Tetsuo oder Ichi the Killer. Nach einer Woche etwas über eine Stadt zu sagen, ist genauso anmaßend. Tu ich auch nicht. Ich erzähl nur von ein paar Dingen, die mit auf 120 Kilometern zu Fuß kreuz und quer durch die Straßen Tokios aufgefallen sind (und mit der U-Bahn sind sicher noch fünf Mal so viele Kilometer dazugekommen).

Müll

„Please take your garbage home with you“, heißt es auf Schildern in vielen Parks. Anfangs habe ich das für eine nicht ganz gelungene Übersetzung der Aufforderung, Müll in Mistkübel zu werfen, gehalten. Es dürfte aber wörtlich gemeint sein – denn Mistkübel gibt es in Tokio praktisch nicht. Manche Seven Elevens oder Family Marts machen da mit kleinen Mistkübelbatterien (getrennt nach Plastik, Metall, Papier und Rest) eine Ausnahme, aber sonst ist weit und breit nichts in Sicht. Auch die Idee mit U-Bahn-Klos musste ich wieder aufgeben: U-Bahn-Klos gibt es zwar fast überall, aber immer ohne Papierhandtücher (nur mit Warmluftgebläsen), und damit auch ohne Mistkübel.
Sauber ist die Stadt trotzdem. Und in den Ausgehvierteln stehen manchmal kleine Müllsacksammlungen verschämt am Straßenrand vor den Lokalen, verschwinden aber schnell wieder.

Stadt der Helme und Laserschwerter

Japanische Bauarbeiter tragen Helme. Immer, überall und ausnahmslos. Auch wenn sie im Freien Farbe von der Wand kratzen (dabei fällt nichts Schweres hinunter) oder im Freien auf dem Boden arbeiten (wenn gar nichts über ihnen ist).
Und vor jeder Baustelle, die einen Gehsteig berührt, auch wenn sie gar nicht im Weg ist, steht ein Aufseher mit weißen Handschuhen und rotem Laserschwert, der Passanten den Weg an der Baustelle vorbei weist. Und auch trägt Helm. Auch nach Feierabend, wenn die Baustelle gar nicht mehr in Betrieb ist.

Stadt der Verbote

Manchmal sind es freundliche Bitten („Please don’t rush“ auf den U-Bahn-Gleisen), sachdienliche Hinweise („The doors will close soon after the music stops“ in der U-Bahn), manchmal strikte Ansagen. Vor allem in Parks und an öffentlichen Plätzen sind die Verbotslisten oft lang – allerdings sind es dann gar nicht so dramatische Verbote. Man schätzt offenbar Klarheit. So sind etwa Hunde-Kackverbote oft dreifach ausgeführt: Kein großes Geschäft (gar nicht), kein kleines Geschäft (in Wiesen und Blumenbeeten) und wenn’s passiert, dann wegräumen.
Rauchverbote sind ein eigenes Kapitel.
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Öffentlicher Raum

Anders als es viele Klischees vermitteln, gibt es erstaunlich viel Platz und Grün. Parks sind öffentlich, die vielen Verbotsschilder regeln klar, wo und in welchen man auf die Wiese darf und was man dort tun und lassen kann. Die Ufer der vielen Flüsse und Kanäle, die die Stadt durchziehen, sind großteils ausgebaut und grün.
Und Tokio ist eine Stadt für Fußgänger – wo eine Straße ist, kann man auch gehen (anders als in vielen amerikanischen Städten). Praktisch alle Brücken haben eigene Geh- und Radwege, und auch entlang sechsspuriger dreistöckiger Straßen, über die noch zwei Bahntrassen führen, gibt es Gehwege und Fußgängerampeln.

Rush Hour – Stadt ohne Staus?

Dicht gedrängte Straßen und überfüllte U-Bahnen sind großteils Legende. Die U6 kann, was das Gedränge betrifft, durchaus mithalten, und die Shibuya-Kreuzung, die als berühmteste Diagonal-Kreuzung der Welt pro Ampelphase von angeblich bis zu 15.000 Menschen überquert wird, wirkt auch kaum voller als die Mariahilferstraße am Samstag nachmittag.
Was noch auffällt: Das Tempo ist erstaunlich langsam – sowohl in der U-Bahn als auch auf den Straßen. Wenn man es eilig hat, steht einem immer irgendwer im Weg …
Und Stau habe ich in einer ganzen Woche zu keiner Tages- oder Nachtzeit gesehen, keinen einzigen.

Stadt ohne Gastgärten

Outdoor ist nicht. Auch in den belebtesten Ausgehvierteln hat vielleicht jedes zehnte Lokal ein oder zwei Barhocker vor der Tür stehen, noch einmal jedes zehnte hat zumindest die Tür offen. Der Rest findet klimatisiert hinter verschlossenen automatischen Türen statt.
Die häufigsten Ausnahmen, die ein paar Tische draußen stehen oder Balkone haben, sind Starbucks und Mc Donald’s.
In Parks oder an den Flussufern gibt es praktisch gar keine Lokale.

Rauchen

Angeblich herrscht in Tokio sehr strenges Rauchverbot an öffentlichen Plätzen. Das ist, wie eben so vieles, sehr vielschichtig geregelt:
Da gibt es die absoluten Rauchverbotsszonen; Rauchverbote sind da auch als Markierung auf dem Gehsteig eingezeichnet. Dafür gibt es in diesen Bereichen eigene Rauch-Zonen, meist vor Zigarettenläden, die große öffentliche Aschenbecher haben. Genaue Abgrenzungen oder weitere Bodenmarkierungen gibt es nicht.
Dann gibt es die Zonen, in denen Rauchen im Gehen verboten ist. Auch das ist mit eigenen Gehsteigmarkierungen gekennzeichnet (dürfte aber die allgemeine Regelung für die ganze Stadt sein). Man darf hier zwar überall rauchen – aber eben nur im Stehen. Japanische Raucher haben für solche Fälle transportable Aschenbecher dabei, Reisende vergrößern dann eben die Müllsammlung, die sie ohnehin mit sich tragen.
In Parks gilt meistens Rauchverbot, dafür gibt es wieder eigene Raucherzonen (mit Kennzeichnung und Aschenbechern).
Am Flughafen gibt es das meines Wissens einzige Outdoor-Raucheraquarium: Im Flughafen ist Rauchen verboten, außerhalb auch; im Freien steht aber eine von diesen verglasten Raucherboxen mit Schiebetür und Luftabzug …
Dafür wird in Lokalen getschickt, was das Zeug hält. Ich habe gefühlte drei Prozent Lokale mit getrennten Raucher- und Nichtraucherbereichen gesehen (vielleicht die Hälfte davon mit baulicher Trennung); das einzige Nichtraucher-Lokal war ein Starbucks.
Rauchverbot

Drogen

Keine Dealer, keine Junkies – Drogen sind im öffentlichen Stadtbild von Tokio nicht vorhanden.

Electric City

Hier schlagen Japan-Klischees einmal voll zu. Noch mehr – Electric City übertrifft alles, was man sich vorstellen kann. Hier fühlt man sich als Europäer wie ein Native aus einer der abgelegesten Gegenden der Welt ( so abgelegen, dass mir gar keine einfällt), der noch nie elektrisches Licht oder Menschen in Kleidung gesehen hat und zum ersten Mal auf der 5th Avenue steht. Also völlig ratlos. Der Grund ist nicht der überbordende Elektronikschrott, sondern die hohe Dichte an Maid-Cafés. Mädchen in einem Outfit zwischen Schuluniform, Dienstmädchenkleidung und Stripclub-Outfit stehen in Dutzenden an jeder Straßenecke, verteilen Flyer und lassen sich bewundern. In den Cafés gibt es dann Karaoke, Rollenspiele (Herr und Dienerin) oder Handmassagen – alles völlig sexfrei. Die Maids sind fallweise selbst Stars, Stars aus der Maid-Szene nachempfunden, oder Stars, die der Maid-Szene nachempfunden sind, nachempfunden.
Dazu kommen dann noch die zwei Sega-Gebäude mit Spielewahnsinn, Fanshops (für Maids, Mangas oder eben Sega-Spiele) und Riesen-Screens (fallweise drei pro Häuserfront) die den neuesten Maid-Pop oder wieder Spiele ankündigen.

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Mangas

Noch so ein Japan-Klischee, dass sich wiederfinden lässt. In der U-Bahn spielt man entweder (am Smartphone), schläft oder liest Mangas (reden und telefonieren sind – siehe oben unter Verbote – nicht gern gesehen; regelmässige Durchsagen mahnen sogar dazu, Handys lautlos zu stellen). Jeder Seven Eleven oder Family Mart hat neben den Zeitschriften noch ein eigenes Manga-Regal (oder drei), vor dem auch zu jeder Tageszeit drei Menschen (erwachsene Männer im Bürooutfit) stehen und blättern.

Spielhallen

Wenn die automatischen Schiebetüren aufgehen, entlassen sie ihre Gäste mit einem bösartigen Zischen: In den allgegenwärtigen Spielhallen herrscht ein Höllenlärm, wenn Menschen ab dem frühen Nachmittag dicht gedrängt Automaten bearbeiten. Beinahe so häufig wie Seven Elevens, meist sind im Erdgeschoß Pachinkos (eine Art Flipper), im Obergeschoß (oder Hinterzimmer) Slot-Machines. Das Publikum ist bunt gemischt, aber eher älter (Mitte 30+).
Spielhalle

Toiletten

Das traditionelle Klo ist ein Loch im Boden. Das ist mir allerdings nur vereinzelt in manchen U-Bahn-Stationen begegnet. In Lokalen und Hotels setzt man auf Hi-Tech-Geräte mit Sitzheizung, Vorspülung, Dusch-Programmen (getrennt zwischen Mann und Frau anwählbar) und automatischen Zwischenspülungen. Manche haben zusätzlich einen mechanischen Spülhebel. Ausschliesslich auf japanisch beschriftete Technikwunderwerke ohne diesen Notfallsknopf lassen einen dagegen ganz schön ratlos zurück …
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Clubs, Ausgehen

Verbote sind der erste Vorbote. Nicht essen, nicht im gehen rauchen, keine Fotos, keine Teenies, keine Tätowierungen (ich hatte eine Jacke an und konnte also nicht herausfinden, wie ernst gemeint das ist) – jeder Club-Eingang wird ebenfalls von locker zwanzig Verbotsschildern geziert.
Die größeren Clubs sind in Shibuya (die geschleckteren in Roppongi), drin geht es dann relativ entspannt zu – schnelle und günstige Drinks in Plastikbechern und sagen wir mal eigenwillige Musikmixes: Die Kombination von Bon Jovi, Daft Punk und Alexandra Stan (alles mit Karaoke-Texten hinterlegt) hätte mich wohl einen Schneidezahn gekostet, wenn es nicht ein Plastikbecher gewesen wäre, den mir der Rempler einer spätestens bei Alexandra Stan restlos begeisterten Mädelsgruppe gegen die Zähne gerammt hat.

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Mitteleuropäische Arbeitstage: Bukarest


Was in Bukarest auffaellt: Der Audi Q5 verdraengt langsam den Porsche Cayenne aus dem Stadtbild. Und wenn es dunkel wird, ist es stellenweise finster – richtig finster. Die beeindruckenden Kabelinstallationen, die zu den unverkennbaren Bukarester Wahrzeichen gehoeren, scheinen gelegentlich Schwaechen zu haben. Die an sich schon spaerliche Strassenbeleuchtung verzichtet auch manchmal mitten in der Stadt darauf, ihren Dienst zu tun. Eine europaeische Hauptstadt strassenweise in voelliger Finsternis – das hat Seltenheitswert. Hausbesitzer wissen damit umzugehen und beleuchten ihre Vorgaerten mit eigenen Spots – was auch fertigen und gepflegten Haeusern einen gewissen Baustellencharme verleiht.






Bukarest wirkt wie eine orientalische Stadt, die im vorvorigen Jahrhundert auf Paris- oder London-Style umgebaut wurde. Dazu kommen ein paar kommunistische bis mediterrane Plattenbauten und der eine oder andere klassizistische oder ebenfalls kommunistische Protzpalast.
Zwischen all dem ist die Stadt bedrueckend schoen – und so verfallen, dass kaum zu glauben ist, dass Ceausescus Hinrichtung schon 20 Jahre her ist. Auch das Denkmal fuer die ueber 500 Toten des 21. Dezember 1989 ist ein windschiefes Eisenkreuz.
Ich hab ja eine Schwaeche dafuer; jedermanns Sache ist das vielleicht nicht.
Die Lipscani Zona, das Viertel um die ehemalige Leipziger Strasse direkt neben dem Finanz- und Kulturzentrum bietet ein paar Antiquitaetenlaeden, einen ueberteuerten Carhartt-Shop, Hippie-Laeden – und alte rumaenische Troedler. Designershops sind recht lieblos die Calea Victoriei entlang gefaedelt – so unauffaellig, dass man sie im Vorbeigehen praktisch uebersieht, vielleicht auch weil man auch als Fussgaenger auf den Gehsteigen immer wieder auf Schlagloecher achten muss…
Bukarest ist weniger eine Einkaufsstadt, aber – in Reichweite – ein Tor zu einer sich aendernden Welt: Nicht ganz unbekannt, aber schon deutlich anders.

Und dann sind da natuerlich noch die Hunde: Sie schlafen in Buswartehuetten, unter Autos, in Parks. Anscheinend werden sie gefuettert und versorgt, viele sind mit gelben Ohrmarken gekennzeichnet und immer wieder liegen Futterreste auf der Strasse. Und sie sind durchaus liebenswert.

Was blieb haengen:

  • Zona Lipscani: Eine der schoensten Kombinationen von Aufbau und Verfall in Europas Staedten.
  • Piata Romana: Ein ueberdimensionaler Cola-Becher mit Strohhalm leuchtet an der Fassade eines Hauses an der Suedwestseite. Das macht Freude. (War allerdings an diesem einen Abend auch ohne Strom…)
  • Kabelrollen und Schlagloecher: Die wahren Wahrzeichen dieser Stadt.
  • Unscheinbares Shopping: Designerlaeden sind da, aber ohne Raum zu greifen oder den Platz zu besetzen. Das liegt vielleicht auch daran, dass noch offen ist, welcher Platz besetzt werden soll, was das zukueftige Zentrum werden soll. Bukarest hat mehrere gleichwertige Zentren – und das ist einer der groessten Hoffnungswerte fuer die Stadtentwicklung…

Mitteleuropäische Arbeitstage: Belgrad

Am Flughafen herrscht Rauchverbot, der Taxifahrer schnallt sich an – beides war nicht immer so.
Der Taxifahrer spricht englisch – auch das ist neu. Er stellt die ueblichen Fragen (oft hier? Verheiratet? Viel unterweg?) und verlangt trotz vorangehender Verhandlungen den dreifachen Preis. Das ist nicht neu. Wir einigen uns auf das eineinhalbfache des empfohlenen Preises. Dafuer bekommt er kein Trinkgeld.
„Dies ist eine lächerliche Hauptstadt; sogar noch schlimmer, eine anrüchige Stadt, schmutzig und desorganisiert. Seine Lage aber ist umwerfend“, schrieb Le Corbusier 1910 ueber Belgrad.
Die alte Stadt karmpft mit dem Altern, in Novi Beograd am anderen Ufer der Save wirken Wohnblocks in Stil von Raketenabschussrampen, mit in die Fassaden gerissenen Loggiaschluchten und der allgegenwaertigen Klimaanlagen-Satellitenschuessel-Kombination wie Kriegsveteranen. Es handelt dich aber um Architektur. Kriegsschaeden sind nicht mehr sichtbar.



Kalemegdan, die Hauptattraktion, ist ein Park mit Ruinen und weiter Aussicht.
Von dort fuehrt die Knez Mihajlova, die einzige Fussgaengerzone, durch die Stadt. Die meisten Geschaefte haben bis 21 Uhr geoeffnet. Und auch nach Ladenschluss, waehrend rundherum ein bisschen Nachtleben entsteht, sind die Geschaefte nicht leer. Es wird aufgeraeumt, inventiert, renoviert, umgebaut – selbst ist derGeschaeftsmann.
Bei einem Durschnittseinkommen von 300 Euro zaehlt Selbermachen zu den effizientesten Investitionen. Ueberziehungszinsen fuer das Bankkonto liegen inflationbedingt fuer in Dinaren gefuehrte Konten bei bis zu 45%. Krise hatten wir immer schon, nehmen es die Serben gelassen.
Die Zahl der Menschen in Kaefigen ist auffaellig hoch: Sie sitzen oder stehen in winzigen Staenden, verkaufen Nuesse, Kaugummis, Bier. Manche stehen nur in Ecken und verkaufen Blumen oder Sonnenbrillen.
Außerhalb der Fussgaengerzone und der wenigen touristisch aufgeschlossenen Strassen ist schwer zu erkennen, wie die aktuelle Umgebung einzuschaetzen ist. Oeffnet der Boardshop die Rollbalken am naechsten Morgen wieder? Sitzen die Kids abends im Park, weil sie kein Geld haben, oder weil sie bei ihrer Beschaeftigung keine Zeugen brauchen koennen?

Trotzdem – auch von nur einem Abend – ein paar sehr subjektive brauchbare Erinnerungen:

  • Supermarket: Concept Store nach Berliner oder Amsterdamer Vorbild; Bar, Restaurant, Shop, Ausstellungsflaeche und Spa in einem.
  • Ramax – made in Serbia: Minishop des serbischen Modelabels Ramax in der Milleniumcity, einer kleinen Passage an der Knez Mihajlova.
  • Die Bruecken und Ufer von Donau und Save zu jeder Tages- und Nachtzeit: Nicht jedermanns Sache, aber trotzdem den extra Fussweg wert.
  • Und schließlich: immer wieder Gelegenheiten in den Buchantiquariaten der Stadt – auch in mehreren Sprachen.