Dinge

Ich glaube, es war eine Kunstfigur von Josef Hader. Ein zurückgezogener, etwas menschenscheuer bis menschenfeindlicher Typ, der nicht wirklich viel mit seiner Umgebung anzufangen wusste. „Ich mag ja Menschen nicht so“, sagte er dann irgendwann im Programm. „Ich mag lieber Sachen“, sagte er mit einer schwärmerischen streichelnden Handbewegung, mit der andere Kurven, glänzendes Blech oder funkelnde Schätze beschreiben würden.
Sachen waren dabei aber keine Sammlerstücke, keine glänzenden besonderen Erinnerungsstücke, sonder einfach Dinge, die man in die Wohnung, ins Regal stellen konnte. Sie reden nicht zurück, sie hören zu, sie sind austauschbar und sie sind einfach immer da.
Haders Figur war kein cooler Typ, eher ein bemitleidenswerter Nerd, ein weinerliches Häufchen Elend, aus dem mit wenigen Schritten auch ein Psycho-Amokläufer werden könnte.
 
Oder ein erfolgreicher Instagram-Influencer, Shop-Betreiber oder Creative Director eines Lifestyle-Magazins. Ich muss immer wieder an Haders Dinge-Liebhaber denken, wenn ich irgendwo, recht weit von Wien entfernt – durch Stadtteile spaziere, die ein Abklatsch voneinander sind und dabei eigentlich auch ein Abklatsch von Bildern, die es außerhalb gezielt gestalteter Lifestyleblätter nicht gibt. Zumindest nicht als funktionierende Praxis.
Café-Bars mit absurden Öffnungszeiten, in denen man weder einen Morgenkaffee noch abends einen Drink nehmen kann (weil sie nur von 10-18 Uhr geöffnet sind), Yogastudios und dutzende Kunsthandwerks- oder Interiordesign-Läden in denen es, naja, Dinge zu kaufen gibt. Dinge, die es überall auf der Welt gibt.

Manchmal gerate ich auch in DIY-Höllen in Hotel oder AirBnB-Wohnungen: Umgebungen, in denen sich Dinge stapeln, die keine Bedeutung, keinen Nutzen und keine Funktion haben. Als Massenware nicht mal Erinnerungswert. Gut, manche wurden auch individuell gefertigt – natürlich angeleitet von Bestsellern wie dem Buch: „DIY Jutetaschen“. Oder von schlauen Listicles mit dem verräterischen Schlagzeile „DIY zum Selbermachen“.

Am Anfang dieser Entwicklung hin zur Verbreitung des immer gleichen standen vielleicht große Handelsketten, die die Weltmärkte erobert haben. Jetzt sind es betonte Individualisten, „Love-what-you-do“-Prediger, „Enjoy Life“- und „Follow your Dream“-Apologeten, die, wenn sie nicht gerade in Podcasts austauschbare Predigten halten, eben Shops eröffnen, in denen tolle Blumenvasen, Buchstaben (“LOVE“!) oder Buddhastatuen verkauft werden. Natürlich individuell, natürlich mit Design und natürlich mit einer Story dazu, denn die ist ja alles. Und auch immer die gleiche.
 
Und sie mögen eben Dinge. Weil Dinge der Persönlichkeit Ausdruck verleihen, sich widerstandslos in eine Inszenierung einfügen und auch wieder weggeworfen werden können. Und es denkt sich niemand mehr etwas dabei, Lifestyle-Magazinen den Untertitel „Dinge die wir lieben“ zu verleihen.
Dinge beschweren sich ja dann vielleicht auch weniger über die Art und Weise, in der sie ins Blatt gerückt werden. Sie reden eben nicht zurück.

Ostafrika: Zukunft auf dem Motorrad

„Was für ein Nischenthema“ – damit müssen wir immer wieder selbst beginnen, wenn wir unser Foto- und Reportagebuch „The Big Boda Boda Book“ vorstellen. Ein eigenes Buch über die Lebenswelt ostafrikanischer Motorradtaxis?
Tatsächlich.
Allerdings sind die Motorradtaxis in Kenia und Uganda nicht nur ein farbenfrohes Phänomen am Straßenrand – Fahrer werben mit bunten Dekorationen um Fahrgäste – sondern auch ein wichtiger Wirtschaftsfaktor der Region. Studien der Makerere Universität in Kampala zufolge leben zwei Millionen Menschen von den Boda Boda Branche – das sind fünf Prozent der Bevölkerung. Zum Vergleich: In Österreich leben fünf Prozent der Bevölkerung von der Landwirtschaft.
Porträts der Boda Boda-Fahrer sind somit Porträts des Alltags in Afrika.
Was diese Tatsache unterstreicht: Google bietet seit dieser Woche erweiterte Navigationsservices für Motorradfahrer an, ein Service, das vorerst nur für Ostafrika mit dem Schwerpunkt in Kenia angeboten wird.
Boda Bodas sind das wichtigste Transport- und Verkehrsmittel in Ostafrika, die Motorräder sind die einzige Möglichkeit, durch den zum Ersticken dichten Verkehr in den Städten zu kommen oder über holprige Staubpisten abgelegene Dörfer zu erreichen. Es gibt nichts, was nicht mit Boda Bodas transportiert werden könnte – seien es Kinder auf dem Weg zur Schule (in Ermangelung eines Schulbusses), ganze Familien, Bettgestelle, dutzende Wasserkanister – oder sogar Tote auf ihrem letzten Weg (sei es im quer über den Sattel geschnallten Sarg oder eingeklemmt auf dem Sattel zwischen Fahrer und Begleitperson).
Die Branche ist eine der wenigen Zukunftsperspektiven für junge Menschen in einer Region, in der es praktisch keine Jobs gibt. Auf das Motorrad zu steigen, ist für Jugendliche ein ganz klarer Zukunftsplan, und viele ältere Fahrer haben noch nie in ihrem Leben etwas anderes gemacht.
Die Fahrtrouten sind oft abenteuerlich. Die Motorräder sind schwer bepackt wie Lastwägen und nehmen in der Stadt oft Abkürzungen über Verkehrsinseln, Grünstreifen, Gehsteige, Hinterhöfe oder sogar Stiegenabgänge, am Land sind es Staubpisten, trockene Flussbetten oder in der Regenzeit schlammige Rinnsale. Hier setzen die zusätzlichen Navigationsfunktionen von Google an, um alternative, aber noch sichere Routen zu empfehlen.
 
The Big Boda Boda Book ist ein Bild- und Reportageband, der die Branche portraitiert, Geschichten vom Alltag in einer von Afrikas Millionenstädten erzählt und junge Ugander auf ihrem oft holprigen Weg zum Kleinunternehmer begleitet. Für das Buch haben wir über zwei Jahre hinweg mehr als 50 Interviews geführt, Fahrer und ihre Familien besucht und Material gesammelt, um ein Stück afrikanischen Alltag verstehen zu lernen.
 
Das Buch gibt es hier oder im guten Buchhandel.
 

Digitalsteuern – Uganda macht’s vor

Europa bekommt seine Uploadfilter, Linksperren und noch ein paar Hürden, die das Internet zu einem schwierigeren Ort machen. Österreich fabuliert weiter von Digitalsteuern, mit denen Konzerne zur Kasse gebeten werden. Nichts davon wird das Internet besser machen oder Menschen einen Nutzen bringen.
Wie schon die Erfahrung mit der Datenschutzgrundverordnung gezeigt hat: Wem es nicht weh tut, der hält sich daran, andere ignorieren Vorgaben und wieder andere sperren eben einfach europäische Anwender aus. Vorgaben, die Anwender schützen sollen, fallen auf diese zurück; Regelungen, die europäische Anbieter bevorzugen sollen, treffen diese besonders hart – denn sie können sich ihnen nicht entziehen.

Ugandas Präsident Yoweri Museveni, der in den vergangenen Jahren immer wieder mit schlechten Ideen auffiel und zur Zeit wegen seines grundrechtswidrigen Umgangs mit Kritikern und Opposition auch international schwer unter Druck ist, hat für dieses Internet ungefähr genauso viel übrig wie Wolfgang Schüssel  oder Wolfgang Lorenz.
Besonders Social Media sind ihm ein Dorn im Auge: Hier verschwenden junge Uganderinnen ihre Zeit, anstatt für das Land zu arbeiten oder Kinder zu machen, hier reden sie schlecht über das Land und hier tragen sie ihr Geld ins Ausland – denn die internationalen Konzerne hinter Social Media lassen schließlich kaum Geld im Land. Also muss eine Social Media-Steuer her.

Während man in Europa immerhin noch so tut, als sollten Konzerne diese Steuer zahlen (und sie dann über Preise an ihre KundInnen weitergeben), ging man in Uganda den ganz direkten Weg. Eigentlich glaubte niemand daran, dass es diese Steuer je geben würde – aber seit wenigen Wochen wird sie eingehoben. Netzbetreiber, die in Uganda Internet anbieten, müssen den Zugang zu Social Media sperren. Gegen eine tägliche Zahlung von 200 Ugandischen Schilling (etwa 5 Cent) wird diese Sperre aufgehoben. Die Zahlung wird vom Datenguthaben der UserInnen abgezogen oder per Mobile Payment beglichen. Sie können dabei täglich neu entscheiden, ob sie heute Social Media nutzen wollen oder nicht.
Man kann das Internet also leichter kaputt machen, als wir vielleicht glauben wollen …

Wo ist Bobi Wine?

Er trägt einen zerrissenen Anzug, von seinen Handgelenken baumeln noch die Reste gesprengter Ketten, seine Krawatte mit der ugandischen Flagge flattert energisch im Wind, als er mit trotz allem entschlossenem Blick durch eine verbrannte Landschaft stolpert. Das waren die Filmplakate zu „Situka“ („Call for Action“), einem ugandischen Politik-Liebesfilm, in dem der Held für Gerechtigkeit kämpft.
Das war 2015, Hauptdarsteller war der ugandische Musiker und Schauspieler Bobi Wine, mit bürgerlichem Namen Robert Kyagulanyi. 2017 wurde Kyagulanyi im Zuge einer Wahlwiederholung in seinem Wahlkreis in das Parlament Ugandas gewählt. Seit 16. August 2018 wird Kyagulanyi in einem ugandischen Militärgefängnis festgehalten, seine Frau berichtet, dass er vor lauter Schwellungen und Verletzungen kaum wiederzuerkennen ist und kaum alleine stehen kann.
 
Auch das ist eine Geschichte aus einer christlichen afrikanischen Demokratie, einem Land, das aus dem kaum Flüchtlinge nach Europa kommen, sondern das im Gegenteil selbst Millionen von Flüchtlingen aus dem Südsudan aufnimmt. Uganda ist auch das Land, das am dichtesten von obskuren christlichen amerikanischen Kirchen heimgesucht ist und eines der beliebtesten Ziele für NGOs und Entwicklungshelfer ist.
 

Vom Befreier zum Diktator

Was ist in den nicht einmal zwei Jahren von Kyagulanyis politischer Karriere passiert? Um die Ereignisse des letzten Jahres zu verstehen, muss man ein wenig weiter ausholen: Uganda wird seit 1986 von Yoweri Museveni regiert. Nach den Diktaturen von Idi Amin und Milton Obote galt Museveni als Anführer der National Resistance Army (NRA) als große Hoffnung für ein demokratisches Uganda. Ein weiteres führendes Mitglied der NRA war im übrigen Paul Kagame, der später als Anführer der Front Patriotique Rwandaise nach dem Genozid in Ruanda 1994 das Land befreite und seit damals dort Präsident ist.
Museveni predigte in seinen politischen Anfängen marxistische Parolen, hatte später liberale Ansätze, erfand eine Zahnpasta aus Mutete-Gras, zeigte sich dann als (sehr) guter Christ (in Uganda sind überdurchschnittlich viele obskure amerikanische Kirchenableger verankert, um von dort aus die Umgebung zu missionieren) und fiel zuletzt durch immer obskurere Maßnahmen auf. Erst führte er strenge Gesetze gegen Homosexualität ein, die auch Freunde und Verwandte, die Schwule oder Lesben nicht anzeigen, mit Strafen bedrohen. Ursprünglich vorgesehene Todesstrafen wurden bislang nicht umgesetzt. Dann ließ er „Pornoscanner“ anschaffen, die pornografische Bilder auf Computern und Smartphones entdecken sollen, liebäugelte damit, Oralsex zu verbieten und führte schließlich eine Social Media-Steuer ein: Wer WhatsApp, Twitter, Facebook und Instagram nutzt, soll künftig 200 Shilling (etwa 5 Cent) täglich an zusätzlichen Steuern bezahlen. Wie das genau umgesetzt werden soll, ist noch offen.
Ende 2017 schließlich ließ Museveni ein in der Verfassung verankertes Alterslimit für Präsidenten entfernen, um länger im Amt bleiben zu können. Museveni ist 74 und damit faktisch Präsident auf Lebenszeit.
 

Vom Reality-TV-Star zum Oppositionshelden

Robert Kyagulanyi hatte eigentlich eine gut laufende Musiker- und Schauspieler-Karriere, bevor er Parlamentsabgeordneter wurde. In der Reality Show „Ghetto President“ war er schon etwas wie ein Politiker, mit der Wahl wurde er es tatsächlich. Und entgegen den Erwartungen nahm er seine Rolle tatsächlich ernst – so ernst, dass sie für ihn lebensbedrohlich wurde.
Rund um die Aufhebung des Alterslimits entwickelten sich Ende 2017 zahlreiche meist friedliche Proteste. Bei hitzigeren Debatten kam es allerdings sogar im Parlament zu einer Schlägerei.
Gegner der Aufhebung trugen rote T-Shirts oder Stirnbänder, die im Lauf der Zeit auch zu Kyagulanyis neuem Markenzeichen wurden. Im Lauf der Zeit wurden Demonstranten immer häufiger angegriffen – vorgeblich von Museveni-treuen Bürgern. Recht bald allerdings stellte sich heraus, dass die Angreifer bezahlte Schlägertrupps waren, die vor allem unter Boda Bode-Fahrern rekrutiert wurden. Boda Bodas sind die Motorradtaxis Ugandas, die eine wichtige Verkehrsinfrastruktur sind, eine der wenigen Job-Perspektiven für junge Menschen bieten. Die großen Organisationen, die diese Branche regieren, haben manchmal auch Kontakte zur Kriminalität (mehr über Boda Bodas liest man in „The Big Boda Boda Book“). Im Jänner 2018 wurden denn auch die Bosse einer Boda Boda-Association und hochrangige Polizisten in spektakulären Razzien verhaftet.
All das fütterte eine Protestbewegung, die Kyagulanyi bis zuletzt anführte und zu der auch einige weitere Parlamentarier gehören. Als Bobi Wine war Kyagulanyi selbst keineswegs immer ein reiner Demokrat. Noch 2014 wurde ihm wegen seiner homophonen Texte ein Visum für Großbritannien verweigert. 2016 entschuldigte er sich dafür, suchte das Gespräch mit afrikanischen LGBTI Aktivistinnen und schwor sich und seine Fans auf Toleranz ein.
Als Neo-Parlamentarier suchte er erst den Kontakt zu liberalen Abgeordneten, wurde von diesen aber als schwer handelbar eingeschätzt und setzte seinen Weg allein fort. Das Katz-und-Maus-Spiel mit dem Establishment schien Anfangs auch Teil seiner Inszenierung zu sein: Immer wieder entwischte er Verhaftungen oder Polizeikontrollen, einmal auch spektakulär mit dem Boda Boda, während sein Auto mit Reifenkrallen blockiert war. Das lieferte tolle Bilder, seine Karriere als Musiker schien ihn gegen gröberen Ärger zu immunisieren. Immerhin war er auch schon als Gast der Gates-Stiftung in den USA und hatte so schützende internationale Aufmerksamkeit.
 

Der Präsident kennt keine Nachsicht

Vergangene Woche war es im Zug einer weiteren Nachwahl in einer Kleinstadt zu neuen Protesten gekommen. Kyagulanyi war in der Stadt, um einen Oppositionellen zu unterstützen, Museveni war ebenfalls in der Stadt, um seinen Kandidaten zu promoten. Beim Abzug des Präsidenten-Konvois sollen Steine geflogen sein, die das Auto des Präsidenten beschädigt haben.
Sicherheitskräfte verhafteten mehrere Demonstranten, darunter auch andere Parlamentsabgeordnete und erschossen Kyagulanyis Fahrer, während der im Auto wartete.
Kyagulanyi gab an, während all dieser Proteste in seinem Hotelzimmer gewesen zu sein, wo er dann auch verhaftet wurde.
 
Seither ist die Geschichte etwas undurchsichtig. Kyagulanyi war für ein paar Tage verschwunden, man fürchtete um sein Leben. Bilder der anderen ebenfalls verhafteten Abgeordneten (Francis Zaake, Gerald Karuhanga, Paul Mwiru and Kassiano Wadri) tauchten einige Tage später auf, die zeigten Spuren von Misshandlungen. Kyagulanyis Frau, die ihn einige Tage später besuchen konnte, berichtete von einem schlimm misshandelten Mann, der kaum wiederzuerkennen war und sich kaum auf den Beinen halten konnte. Einen Tag später veröffentlichten offizielle Stellen ein Foto Kyagulanyis, auf dem keine Verletzungen zu erkennen sind, allerdings wirkt sein Gesicht durchaus deformiert.
 

Gewinnen die Herausforderer trotzdem?

Ist das eine weitere Episode voll Willkür und Korruption? Es könnte auch das Gegenteil werden. Ugander reden über die Ereignisse. Mit seiner mittlerweile ein Jahr laufende Kampagne hat Kyagulanyi genug Reichweite um Aufmerksamkeit erzielt, um sein Bild in der Öffentlichkeit selbst steuern zu können. Journalisten, Intellektuelle und ganz normale Bürger reden über die Ereignisse. Während Ältere auch etwas resigniert klingenstellen Studenten der Regierung sogar ein Ultimatum – Kyagulanyi muss innerhalb von vier Tagen freigelassen werden, sonst soll Kampala mit Demonstrationen überzogen werden.
 
Und Kassiano Wadri, der unabhängige Kandidat, wegen dessen Kandidatur die letzten Unruhen überhaupt erst passiert sind, hat die Wahl gewonnen.
Kyagulanyi muss allerdings am 30. August als Verräter vor Gericht.

»Hoffentlich nicht Ebola …«

Man kann den Blick auch mal umkehren: Nkaicha Atemnkeng schreibt eine bitterböse Persiflage auf Nicht-Afrikaner, ihre Angst vor Ebola und vor Eidechsen in den Servier-Trolleys von Flugzeugen.
Es ist noch keine Woche her, dass sich eine EU-Abgeordnete der VP dumme, rassistische Ausrutscher leistete, vor denen ihr dann offenbar selber grauste.
Der Staub hat sich gelegt, Vorurteile und Feindbilder wurden einmal mehr bedient. Statt es dabei zu belassen, greife ich jetzt immer wieder mal ins Bücherregal und lese nach, was afrikanische Autorinnen und Autoren so über Europa sagen.
Empfehlung des Tages ist heute Nkaicha Atemnkeng aus Kamerun, der in „Wahala Lizard“ eine böse und tiefschwarze Persiflage auf die Panik Nichtafrikanischer Mitreisender schreibt, nur weil jemand seine Übelkeit während eines Flugs über Nigeria scherzhaft mit „Na hoffentlich ist es nicht Ebola“ kommentiert. Als dann eben noch eine Eidechse aus dem Servier-Trolley im Flugzeug krabbelt, versinkt der Flieger gänzlich im fröhlichen Chaos – „wahala“ ist das Hausa-Wort für „terrible mess“.

„Wahala Lizard“ ist in der 2015er Anthologie des Caine Prize erschienen. Der Caine Prize ist ein jährlicher Wettbewerb für afrikanische Autorinnen und Autoren, die ausgezeichneten Einsendungen werden jedes Jahr in einer Anthologie in mehreren Ländern veröffentlich und sind auch online recht leicht zu bekommen.

Atemnkeng arbeitet als Kundenbetreuer am Flughafen in Douala in Kamerun. und bloggt gelegentlich hier .

„Imageplünderung und nekrophile Ausbeutung in ihrer schlimmsten Form“

Eine Politikerin sagt dummes Zeug über Afrika. Andere Politiker empören sich und sagen ebenfalls viel dummes Zeug. Man kann versuchen, dem ein paar Argumente entgegenzuhalten. Ich habe das auch gemacht, man landet damit aber gleich auf dünnem Eis.
Oder man kann afrikanische Schriftsteller, Intellektuelle oder Geschäftsleute selbst sprechen lassen. Den Anfang macht Moses Isegawa, der 1990 auf Einladung einer NGO nach Amsterdam kam, um beim Spendenkeilen zu helfen. Deren Marketingmaterial war seine erste Begegnung mit dem Afrikabild in Europa. In seinem Roman „Abessinische Chroniken“ beschreibt er das ziemlich deutlich:
 
„Internationale Bettelei, Imageplünderung und nekrophile Ausbeutung in ihrer schlimmsten Form warteten auf meinen Genehmigungsstempel. Man legte mir Bilder von Kindern vor, die mehr tot als lebendig und deren Augen, Münder, Nasenlöcher und Kleider dicht von Fliegen besetzt waren. Ihre Hilfeschreie schwebten wie eine dämonische Aura über ihren Köpfen und nahmen mir jede Lust auf meine neue Aufgabe. Ich zitterte und sehnte mich nach einem Schnaps.
 
(…)
 
Die Rohheit ihrer Propaganda sprach Bände, was ihre Organisation und deren Zielgruppe anbelangte. Offensichtlich befand ich mich unter weit kaltblütigeren Schurken, als ich einer war, und würde mein ganzes Wissen revidieren oder über Bord werfen müssen.
 
(…)
 
Doch die Kartelle und die Haie der Entwicklungshilfe-Industrie waren zu weit gegangen und standen mit dem Rücken zur Wand. All die Leichen, all das fliegenumlagerte Gebettel und der pathetische Appell an ihren schwankenden Edelmut hatten die gleichgültigen Reichen noch gleichgültiger gemacht. Einige der Haie hatten ihren Fehler inzwischen eingesehen und versuchten nun, ihren nekrophilen Aktivitäten und ihrer fliegenumschwärmten Geldschneiderei einen humanen Touch zu geben.
 
(…)
 
Was mir den Rest gegeben hatte, war das Foto einer ausgemergelten jungen Frau, über dem in riesigen Lettern ein schriller Spendenaufruf stand. Sie lag auf einer Matte, das ausgezehrte Gesicht nach oben gewandt, die Augen in verschleimten Höhlen schwimmend (…) Das Geld, das dieser Kadaver einbrachte, würde tröpfchenweise nach Afrika gelangen und im Rahmen internationaler Schuldentildung postwendend wieder zurückfließen. Der afrikanische Kontinent war wie Tante Lwandeka in ihren letzten Tagen: Das wenige an Nahrung, das oben hineinging, kam unten sofort wieder heraus. (…) Es waren im Grund keine bösen Menschen, zumindest nicht verglichen mit den Mördern, die bei uns frei herumliefen, aber es war schlechte Gesellschaft, in der ich mich keinen Tag länger bewegen mochte.“
 
Isegawa verließ die NGO nach wenigen Tagen, lebte einige Jahre als U-Boot in den Niederlanden, war dann eine Zeitlang ein gefeierter Schriftsteller und kehrte einige Jahre später nach Uganda zurück. Einige seiner Bücher sind auch auf deutsch erschienen; alle sind lesenswert.
 

PS: Um Selbstbilder afrikanischer Geschäftsleute geht es auch in „The Big Boda Boda Book“ am Beispiel der Motorradtaxis Ugandas, einer Branche, die praktische das ganze Land trägt.

 

Afrika: „Die da unten“

Es ist ja fast schön, wenn jemand eine Überforderung und Ahnungslosigkeit so offenherzig eingesteht. Weniger schön ist, wenn diese stumpfsinnige Inkompetenz zur Handlungsmaxime werden soll – nach dem Motto „Ich kann das nicht, also ist es schlecht.“
Wenn sich die VP EU-Abgeordnete Claudia Schmidt von „Afrika“ überfordert fühlt, ist das ihr gutes Recht – sie sollte nur ihren Platz für jemanden räumen, der sich der Sache stellen will, anstatt abgrundtiefe Dummheiten von sich zu geben.
Natürlich wird sich weder durch einen Exodus nach Europa noch durch Milliarden weiterhin fehlgeleiteter Entwicklungshilfe an den in vielen Regionen Afrikas vorhandenen Problemen etwas ändern. Wer erwartet denn auch so was?
Ändern kann sich dann etwas, wenn mehr Menschen in Afrika das Selbstbewusstsein einer Mittelschicht verinnerlichen – einer Schicht, die sich nicht alles gefallen lässt, dummen Politikern deren Dummheit aufzeigt, unabhängig und frei wirtschaftet, im Idealfall auch reist. In manchen afrikanischen Ländern ist derartiges etabliert, in anderen weniger.
Bislang leisten China und Indien weit mehr Beiträge, diese Entwicklung zu fördern: Sie betreiben Handel und investieren in Infrastruktur. Europa kann sich das nicht leisten – europäische Güter und Dienstleistungen sind zu teuer. – Das ist einer von vielen Gründen, warum Europa hier in einer eher passiven Rolle ist. Diese könnte man auch nützen, um zu lernen.
 
Lösungen wird es weder in einem entbehrlichen Facebook-Posting noch in einem (oder vielen) Blogbeiträgen geben.
Aber ein paar Anregungen vielleicht:
  • Europa sieht sich noch immer gern in einer Entdecker-Rolle. Lange bevor Vasco da Gama Afrika umsegelte, um nach Indien zu gelangen, gab es allerdings überaus lebendige Handelsbeziehungen zwischen Afrika, Indien und dem arabischen Raum. Nicht Afrika war von der Welt abgeschnitten – Europa war es, das weniger Kontakte zu Außenwelt hatte. Und Europa hinkt heute noch hinterher – wie ein Kind, das gerne mitspielen möchte, aber unbedingt und ausschließlich nach seinen eigenen Regeln spielen will; wie jemand, der Fussball spielen möchte, während alle anderen Basketball spielen.
  • Leid, Unterdrückung und Grausamkeit als Eigentümlichkeiten „afrikanischer Kultur“ zu sehen, zeugt von merkwürdiger Vergessenheit. Und selbst wenn man die Kriegsvergangenheit Europas genauso vom Tisch wischen möchte wie Schmidt das mit der Kolonialzeit probiert, dann könnte man ja den großen Europäer Putin in dieser Angelegenheit zu Rate ziehen, wenn er schon zur  Hochzeit von Regierungsmitgliedern eingeladen wird.
  • Mit unkontrollierter Migration schließlich hat all das wenig zu tun. Man könnte jetzt genauso gut 10x hintereinander „Balkanroute“ rufen – auch damit kommt man zu einem Thema, über das die VP offenbar gern redet, unabhängig davon, ob und wo es passt.
  • Natürlich gibt es kulturelle Unterschiede zwischen „Afrika“ und „Europa“ – so wie zwischen faulen Italienern und fleißigen Deutschen, stolzen Spaniern und diebischen Rumänen, trinkfesten Finnen und zurückhaltenden Engländern. Man kann sich mit solchen Idiotenklischees beschäftigen. Oder man kann etwas aufmerksamer durch die Welt gehen, vor allem wenn man den Anspruch hat, diese politisch mitgestalten zu wollen.
 
Und ziemlich niederträchtig ist es, wenn Schmidt am Tag nach ihrem zweifelhaften Posting Diskussionskultur und Lösungsvorschläge einfordert statt ihr nicht genehmer Kritik. Jemand richtet einen Sauhaufen an, schürt Vorurteile und befeuert Ressentiments und fordert dann andere zu Lösungsvorschlägen auf, am besten noch als gemeinsame Lösung für Dinge, die grundsätzlich gar nicht zusammen gehören. Das muss diese politische Talent sein, dass man auch dem Herrn Kurz so gern und oft zugesteht.
 
Nachtrag: Ich habe diesen Text einen Tag liegen lassen, um ihn noch mal zu lesen und darüber nachzudenken. Frau Schmidt hat ihren Text offenbar auch noch mal gelesen – und beide Postings gelöscht. Auch eine Möglichkeit, Politik zu machen. Und das führt mich wieder an den Anfang dieses Textes zurück.

Ankommen: Lissabon

Die ersten Eindrücke einer neuen Stadt, eines neuen Landes – was bleibt hängen, und welchen Erinnerungen prägen die Bilder, die man mit sich nimmt? 
 
In Lissabon waren es Dealer. Portugal war gerade erst am wirtschaftlichen Crash vorbeigeschrammt, um Haaresbreite dem Schicksal Griechenlands entronnen. Die Zeiten waren nicht besonders gut; abbruchreife Häuser und geschlossene Läden waren die sichtbarsten Zeichen einer lange andauernden Krise. Und dann waren da die Dealer. Der Bus vom Flughafen endete am Cais do Sodre, am Tejo-Ufer, beim Bahnhof, von dem aus Züge zuden noblen Badeorten der Atlantikküste fahren und am Fuß des Bairo Alto, des steil-hügeligen Altstadtviertels mit den Kabelstraßenbahnen.
 
Aus dem Bus stiegen Familien, Menschen mit Gepäck, Urlauber, die ihre Hotels suchten, es war früher Nachmittag. Dealer boten Hände voll Marihuana und Plastikbeutel voll Kokain an. Es waren keine Jungs, keine Gangs auf der Suche nach schnellem Geld. Es waren alte Männer jenseits der 60 in sauberen karierten Flanellhemden, die sich nach wohl Jahren der Arbeitslosigkeit in neuen Geschäften versuchten.
Allein bis ich mich entschieden hatte, in welche Richtung ich zum Hotel gehen musste, hatten mich fünf oder sechs von ihnen angesprochen. In den nächsten Tagen in der Stadt sollten es noch viel mehr werden. Und manche von ihnen hatten neben Drogen auch noch die damals noch neuen Selfie-Sticks im Angebot.
 
(In Portugal ist Drogenkonsum seit 2001 entkriminalisiert. Das Risiko ist also auch für Dealer recht gering.)