Liste Kurz: Ein hübscherer Faymann

Liste Kurz
Anscheinend gibts wirklich Menschen, die Sebastian Kurz für einen Erneuerer und seine Liste Kurz für ein demokratisch spannendes Ding halten. Das mag machtpolitisch ja auch so sein, aber ist das Talent zur Macht nicht etwas wenig für einen Bundeskanzler oder Spitzenkandidaten?
  • Kurz ist von klein auf in der Politik.
  • Er hat keine abgeschlossene Ausbildung (außer der zum Tennis-Übungsleiter) und keine Berufserfahrung außerhalb der Politik (Erfahrungslevel Praktikant).
  • Seine Auftritte in den letzten Tagen waren auch inhaltlich betrachtet wie Bewerbungsgespräche eines Praktikanten, der zwar genau weiß , wieviel er verdienen will, dem aber der Job völlig egal ist.
  • Seine Forderungsliste macht personelle Erneuerung in der ÖVP völlig unmöglich: Dadurch geschieht genau ein Erneuerungsschub für die Leute, die jetzt schon in den Startlöchern scharren, und das wars dann.
  • Ich wüsste nicht, was ich außer Jugend und Machtbewusstsein mit seiner Person und seiner Politik verbinden sollte. Beides ist kein Nachteil, in meiner Auffassung von Politik kommt das aber erst an dritter bis vierter Stelle relevanter Charakteristika.
Vieles von dem traf auch auf Werner Faymann zu, den gerade vor kurzem erst niemand mehr haben wollte.
Mich wundert nicht, dass er Erfolg hat. Mich wundert nur, dass offenbar auch Menschen, die ich für inhaltsgetrieben hätte, Hoffnungen in ihn setzen. Und ich bin gespannt auf die nächsten Kurz-Hofer-Wunderduette.

Owned Media & Content Marketing in der Politik: Das neue Match zwischen FPÖ und SPÖ

OwnedMedia+Politik
Der Wochenblick blattlt den Kanzler beim Pizzaliefern auf, Politiknews malt eine Kurz-Mateschitz-Griss-Partei an die Wand – statt Wahlkampf gibt es jetzt eben harte Bandagen in Politmedien. 
 
Der Trend zur eigenen Meinung, die man nicht nur haben, sondern auch möglichst ungefiltert in Owned Media verbreiten will, ist heute in der Politik gut verankert.
Fast alle Parteien setzen auf selbst aufbereitete Inhalte in unterschiedlicher Form und auf unterschiedlichen Kanälen, allen voran Rot und Blau.
Was bringt das eigentlich?
 

Owned Media der Parteien schlagen Parteiseiten um Längen

Ich habe die Webseiten der Parteien in Österreich und diverse redaktionelle Ableger in Hinblick auf ein paar einfache Kriterien durch einige Analysetools laufen lassen.
Auf der ersten Blick ist klar: Content zahlt sich aus, wenn man die Reichweite im Blick hat. Falsche oder halbtransparente Behauptungen über die eigenen Medien können aber auch nach hinten losgehen – es sei denn, das eigene Publikum ist schon so abgerichtet, dass es ohnehin schon überall Verschwörungstheorien wittert.
 

FPÖ: Reichweite mit der eigenen Wahrheit

Am verhaltensauffälligsten ist sicherlich die Kommunikation der FPÖ. Die FPÖ ist offenbar auch so eingenommen von ihrem eigenen Medienimperium, dass sie sich auf Facebook mittlerweile als Nachrichten-/Medienwebseite klassifiziert, nicht als Politische Partei. Die geteilten Links stammen auch fast ausschließlich von den nennen wir’s mal befreundeten Medien unzensuriert.at und wochenblick.at. Wurden früher noch Krone- und ähnliche Artikel verbreitet, so sind diese mittlerweile vollständig verschwunden. Stattdessen werden Unzensuriert und Wochenblick als eigenständige Medien behandelt, die keinerlei Naheverhältnis zur Partei hätten.
 
 
Die Satellitenmedien sind wohl auch dringend notwendig, um Reichweite zu erzeugen. Denn die FPÖ-Webseite selbst ist nicht sonderlich gut besucht.
Fpoe.at liegt österreichweit im Trafficrank auf Platz 9.812. User halten sich durchschnittlich eine Minute auf der Webseite auf. Die meisten Zugriffe erfolgen direkt (43%), etwa 30% finden über Suchmaschinen zu Seite, 12 % über Social Media.
Unzensiert.at dagegen liegt auf Platz 566. Zum Vergleich: derstandard.at liegt auf Platz 11, nachrichten.at auf Platz 139 und Billard.at auf Platz 339. User bleiben knapp zwei Minuten auf der Webseite, zu 40 % rufen sie die Seite direkt auf, je ein Viertel kommt über Suchmaschinen und Social Media.
User aus Österreich und Deutschland halten sich in etwa die Waage; zusätzlich gibt es noch die Domain unzensuriert.de.
Aufschlussreich sind auch die eingehenden und ausgehenden Links – hier bewegt sich unzensuriert ganz im Dunstkreis von Hartgeld.com, pi-news.net und dem Kopp-Verlag. Gut die Hälfte der ausgehenden Klicks führt zu YouTube und damit wohl (das ist allerdings nur eine Vermutung) zu FPÖ TV.
Der Wochenblick ist ebenfalls eine in FPÖ-Communities gern geteilte Quelle.
Die relativ neue Seite liegt im Trafficranking auf Platz 1.500. User kommen zu mehr als 50% über Facebook; über Suchmaschinen finden derzeit noch weniger als 10% zum Wochenblick. Bei der Verteilung über Facebook unterstützen FPÖ-Seiten ebenfalls kräftig.
 
 
Offiziell gibt es keinerlei finanzielle Verflechtungen zwischen Unzensuriert, Wochenblick und FPÖ.
Technisch betrachtet teilen sich unzensuriert.at und die Webseiten des ehemaligen 3. Nationalratspräsidenten Martin Graf und des aktiven Nationalratsabgeordneten Gerhard Deimek (beide FPÖ) eine IP-Adresse; beide Politiker-Seiten verlinken auch direkt auf Unzensuriert.
Ein Blick in das Firmenbuch zeigt ein recht weit verzweigtes Netz von Beteiligungen an Verlagen und Onlineplattformen, die letztlich in einer Beteiligung GmbH münden.
 
Beim Wochenblick, der auch auf Papier erscheint, schweigt man grundsätzlich zu Geldquellen. Geschäftsführer Norbert Geroldinger scheint im Firmenbuch noch als Geschäftsführer einer Werbeagentur und einer Künstlervermittlung, die früher ein Sexshop war, auf – wird aber wohl auch nicht reichen, um eine Wochenzeitung zu finanzieren.

SPÖ: Aufholjagd mit unterschiedlichem Geschick

Die SPÖ setzt ebenfalls verstärkt auf eigene Contents, mit wechselndem Geschick.
Die Webseite enthält vergleichsweise mehr Content als andere Parteiseiten und in Österreich auf Platz 2.357.
Fast 60% der Aufrufe kommen über Suchmaschinen – das spricht für gut gemachten Content. 20% rufen die Seite direkt auf, knapp 8% kommen über Social Media.
Unter der gleichen IP-Adresse ist auch noch die Domain laurarudas.at geparkt (die derzeit auf den Wikipedia-Eintrag weiterleitet).
An eigenen Onlinemagazinen wird derzeit nur kontrast-blog.at beworben.
Die Reichweite ist etwa die gleiche wie von spoe.at (3.378 in Österreich), zuletzt allerdings stark steigend. Über 60% der Zugriffe kommen über die Suche.
Kontrast-blog.at wird ausgewiesenermaßen von zehn SPÖ-MitarbeiterInnen und FunktionärInnen betrieben und auch gern innerhalb von SPÖ-Communitys geteilt.
 
 
politiknews.at ist seit kurzem online (Platz 12.142) ist und präsentiert sich als unabhängiges von einer Agentur betriebenes Medium. Dagegen spricht jetzt nicht nur, dass politiknews.at-Beiträge sehr SPÖ-lastig sind. Die Domain teilt sich überdies eine IP-Adresse mit zahlreichen weiteren SPÖ-Domains wie iamred.at, jusos.st, werner-faymann.at, jan-krainer.at oder spoe.wien.
 
politiknews-domains
 
Und Robert Neiger, Geschäftsführer der Chapter2 Medien GmbH, die politiknews.at produziert, dürfte in SPÖ-Kreisen kein ganz unbeschriebenes Blatt sein: am 14. März 2017 wurde Geigers Vorgängerfirma, die Magazinwerkstatt Medienproduktion GmbH mit der Chapter2 Medien GmbH verschmolzen. Die Magazinwerkstatt Medienproduktion GmBH produzierte unter anderem die Magazine „Unser Wien – Unsere Stadt“, die online (wienunserestadt.at) und mit Printausgaben für Leopoldstadt und Floridsdorf erschienen. Von 5. Juni 2013 bis 1. Dezember 2015 war Gerhard Kubik an der GmbH beteiligt. Gerhard Kubik war 1999 bis 2013 SPÖ Bezirksvorsteher in der Leopoldstadt  (seit 2013 ist er wieder SPÖ Gemeinderat, seit 2017 wieder SPÖ Bezirksvorsitzender in der Leopoldstadt). (Anmerkung: die „Der Zweite“-Ausgaben für die Leopoldstadt wurden offenbar erst 2016, also nach dem Ausscheiden Kubiks als Gesellschafter aus dem Verlag, produziert.)
 
 
Über die Herkunft der Zugriffe gibt es in den gängigen Analysetools noch keine aussagekräftigen Daten. In SPÖ-Communitys ist man anscheinend unschlüssig – spätestens seit die Hintergründe der Seite zur Debatte stehen, teilt man offenbar nicht mehr so gerne.
 
 
 

Und die anderen?

ÖVP

Die ÖVP ist in Hinblick auf ihr Medienuniversum offenbar unschlüssig. Zahlreiche kampagnenartige Seite verschwinden gleich wieder oder heben nie ab, ein Klub-TV des Parlamentsklubs auf YouTube ist in den letzten Wochen ebenfalls wieder verstummt, dafür gibt es auf Facebook jetzt den ÖVP Talk.
Das Domainarsenal auf der oevp.at IP-Adresse hat auch eher historischen Wert: Dort liegen z.B. noch alois-mock.at und andreaskhol.at.
Oevp.at erreicht im Alexa-Ranking Platz Platz 21.063 in Österreich, drei Viertel der Zugriffe kommen dabei über Suchmaschinen, unter 1% über Social Media.
 

Grüne

Gruene.at hat viel Content, auch wenn der auf den ersten Blick nicht gleich sichtbar ist.  In Suchmaschinen macht sich das bezahlt, 30% der Zugriffe kommen von Suchmaschinen. In Social Media sind grüne Inhalte nicht so populär: Nur 10% der Zugriffe kommen aus geteilten Links.
Im Trafficranking ergibt das Platz 3.180.
Die meisten unter der gleichen IP-Adresse angelegten Domains linken auf Inhalte von gruene.at oder Subdomains. Online tut sich wenig – dafür sind gerade in Wien die grünen Bezirksorganisationen mit Postwurfsendungen und Mini-Magazinen sehr aktiv.
 

NEOS

 Neos.eu ist ist die einzige Parteien-Domain, die eine IP-Adresse für sich allein hat. Zahlreiche weitere, offenbar für Kamagnenzwecke eingesetzten Domains, wurde von anderen Einheiten reserviert und haben kaum längerfristigen Content.
Im Ranking liegt neos.eu auf Platz 4.556.
Nur 16% der Zugriffe erfolgen über Suchmaschinen, nur 13% kommen aus Social Media. Auffällig ist: 10% der Zugriffe kommen aus Mailclients, also vermutlich über Klicks in Newslettern – das ist der einzig nennenswerte Wert; andere Parteien bewegen sich hier im 1%-Bereich.
 

Team Stronach

Team Strohdach haben wir nicht eigens analysiert. Der Vollständigkeit halber aber sei erwähnt: Die Parteizeitung „transparenz“ ist auch 2016 noch in vier Ausgaben erschienen, und die Team Stronach Akademie betreibt den Frank und Frei-Verlag, in dem Kaliber wie Andreas Unterberger, Martin Lichtmesz (Identitäre) oder Werner Reichel publizieren.

Die Fake News-Finder

FakeNewsFinder
Die Verbreitung von Fake News und Zusammenhänge zwischen Informationsnetzwerken lassen sich schön nachzeichnen. Die Recherche bleibt aber mühsame Handarbeit.
 
Facebook gibt seinen Usern jetzt – in einer ersten Phase in 14 Ländern – Tipps, woran Falschmeldungen zu erkennen sind. Etablierte Medienunternehmen und neue Medienprojekte beschäftigen sich mit der Frage, wie bei zunehmenden Datenmengen Informationen überprüft, zurückverfolgt und zugeordnet werden können. ForscherInnen erstellen Handbücher, die JournalistInnen das Prüfen und Visualisieren von Informationsquellen erleichtern sollen, um über deren Qualität entscheiden zu können.
Sind das sinnvolle Strategien gegen die Verbreitung von Fake News und Informationsmüll?
 
Die Visualisierungen im „Field Guide to Fake News“ (veröffentlicht im April 2017) sind klar: Falschinformationen verbreiten sich in ähnlichen Netzwerken, sie tauchen oft nach monatelangen Pausen wieder auf, und bekannte Fake News-Seiten benutzen sogar statistisch relevant oft andere Tracker (zur Sammlung von Userdaten und zur Auslieferung von Werbung) als echte News-Seiten.
All diese Informationen können mit großteils frei verfügbaren Tools abgefragt werden. Die Zusammenfassung in aussagekräftigen Berichten ist allerdings einiges an Arbeit und (noch) nicht wirklich endusergerecht.
 

Fake News-Tools

Trotzdem eine kleine Übersicht über ein paar Tools, die von jedermann verwendet werden können. Im Wesentlichen sind es Tools, die sonst auch zur Erfolgskontrolle im Onlinemarketing verwendet werden. Bei der Auseinandersetzung it Fakenews oder fragwürdigen Quellen helfen sie, ein Gefühl dafür zu bekommen, in welcher Blase man sich gerade bewegt.

Crowd Tangle

Crowd Tangle analysiert die Verbreitung einzelner Urls in sozialen Netzwerken. Im Gegensatz zu reinen Zähltools wie sharedcount.com liefert Crowd Tangle nicht nur die Interaktionszahlen, das Tool misst auch, in welchen größeren Facebook-Gruppen und Twitter-Accounts ein Link wann verbreitet wurde. Damit bekommt man erste Hinweise darauf, welche Netzwerke welche Informationen unterstützen, wann sie etwas aufgreifen, und – über die zeitliche Reihenfolge – wer von wem Informationen übernimmt. Zur Visualisierung der Daten (sind als csv downloadbar) wird Raw Graphs empfohlen.
Die Vollversion von Crowd Tangle (mittlerweile auch von Facebook übernommen) ist leider nicht frei zugänglich und soll in erster Linie Publishern vorbehalten werden. Wie das ausgelegt wird, bleibt abzuwarten. Für jedermann offen ist aber die Crowd Tangle Chrome Extension, mit der zumindest einzelne Seiten direkt aus dem Browser überprüft werden können.
 
Fake News CrowdTangle
 

Tool Tracker

Erste Hinweise zu kommerziellen Interessen und Zusammenhängen zwischen fragwürdigen Newsseiten bietet der DMI-Tooltracker. Diese Abfrage liefert Informationen darüber, welche Tracker zur Datensammlung oder zur Auslieferung von Werbung oder weiterführendem Content in der jeweiligen Seite zur Anwendung kommen. Diese wesentlichen Tracker sind zwar überall ähnlich; einige Tracker, so die Autoren des Field Guide, sind aber klare Hinweise für eigene fragwürdige Contentnetzwerke.
Für die tagesaktuelle Recherche ist das wohl weniger praktisch, spannend ist aber die Langzeitanalyse, die zeigt, wie schnell die Zahl solcher Tracker wächst.
Wer Seiten nicht systematisch analysieren will, aber trotzdem einen schnellen Überblick will, bekommt die gleichen Informationen mit dem Ghostery-Browserplugin.

Spyonweb

Spyonweb ist eine Abfrage, mit der sich Zusammenhänge zwischen Webseiten herausfinden lassen. Die Abfrage kann mit Domains, IP-Adressen oder auch mit Tracker-IDs (z.B. einer Google Analytics ID) gestartet werden. Das Ergebnis sind dann die jeweils fehlenden Daten – und die Analyse, welche Seiten zusammenhängen: Wo wird die gleiche Google Analytics ID verwendet, welche Domains verwenden sie gleiche IP-Adresse.
Ab Beispiel der abgefragten fpoe.at erkennt man beispielsweise: Die Seite und diverse Sprache-Seiten werden gemeinsam gezählt, und auf der gleichen IP-Adresse laufen 30 weitere Domains, von denen manche (z.B. mieterschutz.at) nicht eindeutig als FPÖ-Seiten ausgewiesen sind.
Fake News spyonweb
 
Die angeblich unabhängige Domain politiknews.at teilt sich eine IP-Adresse mit 84 weiteren SPÖ-Domains.
 
Fake News spyonweb2
 

Facebook Fake News-Tipps

Der Haken dabei: Die Hinweise zur Identifikation von Fake News sind um einiges länger als die Artikel, die üblicherweise gelesen werden. Aber immerhin sind sie in Listenform geschrieben.
Mit den Tipps geht auch eine Funktion einher, mit der einzelne als Fake empfundene Berichte gekennzeichnet werden können.
 
Das – in Verbindung mit der manchmal ungeschickten Sperrpolitik von Facebook bei gemeldeten Personen oder Postings – zeigt, wie sehr der Stellenwert von Netzwerken wie Facebook zunehmen wird.
 
Das gilt auch für die Fake News-Recherche-Tipps im Field Guide: Alle Recherchen nehmen ihren Ausgang bei Google. Google-Ergebnisse sind die erste Autorität wenn es um Datierung und Zuordnung von Inhalten geht und damit um das Nachzeichnen von Abhängigkeiten.
Was Google in dieser Welt nicht kennt, falsch indiziert oder datiert, existiert nicht – und kann auch nicht entlarvt werden.
 
Die schlechte Seite dabei ist: Der Ursprung von Information ist selten online. Dieser letzte Schritt kann auch mit den bisherigen Mitteln nicht nachvollzogen werden*.
Die gute Seite: Es werden nicht alle Social Media- und Google-User zu Faktenprüfern werden oder die Tools beherrschen lernen. Aber vielleicht gelingt es ja, einen Eindruck von Aufwand hinter der Faktenprüfung und der Bildung von Zusammenhängen zu vermitteln. Und das wären ja wieder Argumente, mit denen man für Journalismus Geld verlangen kann …
 
 
***
 
PS: Falls sich jemand fragt, warum sich hier so viele FPÖ-Beispiele in den Abfragen finden – die Facebook-Seite der FPÖ bezeichnet sich jetzt als Nachrichten-/Medienwebseite, nicht mehr als politische Partei. Dort werden auch praktisch nur noch eigene Publikationen geteilt, die vor wenigen Monaten noch vorhandenen Restbestände an Krone.at-Links scheinen zu verschwinden.
 
Medienwebseite
 
 
 
* PPS: Hinweis in eigener Sache: Ich habe einmal eine etwas nerdige Geschichte geschrieben, in der es um genau solche Informationstracker geht. Damals (2009) war das noch eine (wenn auch nicht ganz aus der Luft gegriffene) Vision. Und der letzte Schritt (der in der Geschichte schon umgesetzt ist), das Anzapfen von Information in Mails, Messengern und Unternehmensnetzwerken, ist noch nicht gemacht. Aber warten wirs mal ab.

Faktencheck für Fortgeschrittene

Welche Art Fakten braucht man, um ernsthaft über Politik reden zu können? 
Wirklichkeit und Wahrheit halte ich ja nicht gerade für aussagekräftige journalistische Kategorien.
Einerseits ist da die Sache mit der Objektivität. Lernt man schon von klein auf und ist halt immer schwierig: Objektiv gibts eben nicht wirklich, auch ausgewogen und pluralistisch ist nur dann wirklich möglich, wenn man sich auch Fragen der Unendlichkeit stellt – wie viele Sichtweisen sind schließlich schon genug?
Andererseits ist da die Frage der Relevanz: Viele Fakten sind – korrekt und meinungsfrei für sich genommen, auch wenn sie großartig aufbereitet sind – eben bloß stille und ruhige Fakten, die erst dann eine Art von Wirkung entfalten, wenn sie mit Macht und Meinung kombiniert werden. Es gibt mehr Fakten als Macht, deshalb fällt es unterschiedlichen Machtinteressen auch recht leicht, die jeweils passenden Fakten zu finden.
Ganz gemein ist auch die Logik: Abhängig von Präzisions- und Verallgemeinerungsgrad können manche Dinge einfach nicht falsch ein. Richtig sein können sie dagegen sehr wohl – wobei die Betonung auf „können“ liegt. Das ist die Art von Behauptungen, über die es sich nicht zu streiten lohnt.
Besonders schwierig wird das dann, wenn man außerhalb der eigenen Bibelrunde argumentieren möchte. Ich hab mir da mal ein paar Beispiele rausgesucht. Alles sind öffentlich gepostete Beiträge zu aktuellen politischen Diskussionen. Veröffentlicht wurde entweder in großen Tageszeitungen oder auf deren Userseiten – von Menschen, die offensichtlich der Meinung sind, dass sie sich informieren und Dinge verstehen.
Aber was brauchen wir, um sie zu verstehen?

Typ Hausverstand

Fakt1
Der Mann weiß es einfach. Und er hat ja auch recht: Bier und Tschick, die Insignien des Fußballfans, sind besonders hoch besteuert. Nachdem anzunehmen ist (Evidenz!), dass deren Konsum während besagter Events steigt, steigt damit auch das Steueraufkommen. Was einer Steuererhöhung, naja Dings, halt schon sehr ähnlich ist.
Und wer noch mit dem Auto zu Stadion fährt, ist sowieso die Melkkuh der Nation.

Typ geheimes Wissen

Fakt3
Historische Herleitung, bestechend zusammenhanglose Argumentation, geschickte Abkenkmanöver für Gesprächspartner mit historischer Restbildung (Cäsar, der krasse Christ!), dokumentierbare Evidenz – und außerdem ist alles ganz einfach.

Typ äh …?!

 Fakt2
Ok. Das ist nicht ganz einfach. Wenn man auch hier davon ausgehen möchte, dass diese Person nicht ausschließlich über das vegetative Nervensystem kommuniziert, wäre das etwas in der Logik von „Wenn du sie nicht überzeugen kannst, verwirr sie“. Und damit wahrscheinlich auch eine Anspielung auf elitäres Wissen einer intellektuellen zumindest Mittelklasse, die diesen Spruch Harry Truman zuordnen kann (nein, das ist nicht der aus der Truman-Show). Ich persönlich habe ihn ja mal bei Garfield gelesen. „So ist es“, um die Original-Meinungsmutige nochmal abschließend zu zitieren. Oder?

Es ist aber also gar nicht so einfach mit der Wahrheit.
Dazu kommt: Wo es um offizielle und kanonisierbare Wahrheiten geht, ist die Wahrheit immer die eines anderen. Wahrheit ist, was man draus gemacht hat.
Das gilt auf mindestens zwei Ebenen:
Die erste beruht auf Macht oder Konsens: Man hat sich darauf geeinigt, dass etwas so sein soll. Beispiele dafür sind Mathematik oder Recht. Mathematik ist zwar abstrakter, aber noch direkter mit ihrem Gegenstand verknüpft (ohne Mathematik gäbe es schließlich auch kaum Zahlen). Recht klingt zwar greifbarer, wäre aber ohne Macht noch sinnloser. Denn der praktische Wahrheitscharakter dessen, was als Recht festgeschrieben ist, ergibt sich aus der Durchsetzbarkeit.
Die zweite Ebene hat mit Beschreibung und Dokumentation zu tun: Enthüllt wird über Akten, Datenbanken und Protokolle. Dort steht das drin, was wer anderer hineingetan oder -geschrieben hat. Die enthüllte Wahrheit ist also grundsätzlich einmal die Erfindung eines anderen.
Natürlich wird es ab hier dann erst richtig spannend. Die schönsten Fakten ergeben sich dort, wo dokumentierte Daten den offiziellen Daten und im Idealfall auch noch den normativen Daten widersprechen. Im Klartext: Jemand macht nachweislich etwas anderes als er oder sie sagt und sollte das auch nicht tun. Und es gibt jemanden der diesen Zustand auch dokumentieren und sanktionieren möchte. – Und das auch kann (damit wir die Machtdimension nicht vergessen).
Große, ruhige Reportagen, für die jemand von seinem Sessel aufgestanden ist und über das Internet (oder die Bibliotheken und andere Archive) hinausgeblickt hat, sind für mich die journalistische Kategorie, die noch am ehesten mit Wahrheit zu tun hat. – Wenn es genug davon zu ähnlichen Themen von verschiedenen Seiten gibt. Dann hat man nämlich auch den Rahmen, in dem man mit Fakten etwas anfangen kann.

Diogenes übersiedelt also in die Red Bull Dose.

Das nur gerüchtehalber bekannte „Medienprojekt“ verspricht „Wahrheit“ und „Wirklichkeit“. Das ist nur die logische Fortsetzung von Gratishandys und Rubbellosen.
… und diese Spekulationen sind mittlerweile so absurd geworden, dass ich diesen Post zur Überarbeitung offline genommen habe, weil es hier eigentlich um was anderes ging.

Was denken Sie eigentlich? – Teil 2: Vom Werte- zum Rechterelativismus

Es ist ja durchaus schön, wenn sich Menschen von komplexen Gedankengängen angezogen fühlen. Philosophie ist etwas Kompliziertes, wirklich verstehen tut das eh keiner, aber mit ein bisschen Komplexitätsdistinktionsgehabe kann man sich Respekt verschaffen. – Zumindest oder vor allem dann, wenn man es eigentlich nicht notwendig hat und nicht darauf angewiesen ist, dass die Argumentation auch tatsächlich schlüssig ist. Würden nämlich so manche Spaß- und Hobbyphilosophen nach dem Schlüssigkeitsgrad ihrer Argumente bezahlt, dann hätte Diogenes in seiner Tonne ein krass luxuriöses High-Life mit mindestens Start-Up-adäquatem Glamour, kurz vor dem erfolgreichen Exit, versteht sich.
Marcus Franz war und ist mit wechselnden politischen Identitäten Nationalratsabgeordneter, hat einen Brotberuf als Arzt und wäre – das ist meine Vermutung – so gern ein intellektueller Provokateur. – Ich zumindest bin leider nicht so weit gekommen, mich mit seinen eigentlichen Aussagen in seinem neuesten Beitrag im Zentralorgan der Krypto-Kommentatoren und Ex-Chefredakteurs-Obskuranten zu beschäftigen, weil ich schon daran gescheitert bin, die ersten sieben Zeilen als auch nur irgendwie zulässige Prämisse zu akzeptieren. 2000 Jahre Geistesgeschichte und knappe 230 Jahre Menschenrechte werden hier schnell mal verschwurbelt und in Anschlag auf ein beliebiges politisches Thema gebracht. Solche Moves gibt es sonst nur im Wrestling.
Schwurbel
Aber der Reihe nach:
1) Kann man so sagen, aber damit steht man halt allein da. Die Transzendental- und Erkenntnisphilosophen von der Renaissance über den Idealismus bis zur Existenzphilosophie des 20. Jahrhunderts sind halt eher davon ausgegangen, dass Bewußtsein durch Reflexion entsteht. Einer davon hat das auch ganz plump auf den Punkt gebracht: „Ich denke, also bin ich“, falls das jemandem etwas sagt.
Muss man nicht wissen; für die folgende Argumentation ist dieser Einstieg auch sowieso irrelevant.
2) Das Argument als Wrestling-Move: „weithin akzeptiert“ zeichnet den Mainstream der Lemminge an die Wand, demgegenüber ein heroischer Autor vorerst großzügig unentschlossen bleibt. Er bezieht selbst keine Position, lässt eine anonyme Masse Position beziehen und schafft sich so Spielraum, um argumentieren zu können. Und er deutet schon an: Er stellt sich ja nicht gegen diese Position – er weiß nur etwas, etwas ganz Besonderes, Wichtiges, das dem gebannten Publikum in Kürze die Augen öffnen wird. Falls es nicht gerade damit beschäftigt ist, sich den Sand aus den Augen zu reiben, den solche Pseudo-Positionierungen dort hineinstreuen.
Beim Wrestling wäre das eben irgendeine Variante des Backbreakers, bei dem halt der Gegner fleißig mithelfen muss.
3) Ups. In der Perspektive des Autors haben Menschen also keine Rechte, sie „sollten“ welche haben. Klingt nach einer Kleinigkeit, ist es aber nicht. Denn solche Verschiebungen vom Sein zum Sollen eröffnen den Platz für viele Grausigkeiten:
für den situationselastischen Umgang mit Menschenrechten in z.B. China oder Russland („die sind das ja nicht gewohnt“)
für den missionarischen Einsatz, der edel die genehmen Rechte zu den Wilden exportiert
für den aristokratischen Zugang, der dem Gesindel Rechte gewährt („solange sie sich benehmen“)
4 + 5) Hier kommt der Finishing Move, um beim Wrestling zu bleiben. Erst wird einem vermeintlichen Mainstream (das sagen diese Krypto-Kommentatoren so gerne) etwas unterstellt. Dann wird auf Basis dieser Unterstellung ein Konstrukt geschaffen, das nicht einmal auf dieser Unterstellung, sonder auf der unausgesprochenen (und falschen) Prämisse dieser Unterstellung beruht. Und dann wird aus diesem Konstrukt eine beliebige Konsequenz hervorgezaubert und, weil wir gerade so philosophisch unterwegs sind, mit Voodoo-Zauber angereichert („Existenzbedingung“).
Aber der Reihe nach: Wenn wir sagen, dass Menschen Rechte „haben sollten“, dann bedeutet das, dass sie sie nicht haben. Es braucht also etwas oder jemanden, der sie ihnen gibt. Und damit sind Rechte schon an Pflichten gebunden: Denn der gerade frisch Berechtete soll sich eben gefälligst verpflichten, demjenigen, der ihm die Rechte eingeräumt hab, zu dienen. Oder ihm zumindest bitte nicht den Schädel einzuschlagen.
Während man das Nicht-den-Schädel-Einschlagen durchaus vertreten kann (allerdings nicht als Tauschgeschäft gegen Menschenrechte, sondern eher als Hinweis auf von einem solchen Tauschgeschäft unabhängige Menschenrechte), ist die Dienstbarkeitsoption dagegen ist schon entlarvender.
Wer meint, dass es Grundrechte nur mit Pflichten gibt, hat sich noch immer nicht von einer Herr-Knecht-Gesellschaft verabschiedet. Die Grundrechte der anderen sollten als Grenze ausreichen.
6) It’s magic. Und plötzlich taucht ein Flüchtling auf. Und die passive Formulierung („wird (…) oft gerne ausgeblendet“) setzt wieder dort an, wo Punkt 2 aufgehört hat.

Fazit

Kann sein, dass es etwas umständlich ist, einen Text so zu lesen. Aber es macht eben einen Unterschied, ob man argumentieren möchte, oder nur Geräusche machen und Pavian-Imponiergehabe nachstellen möchte.

Angstmeiern

Angstmeiern ist die politische Strategie der Stunde. Dem kann man nur tiefes Misstrauen entgegenhalten – gegenüber allen, die Lösungen versprechen, die angeblich ohne das Zutun von Menschen funktionieren und nur einen starken Mann brauchen.

Ich habe lang die Klappe gehalten und noch länger darüber nachgedacht, was mich an der aktuellen politischen Situation und ihrer Diskussion so stört. Ein paar Dinge liegen auf der Hand: Erfahrene Wahlverlierer haben nach der x-ten Wahlniederlage in Serie noch immer keine auch nur irgendwie akzeptablen Sprüche parat, sondern reden von besserem Marketing, einer verständnislosen Bevölkerung, von Neustart und davon, wieder Wahlen gewinnen zu wollen. Dagegen ist es ja vergleichsweise erfrischend wenn jetzt wirklich die SPÖ-Länderchefs sagen, wo es lang geht – also ausgerechnet die Looser-Partie aus den Bundesländern, die noch nie irgendwas gewonnen hat. Von einer konsequent selbstzerstörerisch-spekulativen ÖVP, die alles dafür tun würde, nur einmal wieder den Kanzler zu stellen (selbst um den Preis, zwei Jahre später noch tiefer in der Bedeutungslosigkeit zu verschwinden), rede ich gar nicht.
Viel ärgerlicher ist noch das immer wiederkehrende Gejammer über eine Angst, verängstigte Verlierer, den Verlust der Wohlfühlzonen, Kriminalität und andere Bedrohungen. Die einen fahren (zum ersten Mal?) mit der U6 und machen einen Drama-Aufsatz daraus, die anderen reden betont betulich über Kriminalität, und wieder andere teilen noch betulicher ein großteils faktenfreies Interview mit Drama-Queen Stefan Petzner und fürchten sich erst recht. Petzner, echt jetzt? Der Typ, der vom tschetschenenfreien Kärnten bis zu Attacken jenseits aller Gürtellinien sein Leben lang nichts anderes gemacht hat, als Angst und Gehässigkeit zu schüren, und jetzt einen halben Schritt zur Seite gemach hat und so tut, als würde er nur noch beobachten und beraten, und dabei noch immer das gleiche tut, ist euer neuer Heiliger?
Vor lauter Angst und Verständnis für Angst wird dann alles ganz schlimm. Heide Schmidt hat dazu im „Gültige Stimme“-Gespräch mit Roland Düringer ein paar klare Worte gefunden: Menschen ernst nehmen – alle mal, aber genau nicht dadurch, dass man sie auf ihre Ängste reduziert.
Klar, so ein bisschen Drama fühlt sich gut an.
Die, die sich dieser Argumentation nach fürchten müssten (entlang der U6, rund um den Praterstern), haben weder bei der Wien-Wahl noch bei der Bundespräsidentschaftswahl blau gewählt, die aus den Randbezirken haben eher wenig Grund, sich zu fürchten; diese Diskussion hatten wir schon mal.
Die gegen Hofer vorgebrachten Argumente, Aufklärungsfilme und Kornblumenexegesen sind eine wundervolle Bestätigung für seine Wähler.
Die komplizierten EU-Verteidigungsstrategien, die selbst erfahrene Diplomaten nicht verständlich rüberbringen können, sind wirksame Schlafmittel.
Und die Idee, statt Angst zu haben, Dinge selbst in die Hand zu nahmen – das macht dann halt erst richtig und wirklich Angst.

Gibts also nichts dagegen zu sagen? Für mich gibt es mehrere Szenarien.
Nehmen wir die Angst mal ernst.

Türkenbelagerung

Da gibt es einerseits also feindlich gesinnte Invasoren, die ein sich abschotten wollendes Alpenvölkchen umvolken wollen. Sie sind eine reale Bedrohung, denn dank ihrer rauhen Sitten und ihrer Gebärfreudigkeit haben sie die Möglichkeiten dazu. Wir sind aber schlauer und lassen sie nicht mehr rein. Und dann? Werden die, die gerade noch eine Bedrohung waren, achselzuckend nach Hause gehen und sich denken: „Na gut, dann halt nicht“? Oder werden sie es, immer noch in der blauen Welt, dann mit anderen Mitteln probieren – gegen ein dann nicht nur von seinen Feinden, sondern auch von ehemaligen Freunden abgeschottetes Alpenvölkchen? und dann, darauf zielt ja die blaue Politik ab, gibts eben wirklich die nächste Türkenbelagerung. Unsinn? Ja, ungefähr genau so wie die Angst vor den Invasoren.

Gangs of Gemeindebau

Ein anderes Szenario: Die Invasoren sind schon da, steigende Kriminalität und mutwillige Arbeitslosigkeit zerrütten die Gesellschaft. Ärger wohin man schaut, die „Ströme von Blut“, von denen die Identitären reden, sind zwar immer nur anderswo, aber umso trefflicher kann man sich vor ihnen fürchten. Solche Szenarien sind nicht wirklich neu. Nicht einmal in Wien. Der Unterschied: In den 70er Jahren sprachen Jugendbanden ein wunderschönes Austropop-Deutsch. In den 90er Jahren hatten Türkengangs noch immer ein besseres Deutsch als der muttersprachlich minderbemittelte Hooligan. Ihre – durch und durch westlichen – Kriminalitäts-Vorbilder kannte man aus dem Kino (oder aus MTV). Der über Jahrzehnte geradezu ikonische Durchschnitts-Jugo mit Mittelscheitel in Pagenkopf-Länge, blauer Bomberjacke, schenkelweiten Jeans (besser fürs Kickboxen) und Westernstiefeln ist jetzt schon länger ausgestorben. – Auch in den frühen 90ern gruselte man sich ziemlich vor Kriminalität und EInwanderung, und es gab wie heute einiges an Kriegsflüchtlingen, die, sagen wir mal, eine andere Streitkultur hatten. Dann waren es aber rein österreichische Hooligans, die in Linz einen Polizisten zu Tode traten.
Worauf ich hinauswill? Man kann sich fürchten. Dann müsste man konsequenterweise seit 30 Jahren in Angst leben. Oder man könnte sich daran gewöhnen, dass auch Wien mittlerweile eine Stadt ist.
Auch diese Überlegungen gehen aber grundsätzlich ziemlich am Thema vorbei. Denn um es noch einmal zu wiederholen: Wien ist ja nicht blau. So sehr die, die nicht möchten, dass Wien blau wird, auch daran arbeiten, Gründen zu finden, warum Wien blau werden könnte.

Angst als sozial akzeptierte Kreuzung von Gier und Neid

Die dritte möglicherweise ernstzunehmende Angst ist die wirtschaftliche Angst, oft auch eine Kreuzung aus Gier und Neid. Den Garage-mit-Reihenhaus-Besitzern in Floridsdorf oder in der Donaustadt, die ihren ausländerfreien Wohlstand erhalten möchten, werden gegen die Yppenplatz- und Karmelitermarkt-Bewohner in Stellung gebracht, die sich mit viel Aufwand und damit verbundenen Preissteigerungen ihre Wohlfühlplätzchen geschaffen haben, in denen Migranten selbstverständlich Platz als die netten Marktstandler oder als Haushälterinnen haben. Beide finden es schlimm, dass es nicht überall so ist, wie bei ihnen zuhause. Der Unterschied: Die einen rufen nach Problemlösungen, die anderen nach Problemverdrängungen.
Beide haben Grund zur Sorge: Ausgaben und Kosten steigen schneller als die Einnahmen, die sich mit Arbeit machen lassen. Die Höchststeuerzone, in der (mehr) Arbeit kaum noch Spass macht, beginnt früh und zieht sich weit hinauf; Einkommenssteigerungen begünstigen die am meisten, die es am wenigsten brauchen (angestellte ältere (männliche) Besserverdiener), Jüngere werden kurz gehalten.
Soziale Unterschiede verursachen zusätzliche Kosten (sofern sie reduziert werden sollen, dafür soll Ruhe erreicht werden. Und es ist eben irgendwo nur logisch, dass diejenigen, die jetzt schon Ruhe haben, weniger zu investieren bereit sind – und sich lieber auf das Belagerungsszenario (siehe oben) zurückziehen.

Hilft Angst in irgendeiner dieser Situationen? Ja, aber nur dabei, diesen Zustand beizubehalten. Ich habe auch gar nichts dagegen, Angst zu haben. Besonders lähmend ist aber dieser Kreislauf, anderen zu unterstellen, Angst zu haben, für deren unterstellte Angst Verständnis haben zu wollen, damit erst recht Angst zu schüren und sich selber Angst zu machen. Das klingt kompliziert; mit einem einfacheren Namen könnte man das auch als SPÖ-Syndrom bezeichnen.
Das ist ungefähr so logisch wie Norbert Hofers Position zu Homosexualität: Gleichgeschlechtliche Paar sollen keine Kinder adoptieren dürfen, weil das der Ehe vorbehalten sein soll. Homosexuelle sollen auch nicht heiraten dürfen, weil aus der Ehe Kinder hervorgehen könnten und weil die Ehe zum Schutz der Kinder dient. Jetzt ist das bei einer homosexuellen Ehe mit den Kindern wahrscheinlich etwas schwierig, aber dieser Kreis schafft halt eine bestechende Pseudologik. Fragt mich nicht – hier kann man das nachhören. Er hätte ja auch sagen können, dass er die Vorstellung einfach nicht mag – das ist sein gutes Recht, aber keine Grundlage für politische oder rechtliche Entscheidungen.

Und jetzt? Ich denke, der einfachste und wichtigste Grundsatz zur Zeit ist, jedem zu misstrauen, der einfache Rezepte präsentiert, die den Eindruck erwecken, ohne das Zutun von Menschen zu funktionieren. Denn wenn es die Menschen nicht selber machen, dann macht es eben ein starker Führer für sie.

Politik ist ein spekulatives Geschäft

Michael Häupl ist ein Mensch der klaren Worte – so klar, wie es ihm halt passt.

Manchmal gibt’s verbale Showeinlagen („I bin’s“, „Plärr net umadum“), manchmal zackigen Kommandoton, und manchmal ein schlichtes „sicher ned“ oder ein interpretierbares „hätten’S gern“.
Die automatischen YouTube-Untertitel seines Auftritts zur Ankündigung des neuen Kanzlers und Parteivorsitzenden können damit nicht so gut umgehen.
Ich mag diese geheimen Botschaften. Eröffnet jedenfalls neue Perspektiven auf die Regierungsumbildung.
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9(Und nein, Häupl hat nichts davon gesagt. Aber Politik ist halt manchmal ein spekulatives Geschäft … )