Endlich 12-Stunden-Tag … !

Yay, endlich Zwölf-Stunden-Tag. Nur wem genau bringt das eigentlich etwas? Die ursprüngliche Version dieses Plans, die die letzten Jahre vor allem ausgehend von den Neos diskutiert wurde, klang so, als sollte es nur legalisiert werden, mehr als zehn geleistete Stunden pro Tag auch in einer Zeiterfassung einzutragen. Bislang war das nicht möglich, kam aber immer wieder vor, zwang zu Tricksereien und lieferte Arbeitnehmer den Arbeitgebern aus – denn es durfte keine schriftlichen verbindlichen Aufzeichnungen über die echte Leistung geben.
Jetzt ist daraus offenbar tatsächlich eine 60-Stunden-Woche geworden, die nur noch von einer Obergrenze von 48 Wochenstunden in einem Durchrechnungszeitraum von 17 Wochen gebremst wird. Für jeden, der bei der Arbeitseinteilung mitreden kann oder der sich seine Zeit selbst einteilen kann, entfallen Arbeitszeitregelungen generell – früher war das nur bei Führungskräften der Fall.
Jobs entstehen dadurch mal nicht. Effizienteres Arbeiten bedeutet das wohl auch nicht: In deadlinekritischen Jobs kann es schon mal Sinn machen, ein paar Tage lang 12 Stunden oder mehr zu arbeiten – besser wird man davon nicht. Und in den meisten anderen Jobs fällt es mir schwer, die Notwendigkeit zu sehen, warum eine Person 12 Stunden arbeiten muss und die Arbeit nicht auf mehrere Personen aufgeteilt werden kann (Ausnahmen: Es ist nur selten so viel zu tun und das ist tatsächlich nicht anders planbar – oder es kommt durch irgendwelche Verzögerungen viel zusammen, das schnell erledigt werden muss).
Eigentlich profitieren ja auch Unternehmer davon nur marginal – es sei denn, sie legen es künftig darauf an, diese Möglichkeiten auch bis zum letzten auszunützen.
Trotzdem soll es Menschen geben, die das gut finden. – Weil sie selbst so viel arbeiten, weil sie das als Leistung empfinden oder weil sie es tun müssen, um ihre Ziele erreichen zu können.
Ich habe selbst sicher keinen Work-Life-Balance-Fetisch und wundere mich auch immer wieder über Menschen, die posen statt zu leisten, die Arbeitsdarsteller sind und deren zentrale Leistung darin besteht, sich über die Angemessenheit ihres Gehalts zu bewundern.
Was ich ziemlich sicher weiß: Viele solche Mehrleister überschätzen sich grandios selbst, wenn es um ihre eigenen Arbeitszeiten geht. Wer überzeugte 60 Stunden pro Woche arbeitet, macht mit 97-prozentiger Wahrscheinlichkeit gerade mal 45. Und wer sich für einen 80-Stunden-Schufter hält, macht höchstwahrscheinlich nur 50.
Das ist nämlich auch schon ziemlich viel. Und wer die Zeitungslektüre am Wochenende oder das abendliche Abhängen auf Social Media als Arbeitszeit betrachtet, hat dann doch ein etwas anderes Arbeitsverständnis als diejenigen, die großteils von den neuen Arbeitszeitregelungen betroffen sind.
Und noch während ich das tippe, haut die Wirtschaftskammer, die ja schon in der Vergangenheit nicht mit Absurditäten gegeizt hat, dieses völlig jenseitige Video raus. Es ist zum Schämen. Und es nimmt 99% dessen, was man als Satire zum 12-Stunden-Tag produzieren könnte, mühelos vorweg,

Politikerschicksal

Matthias Strolz hat viele gute Sprüche, Bilder und Visionen, die er in Kommentare, Bücher, eigene Publikationen verpackt hat. Szenarien, die im Kopf bleiben, sind die von flexiblen Arbeitswelten, von nicht auszuschließenden Bürgerkriegen in Europa, von einer Zukunft der Enkelgeneration als 24-Stunden-Pflegekräfte in Peking oder Riad.
Meist hiess es dann: „Neoliberales Gsindel“, „Parteimedien lese ich nicht“, „Politsprech“ – in der Medienblase achtet man eben darauf, dass jeder in seiner eigenen Sandkiste bleibt (außer man ist Journalist, dann ist man zu allem berufen).
Kaum aber hat Strolz’ Zeit als Politiker ein absehbares Ablaufdatum, und kaum schreibt er einen Text, der als Parlamentsrede ins Gesicht derjenigen, die es betrifft, großartig ist, sich als analytischer Kommentar aber in die Schlange von Feelgood-wir-sind-die-Besseren-Belehrungen einreihen könnte, überschlagen sich die großmütigen Anerkennungen, jener, die grundsätzlich nicht mehr machen, als das.
Das ist halt ein Politikerschicksal. Und ein weiteres Zeichen für die friedliche Selbstrefentialität kommerzieller Medien. Solange wir das gleiche sagen, verstehen wir uns eben.

Und eins noch zu dem Medienkram …

„Letzte Ausfahrt“ ist die Story des Jahres der Journalismustage. Aus zwei Gründen finde ich das gut, aus einem ein wenig erschreckend.
  1. Die Sache wurde abseits der großen Medienhäuser produziert, ziemlich als Alleingang und ist von Aufwand, Idee und Materialeinsatz her für jeden Schreiber machbar.
  2. Es ist ein anderes Format, eines, das zusätzlich verkauft wird, eines, in dem die Marke und das klassische Produkt Beiwerk und Vermarktung sind. Gekauft wird etwas, das die Leser wirklich haben wollen – und sie zahlen dafür.
  3. Die Idee kennt jeder, der Hunter Thompson kennt. Ok, man soll Journalisten nicht überschätzen. Und das ist auch unwichtig, weil es weniger auf die Idee als auf die Umsetzung ankommt. Die große Erkenntnis des Buches für den Journalisten mit jahrzehntelanger Erfahrung ist allerdings, dass auch im Politzirkus nicht die allwissenden Magier am Werk sind, die Politik, Marketing und Strategieentwicklung als magisches nur ihnen zugängliches Mysterium verkaufen. Das heißt, sie verkaufen es schon so – aber es ist zu 97 % improvisiert und dann eben im Nachhinein mit Bedeutung aufgeladen. – Und andere Journalisten finden diese Erkenntnis noch ehrlich beeindruckend.
    Ich bin beeindruckt. Und ein wenig entsetzt. Und ich warte auf die Undercover-Erkenntnisse oder die Embedded-Journalism-Reportage aus den großen Marketingabteilungen dieses Landes. 

Aber doch noch mal zu den Mediendiskussionen …

Ich hab ja schon kurz erwähnt, dass ich mich von Mediendiskussionen gern fernhalte. In den 90er-Jahren hatte ich noch ein richtig schlechtes Gewissen, über das Internet zu schreiben. Dazu musste man nicht aus dem Haus gehen, schrieb über Dinge, sie sich jeder selbst hätte ansehen können, wenn er oder sie gelernt hatte, Computer und Browser zu bedienen (das war auch ungefähr meine Online-Qualifikation) und packte halt überall ein bisschen Porno oder Bombenbauanleitung dazu. Für jemanden, der gelernt hatte, unterwegs zu sein und als Chronikredakteur Fotos von Mordopfern zu keilen oder Interviews mit Überlebenden zu bekommen, war das bequem, aber es fühlte sich falsch an.
Heute ist das eine der wohl armutsbedingten Königsdisziplinen des Journalismus. Journalismusevents sind das „Wie werden ich im Internet reich?“ der Medienbranche und des 21. Jahrhunderts. Manche davon sind vielleicht nette praktische Selbstreflektion, andere dienen dem medienwirksamen Zementieren von Ist-Zuständen, wenn große Tiere große alte Behauptungen aufstellen, die dann in ihren großen alten Medien wiedergegeben werden, mit stolz dreinschauenden Politikern dazu im Hintergrund.
Und dann gibt es noch Journalisten, die immer noch ungeniert Formulierungen wie „worum es wirklich geht“ in der Mund nehmen. Sogar Medienjournalisten machen das. Irgendwie ist das der Beweis dafür, dass es anscheinend tatsächlich diese Selbstreflektionsevents braucht. Nur können die vielleicht auch etwas persönlicher sein und nicht immer gleich die ganze Branche erklären wollen.
Wenn jeder einzelne weniger Mist baut, dann gibts weniger Mist. So einfach wäre das.

Ich meide mittlerweile Mediendiskussionen ja weitgehend …

Ich meide Medien-Diskussionsveranstaltungen seit einiger Zeit. Das war keine bewusste Entscheidung, das ist eher einfach so passiert. Es hat natürlich viel mit Online/Offline- oder Print/Digital- oder anderen kanalfixierten Diskussionen wie diesen zu tun. Nach dem, was optimistischere Menschen erzählt haben, die die Medienenquete trotzdem besucht haben, habe ich nicht viel versäumt.
In der letzten Zeit haben ich mich lieber mit anderen Medienformaten beschäftigt, als mit den üblicherweise diskutierten Nachrichten-, „Nachrichten“- oder öffentlich rechtlichen Formaten, vor allem mit Comics oder Indie-Magazinen.
Man mag über Reichweite oder Relevanz lächeln. Dann muss man aber auch daran denken, welche Wirkung Comics im Guten wie im Schlechten zugeschrieben wird und wer sich aller Indie, unabhängig oder Großvater des Indie nennt.
Kleiner Märkte und Projekte haben den Vorteil, überschaubarer zu sein – Reaktionen sind schneller und direkter. Und auch Aktionen schleppen sich nicht in Fünfjahresplänen dahin.
Comics sind jetzt länge schon eine grundsätzlich sehr digitalaffine Publikationsnische. Neue Techniken werden gern ausprobiert, große Verlage überbieten einander im Einsatz von VR-, AR- und anderen „immersiven“ Erzählweisen. Und nichts davon hebt ab. Technische Comic-Spielereien sind eine Vorstufe zu neuen Filmstandards – die Produktion ist günstiger, man kann schneller etwas ausprobieren und hat in der Situation der Einzelnutzung mehr Freiraum als im Kinosaal. Trotzdem bleibt 3D die einzig breitenwirksame Technik-Innovation, die in wirklich vielen Produktionen angewendet wird. Hier wird viele Energie aufgebracht – der Nutzen ist bescheiden. Nichteinmal ganz unspektakuläre Reader-Formatehaben bis jetzt einen Standard etabliert, es schwirren noch immer unzählige Apps nebeneinander durch den Raum und die Umsätze auch der stärksten Anwendungen und Plattformen sind im Vergleich zu Print im Prozentbruchteil-Bereich.
Ganz anders bei Webcomics: Webcomics, die als einfache Bilder angelegt sind, erzielen die höchsten Reichweiten. Und sie funktionieren als Sprungbrett für Crowdfunding-Kampagnen etwa für die Produktion von Printversionen. Mit etwas Verspätung greifen auch Plattformen wie Patreon, mit denen sich kleinweise ein wenig Geld sammeln lässt.
In beiden Szenarien funktioniert Digital mit mehr oder weniger Aufwand als Vermarktungstool. Die Voraussetzung dafür ist eben, dass es dahinter ein Produkt gibt, das auch jemand haben möchte.
Indiepublisher waren vor zwei oder drei Jahren noch komplett planlos, was digitale Pläne betrifft. Das Internet spielte großteils nicht mal für Werbung und Vermarktung eine Rolle . So sehr lag der Schwerpunkt auf Handwerk, Optik und Haptik. Und so sehr sind auch die Kaufreflexe noch auf greifbare Produkte angewiesen – vor allem wenn es um Präsenz, Lesbarkeit und Archivierbarkeit geht. Ein angreifbares Heft oder Buch, das vor mir rumliegt, lese ich viel eher, als eines, das nur als Datei existiert.
Die Onlineabstinenz der Indies ist zuletzt deutlich weniger geworden. Sie bedienen Instagram (das funktioniert auch ähnlich einbahndimensional wie Printproduktionen), schreiben Newsletter und können, wenn schon nicht Webshops, so zumindest Bestellformulare einrichten.
Dabei haben einige gelernt, dass man auch online designen und schreiben kann, haben ihre Webseiten ausgebaut – und nicht allen gelingt es dabei, Lust auf ihr Produkt zu machen. Da reicht der Onlineauftritt, um zu langweilen.
Hier killt nicht das Medium das Produkt. Hier gibt es schlicht kein Produkt, das jemand haben möchte.
User holen sich ihre Produkte auf die eine oder andere Art. Sie möchten nur gern entscheiden können, ob sie etwas kaufen. Und es ist eben nicht stilvoll, Zwangsbundles zu schnüren – sei es Comicheft + Oculus VR, Flatscreen + öffentlich rechtliche Gebühr, Kindle + Amazon unlimited Account oder Festplatte + Urheberrechtsabgabe.

200 Jahre Marx – Zeit für die Ausmal-Postkarten

Im Zuge der 200 Jahre Karl Marx-Feierlichkeiten ist mir ein wesentlicher Aspekt in der Würdigung seines Werks abgegangen. Warum ist Marx eigentlich noch nicht die neue Leitfigur der Awareness- und Selfnessbewegung, der Befindlichkeits-Coaches und der Du-musst-dein-Leben-ändern-Prediger? Ein meditativer Ego-Marxismus wäre überaus zeitgemäß.
Immerhin war Marx einer der ersten, der großflächig Unzufriedenheit diagnostiziert hat, Ursachen dafür bestimmt und Schuldige gefunden hat: Entfremdung (von den Produktionsbedingungen), übersteigerter Shareholder-Value und Leistungsdruck, der uns am schönen und gemütlichen Posen stört, sind ja auch heute noch unsere Lieblingsthemen.
Als Philosophiestudent war mir Marx immer zu praxisorientiert. Bis hierher wäre ich ja noch mitgekommen, der ökonomische Teil danach war mir zu bodenständig. Aber ich möchte durchaus die Transformation zum neuen Säulenheiligen der Mentalcoaches, Lebensberater, Urban-Veggie-Fastfood-Entrepreneure und Ich-mach-auch-mal-was-anderes-Manager anregen.

CCCP – Carl’s Creative Colouring Postcards

Und weil die jungen Leute heute gar nicht mehr wissen, wofür CCCP stand, widmen wir ihm einen Monat nach seinem 200. Geburtstag die ersten Exemplare von CCCP – Carl’s Creative Colouring Postcards.
Zum Ausmalen und Ausfüllen.

Kostenloser pdf-Download für den meditativen Malspaß:

Karte 1

Karte 2

Neue Produktion: Doom Metal Kit

Wir wollen es wieder mal wissen und uns diesmal in einem anderen Genre versuchen: Während Austrian Superheroes und Liga deutscher Helden langsam schon erwachsen bleiben, steckt Doom Metal Kit noch in den Kinderschuhen.
Kit ist Wartungstechniker im Außendienst – viel Freiraum und viel Frischluft also, allerdings kümmert er sich um okkulte Maschinen. Das macht seinen Alltag dann oft wieder weniger lustig.
Doom Metal Kit ist eine düstere magische Monstersaga aus der Feder von Michael Liberatore (Text und Pencils), sozusagen Science Fiction Noir und auch eine Story zutiefst österreichischer Unzufriedenheit, eingebettet in fantastische Abenteuerszenarien.
Andi Paar steuert die Inks bei, Hannes Kiengraber die Kolorierung. Und wie es sich für eine neue Serie gehört, startet sie auch gleich mit Variante Covers: Peter Kramar und Michael Hacker (ja, der) steuern die ersten beiden Covers bei.

Gleich nach Ostern wird die Sache aus der Taufe gehoben: Beim Indiecomixday im Wien Museum und bei der Vienna Comix werden offiziell die Nullnummer präsentiert und die Crowdfunding-Kampagne eingeläutet. Doom Metal Kit brauch 5.000 €, um in Produktion zu gehen.
Geplant sind vorerst zwei Hefte, wenn die Sache gut läuft, gerne auch mehr.

Wer jetzt schon neugierig auf die Nullnummer ist: Die gibt es auch schon im Comic Handel in Österreich und Deutschland (Händler: kann man bei Pictopia (Österreich) und PPM (Deutschland) anfordern), oder auch bei uns.
Und natürlich eben bei der Vienna Comix und auf das Wochenende darauf bei der Austria Con in Linz.

Und wer vorab schon mal die Chance auf den Jackpot wahren will, macht den Doom Metal Kit-Persönlichkeitstest (Hast du das Zeug zum Witchcraft Engineer?) und nimmt damit an der Verlosung eines Gastauftritts als Magier in Heft #2 teil. Das darf man sich nicht entgehen lassen.

Das Boda Boda-Buch: Motorradtaxis in Uganda

Wir machen dann im übrigen ernst: Mit Ende des Jahres werden wir das Boda Boda-Fotobuch fertigstellen. Boda Bodas sind Motorradtaxis in Ostafrika, die vor allem in Uganda üblich sind.
Ursprünglich waren es Fahrräder, die das Niemandsland zwischen den Grenzen überbrückt haben – heute sind die Motorradtaxis eine der wichtigsten Lebensadern im Nahverkehr ostafrikanischer Städte. Und sie bieten eine Zukunftsperspektive für junge Menschen, die mit ihren Fahrten nicht schlecht verdienen.

Trotzdem ist die Zukunft der Fahrer ungewiss: Einige Stadtbehörden überlegen gerade, die Motorräder aus den Stadtzentren zu verbannen – um moderner zu werden und um die natürlich mit der hohen Motorraddichte verbundenen Unfallrisiken zu senken.

Eine Verbannung der Motorräder wäre schade – nicht nur, weil sie in Millionenstädten die Kampala das effizienteste Fortbewegungsmittel sind, weil sie Jobs und Unabhängigkeit schaffen, sondern auch, weil damit ein wunderschönes buntes Stück abenteuerlicher Lebendigkeit verloren gehen würde.

Mehr Bilder und den Plan zum Buch gibt es auf bodaboda.org. Und um das Buch fertigzustellen, brauchen wir euch …