Friederike Mayröcker hat gelesen und ich habe nachgedacht

In jungen Jahren habe ich öfters versucht, irgendwo an der Literaturszene anzudocken. Dort waren meistens streng riechende ältere Männer, Ökos in bunten Wollpullovern und ältere Damen mit Leopardenmusterfärbung im kurzen silbernen Haar.
Daran hat sich wenig geändert; die Menschen sind noch älter geworden, und wieder gibt es mittendrin ein paar Mittzwanziger auf der Suche.

Gestern las Friederike Mayröcker im Rahmen einer Soiree in der ÖGS, sazu zeigte Stefan Gabi einige Bilder, Karin Nasa spielte die Koto eine 25saitige Art japanische Zither, die fallweise klingt wie drei virtuos gespielte Gitarren.
Die Literaturwissenschaftlerin Aurélie Le Née sprach einleitende Worte, und mir wurde wieder mal klar, sarum ich den Kontakt zur Literaurszene (nicht zur Literatur) verloren habe, und warum eine geisteswissenschaftliche Karriere schon sehr früh keine Option für mich war.
Fabis Zeichnungen erinnern an Picasso, Mayröcker erwähnt Picasso in einem der Texte, Le Née erklärt, dass Mayröcker wohl beim Schreiben der Texte an Picasso gedacht hat. Mayröcker schreibt in einem der Texte, sie hänge am Zeiger der Uhr wie Charlie Chaplin. Le Née erklärt, dass Mayröcker sich damit auf einen Film Charlie Chaplins bezieht, in dem dieser am Zeiger einer überdimensionalen Uhr hängt, wobei Charlie Chaplin ja in der Uhr war; an der Uhr hing Harold Lloyd in einem anderen Film.

Ich habe nie Sinn darin gesehen, Menschen zu erklären, was sie gerade gesehen haben. Ich habe es auch nie verstanden, warum man Bücher schreibt, um dann, im gleichen Stil und in vorgegebener Form, der Wissenschaftlichkeit halber, zu erklären, was in anderen Büchern steht. Wenn das jemanden interessiert, kann er oder sie dieses Buch doch selbst lesen. Und wenn es nicht interessant ist, dann wird es auch durch Nacherzählung oder Interpretation nicht interessanter.
Das ist natürlich nicht nur ein schlechter Start für eine dann gar nicht gestartete geisteswissenschaftliche Karriere, sondern auch eine etwas unkommunikative Einstellung. Da verbringst du viel Zeit damit, Bücher zu lesen, hättest einiges dazu zu erzählen – und tust es dann nicht.

Ich möchte ja niemandem etwas vorenthalten, ich zwinge mich manchmal geradezu dazu, etwas zu erzählen. Aber heimlich halte ich es doch für einen Akt der Unhöflichkeit. Denn du erzählst damit Menschen etwas, das sie schon wissen (dann, wenn sie sich nämlich auch dafür interessieren und etwas dazu gelesen haben), oder du langweilst sie mit etwas, das sie ausdrücklich nicht interessiert (sonst hätten sie sich ja damit beschäftigt).
Das hat übrigens Lehrer an Schule und Universität schon immer zur Verzweiflung gebracht. Denn für mich war immer klar: Es ist ja klar, dass ich das weiß, ich lese ja viel; also werde ich nichts dazu sagen. Denn viel spannender ist doch, ob andere vielleicht auch etwas dazu zu sagen haben.
Ich halte also nicht viel davon, Dinge nachzuerzählen, die ich wo gelesen habe, ich stehe historisierenden Nachnachnacherzählungen, die sich dann vielleicht noch bemühen, irgendwelche Kuriositäten einfließen zu lassen, mit Grausen gegenüber.

Das wäre natürlich eine Einstellung, die das gesamte kulturelle Leben zum Erliegen bringen würde. Und manchmal rede ich ja auch über Kultur. Aber was wäre dann der Ansatz, mit dem sich etwas sinnvolles sagen ließe? Oder ist es umgekehrt und im Gegenteil das große Verdienst langweiliger Kulturdiskurse, nicht auffallen, nicht unterhalten zu müssen, sonder schlicht auch mal widerspiegeln zu können, was gerade Sache ist? – Letzteres passiert natürlich nie; alles passiert mit einer Position und auch mit einer bestimmten Richtung.
Im Wesentlichen sind es drei Archetypen kultureller Diskurse, die mich immer wieder zum Schweigen bringen:
1. Bewunderung: Ich wollte gar nicht bewundert werden und ich will schon gar nicht Anerkennung sammeln oder andere zum Schweigen bringen; ich wollte nur eine kurze Geschichte erzählen, die mir gerade eingefallen ist und die sich nur deshalb in irgendeinem kulturellen Umfeld bewegt, weil ich wenig anderes zu sagen habe. Also, ich wollte das nicht; können wir über etwas anderes reden?
2. Die vermeintlich gebildeten und belesenen Allwissenden: Es gibt diese Typen, die von sich glauben, viel zu wissen, und auch gerne darüber reden. Weil sich das nicht immer oder ihrer Meinung nach nicht oft genug ausspielen lässt, nötigen sie dann oft andere, sie etwas zu fragen oder sie herauszufordern. Dann predigen sie bruchstückhaftes Faktenwissen, lassen ambivalente Interpretationen vermissen und vermeiden schwierige Spielräume. Dann strahlen sie dich an, als hätten sie dir gerade ein tolles Geschenk präsentiert, warten auf Bewunderung, bereiten schon ihre nächste Geschichte vor und bekommen gar nicht mit, dass dein neutrales Gesicht nicht auf Schwerhörigkeit oder mangelndes Verständnis zurückzuführen ist oder das Ergebnis mit großer Contenance überspielter Fremdscham ist.
3. Die Stichwort-Vampire Sie lauern auf Reizworte, und kaum ist eines gefallen, reißen sie die Aufmerksamkeit an sich, biegen zu einem minutenlangen Umweg ab, verpacken möglichst viele Nebensächlichkeiten in einen ausufernden Spannungsbogen, unterstellen dir Irrtümer, um dir vorhalten zu können, dass alle anderen außer ihnen oberflächlich sind, und auch sie hören nicht auf zu reden und dafür dann Anerkennung und Bewunderung zu heischen. Das Gefühl, das sich dann breitmacht, ist ähnlich dem großen Bedauern, das sich einstellt, wenn du dem untalentierten Gastgeber-Koch höflichkeitshalber eine anerkennende Bemerkung gemacht hast und dich vor einem nächste ekelhaften Haufen ungeliebten Fraßes wiederfindet.

Das ist eine ziemlich traurige Zustandsbeschreibung. Aber während ich noch darüber nachdenke, ob ich vielleicht zu schwarz male, erkennt mich einer der streng riechenden schlecht gekleideten Herren als alleinstehendes Opfer, schiebt sich ein letztes Brötchen in den Mund und hebt, noch kauend, Brösel spuckend und eine fettige Hand nach mir ausstreckend, an, irgendetwas zu erklären, das ich nicht wissen wollte.
Ich verlasse den Abend und werde mich bei nächster Gelegenheit wieder voll froher Hoffnung von neuem auf die Suche machen. Und ich werde weiter darüber nachdenken, warum es mich so selten freut, von den Ideen, die mich am meiste beschäftigen, zu erzählen.

Schönheit müsste nicht platt sein

Es beginnt schon mit den plattesten Platon-Zitaten, die sich halt sehr leichtsinnig als Plattitüden zur Verfügung stellen. Die Gleichsetzung von Gutem und Schönem, das dann irgendwo auch wahr sein soll, ist ein plakativer Aufhänger – aber eher eine Diskussion über Wahrheit, Ethik und Erotik als eine über Schönheit. Wollte man Philosophieren, dann hätte man im Konversationslexikon zur ästhetischen Philosophie auch einmal umblättern können, um bei Kants Ästhetik des Erhabenen zu landen oder gar bei Hegel und seinen Vorläufern expressiver Kunsttheorien.
Aber das hätte die – auch so mehr als fragwürdige – Voraussetzung der Ausstellung ins Wanken gebracht: Schönheit müsse rehabilitiert werden, finden Sagmeister und Walsh als Ausstellungsmacher offenbar, und unterstellen Designern und Gestaltern des 20. Jahrhunderts, dass diese Schönheit missachtet hätten.
Ein ornamentfreies Gebäude (ja, auch Loos kommt vor) ist nun aber nicht zwangsläufig weniger erhaben als ein reich verziertes – um den vermeintlichen Angriff auf die Schönheit mit nur einer beliebigen ästhetischen Theorie (in diesem Fall eben Kant) ins Wanken zu bringen.
Und schlicht wirklich dumm wird es dann, wenn man den Anspruch der Ausstellung ernst nimmt: Ein Exponat ist eine Vitrine mit Trinkgefäßen aus mehreren Jahrhunderten. Kelche, Cocktailgläser, Tumbler, Weinpokale bilden eine lange Reihe, die, als Stellvertreter für die Gegenwart, mit einem Wegwerfplastikbecher endet. Keiner der anderen Becher war als Wegwerfprodukt konzipiert. Keiner der anderen Becher wurde unter der Vorgabe, leicht, stapelbar, einfach transportierbar und absolut kostengünstig zu sein, gestaltet. Keiner der anderen Becher kommt unter vergleichbaren Bedingungen wie der Plastikbecher zum Einsatz – auf Festivals, Straßenfesten oder zum Transport von Urinproben. Uns selbst die platte und in der Ausstellung allein angesprochene Theorie vom Schönen als Gutem könnte am ehesten im Plastikbecher ihre Erfüllung finden – sofern dieser etwa nachhaltig produziert und rücktstandsfrei zu entsorgen ist. Woran man im übrigen auch sieht, dass diese Theorie des Schönen von den aktuellen Anforderungen an das Gute abhängig ist.
Ebenso platt und umstritten (wenn nicht schlichtweg falsch), ist die Behauptung, Faustkeile und Steinbeile seien nur aus ästhetischen Gründen symmetrisch gestaltet worden. Ein symmetrisches Werkzeug ist ungleich praktischer, weil man weniger darauf achten muss, wie man es in der Hand hält. Dass sich daraus dann auch ästhetische Standards entwickelt haben, hinter denen andere Werkzeugmacher nicht zurückbleiben wollten, mag sein. Und es gibt sogar empirische Daten dazu, dass symmetrische Faustkeile vor allem ungeübten Arbeitern die Arbeit leichter machen.
Von dieser Ausstellung bleibt ein wenig Ratlosigkeit und die Ahnung, dass bekannte Namen eben auch ihre schönen und guten Seiten haben. Jeden anderen hätte man nach der Vorstellung dieser Ausstellungsidee mit einem ratlosen „Na und?“ nach Hause geschickt.

Halloween: Was ist heute schon Horror?

Gäbe es da nicht das einprägsamste Musikthema aller Zeiten, dann wäre Halloween wohl einer der vernachlässigbarsten Filme überhaupt.

Das zeigt sich im 2018er Remake umsomehr. Was soll heute schon noch Horror sein?
Michael Myers schlachtet sich beiläufig durch den Film, mindestens ein Dutzend Tote gehen auf sein Konto, Unfallopfer gar nicht eingerechnet – das sind drei mal so viel wie im Original, an das die 2018er-Version anknüpft.
Im Gegensatz zum Original wird hier aber gleixh jede Chance auf Spannung, ambivalente Charaktere oder Überraschungen zunichte gemacht.
Michael ist halt böse, das personifizierte Böse – und deshalb tötet er.
Außerdem ist er superstark, also hat man auch keine Chance gegen ihn. Wurde eigentlich jemals geklärt, woher Myers diese Superkräfte hat? Er war schließlich ab seinem sechsten Lebensjahr recht lang im Gefängis – üblicherweise nicht gerade ein Ort bester Ernährung oder auch sonst nicht sehr förderlich für die Gesamtentwicklung.
Diese Frage stellt sich auch in diesem Halloween-Film nicht, und was besonders schade ist: Es gibt einen kurzen Moment, in dem die Handlung kippen könnte, einen ganz anderen Verlauf nimmt und sich von den üblichen Halloween-Vorgaben verabschieden könnte – aber das hält keine zwei Minuten. Dann tut Michael halt wieder das, was er immer tut. Schlachten.
(Ist schon klar, filmtheoretisch gesehen: Michael Myers ist besonders, weil er alles mögliche überlebt, was andere siebzehn Mal töten würde, er bewegt sich langsam wie ein Zombie (eigentlich müsste man mühelos vor ihm fliehen könnenI, aber wenn er nicht im Bild ist, ist er geradezu telekinetisch schnell – aber das wissen wir eben nach sieben (sind es sieben?) Halloween-Versionen schon; ohne weitere Facetten in der Persönlichkeit wird die Story einfach nicht spannend.)

Und auch das Ende ist ein klischeehaftes Blockbuster-Ende. Die guten gewinnen, der Böse stirbt. Aber wir sehen seine Leiche nicht. Im flammenden Inferno steht er noch immer aufrecht und zeigt keine Regung – aus der Asche kann er locker wiederauferstehen.

Denn wie hatte schon Dr. Loomis, Michael MNyers behandelnder Psychiater, in einer der allerersten Halloween-Versionen gesagt: „Ich möchte mein Ohr an seine Brust legen, um ganz sicher zu gehen, dass da kein Herzschlag mehr ist. Und dann würde ich sofort für seine Einäscherung sorgen und sie persönlich überwachen.“ Denn vorher kann man nicht sicher sein, dass Michael Myers tot ist – aber er ist eben too big to fail.

Wirklich gruslig – im Gegensatz zum Film – ist übrigens die Lugner City an einem Wochenendabend. Dort beginnt ein anderes Universum. Ich weiß nicht, ob nur ein Gerücht oder schon näher fixiert: Die Lugner City ist der perfekte Drehort für eine nächste Mad Max-Variante …

Suspiria: so schön depressives 70er-Jahre Berlin

Ich habe „Suspiria“ im Kino gesehen und fand es gut. Vorher lief ein Trailer zu „Anna und die Apokalypse“, eine Art High School Musical mit Zombies, und es wäre echt schwer, einem Menschen, der beide Genres nicht kennt, den genauen Unterschied zu erklären.
 
Aber zurück zu „Suspiria“. Es ist eine nicht stringent erzählte Geschichte von mächtigen Hexen, die auf nicht näher erklärte Art und Weise nach Weltherrschaft streben – aber es gibt eben immer ein noch mächtigere Hexe, mit der dann niemand gerechnet hat. Neu im Remake ist im Vergleich zu Argentos Original anscheinend noch eine stärkere Nachkriegs- und Nazikomponente: Es geht um Schuld, Scham und Strafe.
Die Story ist nicht sehr konkret, aber das macht nichts – der Film ist eine Reihe von wunderschönen Bildern, toller Inszenierung und ziemlich starken Momenten in einem schön depressiv-dunklen Berlin des Jahres 1977, wo damals noch ein paar Häuser weiter David Bowie und Iggy Pop hausten.
 
„Suspiria“ ist also jedenfalls eine große Empfehlung. „Anna und die Apokalypse“ werde ich mir wahrscheinlich trotzdem nicht ansehen.
 

Die Krone photoshoppt sich den größten Hai

Ich fands ja eigentlich nur lustig. Krone-Chef Richard Schmitt anscheinend nicht.
Vor Mallorca waren Haie gesichtet worden, viele Zeitungen übernahmen ein Foto eines Twitter-Posts. Die Krone tat das auch – nur war der Hai auf dem Bild bearbeitet worden und ein Vielfaches größer und deutlich näher bei den Menschen.
Schmitts erste Antwort: „Der gepostete Schmarrn wird nicht besser, wenn er 2 x gepostet wird. #servicetweet Erklärung siehe #lasttweet
Bitte vor derartigen Tweets lesen: Im großen Bild ist der große Hai zu sehen, im kleinen Bild der ebenfalls gesichtete kleine Hai. Danke.“
Auf die nicht ganz ernstgemeinte Frage, wie das bewerkstelligt worden wäre, dass
  • die angeblich zwei verschiedenen Haie die exakt selbe Haltung haben
  • die Menschen im Wasser sich nicht bewegt haben
  • und auch Perspektive und Bildausschnitt exakt gleich sind
meinte Schmitt dann: „Herzige Annahme, aber dieses Bild wurde lediglich gezoomt“
Um dann noch einmal nachzulegen: „Auch wenn’s schwer fällt: Wie wär’s mit Richtigstellung?“
Machen wir gerne.
Die Kronen-Zeitung hat den Hai in ihrem Foto vergrößert und näher an die Badenden gerückt.
Wie man in den beiden übereinandergelegten Bildern erkennen kann, sind Hintergrund und Menschen in der gleichen Größe geblieben, der Hai dagegen ist auf wundersame Weise gewachsen.
Mir ist das ja egal, aber ich halte – wenn sich das der Chef wünscht – gerne fest, dass die Krone das Bild manipuliert hat. Wie er es ja im übrigen auch selbst gesagt hat. 
Ist der Hai gewachsen?
Oder sind die Menschen geschrumpft?

Diogenes übersiedelt also in die Red Bull Dose.

Das nur gerüchtehalber bekannte „Medienprojekt“ verspricht „Wahrheit“ und „Wirklichkeit“. Das ist nur die logische Fortsetzung von Gratishandys und Rubbellosen.
… und diese Spekulationen sind mittlerweile so absurd geworden, dass ich diesen Post zur Überarbeitung offline genommen habe, weil es hier eigentlich um was anderes ging.

Blogger x Influencer – vom Nerd zum Fashionvictim in 3, 2, 1 …

Influencer-Logik: Was du sagst, ist egal. Wichtig ist, wem du es sagst. 
Das ist schon lustig.
Es ist keine 10 Jahre her, da haben wir über Blogs noch als Indie-Medien diskutiert. Autorinnen und Autoren hatten Themen im Kopf, konkrete Vorstellungen, wie sie diese aufarbeiten wollten. Konzepte und Medienstrategien im Kleinen waren nicht immer ausgefeilt, aber oft hochgestochen.
Beim World Blogging Forum 2007 etwa war man sich noch ziemlich einig: Die besten Seiten eines Blogs sind Unabhängigkeit, Experimentierfreude, erdhaftes Spezialistentum und die Freude daran, Position zu beziehen.
Ein paar arbeitslose FH-Studenten und Ex-Journalisten später hat sich das Bild ziemlich geändert: Die Lifestyle-Keule hat sehr viele andere Ideen plattgemacht; auf Blogger-und Content-Events (von denen es jetzt viele gibt) geht es offenbar vorrangig um Monetarisierung oder „Partnerschaften“ und BloggerIn ist ein ähnlich valides Ziel geworden wie Start-Up UnternehmerIn.
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Ich halte das aus zwei Gründen für ein wenig tragisch: 

Erstens:

Es wiederholt sich damit im Kleinen, was sich auch in der großen Welt der Oldschool-Medien abgespielt hat. Vergesst Anspruch, Arbeit und Recherche, es geht um Reichweite, eine SEO-optimierte Mindestwortanzahl und soziales Wutpotenzial, das wahlweise auch durch Feelgood-Potenzial für jene ersetzt werden kann, die ihrem/r YogalehrerIn schon immer mal an die Batikhose wollten.
Die Themen haben sich von Wissen (sei es technischer, andersartig fachlicher, persönlicher oder eben erdhafter Natur) zu Stylefragen verwandelt (sei es Fashion, Food oder Inneneinrichtung). Aus Überlegungen zur Selbstpositionierung und Verwertbarkeit der über Blogs erzielten Aufmerksamkeit auf Umwegen sind Duckface-Fotos und Badezimmer-Selfies geworden. – Man probiert eben alles mögliche.
Eine weitere Parallele sehe ich in der sich breit machenden Fahrlässigkeit: Bei Blogs äußert sie sich im galoppierenden Verzicht auf Inhalte – sei es in Qualitätsfragen (wenn schöne Bilder und ein gut shareable Leadtext schon ihren Zweck erfüllen), im Verzicht auf Quellen (erst kam die Zitateflut, dann die Flut der als bunte Bilder gesetzten Zitate, und heute werden sie kaum noch als Zitate ausgewiesen. Wobei man sie ja eh leicht erkennt: Ein Satz ohne Sinnfehler ist mit hoher Wahrscheinlichkeit ein per Copy & Paste recyceltes Zitat. Tragischerweise gilt das auch andersrum: Per Copy & Paste verbreitete Tipp- und Sinnfehler sind verlässlicher als jedes High Tech Digital Rights Management.)
Die „Großen“ haben auf der einen Seite ihre Agenturmeldungen zum Copy & Pasten, auf der anderen Seite entspricht diese Fahrlässigkeit im Umgang mit Inhalten der Unsitte, die schockierendsten Bluttaten jenseits aller Vorstellungskraft in den schillerndsten Farben anzukündigen, die dann allerdings, falls jemand so weit liest, erstens nicht so, zweitens irgendwo in Zentralchina und drittens auch dort nur gerüchtehalber stattgefunden haben.
Das ist nicht verwerflich. Vielleicht ist es sogar weniger langweilig als Texte von Menschen, die denken oder etwas vermitteln wollen. Es führt aber direkt zum zweiten Problem.

Zweitens:

Das Businessmodell „Influencer“ spielt mit Phantasien, die für die wenigsten aufgehen. Reichweiten, die sich auch unabhängig von konkreten Kundenaufträgen monetisieren lassen, sind selten; Reichweite hilft auch dann am ehesten, wenn es ein Produkt dahinter gibt, dass sich zusätzlich zu Geld machen lässt. Influencer Marketing ist ein Groschengeschäft, das man durchaus ausprobieren kann, wenn man gerade nichts besseres zu tun hat. Die Vorstellung, hier ein valides Geschäftsmodell zu sehen, drückt halt massiv auf die Preise. Auch das soll allen, die es probieren möchten, unbenommen bleiben.
Allerdings habe ich den Eindruck, dass sich mittlerweile auch die Prioritäten im ehemals kommerziellen Medienbusiness verschieben: Man macht Reichweite, weil sich das eben so gehört. Man weiß zwar nicht, was man damit anfangen soll (außer anderen den Platz wegzunehmen), aber man kann sich immerhin in Rankings brüsten. Und weil Reichweite eben schwieriger mit klassischer redaktioneller Arbeit zu erreichen ist, setzt man eben, siehe oben, auf Duckfaces und Katzen.
Das wiederum ist nicht besonders schwierig zu produzieren und wird dementsprechend honoriert. Und das färbt auf Bereiche ab, in denen nun tatsächlich Arbeit anfallen würde – sei es Recherche, sei es die konsistente Vermittlung von Themen oder sei es Denk- und Konzeptarbeit, die einmal geleistet werden müsste, damit ein Thema über mit Zielen verbunden werden kann und vermittelbar wird.
Die Idee von der Monetarisierbarkeit jedweden Kanals hat die finanzielle Latte sehr tief gelegt. Wenn ein paar Euro pro Artikel als Honorar empfunden werden, macht das klar, wie die Arbeit eingeschätzt wird: Schreiben ist die lästige Tipparbeit, die halt auch erledigt werden muss, damit a) Google zufrieden ist und b) das Shareable wenigstens aussieht als hätte es Inhalt dahinter.
Das eigentliche Problem: Erstens gibt es Menschen, die derartige redaktionelle Arbeit tatsächlich als (inhaltlich und finanziell) angemessen empfinden. Zweitens gibt es Menschen (und die Überschneidung mit den unter Punkt 1 angeführten mag groß sein), die gar nichts anderes kennen. Sie sind in einer Medienblase aufgewachsen, in der Mentions, Duckfaces und die richtigen Follower das Surrogat von Relevanz sind, in einer Blase, in der wichtiger ist, wem man etwas sagt, als was man eigentlich sagt. Und drittens kommen diese Menschen altersbedingt jetzt auch in Positionen, in denen sie etwas planen und entscheiden könnten.
Das äußert sich zunehmend darin, dass auch Kommunikatoren mehr und mehr auf Inhalte verzichten. Um Missverständnissen vorzubeugen: Man braucht keine Textwüsten und schon gar keine hochdotierten Edelfedern, um Inhalte zu transportieren. Man kann das auch mit Bildern oder Hashtags machen. Man kann aber nicht übergangslos von der SEO-Strategie (ok, ernst gemeint würde ja auch die schon inhaltliche Überlegungen voraussetzen) zur Produktion schreiten und auch nur die Tipparbeit oder das Kamera-Halten als Aufwände sehen. Da fehlt ein Schritt: So banal es klingt – man bräuchte einen Plan, was man eigentlich sagen will, warum man das will und was damit erreicht werden soll. – Sonst bleibt halt Reichweite das einzige Ziel. Und die kann man zwar verkaufen, aber man kann sich nichts darum kaufen. Und nachdem auf diese Weise jeder Reichweite generieren kann, ist das eine – wenn auch lange und freundliche – Sackgasse.
Daran stört mich weniger, dass es den Markt ruiniert und die Preise in den Keller treibt. Aber es verwandelt die Welt zusehends in ein Topmodelcasting, bei dem Reichweitenrankings Heidi Klum spielen dürfen.
Aber (heute fällt es mir wirklich schwer, zum Schluss zu kommen): Wenn man sich die aktuellen Blogheim-Rankings ansieht, muss man den Fashionvictims ja recht geben …