Halloween: Was ist heute schon Horror?

Gäbe es da nicht das einprägsamste Musikthema aller Zeiten, dann wäre Halloween wohl einer der vernachlässigbarsten Filme überhaupt.

Das zeigt sich im 2018er Remake umsomehr. Was soll heute schon noch Horror sein?
Michael Myers schlachtet sich beiläufig durch den Film, mindestens ein Dutzend Tote gehen auf sein Konto, Unfallopfer gar nicht eingerechnet – das sind drei mal so viel wie im Original, an das die 2018er-Version anknüpft.
Im Gegensatz zum Original wird hier aber gleixh jede Chance auf Spannung, ambivalente Charaktere oder Überraschungen zunichte gemacht.
Michael ist halt böse, das personifizierte Böse – und deshalb tötet er.
Außerdem ist er superstark, also hat man auch keine Chance gegen ihn. Wurde eigentlich jemals geklärt, woher Myers diese Superkräfte hat? Er war schließlich ab seinem sechsten Lebensjahr recht lang im Gefängis – üblicherweise nicht gerade ein Ort bester Ernährung oder auch sonst nicht sehr förderlich für die Gesamtentwicklung.
Diese Frage stellt sich auch in diesem Halloween-Film nicht, und was besonders schade ist: Es gibt einen kurzen Moment, in dem die Handlung kippen könnte, einen ganz anderen Verlauf nimmt und sich von den üblichen Halloween-Vorgaben verabschieden könnte – aber das hält keine zwei Minuten. Dann tut Michael halt wieder das, was er immer tut. Schlachten.
(Ist schon klar, filmtheoretisch gesehen: Michael Myers ist besonders, weil er alles mögliche überlebt, was andere siebzehn Mal töten würde, er bewegt sich langsam wie ein Zombie (eigentlich müsste man mühelos vor ihm fliehen könnenI, aber wenn er nicht im Bild ist, ist er geradezu telekinetisch schnell – aber das wissen wir eben nach sieben (sind es sieben?) Halloween-Versionen schon; ohne weitere Facetten in der Persönlichkeit wird die Story einfach nicht spannend.)

Und auch das Ende ist ein klischeehaftes Blockbuster-Ende. Die guten gewinnen, der Böse stirbt. Aber wir sehen seine Leiche nicht. Im flammenden Inferno steht er noch immer aufrecht und zeigt keine Regung – aus der Asche kann er locker wiederauferstehen.

Denn wie hatte schon Dr. Loomis, Michael MNyers behandelnder Psychiater, in einer der allerersten Halloween-Versionen gesagt: „Ich möchte mein Ohr an seine Brust legen, um ganz sicher zu gehen, dass da kein Herzschlag mehr ist. Und dann würde ich sofort für seine Einäscherung sorgen und sie persönlich überwachen.“ Denn vorher kann man nicht sicher sein, dass Michael Myers tot ist – aber er ist eben too big to fail.

Wirklich gruslig – im Gegensatz zum Film – ist übrigens die Lugner City an einem Wochenendabend. Dort beginnt ein anderes Universum. Ich weiß nicht, ob nur ein Gerücht oder schon näher fixiert: Die Lugner City ist der perfekte Drehort für eine nächste Mad Max-Variante …

Suspiria: so schön depressives 70er-Jahre Berlin

Ich habe „Suspiria“ im Kino gesehen und fand es gut. Vorher lief ein Trailer zu „Anna und die Apokalypse“, eine Art High School Musical mit Zombies, und es wäre echt schwer, einem Menschen, der beide Genres nicht kennt, den genauen Unterschied zu erklären.
 
Aber zurück zu „Suspiria“. Es ist eine nicht stringent erzählte Geschichte von mächtigen Hexen, die auf nicht näher erklärte Art und Weise nach Weltherrschaft streben – aber es gibt eben immer ein noch mächtigere Hexe, mit der dann niemand gerechnet hat. Neu im Remake ist im Vergleich zu Argentos Original anscheinend noch eine stärkere Nachkriegs- und Nazikomponente: Es geht um Schuld, Scham und Strafe.
Die Story ist nicht sehr konkret, aber das macht nichts – der Film ist eine Reihe von wunderschönen Bildern, toller Inszenierung und ziemlich starken Momenten in einem schön depressiv-dunklen Berlin des Jahres 1977, wo damals noch ein paar Häuser weiter David Bowie und Iggy Pop hausten.
 
„Suspiria“ ist also jedenfalls eine große Empfehlung. „Anna und die Apokalypse“ werde ich mir wahrscheinlich trotzdem nicht ansehen.
 

Die Krone photoshoppt sich den größten Hai

Ich fands ja eigentlich nur lustig. Krone-Chef Richard Schmitt anscheinend nicht.
Vor Mallorca waren Haie gesichtet worden, viele Zeitungen übernahmen ein Foto eines Twitter-Posts. Die Krone tat das auch – nur war der Hai auf dem Bild bearbeitet worden und ein Vielfaches größer und deutlich näher bei den Menschen.
Schmitts erste Antwort: „Der gepostete Schmarrn wird nicht besser, wenn er 2 x gepostet wird. #servicetweet Erklärung siehe #lasttweet
Bitte vor derartigen Tweets lesen: Im großen Bild ist der große Hai zu sehen, im kleinen Bild der ebenfalls gesichtete kleine Hai. Danke.“
Auf die nicht ganz ernstgemeinte Frage, wie das bewerkstelligt worden wäre, dass
  • die angeblich zwei verschiedenen Haie die exakt selbe Haltung haben
  • die Menschen im Wasser sich nicht bewegt haben
  • und auch Perspektive und Bildausschnitt exakt gleich sind
meinte Schmitt dann: „Herzige Annahme, aber dieses Bild wurde lediglich gezoomt“
Um dann noch einmal nachzulegen: „Auch wenn’s schwer fällt: Wie wär’s mit Richtigstellung?“
Machen wir gerne.
Die Kronen-Zeitung hat den Hai in ihrem Foto vergrößert und näher an die Badenden gerückt.
Wie man in den beiden übereinandergelegten Bildern erkennen kann, sind Hintergrund und Menschen in der gleichen Größe geblieben, der Hai dagegen ist auf wundersame Weise gewachsen.
Mir ist das ja egal, aber ich halte – wenn sich das der Chef wünscht – gerne fest, dass die Krone das Bild manipuliert hat. Wie er es ja im übrigen auch selbst gesagt hat. 
Ist der Hai gewachsen?
Oder sind die Menschen geschrumpft?

Diogenes übersiedelt also in die Red Bull Dose.

Das nur gerüchtehalber bekannte „Medienprojekt“ verspricht „Wahrheit“ und „Wirklichkeit“. Das ist nur die logische Fortsetzung von Gratishandys und Rubbellosen.
… und diese Spekulationen sind mittlerweile so absurd geworden, dass ich diesen Post zur Überarbeitung offline genommen habe, weil es hier eigentlich um was anderes ging.

Blogger x Influencer – vom Nerd zum Fashionvictim in 3, 2, 1 …

Influencer-Logik: Was du sagst, ist egal. Wichtig ist, wem du es sagst. 
Das ist schon lustig.
Es ist keine 10 Jahre her, da haben wir über Blogs noch als Indie-Medien diskutiert. Autorinnen und Autoren hatten Themen im Kopf, konkrete Vorstellungen, wie sie diese aufarbeiten wollten. Konzepte und Medienstrategien im Kleinen waren nicht immer ausgefeilt, aber oft hochgestochen.
Beim World Blogging Forum 2007 etwa war man sich noch ziemlich einig: Die besten Seiten eines Blogs sind Unabhängigkeit, Experimentierfreude, erdhaftes Spezialistentum und die Freude daran, Position zu beziehen.
Ein paar arbeitslose FH-Studenten und Ex-Journalisten später hat sich das Bild ziemlich geändert: Die Lifestyle-Keule hat sehr viele andere Ideen plattgemacht; auf Blogger-und Content-Events (von denen es jetzt viele gibt) geht es offenbar vorrangig um Monetarisierung oder „Partnerschaften“ und BloggerIn ist ein ähnlich valides Ziel geworden wie Start-Up UnternehmerIn.
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Ich halte das aus zwei Gründen für ein wenig tragisch: 

Erstens:

Es wiederholt sich damit im Kleinen, was sich auch in der großen Welt der Oldschool-Medien abgespielt hat. Vergesst Anspruch, Arbeit und Recherche, es geht um Reichweite, eine SEO-optimierte Mindestwortanzahl und soziales Wutpotenzial, das wahlweise auch durch Feelgood-Potenzial für jene ersetzt werden kann, die ihrem/r YogalehrerIn schon immer mal an die Batikhose wollten.
Die Themen haben sich von Wissen (sei es technischer, andersartig fachlicher, persönlicher oder eben erdhafter Natur) zu Stylefragen verwandelt (sei es Fashion, Food oder Inneneinrichtung). Aus Überlegungen zur Selbstpositionierung und Verwertbarkeit der über Blogs erzielten Aufmerksamkeit auf Umwegen sind Duckface-Fotos und Badezimmer-Selfies geworden. – Man probiert eben alles mögliche.
Eine weitere Parallele sehe ich in der sich breit machenden Fahrlässigkeit: Bei Blogs äußert sie sich im galoppierenden Verzicht auf Inhalte – sei es in Qualitätsfragen (wenn schöne Bilder und ein gut shareable Leadtext schon ihren Zweck erfüllen), im Verzicht auf Quellen (erst kam die Zitateflut, dann die Flut der als bunte Bilder gesetzten Zitate, und heute werden sie kaum noch als Zitate ausgewiesen. Wobei man sie ja eh leicht erkennt: Ein Satz ohne Sinnfehler ist mit hoher Wahrscheinlichkeit ein per Copy & Paste recyceltes Zitat. Tragischerweise gilt das auch andersrum: Per Copy & Paste verbreitete Tipp- und Sinnfehler sind verlässlicher als jedes High Tech Digital Rights Management.)
Die „Großen“ haben auf der einen Seite ihre Agenturmeldungen zum Copy & Pasten, auf der anderen Seite entspricht diese Fahrlässigkeit im Umgang mit Inhalten der Unsitte, die schockierendsten Bluttaten jenseits aller Vorstellungskraft in den schillerndsten Farben anzukündigen, die dann allerdings, falls jemand so weit liest, erstens nicht so, zweitens irgendwo in Zentralchina und drittens auch dort nur gerüchtehalber stattgefunden haben.
Das ist nicht verwerflich. Vielleicht ist es sogar weniger langweilig als Texte von Menschen, die denken oder etwas vermitteln wollen. Es führt aber direkt zum zweiten Problem.

Zweitens:

Das Businessmodell „Influencer“ spielt mit Phantasien, die für die wenigsten aufgehen. Reichweiten, die sich auch unabhängig von konkreten Kundenaufträgen monetisieren lassen, sind selten; Reichweite hilft auch dann am ehesten, wenn es ein Produkt dahinter gibt, dass sich zusätzlich zu Geld machen lässt. Influencer Marketing ist ein Groschengeschäft, das man durchaus ausprobieren kann, wenn man gerade nichts besseres zu tun hat. Die Vorstellung, hier ein valides Geschäftsmodell zu sehen, drückt halt massiv auf die Preise. Auch das soll allen, die es probieren möchten, unbenommen bleiben.
Allerdings habe ich den Eindruck, dass sich mittlerweile auch die Prioritäten im ehemals kommerziellen Medienbusiness verschieben: Man macht Reichweite, weil sich das eben so gehört. Man weiß zwar nicht, was man damit anfangen soll (außer anderen den Platz wegzunehmen), aber man kann sich immerhin in Rankings brüsten. Und weil Reichweite eben schwieriger mit klassischer redaktioneller Arbeit zu erreichen ist, setzt man eben, siehe oben, auf Duckfaces und Katzen.
Das wiederum ist nicht besonders schwierig zu produzieren und wird dementsprechend honoriert. Und das färbt auf Bereiche ab, in denen nun tatsächlich Arbeit anfallen würde – sei es Recherche, sei es die konsistente Vermittlung von Themen oder sei es Denk- und Konzeptarbeit, die einmal geleistet werden müsste, damit ein Thema über mit Zielen verbunden werden kann und vermittelbar wird.
Die Idee von der Monetarisierbarkeit jedweden Kanals hat die finanzielle Latte sehr tief gelegt. Wenn ein paar Euro pro Artikel als Honorar empfunden werden, macht das klar, wie die Arbeit eingeschätzt wird: Schreiben ist die lästige Tipparbeit, die halt auch erledigt werden muss, damit a) Google zufrieden ist und b) das Shareable wenigstens aussieht als hätte es Inhalt dahinter.
Das eigentliche Problem: Erstens gibt es Menschen, die derartige redaktionelle Arbeit tatsächlich als (inhaltlich und finanziell) angemessen empfinden. Zweitens gibt es Menschen (und die Überschneidung mit den unter Punkt 1 angeführten mag groß sein), die gar nichts anderes kennen. Sie sind in einer Medienblase aufgewachsen, in der Mentions, Duckfaces und die richtigen Follower das Surrogat von Relevanz sind, in einer Blase, in der wichtiger ist, wem man etwas sagt, als was man eigentlich sagt. Und drittens kommen diese Menschen altersbedingt jetzt auch in Positionen, in denen sie etwas planen und entscheiden könnten.
Das äußert sich zunehmend darin, dass auch Kommunikatoren mehr und mehr auf Inhalte verzichten. Um Missverständnissen vorzubeugen: Man braucht keine Textwüsten und schon gar keine hochdotierten Edelfedern, um Inhalte zu transportieren. Man kann das auch mit Bildern oder Hashtags machen. Man kann aber nicht übergangslos von der SEO-Strategie (ok, ernst gemeint würde ja auch die schon inhaltliche Überlegungen voraussetzen) zur Produktion schreiten und auch nur die Tipparbeit oder das Kamera-Halten als Aufwände sehen. Da fehlt ein Schritt: So banal es klingt – man bräuchte einen Plan, was man eigentlich sagen will, warum man das will und was damit erreicht werden soll. – Sonst bleibt halt Reichweite das einzige Ziel. Und die kann man zwar verkaufen, aber man kann sich nichts darum kaufen. Und nachdem auf diese Weise jeder Reichweite generieren kann, ist das eine – wenn auch lange und freundliche – Sackgasse.
Daran stört mich weniger, dass es den Markt ruiniert und die Preise in den Keller treibt. Aber es verwandelt die Welt zusehends in ein Topmodelcasting, bei dem Reichweitenrankings Heidi Klum spielen dürfen.
Aber (heute fällt es mir wirklich schwer, zum Schluss zu kommen): Wenn man sich die aktuellen Blogheim-Rankings ansieht, muss man den Fashionvictims ja recht geben …

Mexiko City – Stadt ohne Enden

Mexiko City ist die Stadt der Ersatzteile, der langen Wege und der ehemals besseren Zeiten.

Auf dem Weg nach Teotihuacan nimmt die Stadt kein Ende. Nach Norden hin wächst Mexiko City nicht nur laufend, sondern seit einiger Zeit auch schon über die Grenzen des Bundesstaats hinaus. Mit neun Millionen Einwohnern innerhalb der eigentlichen Stadtgrenzen und 25 Millionen Einwohnern im Ballungsraum ist Mexiko City je nach Zählweise die zweitgrößte Stadt der Welt.
Das merkt man: Im Stadtzentrum bewegen sich Fußgänger schneller als Autos, die im ewigen Dauerstau stecken. Das trifft sich gut, weil Fußgänger großteils auf die Straße ausweichen müssen. Denn die Gehsteige sind besetzt: Auf der Häuserseite haben Geschäfte Ware auf dem Gehsteig zur Präsentation ausgebreitet, auf der Straßenseite des Gehsteigs warten fliegende Händler auf Kundschaft. Der schmale Streifen dazwischen gehört jenen, die gerade einen Blick in die Geschäfte werfen oder verhandeln. Wer schneller voran will, weicht eben auf die Straße aus.
Farben, Musik und Gespräche tauchen dabei die Stadt in Leben – klar, es ist voll, Straßen und Gehwege sind oft holprig und tagsüber schmutzig (auch wenn sie jeden Abend gesäubert werden), aber es ist freundlich.
 
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In den Außenbezirken werden die Straßen breiter und die Wege länger. Wer seinen Weg mit dem Distanzgefühl aus einer europäischen Stadt plant und sich dafür entscheidet, lieber zu Fuß zu gehen als auf den Bus zu warten, muss gut bei Fuß sein. Was auf dem Stadtplan nach fünfzehn Minuten Wegzeit aussieht, kann schnell man eineinhalb Stunden dauern.
Und noch weiter draußen werden die breiteren Straßen zu Autobahnen, die Stadt hält ein wenig Abstand. Endlose Hügel mit bunten Fassaden, mit Autoreifen beschwerte Wellblechdächer, manchmal nur noch Staubpisten statt Gehsteigen, manchmal Villen in dicht vergitterten Gärten.

Stadt des Verfalls

Mexiko City ist alt. Die Kathedrale ist die älteste und größte des ganzen Kontinents; ihre Wurzeln gehen in das 16. Jahrhunderts zurück. In den Gassen rundherum finden sich zahlreiche ähnliche alte Häuser und Paläste. Alle stehen schief.
 
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Das liegt nicht nur an ihrem Alter, sondern auch am Untergrund, auf dem die Stadt gebaut wurde. Die alte Aztekensiedlung, der Vorgänger der heutigen Stadt, war eine schwimmende Stadt in einem Stausee mit nur wenigen festen Inseln. Die spanischen Eroberer legten den See trocken, die Aztekenstadt verschwand – aber der sumpfige Boden des ehemaligen Sees blieb. In den vergangenen 500 Jahren hat sich der Boden fallweise um mehrere Meter abgesenkt. Manche ehemaligen Paläste sind nur noch durch niedrige Türen oder durch nach unten führende Treppen erreichbar, andere Häuserfronten neigen sich bedrohlich über die Straßen. Wer in der Kathedrale mit geschlossenen Augen über den sich stark neigenden Boden geht, hat Schwierigkeiten, das Gleichgewicht zu behalten. Vor der Kathedrale geben einige in den Boden eingelassenen Glasscheiben den Blick nach unten frei: In der jahrhundertealten Feuchtigkeit wuchert fröhlicher Farn.
 
Was nicht alt ist, sieht alt aus: Der Xochimilco-Park im Südosten der Stadt etwa wurde erst 1993 eröffnet. Ein Besucherzentrum am Nordrand soll Gäste einladen und ihnen Orientierung über das riesige Areal vermitteln. Das Gebäude, ein paar traurige Schildkröten und auch der vom Eingang wegführende Paseo de Flores wirken allerdings, als wären sie seit spätestens den 60er Jahren dem Verfall preisgegeben. Die Landestelle der großen Holzboote ist verlassen, die meisten Boote stehen unter Wasser.
Auch Neubauten entlang der großen Avenidas sind, wenn sie nicht brandneu sind, schwer von der Zeit gezeichnet. Daneben stehen aber immer wieder glänzende Glaspaläste.
 
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Beim Nachlesen fällt auf: Mexiko hatte bis in die 80er Jahre wirtschaftlich gute Zeiten. Während der Ölkrise in den 70er Jahren investierten die USA massiv in die mexikanische Ölindustrie, die Geld ins Land brachte. Nach dem Abflauen der Ölkrise waren die mexikanischen Ölprodukte nicht mehr so dringend notwendig, und, wie manche mexikanischen Historiker meinen, war auch ein wirtschaftlich starkes Mexiko den USA keine so genehme Vorstellung. Die Zinsen für die erst freigiebig gewährten Kredite stiegen dramatisch, die Einnahmen brachen ein – und seither steht Mexiko immer wieder wirtschaftlich an der Kippe.
Man meint, diesen Schnitt in der Stadt zu spüren.

Stadt der Ersatzteile

Die Wirtschaft der kleinen Händler ist ordentlich sortiert. Ganze Straßenzüge, manchmal sogar Stadtviertel, sind jeweils einer Branche, manchmal auch nur ganz spezifischen Produkten gewidmet. Man findet lange Straßen voller Küchenausstatter, Installateure, fallweise auch ganze Straßen, in denen es nur Toiletten, Waschbecken und Zubehör zu geben scheint.
Autowerkstätten nehmen ein ganzes Viertel ein, dabei mischen sich Reparaturwerkstätten mit Tuning-Palästen, glitzerndes Chrom und Sportfelgen mit Motorenteilen und anderen rostigen Innereien. Einige Werkstätten ketten noch Pitbulls wie aus dem Bilderbuch auf den Gehsteigen an.
 
Was neben den geordneten Geschäften noch auffällt: Es scheint kein Ersatzteil der Welt zu geben, das man in Mexiko City nicht kaufen kann. Berge von Metall-, Plastik- oder Keramikteilen, die dem Uneingeweihten nichteinmal eröffnen, in welches Gerät sie eingebaut werden sollen, geschweige denn, welchen Zweck sie dort erfüllen, warten auf Käufer. Und scheinen sie zu finden: Einige der kleineren Händler haben gar keine ganzen Produkte im Angebot. Sie handeln nur mit diesen Teilen – von denen viele wiederum großteils gebraucht und aus aussortierten Geräten zusammengesucht scheinen.
Und natürlich ist auch der Handel bunt und laut: Dekoration und Lichterketten gibt es überall; Elektrohändler überbieten einander bei der Lautstärke ihrer Soundanlagen – und das Tür an Tür.

Stadt der Polizei

Das Bedrohlichste an Mexiko City sind die unfassbaren Polizeiaufgebote. Im Regierungsbezirk stehen dichte Reihen gepanzerter Polizisten mit kugelsicheren Westen, Helmen und Maschinenpistolen vor den öffentlichen Gebäuden.
An praktisch jeder Straßenkreuzung stehen anders uniformierte Polizisten, die mit lautem Pfeifen und dramatisch wedelnden Händen den ohnehin durch Ampeln geregelten Verkehr noch einmal regeln. Weder die Absicht noch der Effekt sind ganz klar – aber jedenfalls sind sie sichtbar.
Auch in den Außenbezirken ist man nie länger als wenige Minuten unterwegs, ohne Gruppen von Polizei zu sehen. Alle bewaffnet, alle gepanzert.
Die U-Bahn-Stationen sind ebenfalls von der Polizei gesichert; eigene Polizisten bewachen sogar die Bahnsteige, von denen einige Bereiche eigens für Frauen und Kinder reserviert sind.
Richtung Wochenende wird die Polizeipräsenz dann noch einmal verstärkt: Ab Donnerstag Abend patrouillieren Truppen in gepanzerten Fahrzeugen, in den Ausgehvierteln patrouillieren Streifen.
Kriminalität ist ansonsten nicht auffällig: Man sieht die Polizisten auch nie einschreiten …
 
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Stadt der Geschäftigkeit

Die Wege in Mexiko City sind lang – dementsprechend mühsam muss es sein, in der Stadt beruflich voranzukommen. Das gilt für Lieferanten, Taxifahrer, Menschen auf dem Weg zum nächsten Termin – und ganz besonders für die vielen fliegenden Straßenhändler, die jeden Tag ihre Ware in den inneren Bezirken präsentieren und jeden Abend den weiten Weg zurück in die Außenbezirke antreten müssen.
Für umgerechnet 50 Cent kann man zwei Teller Tacos kaufen – zur Not und nicht auf Dauer könnte man davon leben. Jeder Peso, der mit Kaugummis, Feuerzeugen, Elektroschrott oder Bastelware verdient werden kann, zahlt sich also aus.
Frühmorgens und spätabends ziehen Händler mit Rodeln, Leiterwägen oder auch nur großen Säcken durch die Stadt. Keine Spur von ausgedehnter Siesta und mexikanischer Gemütlichkeit – die man sich zumindest in der Stadt nicht leisten kann.

Stadt der Politik

Mexiko City ist politisch. Südamerika ist politisch, Mexiko ist politisch. Wo in Europa vielleicht noch an Unis oder im kleinen politisiert wird, sind in Mexiko die Straßen voll mit Plakaten, Einladungen, Transparenten und Mahnmalen. Es wird politischer Gefangener und Opfer der vergangenen Regime gedacht, Revolutionsdaten sollen nicht in Vergessenheit geraten, es geht gegen Imperialismus und Kolonialismus und verschiedenste linke Schattierungen mobilisieren mit vollplakatierten Häuserfronten gegen Regierung, Reichtum und Konsum.
 
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Politische Kunst findet sich auch in den Museen: Historische Plakate, Superhelden, die Stadtviertel für die Armen zurückerobern möchten. Schließlich heißt auch die Partei, die derzeit den Präsidenten stellt, „Partido Revolucioniario Institucional“ und ist Mitglied der Sozialistischen Internationalen. Die institutionalisierte Revolution ist allerdings nicht so eng zu sehen – innerhalb der Partei bewegen sich sehr viele unterschiedliche Strömungen, die gar nicht immer so revolutionär sind.
 

Stadt der langen Wege

Die U-Bahn in Mexiko City ist schnell, sicher, sauber und günstig – allen Schauergeschichten von Gangs und Klebstoffschnüfflern zur Trotz und entgegen allen idiotischen Rankings über die so gefährlichsten Orte der Welt, über die sich Nichtreisende erstaunlicherweise ebensogern gruseln wie Reisende. Das heißt nicht, dass sie ganz frei von Kriminalität ist – aber der Schrecken, der sich eigentlich einstellen müsste, wenn man Mexiko City-Klischees glaubt, bleibt aus.
 
 
Die U-Bahn hat allerdings ein andere Problem: Das große, schnelle und gut geführte Netz reicht bei weitem nicht aus, um eine Stadt dieser Größe abzudecken. In vielen anderen Städten macht es Sinn, die dem eigentlichen am nächsten liegende Station zu suchen und dann zu Fuß zu gehen. In Mexiko City kommt so allerdings schnell eine Stunde Fußmarsch zustande.
Beim ersten Mal – wieder eingedenk der Schauergeschichten, die so gern erzählt werden – sucht man seinen Weg vielleicht vorsichtiger. Einmal abseits der großen Straßen verliert man sich schnell in einem engen Häuser- und Gassengewirr. Sobald die Dichte der Geschäfte nachlässt, werden auch die Häuserfronten abweisender: Anstelle bunt blinkender Schilder sind es kahle Mauern, auf denen Stacheldraht sitzt.
Was perfekte Überfalls- oder Entführungskulissen abgeben könnte, sind Wohngegenden, in denen Menschen mit Familie und Besitz ein friedliches Leben führen. Und dem Mexiko-Neuling wird schnell klar, mit welchem Verblödungsgrad man als Europäer anderen Lebensrealitäten begegnet …
 
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Trotzkis Stadt

Vor dem Frida Kahlo-Museum muss man sich anstellen. Im Trotzki-Museum wenige Straßenecken weiter schaut die Kassendame ungläubig, wenn man wirklich hinein möchte. Das Museum ist Trotzkis ehemaliges Wohnhaus in der Calle Viena, am Rand von Coyoacan, einem grüneren und schöneren Viertel der Stadt. Was zu Trotzkis Zeit wohl mal ein grüner Boulevard oder vielleicht auch nur freier Platz hinter dem Haus war, ist heute eine sechsspurige Straße, die für Fußgänger nur über Brücken zu überqueren ist. Für Trotzki wäre auch das egal gewesen: Der Großteil der Fenster und Nebeneingänge seines Hauses sind zugemauert. Trotzki verbrachte dort zwei Jahre unter schwerer Bewachung. Nach fast zehn Jahren im Exil in Europa war er 1937 nach Mexiko gekommen, um zwei Jahre bei Frida Kahlo und Diego Rivera zu leben; 1939 bezog er das jetzige Museum.
Mehrere Überfälle russischer Agenten blieben erfolglos; sein Mörder hatte sich über eine Affäre mit einer von Trotzkis Assistentinnen Zugang zum Haus erschlichen.
 
 
Das Haus ist seither unverändert erhalten: Trotzkis Bücher liegen auf seinem Schreibtisch, die einfache Küche enthält noch ein paar Geräte, in den Wänden des Schlafzimmers sind Einschusslöcher der vergangenen Attentate zu sehen, im Garten gibt es noch die Ställe der Hühner und Kaninchen, die Trotzki jeden Morgen fütterte.
Sein eigenes Arbeitszimmer ist mit einem großen Schreibtisch ausgestattet, zusätzlich gibt es noch eine Bibliothek. Sein Sekretariat dagegen erinnert eher an den Hühnerstall oder an eine Miniaturversion späterer Großraumbüros: Hinter dem Schreibtisch seiner Frau, der schon um einiges kleiner ist als sein eigener, drängen sich drei weitere Sekretariatsplätze im Volksschul-Format.
 
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