Nach Gott, Nach Sloterdijk – Wer macht jetzt die Regeln?

Peter Sloterdijk widmet der Zeit „Nach Gott“ ein ganzes Buch, Gottlosigkeit oder -verlassenheit (Achtung, das sind eigentlich Gegensätze) sind in der einen oder anderen Art allgegenwärtig, und praktisch jeder hat schon mal gehört, dass der Typ mit dem großen Schnauzer diesen Spruch drauf hatte und jetzt aber selber tot ist (wenn er nicht mit der Katze in der Schachtel sitzt). – Nietzsche, Nihilismus und Schrödingers Katze sind gleichermaßen Allerweltsrepertoire für Halbgebildete. Warum also eine ganze Essaysammlung über einen verstorbenen Gott, noch dazu zu einer Zeit, in der Karel Gott gerade in allen Medien dementiert, gestorben zu sein?

Gut und Böse sind auch nicht mehr was sie einmal waren

Ich bewundere und beneide Menschen, die sich religiös ereifern können, sei es als Gläubige, als Atheisten, Säkularisten, Laizisten – da sind wirklich viele billige Pointen abzuholen .
Aber wenn wir Religion, ihre Kritik, ihre Machtansprüche und die umgekehrten Machtaktiken der Weltlichen, die religiöse Strategien als Vor- oder Feindbilder strapazieren, wirklich mal beiseite lassen, dann müssen wir jetzt mehr denn je die Frage nach den großen Welterklärungs- und Weltlenkungssystemen stellen. Was gibt Orientierung, was setzt einen Bezugsrahmen für richtig und falsch, gut uns böse, schlecht und besser, verbohrt und pragmatisch, aufgeschlossen und verklemmt?
Die Verschiebung dieser gut/böse-Begriffspaare deutet schon darauf hin, dass Werte und Ideale überaus unterschiedlich sein können; die Differenzierung in wünschenswert und nicht wünschenswert aber zieht sich weiter, auch ohne von außen vorgesetzte kontrollierende Instanz.

Wertegläubige und Werteanwender

Meines Erachtens müssen wir hier unterschiedliche Kategorien voraussetzen: Es gibt am Nutzen orientierte Erklärungs- und Steuerungssysteme und es gibt solche, die auf Ideale abzielen. Manche dieser Systeme sind ihren Anwenderinnen und Anwendern bewusst, andere nicht. Beide Varianten gibt es aber in beiden Kategorien, und in manchen Fällen wäre es sicher auch treffender, von Gläubigen als von Anwendern zu reden. Anwendung ist mitunter ein zu bewusster, klar gesetzter Akt, etwas, das nicht allen im Zusammenhang mit der Wertewahl offensteht. Denn diese zeichnet sich in vielen Fällen gerade dadurch aus, dass sie nicht als Wahl, sondern als Voraussetzung und Gegebenheit verstanden wird.
Am Nutzen orientierte Werte- und Erklärungssysteme kennen als leitende Fixsterne etwa

  • Erfolg
  • die Wirtschaft
  • Kraft, Macht, Potenz im weitesten Sinn

An Idealen orientierte Systeme beziehen ihre Argumente aus Konzepten wie

  • Ökologie
  • die Anderen
  • Gerechtigkeit
  • Gemeinschaft

Vielleicht wirkt diese Aufzählung willkürlich und sehr punktuell. Aber sehen wir noch mal genauer hin.

Gut ist, was nützlich ist

Erfolg als Leitstern bedeutet nicht nur, dass ich alles tun will und darf, was meinem Erfolg dient. Es bedeutet auch, dass andere, deren Erfolg größer ist, „besser“ sind. Es bedeutet, dass diese sich Dinge herausnehmen können, die mir vielleicht verweigert bleiben, dass sie Vorgaben und Standards setzen (und verschieben), die ich zu akzeptieren habe. Wer Erfolg hat, ist gut. Wer keinen hat, ist ein Auslaufmodell. Klingt nach ferner düsterer Utopie? Dann schaut noch mal die türkise „Bewegung“ und ihre Bewunderer an … Aus diesen Urteilen und Priorisierungen lassen sich klare Wertesysteme ableiten, klar jedenfalls so lange, wie sie sich keinen Grundsatzfragen stellen müssen. Dann gerät unter Umständen schnell die allererste Entscheidung ins Wanken – man müsste erklären können, warum Erfolg das Maß aller Dinge sein soll.
Wir müssen aber gar nicht stromlinienförmige Politkörper und -geister strapazieren. In der Ökonomie sowieso, aber auch in der Kultur ist Erfolg der Leitstern. Wachstum (nahezu egal wovon und wozu) und Reichweite sind Qualitätskriterien, die vervielfachende Mechanismen in Gang setzen.

Gut ist, was wächst

Kraft und Macht als Leitbilder funktionieren nach einer ähnlichen Logik. Kraft und Macht sind wichtig und vorteilhaft, also muss es gut sein, mehr davon zu besitzen, sowohl für einzelne als auch als Leitbild.
Ein Primat der Ökonomie dagegen muss nicht von vornherein auch die Wirtschaftstreibenden an die Spitze seiner eigenen Wertepyramide stellen. Hier ist das Rechnen das entscheidende Wertekonstrukt, die scheinbare Genauigkeit, mit der der gemessen, berechnet, vielleicht sogar vorhergesagt werden kann. Es ist das klare Urteil von Mehr oder Weniger, das ein einfaches und deutliches Bild der Welt zeichnet und klar macht, wohin man möchte.
Wachstum als oberstes Prinzip anzusetzen schließt von vornherein schon aus, das Ganze im Blick zu haben. Es kann nicht alles wachsen. Wachstum bedeutet zugleich auch Verdrängung.

Gut ist, was überleben sichert

Das klingt nach moralischem Unterton, nach betulichem Beigeschmack. Ist aber nicht so. Wir nähern uns hier nur einer Sphäre andersartig orientierter Wertesysteme. Eines der am klarsten nachvollziehbaren ist dabei ein von Ökologie dominiertes Wertesystem: Es gibt nur eine Erde. Und die brauchen wir. Können sich also gut/schlecht, nützlich/schädlich und ähnliche Kategorisierungen daran orientieren, was für die Erde nützlich ist?
Das klingt altruistisch, ist es aber nicht. Denn was für die Erde nützlich ist, sichert schließlich den Fortbestand dessen, was Menschen zum Überleben brauchen. Bruno Latour greift den Gedanken der Erde als zentralen Leitwert in seinen Lebenswelt-Überlegungen mehrfach auf. Wie so oft bleibt auch dabei das Problem, dass die Erde grundsätzlich recht schweigsam ist und auf Vermittler angewiesen ist. Da bewundert man wieder die strukturelle Effizienz der religiösen oder antireligiösen Organisationskomplexe, die mit Glauben an den Glauben oder Glauben an die Rationalität unbeirrbar klare Linien fahren können.
Offenere Anstands- und Wertesysteme müssen sich da auf mehr Diskussion einlassen.

Damit kommen auch die Anderen ins Spiel. Die einfache Variante wäre: Gut ist, was für die anderen gut ist. Das ist aber eigentlich und rational betrachtet nicht verständlich. Welche Grund gibt es, hier eine Grenze zwischen uns und denen zu ziehen und andere auf eine höhere oder moralisch relevantere Stufe zu stellen? – Dieser Einwand funktioniert nach dem gleichen Prinzip wie der Stammtischreflex gegen Politische Korrektheit, Feminismus und andere Antidiskriminierungstechniken. Das wäre auch der falsche Weg.
Die anderen kommen dann ins Spiel, wenn sie Betroffene sind, wenn unsere Handlungen Einfluss auf sie haben. Dieser Kreis wächst laufend. Handlungen ziehen größere Kreise, Information verbreiten sich schneller, globale Zusammenhänge werden unmittelbarer spürbar. Die Philosophin Lisa Herzog hat diese Dynamik der engeren und dichteren Zusammenhänge als Argument zur Ehrenrettung für Adam Smith ins Spiel gebracht, dessen Sichtweise eines (auch moralisch) regulierenden Marktes heute naiv wirken mag, aber für die Realität des 18. Jahrhunderts konzipiert war. Der Evolutionsbiologe und Mathematiker Martin Nowak stößt auf seiner Suche nach den Grundlagen, Ursachen und Motivationsfaktoren für Kooperation immer wieder auch grundsätzlich unscharfe, aber sehr bestimmende Elemente wie Hoffnung oder Vertrauen auf und in andere. – rational wäre es ja, nicht zu kooperieren. Menschen tuen es trotzdem, oft auch in der Hoffnung auf Entgegenkommen der anderen (Nowak nennt das indirekte Reziprozität).
Die anderen sind vor allem dann keine zu vernachlässigende Größe, wenn die Perspektive des einzelnen verlassen wird. Erfolg, auch für einzelne, ist ja nichts schlechtes. In dieser Isoliertheit taugt Erfolg nur wenig als Leitsystem, das Weiterentwicklung für alle im Blick hat.

Von hier aus ist es dann in vielen Debatten nicht weit zu schwierigen Begriffen wie Gerechtigkeit und Gemeinschaft, die ohne politischen Hintergrund ziemlich nutzlos sind. Chancengerechtigkeit, Verteilungsgerechtigkeit, Gerechtigkeit als Rache – hier kommt man auch von der politischen gefährlich schnell nah an eine praktisch religiöse Diskussion.

Heute müssten wir uns ja nicht mehr einigen …

Wozu also, warum sollten wir uns mit Fragen nach Leitsystemen beschäftigen, wenn wir diese, vor allem in ihrer Eigenschaft als Herrschaftsinstrumente endlich ein wenig in den Hintergrund gedrängt haben, wenn wir es uns auch im vielstimmigen Pluralismus gemütlich machen könnten?
Das ist eine Zeitfrage.
Wir können im friedlichen Pluralismus aneinander vorbeireden, ohne Entscheidungen treffen müssen, wir können uns auf relativistische Positionen zurückziehen, rationalistische Kahlschläge fordern, individualistische Absolutisten sein, moralisch aufmunitioniert unangreifbar werden – aber aus all dem entsteht nichts. Es bleibt bei einem Gewirr nebeneinander stehender Positionen, die wieder nur innerhalb ihres eigenen Kontexts rechtfertigen können, warum sie den anderen überlegen sind.

Warum sollten wir hier raus? Es ist dringend notwendig, Entscheidungen treffen zu können. Um Entscheidungen treffen zu können, müssen wir aber erst wieder Auseinandersetzung lernen. Dagegen sagen die Individualisten und Ausgegrenzten, dass sich sich nicht mehr mit den Machtansprüchen und Vorurteilen der anderen beschäftigen wollen, die Rationalisten sehen Jahrhunderte der Aufklärung in Gefahr, Esoteriker und Nazis sehen sich von Mainstream oder Verschwörungen bedroht, Medien freuen sich an wortreichen Debatten und mächtige Entscheidungsträger messen Gut und Böse in den kurzen Fristen von Vorstandsperioden oder Wahlzyklen.

Dann gibt es aber keine Basis für Handlung mehr

In dem großen Rauschen verliert man als nachdenklicher Mensch jede Lust, überhaupt noch etwas zu sagen. In vielen Fällen ist das auch nicht schlimm. In anderen Fällen ließe sich mit ein wenig Argumentation und Ruhe viel Aufregung vermeiden, Zeit sparen und Energie für anderes freisetzen. Und in wieder anderen Fällen braucht es anscheinend Regeln und Werte und Grundsätze, um überhaupt entscheiden zu können, wer reden sollte, wem man Aufmerksamkeit schenken sollte und wessen Einwände eine Rolle spielen.
Solange hier unhinterfragt und unreflektiert unterschiedliche Systeme aufeinanderprallen und es keine Kultur der Übersetzung gibt, es nicht notwendig ist, den Standpunkt wechseln zu können, ja solange das eigene System nicht einmal annähernd so bewusst und durchdacht ist, wie es verordnete Zwangssysteme wie Religionen noch waren – so lange haben wir keine Basis, um uns mit großen Herausforderungen zu beschäftigen. Wie wollen wir leben, Arbeit organisieren, die Umwelt überleben lassen – das sind warteorientierte Fragen. Für eine sinnvolle Beschäftigung mit diesen müssen wir uns auch sinnvoll wieder mit Wertesystemen beschäftige können, und ganz praktisch betrachtet, als vielleicht erster Schritt, müssen wir auch reden und verhandeln lernen.
Das ist die dringend notwendige Basis.
Dafür brauchen wir keine traditionellen, weltumgreifenden oder auf andere Art und Weise unverschämten Systeme wie Religionen (seien sie jetzt spirituell, ökologisch oder rationalistisch). Wir brauchen eher die Offenheit, auch außerhalb der eigenen Clique verständlich sein zu wollen. Oder die Bereitschaft, das Risiko einzugehen, fürs erste vielleicht auch mal schwer verständlich zu sein …

Zizeks „Sex“-Outing ist ziemlich traurig

Ach herrje, es ist ja oft ein Vergnügen, Texte derart abstrakter Denker wie Zizek zu lesen, weil sie selten konkret werden, weil sie Spielraum lassen, manchmal auch anregen. Umso schlimmer ist es dann oft, wenn sie konkret werden.
Wenn Slavoj Zizek mit Gewalt Dinge in Popkultur reinlesen will, dann ist das ok. Schließlich regt auch Popkultur zum weiterspinnen an. Wenn er um jeden Preis brachialrevolutionäre Phantasien herbeischreiben möchte und mit Werkzeugen der Siebziger Jahre Entwicklungen von heute – dazwischen liegen bald fünfzig Jahre – erklären möchte, ist das im besten Fall lächerlich, im schlimmsten Fall ungewollt zynisch und dumm. Wenn er über Sex schreibt, wird es haarsträubend.

In der NZZ fabuliert Zizek etwas von der Entsublimation des Sex durch den Feminismus, von der Rückeroberung der Vulva, die „unsexy“ sei. Es ist ein sehr schwacher Text, der mich zumindest geradezu entsetzt zurücklässt. Da ist ein Mann jenseits des Erwachsenenalters auf Körperteile fixiert, ohne sie als Körperteile zu sehen, er verbindet sie mit einem Mysterium, das ihnen erst angedichtet werden muss und ist enttäuscht, wenn deren biologische Funktionsweise ans Tageslicht kommt.
Hey, dabei kann man doch viele praktische Dinge lernen!, könnte man jetzt zumindest aus bildungsbürgerlicher Sicht entgegensetzen.

Wollte man auf all die absurden Vermutungen, Verknappungen und an den Haaren herbeigezogenen Zusammenhänge eingehen, die Zizek in seinem Text bemüht, und dabei über Sex reden – man könnte auch nur in ein großes Fettnäpfchen stolpern und ein Musterbeispiel von too much information liefern.
Ich würde es sogar unbezweifelt stehen lassen, dass es das Unerreichbare ist, das uns antreibt, und dass es eine der größten Enttäuschungen wäre, wenn wir dieses wunderbarerweise erreichen könnten (das ist eine Variante von Lacan psychoanalytischer Trieblehre, die in praktisch jedem Zizek-Text auftaucht).

Aber die Vorstellung, dass all das den Bach runtergehen soll, weil man mehr über die Funktionsweise eines Körperteils weiß … – auch Philosophen sollten mehr Sport machen. Training hat schließlich auch etwas mit Logik zu tun, und der Körper (egal welcher Teil) macht dann gleich mehr Platz für aufregendere Mysterien.

Und auf der professionellen Seite liegt diese Erkenntnis auch die Vermutung nahe, ich hätte mir bislang zu viel MPhe gegeben, in Zizek-Texten Sinnvolles zu entdecken, sie wohlwollend und konstruktiv zu lesen. Dieser Vulva-Text jedenfalls ist dumme planlose Faselei.

Aufmerksamkeit: wichtig ist nicht, ob es dir gefällt

Nachdem ich mich am Wochenende über Monocle aufgeregt habe, war ich ein paar Schritte in der Stadt unterwegs. Gerade wenn man sein Leben eher entlang des Gürtels verbringt, sticht das sinnlose Glitzern der Innenstadt noch mehr ins Auge. Man braucht nicht mal das Goldene Quartier mit seinem Charme einer Westernstadt-Kulisse (aus einer deutschen Fernsehproduktion) zu betreten, um in der Wiener Innenstadt von einer Flut von Nobelbrands erschlagen zu werden, die laut schreiend und glitzernd so alles andere als nobel sind.
Wer soll das kaufen? Wer soll sich – abgesehen von der Frage der Leistbarkeit – mit Luxus von der Stange, der überall auf der Welt so gleich ist wie die hochindividuellen Yogalifestylehandmadesoulmateartikel, die letztlich ja auch nur Dinge sind, wohlfühlen? Und was wollen diese Brands sagen, wenn sie sich überall auf der Welt gleichermaßen zusammenrotten, das Stadtbild gleichförmig verwandeln und Luxus der Qualität mit Hochpreisigkeit verwechseln und den Nimbus der Unerreichbarkeit durch deutlich zur Schau gestellte Preisetiketten zerstören?

Da kann ich gleich wieder meine neue Lieblingszeitung des Grauens zur Hand nehmen. Im Monocle-Shop gibt es Style-Empfehlungen, wie sie Herausgebers-Gattinnen nicht absurder hätten zusammenstellen können (HerausgeberInnen-Gatten sind mir in dieser Hinsicht tatsächlich noch nicht aufgefallen).
Ein langweiliges farbloses Outfit um 1430 Pfund, dazu ein Koffer für 630 Pfund (der sich nicht von einem für 60 € unterscheidet). Das ist es also, womit sich Menschen, die Magazine wie Monocle gut finden sollen, beschäftigen (sollen).
Ich gehe ja davon aus, dass diese Preislagen für solche Artikel auch für die überwiegende Mehrheit der Monocle-LeserInnen nur unter Schmerzen leistbar sind. „Darum geht es nicht“, wurde ich dann gleich von lifestyleerfahreneren Mitmenschen eines Besseren belehrt. „Das richtet sich nicht an Leser, sondern an Anzeigenkunden, damit diese sehen, dass sie in einem hochklassigen Umfeld bei einer kaufkräftigen Zielgruppe werden.“

Aha.

Wir bewerben also Produkte bei Menschen, die sie sich nicht leisten können, damit diejenigen, die sie sich leisten können, das Gefühl haben, dass die Produkte bei denen, die sie sich nicht leisten können, hochbegehrt und schick sind. Man möchte ja schließlich auch ein wenig beneidet werden. Oder zumindest die Sicherheit haben, dass man sein Geld nicht für uncoolen Schwachsinn ausgibt.

Was für ein Schwachsinn, denke ich mir, und denke gleichzeitig, dass sich so etwas auch nur ein selbstzufriedener Nerd denken kann. Jemand, der von Lacan gelernt hat, dass die Triebbefriedigung das größte Übel ist, das die Welt zu bieten hat – so wie der Motte das Licht auch nicht gut täte, wenn sie davon nicht durch ein Glas oder zumindest ein Fliegengitter getrennt wäre. Denn was täte man ohne Triebe und Sehnsüchte?
Ok, aber man kann sie zumindest auf etwas anderes richten, denke ich mir.

Dann lasse ich allerdings diesen Gedanken schleunigst fallen. Denn ich bin inzwischen einige Schritte weiterspaziert, und ich sehe Menschen vor dem offensichtlich überfüllten Café Sacher Schlange stehen. – Gut, wenn es nur teuer genug ist, setzen Menschen eben wirklich viel daran, bitter enttäuscht zu werden. Dann sollen sie eben auch Socken um 65 Pfund kaufen. Die haben vielleicht auch noch eine schöne Verpackung.

Aber die, die im Sacher sitzen und draußen die Schlange stehen sehen, könnten sich für exklusiv und begehrt halten – wenn, ja wenn sie nicht selbst vorher noch draußen in der Schlange gestanden wären. Und wenn es im Sacher irgendetwas zu sehen gäbe – außer Menschen, die vorher in der Schlange gestanden sind, um selbst dort zu sein und eben jetzt sich selbst dort zu sehen.
Menschen, die in der Schlange vor dem Café Sacher stehen, ruinieren also gleichzeitig das Erlebnis, das sie gerne hätten, und schaffen es auf einer anderen Ebene aber erst. Sie ruinieren es in dem Sinn, als man als Tourist wohl ins Sacher geht, um dort etwas von Tradition, altem Wien und Kaffeehauskultur zu schnuppern. Was man dort findet, sind allerdings andere Touristen.
Deshalb schaffen sie zugleich ein anderes Erlebnis, nämlich das, sagen (oder posten, sharen, fotografieren) zu können: „Ich war im Sacher. Diesem berühmten Caféhaus.“ Der Caféhausbesuch als performativer Akt wird also dadurch (wieder) relevant, dass das Behaupten der Relevanz ein konstitutiver Akt ist, der sich nicht verleugnen lässt. Wenn ich behaupte, dass mir das wichtig ist, kannst du nichts dagegen sagen. Und außerdem stehen draußen noch hundert Menschen in der Schlange, die das gleiche wollen wie ich. (Die sind dann zwar auch vielleicht ein wenig enttäuscht (sofern sie präsent genug sind, um mitzubekommen, was passiert), aber auch sie werden Teil der Performance sein und der Welt erklären, wie wichtig es ist, im Sacher gewesen zu sein – sie werden der Welt erklären, wie wichtig ich bin.

Ziemlich genau das gleiche leistet die Anzeige mit überteuertem Kram. Und ich rede dann noch darüber. Naja, es gibt eben kein Entkommen … und mit genug Publikum kommt man heute vielleicht sogar noch über die Enttäuschung des erfüllten Triebs hinaus.

Geht zu mehr Lesungen!

Lesungen und Buchpräsentationen, bei denen es tatsächlich um den Text geht, sind ein schwer unterschätzte Veranstaltungssorten. Stattdessen gibt es Buchpartys, Releasepartys, Diskussionpanels und andere Versuche, der Tatsache auszuweichen, dass es hier um einen Menschen und seine Gedanken in Papierform geht.
Leopold Federmair lieferte unlängst in der Alten Schmiede ein sehr schönes Beispiel dafür, wir mitreißend ein Abend sein kann, an dem ein Mensch einfach nur von seiner Arbeit erzählt.
Und das Buch ist kein besonders mitreißendes Drama, es knüpft an keinen Trendthemen an und es ist nicht mal aufregend betitelt: „Tokyo Fragmente“ beschreibt Beobachtungen von Spaziergängen und Gesprächen in Tokyo.
Federmair schweift ab, auch wenn er von Gesprächen mit Persönlichkeiten wie Kenzaburo Oe erzählt, oder von Elternbesuchen in japanischen Kindergärten, dazu erzählt er von seiner Neugier auf das Leben von Autoren, über die er alles wissen möchte, und die er sich jetzt, als 60jähriger, auch anzusprechen traut.
Er erzählt von Begegnungen mit Roberto Bolano, von der Schwierigkeit, jenseits der 40 noch Sprachen wie Japanisch zu lernen, von eigenen Irrwegen als junger Autor – aber was red ich, ihr sollt ja selbst zu mehr Lesungen gehen. Manchmal ist das sogar besser, als selbst zu lesen.

Ich wollte eigentlich nie Marx lesen, aber der Jacobin sagt …

Marx stand nie ganz oben auf meiner Leseliste. Als Student war mir da zu wenig Musik drin – Marx beschäftigt sich mit realökonomischen Fragestellungen; Metaphysik, Ontologie und andere spannende Themen finden sich bestenfalls zwischen den Zeilen.
Später, als ich die realökonomischen Fragestellungen spannender fand, hatten für mich andere Zeitgenossen, vor allem die Anarchisten wie Bakunin und Kropotkin mehr zu sagen.
Heute wundert mich ja am meisten, dass Marx auch zu seinem 200. Geburtstag noch nicht als neuer Heiliger der Work Life Balance, der öko-esozentrierten Selbstoptimierung und der Finde-dein-Selbst-Mentalcoaches avanciert ist. Schließlich war er es doch, der grundlegende Unzufriedenheit, Spannungen zwischen Ideellem und Materiellem, zwischen Anspruch und Realem beschrieben hat.
Gelesen habe ich trotzdem bis heute nur das Kapital – und dann auch nie wieder reingeschaut.

Linke Theorie liegt im Moment eher danieder. Das neu erflammende Interesse an Karl Polanyi ist befremdlich, verlässliche Visionsspekulanten wie Slavoj Zizek oder Chantal Mouffe versagen kläglich beim Versuch, real relevanter zu werden, kaum etwas wirkte bereits bei Erscheinen älter als der große Sammelband „Die große Regression“, in dem das Aufkommen rechter Politik diskutiert wurde.

Auf der anderen Seite gibt es das Jacobin Magazin: Cool aufgemachte linke Theorie, ein Magazin, das astronomische Verkaufszahlen hat (für ein Politik-Magazin, für ein Theorie-Magazin, eigentlich für jedes Magazin), und ein neuer Hoffnungsschimmer am politisch linken Horizont.
Der Aufstieg des Jacobin ist offenbar so faszinierend, dass der Suhrkamp Verlag dem Magazin eine eigene Anthologie in Buchform widmet. Auf 300 Seiten findet sich ein Best-Of diverser Artikel und Interviews. Und sehr viele davon drehen sich, wenn sie sich nicht um Bernie Sanders drehen, um Marx, Marxismus, Marx lesen und Marx verstehen.

Für einen Menschen, der politischer Theorie gegenüber sehr aufgeschlossen ist, ist das sehr ernüchternd. Von konservativer Seite ist nichts nur erwarten, weil das Bewahren (vor allem das Bewahren von Macht) selten herausfordernde Argumente hervorbringt. Liberale sind heute die intellektuell schwächsten – aus lauter Angst vor Ideologie und Dogmatismus beschränkt sich deren Theorieüberbau auf zu Hashtags eingedampften Spässchen im veganen Blondinenwitzformat. Die linken waren die mit Visionen, um die man spannende Theoriegebäude bauen konnte.
Und jetzt wollen sie auch nur mit Marx-Zitaten um sich werfen?

Vielleicht hat die Rückbesinnung auf weitgehend gefahrlose und inspirationsfreie Texte ja auch mit der Angst vor den gescheiterten Menschenbildern zu tun. Der Idealtyp konservativer Politik ist der verdienstvolle langjährige Angestellte, dessen Frau ihm abends die Pantoffeln zur Couch bringt. Liberale idealisieren einen farblosen homo oeconomicus, der immer rational handelt – es sei denn, es ärgert ihn gerade etwas. Der neue Mensch sozialistischer Visionen ist in den Blutbädern Chinas und Russlands untergegangen, geistert heute noch durch albanische oder rumänische LIteratur.
Dabei wäre gerade hier viel Platz für ansprechende politische Theorie: Von welchem Menschen reden wir, welche Bilder haben wir dabei im Kopf? Welche Verhaltensweisen und Ideale helfen, eine Welt zu schaffen, die wir uns wünschen?
Ich fürchte, dass viele davon nur über Verhaltensweisen – im Konsum, im Wirtschaften, im persönlichen Umgang und auch in der Kultur – erreicht werden kann. Revolutionäre Wirtschaftsordnungen, auch wenn sie sauber marxistisch-leninistisch durchstrukturiert sind, leisten das nicht, fürchte ich.

Friederike Mayröcker hat gelesen und ich habe nachgedacht

In jungen Jahren habe ich öfters versucht, irgendwo an der Literaturszene anzudocken. Dort waren meistens streng riechende ältere Männer, Ökos in bunten Wollpullovern und ältere Damen mit Leopardenmusterfärbung im kurzen silbernen Haar.
Daran hat sich wenig geändert; die Menschen sind noch älter geworden, und wieder gibt es mittendrin ein paar Mittzwanziger auf der Suche.

Gestern las Friederike Mayröcker im Rahmen einer Soiree in der ÖGS, sazu zeigte Stefan Gabi einige Bilder, Karin Nasa spielte die Koto eine 25saitige Art japanische Zither, die fallweise klingt wie drei virtuos gespielte Gitarren.
Die Literaturwissenschaftlerin Aurélie Le Née sprach einleitende Worte, und mir wurde wieder mal klar, sarum ich den Kontakt zur Literaurszene (nicht zur Literatur) verloren habe, und warum eine geisteswissenschaftliche Karriere schon sehr früh keine Option für mich war.
Fabis Zeichnungen erinnern an Picasso, Mayröcker erwähnt Picasso in einem der Texte, Le Née erklärt, dass Mayröcker wohl beim Schreiben der Texte an Picasso gedacht hat. Mayröcker schreibt in einem der Texte, sie hänge am Zeiger der Uhr wie Charlie Chaplin. Le Née erklärt, dass Mayröcker sich damit auf einen Film Charlie Chaplins bezieht, in dem dieser am Zeiger einer überdimensionalen Uhr hängt, wobei Charlie Chaplin ja in der Uhr war; an der Uhr hing Harold Lloyd in einem anderen Film.

Ich habe nie Sinn darin gesehen, Menschen zu erklären, was sie gerade gesehen haben. Ich habe es auch nie verstanden, warum man Bücher schreibt, um dann, im gleichen Stil und in vorgegebener Form, der Wissenschaftlichkeit halber, zu erklären, was in anderen Büchern steht. Wenn das jemanden interessiert, kann er oder sie dieses Buch doch selbst lesen. Und wenn es nicht interessant ist, dann wird es auch durch Nacherzählung oder Interpretation nicht interessanter.
Das ist natürlich nicht nur ein schlechter Start für eine dann gar nicht gestartete geisteswissenschaftliche Karriere, sondern auch eine etwas unkommunikative Einstellung. Da verbringst du viel Zeit damit, Bücher zu lesen, hättest einiges dazu zu erzählen – und tust es dann nicht.

Ich möchte ja niemandem etwas vorenthalten, ich zwinge mich manchmal geradezu dazu, etwas zu erzählen. Aber heimlich halte ich es doch für einen Akt der Unhöflichkeit. Denn du erzählst damit Menschen etwas, das sie schon wissen (dann, wenn sie sich nämlich auch dafür interessieren und etwas dazu gelesen haben), oder du langweilst sie mit etwas, das sie ausdrücklich nicht interessiert (sonst hätten sie sich ja damit beschäftigt).
Das hat übrigens Lehrer an Schule und Universität schon immer zur Verzweiflung gebracht. Denn für mich war immer klar: Es ist ja klar, dass ich das weiß, ich lese ja viel; also werde ich nichts dazu sagen. Denn viel spannender ist doch, ob andere vielleicht auch etwas dazu zu sagen haben.
Ich halte also nicht viel davon, Dinge nachzuerzählen, die ich wo gelesen habe, ich stehe historisierenden Nachnachnacherzählungen, die sich dann vielleicht noch bemühen, irgendwelche Kuriositäten einfließen zu lassen, mit Grausen gegenüber.

Das wäre natürlich eine Einstellung, die das gesamte kulturelle Leben zum Erliegen bringen würde. Und manchmal rede ich ja auch über Kultur. Aber was wäre dann der Ansatz, mit dem sich etwas sinnvolles sagen ließe? Oder ist es umgekehrt und im Gegenteil das große Verdienst langweiliger Kulturdiskurse, nicht auffallen, nicht unterhalten zu müssen, sonder schlicht auch mal widerspiegeln zu können, was gerade Sache ist? – Letzteres passiert natürlich nie; alles passiert mit einer Position und auch mit einer bestimmten Richtung.
Im Wesentlichen sind es drei Archetypen kultureller Diskurse, die mich immer wieder zum Schweigen bringen:
1. Bewunderung: Ich wollte gar nicht bewundert werden und ich will schon gar nicht Anerkennung sammeln oder andere zum Schweigen bringen; ich wollte nur eine kurze Geschichte erzählen, die mir gerade eingefallen ist und die sich nur deshalb in irgendeinem kulturellen Umfeld bewegt, weil ich wenig anderes zu sagen habe. Also, ich wollte das nicht; können wir über etwas anderes reden?
2. Die vermeintlich gebildeten und belesenen Allwissenden: Es gibt diese Typen, die von sich glauben, viel zu wissen, und auch gerne darüber reden. Weil sich das nicht immer oder ihrer Meinung nach nicht oft genug ausspielen lässt, nötigen sie dann oft andere, sie etwas zu fragen oder sie herauszufordern. Dann predigen sie bruchstückhaftes Faktenwissen, lassen ambivalente Interpretationen vermissen und vermeiden schwierige Spielräume. Dann strahlen sie dich an, als hätten sie dir gerade ein tolles Geschenk präsentiert, warten auf Bewunderung, bereiten schon ihre nächste Geschichte vor und bekommen gar nicht mit, dass dein neutrales Gesicht nicht auf Schwerhörigkeit oder mangelndes Verständnis zurückzuführen ist oder das Ergebnis mit großer Contenance überspielter Fremdscham ist.
3. Die Stichwort-Vampire Sie lauern auf Reizworte, und kaum ist eines gefallen, reißen sie die Aufmerksamkeit an sich, biegen zu einem minutenlangen Umweg ab, verpacken möglichst viele Nebensächlichkeiten in einen ausufernden Spannungsbogen, unterstellen dir Irrtümer, um dir vorhalten zu können, dass alle anderen außer ihnen oberflächlich sind, und auch sie hören nicht auf zu reden und dafür dann Anerkennung und Bewunderung zu heischen. Das Gefühl, das sich dann breitmacht, ist ähnlich dem großen Bedauern, das sich einstellt, wenn du dem untalentierten Gastgeber-Koch höflichkeitshalber eine anerkennende Bemerkung gemacht hast und dich vor einem nächste ekelhaften Haufen ungeliebten Fraßes wiederfindet.

Das ist eine ziemlich traurige Zustandsbeschreibung. Aber während ich noch darüber nachdenke, ob ich vielleicht zu schwarz male, erkennt mich einer der streng riechenden schlecht gekleideten Herren als alleinstehendes Opfer, schiebt sich ein letztes Brötchen in den Mund und hebt, noch kauend, Brösel spuckend und eine fettige Hand nach mir ausstreckend, an, irgendetwas zu erklären, das ich nicht wissen wollte.
Ich verlasse den Abend und werde mich bei nächster Gelegenheit wieder voll froher Hoffnung von neuem auf die Suche machen. Und ich werde weiter darüber nachdenken, warum es mich so selten freut, von den Ideen, die mich am meiste beschäftigen, zu erzählen.

Schönheit müsste nicht platt sein

Es beginnt schon mit den plattesten Platon-Zitaten, die sich halt sehr leichtsinnig als Plattitüden zur Verfügung stellen. Die Gleichsetzung von Gutem und Schönem, das dann irgendwo auch wahr sein soll, ist ein plakativer Aufhänger – aber eher eine Diskussion über Wahrheit, Ethik und Erotik als eine über Schönheit. Wollte man Philosophieren, dann hätte man im Konversationslexikon zur ästhetischen Philosophie auch einmal umblättern können, um bei Kants Ästhetik des Erhabenen zu landen oder gar bei Hegel und seinen Vorläufern expressiver Kunsttheorien.
Aber das hätte die – auch so mehr als fragwürdige – Voraussetzung der Ausstellung ins Wanken gebracht: Schönheit müsse rehabilitiert werden, finden Sagmeister und Walsh als Ausstellungsmacher offenbar, und unterstellen Designern und Gestaltern des 20. Jahrhunderts, dass diese Schönheit missachtet hätten.
Ein ornamentfreies Gebäude (ja, auch Loos kommt vor) ist nun aber nicht zwangsläufig weniger erhaben als ein reich verziertes – um den vermeintlichen Angriff auf die Schönheit mit nur einer beliebigen ästhetischen Theorie (in diesem Fall eben Kant) ins Wanken zu bringen.
Und schlicht wirklich dumm wird es dann, wenn man den Anspruch der Ausstellung ernst nimmt: Ein Exponat ist eine Vitrine mit Trinkgefäßen aus mehreren Jahrhunderten. Kelche, Cocktailgläser, Tumbler, Weinpokale bilden eine lange Reihe, die, als Stellvertreter für die Gegenwart, mit einem Wegwerfplastikbecher endet. Keiner der anderen Becher war als Wegwerfprodukt konzipiert. Keiner der anderen Becher wurde unter der Vorgabe, leicht, stapelbar, einfach transportierbar und absolut kostengünstig zu sein, gestaltet. Keiner der anderen Becher kommt unter vergleichbaren Bedingungen wie der Plastikbecher zum Einsatz – auf Festivals, Straßenfesten oder zum Transport von Urinproben. Uns selbst die platte und in der Ausstellung allein angesprochene Theorie vom Schönen als Gutem könnte am ehesten im Plastikbecher ihre Erfüllung finden – sofern dieser etwa nachhaltig produziert und rücktstandsfrei zu entsorgen ist. Woran man im übrigen auch sieht, dass diese Theorie des Schönen von den aktuellen Anforderungen an das Gute abhängig ist.
Ebenso platt und umstritten (wenn nicht schlichtweg falsch), ist die Behauptung, Faustkeile und Steinbeile seien nur aus ästhetischen Gründen symmetrisch gestaltet worden. Ein symmetrisches Werkzeug ist ungleich praktischer, weil man weniger darauf achten muss, wie man es in der Hand hält. Dass sich daraus dann auch ästhetische Standards entwickelt haben, hinter denen andere Werkzeugmacher nicht zurückbleiben wollten, mag sein. Und es gibt sogar empirische Daten dazu, dass symmetrische Faustkeile vor allem ungeübten Arbeitern die Arbeit leichter machen.
Von dieser Ausstellung bleibt ein wenig Ratlosigkeit und die Ahnung, dass bekannte Namen eben auch ihre schönen und guten Seiten haben. Jeden anderen hätte man nach der Vorstellung dieser Ausstellungsidee mit einem ratlosen „Na und?“ nach Hause geschickt.

Ich kann den Emo-Müll nicht mehr sehen

Kinderaugen, größere Kinderaugen, vergessene Teddybären, Nonnen, alte Nonnen, uralte Nonnen, sehr dicke Menschen, sehr dünne Menschen, Zahnspangen- und Brillenträger, Babykatzen, Kulleraugenzeichentrickfiguren, alle werden zu Helden. Nicht etwa, weil sie etwas Großartiges auf die Reihe kriegen. Nein, sie machen langweiligen Alltagskram, verwandeln sich dabei in abgefahrene Superhelden und werden von allen Gaffern rundherum abgefeiert und bejubelt.

Es war ja nur eine Frage der Zeit. Eine Generation, die mit Emotion, Storytelling, Entertainment-Overkill und der ständigen Angst vor Überlastung von der ersten Vorschulklasse weg groß geworden ist, kommt in der Kommunikationsbranche an die Drücker und macht Werbung für eine Generation, die von ihnen schon gelernt hat, dass die Welt Kacke ist, wenn man sie sich nicht schön lügt.
Und weil trotzdem nicht alle Hand in Hand mit Regenbögen kotzenden Einhörnern über immerbunte Blumenwiesen laufen, muss das eben so lange dargestellt werden, bis nichts anderes mehr zu sehen ist.

Kampagnen, die an der Realität anknüpfen, diese weiterspinnen, eine Idee weiterentwickeln, Neues in die Welt bringen, oder auch nur dazu geeignet wären, Neues zu begleiten – ich seh das nicht mehr.

Und nein, früher war nicht alles besser. Da konnte man sich über anderes aufregen. Action-Feelgood-Emotionskram ist heute für mich jedenfalls Schweißfüße und Knoblauchfahne einer Marke: ein deutliches Zeichen, Abstand zu halten.

Und dazu muss ich noch nicht mal schlechte Laune haben.