Unterwerfung

Spät aber doch habe ich jetzt auch Michel Houellebecqs „Soumission“ gelesen – den Roman, in dem es um eine islamische Machtübernahme in Frankreich geht.
Literarisch gesehen ist das Buch eher vernachlässigbar (fängt spannend an, ist zwischendurch auch mal amüsant, zerfällt dann aber in sehr konstruierten Endlosdialogen und -monologen).

Den bleibendsten Eindruck hinterlässt die Frage: Was soll und kann man jetzt wirklich tun? Abgesehen von aller überzeichneten Unterwerfung pflegen Houellebecqs Figuren allesamt einen sehr friedlichen Umgang mit der islamischen Machtübernahme. Aber was kann man eigentlich wirklich tun? Gegen eine demokratisch gewählte Regierung, gegen Maßnahmen, deren Nutzen sich leicht argumentieren lässt, gegen Narrative, gegen die sich nur mit vielen Details argumentieren lässt? Gegen eine Stimmung, die vielen offenbar angenehm ist?

Österreich ist Schwarz-Blau unterworfen. Für manche ist das mit Angstlust verbunden, für andere anscheinend mit echter Zufriedenheit. Auch jetzt, im Juli, entschuldigt sich Finanzminister Löger noch damit, dass sich seine Pläne KURZfristig geändert haben, wenn er einen Termin mit Wirtschaftsvertretern nicht wie geplant wahrnehmen kann. Und er lässt es sich zwei Sätze später nicht nehmen, anzumerken, dass er in Österreichs Wirtschaft viele KERNprobleme sieht. Und eben diese Wirtschaftsvertreter merken dann ebenso verspielt an, sie hätten jetzt den Eindruck, die Regierung sei wenigstens nicht mehr wie ein Schiedsrichter, der in Wahrheit bei der anderen Fussballmannschaft mitspielt.

Unterdessen schleichen Pumas und Pferde ins Land und hat bei Spionage, Asyl oder Deutschförderklassen niemand mehr den Überblick.
Houllebecqs Protagonisten sind nerdige Literaturprofessoren, denen die islamische Wende auch zu jungen Frauen verhilft. Die Protagonisten von Schwarz-Blau sind Menschen, denen noch nie jemand etwas getan hat, die Freude an der Macht haben und daraus auch kein Geheimnis machen.
Sie fühlen sich im guten Recht, als hätten sie es hart erkämpft. Und die ein wenig unscharfe, aber im Hintergrund immer klarer werdende Frage, die sich mit aufdrängt, ist: Wenn sie früher so gelitten haben, dass sie jetzt derart triumphieren müssen, wer leidet dann jetzt?

Ankommen: Lissabon

Die ersten Eindrücke einer neuen Stadt, eines neuen Landes – was bleibt hängen, und welchen Erinnerungen prägen die Bilder, die man mit sich nimmt? 
 
In Lissabon waren es Dealer. Portugal war gerade erst am wirtschaftlichen Crash vorbeigeschrammt, um Haaresbreite dem Schicksal Griechenlands entronnen. Die Zeiten waren nicht besonders gut; abbruchreife Häuser und geschlossene Läden waren die sichtbarsten Zeichen einer lange andauernden Krise. Und dann waren da die Dealer. Der Bus vom Flughafen endete am Cais do Sodre, am Tejo-Ufer, beim Bahnhof, von dem aus Züge zuden noblen Badeorten der Atlantikküste fahren und am Fuß des Bairo Alto, des steil-hügeligen Altstadtviertels mit den Kabelstraßenbahnen.
 
Aus dem Bus stiegen Familien, Menschen mit Gepäck, Urlauber, die ihre Hotels suchten, es war früher Nachmittag. Dealer boten Hände voll Marihuana und Plastikbeutel voll Kokain an. Es waren keine Jungs, keine Gangs auf der Suche nach schnellem Geld. Es waren alte Männer jenseits der 60 in sauberen karierten Flanellhemden, die sich nach wohl Jahren der Arbeitslosigkeit in neuen Geschäften versuchten.
Allein bis ich mich entschieden hatte, in welche Richtung ich zum Hotel gehen musste, hatten mich fünf oder sechs von ihnen angesprochen. In den nächsten Tagen in der Stadt sollten es noch viel mehr werden. Und manche von ihnen hatten neben Drogen auch noch die damals noch neuen Selfie-Sticks im Angebot.
 
(In Portugal ist Drogenkonsum seit 2001 entkriminalisiert. Das Risiko ist also auch für Dealer recht gering.)
 
 


Endlich wieder Konzentrationslager!

Die Dramaturgie war sauber zugespitzt, alles stand auf Messers Schneide und die EU war wieder mal am Zerbrechen – in so einem Szenario klingt dann natürlich jede Einigung wie eine glückbringende Jubelmeldung. Europa hat irgendeinen Kompromiss geschlossen, der Migrationsprobleme zwar nicht lösen, aber weiter weg rücken soll. Camps in Nordafrika und geschlossene Lager in der EU sollen Migration ein wenig weniger sichtbar machen.
Diejenigen, die das regeln sollen – die Länder Nordafrikas – wissen zwar noch nichts davon oder haben schon einmal abgelehnt, aber Europa ist zuversichtlich, auch das mit Geld regeln zu können.
Dazu fallen mir drei Dinge ein:
  1. Europas Rechte stellen Geflüchtete gern als gewaltbereite Eroberer dar, die Europa im Sturm nehmen und unterwerfen wollen. Außerdem seien sie entschlossener, solidarischer, hätten ein überlegenes Familienmodell und müssten alles in allem nur um so entschiedener abgewehrt werden. Da macht es natürlich nur Sinn, diese Erobererhorden in Lagern zusammenzufassen, damit sich sich besser kennenlernen, koordinieren und organisiert angreifen können.
  2. Es wird als „Hilfe“ verkauft, wenn nordafrikanische Staaten Geld bekommen, um sich um Probleme zu kümmern, die ihnen Europa erst umgehängt hat. Irgendwer wird das Geld sich annehmen und Lager betreiben. In den jetzt schon bekannten Lagern  Nordafrikas herrschen dramatische Zustände; anscheinend will man mehr davon. Und ignoriert damit nicht nur Menschenrechte, sondern liefert sich auch den Lagerbetreibern hilflos aus: „Externe Sammellager machen Europa erpressbar“, sagt auch Cecilia Wikström, liberale Abgeordnete zum Europaparlament, die ein neues Asylpaket verhandelt hat, das jetzt offenbar reif für den Mistkübel ist.
  3. Das eigentlich ausgehandelte Paket zur Asylreform in der EU sieht neue Verteilungsmechanismen für Flüchtlinge vor, die sich um einen Ausgleich unter den EU-Staaten bemühen, die die Aufnahme von Flüchtlingen direkt mit finanzieller Unterstützung kombinieren und die Integrationsmöglichkeiten an vorderste Stelle rücken. Jemand sollte nicht mehr dort um Asyl ansuchen müssen, wo er oder sie zufällig gelandet ist, sondern dort, wo es Berührungspunkte gibt – Familie, Bekannte, Sprachkenntnisse. Details zu diesem Reformkonzept kann man in Cecilia Wikströms Beitrag „Mehr als nur Hoffnung“ zum Sammelband „Liberale Perspektiven für Europa“ (herausgegeben von Angelika Mlinar und Stefan Zotti) nachlesen.  – Stattdessen sind jetzt offenbar auch große NGOs ehrlich ratlos, wie Asylanträge in Zukunft überhaupt funktionieren sollen.

Ankommen – Tokio

Jede Reise hat ihre besonderen Momente, Eindrücke, die dauerhaft in Erinnerung bleiben. Manchmal sind das die erwartbaren Augenblicke, oft aber auch Details vom Straßenrand. Für mich sind es immer wieder auch die allerersten Eindrücke einer neuen Stadt oder eines neuen Landes. Man hat Flug und Flughafen hinter sich gelassen und erschnuppert die ersten Bilder einer neuen Umgebung – was davon bleibt hängen und was formt die Ewartungen dessen, was in den nächsten Tagen kommen wird?

 

In Tokio waren es geschlossene Raucherhütten im Freien vor dem Flughafen und nummerierte Bodenmarkierungen für die Warteschlangen für die Flughafenbusse. Das Bild des hektischen, durchorganisierten Japan wurde dann aber gleich von Dauerregen und unvorstellbar saftigem Grün gebrochen. Die Dame am Ticketschalter hatte mir davon abgeraten, den Bus anstelle des Expresszuges in die Stadt zu nehmen, das dauere viel zu lange. Mir war es egal, um sieben Uhr morgens nach elf Stunden Flug hatte ich es überhaupt nicht eilig und der trockene Bus erschien mir sehr verlockend angesichts des Dauerregens.
Eigentlich war ich auf dem Weg nach Tokio, weil ich dank einiger Cyberpunkfilme in den frühen 90er Lust darauf bekommen hatte und das endlich, über 20 Jahre später, machte. Der Bus verließ aber das Flughafengelände, fuhr über Landstraßen, Industrieanlagen wurden seltener und dann gab es nur noch Wälder voll meterhoher Bambusbäume, die saftig grün im Regen glänzten.
Irgendwann bin ich eingeschlafen. Die Bambuswälder sind trotzdem eine der stärksten und klarsten Erinnerungen. Der Bus hole dann mitten in Tokio im Hof einer seltsam verlassenen Bürohausanlage. Es regnete noch immer, es war Wochenende und es war noch immer zu früh, um ins Hotel zu gehen. Ich habe dann im luxuriösen High-Tech-Tokio als erstes einen Billigregenschirm gekauft, mich an den Straßenrand gestellt und einfach mal weiter dem Regen zugesehen.

 

Für jeden Migranten eine Pizza

Als Landesmutter Hanni Mikl Leitner noch grimmige Innenministerin war, wurde mit tausenden Polizisten und dem Pandur Radpanzer ein Haus mitten in Wien belagert. Seit der selbsternannte „Philosoph“ Herbert Kickl den schneidigen Innenminister gibt, haben wir Drama-Festspiele, Intrigen, Korruption so transparent wie nie – und endlich durfte auch Kickl seinen Panzer auspacken.
Dass das Säbelrassen an den Grenzen zu einer Zeit stattfindet, in der Flüchtlingszahlen offenbar zurückgehen und in der der Ansturm, der wir simuliert wurde, offenbar nicht stattfinden wird, ist nur schlüssig: Die tausenden Polizisten in Wien fischten schließlich auch nur 19 versiffte Punks aus dem belagerten Haus. Vielleicht möchte Kickl ja ein ähnliches Verhältnis zwischen Grenzpolizisten und Geflüchteten herstellen. Oder der möchte den EU-Schnitt von 1 Asylwerber pro 1270 Einwohner in der EU (Stand 2017) lieber gleich auf das Verhältnis von Asylwerbern zu Polizisten umlegen.
Und bei der all der Fassungslosigkeit gegenüber dieser Aktion sollte man nicht vergessen: Es war ein sozialdemokratischer Verteidigungsminister, der erst im Juli des vorigen Jahres Panzer und Soldaten an die Grenze zu Italien geschickt hat. Jetzt ist es halt ein rechter Innenminister, der sich noch dazu das Motto für die Aktion (#proborders) von den noch rechteren Identitären vorgeben lässt. Nur zwei Zeichen von vielen dafür, dass viel unfassbar Schlechtes schon viel zu normal geworden ist.

Wir brauchen einen Energiering um die Wirtschaftskammer!

Das jüngste Wirtschaftskammervideo wurde ja trotz allem noch viel zu wenig gewürdigt.
Ein paar hervorhebenswerte Aspekte:
  1. Die Erde ist eine Scheibe.

Das ist nur schlüssig, denn wo sonst wären alle Hackler so glücklich? In Österreich? – Nicht in dieser Welt …!
  1. Es geht nicht um Menschen:

„Geht’s der Feli gut, dann geht’s dem Heli gut“ – naive Soziale-Weicheier könnten „Heli“ für die Kurzform von „Helmut“ halten, im Bild ist aber ein Helikopter. Ihr müsst besser auf die subtilen Botschaften achten.
  1. Habe ich vergessen.

Ich hab das Video jetzt ein paar Mal angesehen und bin ganz weich im Kopf.
Aber es gibt noch ein paar andere bemerkenswerte Dinge in der Kommunikation der Wirtschaftskammer: Zum Beispiel diese großformatigen Plakate für Humanenergetiker. 
Und das ist nur die Vorhut. Wahrscheinlich zieht gerade Harald Mahrer einen schützenden Energiekreis um die Scheibe, auf der die Wirtschaftskammer durch die Galaxie driftet. 
Warum plakatiert die Wirtschaftskammer eigentlich überhaupt für bestimmte Branchen? Und nein, ich wünsche mir nicht, dass sie sich für meine Branche einsetzen – von dem verbrecherischen Schwachsinn der letzten Fachgruppe Werbung-Kampagne hab ich mich noch immer nicht erholt.
Und zuletzt: Wenn die 12Stunden-Kampagne, wie es der Eintrag bei der Domainregistierung nahelegt, wirklich von dieser großen Werbeagentur ist – so wie das SVA-Magazin „G’sundheit“ und einige andere Kopf-Tisch-Kampagnen der SVA, dann hat auch Dummheit in der Werbung ein neues Zuhause.

Endlich 12-Stunden-Tag … !

Yay, endlich Zwölf-Stunden-Tag. Nur wem genau bringt das eigentlich etwas? Die ursprüngliche Version dieses Plans, die die letzten Jahre vor allem ausgehend von den Neos diskutiert wurde, klang so, als sollte es nur legalisiert werden, mehr als zehn geleistete Stunden pro Tag auch in einer Zeiterfassung einzutragen. Bislang war das nicht möglich, kam aber immer wieder vor, zwang zu Tricksereien und lieferte Arbeitnehmer den Arbeitgebern aus – denn es durfte keine schriftlichen verbindlichen Aufzeichnungen über die echte Leistung geben.
Jetzt ist daraus offenbar tatsächlich eine 60-Stunden-Woche geworden, die nur noch von einer Obergrenze von 48 Wochenstunden in einem Durchrechnungszeitraum von 17 Wochen gebremst wird. Für jeden, der bei der Arbeitseinteilung mitreden kann oder der sich seine Zeit selbst einteilen kann, entfallen Arbeitszeitregelungen generell – früher war das nur bei Führungskräften der Fall.
Jobs entstehen dadurch mal nicht. Effizienteres Arbeiten bedeutet das wohl auch nicht: In deadlinekritischen Jobs kann es schon mal Sinn machen, ein paar Tage lang 12 Stunden oder mehr zu arbeiten – besser wird man davon nicht. Und in den meisten anderen Jobs fällt es mir schwer, die Notwendigkeit zu sehen, warum eine Person 12 Stunden arbeiten muss und die Arbeit nicht auf mehrere Personen aufgeteilt werden kann (Ausnahmen: Es ist nur selten so viel zu tun und das ist tatsächlich nicht anders planbar – oder es kommt durch irgendwelche Verzögerungen viel zusammen, das schnell erledigt werden muss).
Eigentlich profitieren ja auch Unternehmer davon nur marginal – es sei denn, sie legen es künftig darauf an, diese Möglichkeiten auch bis zum letzten auszunützen.
Trotzdem soll es Menschen geben, die das gut finden. – Weil sie selbst so viel arbeiten, weil sie das als Leistung empfinden oder weil sie es tun müssen, um ihre Ziele erreichen zu können.
Ich habe selbst sicher keinen Work-Life-Balance-Fetisch und wundere mich auch immer wieder über Menschen, die posen statt zu leisten, die Arbeitsdarsteller sind und deren zentrale Leistung darin besteht, sich über die Angemessenheit ihres Gehalts zu bewundern.
Was ich ziemlich sicher weiß: Viele solche Mehrleister überschätzen sich grandios selbst, wenn es um ihre eigenen Arbeitszeiten geht. Wer überzeugte 60 Stunden pro Woche arbeitet, macht mit 97-prozentiger Wahrscheinlichkeit gerade mal 45. Und wer sich für einen 80-Stunden-Schufter hält, macht höchstwahrscheinlich nur 50.
Das ist nämlich auch schon ziemlich viel. Und wer die Zeitungslektüre am Wochenende oder das abendliche Abhängen auf Social Media als Arbeitszeit betrachtet, hat dann doch ein etwas anderes Arbeitsverständnis als diejenigen, die großteils von den neuen Arbeitszeitregelungen betroffen sind.
Und noch während ich das tippe, haut die Wirtschaftskammer, die ja schon in der Vergangenheit nicht mit Absurditäten gegeizt hat, dieses völlig jenseitige Video raus. Es ist zum Schämen. Und es nimmt 99% dessen, was man als Satire zum 12-Stunden-Tag produzieren könnte, mühelos vorweg,

Politikerschicksal

Matthias Strolz hat viele gute Sprüche, Bilder und Visionen, die er in Kommentare, Bücher, eigene Publikationen verpackt hat. Szenarien, die im Kopf bleiben, sind die von flexiblen Arbeitswelten, von nicht auszuschließenden Bürgerkriegen in Europa, von einer Zukunft der Enkelgeneration als 24-Stunden-Pflegekräfte in Peking oder Riad.
Meist hiess es dann: „Neoliberales Gsindel“, „Parteimedien lese ich nicht“, „Politsprech“ – in der Medienblase achtet man eben darauf, dass jeder in seiner eigenen Sandkiste bleibt (außer man ist Journalist, dann ist man zu allem berufen).
Kaum aber hat Strolz’ Zeit als Politiker ein absehbares Ablaufdatum, und kaum schreibt er einen Text, der als Parlamentsrede ins Gesicht derjenigen, die es betrifft, großartig ist, sich als analytischer Kommentar aber in die Schlange von Feelgood-wir-sind-die-Besseren-Belehrungen einreihen könnte, überschlagen sich die großmütigen Anerkennungen, jener, die grundsätzlich nicht mehr machen, als das.
Das ist halt ein Politikerschicksal. Und ein weiteres Zeichen für die friedliche Selbstrefentialität kommerzieller Medien. Solange wir das gleiche sagen, verstehen wir uns eben.