Die Krone photoshoppt sich den größten Hai

Ich fands ja eigentlich nur lustig. Krone-Chef Richard Schmitt anscheinend nicht.
Vor Mallorca waren Haie gesichtet worden, viele Zeitungen übernahmen ein Foto eines Twitter-Posts. Die Krone tat das auch – nur war der Hai auf dem Bild bearbeitet worden und ein Vielfaches größer und deutlich näher bei den Menschen.
Schmitts erste Antwort: „Der gepostete Schmarrn wird nicht besser, wenn er 2 x gepostet wird. #servicetweet Erklärung siehe #lasttweet
Bitte vor derartigen Tweets lesen: Im großen Bild ist der große Hai zu sehen, im kleinen Bild der ebenfalls gesichtete kleine Hai. Danke.“
Auf die nicht ganz ernstgemeinte Frage, wie das bewerkstelligt worden wäre, dass
  • die angeblich zwei verschiedenen Haie die exakt selbe Haltung haben
  • die Menschen im Wasser sich nicht bewegt haben
  • und auch Perspektive und Bildausschnitt exakt gleich sind
meinte Schmitt dann: „Herzige Annahme, aber dieses Bild wurde lediglich gezoomt“
Um dann noch einmal nachzulegen: „Auch wenn’s schwer fällt: Wie wär’s mit Richtigstellung?“
Machen wir gerne.
Die Kronen-Zeitung hat den Hai in ihrem Foto vergrößert und näher an die Badenden gerückt.
Wie man in den beiden übereinandergelegten Bildern erkennen kann, sind Hintergrund und Menschen in der gleichen Größe geblieben, der Hai dagegen ist auf wundersame Weise gewachsen.
Mir ist das ja egal, aber ich halte – wenn sich das der Chef wünscht – gerne fest, dass die Krone das Bild manipuliert hat. Wie er es ja im übrigen auch selbst gesagt hat. 
Ist der Hai gewachsen?
Oder sind die Menschen geschrumpft?

Die Fake News-Finder

FakeNewsFinder
Die Verbreitung von Fake News und Zusammenhänge zwischen Informationsnetzwerken lassen sich schön nachzeichnen. Die Recherche bleibt aber mühsame Handarbeit.
 
Facebook gibt seinen Usern jetzt – in einer ersten Phase in 14 Ländern – Tipps, woran Falschmeldungen zu erkennen sind. Etablierte Medienunternehmen und neue Medienprojekte beschäftigen sich mit der Frage, wie bei zunehmenden Datenmengen Informationen überprüft, zurückverfolgt und zugeordnet werden können. ForscherInnen erstellen Handbücher, die JournalistInnen das Prüfen und Visualisieren von Informationsquellen erleichtern sollen, um über deren Qualität entscheiden zu können.
Sind das sinnvolle Strategien gegen die Verbreitung von Fake News und Informationsmüll?
 
Die Visualisierungen im „Field Guide to Fake News“ (veröffentlicht im April 2017) sind klar: Falschinformationen verbreiten sich in ähnlichen Netzwerken, sie tauchen oft nach monatelangen Pausen wieder auf, und bekannte Fake News-Seiten benutzen sogar statistisch relevant oft andere Tracker (zur Sammlung von Userdaten und zur Auslieferung von Werbung) als echte News-Seiten.
All diese Informationen können mit großteils frei verfügbaren Tools abgefragt werden. Die Zusammenfassung in aussagekräftigen Berichten ist allerdings einiges an Arbeit und (noch) nicht wirklich endusergerecht.
 

Fake News-Tools

Trotzdem eine kleine Übersicht über ein paar Tools, die von jedermann verwendet werden können. Im Wesentlichen sind es Tools, die sonst auch zur Erfolgskontrolle im Onlinemarketing verwendet werden. Bei der Auseinandersetzung it Fakenews oder fragwürdigen Quellen helfen sie, ein Gefühl dafür zu bekommen, in welcher Blase man sich gerade bewegt.

Crowd Tangle

Crowd Tangle analysiert die Verbreitung einzelner Urls in sozialen Netzwerken. Im Gegensatz zu reinen Zähltools wie sharedcount.com liefert Crowd Tangle nicht nur die Interaktionszahlen, das Tool misst auch, in welchen größeren Facebook-Gruppen und Twitter-Accounts ein Link wann verbreitet wurde. Damit bekommt man erste Hinweise darauf, welche Netzwerke welche Informationen unterstützen, wann sie etwas aufgreifen, und – über die zeitliche Reihenfolge – wer von wem Informationen übernimmt. Zur Visualisierung der Daten (sind als csv downloadbar) wird Raw Graphs empfohlen.
Die Vollversion von Crowd Tangle (mittlerweile auch von Facebook übernommen) ist leider nicht frei zugänglich und soll in erster Linie Publishern vorbehalten werden. Wie das ausgelegt wird, bleibt abzuwarten. Für jedermann offen ist aber die Crowd Tangle Chrome Extension, mit der zumindest einzelne Seiten direkt aus dem Browser überprüft werden können.
 
Fake News CrowdTangle
 

Tool Tracker

Erste Hinweise zu kommerziellen Interessen und Zusammenhängen zwischen fragwürdigen Newsseiten bietet der DMI-Tooltracker. Diese Abfrage liefert Informationen darüber, welche Tracker zur Datensammlung oder zur Auslieferung von Werbung oder weiterführendem Content in der jeweiligen Seite zur Anwendung kommen. Diese wesentlichen Tracker sind zwar überall ähnlich; einige Tracker, so die Autoren des Field Guide, sind aber klare Hinweise für eigene fragwürdige Contentnetzwerke.
Für die tagesaktuelle Recherche ist das wohl weniger praktisch, spannend ist aber die Langzeitanalyse, die zeigt, wie schnell die Zahl solcher Tracker wächst.
Wer Seiten nicht systematisch analysieren will, aber trotzdem einen schnellen Überblick will, bekommt die gleichen Informationen mit dem Ghostery-Browserplugin.

Spyonweb

Spyonweb ist eine Abfrage, mit der sich Zusammenhänge zwischen Webseiten herausfinden lassen. Die Abfrage kann mit Domains, IP-Adressen oder auch mit Tracker-IDs (z.B. einer Google Analytics ID) gestartet werden. Das Ergebnis sind dann die jeweils fehlenden Daten – und die Analyse, welche Seiten zusammenhängen: Wo wird die gleiche Google Analytics ID verwendet, welche Domains verwenden sie gleiche IP-Adresse.
Ab Beispiel der abgefragten fpoe.at erkennt man beispielsweise: Die Seite und diverse Sprache-Seiten werden gemeinsam gezählt, und auf der gleichen IP-Adresse laufen 30 weitere Domains, von denen manche (z.B. mieterschutz.at) nicht eindeutig als FPÖ-Seiten ausgewiesen sind.
Fake News spyonweb
 
Die angeblich unabhängige Domain politiknews.at teilt sich eine IP-Adresse mit 84 weiteren SPÖ-Domains.
 
Fake News spyonweb2
 

Facebook Fake News-Tipps

Der Haken dabei: Die Hinweise zur Identifikation von Fake News sind um einiges länger als die Artikel, die üblicherweise gelesen werden. Aber immerhin sind sie in Listenform geschrieben.
Mit den Tipps geht auch eine Funktion einher, mit der einzelne als Fake empfundene Berichte gekennzeichnet werden können.
 
Das – in Verbindung mit der manchmal ungeschickten Sperrpolitik von Facebook bei gemeldeten Personen oder Postings – zeigt, wie sehr der Stellenwert von Netzwerken wie Facebook zunehmen wird.
 
Das gilt auch für die Fake News-Recherche-Tipps im Field Guide: Alle Recherchen nehmen ihren Ausgang bei Google. Google-Ergebnisse sind die erste Autorität wenn es um Datierung und Zuordnung von Inhalten geht und damit um das Nachzeichnen von Abhängigkeiten.
Was Google in dieser Welt nicht kennt, falsch indiziert oder datiert, existiert nicht – und kann auch nicht entlarvt werden.
 
Die schlechte Seite dabei ist: Der Ursprung von Information ist selten online. Dieser letzte Schritt kann auch mit den bisherigen Mitteln nicht nachvollzogen werden*.
Die gute Seite: Es werden nicht alle Social Media- und Google-User zu Faktenprüfern werden oder die Tools beherrschen lernen. Aber vielleicht gelingt es ja, einen Eindruck von Aufwand hinter der Faktenprüfung und der Bildung von Zusammenhängen zu vermitteln. Und das wären ja wieder Argumente, mit denen man für Journalismus Geld verlangen kann …
 
 
***
 
PS: Falls sich jemand fragt, warum sich hier so viele FPÖ-Beispiele in den Abfragen finden – die Facebook-Seite der FPÖ bezeichnet sich jetzt als Nachrichten-/Medienwebseite, nicht mehr als politische Partei. Dort werden auch praktisch nur noch eigene Publikationen geteilt, die vor wenigen Monaten noch vorhandenen Restbestände an Krone.at-Links scheinen zu verschwinden.
 
Medienwebseite
 
 
 
* PPS: Hinweis in eigener Sache: Ich habe einmal eine etwas nerdige Geschichte geschrieben, in der es um genau solche Informationstracker geht. Damals (2009) war das noch eine (wenn auch nicht ganz aus der Luft gegriffene) Vision. Und der letzte Schritt (der in der Geschichte schon umgesetzt ist), das Anzapfen von Information in Mails, Messengern und Unternehmensnetzwerken, ist noch nicht gemacht. Aber warten wirs mal ab.

Faktencheck für Fortgeschrittene

Welche Art Fakten braucht man, um ernsthaft über Politik reden zu können? 
Wirklichkeit und Wahrheit halte ich ja nicht gerade für aussagekräftige journalistische Kategorien.
Einerseits ist da die Sache mit der Objektivität. Lernt man schon von klein auf und ist halt immer schwierig: Objektiv gibts eben nicht wirklich, auch ausgewogen und pluralistisch ist nur dann wirklich möglich, wenn man sich auch Fragen der Unendlichkeit stellt – wie viele Sichtweisen sind schließlich schon genug?
Andererseits ist da die Frage der Relevanz: Viele Fakten sind – korrekt und meinungsfrei für sich genommen, auch wenn sie großartig aufbereitet sind – eben bloß stille und ruhige Fakten, die erst dann eine Art von Wirkung entfalten, wenn sie mit Macht und Meinung kombiniert werden. Es gibt mehr Fakten als Macht, deshalb fällt es unterschiedlichen Machtinteressen auch recht leicht, die jeweils passenden Fakten zu finden.
Ganz gemein ist auch die Logik: Abhängig von Präzisions- und Verallgemeinerungsgrad können manche Dinge einfach nicht falsch ein. Richtig sein können sie dagegen sehr wohl – wobei die Betonung auf „können“ liegt. Das ist die Art von Behauptungen, über die es sich nicht zu streiten lohnt.
Besonders schwierig wird das dann, wenn man außerhalb der eigenen Bibelrunde argumentieren möchte. Ich hab mir da mal ein paar Beispiele rausgesucht. Alles sind öffentlich gepostete Beiträge zu aktuellen politischen Diskussionen. Veröffentlicht wurde entweder in großen Tageszeitungen oder auf deren Userseiten – von Menschen, die offensichtlich der Meinung sind, dass sie sich informieren und Dinge verstehen.
Aber was brauchen wir, um sie zu verstehen?

Typ Hausverstand

Fakt1
Der Mann weiß es einfach. Und er hat ja auch recht: Bier und Tschick, die Insignien des Fußballfans, sind besonders hoch besteuert. Nachdem anzunehmen ist (Evidenz!), dass deren Konsum während besagter Events steigt, steigt damit auch das Steueraufkommen. Was einer Steuererhöhung, naja Dings, halt schon sehr ähnlich ist.
Und wer noch mit dem Auto zu Stadion fährt, ist sowieso die Melkkuh der Nation.

Typ geheimes Wissen

Fakt3
Historische Herleitung, bestechend zusammenhanglose Argumentation, geschickte Abkenkmanöver für Gesprächspartner mit historischer Restbildung (Cäsar, der krasse Christ!), dokumentierbare Evidenz – und außerdem ist alles ganz einfach.

Typ äh …?!

 Fakt2
Ok. Das ist nicht ganz einfach. Wenn man auch hier davon ausgehen möchte, dass diese Person nicht ausschließlich über das vegetative Nervensystem kommuniziert, wäre das etwas in der Logik von „Wenn du sie nicht überzeugen kannst, verwirr sie“. Und damit wahrscheinlich auch eine Anspielung auf elitäres Wissen einer intellektuellen zumindest Mittelklasse, die diesen Spruch Harry Truman zuordnen kann (nein, das ist nicht der aus der Truman-Show). Ich persönlich habe ihn ja mal bei Garfield gelesen. „So ist es“, um die Original-Meinungsmutige nochmal abschließend zu zitieren. Oder?

Es ist aber also gar nicht so einfach mit der Wahrheit.
Dazu kommt: Wo es um offizielle und kanonisierbare Wahrheiten geht, ist die Wahrheit immer die eines anderen. Wahrheit ist, was man draus gemacht hat.
Das gilt auf mindestens zwei Ebenen:
Die erste beruht auf Macht oder Konsens: Man hat sich darauf geeinigt, dass etwas so sein soll. Beispiele dafür sind Mathematik oder Recht. Mathematik ist zwar abstrakter, aber noch direkter mit ihrem Gegenstand verknüpft (ohne Mathematik gäbe es schließlich auch kaum Zahlen). Recht klingt zwar greifbarer, wäre aber ohne Macht noch sinnloser. Denn der praktische Wahrheitscharakter dessen, was als Recht festgeschrieben ist, ergibt sich aus der Durchsetzbarkeit.
Die zweite Ebene hat mit Beschreibung und Dokumentation zu tun: Enthüllt wird über Akten, Datenbanken und Protokolle. Dort steht das drin, was wer anderer hineingetan oder -geschrieben hat. Die enthüllte Wahrheit ist also grundsätzlich einmal die Erfindung eines anderen.
Natürlich wird es ab hier dann erst richtig spannend. Die schönsten Fakten ergeben sich dort, wo dokumentierte Daten den offiziellen Daten und im Idealfall auch noch den normativen Daten widersprechen. Im Klartext: Jemand macht nachweislich etwas anderes als er oder sie sagt und sollte das auch nicht tun. Und es gibt jemanden der diesen Zustand auch dokumentieren und sanktionieren möchte. – Und das auch kann (damit wir die Machtdimension nicht vergessen).
Große, ruhige Reportagen, für die jemand von seinem Sessel aufgestanden ist und über das Internet (oder die Bibliotheken und andere Archive) hinausgeblickt hat, sind für mich die journalistische Kategorie, die noch am ehesten mit Wahrheit zu tun hat. – Wenn es genug davon zu ähnlichen Themen von verschiedenen Seiten gibt. Dann hat man nämlich auch den Rahmen, in dem man mit Fakten etwas anfangen kann.