Bloggen wird uberschaetzt


Tempo und Frequenz sind beeindruckend. Die Zahlen sind schwindelerregend. 10.5 Blogposts pro Sekunde, das sind ueber 37500 Posts pro Stunde, 17% hauptberufliche Blogger, die genug Content produzieren, um mit Werbung bis zu 120.000 Dollar jaehrlich verdienen (Technorati, State of the Blogosphere 2009) – das erweckt den Eindruck, als waere alles fliessend einfach, jederzeit immer und ueberall moeglich – als entstuenden Onlinemedien durch Gedankenuebertragung in den Cyberspace. – Und dann beginnt der Aerger mit nicht uebernommenen Formatierungen, aus Texteditoren eingeschleppten html-Zombies, die muehsame Recherche von Links, die dann noch korrekt eingegeben werden muessen, und der Krampf mit Bildern – „Warum kann die nicht so wie sie aus der Digicam kommen, ins Netz stellen?“ – Kein Problem, bei 8 MB pro Bild und mehr… 😉
Und das Schlimmste: Die Texte muessen auch noch lesbar sein. Kein Editor der Welt bewahrt vor schlechten Titeln, unsinnigen Einleitungen, oder davor, dass vergessene Zeilenschaltungen eben Abstaende im Text verursachen.

Was koennen jetzt Blogs dafuer?

 

Blogs als schnelles, direktes Publikationstool werden – aus der Enterprise-Perspektive – als Allheilmittel gehandelt, um nicht mit grossen Enterprisesystemen arbeiten zu muessen, um formale Konventionen zu brechen, und um einfach mal anders zu sein.
Wenn sie dann dastehen, sind sie genauso langweilige Textwuesten wie die Dienstordnung oder die Handbuchsammlung des IT-Helpdesks.
Es sei denn, sie bieten inhaltliche Qualitaet.

Was will ich damit sagen?

 

Das oberste Grundgesetz der Usability ist fuer mich, dass jede Anwendung einfach ist – so lange, bis man sie verwenden muss, um etwas konkretes umzusetzen. Das gilt in noch hoeherem Ausmass fuer Anwendungen, die produktiv sein sollen und nicht direkt zu den Kernaufgaben ihres Anwenders gehoeren.
Das trifft Blogs nun doppelt: Sie sollen leicht zu erstellen sein – und das Ergebnis soll gut aussehen. Umso groesser ist das Potential fuer enttaeuschte Erwartungen nach zu grossen Hoffnungen.
Ein zweiter wichtiger Faktor: Ein Task kann nur dann leicht sein, wenn er klar definiert und gut abgegrenzt ist. Ohne eine Idee, worum es beim Corporate Blog, beim Presseblog oder beim Intranet Blog des Senior Managements oder des Kommunikationsverantwortlichen gehen soll, kann das nicht einfach sein. Ohne Ziel kann dieser Task nie als erledigt abgehakt werden.
Und zuletzt: Bei naeherer und ehrlicher Betrachtung gibt es keine Vorbilder, keine Erfolgsrezepte, die uebernommen werden koennten. Das ist zugleich der grosse Reiz und auch die Gefahr von Blogs: Jeder kann und muss seinen eigenen Weg finden.

Die Idee allein reicht also nicht.
Das ist die gemeinsame Bottomline, die dort immer wieder auftaucht, wo Produktion und Kreation im Vordergrund stehen. Was zaehlt, ist die Umsetzung – aus allen Perspektiven. Dazu gehoert es auch, die Idee zu haben und den Text zu schreiben – aber genau so, ihn onlinegerecht zu veroeffentlichen, Links zu recherchieren, Bilder auszusuchen.
Schreiben, auf den Publish-Knopf druecken und ein gutes Ergebnis haben ist nicht. Wenn das von Blogs erwartet wird, dann werden Blogs eindeutig ueberschaetzt.

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